Mittwoch, September 21, 2005

Reibungsenergie

Deutsche sind nicht fuer Ghana gemacht. Und es ist irre, wie wuetend ich werden kann und dann doch das meiste in mich reinfresse, weil ich ja versteh, dass meine Freunde und Kollegen in ihrer eigenen Welt nichts verkehrt gemacht haben. Und dass Wutausbrueche hier sehr sehr ungehoerig sind.

Sagen: „Ich komm Dich so um vier Uhr rum besuchen.“ Um acht auftauchen als waer das normal.

Den Arbeitsplatz verlassen und nicht mehr wiederkommen. Spaeter am Tag sagt ein Kollege nebenbei: Ach, der hat doch Magenschmerzen und ist zu Hause.

Fuer einen Tagestrip nach Tamale (knapp 2 Stunden weg) fahren, meine Gaeste zum Flughafen bringen. Erst am naechsten Tag wiederkommen, aber vergessen haben, dass ich ausser dem Handy, das nie funktionniert, auch eins habe, das funktionniert, und einen Festnetzanschluss. Deshalb konnte er leider nicht anrufen um zu sagen, dass sein Magen ihn zu sehr plagt.

Mit Debbie in der Kneipe sitzen und die Kellnerin sagt, dass sie Debbies Auto kennt: Das ist doch das Auto, mit dem Francis immer kommt. Francis ist Debbies Nachbar und arbeitet dies und das fuer sie. Unter anderem putzt er ihr Auto und kriegt dafuer die Schluessel. Sie unterstuetzt ihn dabei, seinen Fuehrerschein zu machen. Als sie ihn darauf anspricht, ist er ganz verwirrt: I thought it was ok, I thought you were like my mom (Ich dachte das waere ok, ich dachte Du waerst wie meine Mama).

Ich beobachte meine Wut und versuche zu verstehn. Ich wuerde ja nie verlangen, dass mein Assistent hier mit Magenkraempfen sitzt und arbeitet. Und mir ist egal, ob meine Freunde mich nun um vier oder acht besuchen. Es ist nicht die Tat, es ist das Wort. Meine Arbeitnehmer kriegen alles von mir – wenn sie mich nur fragen. Und erstaunlicherweise moechte ich jedes Mal wieder gefragt werden. Jedes Mal wenn ein kleiner Bruder mit seinem halben Haushalt in meinem Auto mitfahren will, macht es mich wahnsinnig, dass sie sagen: „Der kommt mit!“ und nicht „Koennen wir den mitnehmen?“ – obwohl ich auf diese Frage jedesmal „ja“ antworten wuerde.

Ich kenne viele sachliche Gruende, warum das Leben einfacher wird, wenn man sich verstaendigt, wenn ich nicht vier Stunden im Haus sitzen bleibe und auf Besuch warte und wenn ich mit meinem Auto oder meinem Mitarbeiter rechnen und planen kann. Aber die Wut kommt nicht daher, dass das unpraktisch ist. Sondern unhoeflich.

(Und ich vermute, wenn meine Nachbarn gestern nachmittag gesagt haetten: Hoer mal, wir haben ne Party, koennte etwas laut werden, willst Du vorbeikommen? – dann waer das vollkommen ok gewesen. Die Fakten waren die gleichen: Mary hatte mich schon am Nachmittag gewarnt, es wurde etwas laut und ich bin sicher, dass ich herzlich willkommen gewesen waere, wenn ich hingegangen waere...)

Dienstag, September 20, 2005


interviewt werden Posted by Picasa

Boxen des Grauens

Die Weltgeschichte ist voll davon: Harmlose Erfindungen koennen Grauen und Katastrophen bringen, wenn sie in die falschen Haende fallen. Zum Beispiel Stecknadeln. Wenn Folterknechte sie Dir unter die Fingernaegel jagen.

Meine Strasse ist heute Abend ebenfalls voll davon. Die an sich harmlose Erfindung nennt sich Lautsprecher. Der Folterknecht ist ein Bekannter meiner neuen Nachbarin. Sie selbst hat sich letzten Freitag als Folterkmagd profiliert, unter dem Vorwand, ihren Geburtstag zu feiern. Einer ihrer Gaeste fand das so super, dass er seine eigene Geburtstagsfeier gleich ebenfalls in mein Haus verlegt hat.

Alle Fenster geschlossen und die Ohren mit beiden Haenden zugehalten, kann ich zu der Musik immer noch im Wohnzimmer (oder Badezimmer oder Schlafzimmer) tanzen, wenn ich will. Wenn!

Als ich heute nachmittag nach Hause kam, war Mary nicht in meinem Haus sondern kam mit blutigen Haenden aus dem Nachbarhaus. Sie wusste, dass dies eine groessere Party wird als Freitag: Zwei Ziegen...

Meine englische Nachbarin empfahl mir, das ganze als ein weiteres Beispiel afrikanischer Freigiebigkeit zu sehn. Schliesslich kann sich hier bei weitem nicht jeder so ein sound system leisten. Wie grosszuegig, diese wunderbare Musik mit der ganzen Nachbarschaft zu teilen – und das kostenlos! Und die guten Lieder fuenfmal. Und mit singendem DJ. Danke Bolga!

zuschaun wie Mama interviewt wird Posted by Picasa

einfach nur in die Kamera gucken Posted by Picasa

Huehnerfedern abbrennen Posted by Picasa

Montag, September 19, 2005

Strafe muss sein

Wenn eine Frau Zwillinge zur Welt bringt, wird sie zur Strafe aus dem Haus gejagt und betteln geschickt, bis die Kinder gross genug sind, dass man sie nicht mehr tragen muss. Nach drei Jahren oder so wird sie dann wieder im Haus aufgenommen, da sie ihre Strafe abgebuesst hat. Am Eingang des Marktes sitzen diese Frauen mit ihren Kindern. Und an der Tankstelle kommen sie ans Autofenster und gucken mitleiderregend, ein Kind an den Bauch und eins an den Ruecken gebunden.

Mehl, Trockenfisch, gemahlener Yams, Erdnussbutter in Plastiktuetchen Posted by Picasa

Essen: Schuetteln

Der menschliche Geist ist ein Wundertier. Zumindest meiner.

Das Mehl fuer meinen Kuchen oder mein Brot zu sieben erfordert nicht viel Anstrengung: Ich schuettel mich ohnehin vor Ekel, man braucht mir also nur das Sieb in die Hand druecken, der Rest passiert von allein. Das Mehl hier ist erst nach dem Sieben fuer Vegetarier geeignet. Manchmal hab ich Glueck und kaufe welches, in denen nur vereinzelte Tiere sind, ein andermal wimmelt es nur so. Ohne gibts nicht. Ist ja auch kein Wunder, wenn das in offenen Schuesseln auf dem Markt rumliegt, in rostigen Bechern abgemessen in Plastiktueten gefuellt wird – auf dem Markt, wo es von Viehchern gross und klein nur so staubt.

Warum nun ein Wundertier? Weil ich aus diesem Zeug die koestlichsten Kuchen und Brote und Plaetzchen zauber und aufrichtig und ekelfrei geniesse.

Ich weiss, das sollte ich nicht zugeben und nun werdet Ihr Euch alle ebenfalls schuetteln und schwoeren, mich nicht besuchen zu kommen oder zumindest niemals bei mir irgendwas zu essen, solange ich hier wohne. Und dann werde ich lachen und nicht mehr aufhoeren zu lachen, wenn Ihr mit mir in ein Restaurant geht und da ohne Sorge Fleisch und Fisch esst, als haettet Ihr nicht gesehn, wie das auf dem gleichen Markt auf blutigen Holztischen in der Sonne liegt und die Hauptbeschaeftigung des Metzgers Fliegenwedeln ist.

(Falls Ihr nun schwoert, den zivilisierten Kuechen zu Hause NIEMALS fuer laenger den Ruecken zu kehren, als Ihr ohne eine Mahlzeit auskommt, empfehle ich die Lektuere von: Anthony Bourdain „Gestaendnisse eines Kuechenchefs. Was Sie ueber Restaurants nie wissen wollten“)

Freitag, September 16, 2005


ein Haus bauen dauert laenger als die Mode anhaelt... Posted by Picasa

Mode (Vorsicht! Dies ist polemisch und keine tiefgreifende politikwissenschaftliche Analyse)

Nach der Unabhaengigkeit glaubten die Regierungen hier und in der Welt, dass grosse hightech Projekte alle Probleme loesen wuerden, was haben sie nicht alles schoenes gebaut oder zumindest angefangen, Daemme, Fabriken, Landwirtschaftsstationen.

Ende der 60er und Anfang der 70er haben sie gemerkt, dass das so nicht geht und dass es hilft, wenn man nachfragt, was die Leute eigentlich wollen und was vor Ort funktionieren kann. Da musste dann auf einmal alles Partizipativ und klein und lokal angepasst sein.

Davon hatten die Entwicklungshelfer Mitte der siebziger die Nase voll und fingen wieder an, grosse Daemme usw zu bauen.

Dann in den 80er-90ern schnell zurueck ins Dorf, alles Beduerfnisorientiert und interaktiv. Gleichzeitig aber bitte rasch dezentralisieren und alles alles muss marktorientiert sein. Lokal heisst nun auch, dass alles vor Ort bezahlt werden muss und sich der Staat so weit wie moeglich (oder noch weiter) zurueckziehen soll.

Heute ist Community-based wieder im Nachlassen begriffen und in den naechsten Jahren wird – sagen meine Kollegen aus Washington - alles wieder gross und technologisch und VERDAMMT NOCHMAL, KOENNT IHR MAL BITTE DAMIT AUFHOEREN, VON DEN ARMEN ARMEN ALLE 10 JAHRE WAS ANDERES ZU VERLANGEN UND EUCH DANN AUCH NOCH ZU WUNDERN, DASS SIE SICH WEIGERN, SICH ZU ENTWICKELN???

(Und warum traut sich niemand, zu sagen: Wir wissen auch nicht recht, was am besten ist, vielleicht versuchen wir mal so’n Mittelding, ein bisschen Technologie und weiter mit den Bauern reden und ein bisschen Staat und ein bisschen Markt und sehn uns genau an, was passiert und versuchen die Strategien entsprechend anzupassen... Angeber! Feiglinge!)

Oncho Oskar macht sich ueberfluessig

Flussblindheit (Oncho) ist eine weitere fiese Krankheit, von beissenden Insekten uebertragen, die an Fluessen leben. Wie der Name schon sagt, werden davon Leute blind, die an Fluessen wohnen. Oskar arbeitet fuer das grenzuebergreifende Oncho-Bekaempfungsprojekt der FAO zwischen Burkina und Ghana. Und er hat ein Problem: Sie haben Oncho hier ausgerottet. Wie konnten sie so ungeschickt sein und sich ihrer eigenen Arbeitsgrundlage berauben? Das macht mich gluecklich.

So werden die fruchtbaren Flussufer bewohnbar und Oskars Projekt beschaeftigt sich nun damit, wie die Leute hier diese neuen Moeglichkeiten am besten nutzen koennen.

(nur damit Ihr nicht die ganze Nacht weinend in den Betten liegt ueber Blut und Depressionen und keine Rettung in Sicht...)

Donnerstag, September 15, 2005


Elefantenfuesse Posted by Picasa

Wenn's nur Blut waer

Weitere Symptome von Bilharziose sind Depression und Antriebslosigkeit. Stellt Euch eine Region vor, wo alle das haben.

Und ausserdem: 30% der Kinder untergewichtig. Unterernaehrung in der Kindheit fuehrt u.a. zu verzoegerter geistiger Entwicklung.

Alle haben andauernd Malaria: Da fuehlt man sich wie zermatscht und moechte nur noch in der Ecke liegen. Die Medikamente gegen Malaria machen extra muede. Genauso wie die Prophylaxe gegen Elephantiasis (wo man diese dicken Fuesse kriegt), deshalb nimmt das keiner und deshalb kriegen sie alle Elefantenfuesse. Dann koennen sie nicht mehr aufs Feld zum Arbeiten...

(Hey, warum lachen die die ganze Zeit, wo sie doch nix zu lachen haben?)

Mittwoch, September 14, 2005

Was echte Kerle pissen

Blut. Bilharziose ist eine Krankheit, die von Parasiten uebertragen wird. Die sitzen in Schnecken in stehenden Gewaessern und warten, dass ein Saeugetier (incl. Mensch) die Schnecke anstupst, dann schluepfen sie von Haut zu Haut in diesen neuen Wirt und lassen es sich wohl ergehn. Sie nisten sich in den Nieren ein und da bleiben sie dann erstmal. Nach ein paar Wochen oder Monaten hat man Blut im Urin aber sonst nicht viele Beschwerden. Das aergerliche ist, dass die Wahrscheinlichkeit von Nierenkrebs arg ansteigt, wenn man die Krankheit nicht behandelt. Die Behandlung kostet nur ein paar tausen Cedis (vielleicht ein oder zwei Euros).

Warum geht kaum jemand mit Bilharziose zum Gesundheitszentrum um sich behandeln zu lassen, obwohl Urinproben bei Schulkindern zeigen, dass diese Krankheit hier eine fast seuchenhafte Ausbreitung hat? Der Experte vom Gesundheitsministerium sagt: Hier gilt Blut im Urin als Zeichen, dass ein Junge zum Mann geworden ist.

Sonntag, September 11, 2005

Krude Kerle

Meine Freundinnen hier lachen darueber, dass ich immer wieder die eigenartigsten Leute anschleppe, mein Spinner-Netz ausbau. Gestern morgen war ich mit meiner Kollegin im Travellers Inn fruehstuecken, als ein Weisser reinkam, den ich noch nicht kannte. Waehrend wir weiter Forschungskram besprachen, schickte ich ab und zu einen freundlichen Blick zum Nachbartisch, Mission: Vernetzung. Letztlich haben wir uns eine halbe Minute unterhalten, dann draengten ihn seine Freunde zum gehen, also hab ich ihn eingeladen: Heute abend treffen wir uns mit Leuten im New Life Line, wenn Du kommen willst...

Und deshalb weiss ich jetzt: Er kommt aus Amerika, war noch nie vorher in Afrika aber in einer Serie von spirituellen Erlebnissen hat Gott ihn in die Upper East Region Ghanas gefuehrt, um den Menschen hier zu helfen. Also ist er gekommen, hat mit seinen Ersparnissen eine Stiftung gegruendet und sich ein armes Dorf gesucht. Retten will er sie mit einem Schneeballsystem: Er wird ihnen was beibringen (bessere Landwirtschaft), wenn sie sich verpflichten, das gelernte drei weiteren Doerfern beizubringen, die sich wiederum verpflichten usw. Nein, er hat keinen landwirtschaftlichen Hintergrund, sometimes it just needs a Yankee to find out (manchmal brauchts einfach nen Ami um’s rauszufinden)...

Seine Anwesenheit hier ist langfristig angelegt: I wouldn’t give the project into the hands of the Muslims (Ich wuerde das Projekt nicht in die Haende der Moslems geben). Denn, so lernen wir, Islam ist boese, vor allem weil die in Wirklichkeit gar nicht an einen Gott glauben, sondern Gott in allen Dingen sehen und deshalb eine polytheistische Religion sind und das ist falsch und deshalb wuerde er keine Moslems anstellen. Nein, auch keine Leute, die traditionellen afrikanischen Religionen folgen.

Ist er dann vielleicht am verkehrten Ort hier? Nein, wir deuten nicht an, dass sich Gott vielleicht bei der Wegbeschreibung irgendwo vertan hat (oder hat er nicht gut zugehoert?) und in echt einen anderen Ort im Sinn hatte, wo weniger boese Moslems wohnen... Doch auch er selbst scheint ein wenig zu hadern, ob Gott sich wirklich so genau informiert hat, bevor er ihn losschickte, ob er wusste, wie schwierig die einfachsten Dinge hier sind, wie aufwaendig es zum Beispiel ist, einen Telefonanschluss zu bekommen.

Montag, September 05, 2005

Anthropologen bruellen nicht

In dem Buch, was ich grade lese, sagt die Anthropologin in Botswana irgendwann, dass in der ganzen Welt Anthropologen in Doerfern sitzen und sich arg zusammenreissen muessen, um nicht zu bruellen: ES IST LANGWEILIG, LANGWEILIG, LANGWEILIG! („Mating“ von Norman Rush, grandios)

Gestern war ich auf der Beerdigung der Mutter eines Kollegen. Und musste an diese Anthropologen denken. Denn Feste jeglicher Art sind am Schlimmsten. Warum eigentlich? Und: Sind unsere Feste fuer Aussenstehende auch so oede? Am schlimmsten war diese Hochzeit auf dem Lande, die ich in Namibia mal besucht hab. Das ging ein ganzes Wochenende und bestand groesstenteil aus Warten im gluehenden Staub. Und aus den drei Tagen konnte ich danach dann eine spannende Geschichte von dreieinhalb Minuten machen, inclusive Mutter, die lauthals den nahenden Sturm verflucht, Austausch von Rindfleisch gegen Braut und „der stehe jetzt auf oder schweige fuer immer“... Wer das hoerte, dachte vielleicht: Wow, Reisen ist aber auch spannend, das wuerd ich ja auch gern mal erleben. Da denk ich „Och...“. Das Ereignis gestern war kuerzer, trauriger und hatte keinen Sturm.


Donnerstag, September 01, 2005

Ein Abend

Meine englische Nachbarin ist aus dem Heimaturlaub zurueck und steht wie ne jezoppte Katz (eine untergetauchte Katze) vor meiner Kuechentuer im Regen. Ich hol ihr trockene Klamotten und schick sie duschen, waehrend ich zu Ende Nudeln mit Paprika und Moehren koche. Nachdem wir alles erzaehlt haben, fahre ich sie durch den Schlamm 500 Meter nach Hause. Auf der Seite des Hauses war ich lange nicht mehr. Die Strasse ist ein Fluss. Wilde Blitze mit lila Himmel. Zurueck zu Hause koch ich meinem Watchman einen Kakao gegen die klamme Kaelte, such mir im Buecherregal einen Roman ueber Liebe in New Jersey und kriech unter’s Moskitonetz. Jetzt fangen die Kroeten an zu kroeten und der Regen auf dem Blechdach hoert sich wilder an, als er ist.

Damentoilette Posted by Picasa

Pipikackalulu

Meine internationalen Kollegen gucken immer irritiert, wenn ich als Highlight unserer neuen Bueros hervorhebe, dass wir die Toiletten ganz fuer uns haben und mit niemandem teilen muessen. UND sie sind extra fuer uns neu gebaut. Ich sollte unsere jetzige sanitaere Einrichtung in die naechste Buerofuehrung einbauen. In der Schuessel, ueber der ich mich eben in der Schwebe hielt, schwammen unterschiedliche Hinterlassenschaften meiner Vorgaenger. Kein Papier im Klo, dafuer gibt es einen extra Holzeimer. In einer Ecke stapeln sich kinnhoch alte Schulbuecher aus diesem rauen Papier minderer Qualitaet, dass man so schoen weichkneten kann. Das Urinal (Rinne an der Wand) ist leider verstopft, was aber offensichtlich nicht bedeutet, dass man es nicht benutzen koennte. In der stehenden Suppe fuehlen sich Moskito-Larven besonders heimisch. Ein verrostetes Fahrrad ohne Reifen und Pedale steht in der Pisspfuetze auf dem sich wellenden Linoleum. Wenn ich mir jetzt die Haende wasche, bedeutet das, dass ich diesen Wasserhahn anfassen muss. Ich vermute, ungewaschen ist hygienischer...

Herr Richtig sagt: Stell Dich in die Schlange. Tu das Richtige! Posted by Picasa

Mittwoch, August 31, 2005


? Posted by Picasa

Mein Gummikoerper

Wenn ich nach Hause (Deutschland) komme, werde ich mit einem besorgten Blick empfangen: Meine Guete, Du hast aber abgenommen! Bei meiner Rueckkehr nach Bolga begruesst mich meine Nachbarin mit einem breiten Grinsen: Wow, you’ve grown fat (Wow, Du bist aber fett geworden!). Beides als Kompliment gemeint. Und beides Quatsch, denn ich hab gar keinen Gummikoerper und wenn jede dieser behaupteten Gewichtsveraenderungen tatsaechlich wahr waere, dann haette man mich in Deutschland laengst in einer Streichholzschachtel beerdigen koennen. Und in Ghana passte ich durch keine Tuer mehr.

It’s not easy to be a superstar

Es ist nicht leicht, ein Superstar zu sein. In Deutschland konnte ich mich von meinem Star-Status ein wenig erholen aber ich muss sagen, das war auch nicht einfach. Ich hab die ganze Zeit gedacht, irgendwas stimmt nicht mit mir oder meinem Outfit, keiner schaut mich an, gruesst mich, bewundert mich und rennt zu mir um mein Freund zu sein. Als ich nach erschoepfender Fahrt durch stroemenden Regen Freitag abend endlich in Bolga ankam, fingen meine Nachbarn vor ihren Haeusern spontan an, zu klatschen und Hurraaaa zu rufen. Eva ist wieder da! Mary kriegte sich kaum noch ein vor Freude und ich dachte: Is doch gar nicht so schlimm, Superstar zu sein...

(Gestern hatte ich Besuch von einer Witwe mit drei Kindern, die ungeduldig auf meine Rueckkehr gewartet hatte. Zwar kannte ich sie nicht, aber dennoch wollte sie mich bitten, ob ich ihr nicht irgendwie helfen koennte, sich selbst und die Kinder ueber die Runden zu bringen. Mein Nachbar draengt mich, ihm ein Visum nach Deutschland zu ermoeglichen. Alle wissen immer, wann ich wo mit wem war... Bitteschoen, das muss ein Missverstaendnis sein, ich wollte doch nur die Rosinen des Star-Status. Geht weg oh Ihr Beladenen dieser Erde...)

Donnerstag, August 25, 2005

Auf dem Sprung

Mein Heimtaturlaub und das Arbeitstreffen in Rom sind vorbei, jetzt steh ich auf dem Flughafen (Rom) und muss nur noch Schokolade fuer die Kinder meines Wachmanns kaufen, dann geht's zurueck nach Bolga...

Montag, August 15, 2005

Kleinste Moschee

Und zweitkleinste. Diese Fotos hab ich in grosser Eile ins Netz gestellt und nicht erklaert. Hier fragen mich jetzt alle, was das ist. Also: Die Upper East Region ist die am dichtesten besiedelte Region des Landes. Man muss schon mit Ghanaern unterwegs sein, um eine Ecke zu finden, wo man nicht dauernd auf Menschen trifft. Und das haben wir am Tag der kleinsten Moschee gemacht. Ein Bekannter zeigte mir und einigen Ghanaern, wo er gerne einen Hippie-Campingplatz fuer Europaer aufmachen moechte, ein lauschiges gruenes Tal, durch das sich ein kleiner Bach schlaengelt, mit ausladenden Baeumen und zwitschernden Voegeln und Wunderschoenheit. Er fuehrte uns eine grosse Runde durch die Gegend (und dann eine grosse Runde zurueck, weil der Fluss leider un-ueberquerbar war und dann bekam ich Hungerlaune und alles wurde schrecklich, aber das hat nichts mit kleinen Moscheen zu tun...). Und mitten im Nichts fanden wir diese Steine auf dem Boden. Das ist eine Moschee, sagte er. Ein Rechteck mit angeklebtem Halbrund, das zeigt an, in welche Richtung man beten muss, wenn man orientierungslos hier rumirrt. Die kleinste Moschee war so klein, dass ein ganzer betender Mensch gar keinen Platz in diesem Steingeviert hatte. Das ist also eher ein Wegweiser denn ein Raum, man kniet sich davor und verbeugt sich.

Sonntag, August 14, 2005

Heimaturlaub

In Europa ist es v'reckskalt, immer weiter regnet es und auf der Strasse ruft keiner Hello Hello! Dafuer kann man ins Kino gehn und ganz viele Sachen kaufen.

Donnerstag, August 04, 2005


Hirten schieben Kuh an meinem Buero vorbei Posted by Picasa

machen Spoekes Posted by Picasa

Verbuschung

Auf der Fahrt nach Tamale hab ich ein Taxi gesehn, dass von einer Gruppe Maenner umringt war, die irgendwas zu verladen schienen. Im Vorbeifahren sah ich dann was: Eine lebende zusammenschnuerte Kuh. Ins Taxi. Zum Markt.

Ansonsten hat diese Fahrt nach Tamale mich zum Flughafen gebracht von dem ich nach Accra geflogen bin und nun bin ich wieder mitten in der grossen Stadt. Meine Kollegen (Ghanaer und andere) hoeren sich amuesiert mein Dorfenglisch an.

Ich weiss nicht warum, vielleicht weil hier im Sueden Twi als uebergreifende Sprache von jedem gesprochen wird (im Norden spricht jeder was anderes) oder weil ich hier einfach nur mit aufstiefsorientierten Forschern zu tun hab und nicht mit den cool guys... jedenfalls hoer ich hier niemanden Pidgin English reden, waerend das im Norden eine sehr uebliche Sprache ist.

Und da ich eine grosse Vorliebe fuer Sprachen hab, die man faul lernen kann, allein durch zuhoeren (s. Afrikaans), hab ich den Plan, das nach zwei Jahren so zu sprechen, dass man mich ansehn muss, um meine Hautfarbe zu erkennen...

Das ist so eine eigenartige Sprache, denn es ist wirklich auf den ersten Blick komplett unverstaendliches Gibberish. Am Anfang musste ich ganz konzentriert hinhoeren um ueberhaupt zu hoeren, dass das keine afrikanisch afrikanische Sprache war. Vor allem, weil viele Leute sagen wir mal Frafra sprechen aber moderne Worte in Englisch einfliessen lassen.

Inzwischen wissen meine Kollegen im Norden, dass ich mich langsam eingehoert hab, weil ich auf das, was sie sagen, so reagiere, als sei's Englisch. Aber jetzt hab ich das Problem, dass um mich rum alle echt cool sind und ich bin die einzige, die spricht wie Fraeulein Rottenmeier. Und deshalb, wie gesagt, verschlunzt mein Englisch und die Grossstaedter lachen ueber mich. It's not easy-oh. (jedes Statement endet mit einem langgezogenen oh...)

Gastbeitrag

Reise-Sein
In Ghana ein Randgebiet
ausser Rand und Band geriet.
Felix

Montag, August 01, 2005


Wo ist Harry? Posted by Picasa

Zweitkleinste Moschee Posted by Picasa

kleinste Moschee Posted by Picasa

Mittwoch, Juli 27, 2005

Workshop

Der Workshop war super. Ich hatte mich als Bonbon verkleidet, was von allen Seiten lobend zur Kenntnis genommen wurde, wir hatten einen echten und einen stellvertretenden Minister da, waren in Fernseh- und Radio-Nachrichten und in der Zeitung, haben einen Teil unserer Teilnehmer mit Huhn vergiftet und alle waren begeistert. Natuerlich waren die Vergiftungen nicht extra und gezielt und die Medienberichterstattung wurde nicht nur durch unser wirklich spannendes Thema sondern auch durch unsere echt interessanten Spesengelder fuer die Medienmenschen erleichtert (nichts und niemand kommt in die Nachrichten ohne).

(jajaja, es war ein Erfolg, aber ich kann mich doch kaum auf meine Website stellen und bruellen: WIR SIND SUPER!)

Ich bin ein Stil-Spiesser

Und ich weiss auch, wo das herkommt. Zu viele Sommer bei OmmaausGeich und in diesen Sommern zu viele Kirchgaenge im Sonntagsstaat mit dem Geicher Pastor, der statt „Der Leib Christie“ auch schonmal „Wie siehst Du denn aus“ sagte, wenn er die Hostien ausgab.

Das Ergebnis ist, dass ich in Deutschland nie wirklich cool sein kann, denn ich hab nie verstanden, warum man eine Stunde vor dem Spiegel steht, um sich zu schminken und das Ergebnis dann wieder zu verwischen, um sich die Haare im out-of-bed Stil zu verwuscheln und sich Klamotten an den Leib zu haengen, die verbergen, dass sie mit Bedacht ausgewaehlt wurden.

Hier ist es ein grosses Kompliment, wenn einem ein Kerl sagt: You’ve got style. Und das bedeutet, dass jedes Detail Deines Outfits irgendwie zum Rest passt, dass man sieht, wieviel Liebe und Aufwand man darein gesteckt hat. Ich finde das super. Muss nicht mehr bis Karneval warten, um zu versuchen, mich perfekt zu kostuemieren. Ok, ich lerne erst langsam, dass es normal ist, Oberteil und Rock im gleichen buntgemusterten Material zu tragen. Aber auch daran arbeite ich... Mein naechstet Kleid wird krass, das Material ist schon gekauft, das Muster ist so gross wie ich, Plastikwasserflaschen, aus denen Wasser in einen grossen Eimer gegossen wird. Arbeitskleidung.

Heimaturlaub

Am 6. August lande ich um 10:55 mit KLM Flug 1855 von Amsterdam in Duesseldorf. Am 19. August um 12:35 flieg ich mit Air Berlin nach Rom, zu einem Team Meeting (HAHAHAHAHA! so muss es sein!), um am 25. wieder zurueck nach Accra zu fliegen.

Donnerstag, Juli 21, 2005


Warum hat hier niemand eine Leiter (dunkel, weil der Elektriker grade die Birne austauscht...) Posted by Picasa

Warum machen die keinen langen Stiel an ihre Hacken? Posted by Picasa

Kunst am Bach Posted by Picasa

Auch diese Damen berichten von Pruegeleien an der Wasserstelle Posted by Picasa

So wird gemacht, was mich 10cm groesser macht (ganz links Flash) Posted by Picasa

Macht mich 10cm groesser... Posted by Picasa

ueber Wasser reden und zuhoern Posted by Picasa

Konferenz-Outfit hochgekrempelt und Gummistiefel Groesse 45: Auf ins Maisfeld Posted by Picasa

Strassen Staub

Heute ist es ganz eigenartig auf unserem Flur. Sehr muede Maenner sitzen und liegen im Gang und warten. Sie haben zusammengeschnuerte Buendel dabei, die aussehn wie Habseligkeiten (oh was fuer ein schoenes Wort) und in ihren Gesichtern sieht man, dass sie schon so viel Warten gesammelt haben, dass sie nicht mehr wirklich warten, sondern nur liegen. Oder sitzen. Wenn ich unsere Kollegen im anderen Buero besuchen will, muss ich zwischen ihnen durchgehn und bin mir meiner klappernden Absaetze, meines Kleides, meiner Hueften scharf bewusst, und bin kuenstlich, egal, ob ich sie anschau oder so gucke, als gaeb es sie nicht. Diese Situation ist neu, denn normal ist es hier, mit allen immer in Kontakt zu sein. Als ich heute hier ankam, hab ich auch schon von weitem Hallo und Wie gehts gerufen. Aber sobald ich naeher kam, sah ich, dass das keine Hallowiegehts sind.

Meine Kollegen bemuehen sich, sie nicht zu sehn und koennen mir keine Erklaerung geben, ausser: Die sind glaub ich fuer NADMO (National Disaster Management Organisation) hier. Und dass ich keine Angst haben soll. Als ob die mir Angst machen, ich will doch nur wissen, warum die so staubmuede sind und sich so anders anfuehlen.

Bei NADMO sagt man mir: Die wurden aus Libyen zurueckgeschickt, illegale Immigranten auf dem Weg nach Spanien. Man hat sie da aufgegriffen und dann ueber Niger und Burkina Faso zurueck nach Ghana geschickt. Hier (wir sind nah an der Grenze) machen sie nur Zwischenstation auf dem Weg zurueck nach Kumasi und Accra, dahin, wo sie hergekommen sind.

Sonntag hab ich mich mit einem Journalisten aus Bolga laenger unterhalten, er ist der Boyfriend meiner Nachbarin und der Kerl, der mit Action zusammen Geburtstag gefeiert hat. Aber weil er nicht so sehr Action sondern eher Question (Frage) ist, ist er mir bis jetzt noch nicht aufgefallen. Das hat er am Sonntag nachgeholt, und erzaehlte mir von seinem Studium in Marocco. Er ist viel in Afrika gereist, aber nichts zieht ihn nach Europa. In Marocco hat er gesehn, wie viel die Leute aufs Spiel setzen, um spanische Toiletten putzen zu duerfen, wie sie sich von der Polizei wie Wild jagen und totschiessen lassen, wie sie auf winzige Boote gepfercht die zweitaegige und lebensgefaehrliche Reise antreten. Weshalb er sagt: Diese Art von Reisen interessiert ihn nicht.

Geschmacksverirrung

Gestern fiel mir auf: Ich bin inzwischen so lange hier, dass ich den mich umgebenden Geschmack annehme wie Butter im stinkenden Kuehlschrank... Das bemerkte ich, als ich im Auto das Radio mit knisternd schlechtem Empfang ganz laut aufdrehte, um die Musik droehnen zu lassen. Ueberhaupt, die Musik, ich kann mich noch erinnern, der erste Samstag Abend im Black Star Hotel, die Musik hat mich unglaublich gelangweilt weil jedes Lied genau wie das andere klingt, viel zu lang ist und keine Dynamik hat. Gestern sass ich im New Life Line zum Mittagessen und es fiel mir schwer, sitzen zu bleiben und nicht zu tanzen (was komplett annehmbares Verhalten waere, machte die Kellnerin ja auch statt uns zu bedienen), weil ich verlernt hab, diese Stuecke fuer langweilig zu halten.

Fuer unsere Konferenz hatte ich mir sehr bunte bonbonartige Kleider machen lassen und wenn ich nun vor meinem Kleiderschrank stehe, machen mich meine grauen, schwarzen, olivgruenen Hosen und Blusen einfach nicht mehr an. Ha! Ihr koennt schonmal anfangen, Euch zu fuerchten, was ich Euch mitbringsele...

Ich rufe die Kellnerin im lauten Restaurant „Kssssss!“, ohne das Gefuehl zu haben, das sei ungehoerig und heute abend hab ich zum ersten Mal gesagt „I hear the scent“ (ich hoere den Duft) statt „I smell“ (ich rieche). Leider ging dieser Satz: I hear the scent of alcohol“ und richtete sich an meinen neuen Watchman – nachdem ich den letzten wegen Saufen rausgeschmissen hab...

Du bist so alt, wie Du Dich anfuehlst

Sagte mir mein Bochumer Bankberater mal (tatsaechlich...nur sagte er natuerlich Sie und nicht Du). Hier bist Du so alt, wie Du behauptest. Heute diskutierte ich mit meinem Assistenten die unterschiedlichen Herangehensweisen an das Thema Macht. Ich wollte wissen, wie man hier Macht erlangt und erhaelt und wie das verbunden ist mit dem allgegenwaertigen Streben nach Harmonie und Einheit.

In einer Gesellschaft, wo jeder immer freundlich laecheln muss, sichert man seine eigene Position gegen den Ansturm der nachkommenden Generation mit subtilen Mitteln, indirekt. Antraege auf Weiterbildung gehen leider verloren, wenn Dein politischer Gegner Reisfarmer ist und Du sitzt in der Regierung, aenderst Du die Einfuhrbestimmungen fuer Reis, so dass der Markt von amerikanischem Reis ueberschwemmt wird und dein Gegner (gemeinsam mit allen anderen Reisfarmern) pleite geht und kein Geld mehr fuer politische Kampagnen hat. Wenn Du Deinen Hintern auf Deinem Beamtensessel festkleben willst, musst Du Dich juenger machen. Als alle Daten von Papierordnern auf Computer uebertragen wurden, haben diese alten Saecke sich von sagen wir mal 60 auf 40 runtergelogen, indem sie ein neues Geburtsdatum eingeben liessen. Jetzt sind sie 70, koennen aber noch gute 15 Jahre in ihrer Position sitzen, bis sie das Rentenalter erreicht haben.

Selig die hungern und duersten nach Buchstaben...

Wenn ich nach Hause komme, hat meist ein Buch ueber Gott oder Essen das Regal verlassen und Mary durch den Tag begleitet (Ob ich Kaese in einen der leichteren Romane legen soll, als Koeder? Sie bringt manchmal Heftchenromane mit und einiges in meinem Buecherschrank ist aehnlich einladend fuer den unerfahrenen Leser...).

Sonntag hab ich mit zwei Nachbarn hier gesessen und wir haben mit strahlenden Ohren Gedichte gehoert und gelesen und am Ende des Tages hatten sich wieder drei Buecher aus meinen Regalen auf den Weg gemacht (eigentlich ist die Regel: Ein Buch pro Mensch und wenn er’s zurueckbringt, bekommt er das naechste. Aber kann ich jemandem, der Gedichte mitnimmt, denn seinen Roman verwehren?).

Die 13jaehrigen Toechter meines Freundes und Bannermalers Flash haben ihre Krimis vor vielen Wochen ausgeliehen. Wollen sie keinen Austausch? Fuer sie ist es schwer, allein zu mir zu kommen. Sie sind schuechtern, vielleicht muss ich nochmal die Familie zum Kuchen einladen und dann verkriechen sie sich wieder mit – ich wollte sagen „roten Wangen“ aber die Wangen sind natuerlich weiterhin schwarz – in der Bibliothek und geniessen die Qual der Wahl.

Ein Nachbar arbeitet fuers Radio und diese Woche hab ich ihn zweimal mit in die Stadt genommen, weil sein Studio in der Naehe des Bueros liegt. Auf dem Weg erzaehlte er, dass er zwei Stunden die Woche auf Sendung ist, den Rest der Zeit verbringt er meist zu Hause, hoert Musik und liest Romane. Erfreut und ueberrascht verspricht er mir, bald vorbei zu kommen, um sich seine Ration abzuholen. Denn wir alle wissen: In Bolga kann man keine Romane kaufen.

3 x P.s.:
1. Sonntag Abend bekam ich einen Gedichtband geliehen (6 American Poets).
2. „Buecher auf die Doerfer“ wird es wohl nicht geben. Schon hier in Bolga sind die Buchtrinker eine erlesene Geheimgesellschaft, die ich langsam auf verschlungenen Pfaden finde...
3. Ich geniesse es, die Buecher unstrukturiert einfach zu geben und zurueckzubekommen, statt eine ordentliche formalisierte, registrierende (Mahngebuehren fordernde?) Buecherei daraus zu machen. Ich hoffe, dass Ihr, meine edlen Spender, mit mir einer Meinung seid, dass es schoener ist, Buecher vertrauensvoll auf die Reise zu schicken. Und dass es nichts ausmacht, wenn das ein oder andere Buch ein besseres zu Hause findet, wo es freier atmen kann und weniger Konkurrenz hat, als in meinem vollen Buecherschrank...

Worueber man nicht spricht

Es gehoert sich nicht, zu sagen, dass man Hunger hat. Nur Kinder sagen das. Von Erwachsenen erwartet man, dass sie sich zusammenreissen. Die Scham bezueglich der Nahrungseinfuhr wird gutgemacht durch Schamlosigkeit bei der Nahrungsabfuhr. Nicht nur der Ort des Geschehens wird genannt sondern auch die Taetigkeit eindeutig beschrieben: „I’m going to urinate“ oder „I’m going to shit and come“ (Ich gehe urinieren; ich geh scheissen und komm dann wieder) sind Informationen, die auch in gediegener Gesellschaft problemlos mitgeteilt werden.

Freitag, Juli 08, 2005

Ich bin 10 cm groesser

Eva in Ghana

und muss ueber mich selbst lachen. Naechste Woche haben wir hier unseren Einfuehrungsworkshop, grosses Event, danach erst existieren wir offiziell in der Region. Alle alle sollen kommen, vom Haeuptling mit seinem Schirmtraeger bis zum Minister. Unverzichtbares Accessoire eines solchen Events ist das Banner, eine Stoffbahn auf der fett die Logos der beteiligten Organisationen prangen und das aller Welt verkuendet:Wir tun was.

Mein Schildermaler, hilfreicher Onkel und Freund Flash hat das gestern fertig gemacht, handgezeichnete Schablonen mit der Rasierklinge aus Packpapier geschnitten und mit dickem Pinsel auf’s Bettuch getupft. Wir wollten es schon gestern aufhaengen aber es regnete zu stark. Also hab ich meinen Assistenten heute morgen losgeschickt. Flash hatte vorsorglich Loecher ins Banner geschnitten, nicht so sehr wegen des Windes, sondern damit niemand es klaut um einen Rock oder ein Tischtuch draus zu machen.

Als er breit grinsend zurueck kam, hab ich ihm gleich die Autoschluessel abgenommen und bin gucken gefahren. Man sieht es schon von ganz weit an der grossen Kreuzung wo man von der vierspurigen Strasse Richtung Haupteinkaufsstrasse abbiegt, hoch ueber der Tankstelle zwischen zwei Laternen. Direkt darunter ein Wahlplakat mit dem Slogan „So far so good“.

Im letzten Abschnitt ist ein Witz versteckt. Wer findet ihn?

(Aufloesung: Nur wer schonmal in Bolga war. Alle anderen stellen sich eine vierspurige Strasse, eine Kreuzung, eine Tankstelle und eine Haupteinkaufsstrasse vor und liegen voll daneben...)


Sonntag kam Mary nicht zur Arbeit

Eva in Ghana
Abends um sechs kam sie dann ganz zerzaust angeradelt, Beerdigung, irgendwer aus der Familie gestorben, das ganze Haus voll Trauergaeste. Dann noch irgendeine wirre Story ueber Krankenhaus, kein Blut kein Wasser, zwei Wochen spaeter immer noch kein Blut kein Wasser, dann war sie tot. Wie auch immer, ich hab sie wieder zurueck ins Trauerhaus geschickt, denn das ist der sehr traurige erste Teil der Beerdigung, wenn jemand grad gestorben ist, nicht die Party.

Als ich heute mittag nach Hause kam, erzaehlte sie mir die ganze Geschichte: Gestorben ist ein Baby. Seit drei Wochen wollte es keine Milch mehr trinken und jetzt ist es tot. Die Mutter ist eine Verwandte, mit der Mary im gleichen Haus lebt. Das Paar hat fuenf Kinder geboren, nur die beiden aeltesten (15 und 9) leben noch, die anderen sind nacheinander als Babies gestorben. Mary sagt: And they used to say men are strong. You should see the father, crying like a woman. (Da sagt man, Maenner seien so stark. Wenn Du den Vater sehen koenntest, heult wie ne Frau)

Einen Tag spaeter: Als ich nach Hause komme sind meine Spiegel zur Wand gedreht. Ich vermute, das heisst: Mary fuehlt, dass sie – zumindest tagsueber – bei mir wohnt. Also ist auch mein Haus ein Trauerhaus. Auf dem Weg zur Arbeit hab ich darueber nachgedacht, warum ich Euch das schreibe. Warum denke ich, dass es gut ist fuer die Eltern und die Babies, wenn fremde Leute auf der anderen Seite der Welt um sie und mit ihnen trauern?

African Time

Eva in Ghana

Inzwischen brauch ich nur noch 20 Sekunden um aus meinem Bettchen zu springen, wenns frueh morgens ans Tor klopft, respektable Klamotten ueberzuwerfen und den unerwartet fruehen Besucher einzulassen. Alles eine Frage des Trainings. Im Moment sitzt der Klemptner in meinem Flur und wartet dass es halb acht wird, weil wir den Klemptnerladenbesitzer ueberredet haben, dass er ausnahmsweise so frueh aufmacht, damit wir Rohre kaufen koennen und unser Mann anfangen kann zu arbeiten. Warum klopft der Klemptner um halb sieben ans Tor? Weil wir ihn gestern abend darum gebeten haben, um acht hier zu sein.

Das ist ein haeufig vernachlaessigter Aspekt Afrikanischen – oder sagen wir Nordghanaischen – Zeitverstaendnisses. Vielleicht weil es nicht ins Bild des gemuetlichen faulen Afrikaners passt, der rumsitzt und wartet, dass ihm die Kokosnuss auf den Tisch faellt oder Food Aid mit der Nahrungsmittelhilfe kommt. Wir kennen vor allem den Afrikaner der zu spaet kommt... und dem begegne ich hier auch, aber das vor allem in meiner Freizeit. Wenn es um Arbeit geht und um die kuehlen fruehen Morgenstunden, werde ich gequaelt vom Afrikaner, der zu frueh kommt und das normal findet. So, jetzt fahren wir zum Klemptnerladen und kaufen alles was ich brauche um meinen Wassertank mit dem Haus zu verbinden. Dann gibt es nie mehr Eimerduschen!

Krabbeln im Raum

Eva in Ghana

Gestern hab ich die Hollaenderin mit Keksen gefuettert, waehrend sie mir etwas Interessantes erzaehlte. Sie ist Paedagogin und kennt Studien darueber, dass Kinder durch Krabbeln ihr raeumliches Vorstellungsvermoegen entwickeln (wenn ich noch nicht dagegengeknallt bin, ist es weit weg, Wenn ich ploetzlich heulend auf dem Hintern sitze, war irgendwas zu nah dran...). Auch hat man festgestellt, dass Nicht-Krabbler schwerer lesen und schreiben lernen.

Hier werden die Kinder auf dem Ruecken der Mutter festgebunden und da bleiben sie stundenlang haengen, Kopf in den Nacken gekippt wenn sie schlafen und dann wieder aufmerksam in der Gegend rumguckend. Ich sollte mich also bei meinem Schneider und meinem Schreiner entschuldigen und akzeptieren, dass der Schneider erst wissen konnte, dass die Gardinen zu klein sind, nachdem er sie gemacht hatte... weil er als Kind immer zusammengebunden rumhing. Wir kamen auf dieses Thema, weil uns ganz viele alltaegliche Beispiele einfielen, wo Leute Sachen nicht konnten, die uns ganz normal vorkommen. Zum Beispiel sehen, ob zwei Puzzlestuecke ineinander passen koennten. Oder wissen, welche Form ein Plaetzchenausstecher ausstechen wird, bevor man es ausprobiert hat.

Andererseits erinner ich mich vage an so eine romantisierende Ethnologin, die ich vor Jahren gelesen hab und die behauptete, dass um den Koerper gebundene Kinder viel gluecklicher und zufriedener werden und kein Heroin spritzen muessen, wenn sie gross sind. Also kann man uns Europaern auch nicht richtig boese sein, dass wir immer so griesgraemig (oh das ist aber mal ein schoenes Wort: Griesgram) durch die Gegend laufen und dauernd versuchen, Selbstmord zu begehn.

Krabbeln im Raum

Eva in Ghana

Gestern hab ich die Hollaenderin mit Keksen gefuettert, waehrend sie mir etwas Interessantes erzaehlte. Sie ist Paedagogin und kennt Studien darueber, dass Kinder durch Krabbeln ihr raeumliches Vorstellungsvermoegen entwickeln (wenn ich noch nicht dagegengeknallt bin, ist es weit weg, Wenn ich ploetzlich heulend auf dem Hintern sitze, war irgendwas zu nah dran...). Auch hat man festgestellt, dass Nicht-Krabbler schwerer lesen und schreiben lernen.

Hier werden die Kinder auf dem Ruecken der Mutter festgebunden und da bleiben sie stundenlang haengen, Kopf in den Nacken gekippt wenn sie schlafen und dann wieder aufmerksam in der Gegend rumguckend. Ich sollte mich also bei meinem Schneider und meinem Schreiner entschuldigen und akzeptieren, dass der Schneider erst wissen konnte, dass die Gardinen zu klein sind, nachdem er sie gemacht hatte... weil er als Kind immer zusammengebunden rumhing. Wir kamen auf dieses Thema, weil uns ganz viele alltaegliche Beispiele einfielen, wo Leute Sachen nicht konnten, die uns ganz normal vorkommen. Zum Beispiel sehen, ob zwei Puzzlestuecke ineinander passen koennten. Oder wissen, welche Form ein Plaetzchenausstecher ausstechen wird, bevor man es ausprobiert hat.

Andererseits erinner ich mich vage an so eine romantisierende Ethnologin, die ich vor Jahren gelesen hab und die behauptete, dass um den Koerper gebundene Kinder viel gluecklicher und zufriedener werden und kein Heroin spritzen muessen, wenn sie gross sind. Also kann man uns Europaern auch nicht richtig boese sein, dass wir immer so griesgraemig (oh das ist aber mal ein schoenes Wort: Griesgram) durch die Gegend laufen und dauernd versuchen, Selbstmord zu begehn.

So viele kleine Kinder

Eva in Ghana

Vor ein paar Tagen las ich einen Bericht ueber die oekonomische Situation im Builsa Distrikt, in meiner Region. Statistik ueber den Anteil der arbeitsfaehigen Bevoelkerung ueber 7 Jahre, der berufstaetig ist. Kennt ihr das, wenn ein Nebensatz einen ins Gesicht schlaegt.

Am naechsten Tag fuhr ich durch die Gegend und sah ueberall die berufstaetigen Siebenjaehrigen zur falschen Tageszeit ihrer Arbeit nachgehn. Das ist nicht Kinderarbeit wie in diesen Horror-Reportagen aus Asien, wo die Kinder als halbe Sklaven in kleinen dunklen Hoehlen, Raeumen, Kellern, Bergwerken, Puffs fuer einen fiesen Kapitalisten schuften, nie das Tageslicht sehn und ihrer Kindheit beraubt werden. Die meisten arbeitenden Kinder, die ich sehe, sind Hirten oder bestellen Felder, sie tragen zum Ueberleben der eigenen Familie bei oder arbeiten fuer jemand anders und befreien damit ihre Familie von der Buerde, sie zu fuettern. Oft seh ich zwei, drei kleine Jungs zusammen zwanzig Rinder mit Stoecken und Steinen durch die Gegend treiben, breit grinsend, wenn sie mir zuwinken. Das ist der Grund, warum ich das sehen kann ohne es wirklich zu sehn – uebersehen, dass diese Masse an Kindern alle nicht zur Schule gehn koennen, weil dafuer keine Zeit ist.

Vor ein paar Tagen erzaehlte Mary: Im Dorf sagt man, Kinder die Eier oder Fleisch essen, werden Diebe.

Und wo wir grad schon beim Thema Unterernaehrung sind, kann einer von Euch mir sagen oder einen Arzt fragen: Ich hab das Gefuehl, dass in besonders armen Doerfern die Babies zu kleine Koepfe im Verhaeltnis zum restlichen Koerper haben, keine Baby-Proportionen sondern eher die von Kleinkindern. Bilde ich mir das ein? Oder ist da was dran?

Aber da das Leben hier viel oefter froehlich als traurig ist, gibts auch noch ne schoene Beobachtung zum Thema Kinder: Ich bin beeindruckt, wie sehr sich die Vaeter hier um ihre Kinder kuemmern. Morgens sind die Strassen voll mit Vaetern, die ihre Kinder auf Fahrradgepaecktraegern, Mofas oder mit dem Auto zur Schule bringen, gestern sah ich einen mit zusammengerolltem Baby im Fahrradkorb am Lenker. Es ist normal, dass der Boss nicht im Geschaeft ist, weil er die Maedels von der Schule abholen muss...

So viele kleine Kinder

Eva in Ghana

Vor ein paar Tagen las ich einen Bericht ueber die oekonomische Situation im Builsa Distrikt, in meiner Region. Statistik ueber den Anteil der arbeitsfaehigen Bevoelkerung ueber 7 Jahre, der berufstaetig ist. Kennt ihr das, wenn ein Nebensatz einen ins Gesicht schlaegt.

Am naechsten Tag fuhr ich durch die Gegend und sah ueberall die berufstaetigen Siebenjaehrigen zur falschen Tageszeit ihrer Arbeit nachgehn. Das ist nicht Kinderarbeit wie in diesen Horror-Reportagen aus Asien, wo die Kinder als halbe Sklaven in kleinen dunklen Hoehlen, Raeumen, Kellern, Bergwerken, Puffs fuer einen fiesen Kapitalisten schuften, nie das Tageslicht sehn und ihrer Kindheit beraubt werden. Die meisten arbeitenden Kinder, die ich sehe, sind Hirten oder bestellen Felder, sie tragen zum Ueberleben der eigenen Familie bei oder arbeiten fuer jemand anders und befreien damit ihre Familie von der Buerde, sie zu fuettern. Oft seh ich zwei, drei kleine Jungs zusammen zwanzig Rinder mit Stoecken und Steinen durch die Gegend treiben, breit grinsend, wenn sie mir zuwinken. Das ist der Grund, warum ich das sehen kann ohne es wirklich zu sehn – uebersehen, dass diese Masse an Kindern alle nicht zur Schule gehn koennen, weil dafuer keine Zeit ist.

Vor ein paar Tagen erzaehlte Mary: Im Dorf sagt man, Kinder die Eier oder Fleisch essen, werden Diebe.

Und wo wir grad schon beim Thema Unterernaehrung sind, kann einer von Euch mir sagen oder einen Arzt fragen: Ich hab das Gefuehl, dass in besonders armen Doerfern die Babies zu kleine Koepfe im Verhaeltnis zum restlichen Koerper haben, keine Baby-Proportionen sondern eher die von Kleinkindern. Bilde ich mir das ein? Oder ist da was dran?

Aber da das Leben hier viel oefter froehlich als traurig ist, gibts auch noch ne schoene Beobachtung zum Thema Kinder: Ich bin beeindruckt, wie sehr sich die Vaeter hier um ihre Kinder kuemmern. Morgens sind die Strassen voll mit Vaetern, die ihre Kinder auf Fahrradgepaecktraegern, Mofas oder mit dem Auto zur Schule bringen, gestern sah ich einen mit zusammengerolltem Baby im Fahrradkorb am Lenker. Es ist normal, dass der Boss nicht im Geschaeft ist, weil er die Maedels von der Schule abholen muss...

Alles easy pupiesie?

Eva in Ghana
Ich erzaehl so viel von den non-konfrontativen Strategien hier, dem positiv-schwammigen Gerede mit dem man niemanden verletzt. „Vielleicht“ heisst „nein“, „ich bin sehr sicher“ heisst „ich hab keine Ahnung“. Das stimmt auch alles und ich lerne hier durch Beobachtung und Fettnapfschwimmen den Vorteil von fragen, indirekt reden und im Zweifelsfall Mund halten.

Aber das ist nur die Haelfte der Geschichte. Denn ich beobachte auch, wie Leute verdammt ruede miteinander umgehn. Gestern sass ich mit zwei Bekannten in dem „Gartenlokal“ wo man hier Sonntag nachmittags hingeht und ein kleiner Junge mit Apfelgeschaeft auf dem Kopf kam vorbei. Einer meiner Begleiter wollte einen Apfel und schnautzte den Jungen an, er solle stehenbleiben und wieviel die Aepfel kosten. Nachdem der Junge den Preis gefluestert hatte, schickte er ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung und einem Fluch weg und fragte mich dann freundlich, ob ich vielleicht einen Apfel haben wollte. Ich wollte, denn gestern war Apfelpfannkuchen mit Mary geplant. Also schnautzte er den Apfelladen an, er sollte zurueckkommen und waehrend ich versuchte freundlich zu laecheln und den Jungen wie einen Menschen zu behandeln, ging neben mir die herbe Show weiter. Da ich hier fremd bin und ohne Fragen nichts versteh, musst ich also nachfragen: Warum warst Du so unfreundlich zu ihm? Die Antwort: Das ist Strategie, wenn Du zu denen freundlich bist, hauen die dich uebers Ohr.

Natuerlich war er nun auch veraergert, dass ich nachgefragt und indirekt kritisiert hab. Aber da gab’s nur mein unschuldigstes Laecheln und ich hab ihm erklaert, warum ich immer fragen muss: Ich hab beobachtet, wie zwei Leute einander kennenlernen, dann finden sie raus, zu welchem Stamm der andere gehoert und fangen aus heiterem Himmel an, sich wuest zu beschimpfen: Du bist ein Esel, ein Dummkopf, ich bin Dein Boss und Du bist nur ein Sklave usw. Als naive Besucherin denk ich natuerlich, jetzt gehts los, gleich gibts blutige Stammeskonflikte. Aber – und deshalb muss ich fragen – mir wurde erklaert: Unsere beiden Staemme sind Spielkameraden. Wir sind eng miteinander verwandt und seit langer langer Zeit ist unklar, wer denn nun der Boss ist. Wenn ich einen dieser Spielkameraden (play-mates) kennenlerne, wird von uns erwartet, dass wir einander beschimpfen, aber das ist nicht boes gemeint, das ist doch nur Spass. Wenn der andere aelter ist als ich, darf ich ihn nicht so arg beschimpfen wie er mich, ich sag dann nur, dass ich der Boss bin.

Montag, Juni 27, 2005

N Haufen Neues

Eva in Ghana
Meine lieben treuen Leser. Ich hab eine Woche voller Gerenne hinter mir, unser Einfuehrungsworkshop naehert sich, ein Haufen Reports mussten geschrieben werden und mein kleines Team gewoehnt sich an personelle Veraenderungen... Wann immer ich im Internetcafe war, gab es lange Schlangen, die Computer waren von Viren oder was weis ich verlangsamt und ich konnte nur das noetigste an geschaeftlicher Email erledigen, bevor ich weiterhastete. Tut mir leid, Tanja, wenn Du diesen Sonntag ohne Afrikageschichten warst. Aber Du siehst, hinter Eurem Ruecken war ich fleissig und bin heute extra frueh aufgestanden, um den Kram noch vor der Arbeit loszuschicken...

Wueste Spelunke

Eva in Ghana
Woher kommt das, dass die eine wueste Spelunke einer Kleinstadt sich meist so viel verworfener und wilder anfuehlt, als die aergsten Grossstadtlaeden? Im Rahmen meiner sozialwissenschaftlichen Forschungstaetigkeit hier, musste ich gestern abend dieser Frage nachgehn und der wuestesten Kneipe Bolgas einen kurzen Besuch abstatten. Natuerlich nicht unbegleitet, denn diese Kneipe hat den Ruf: Wenn Du als Frau da allein hingehst, ist es unwahrscheinlich, dass Du auch allein wieder rauskommst...

Hinter einem blauweissen Bretterzaun auf der Hauptstrasse stehen ein paar Tische und Stuehle unter freiem Himmel. Da hindurch geht man in die eigentliche Kneipe, einen kleinen Raum, der ueber und ueber mit Bierpostern dekoriert ist und zur Haelfte von einem grossen Kaefig eingenommen wird. Hinter den Gittern ist die Bar und es ist nicht ganz klar, ob der Kaefig die Barmaedchen, die Getraenke oder die Tageseinnahmen vor den Gaesten schuetzen soll. Natuerlich gibt es einen Fernseher, und als ich gestern da war lief ein langer Werbespot der Regierung mit dem Slogan: Pay Taxes (Bezahl Steuern!). In der Ecke sass ein kleines Maedchen, das wohl zu irgendeiner trinkenden Mutter gehoerte.

Aber all das erklaert nicht, warum sich dieser Ort so verworfen anfuehlt, denn alles was ich gesehn hab, gehoert zu einer Kneipe und ist nicht sonderlich spektakulaer: Maenner und Frauen trinken Alkohol, die Barmaedels spielen die Lieblingslieder der Stammgaeste, dann wird getanzt, wer neu ankommt, wird mit grossem Hallo begruesst... so weit – so harmlos.

Liegt es vielleicht daran, dass sich die fragwuerdigen Gestalten in einer Kleinstadt nicht einfach in unterschiedliche Szenen aufteilen und unter sich bleiben koennen? Freaks jeglicher Form, Farbe und Geschmacksrichtung kommen hierher, wenn es sie aus dem Haus treibt. Ausserdem wird dieser scharfe herbe Geschmack von Wildheit durch den Kontrast mit der Umgebung verstaerkt. Sicher kann man sagen wir auf Sankt Pauli in Kneipen gehn, wo aergere Dinge passieren als in dieser harmlosen Kleinstadtspelunke. Aber da ist man umgeben von einer traditionsreichen und wohlorganisierten Verworfenheitsindustrie und tausenden Gleichgesinnten. Waehrend unter den strengen Augen der Kleinstadtnachbarn hier schon das Rauchen von Zigaretten als moralisch fragwuerdig definiert wird und die lokalen Heroen mit geringem Aufwand wild und gefaehrlich leben koennen...

Zuckervaeter

Eva in Ghana
Vorgestern hab ich meinen Auftrag als Food Policy Researcher (Erforscher der Ernaehrungspolitik) sehr woertlich genommen und meine Mitarbeiter mittags dahin zum Essen eingeladen, wo wir unseren Einfuehrungsworkshop halten wollen. Schliesslich muessen wir testen, ob das Essen da gut und sein Geld wert ist. Waehrend des Essens hab ich wieder was ueber Maenner und Frauen gelernt. Nicht dass mir das Prinzip des Sugar Daddies unbekannt waere: Reicher alter Mann, der einer jungen schoenen Frau alles erdenkliche schenkt, damit sie seine Freundin wird. Was mich aber verwunderte, war die Offenheit und Geschaeftsmaessigkeit, mit der meine (muslimische) Kollegin sagt, dass sie natuerlich auch einen hat und auf meine Fragen hin wurde mir erklaert, wie normal das hier ist. Natuerlich sind die alten Herren verheiratet. Und die jungen Damen haben noch einen jungen Freund, der das auch alles ok findet, weil die Dame ihren Profit mit ihm teilt. Und wenn die Geschichte vorbei ist, heiratet sie irgendwann einen der jungen Kerle und fuehrt ein ganz normales respektables Leben. Na gut, meine jungen maennlichen Kollegen fanden das ganze schon irgendwie nervig... weil sie sich eben noch nicht leisten koennen, so viel in ihre Freundinnen zu investieren.

Schlafen

Eva in Ghana
Als ich aus Namibia zurueckkam, fand Schwester P. mich extrem verlangsamt. Macht Euch auf was gefasst. Ich lerne schlafen. Zum Beispiel im Internet Cafe, wenn ich auf den einen einzigen oeffentlichen Computer mit USB Schnittstelle fuer meinen Memory Stick warte. Oder im Auto, wenn ich abends mit meinen Assistenten auf eine Geburtstagsparty will und nur eine halbe Stunde zu spaet komme um sie abzuholen. Sitz zurueckkippen und zur Musik schlafen, bis die Jungs sich fertig aufgetakelt haben und es losgehn kann. Wo ich noch etwas zurueckhaltend bin, obwohl es doch so reizvoll ist und ein anerkannter Teil der lokalen Arbeitskultur, ist der Bueroschlaf. Ich bin ueberzeugt davon, dass Schlafende bestimmte Schwingungen aussenden, die ihre Umgebung zum Mitschlafen einladen. Da mein neues Buero in einem Gebaeude der Regionalverwaltung ist, bin ich von allen Seiten durch die Waende diesem Schlafsmog ausgesetzt, was soll ich tun? Bislang reisse ich..... wacker die Augen auf und mische mir in der Wasserflasche kalten Nescafe. Aber wenn ich ...............................................................m...............einen.............ko.opf aufdie tastaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaatureeeeeeeeeeee sinkennnnn sssssssss lasse...............................

Hallo?! Aeh, wo waren wir? Ach so, ja genau, warum hier in den Bueros so viel geschlafen wird. Der Grund ist die Demokratie. Die macht naemlich, dass jeder gern gewaehlt werden wuerde und deshalb keiner den Regierungsapparat verschlankt sondern jede Regierung heiter noch mehr Beamte anstellt. Weil das aber viel mehr sind, als Arbeit oder Geld da waeren, kriegt jeder einen einzigen Stempel und den auf ein ganz bestimmtes Dokument zu druecken ist seine Aufgabe. Wenn drei Monate keiner dieses Formular einreicht............... Wenn man arm ist, so wie Ghana, und trotzdem so viel uneffiziente Buerohocker anstellen will, kann man denen natuerlich nur ein geringes Gehalt versprechen und dieses nur selten puenktlich zahlen. Also faehrt der Lehrer vor und nach der Schule Taxi und der Landwirtschaftsbeamte ist nachts Wachmann und in der Daemmerung Gaertner... Und irgendwann muessen die armen Jungs ja auch mal die Augen zu machen.

Schlimmste Beleidigungen

Eva in Ghana
Man darf hier im Eifer des Gefechts niemals die Intelligenz seines Gegenuebers laut anzweifeln. Are you stupid? oder You are a fool (Bist Du bloed? Du bist ein Bloedmann!) sind ganz arge und kaum verzeihliche Beleidigungen. Ebenfalls sehr ernst genommen wird jeder Hinweis, dass man sich von jemandem betrogen fuehlt. „You are cheating“ ist nichts, was man halb scherzhaft in den Preiskampf mit der Marktfrau einwirft. Aber die schlimmste aller Beleidigungen, wenn man’s dem anderen so richtig geben will, ist: Your wife cannot cook! (Deine Frau kann nicht kochen)

[Ich weiss, dass Ihr denkt, ich denk mir sowas aus oder uebertreibe wenigstens masslos. Aber das ist mir genau so erklaert worden. Ich bin nicht bloed und ich betruege nicht. Hab aber keine Frau, die kochen kann.]

Sauer macht lustig

Eva in Ghana
Letzte Woche hab ich mit meiner englischen Nachbarin einen Morgenspaziergang gemacht, bevor die grosse Hitze das Rumlaufen qualvoll macht. Sie ist schon zwei Jahre hier und will lieber in Afrika als zu Hause leben. Von ihrem Wissen um die lokalen Gepflogenheiten profitiere ich sehr und auf unserem Spaziergang hab ich gelernt, warum die alte Marktfrau, bei der sie regelmaessig bergeweise Zitronen fuers Salatdressing kauft, sie immer so anlacht.

Damen, die ihrem Mann eine besondere Freude machen wollen, reiben sich mit Zitronensaft ein, da sich dadurch alles zusammenzieht und sie ihm eine besonders kleine Oeffnung anbieten koennen. Das erinnert mich an das suedliche Afrika, wo es ein Pulver aus Rinde oder Wurzeln gibt, das die Frauen besonders trocken macht. Naja, in einer Gegend, in der Genitalbeschneidung zwar verboten ist aber immer noch praktiziert wird, ist ein bisschen Zitronensaft sicherlich eines der geringeren Uebel. Mag sein, dass es sogar die Hygiene erhoeht und leicht verhuetend wirkt (Im Buch „Where there is no doctor“ wird in Ermangelung anderer Mittel die Benutzung eines Essigschwamm zur Verhuetung empfohlen...)

Geburtstagskinder quaelen

Eva in Ghana

Ich kann Dick und Doof Filme nicht geniessen, weil ich das so quaelend finde, wenn die beiden in eine peinliche Situation nach der anderen geraten. Wie Kinder im Kasperle-Theater will ich immer dazwischen bruellen. Aufgrund dieses lueckenhaften Sinns fuer Humor kann ich anderleuts Geburtstag hier nicht vollkommen geniessen.

Der Cousin meines Assistenten, Action, feierte gestern seinen 31sten. Mein Assistent merkte das, als er morgens davon aufwachte, dass Actions Freunde ins Haus kamen und ihn eimerweise mit Wasser und Schlamm begossen. Das nennt man hier pounding und ich habe mir erklaeren lassen, dass das lustig ist. Den ganzen Tag bis Mitternacht wartet hinter jeder Ecke ein Freund mit einem Eimer, einer Bierflasche oder einem Glas. Da Action immer Action macht und hier eine lokale Beruehmtheit ist, hat er verdammt viele Freunde. Fuer die Geburtstagsparty hatte er mit einem Freund, der am gleichen Tag geboren ist, das Dach der Disco gemietet. Und verbrachte den Abend damit, zwischen der Party und zu Hause hin und her zu fahren, um die nassen Klamotten gegen trockene umzutauschen und dabei war er die ganze Zeit gezwungen, massiv gut gelaunt zu sein, denn das ist er seinem Ruf schuldig.

Was gab es sonst noch: Eine Musikanlage, die andauernd streikte und von einem versoffenen DJ bedient wurde, mehrere Moderatoren, die jedes zweite Lied abwuergten um einen langen Glueckwunsch auszusprechen, einen Kerl mit Videokamera, der alles aufnahm, ein Gebet zur Eroeffnung und einen Punch, der so suess und stark war, dass meine Nachbarin davon umfiel und nach Hause transportiert werden musste.

Freitag, Juni 10, 2005

Was ich vermisse

· Ins Kino gehn und danach im Bermudadreieck nen Capucchino trinken und den aufgebrezelten Tuerkinnen beim Flanieren zusehn.
· zu Fuss gehn, zum Beispiel stundenlang mit der Mutter durch Koeln, ohne dass einen die Hitze killt
· Essen; zum Beispiel welches in dem Schafskaese und Spinat vorkommt, Salate, Kaese, Creme Fraiche
· Freunde
· Durch den botanischen Garten hinter der Uni gehn und die Jahreszeiten beim Vergehn beobachten
· Neben dem Theater wohnen und zu wissen, ich koennte, obwohl ich nie geh.
· Maenner, die sich lang genug mit Gleichberechtigungsdebatten rumschlagen mussten um Frauen nun auch als ganze Kerle zu sehn
· Mittelmaessiges Kneipenessen (nicht so sehr den Geschmack sondern die Situationen)
· Fuer Euch kochen und keiner sagt: Zu wenig Oel, zu wenig Pfeffer und auch sonst irgendwie komisch (ok, Ihr stimmt mit Mary ueberein und sagt: zu wenig Salz)
· Buchhandlung Jansen (aber jede doofe Bahnhofsbuchhandlung wuerds auch tun)
· Eine Postadresse und einen ordentlichen Telefonanschluss; Internet


Was ich vermissen wuerde, waer ich zurueck in Deutschland:
· Jeder spricht mit Dir, egal ob Du ihn kennst, das ganze Winken und Gruessen, wenn ich durch die Gegend geh oder fahr
· Wichtig sein, weil ich weiss bin. Ich werde hier so eitel, weil mich jeder fuer was besonderes haelt und weil Weisse hier so einen tollen Ruf haben, was Verlaesslichkeit, Reichtum und pfleglichen Umgang mit Haeusern angeht... Ich werde vom ehemaligen Regionalminister auf der Strasse angesprochen, ob ich vielleicht ein Haus suche, er haette da was zu vermieten und ich saehe so aus, als wenn ich gut damit umgehen wuerde.
· Die spannende Unverstaendlichkeit der Gesellschaft, die mich jeden Tag beruflich und privat auf Forschungsreise schickt.
· Meine beiden schoenen Haeuser
· Arbeiten nicht jeden Tag im Buero sondern so viel draussen mit Leuten
· Ganz nah am Leben sein: Hier wird dauernd geboren und gestorben und gepfluegt, gesaeht und geerntet, Wasser aus der Erde geholt und auf dem Kopf geschleppt, Feuer zum Kochen gemacht, Kleider genaeht, Sandalen aus Autoreifen geschnitten...
· Kleine Ziegen, an denen noch die Nabelschnur haengt, Eselfamilien im Vorgarten, sechs kleine Schweine, die ueber die Strasse rasen.

Montag, Juni 06, 2005

Die Aermsten

Meistens ist Alltag. Egal, wo ich bin. Auch hier nutzt sich das Staunen ueber all das Neue und Exotische schnell ab, bald muss ich die Augen bewusst aufreissen, um die Maenner mit Naehmaschine auf dem Kopf noch zu sehn. Laengst weiss mein Koerper wieder, dass Regen gutes Wetter ist und Sonnenschein schlechtes. Aber mitten im Alltag trifft es mich doch ab und zu Hinterruecks, ich schau mich um und koennte heulen. Die Upper East Region ist die aermste Region Ghanas und verdammt nochmal, ab und zu denk ich nur noch: Ihr Armen!

Natuerlich gibt es in der Region relativ reiche und arme Orte, in den Doerfern reiche und arme Familien. Und je laenger ich da bin, desto mehr Unterscheidungsmerkmale erkenne ich. Heute merkte ich, dass ich Hungerbaeuche bei Kindern verglich: Diese Familie muss reich sein, weil die Kinder fast keinen Hungerbauch haben. Eines meiner Ghanaischen Kochbuecher sagt, wenn eine Familie sich 24 Tage hauptsaechlich von Jams ernaehrt, beginnt der Eiweissmangel. Und das ist es ja, was diese kugeligen Baeuche bei Kindern macht, hungern mit vollem Bauch.

Upper East ist nicht nur die aermste, sondern auch die trockenste Region Ghanas. Waehrend im Sueden die Regenzeit in vollem Schwange ist, beten wir hier alle: O lewen Joot jev ons Wassa! Wenn wir durch die Region fahren, sehen wir, wie kleinflaechig es regnet - oder auch nicht. Hier ist der erste Millet schon eine Spanne hoch, hinter dem Huegel liegt die Erde noch grau und staubig in der Sonne. Alle klagen ueber den schlechten Regen letztes Jahr. Die Bewaesserungsdaemme wurden nicht voll und dieses Jahr konnte in der Trockenzeit in vielen Orten nur wenig oder nichts bewaessert werden. Wenn ich nachfrage: War letztes Jahr wirklich so aussergewoehnlich schlecht? erzaehlen sie mir, dass die Duerre nun schon fuenf Jahre geht.

Wir haben diese Woche mit unserem ersten systematischen Zug durch die Gemeinde begonnen, in jedem der acht Distrikte besuchen wir zwei Doerfer, treffen da alle Entscheider, die mit Wasser zu tun haben und dazu noch ganz normale Leute, um einen ersten Ueberblick ueber die Region zu kriegen und rauszufinden, wie Wasser hier funktioniert, was die wichtigen Themen sind, wie die verschiedenen Ebenen zusammenarbeiten und was den Leuten wichtig ist. In unserem Team bin ich die einzige Nicht-Ghanaerin, aber einer der beiden Kollegen kommt aus dem Sueden, versteht also von den lokalen Sprachen so viel wie ich.

Heute nachmittag waren wir in einem Dorf, wo die Frauen seit dem fruehen Morgen am leeren Marktplatz gesessen und auf uns gewartet haben. „Als wir gehoert haben, dass Ihr kommt und uns mit Wasser helfen wollt, haben wir uns gleich auf den Weg gemacht.“ In jedem Dorf, in dem wir bis jetzt waren, erzaehlen die Frauen von Kaempfen untereinander an der Wasserpumpe.
Mit Worten oder mit Faeusten?
Beides!
Mit Blut?
Mit Blut?
Mit Toten?
Nicht mit Toten aber manchmal muss eine ins Krankenhaus.

Der Streit entbrennt, wenn sich eine Frau in der Schlange vordraengelt. In der Trockenzeit ist der Wasserspiegel so niedrig, dass es lange dauert, bis man dran ist und vielleicht kommt dann kein Wasser mehr. Dann muss man Stunden warten, bis das Wasser wieder fliesst. In dem letzten Dorf heute erzaehlten sie, dass die Frauen dann manchmal erst nachts nach Hause kommen zum kochen und die Kinder dann um elf oder zwoelf zum essen wecken. Und fuer die Frauen in diesem Dorf ist das in der Trockenzeit... einfach Alltag, nichts, was sie erzaehlen wuerden, wenn keiner von aussen kaeme und nachfragte...

Donnerstag, Juni 02, 2005

Eva im Dorf

Eva in Ghana
Ich verbring im Moment etwa 10 Stunden am Tag entweder auf unbefestigten Strassen fahrend oder in Doerfern mit Gruppen, die meine Sprachen nicht sprechen, Wassersachen diskutieren. Wenn ich abends nach Hause komme, fuetter ich mich irgendwie, lese die flachsten Romane, die ich in meinem Buecherschrank finden kann und werde zwischen 9 und 10 Uhr bewusstlos um morgens um 5:45 vom Wachman (Hello, Madam!) geweckt zu werden und der Zirkus geginnt von neuem. Darueber vernachlaessige ich meine Freunde und Familie zu Hause, weil ich mich nur mit aeusserstem Pflichtbewusstsein ins Internetcafe quaelen kann um mit meinen Chefs Geschaeftliches zu diskutieren und mein Handy dauernd keinen Empfang hat. Seit Wochen bekomm ich uebermorgen Telefon im Haus. Bitte, habt Geduld mit mir und wisst, dass ich Euch trotzdem wahnsinnig liebe und wenn Ihr ganz genau hinhoert, koennt Ihr vielleicht hoeren, wie viel ich an Euch denke.

Dienstag, Mai 24, 2005

Essen: meine Mary

Eva in Ghana
Small Mary, die meinen Haushalt schmeisst, ist ne Wucht. Sie ist noch kleiner als ich und mit ihr muss ich nicht mehr spuelen, keine Angst vor Dieben haben, wenn ich tags aus dem Haus geh, sie buegelt fleissig und faltenreich und, was ich faszinierend finde, obwohl sie den ganzen Tag da ist, nervt sie nicht. Dabei hilft, dass sie so viel schlaeft. In diesem kleinen Haushalt ist nicht genug zu tun, um jemanden den ganzen Tag beschaeftigt zu halten, sie muss aber hier sein, damit ich (s.o.) beruhigt das Haus verlassen kann. Also legt sie ihre Matte in den Hof oder ein Zimmer und schlaeft still vor sich hin.

Sie nervt nie, ausser...

Nein, ich habe heute beschlossen: Es wird mich nicht mehr nerven, dass sie immer von ihrem Lager aufsteht, wenn ich anfange in der Kueche zu klappern. Dann kommt sie, stellt sich einen Meter neben mich, lehnt sich auf die Arbeitsplatte und guckt mir genau auf die Finger. Anne, mag ich es, wenn man mir beim Kochen zuguckt?

Die letzten Tage hab ich ueberlegt, wie ich sie von meiner Schulter krieg...

Heute gab’s Reibekuchen. Vorgestern Kartoffelpueree. Weil ich auf dem Markt den Stand mit Kartoffeln gefunden hab. Mary dachte bis vorgestern, das einzige, was man aus Kartoffeln machen kann, sind Pommes. Als sie mir heute zuguckte, meinte sie ganz erstaunt: Du machst ja wieder was anderes!

Und irgendwann waehrend des Kochens, hab ich dann einfach Frieden damit geschlossen und gedacht: Dann auch richtig.

Mary hat, bevor sie im Restaurant anfing, zwei Jahre eine Hauswirtschaftsschule besucht, die sie verlassen musste, weil kein Geld mehr da war. Seit ich ihr gesagt hab, dass sie alle meine Buecher lesen darf, liegt sie oft da und liest Kochbuecher, statt zu schlafen. Also richtig: Hab ihr erklaert, was ich mache, was in so nen Reibekuchen reinkommt, dass man die normalerweise mit Schwarzbrot und Apfelkompott isst, zumindest da, wo ich herkomme. Und sie am Ende probieren lassen. Schmeckte ihr besser als Kartoffelpueree. Wer weiss, wo sie das nochmal nutzen kann, wenn sie bei mir lernt, was Europaer gern essen und wie man das kocht.

P.S.: Als ich ein Spiegelei ass, fragte sie: Wie hast Du das gemacht. Erst das Eiweiss in die Pfanne, dann das Eigelb?

Mir Koelsche wir klaewe wie der Duewel am Laewe

Eva in Ghana
(Wir Koelner kleben wie der Teufel am Leben)
Ich riech fast diese Mischung aus schalem Bier, durchgeschwitzter Clownsschminke und Gedraenge in der Kreuzauer Dorfkneipe. Nur das Frieren, was zum Karneval dazu gehoert, weil er ja auf der Strasse stattfindet und die Eitelkeit es verbietet, sich als kissenausgestopfter Clown zu verkleiden, diese Kaelte kann ich mir nicht vorstellen... Ich weiss, meine Freunde aus dem Rest der Welt (alles, was ausserhalb des Koelner Dunstkreises liegt) muessen mich fuer bescheuert halten, aber denen, die von zu Hause kommen, kann ich nur raten: Blaeck Foeoess heben die Auslandstimmung doch ungemein. Und wenn Ihr schlau seid, besorgt Ihr Euch diesen Quatsch schon vor der Abreise. Denn fuer die Fernbestellung muss man schon die richtigen Spinner kennen (
danke Felix...)

O o Katrinn isch han misch verloore, verloore an Disch... Ich schunkel ein wenig vor mich hin und freu mich, dass hier keiner den Unterschied kennt. zwischen dieser komischen Musik und anderer komischer Musik die Europaeer hoeren.

Viel Weiber

Eva in Ghana
Mein Assistent sagt, bei der Organisation der Vielweiberei kommt es darauf an, woran der Mann glaubt. Muslime koennen bis zu vier Frauen haben, aber fuer die Frauenhaltung gibt es feste Regeln. Die drei wichtigsten:
- Eine neue Frau kommt nur ins Haus, wenn die alte zustimmt.
- Nur der darf sich eine weitere Frau nehmen, der sie sich auch leisten kann
- Der Mann muss all seinen Frauen das Gleiche geben, gleiche Liebe, gleiche Geschenke

Selbst wenn er meint, dass nicht alle diese Regeln einhalten, ist die Position der Frauen mit Regeln staerker als im traditionellen setting also bei Leuten, die traditionellen afrikanischen Religionen anhaengen. Hier duerfen die Maenner duerfen so viele Frauen haben, wie sie Brautpreise zahlen koennen. Und vor der Regenzeit hoert man Maenner traeumen: Wenn die Ernte gut wird, leiste ich mir entweder ein Motorad oder noch ne Frau (dann hat’s schlecht geregnet und es gab nicht mal ein Fahrrad...). Die alten Frauen duerfen nicht mitbestimmen, ob sie noch eine wollen und es gibt keine Regeln darueber, allen gleich zu geben. Dann gibt es noch die Christen. Wenn die mehr als eine Frau heiraten gehen sie von da an meist nicht mehr in die Kirche. Oder nur noch in eine Kirche, die weit genug von zu Hause weg ist oder in der grossen Stadt, so dass keiner von ihrer Suende weiss. Dass Gott, der da doch eigentlich die Hauptrolle spielt, auch in der grossen Stadt jedes seiner Schafe gezaehlt hat und keines uebersieht, ist anscheinend nicht so wichtig...

Das Verhaeltnis zwischen erster und zweiter Frau haengt natuerlich stark davon ab, was das fuer Leute sind und wie der Mann, der Macht verteilen kann, sich verhaelt. In der traditionellen Beziehung gibt es einmal die Norm, dass die alte Frau bei Entscheidungen fuer den Haushalt das letzte Wort und die groessere Autoritaet hat. Aber es ist auch haeufig, dass die kleine Frau beim Mann mehr Einfluss hat. „Wenn Du was erreichen willst, musst Du ueber die kleine Frau gehn“. Sie ist schliesslich das neue Spielzeug und bekommt deshalb mehr Aufmerksamkeit, Liebe, Geschenke. Eine Ausnahme ist, wenn der Mann gar keine zweite Frau haben wollte, aber die Familie ihn nochmal verheiratet hat, weil er zum Beispiel ein lokaler Wuerdentraeger ist und deshalb mehr als eine Frau von ihm erwartet wird. Es kommt durchaus vor, dass der Mann gleichzeitig mit allen seinen Frauen Kinder macht, in anderen Beziehungen kommen die Frauen eher nacheinander, man sucht sich eine Frische, nachdem man die Alte aufgebraucht hat. Dass es gleichzeitige Kinder gibt, sei vor allem bei Muslimen ueblich, denn: Jede Frau bekommt das Gleiche.

Wenn ein Mann von seiner ersten Frau die Nase voll hat und sie nicht mit der naechsten Heirat einverstanden ist, kann er fuer die zweite Frau ein Apartment mieten (das gilt wohl eher fuer die staedtische Lebensform) und wird dann meistens dort zu finden sein und nicht in seinem alten Haus. Wenn er aber die alte Frau aus dem Haus schmeisst, bekommt er Aerger, das ist gesellschaftlich nicht angesehn. Wenn eine Frau aus dem Haus gejagt wird, weil sie sich nicht ordentlich benommen hat, oder auch wenn sie selbst weglaeuft, dann gibt es zwei Alternativen: Zurueck zu den Eltern (wenn die noch leben) oder in die grosse Stadt, in ein ungewisses Schicksal ohne familiaere Unterstuetzung.

Eine weitere Art, unerwartet an eine weitere Frau zu kommen, ist das Frauengeschenk: Eine Familie schenkt dem Mann einer anderen Familie eine der Toechter. Das passiert zum Beispiel zwischen Schwiegerfamilien. Der Mann hat schon einer Frau (=Arbeitskraft) aus der anderen Familie weggeheiratet. Deshalb ist seine eigene Familie verpflichtet, der Familie der Frau immer viel Unterstuetzung zu geben. Vor allem bei Beerdigungen wird von den Schwiegerfamilien erwartet, dass sie den Hauptteil der Kosten tragen. Und wenn sich einer dabei besonders gut und grosszuegig zeigt, dann moechte man die Bande mit dieser Familie staerken und bietet dem Mann eine weitere Tochter an. Heutzutage wird die Frau dann meist aus Hoeflichkeit, und um das Geschenk formal anzunehmen, fuer ein paar Tage aufgenommen und dann unberuehrt wieder nach Hause geschickt. Aber Kollegin M hat einen ueber 70jaehrigen Nachbarn im Dorf, der die 22jaehrige, die ihm vor kurzem geschenkt wurde, dankend angenommen und flugs zwei Kinder gezeugt hat.

Essen: Hirsebrot

Eva in Ghana

Endlich bin ich dem Hinweis nachgegangen, dass Hirsemehl so aehnlich funktioniert wie Roggenmehl, also Brot schwerer und herzhafter macht. Gestern auf dem Markt war das eher Zufall, dass ich auf der Suche nach Weizenmehl fragte, was denn die anderen Pulver seien und ein hellbraunes eben Hirsemehl war. Zwei leere Bohnendosen voll fuer zweitausend. Gestern und heute morgen schnell das vorhandene Oliven-Zwiebel-Brot aufgegessen (oh ja, in dem „Supermarkt“ der sich selbst so nennt und seine Anfuehrungszeichnen wirklich verdient, hab ich neulich Oliven gefunden), damit ich neu backen konnte. In der Kiste mit den Brotbackmischungen noch Trockenhefepaeckchen gefunden, juhu ich dachte schon, das war’s. Grundlage fuer das erste Hirsebrot meines Lebens war ein biederes deutsches Backbuchrezept, aber dann irgendwie alles anders. Folgendermassen:

400 g Weizenmehl
200 g Hirsemehl
1 EL Salz
350 ml Wasser
1 Paeckchen Trockenhefe
5 El Olivenoel
Fenchelsamen, Pfefferkoerner, Senfsaat, Kuemmel, schwarzer Sesam (im Moerser grob zermahlen)

Alle trockenen Zutaten mischen. Mit dem Rest zu einem koestlich geschmeidigen Teig verkneten (fuehlt sich ganz eigen an). In tropischen Temperaturen schnell immens aufgehn lassen, kleinkneten, aufs Blech, nochmal gehn lassen und backen.

Und dann hatte eine Englaenderin, die wir gestern zu Besuch hatten, uns genau erklaert, wo denn nun Grace’s Shop ist, wo es Butter gibt. Waehrend der Teig mit dem immensen Aufgehn beschaeftigt war, sind wir in die Stadt gefahren, haben zuerst jungen Kerls dabei zugesehn, wie sie tanzend und lachend den Sonntag nachmittag versoffen und haben dann BUTTER oh gekauft. Als das Brot fertig war, haben wir es gleich heiss zur Haelfte verspeist, mit dick Butter-oh.

Eine ghanaische Freundin von Kollegin M war auch dabei. Sie probierte und meinte dann: Das ist also Butter. Und das in einer Gegend, in der es wahrscheinlich mehr Kuehe gibt als Menschen... Das Brot ist uebrigens koestlich und nicht nur die Fliege, die der Teufel in der Not frisst. Das Hirsemehl vielleicht etwas leichter als Roggen und mit einem runden, leicht suesslich-malzigen Geschmack.

Falschen Krokodilen an den Schwanz

Eva in Ghana


Zu den Dingen, von denen mir schon vor meiner Abreise ueber Ghana erzaehlt wurde, gehoeren die heiligen und daher friedfertigen Krokodile in Paga, denen man Huehner opfert und zum Dank fuer diese Gabe ein Foto mit Krokoschwanz in der Hand schiessen kann, ohne selbst gefressen zu werden. Die Krokodile beherrbergen die Seelen der lokalen Vorfahren und sorgen fuer ihre Nachkommen durch das Verspeisen ueberteuerter magerer Huehner.

Wenn man durch Paga faehrt, kommt irgendwann ein Schild zum Crocodile Pond, dann gehts ueber Stock und Stein zu einem kleinen Tuempel. Unter einem Baum sitzt die Dorfjugend und wartet, dass was passiert. Der Fremdenfuehrer wird von einem Kumpel aus der Moschee geholt, wo er grade sein Freitagsgebet beendet hatte. Welcome, welcome usw. Preisverhandlungen, die mit dem Argument ausgehebelt werden, dass das Huhn ja ueberteuert sein muss, damit die community am community tourism auch was verdienen kann. Die Jungs versuchen zuerst ein freilaufendes Huhn einzufangen, das waere natuerlich super gewesen, dann haetten sie 100% Gewinn gemacht ohne Investition. Dabei wurde viel gelacht und fuer alle Beteiligten war das eher ein Spiel – das das Huhn gewann. Also ging unser Fuehrer in den kleinen Lehmstall und kam mit einem Federding in der Hand raus, das ich zuerst fuer einen toten Koeder hielt, weil ich noch nie so ein erbaermlich mageres Huhn gesehn hab.

Damit gings runter an den Teich, kurzes Gewedel da kam auch schon ein fettes Krokodil raus. Ich war erstaunt, wie lang seine Beine waren und wie hoch der Bauch ueber der Erde getragen wird. Das Huhn wurde ihm im hohen Bogen zugeworfen, Schnapp! nur noch ein Fuss ragt aus dem Mundwinkel, noch lebend wird das ganze Huhn verschluckt. Schliesslich gehoert es zum Protokoll, dass mindestens einer der Touristen sich mit Krokodil fotografieren laesst. Da ich das meinen Eltern kaum zumuten konnte, hielt ich also den dreckigen Krokodilschwanz in die Luft, waehrend die Mutter aus der Ferne mit Abscheu zusah und der Vater Fotos machte (die wir spaeter alle aus Versehen loeschten).

Waehrend des ganzen Spektakels beobachteten wir einen Jungen, der seinen widerstrebenden Esel am Karren mit Stockschlaegen in den Teich trieb. Auf dem Karren war ein Fass, das er mit Schmuddelwasser fuellen wollte. Der Esel war zwischen all den Krokodilen so nervoes, dass er beim Zusammenzucken das volle Fass vom Karren stiess, der Schoepfeimer wurde vom Wind weiter in den Tuempel getrieben und der Junge musste von vorne anfangen...

Aber warum „falsche Krokodile“? Darum: Wir sind vom Tuempel zurueck auf die Hauptstrasse und dann Richtung Grenze, weil wir mal sehn wollten, ob Burkina Faso anders ist als Ghana und ob sie vielleicht Kaese verkaufen... (ist es nicht und tun sie nicht, zumindest nicht gleich hinter der Grenze, nur „la vache qui rit“ und die Kuh lacht ja grad, weils kein Kaese ist). Und da sehn wir links der Strasse einen grossen Dam mit Schild dran „Crocodile Pond“, man kann die Krokodilaugen schon von der Strasse aus dem Wasser stippen sehn.

Ich muss nur lachen und bin voller Bewunderung fuer die geschaeftstuechtigen Ghanaer, dass sie einfach eine kleinere Zweigstelle des heiligen Teichs aufmachen. Und, das ist ja fast schon eine philosophische Frage: Wenn ich selbst nicht an die Heiligkeit von Krokodilen glaube, ist dann ein Teich mit urspruenglich verehrten Krokodilen trotzdem mehr wert, als einer, in dem Krokodile sitzen, die von den Teichbetreibern ebensowenig verehrt werden wie von mir? Was, wenn beide Krokodilunternehmer, also der Haeuptling am grossen Teich und die Jungunternehmer am kleinen, die Krokodile verehren. Ist dann der kleine Teich tatsaechlich so ein Betrug, wie man spontan fuehlt? Und wenn die Geschichte stimmt, dass es nachts Krokodilbesuche ueber die Strasse in den anderen Teich gibt...?

Montag, Mai 16, 2005

Zwischenstopp

Die Eltern halten mich so auf Trapp mit Ihrem Abenteuerdrang, dass ich gar nicht dazu komme, alles aufzuschreiben. Jetzt hab ich sie allein losgeschickt, damit ich ein bisschen arbeiten kann, aber wenn ich ein bisschen arbeite, kann ich ja auch nicht all unsere Abenteur aufschreiben. Also nur das Eine: Blogs sind absolut sinnlos. Obwohl ich doch alles im Detail beschrieben hatte, konnten sie sich nicht vorstellen, wie sich das hier anfuehlt, wie es riecht und wie man hier lebt. Wir lachen gemeinsam darueber, dass sie in einem der beiden Supermaerkte Ghanas nur zwei Flaschen Wasser kauften und nicht auf die Idee kamen, mir irgendeine lange vermisste Delikatesse (Kaese? Yoghurt? Oliven?) mitzubringen...

Oh, aber dafuer haben sie einen fetten Sack Geburtstagsgeschenke mitgebracht, wunderbar, Koelsche Lieder, Luebecker Marzipan, Buecher, Mitbringsel aus Indien, Gemuesesaat, Lichterkette, Fotos und und und. Danke meine Lieben.

Montag, Mai 09, 2005

altes Zeug

So, mit dem Memory Stick zum Internetcafe gegangen, alte Blogs (rueckwaerts bis 3. Mai) ins Netz gestellt. Ausserdem: Meine Afrikaner lieben meine Kuchen. Juhuu. Da es kein anderes Obst als Mangos und Orangen und alte reife Plantain gab, musste ich meinen Applecrumble etwas umwurschteln, Plantainmatsch mit Mango- und Orangenstuecken. Verboten suess aber lecker. Der Sturm hat eben meinen guten Mangobaum (den mit den fetten Mangos, die noch nicht reif sind) um einen grossen Ast und die halbe Ernte gebracht.

Ausserdem: Die Eltern rufen dauernd an und sagen, sie seien im Paradies. Muss ich mir Sorgen machen? Sind sie vielleicht im falschen Land gelandet?

Essen: Suesse Not

Lecker aus der Not geboren: Minz-Limonen-Nudeln
Knoblauch und frische kleine scharfe Pepperoni mit Salz im Moerser toeten, dazu ein Loeffelchen englische Minzsauce, Limonensaft, Olivenoel. Ueber Nudeln. Hahaha. Lest die Zutatenliste und Ihr seht, wie arg meine Not ist. So lecker, dass mir beim Schreiben schon wieder das Wasser aus den Mundwinkeln tropft. Aber gleich ist ja zum Glueck mein Foccacia fertig. Ideales Klima fuer Hefeteig, gleichmaessig warm und windlos. Als ich dem Teig beim Gehen zusah, musste ich an das Maerchen mit dem Griespudding in allen Strassen denken...

Aber da nix perfekt ist: Hoffnungslos fuer Muerbeteig. Nicht nur, dass es natuerlich keine Butter gibt. So richtig gut kriegt man den hier wohl nur hin, wenn man die Klimaanlage auf Hochtouren laufen laesst. Aber bislang hab ich nur im Auto Klimaanlage... Wenn man also bald eine knetende Frau im Pickup durch die Strassen Bolgas fahren sieht... Fuer diesmal hab ich mich damit begnuegt, schlechten Muerbeteig zu machen.

Aus dem Buch: Wild Boar on the Kitchen Floor (Wildschwein auf dem Kuechenboden – Rezeptsammlung fuer Amis in Westafrika) noch ein Rezept, das ich noch nicht versucht hab. Bitteschoen:

Eggless, Milkless, Butterless Cake

Boil together for 3 min
1c raisins
1c sugar
1c water
½c oil

Cool and add
1/4t salt
1t cinamon
1t nutmeg
2T cocoa
1t soda dissolved in 1/4c water
2c flour
1t baking powder

Bake at 350F for 30 min

Eierloser, milchloser, butterloser Kuchen
(die Angaben zur Umrechnung von c bieten nur Essloeffel an...)
3 Min lang kochen:
16 El Rosinen
16 El Zucker
16 El Wasser
8 El Oel

Abkuehlen lassen und hinzufuegen:
¼ Tl Salz
1 Tl Zimt
1 Tl Muskatnuss
2 El Kakao
1 Tl Soda in 4 El Wasser aufgeloest
32 EL Mehl
1 Tl Backpulver

30 min bei 180 Grad backen.

Ich bin gespannt auf Testberichte.

Samstag, Mai 07, 2005

Expats

Dies Wort hab ich erst gelernt, seit ich mehr mit Leuten zu tun hab, die in Afrika arbeiten. Kurzform von Expatriate und das ist einer, der nicht in seiner Heimat lebt. Wenn man in Afrika ist, ist das aber nicht der Gastarbeiter aus dem Nachbarland und auch nicht der Fluechtling aus der Krisenregion. Der Expat tritt normalerweise gruppenweise auf, bildet eine sogenannte Expat Community, am staerksten ausgepraegt in der jeweiligen Hauptstadt und am wohlsten fuehlt er sich in seinem angestammten Habitat... also in der coolen Sushi-Bar und dem englischen Pub, wo Fussballflaggen von der Decke haengen und man sich Donnerstags zum Pub Quizz trifft. Hier isst und trinkt und feiert man wie zu Hause und (leider oder gluecklicherweise?) ist das Bier so teuer, dass kaum ein Local so bescheuert waere, hier trinken zu wollen. Der Expat kann sich das locker leisten, da er als Experte im Entwicklungsbusiness oder als Manager von Shering Westafrika genug verdient, um wie ein Koenig zu leben und trotzdem noch zu sparen.

Ihr habt es vermutlich erkannt. Ich bin ein Expat.

Und kann dagegen so wenig unternehmen, wie der Rucksacktourist, der auf die boesen Touristen schimpft und sich fuer was besseres haelt, weil der weniger Geld im Land laesst. Also esse ich den Parmesan mit Genuss und Dankbarkeit und ich geb’s zu, ich hab mich bei der Quizznight sogar ein wenig amuesiert. Aber nur ein wenig, etwa so viel, wie ich mich bei der gleichen Beschaeftigung in England amuesiert haette... Aber gleichzeitig bin ich froh, dass ich jetzt wieder zu Hause in Bolga bin, wo ich Afrika nicht entkommen kann, denn das passiert einem in der Hauptstadt so leicht und unbemerkt, dass man sich von einer europaeischen Insel zur naechsten hangelt. Andererseits, und da seht Ihr, wie schwach ich bin, moechte ich auch nicht mit Kollegin M tauschen und bei einer Familie auf dem Dorf leben. Da kann man nun Afrika so wenig entkommen, dass es mich auf die Dauer wohl doch nervoes machen wuerde

Freitag, Mai 06, 2005

Krasse Nummer

Eben klingelte mein Telefon. Die Mutter: Hallo, Eva, wir sind hier mit nem Polizisten, Du musst mal mit dem reden.

Dann in gebrochenem English und mit Knacken in der Leitung der verworrene Bericht, warum er meine Eltern vor Gericht bringen wird, wenn sie ihm nicht auf der Stelle drei Millionen bezahlen. In der Geschichte kam eine ueberfahrene rote Ampel vor. Wobei man wissen muss, dass die Farbwahl der Ampeln von den Einheimischen hoechstens als Vorschlag verstanden wird. Aber was macht man, wenn man 9000 Kilometer entfernt ist und der Mensch einfach drauf besteht, drei Mille oder Gericht zackzack.

Man geht zum Ghanaischen Kollegen, der fuer die Regierung arbeitet und sagt: Du musst mir helfen. Nach kurzer Erklaerung hat er das Telefon genommen und begann in seinem Buero auf und ab zu gehn, waehrend er erklaerte, dass meine Eltern Gaeste der Water Resource Commission seien und der Polizist uns doch sicher behilflich sein koennte, sie wohlbehalten nach Bolga zu bringen. Er solle doch bitte verstehn, dass die beiden zum ersten Mal im Land seien und noch nicht wuessten, wie alles funktioniert... Und ausserdem, sein juengerer Bruder arbeite im Hauptquartier der Polizei in Accra und ob wir bitte den Namen des Polizisten haben koennten (den Namen gab er nicht...).

Da es sich bei den 3 Mille (330 US$)natuerlich um Bestechungsgeld und nicht um eine formal korrekte Strafe handelte, war dieser kleine Bruder sehr hilfreich - aber, und das ist so Ghanaisch - das Ergebnis war nicht, dass er nix kriegte, sondern ein realistischeres Bestechungsgeld. Noch immer nicht "local rate", mein Kollege sagte, in so einem Fall wuerde er nie mehr als 50 000 bezahlen. Er einigte sich schliesslich mit unserem Freund und Helfer auf 300 000.

Ok, ich hab den Eltern erklaert, was sie zahlen muessen. Kurz spaeter riefen sie wieder an: Der will 400 000! Ok, gebt ihn mir mal. Inzwischen hatte sich die Wut bei mir zu einer schoenen Betriebstemperatur erhitzt. Ich bin ganz erstaunt von mir, wie arg ich Leute hier ausschimpfen kann, wenn benoetigt. (ich lerne eben, mich kulturell angemessen zu verhalten) Also: This is disgraceful, you should be ashamed of yourself, being a Ghanean and treating foreigners so badly, you give me your name so we can follow this up... (also, wie wuerdelos ist das, als Ghanaer mit Auslaendern so umzugehn, schaem Dich. Wie ist Dein Name, wir werden das weiterverfolgen usw.)

Als die Mutter schliesslich lachend anrief um zu sagen, dass sie wieder frei sind, war sie ganz begeistert davon, wie spannend reisen in Ghana ist. Und meinte, er sei am Ende ganz zerknirscht gewesen. Was ihn aber nicht davon abhielt, sie noch als Mitfahrgelegenheit zu nutzen und ihr Handy zu fordern, um irgendwelche privaten Telefonate zu fuehren. "Aber ich hab ja zum Glueck nie Angst, hab ich ihm natuerlich nicht gegeben..."

Dienstag, Mai 03, 2005

Hause

Gestern bin ich wieder in Bolga, zu Hause, angekommen. Den halben Tag gestern und den ganzen Tag heute damit verbracht, hier anzukommen, vom Hinterhaus ins Vorderhaus zu ziehn, aus dem die Handwerker nun verschwunden sind – ohne es wirklich fertig zu machen, in meinem Schlafzimmer und im Flur gibt es leider kein Licht. Was aber nicht viel ausmachte, da wir gestern ohnehin Stromausfall hatten. Oh, ich hatte vergessen, WIE dunkel es ist, wenn man nicht nur bei sich das Licht ausmacht, sondern alle Nachbarn auch ausgeknipst werden. Die Hunde begannen zu Jaulen und wir (Kollegin M und ich) freuten uns, dass wir einen guten Grund hatten, sehr frueh schlafen zu gehn. Draussen tausend Sterne. Aber leider verderben einem die Moskitos den Spass am nachts draussen sitzen. Als ich heute mit Mary meine Klamotten ins grosse Haus raeumte, hielt sie irgendwann meine blickdichte Strumpfhose in der Hand, die ich im europaeischen Winter meines Abflugs trug. Ich erklaerte ihr, wofuer die gut ist. Und sie erklaerte mir, wofuer die gut ist. Waehrend ich also von der Kaelte Europas erzaehlte (als wenn Du in den Eisschrank steigst und die Tuer zumachst...), sagte sie: Die kommen immer in den Ladungen mit Second Hand Kleidung, die hier verkauft wird. Unsere Frauen tragen die in der Regenzeit zum Schlafen, wir denken, dafuer sind die gemacht. Hae??? Ach so, als Schutz gegen Moskitos, die beissen da nicht durch.

Die ganze Zeit erfreu ich mich ungemein an meiner Haeuslichkeit, hab schon wieder Brot gebacken und verschlungen und an M verfuettert... Was mich zum Thema „Leute fuettern“ etwas melancholisch stimmt, ist dass ich zum ersten Mal seit einem Jahrhundert zu meinem Geburtstag nicht weiss, wen ich zum Fruehstueck einladen soll, all meine Lieben so weit weit weg. Keiner, der von nah oder fern anreist, kein Fruehstuecken bis zwei Uhr nachts mit denen, die bei mir uebernachten... Und selbst die Leute, die mir in diesem Land nahegekommen sind, sind ungemein verstreut. Was mich ausserdem einschuechtert, ist folgendes: Alle Weissen, die ich hier kenne, sagen, dass sie es noch nicht geschafft haben, fuer Ghanaer so zu kochen, dass die das auch lecker fanden. Was will man erwarten, in der Europaeischen Kueche kommt Schleimsuppe mit Broeckchen nicht vor. In meiner zumindest nicht... Nun, vielleicht sollte ich sie alle Sonntag nach der Kirche zum Kuchen essen einladen. Suesskram scheint universeller zu sein – Hauptsache suess...