Dienstag, April 19, 2005

Fantasiesaerge

In Bolga im Hotel hab ich eines Morgens einen Ethnologen kennengelernt, grauer Bart, Khaki-Shorts, Schnuerstiefel, alte Schule. Der erzaehlte mir ganz erfreut von dem Wieder-Erstarken der traditionellen Autoritaeten in Ghana. Fuer ihn ist das super, da er ja am liebsten moeglichst unveraenderte richtig afrikanische Sachen erforschen will. Natuerlich hat er das schlauer ausgedrueckt.

Aber als wir uns hier in Accra die Fantasiesaerge angeguckt haben, musste ich an ihn denken. Und mich dabei an meine eigene Nase fassen. Denn irgendwie hab ich das auch im Kopf, dass vor allem die alten Sachen echt afrikanisch sind und alle neuen Entwicklungen, selbst wenn sie original von hier sind und es sie nur hier gibt... irgendwie weniger afrikanisch sind.

Man weiss nicht recht, wie das anfing, aber vor nicht allzulanger Zeit begann ein Schreiner in Accra, Saerge herzustellen, die auf die ein oder andere Art das Leben ihrer Bewohner wiederspiegeln. Bunte Saerge in der Form wilder Tiere fuer besonders starke Maenner, Flugzeuge, Voegel, Krabben, Oelfaesser, Autos, Nokia Handys aus bunt bemaltem Holz. Inzwischen bauen drei Werkstaetten Fantasiesaerge, sie waren im National Geographic und es gibt zwei Bildbaende darueber...

Wenn ich mein Fotokabel wieder hab, werde ich Euch ein paar Bilder zeigen.

Montag, April 18, 2005


Jessy zeigt uns alle Baobabs in Bolga Posted by Hello

Essen Posted by Hello

Auf dem Markt in Accra Posted by Hello

Reiseplaene

Meine Chefin hat mich fuer 10 Tage in Bolga besucht und wir haben die Zeit intensiv genutzt. Aufs Dorf fahren zum Forschen und mit zwei heisslaufenden Computern ganz viel denken. Aber auch und besonders wichtig: Tausend organisatorische Details regeln. Nachdem wir meine naechsten 6 Monate bis obenhin mit Arbeitsplaenen vollgepackt haben, haben wir einen ersten unverbindlichen Urlaubsplan gemacht: Zwei Wochen Heimaturlaub in August. Die Reise wird mit einem Arbeitstreffen in Rom verbunden. Und zwei Wochen um Weihnachten. Die fuenfte Woche spare ich mir fuer Euch auf, wenn Ihr mich in Ghana besucht.

Freitag, April 15, 2005


die haben so komische Rueckenknubbel Posted by Hello

Donnerstag, April 14, 2005

Massenhaft alte Sachen

Wie ihr seht bin ich zurueck in Accra und Internetcountry. Es gibt ein paar Fotos und ich hab die meisten blogs ins Netz gestellt, die ich in den letzten Wochen geschrieben hab. Ihr muesst ein wenig zurueckblaettern, da ich sie zurueckdatiert hab. Also im Archiv nach Maerz gucken.

Aufgrund mehrfacher Nachfrage nochmal was zum Thema Kommentare: Wenn Ihr comments anklickt, bekommt ihr ein Formular, bei dem ihr Euren eigenen Blog anmelden koennt. Wenn Ihr das aber nicht wollt (und warum solltet Ihr, nur um einen Kommentar zu schreiben), sehr Ihr ganz unten eine kleine Schaltflaeche, die ihr anklicken koennt, wenn Ihr anonym kommentieren wollt.

the white lady with the local hat (die Weisse mit dem Bolgahut) Posted by Hello

anderleuts Haus Posted by Hello

leeres Haus... Posted by Hello

Vorderhaus Posted by Hello

Montag, April 11, 2005

Brueste

sind so nebensaechliche Koerperteile wie Ellenbogen. Es hat hier so offensichtlich keine Bedeutung und verursacht weder Verwunderung noch Erregung noch irgendeine andere Form der Aufmerksamkeit, wenn Frauen in der Oeffentlichkeit ihre Brueste zeigen. Natuerlich, Muetter mit kleinen Kindern stillen. Das sieht man bei uns auch. Obwohl man eher selten sieht, dass ein Baby einen langen ausgeleierten Sack aus der Bluse der Mutter zerrt. Folgende Situation waere bei uns schon eher ungewoehnlich: Wir sind im Dorf und sitzen im Hof unserer Gastgeber, essen was sie fuer uns gekocht haben und neben uns auf dem Boden sortiert eine Frau Bohnen (die guten ins Toepfchen...) scheucht die Ziegen weg, die ihr helfen wollen und hat nur ein Tuch um die Hueften gewickelt. Und leere Brueste, die fast den Boden beruehren. Keiner findet das eigenartig, auch die maennlichen Besucher beachten sie gar nicht. Hier in der Naehe gibt es einen Schrein (traditionelle afrikanische Religion), wenn man sich den angucken will, geht das nur oben ohne. Aber Kollegin M. meint, wenn man selber sich an den Gedanken gewoehnt hat, kann man sehen, wie das niemanden mehr interessiert, als nackte Fuesse.

Freitag, April 08, 2005

Ins Dorf, in die Stadt

Juhuu, dieses Wochenende gehts zum ersten Mal so richtig ins Dorf. Meine deutsche Kollegin in Bolga hat fuer Nancy und mich einen Trip in "ihr" Dorf organisiert, wir werden da Sonntag und Montag hinfahren und versuchen, ob uns Mensch-aerger-dich-nicht Figuren auch in Nordghana dabei helfen, mehr ueber Machtverteilung zu erfahren. Sie sagt: Ueberlegt, was Ihr essen wollt und kauft die Zutaten in der Stadt, dann koennen die Frauen fuer Euch kochen. Im Dorf gibts nichts. Mittwoch werde ich mit Nancy nach Accra fahren, vermutlich mit dem Bus. Da kann ich dann alles kaufen, was mir noch fehlt, z.B. Klimaanlage und nochmal dem Grossstadtluxus guten Tag sagen, um mich dann um so motivierter bald in wieder in die Arbeit zu stuerzen...

Donnerstag, April 07, 2005

Dienstag, April 05, 2005

Keine Sorgen... mehr...

Ich war abgetaucht und bin immer noch in der internetarmen Zone. Ich weiss, Ihr habt Euch Sorgen gemacht und ich denke, zu Recht. Denn mir ging's beschissen. Ich bin in meine neuen Haeuser gezogen und hatte da nichts ausser ein paar Klamotten und eine neue Matratze. Meine deutsche Kollegin war in Accra, meine beiden ghanaischen Kollegen ebenfalls und ich hab mich nur gefragt: Wie um alles in der Welt konnte ich auf die Idee kommen, mich fuer zwei Jahre an einen Ort verpflichten von dem ich nichts weiss... ausser dass kein Ghanaer mit meiner Qualifikation diesen Job wollte. Obwohl da fuer Ghanaer quasi pervers viel Geld drin stecken wuerde.

Die Hitze hat mich irre gemacht, ich wollte nicht mehr essen ICH! WOLLTE NICHT MEHR ESSEN! Was haette ich auch essen koennen, so ohne Kuehlschrank und Herd und voller Ueberdruss gegen alles, was hier fuer lecker gehalten wird. Die besonders tapferen von Euch, die mich in der Zwischenzeit angerufen haben, mussten sich den ganzen Quatsch anhoeren und dann, zeitverzoegert: Brauchst Dir aber keine Sorgen machen...

Der Umschwung kam letzte Woche Freitag, als morgens meine Moebel angeliefert wurden, mein Kuechenzeug, Buecher, Musik und ich aus dem leeren Haus mein Heim machen konnte. Ich hab ganz ganz langsam ausgepackt, immer wieder innegehalten, z.B. um das Fotoalbum durchzugucken und vor Sehnsucht zu heulen. Oder um zu lachen beim Auspacken so irrsinniger Dinge wie meines Zestenreissers (wo man hier doch keine Schalen essen darf).
Ausserdem hab ich Freitag Kuehlschrank und Herd gekauft.

Ich hatte mir auch Buecher eingepackt, die ich noch nicht gelesen hatte. Also konnte ich mich nun mit Buch auf die Veranda in den Schatten des Mangobaums setzen und Musik hoehren, waehrend der Brotteig ging. Und mich zu Hause fuehlen.

Sonntag ist meine Deutsche aus Accra zurueckgekommen. Sie ist ja nicht nur sehr nett und amuesant, sondern arbeitet auch als Wissenschaftlerin in einem nah verwandten Bereich, also haben wir gestern und heute intensiv wissenschaftlich diskutiert und ich hab ganz viel gelernt.

Die ganzen blogs, die ich in der Zwischenzeit geschrieben hab, kann ich leider heute noch immer nicht posten, kommt aber noch, nichts geht verloren, weder 13 Nudeln noch Schweine mit Loechern in den Ohren.

Essen 11: Stoehnen

vor Glueck. Was fuer eine Fruehstuck: Auf der Terrasse im Schatten des Mangobaums. Im Hintergrund Jane Monheit. Spaghetti aglio olio grosszuegig ertraenkt in dem Olivenoel, das Marlis aus Accra mitgebracht hat, dann gab es gestern bei meinen Marktfrauen Knoblauch, der nicht vertrocknet war juhuu, dazu die allgegenwaertige Pepperoni, eine Minizitrone und viel zu viel Salz. Und kaltes Wasser, das nicht nach Waschmittel schmeckt. Da kann ich nur noch den Kopf zur Seite und die Fuesse hochlegen und bloedsinnig grinsen, welch Luxus. Und jetzt kommt Kollegin M. und wir werden weiter gemeinsam wissenschaftlich denken, was meinem Kopf guttut.

Montag, April 04, 2005

13 Nudeln

Armut zeigt sich im Alltag in lauter Kleinigkeiten. Z.B. den ueblichen Mengen, die Leute auf einmal kaufen koennen. In einer Von-der-Hand-in-den-Mund Oekonomie sind die gering. Das faengt bei industriell hergestellten Waren an: Es gibt zwei Arten von Nescafe Packungen, die ueberall erhaeltlich sind, die Portionspackung und die 50g Dose. Fertig abgepackte Nudeln sind standardmaessig im 250g Packet statt 500g.

Aber wirklich interessant wird es bei den selbst verpackten oder unverpackten Waren. Irgendwer produziert hier Plastiktuetenschlaeuche, die den Durchmesser eines Damenstrumpfes haben und ebenso lang sind. Der Produzent ist bestimmt superreich, denn alles wird darin verpackt. Durch knoten, abreissen, knoten kann man eine Menge Portionen in einen Strumpf packen.

Das billigste Tuetenwasser (eher nicht zu empfehlen, da per –dreckiger?- Hand abgefuellt), Erdnuesse zu 10 Cent (ca 30 Stueck), Erdnussbutter (Groundnutpaste, drei Loeffel voll), Zucker und Salz, fritierte und getrocknete Plantains... In den grossen Aufdemkopftragschuesseln gibt es alles, was koernig oder pudrig ist, Reis, Bohnen, Maismehl usw. Verschieden grosse Konservendosen sind die Masseinheit, z.B. Augenbohnen: Kleine Tomatenmarkdose 5 Cent, grosse Tomatenmarkdose 20 Cent, noch groessere Bohnendose 30 Cent. Marlis warnt vor per Hand abgefuelltem Milchpulver: Das kommt meistens aus der grossen abgelaufenen Packung und Milchpulver kann tatsaechlich schlecht genug werden, um Lebensmittelvergiftung hervorzurufen (ihre eigene Erfahrung).

Was mich am meisten beruehrt hat: 13 Nudeln. Abgepackt. Uebliche Portion am Marktstand. Vielleicht auch 17.

Aufgabe: Geht in die Kueche, holt 13 Nudeln aus der Nudelpackung, packt sie in ein Tuetchen und stellt Euch das vor. Juhuu, heute hab ich etwas Geld uebrig, es gibt Nudeln! Nachdem Ihr sie angeguckt habt, duerft Ihr sie kochen und essen. Ganz allein. Keine extended Family moechte mitessen.

(O.k., der Fairness halber muss ich daran erinnern, dass Nudeln oft gemeinsam mit Reis gegessen werden, eine kleine Luxus-Draufgabe...)

Schenken und geschenkt kriegen

Bevor ich losfuhr, meinte einer unserer afrikanischen Masterstudenten: Wenn Du im Dorf wohnst und alle ausser Dir haben Felder, kann es sein, dass sie Mitleid haben und ihre Ernte mit Dir teilen. Nun wohne ich nicht im Dorf und es kam nochkeiner mit nem Sack Hirse an. Aber beschenkt worden bin ich dennoch. Wenn ich z.B. kleine Mengen kaufen wollte, von Peperoni oder Naegeln: Ach komm, nimms einfach mit. Oder als ich bei meinem naechsten Buedchen Streichhoelzer kaufen wollte und nicht bezahlen sondern Freundin werden sollte.

Am meisten geruehrt hat mich mein Watchman, der mir seinen Dosenoeffner mitbrachte. Den hatte er damals in Accra gekauft aber hier trinkt er keine Dosenmilch mehr (was nur heissen kann: Er kann sie sich nicht mehr leisten) und braucht den Oeffner deshalb auch nicht mehr. Am naechsten Tag konnte ich mich bei ihm revanchieren, das Umzugsunternehmen hatte mir so ne graue Lumpendecke dagelassen. Ausserdem gab es den grossen Karton, in dem mein Herd gewesen war. Die Decke bot ich ihm an, weil ich dachte, da kann er drauf sitzen waehrend er Wache haelt. Er freute sich ungemein, nahm sie aber mit nach Hause. Die typische Watchmanschlafmatte ist ein bunt gemusterter Gummiteppich, die Decke wird wohl hoeheren Weihen zugefuehrt. Den Karton sollte er eigentlich mit dem ganzen restlichen Verpackungsmuell verbrennen. Muellentsorgung auf Ghanaisch, jeder hat eine kleine Muellverbrennungsanlage... Also eine Stelle vor der Haustuer, wo der Watchman den Mist hinschmeisst und ein Streichholz dranhaelt, wenn der Berg zu gross geworden ist. Er fragte nach, ob ich den Karton wirklich nicht mehr brauchte. Und am naechsten Morgen als ich ihn um halb sechs verabschiedete, hatte er sein Fahrrad stolz bepackt mit fetter Kiste und Decke.

Meine Nachbarn Sunday und Gladys sind die ersten, die von mir Steinschmuck geschenkt bekamen. Die Geschichte ist schon aus Namibia bekannt und geht so: „Mein Vater ist Steinmetz und hat einen kleinen Laden, wo er schoene Steine verkauft. Wenn ich verreise, gibt er mir immer etwas davon mit, damit ich das den Leuten schenken kann, die gut zu mir sind. Hiermit sagt mein Vater: Danke, dass Ihr so gut auf meine Tochter aufpasst.“ Das ist wahr und gleichzeitig eine ruehrende Geschichte, die den Kleinigkeiten einen groesseren Wert verleiht. Wenn mir was einfaellt, sag ich auch noch was zu der Heilwirkung, die grad diesem Stein zugeschrieben wird. Nun, meine Nachbarn waren begeistert. Und ich hab aus Namibia gelernt, dass es wichtig ist, dass die Steine ein Loch haben, so dass man sie als Schmuck umhaengen kann.

Hello! Bulika! Na ‘anso!

Um sich hier (und anderswo) zu amuesieren, ist es hilfreich, Rheinlaender zu sein, nicht Ostfriese. „Rheinlaender reden den ganzen Tag, auch wenn sie nix zu sagen haben.“ Hab ich in Lueneburg gelernt. Sind Rheinlaender vielleicht die Ghanaer Deutschlands?

Wenn ich durch Bolga geh fuehlt sich das jedenfalls so an. Wie Queen Mum gruesse ich nach rechts und links und alle finden das angemessenes Verhalten, waehrend man sich ueber die Europaer (Ostfriesen?) beklagt, die das nicht tun, unfreundliches Pack. Jedes Kind (und das ist jetzt keine Rheinische Uebertreibung sondern woertlich „JEDES“ und „KIND“) ruft Hello, wenn ich vorbeikomme. Manche verstecken sich dabei unter einem Tisch oder hinter einer Hausecke oder trauen sich erst zu rufen, wenn ich schon 20 Meter weiter bin. Meine Aufgabe ist es, sie alle zu finden, anzulaecheln und zurueck Hello zu sagen. Je nach Stimmung machen wir dann weiter mit: How are you fine thank you how are you fine have a nice evening (Wie gehts fein danke wie gehts fein schoenen Abend noch), naechstes Kind. Es ist wichtig, dass in diesem Ritual kein neues Wort vorkommt. Nicht jeder Erwachsene ruft Hello, einige sagen auch Good Morning / Afternoon / Evening oder Bulika oder irgendwas, was ich nicht kenne.

Und tatsaechlich, einige Erwachsene wollen mich ungegruesst nach Haus gehn lassen! Rheinlaenderehre, nicht mit mir. Die erwisch ich mit besonders suessem Laecheln und sag Bulika, Good Evening usw. Mindestens zwei oder drei meiner Begegnungen eines jeden Ausflugs verwickeln mich in ein laengeres Gespraech. Ich geh an dem Stand vorbei, wo Gasflaschen aufgefuellt werden und gruesse. Die Jungs winken mich ran, ich soll mich zu ihnen setzen und, naja, sie haben mich nun immer hier auf und ab gehn sehn, ich soll doch mal sagen, wer ich bin, wo ich her komme, was ich hier mache und ob ich verheiratet bin. Oder ob ich vielleicht, wenn ich wieder zu Hause bin eine Import-Export-Firma mit ihnen aufziehn will. Auf dem Weg zum Taxibaum am Morgen haelt mich eine Frau mit Kind auf dem Ruecken an und versucht, mir Gruessen auf Frafra beizubringen. Ausserdem will sie meine Freundin sein und in mein Haus kommen und mich in ihr Haus mitnehmen.

Ihr seht, warum es hier hilft, ein rheinisches Prinzessinnengemuet zu haben. Auch in den ersten Tagen hier in Bolga, wo ich sehr ernsthaft gelitten hab und mich gefragt hab, ob ich das hier jemals moegen koennte und welcher Teufel mich geritten haben mag, mich fuer 2 ½ Jahre an einen Ort zu verpflichten, von dem ich nichts weiss, als dass Ghanaer mit meiner Qualifikation net fuer Kooche (nicht fuer Kuchen – und auch nicht fuer gutes Geld und gute Worte) hier leben wollen wuerden, als ich nur meine einsame Matraze im Haus hatte und keinen blassen Schimmer, wie ich denn anfangen sollte zu arbeiten und meine deutsche Mafia nach Accra abgehauen war und ich nicht mehr gegessen hab vor Kummer und Hitze und Ueberdruss... hat es gegen das aerme Dier (fuer Nichtrheinlaender: Zustand fortgeschrittenen Selbstmitleids) immer geholfen, das Haus zu verlassen, gruessend zum Taxibaum zu gehn, in die Stadt zu fahren und ein paar kleine Erledigungen zum Vorwand fuer zielloses herumschlendern, gruessen und kennengelernt werden zu nehmen.

Sonntag, April 03, 2005

Tragen aufm Kopp

4.4.05
Ich habs ja schon erzaehlt, ich bin beeindruckt von der Faehigkeit, drei aufeinandergestapelte Kohleschuesseln auf dem Kopf zu tragen ohne sie festzuhalten. Oder eine flache Schuessel mit 10 Litern Wasser und nicht zu schlabbern. Wenn die Schuessel leer ist, wird sie schraeg mit einer Kante auf das zusammengerollte Tuch gestellt, was man auf dem Kopf traegt und bleibt da entgegen jedes konventionellen Verstaendnisses von Schwerkraft stehen, waehrend man ueber den Markt laeuft. Das hat den Vorteil, dass man nicht so viel Platz braucht und sich durchs Gedraenge schlaengeln kann.

Vor ein paar Tagen hab ich mir so eine Schuessel gekauft, grosse ausladende Aluschuessel, Grundausstattung eines jeden Haushaltes und ausserdem Trageschuessel. In der Stadt hatte ich ein paar Kleinigkeiten gekauft, die ich in die Schuessel packte und sie mir auf die Huefte setzte. Die kleinen Maedchen konnten nicht verstehn, dass ich ihre Hilfe beim Tragen ablehnte. Mit dem Sammeltaxi bin ich (15 Cent) zum Affenbrotbaum gefahren, der die Endhaltestelle dieser Taxilinie ist.

Ich wusste, ich hab mein Wasser ausgetrunken und muss eine neue Ladung Wasserbeutelchen kaufen. Also zum Buedchen: „Ich brauche Wasser! Nein, nicht ein Beutelchen, eine ganze Tuete (8 Liter?).“ „Wie willst Du die tragen?“ „Ghanaisch. Alle tragen hier alles auf dem Kopf, ich will das auch lernen, Du musst mir das beibringen.“ „Soll ich Dir das nicht besser tragen?“ „Nein, ich will das lernen.“ Viel Gelaechter auf allen Seiten. Schliesslich wickelt sie mir aus einem Strickschal ein Huetchen und hilft mir, die Schuessel mittig auf den Kopf zu heben. Fragt nochmal besorgt, wie weit ich’s denn hab und ob sie’s vielleicht doch fuer mich tragen soll. Vom Kiosk nach Hause geht man weniger als fuenf Minuten. Normalerweise. Wenn man nicht vorsichtig schleicht um nicht die Balance zu verlieren und alle drei Meter anhalten muss, weil ein Kind oder eine Frau auf einen zugestuermt kommt und darauf besteht, einem die Last abzunehmen... Aber ich habs ganz allein geschafft. Es ist wahnsinnig anstrengend fuer die Nackenmuskeln. Und ich musste die Schuessel die ganze Zeit festhalten. Aber das ist ok, manchmal, wenn sie z.B. bis oben mit Wasser gefuellt ist, machen das die lokalen Frauen auch.

Selber tragen ist vor allem deshalb so ein eigenartiges Ansinnen, da man hier ab einem gewissen Alter oder Status nichts mehr selber tut. Fuer alle Besorgungen laufen doch Knirpse rum, die man losschicken kann und die dafuer dann Bonbons kriegen oder das Wechselgeld behalten duerfen...