Freitag, Juli 08, 2005

Ich bin 10 cm groesser

Eva in Ghana

und muss ueber mich selbst lachen. Naechste Woche haben wir hier unseren Einfuehrungsworkshop, grosses Event, danach erst existieren wir offiziell in der Region. Alle alle sollen kommen, vom Haeuptling mit seinem Schirmtraeger bis zum Minister. Unverzichtbares Accessoire eines solchen Events ist das Banner, eine Stoffbahn auf der fett die Logos der beteiligten Organisationen prangen und das aller Welt verkuendet:Wir tun was.

Mein Schildermaler, hilfreicher Onkel und Freund Flash hat das gestern fertig gemacht, handgezeichnete Schablonen mit der Rasierklinge aus Packpapier geschnitten und mit dickem Pinsel auf’s Bettuch getupft. Wir wollten es schon gestern aufhaengen aber es regnete zu stark. Also hab ich meinen Assistenten heute morgen losgeschickt. Flash hatte vorsorglich Loecher ins Banner geschnitten, nicht so sehr wegen des Windes, sondern damit niemand es klaut um einen Rock oder ein Tischtuch draus zu machen.

Als er breit grinsend zurueck kam, hab ich ihm gleich die Autoschluessel abgenommen und bin gucken gefahren. Man sieht es schon von ganz weit an der grossen Kreuzung wo man von der vierspurigen Strasse Richtung Haupteinkaufsstrasse abbiegt, hoch ueber der Tankstelle zwischen zwei Laternen. Direkt darunter ein Wahlplakat mit dem Slogan „So far so good“.

Im letzten Abschnitt ist ein Witz versteckt. Wer findet ihn?

(Aufloesung: Nur wer schonmal in Bolga war. Alle anderen stellen sich eine vierspurige Strasse, eine Kreuzung, eine Tankstelle und eine Haupteinkaufsstrasse vor und liegen voll daneben...)


Sonntag kam Mary nicht zur Arbeit

Eva in Ghana
Abends um sechs kam sie dann ganz zerzaust angeradelt, Beerdigung, irgendwer aus der Familie gestorben, das ganze Haus voll Trauergaeste. Dann noch irgendeine wirre Story ueber Krankenhaus, kein Blut kein Wasser, zwei Wochen spaeter immer noch kein Blut kein Wasser, dann war sie tot. Wie auch immer, ich hab sie wieder zurueck ins Trauerhaus geschickt, denn das ist der sehr traurige erste Teil der Beerdigung, wenn jemand grad gestorben ist, nicht die Party.

Als ich heute mittag nach Hause kam, erzaehlte sie mir die ganze Geschichte: Gestorben ist ein Baby. Seit drei Wochen wollte es keine Milch mehr trinken und jetzt ist es tot. Die Mutter ist eine Verwandte, mit der Mary im gleichen Haus lebt. Das Paar hat fuenf Kinder geboren, nur die beiden aeltesten (15 und 9) leben noch, die anderen sind nacheinander als Babies gestorben. Mary sagt: And they used to say men are strong. You should see the father, crying like a woman. (Da sagt man, Maenner seien so stark. Wenn Du den Vater sehen koenntest, heult wie ne Frau)

Einen Tag spaeter: Als ich nach Hause komme sind meine Spiegel zur Wand gedreht. Ich vermute, das heisst: Mary fuehlt, dass sie – zumindest tagsueber – bei mir wohnt. Also ist auch mein Haus ein Trauerhaus. Auf dem Weg zur Arbeit hab ich darueber nachgedacht, warum ich Euch das schreibe. Warum denke ich, dass es gut ist fuer die Eltern und die Babies, wenn fremde Leute auf der anderen Seite der Welt um sie und mit ihnen trauern?

African Time

Eva in Ghana

Inzwischen brauch ich nur noch 20 Sekunden um aus meinem Bettchen zu springen, wenns frueh morgens ans Tor klopft, respektable Klamotten ueberzuwerfen und den unerwartet fruehen Besucher einzulassen. Alles eine Frage des Trainings. Im Moment sitzt der Klemptner in meinem Flur und wartet dass es halb acht wird, weil wir den Klemptnerladenbesitzer ueberredet haben, dass er ausnahmsweise so frueh aufmacht, damit wir Rohre kaufen koennen und unser Mann anfangen kann zu arbeiten. Warum klopft der Klemptner um halb sieben ans Tor? Weil wir ihn gestern abend darum gebeten haben, um acht hier zu sein.

Das ist ein haeufig vernachlaessigter Aspekt Afrikanischen – oder sagen wir Nordghanaischen – Zeitverstaendnisses. Vielleicht weil es nicht ins Bild des gemuetlichen faulen Afrikaners passt, der rumsitzt und wartet, dass ihm die Kokosnuss auf den Tisch faellt oder Food Aid mit der Nahrungsmittelhilfe kommt. Wir kennen vor allem den Afrikaner der zu spaet kommt... und dem begegne ich hier auch, aber das vor allem in meiner Freizeit. Wenn es um Arbeit geht und um die kuehlen fruehen Morgenstunden, werde ich gequaelt vom Afrikaner, der zu frueh kommt und das normal findet. So, jetzt fahren wir zum Klemptnerladen und kaufen alles was ich brauche um meinen Wassertank mit dem Haus zu verbinden. Dann gibt es nie mehr Eimerduschen!

Krabbeln im Raum

Eva in Ghana

Gestern hab ich die Hollaenderin mit Keksen gefuettert, waehrend sie mir etwas Interessantes erzaehlte. Sie ist Paedagogin und kennt Studien darueber, dass Kinder durch Krabbeln ihr raeumliches Vorstellungsvermoegen entwickeln (wenn ich noch nicht dagegengeknallt bin, ist es weit weg, Wenn ich ploetzlich heulend auf dem Hintern sitze, war irgendwas zu nah dran...). Auch hat man festgestellt, dass Nicht-Krabbler schwerer lesen und schreiben lernen.

Hier werden die Kinder auf dem Ruecken der Mutter festgebunden und da bleiben sie stundenlang haengen, Kopf in den Nacken gekippt wenn sie schlafen und dann wieder aufmerksam in der Gegend rumguckend. Ich sollte mich also bei meinem Schneider und meinem Schreiner entschuldigen und akzeptieren, dass der Schneider erst wissen konnte, dass die Gardinen zu klein sind, nachdem er sie gemacht hatte... weil er als Kind immer zusammengebunden rumhing. Wir kamen auf dieses Thema, weil uns ganz viele alltaegliche Beispiele einfielen, wo Leute Sachen nicht konnten, die uns ganz normal vorkommen. Zum Beispiel sehen, ob zwei Puzzlestuecke ineinander passen koennten. Oder wissen, welche Form ein Plaetzchenausstecher ausstechen wird, bevor man es ausprobiert hat.

Andererseits erinner ich mich vage an so eine romantisierende Ethnologin, die ich vor Jahren gelesen hab und die behauptete, dass um den Koerper gebundene Kinder viel gluecklicher und zufriedener werden und kein Heroin spritzen muessen, wenn sie gross sind. Also kann man uns Europaern auch nicht richtig boese sein, dass wir immer so griesgraemig (oh das ist aber mal ein schoenes Wort: Griesgram) durch die Gegend laufen und dauernd versuchen, Selbstmord zu begehn.

Krabbeln im Raum

Eva in Ghana

Gestern hab ich die Hollaenderin mit Keksen gefuettert, waehrend sie mir etwas Interessantes erzaehlte. Sie ist Paedagogin und kennt Studien darueber, dass Kinder durch Krabbeln ihr raeumliches Vorstellungsvermoegen entwickeln (wenn ich noch nicht dagegengeknallt bin, ist es weit weg, Wenn ich ploetzlich heulend auf dem Hintern sitze, war irgendwas zu nah dran...). Auch hat man festgestellt, dass Nicht-Krabbler schwerer lesen und schreiben lernen.

Hier werden die Kinder auf dem Ruecken der Mutter festgebunden und da bleiben sie stundenlang haengen, Kopf in den Nacken gekippt wenn sie schlafen und dann wieder aufmerksam in der Gegend rumguckend. Ich sollte mich also bei meinem Schneider und meinem Schreiner entschuldigen und akzeptieren, dass der Schneider erst wissen konnte, dass die Gardinen zu klein sind, nachdem er sie gemacht hatte... weil er als Kind immer zusammengebunden rumhing. Wir kamen auf dieses Thema, weil uns ganz viele alltaegliche Beispiele einfielen, wo Leute Sachen nicht konnten, die uns ganz normal vorkommen. Zum Beispiel sehen, ob zwei Puzzlestuecke ineinander passen koennten. Oder wissen, welche Form ein Plaetzchenausstecher ausstechen wird, bevor man es ausprobiert hat.

Andererseits erinner ich mich vage an so eine romantisierende Ethnologin, die ich vor Jahren gelesen hab und die behauptete, dass um den Koerper gebundene Kinder viel gluecklicher und zufriedener werden und kein Heroin spritzen muessen, wenn sie gross sind. Also kann man uns Europaern auch nicht richtig boese sein, dass wir immer so griesgraemig (oh das ist aber mal ein schoenes Wort: Griesgram) durch die Gegend laufen und dauernd versuchen, Selbstmord zu begehn.

So viele kleine Kinder

Eva in Ghana

Vor ein paar Tagen las ich einen Bericht ueber die oekonomische Situation im Builsa Distrikt, in meiner Region. Statistik ueber den Anteil der arbeitsfaehigen Bevoelkerung ueber 7 Jahre, der berufstaetig ist. Kennt ihr das, wenn ein Nebensatz einen ins Gesicht schlaegt.

Am naechsten Tag fuhr ich durch die Gegend und sah ueberall die berufstaetigen Siebenjaehrigen zur falschen Tageszeit ihrer Arbeit nachgehn. Das ist nicht Kinderarbeit wie in diesen Horror-Reportagen aus Asien, wo die Kinder als halbe Sklaven in kleinen dunklen Hoehlen, Raeumen, Kellern, Bergwerken, Puffs fuer einen fiesen Kapitalisten schuften, nie das Tageslicht sehn und ihrer Kindheit beraubt werden. Die meisten arbeitenden Kinder, die ich sehe, sind Hirten oder bestellen Felder, sie tragen zum Ueberleben der eigenen Familie bei oder arbeiten fuer jemand anders und befreien damit ihre Familie von der Buerde, sie zu fuettern. Oft seh ich zwei, drei kleine Jungs zusammen zwanzig Rinder mit Stoecken und Steinen durch die Gegend treiben, breit grinsend, wenn sie mir zuwinken. Das ist der Grund, warum ich das sehen kann ohne es wirklich zu sehn – uebersehen, dass diese Masse an Kindern alle nicht zur Schule gehn koennen, weil dafuer keine Zeit ist.

Vor ein paar Tagen erzaehlte Mary: Im Dorf sagt man, Kinder die Eier oder Fleisch essen, werden Diebe.

Und wo wir grad schon beim Thema Unterernaehrung sind, kann einer von Euch mir sagen oder einen Arzt fragen: Ich hab das Gefuehl, dass in besonders armen Doerfern die Babies zu kleine Koepfe im Verhaeltnis zum restlichen Koerper haben, keine Baby-Proportionen sondern eher die von Kleinkindern. Bilde ich mir das ein? Oder ist da was dran?

Aber da das Leben hier viel oefter froehlich als traurig ist, gibts auch noch ne schoene Beobachtung zum Thema Kinder: Ich bin beeindruckt, wie sehr sich die Vaeter hier um ihre Kinder kuemmern. Morgens sind die Strassen voll mit Vaetern, die ihre Kinder auf Fahrradgepaecktraegern, Mofas oder mit dem Auto zur Schule bringen, gestern sah ich einen mit zusammengerolltem Baby im Fahrradkorb am Lenker. Es ist normal, dass der Boss nicht im Geschaeft ist, weil er die Maedels von der Schule abholen muss...

So viele kleine Kinder

Eva in Ghana

Vor ein paar Tagen las ich einen Bericht ueber die oekonomische Situation im Builsa Distrikt, in meiner Region. Statistik ueber den Anteil der arbeitsfaehigen Bevoelkerung ueber 7 Jahre, der berufstaetig ist. Kennt ihr das, wenn ein Nebensatz einen ins Gesicht schlaegt.

Am naechsten Tag fuhr ich durch die Gegend und sah ueberall die berufstaetigen Siebenjaehrigen zur falschen Tageszeit ihrer Arbeit nachgehn. Das ist nicht Kinderarbeit wie in diesen Horror-Reportagen aus Asien, wo die Kinder als halbe Sklaven in kleinen dunklen Hoehlen, Raeumen, Kellern, Bergwerken, Puffs fuer einen fiesen Kapitalisten schuften, nie das Tageslicht sehn und ihrer Kindheit beraubt werden. Die meisten arbeitenden Kinder, die ich sehe, sind Hirten oder bestellen Felder, sie tragen zum Ueberleben der eigenen Familie bei oder arbeiten fuer jemand anders und befreien damit ihre Familie von der Buerde, sie zu fuettern. Oft seh ich zwei, drei kleine Jungs zusammen zwanzig Rinder mit Stoecken und Steinen durch die Gegend treiben, breit grinsend, wenn sie mir zuwinken. Das ist der Grund, warum ich das sehen kann ohne es wirklich zu sehn – uebersehen, dass diese Masse an Kindern alle nicht zur Schule gehn koennen, weil dafuer keine Zeit ist.

Vor ein paar Tagen erzaehlte Mary: Im Dorf sagt man, Kinder die Eier oder Fleisch essen, werden Diebe.

Und wo wir grad schon beim Thema Unterernaehrung sind, kann einer von Euch mir sagen oder einen Arzt fragen: Ich hab das Gefuehl, dass in besonders armen Doerfern die Babies zu kleine Koepfe im Verhaeltnis zum restlichen Koerper haben, keine Baby-Proportionen sondern eher die von Kleinkindern. Bilde ich mir das ein? Oder ist da was dran?

Aber da das Leben hier viel oefter froehlich als traurig ist, gibts auch noch ne schoene Beobachtung zum Thema Kinder: Ich bin beeindruckt, wie sehr sich die Vaeter hier um ihre Kinder kuemmern. Morgens sind die Strassen voll mit Vaetern, die ihre Kinder auf Fahrradgepaecktraegern, Mofas oder mit dem Auto zur Schule bringen, gestern sah ich einen mit zusammengerolltem Baby im Fahrradkorb am Lenker. Es ist normal, dass der Boss nicht im Geschaeft ist, weil er die Maedels von der Schule abholen muss...

Alles easy pupiesie?

Eva in Ghana
Ich erzaehl so viel von den non-konfrontativen Strategien hier, dem positiv-schwammigen Gerede mit dem man niemanden verletzt. „Vielleicht“ heisst „nein“, „ich bin sehr sicher“ heisst „ich hab keine Ahnung“. Das stimmt auch alles und ich lerne hier durch Beobachtung und Fettnapfschwimmen den Vorteil von fragen, indirekt reden und im Zweifelsfall Mund halten.

Aber das ist nur die Haelfte der Geschichte. Denn ich beobachte auch, wie Leute verdammt ruede miteinander umgehn. Gestern sass ich mit zwei Bekannten in dem „Gartenlokal“ wo man hier Sonntag nachmittags hingeht und ein kleiner Junge mit Apfelgeschaeft auf dem Kopf kam vorbei. Einer meiner Begleiter wollte einen Apfel und schnautzte den Jungen an, er solle stehenbleiben und wieviel die Aepfel kosten. Nachdem der Junge den Preis gefluestert hatte, schickte er ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung und einem Fluch weg und fragte mich dann freundlich, ob ich vielleicht einen Apfel haben wollte. Ich wollte, denn gestern war Apfelpfannkuchen mit Mary geplant. Also schnautzte er den Apfelladen an, er sollte zurueckkommen und waehrend ich versuchte freundlich zu laecheln und den Jungen wie einen Menschen zu behandeln, ging neben mir die herbe Show weiter. Da ich hier fremd bin und ohne Fragen nichts versteh, musst ich also nachfragen: Warum warst Du so unfreundlich zu ihm? Die Antwort: Das ist Strategie, wenn Du zu denen freundlich bist, hauen die dich uebers Ohr.

Natuerlich war er nun auch veraergert, dass ich nachgefragt und indirekt kritisiert hab. Aber da gab’s nur mein unschuldigstes Laecheln und ich hab ihm erklaert, warum ich immer fragen muss: Ich hab beobachtet, wie zwei Leute einander kennenlernen, dann finden sie raus, zu welchem Stamm der andere gehoert und fangen aus heiterem Himmel an, sich wuest zu beschimpfen: Du bist ein Esel, ein Dummkopf, ich bin Dein Boss und Du bist nur ein Sklave usw. Als naive Besucherin denk ich natuerlich, jetzt gehts los, gleich gibts blutige Stammeskonflikte. Aber – und deshalb muss ich fragen – mir wurde erklaert: Unsere beiden Staemme sind Spielkameraden. Wir sind eng miteinander verwandt und seit langer langer Zeit ist unklar, wer denn nun der Boss ist. Wenn ich einen dieser Spielkameraden (play-mates) kennenlerne, wird von uns erwartet, dass wir einander beschimpfen, aber das ist nicht boes gemeint, das ist doch nur Spass. Wenn der andere aelter ist als ich, darf ich ihn nicht so arg beschimpfen wie er mich, ich sag dann nur, dass ich der Boss bin.

Montag, Juni 27, 2005

N Haufen Neues

Eva in Ghana
Meine lieben treuen Leser. Ich hab eine Woche voller Gerenne hinter mir, unser Einfuehrungsworkshop naehert sich, ein Haufen Reports mussten geschrieben werden und mein kleines Team gewoehnt sich an personelle Veraenderungen... Wann immer ich im Internetcafe war, gab es lange Schlangen, die Computer waren von Viren oder was weis ich verlangsamt und ich konnte nur das noetigste an geschaeftlicher Email erledigen, bevor ich weiterhastete. Tut mir leid, Tanja, wenn Du diesen Sonntag ohne Afrikageschichten warst. Aber Du siehst, hinter Eurem Ruecken war ich fleissig und bin heute extra frueh aufgestanden, um den Kram noch vor der Arbeit loszuschicken...

Wueste Spelunke

Eva in Ghana
Woher kommt das, dass die eine wueste Spelunke einer Kleinstadt sich meist so viel verworfener und wilder anfuehlt, als die aergsten Grossstadtlaeden? Im Rahmen meiner sozialwissenschaftlichen Forschungstaetigkeit hier, musste ich gestern abend dieser Frage nachgehn und der wuestesten Kneipe Bolgas einen kurzen Besuch abstatten. Natuerlich nicht unbegleitet, denn diese Kneipe hat den Ruf: Wenn Du als Frau da allein hingehst, ist es unwahrscheinlich, dass Du auch allein wieder rauskommst...

Hinter einem blauweissen Bretterzaun auf der Hauptstrasse stehen ein paar Tische und Stuehle unter freiem Himmel. Da hindurch geht man in die eigentliche Kneipe, einen kleinen Raum, der ueber und ueber mit Bierpostern dekoriert ist und zur Haelfte von einem grossen Kaefig eingenommen wird. Hinter den Gittern ist die Bar und es ist nicht ganz klar, ob der Kaefig die Barmaedchen, die Getraenke oder die Tageseinnahmen vor den Gaesten schuetzen soll. Natuerlich gibt es einen Fernseher, und als ich gestern da war lief ein langer Werbespot der Regierung mit dem Slogan: Pay Taxes (Bezahl Steuern!). In der Ecke sass ein kleines Maedchen, das wohl zu irgendeiner trinkenden Mutter gehoerte.

Aber all das erklaert nicht, warum sich dieser Ort so verworfen anfuehlt, denn alles was ich gesehn hab, gehoert zu einer Kneipe und ist nicht sonderlich spektakulaer: Maenner und Frauen trinken Alkohol, die Barmaedels spielen die Lieblingslieder der Stammgaeste, dann wird getanzt, wer neu ankommt, wird mit grossem Hallo begruesst... so weit – so harmlos.

Liegt es vielleicht daran, dass sich die fragwuerdigen Gestalten in einer Kleinstadt nicht einfach in unterschiedliche Szenen aufteilen und unter sich bleiben koennen? Freaks jeglicher Form, Farbe und Geschmacksrichtung kommen hierher, wenn es sie aus dem Haus treibt. Ausserdem wird dieser scharfe herbe Geschmack von Wildheit durch den Kontrast mit der Umgebung verstaerkt. Sicher kann man sagen wir auf Sankt Pauli in Kneipen gehn, wo aergere Dinge passieren als in dieser harmlosen Kleinstadtspelunke. Aber da ist man umgeben von einer traditionsreichen und wohlorganisierten Verworfenheitsindustrie und tausenden Gleichgesinnten. Waehrend unter den strengen Augen der Kleinstadtnachbarn hier schon das Rauchen von Zigaretten als moralisch fragwuerdig definiert wird und die lokalen Heroen mit geringem Aufwand wild und gefaehrlich leben koennen...

Zuckervaeter

Eva in Ghana
Vorgestern hab ich meinen Auftrag als Food Policy Researcher (Erforscher der Ernaehrungspolitik) sehr woertlich genommen und meine Mitarbeiter mittags dahin zum Essen eingeladen, wo wir unseren Einfuehrungsworkshop halten wollen. Schliesslich muessen wir testen, ob das Essen da gut und sein Geld wert ist. Waehrend des Essens hab ich wieder was ueber Maenner und Frauen gelernt. Nicht dass mir das Prinzip des Sugar Daddies unbekannt waere: Reicher alter Mann, der einer jungen schoenen Frau alles erdenkliche schenkt, damit sie seine Freundin wird. Was mich aber verwunderte, war die Offenheit und Geschaeftsmaessigkeit, mit der meine (muslimische) Kollegin sagt, dass sie natuerlich auch einen hat und auf meine Fragen hin wurde mir erklaert, wie normal das hier ist. Natuerlich sind die alten Herren verheiratet. Und die jungen Damen haben noch einen jungen Freund, der das auch alles ok findet, weil die Dame ihren Profit mit ihm teilt. Und wenn die Geschichte vorbei ist, heiratet sie irgendwann einen der jungen Kerle und fuehrt ein ganz normales respektables Leben. Na gut, meine jungen maennlichen Kollegen fanden das ganze schon irgendwie nervig... weil sie sich eben noch nicht leisten koennen, so viel in ihre Freundinnen zu investieren.

Schlafen

Eva in Ghana
Als ich aus Namibia zurueckkam, fand Schwester P. mich extrem verlangsamt. Macht Euch auf was gefasst. Ich lerne schlafen. Zum Beispiel im Internet Cafe, wenn ich auf den einen einzigen oeffentlichen Computer mit USB Schnittstelle fuer meinen Memory Stick warte. Oder im Auto, wenn ich abends mit meinen Assistenten auf eine Geburtstagsparty will und nur eine halbe Stunde zu spaet komme um sie abzuholen. Sitz zurueckkippen und zur Musik schlafen, bis die Jungs sich fertig aufgetakelt haben und es losgehn kann. Wo ich noch etwas zurueckhaltend bin, obwohl es doch so reizvoll ist und ein anerkannter Teil der lokalen Arbeitskultur, ist der Bueroschlaf. Ich bin ueberzeugt davon, dass Schlafende bestimmte Schwingungen aussenden, die ihre Umgebung zum Mitschlafen einladen. Da mein neues Buero in einem Gebaeude der Regionalverwaltung ist, bin ich von allen Seiten durch die Waende diesem Schlafsmog ausgesetzt, was soll ich tun? Bislang reisse ich..... wacker die Augen auf und mische mir in der Wasserflasche kalten Nescafe. Aber wenn ich ...............................................................m...............einen.............ko.opf aufdie tastaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaatureeeeeeeeeeee sinkennnnn sssssssss lasse...............................

Hallo?! Aeh, wo waren wir? Ach so, ja genau, warum hier in den Bueros so viel geschlafen wird. Der Grund ist die Demokratie. Die macht naemlich, dass jeder gern gewaehlt werden wuerde und deshalb keiner den Regierungsapparat verschlankt sondern jede Regierung heiter noch mehr Beamte anstellt. Weil das aber viel mehr sind, als Arbeit oder Geld da waeren, kriegt jeder einen einzigen Stempel und den auf ein ganz bestimmtes Dokument zu druecken ist seine Aufgabe. Wenn drei Monate keiner dieses Formular einreicht............... Wenn man arm ist, so wie Ghana, und trotzdem so viel uneffiziente Buerohocker anstellen will, kann man denen natuerlich nur ein geringes Gehalt versprechen und dieses nur selten puenktlich zahlen. Also faehrt der Lehrer vor und nach der Schule Taxi und der Landwirtschaftsbeamte ist nachts Wachmann und in der Daemmerung Gaertner... Und irgendwann muessen die armen Jungs ja auch mal die Augen zu machen.

Schlimmste Beleidigungen

Eva in Ghana
Man darf hier im Eifer des Gefechts niemals die Intelligenz seines Gegenuebers laut anzweifeln. Are you stupid? oder You are a fool (Bist Du bloed? Du bist ein Bloedmann!) sind ganz arge und kaum verzeihliche Beleidigungen. Ebenfalls sehr ernst genommen wird jeder Hinweis, dass man sich von jemandem betrogen fuehlt. „You are cheating“ ist nichts, was man halb scherzhaft in den Preiskampf mit der Marktfrau einwirft. Aber die schlimmste aller Beleidigungen, wenn man’s dem anderen so richtig geben will, ist: Your wife cannot cook! (Deine Frau kann nicht kochen)

[Ich weiss, dass Ihr denkt, ich denk mir sowas aus oder uebertreibe wenigstens masslos. Aber das ist mir genau so erklaert worden. Ich bin nicht bloed und ich betruege nicht. Hab aber keine Frau, die kochen kann.]

Sauer macht lustig

Eva in Ghana
Letzte Woche hab ich mit meiner englischen Nachbarin einen Morgenspaziergang gemacht, bevor die grosse Hitze das Rumlaufen qualvoll macht. Sie ist schon zwei Jahre hier und will lieber in Afrika als zu Hause leben. Von ihrem Wissen um die lokalen Gepflogenheiten profitiere ich sehr und auf unserem Spaziergang hab ich gelernt, warum die alte Marktfrau, bei der sie regelmaessig bergeweise Zitronen fuers Salatdressing kauft, sie immer so anlacht.

Damen, die ihrem Mann eine besondere Freude machen wollen, reiben sich mit Zitronensaft ein, da sich dadurch alles zusammenzieht und sie ihm eine besonders kleine Oeffnung anbieten koennen. Das erinnert mich an das suedliche Afrika, wo es ein Pulver aus Rinde oder Wurzeln gibt, das die Frauen besonders trocken macht. Naja, in einer Gegend, in der Genitalbeschneidung zwar verboten ist aber immer noch praktiziert wird, ist ein bisschen Zitronensaft sicherlich eines der geringeren Uebel. Mag sein, dass es sogar die Hygiene erhoeht und leicht verhuetend wirkt (Im Buch „Where there is no doctor“ wird in Ermangelung anderer Mittel die Benutzung eines Essigschwamm zur Verhuetung empfohlen...)

Geburtstagskinder quaelen

Eva in Ghana

Ich kann Dick und Doof Filme nicht geniessen, weil ich das so quaelend finde, wenn die beiden in eine peinliche Situation nach der anderen geraten. Wie Kinder im Kasperle-Theater will ich immer dazwischen bruellen. Aufgrund dieses lueckenhaften Sinns fuer Humor kann ich anderleuts Geburtstag hier nicht vollkommen geniessen.

Der Cousin meines Assistenten, Action, feierte gestern seinen 31sten. Mein Assistent merkte das, als er morgens davon aufwachte, dass Actions Freunde ins Haus kamen und ihn eimerweise mit Wasser und Schlamm begossen. Das nennt man hier pounding und ich habe mir erklaeren lassen, dass das lustig ist. Den ganzen Tag bis Mitternacht wartet hinter jeder Ecke ein Freund mit einem Eimer, einer Bierflasche oder einem Glas. Da Action immer Action macht und hier eine lokale Beruehmtheit ist, hat er verdammt viele Freunde. Fuer die Geburtstagsparty hatte er mit einem Freund, der am gleichen Tag geboren ist, das Dach der Disco gemietet. Und verbrachte den Abend damit, zwischen der Party und zu Hause hin und her zu fahren, um die nassen Klamotten gegen trockene umzutauschen und dabei war er die ganze Zeit gezwungen, massiv gut gelaunt zu sein, denn das ist er seinem Ruf schuldig.

Was gab es sonst noch: Eine Musikanlage, die andauernd streikte und von einem versoffenen DJ bedient wurde, mehrere Moderatoren, die jedes zweite Lied abwuergten um einen langen Glueckwunsch auszusprechen, einen Kerl mit Videokamera, der alles aufnahm, ein Gebet zur Eroeffnung und einen Punch, der so suess und stark war, dass meine Nachbarin davon umfiel und nach Hause transportiert werden musste.

Freitag, Juni 10, 2005

Was ich vermisse

· Ins Kino gehn und danach im Bermudadreieck nen Capucchino trinken und den aufgebrezelten Tuerkinnen beim Flanieren zusehn.
· zu Fuss gehn, zum Beispiel stundenlang mit der Mutter durch Koeln, ohne dass einen die Hitze killt
· Essen; zum Beispiel welches in dem Schafskaese und Spinat vorkommt, Salate, Kaese, Creme Fraiche
· Freunde
· Durch den botanischen Garten hinter der Uni gehn und die Jahreszeiten beim Vergehn beobachten
· Neben dem Theater wohnen und zu wissen, ich koennte, obwohl ich nie geh.
· Maenner, die sich lang genug mit Gleichberechtigungsdebatten rumschlagen mussten um Frauen nun auch als ganze Kerle zu sehn
· Mittelmaessiges Kneipenessen (nicht so sehr den Geschmack sondern die Situationen)
· Fuer Euch kochen und keiner sagt: Zu wenig Oel, zu wenig Pfeffer und auch sonst irgendwie komisch (ok, Ihr stimmt mit Mary ueberein und sagt: zu wenig Salz)
· Buchhandlung Jansen (aber jede doofe Bahnhofsbuchhandlung wuerds auch tun)
· Eine Postadresse und einen ordentlichen Telefonanschluss; Internet


Was ich vermissen wuerde, waer ich zurueck in Deutschland:
· Jeder spricht mit Dir, egal ob Du ihn kennst, das ganze Winken und Gruessen, wenn ich durch die Gegend geh oder fahr
· Wichtig sein, weil ich weiss bin. Ich werde hier so eitel, weil mich jeder fuer was besonderes haelt und weil Weisse hier so einen tollen Ruf haben, was Verlaesslichkeit, Reichtum und pfleglichen Umgang mit Haeusern angeht... Ich werde vom ehemaligen Regionalminister auf der Strasse angesprochen, ob ich vielleicht ein Haus suche, er haette da was zu vermieten und ich saehe so aus, als wenn ich gut damit umgehen wuerde.
· Die spannende Unverstaendlichkeit der Gesellschaft, die mich jeden Tag beruflich und privat auf Forschungsreise schickt.
· Meine beiden schoenen Haeuser
· Arbeiten nicht jeden Tag im Buero sondern so viel draussen mit Leuten
· Ganz nah am Leben sein: Hier wird dauernd geboren und gestorben und gepfluegt, gesaeht und geerntet, Wasser aus der Erde geholt und auf dem Kopf geschleppt, Feuer zum Kochen gemacht, Kleider genaeht, Sandalen aus Autoreifen geschnitten...
· Kleine Ziegen, an denen noch die Nabelschnur haengt, Eselfamilien im Vorgarten, sechs kleine Schweine, die ueber die Strasse rasen.

Montag, Juni 06, 2005

Die Aermsten

Meistens ist Alltag. Egal, wo ich bin. Auch hier nutzt sich das Staunen ueber all das Neue und Exotische schnell ab, bald muss ich die Augen bewusst aufreissen, um die Maenner mit Naehmaschine auf dem Kopf noch zu sehn. Laengst weiss mein Koerper wieder, dass Regen gutes Wetter ist und Sonnenschein schlechtes. Aber mitten im Alltag trifft es mich doch ab und zu Hinterruecks, ich schau mich um und koennte heulen. Die Upper East Region ist die aermste Region Ghanas und verdammt nochmal, ab und zu denk ich nur noch: Ihr Armen!

Natuerlich gibt es in der Region relativ reiche und arme Orte, in den Doerfern reiche und arme Familien. Und je laenger ich da bin, desto mehr Unterscheidungsmerkmale erkenne ich. Heute merkte ich, dass ich Hungerbaeuche bei Kindern verglich: Diese Familie muss reich sein, weil die Kinder fast keinen Hungerbauch haben. Eines meiner Ghanaischen Kochbuecher sagt, wenn eine Familie sich 24 Tage hauptsaechlich von Jams ernaehrt, beginnt der Eiweissmangel. Und das ist es ja, was diese kugeligen Baeuche bei Kindern macht, hungern mit vollem Bauch.

Upper East ist nicht nur die aermste, sondern auch die trockenste Region Ghanas. Waehrend im Sueden die Regenzeit in vollem Schwange ist, beten wir hier alle: O lewen Joot jev ons Wassa! Wenn wir durch die Region fahren, sehen wir, wie kleinflaechig es regnet - oder auch nicht. Hier ist der erste Millet schon eine Spanne hoch, hinter dem Huegel liegt die Erde noch grau und staubig in der Sonne. Alle klagen ueber den schlechten Regen letztes Jahr. Die Bewaesserungsdaemme wurden nicht voll und dieses Jahr konnte in der Trockenzeit in vielen Orten nur wenig oder nichts bewaessert werden. Wenn ich nachfrage: War letztes Jahr wirklich so aussergewoehnlich schlecht? erzaehlen sie mir, dass die Duerre nun schon fuenf Jahre geht.

Wir haben diese Woche mit unserem ersten systematischen Zug durch die Gemeinde begonnen, in jedem der acht Distrikte besuchen wir zwei Doerfer, treffen da alle Entscheider, die mit Wasser zu tun haben und dazu noch ganz normale Leute, um einen ersten Ueberblick ueber die Region zu kriegen und rauszufinden, wie Wasser hier funktioniert, was die wichtigen Themen sind, wie die verschiedenen Ebenen zusammenarbeiten und was den Leuten wichtig ist. In unserem Team bin ich die einzige Nicht-Ghanaerin, aber einer der beiden Kollegen kommt aus dem Sueden, versteht also von den lokalen Sprachen so viel wie ich.

Heute nachmittag waren wir in einem Dorf, wo die Frauen seit dem fruehen Morgen am leeren Marktplatz gesessen und auf uns gewartet haben. „Als wir gehoert haben, dass Ihr kommt und uns mit Wasser helfen wollt, haben wir uns gleich auf den Weg gemacht.“ In jedem Dorf, in dem wir bis jetzt waren, erzaehlen die Frauen von Kaempfen untereinander an der Wasserpumpe.
Mit Worten oder mit Faeusten?
Beides!
Mit Blut?
Mit Blut?
Mit Toten?
Nicht mit Toten aber manchmal muss eine ins Krankenhaus.

Der Streit entbrennt, wenn sich eine Frau in der Schlange vordraengelt. In der Trockenzeit ist der Wasserspiegel so niedrig, dass es lange dauert, bis man dran ist und vielleicht kommt dann kein Wasser mehr. Dann muss man Stunden warten, bis das Wasser wieder fliesst. In dem letzten Dorf heute erzaehlten sie, dass die Frauen dann manchmal erst nachts nach Hause kommen zum kochen und die Kinder dann um elf oder zwoelf zum essen wecken. Und fuer die Frauen in diesem Dorf ist das in der Trockenzeit... einfach Alltag, nichts, was sie erzaehlen wuerden, wenn keiner von aussen kaeme und nachfragte...

Donnerstag, Juni 02, 2005

Eva im Dorf

Eva in Ghana
Ich verbring im Moment etwa 10 Stunden am Tag entweder auf unbefestigten Strassen fahrend oder in Doerfern mit Gruppen, die meine Sprachen nicht sprechen, Wassersachen diskutieren. Wenn ich abends nach Hause komme, fuetter ich mich irgendwie, lese die flachsten Romane, die ich in meinem Buecherschrank finden kann und werde zwischen 9 und 10 Uhr bewusstlos um morgens um 5:45 vom Wachman (Hello, Madam!) geweckt zu werden und der Zirkus geginnt von neuem. Darueber vernachlaessige ich meine Freunde und Familie zu Hause, weil ich mich nur mit aeusserstem Pflichtbewusstsein ins Internetcafe quaelen kann um mit meinen Chefs Geschaeftliches zu diskutieren und mein Handy dauernd keinen Empfang hat. Seit Wochen bekomm ich uebermorgen Telefon im Haus. Bitte, habt Geduld mit mir und wisst, dass ich Euch trotzdem wahnsinnig liebe und wenn Ihr ganz genau hinhoert, koennt Ihr vielleicht hoeren, wie viel ich an Euch denke.

Dienstag, Mai 24, 2005

Essen: meine Mary

Eva in Ghana
Small Mary, die meinen Haushalt schmeisst, ist ne Wucht. Sie ist noch kleiner als ich und mit ihr muss ich nicht mehr spuelen, keine Angst vor Dieben haben, wenn ich tags aus dem Haus geh, sie buegelt fleissig und faltenreich und, was ich faszinierend finde, obwohl sie den ganzen Tag da ist, nervt sie nicht. Dabei hilft, dass sie so viel schlaeft. In diesem kleinen Haushalt ist nicht genug zu tun, um jemanden den ganzen Tag beschaeftigt zu halten, sie muss aber hier sein, damit ich (s.o.) beruhigt das Haus verlassen kann. Also legt sie ihre Matte in den Hof oder ein Zimmer und schlaeft still vor sich hin.

Sie nervt nie, ausser...

Nein, ich habe heute beschlossen: Es wird mich nicht mehr nerven, dass sie immer von ihrem Lager aufsteht, wenn ich anfange in der Kueche zu klappern. Dann kommt sie, stellt sich einen Meter neben mich, lehnt sich auf die Arbeitsplatte und guckt mir genau auf die Finger. Anne, mag ich es, wenn man mir beim Kochen zuguckt?

Die letzten Tage hab ich ueberlegt, wie ich sie von meiner Schulter krieg...

Heute gab’s Reibekuchen. Vorgestern Kartoffelpueree. Weil ich auf dem Markt den Stand mit Kartoffeln gefunden hab. Mary dachte bis vorgestern, das einzige, was man aus Kartoffeln machen kann, sind Pommes. Als sie mir heute zuguckte, meinte sie ganz erstaunt: Du machst ja wieder was anderes!

Und irgendwann waehrend des Kochens, hab ich dann einfach Frieden damit geschlossen und gedacht: Dann auch richtig.

Mary hat, bevor sie im Restaurant anfing, zwei Jahre eine Hauswirtschaftsschule besucht, die sie verlassen musste, weil kein Geld mehr da war. Seit ich ihr gesagt hab, dass sie alle meine Buecher lesen darf, liegt sie oft da und liest Kochbuecher, statt zu schlafen. Also richtig: Hab ihr erklaert, was ich mache, was in so nen Reibekuchen reinkommt, dass man die normalerweise mit Schwarzbrot und Apfelkompott isst, zumindest da, wo ich herkomme. Und sie am Ende probieren lassen. Schmeckte ihr besser als Kartoffelpueree. Wer weiss, wo sie das nochmal nutzen kann, wenn sie bei mir lernt, was Europaer gern essen und wie man das kocht.

P.S.: Als ich ein Spiegelei ass, fragte sie: Wie hast Du das gemacht. Erst das Eiweiss in die Pfanne, dann das Eigelb?

Mir Koelsche wir klaewe wie der Duewel am Laewe

Eva in Ghana
(Wir Koelner kleben wie der Teufel am Leben)
Ich riech fast diese Mischung aus schalem Bier, durchgeschwitzter Clownsschminke und Gedraenge in der Kreuzauer Dorfkneipe. Nur das Frieren, was zum Karneval dazu gehoert, weil er ja auf der Strasse stattfindet und die Eitelkeit es verbietet, sich als kissenausgestopfter Clown zu verkleiden, diese Kaelte kann ich mir nicht vorstellen... Ich weiss, meine Freunde aus dem Rest der Welt (alles, was ausserhalb des Koelner Dunstkreises liegt) muessen mich fuer bescheuert halten, aber denen, die von zu Hause kommen, kann ich nur raten: Blaeck Foeoess heben die Auslandstimmung doch ungemein. Und wenn Ihr schlau seid, besorgt Ihr Euch diesen Quatsch schon vor der Abreise. Denn fuer die Fernbestellung muss man schon die richtigen Spinner kennen (
danke Felix...)

O o Katrinn isch han misch verloore, verloore an Disch... Ich schunkel ein wenig vor mich hin und freu mich, dass hier keiner den Unterschied kennt. zwischen dieser komischen Musik und anderer komischer Musik die Europaeer hoeren.

Viel Weiber

Eva in Ghana
Mein Assistent sagt, bei der Organisation der Vielweiberei kommt es darauf an, woran der Mann glaubt. Muslime koennen bis zu vier Frauen haben, aber fuer die Frauenhaltung gibt es feste Regeln. Die drei wichtigsten:
- Eine neue Frau kommt nur ins Haus, wenn die alte zustimmt.
- Nur der darf sich eine weitere Frau nehmen, der sie sich auch leisten kann
- Der Mann muss all seinen Frauen das Gleiche geben, gleiche Liebe, gleiche Geschenke

Selbst wenn er meint, dass nicht alle diese Regeln einhalten, ist die Position der Frauen mit Regeln staerker als im traditionellen setting also bei Leuten, die traditionellen afrikanischen Religionen anhaengen. Hier duerfen die Maenner duerfen so viele Frauen haben, wie sie Brautpreise zahlen koennen. Und vor der Regenzeit hoert man Maenner traeumen: Wenn die Ernte gut wird, leiste ich mir entweder ein Motorad oder noch ne Frau (dann hat’s schlecht geregnet und es gab nicht mal ein Fahrrad...). Die alten Frauen duerfen nicht mitbestimmen, ob sie noch eine wollen und es gibt keine Regeln darueber, allen gleich zu geben. Dann gibt es noch die Christen. Wenn die mehr als eine Frau heiraten gehen sie von da an meist nicht mehr in die Kirche. Oder nur noch in eine Kirche, die weit genug von zu Hause weg ist oder in der grossen Stadt, so dass keiner von ihrer Suende weiss. Dass Gott, der da doch eigentlich die Hauptrolle spielt, auch in der grossen Stadt jedes seiner Schafe gezaehlt hat und keines uebersieht, ist anscheinend nicht so wichtig...

Das Verhaeltnis zwischen erster und zweiter Frau haengt natuerlich stark davon ab, was das fuer Leute sind und wie der Mann, der Macht verteilen kann, sich verhaelt. In der traditionellen Beziehung gibt es einmal die Norm, dass die alte Frau bei Entscheidungen fuer den Haushalt das letzte Wort und die groessere Autoritaet hat. Aber es ist auch haeufig, dass die kleine Frau beim Mann mehr Einfluss hat. „Wenn Du was erreichen willst, musst Du ueber die kleine Frau gehn“. Sie ist schliesslich das neue Spielzeug und bekommt deshalb mehr Aufmerksamkeit, Liebe, Geschenke. Eine Ausnahme ist, wenn der Mann gar keine zweite Frau haben wollte, aber die Familie ihn nochmal verheiratet hat, weil er zum Beispiel ein lokaler Wuerdentraeger ist und deshalb mehr als eine Frau von ihm erwartet wird. Es kommt durchaus vor, dass der Mann gleichzeitig mit allen seinen Frauen Kinder macht, in anderen Beziehungen kommen die Frauen eher nacheinander, man sucht sich eine Frische, nachdem man die Alte aufgebraucht hat. Dass es gleichzeitige Kinder gibt, sei vor allem bei Muslimen ueblich, denn: Jede Frau bekommt das Gleiche.

Wenn ein Mann von seiner ersten Frau die Nase voll hat und sie nicht mit der naechsten Heirat einverstanden ist, kann er fuer die zweite Frau ein Apartment mieten (das gilt wohl eher fuer die staedtische Lebensform) und wird dann meistens dort zu finden sein und nicht in seinem alten Haus. Wenn er aber die alte Frau aus dem Haus schmeisst, bekommt er Aerger, das ist gesellschaftlich nicht angesehn. Wenn eine Frau aus dem Haus gejagt wird, weil sie sich nicht ordentlich benommen hat, oder auch wenn sie selbst weglaeuft, dann gibt es zwei Alternativen: Zurueck zu den Eltern (wenn die noch leben) oder in die grosse Stadt, in ein ungewisses Schicksal ohne familiaere Unterstuetzung.

Eine weitere Art, unerwartet an eine weitere Frau zu kommen, ist das Frauengeschenk: Eine Familie schenkt dem Mann einer anderen Familie eine der Toechter. Das passiert zum Beispiel zwischen Schwiegerfamilien. Der Mann hat schon einer Frau (=Arbeitskraft) aus der anderen Familie weggeheiratet. Deshalb ist seine eigene Familie verpflichtet, der Familie der Frau immer viel Unterstuetzung zu geben. Vor allem bei Beerdigungen wird von den Schwiegerfamilien erwartet, dass sie den Hauptteil der Kosten tragen. Und wenn sich einer dabei besonders gut und grosszuegig zeigt, dann moechte man die Bande mit dieser Familie staerken und bietet dem Mann eine weitere Tochter an. Heutzutage wird die Frau dann meist aus Hoeflichkeit, und um das Geschenk formal anzunehmen, fuer ein paar Tage aufgenommen und dann unberuehrt wieder nach Hause geschickt. Aber Kollegin M hat einen ueber 70jaehrigen Nachbarn im Dorf, der die 22jaehrige, die ihm vor kurzem geschenkt wurde, dankend angenommen und flugs zwei Kinder gezeugt hat.

Essen: Hirsebrot

Eva in Ghana

Endlich bin ich dem Hinweis nachgegangen, dass Hirsemehl so aehnlich funktioniert wie Roggenmehl, also Brot schwerer und herzhafter macht. Gestern auf dem Markt war das eher Zufall, dass ich auf der Suche nach Weizenmehl fragte, was denn die anderen Pulver seien und ein hellbraunes eben Hirsemehl war. Zwei leere Bohnendosen voll fuer zweitausend. Gestern und heute morgen schnell das vorhandene Oliven-Zwiebel-Brot aufgegessen (oh ja, in dem „Supermarkt“ der sich selbst so nennt und seine Anfuehrungszeichnen wirklich verdient, hab ich neulich Oliven gefunden), damit ich neu backen konnte. In der Kiste mit den Brotbackmischungen noch Trockenhefepaeckchen gefunden, juhu ich dachte schon, das war’s. Grundlage fuer das erste Hirsebrot meines Lebens war ein biederes deutsches Backbuchrezept, aber dann irgendwie alles anders. Folgendermassen:

400 g Weizenmehl
200 g Hirsemehl
1 EL Salz
350 ml Wasser
1 Paeckchen Trockenhefe
5 El Olivenoel
Fenchelsamen, Pfefferkoerner, Senfsaat, Kuemmel, schwarzer Sesam (im Moerser grob zermahlen)

Alle trockenen Zutaten mischen. Mit dem Rest zu einem koestlich geschmeidigen Teig verkneten (fuehlt sich ganz eigen an). In tropischen Temperaturen schnell immens aufgehn lassen, kleinkneten, aufs Blech, nochmal gehn lassen und backen.

Und dann hatte eine Englaenderin, die wir gestern zu Besuch hatten, uns genau erklaert, wo denn nun Grace’s Shop ist, wo es Butter gibt. Waehrend der Teig mit dem immensen Aufgehn beschaeftigt war, sind wir in die Stadt gefahren, haben zuerst jungen Kerls dabei zugesehn, wie sie tanzend und lachend den Sonntag nachmittag versoffen und haben dann BUTTER oh gekauft. Als das Brot fertig war, haben wir es gleich heiss zur Haelfte verspeist, mit dick Butter-oh.

Eine ghanaische Freundin von Kollegin M war auch dabei. Sie probierte und meinte dann: Das ist also Butter. Und das in einer Gegend, in der es wahrscheinlich mehr Kuehe gibt als Menschen... Das Brot ist uebrigens koestlich und nicht nur die Fliege, die der Teufel in der Not frisst. Das Hirsemehl vielleicht etwas leichter als Roggen und mit einem runden, leicht suesslich-malzigen Geschmack.

Falschen Krokodilen an den Schwanz

Eva in Ghana


Zu den Dingen, von denen mir schon vor meiner Abreise ueber Ghana erzaehlt wurde, gehoeren die heiligen und daher friedfertigen Krokodile in Paga, denen man Huehner opfert und zum Dank fuer diese Gabe ein Foto mit Krokoschwanz in der Hand schiessen kann, ohne selbst gefressen zu werden. Die Krokodile beherrbergen die Seelen der lokalen Vorfahren und sorgen fuer ihre Nachkommen durch das Verspeisen ueberteuerter magerer Huehner.

Wenn man durch Paga faehrt, kommt irgendwann ein Schild zum Crocodile Pond, dann gehts ueber Stock und Stein zu einem kleinen Tuempel. Unter einem Baum sitzt die Dorfjugend und wartet, dass was passiert. Der Fremdenfuehrer wird von einem Kumpel aus der Moschee geholt, wo er grade sein Freitagsgebet beendet hatte. Welcome, welcome usw. Preisverhandlungen, die mit dem Argument ausgehebelt werden, dass das Huhn ja ueberteuert sein muss, damit die community am community tourism auch was verdienen kann. Die Jungs versuchen zuerst ein freilaufendes Huhn einzufangen, das waere natuerlich super gewesen, dann haetten sie 100% Gewinn gemacht ohne Investition. Dabei wurde viel gelacht und fuer alle Beteiligten war das eher ein Spiel – das das Huhn gewann. Also ging unser Fuehrer in den kleinen Lehmstall und kam mit einem Federding in der Hand raus, das ich zuerst fuer einen toten Koeder hielt, weil ich noch nie so ein erbaermlich mageres Huhn gesehn hab.

Damit gings runter an den Teich, kurzes Gewedel da kam auch schon ein fettes Krokodil raus. Ich war erstaunt, wie lang seine Beine waren und wie hoch der Bauch ueber der Erde getragen wird. Das Huhn wurde ihm im hohen Bogen zugeworfen, Schnapp! nur noch ein Fuss ragt aus dem Mundwinkel, noch lebend wird das ganze Huhn verschluckt. Schliesslich gehoert es zum Protokoll, dass mindestens einer der Touristen sich mit Krokodil fotografieren laesst. Da ich das meinen Eltern kaum zumuten konnte, hielt ich also den dreckigen Krokodilschwanz in die Luft, waehrend die Mutter aus der Ferne mit Abscheu zusah und der Vater Fotos machte (die wir spaeter alle aus Versehen loeschten).

Waehrend des ganzen Spektakels beobachteten wir einen Jungen, der seinen widerstrebenden Esel am Karren mit Stockschlaegen in den Teich trieb. Auf dem Karren war ein Fass, das er mit Schmuddelwasser fuellen wollte. Der Esel war zwischen all den Krokodilen so nervoes, dass er beim Zusammenzucken das volle Fass vom Karren stiess, der Schoepfeimer wurde vom Wind weiter in den Tuempel getrieben und der Junge musste von vorne anfangen...

Aber warum „falsche Krokodile“? Darum: Wir sind vom Tuempel zurueck auf die Hauptstrasse und dann Richtung Grenze, weil wir mal sehn wollten, ob Burkina Faso anders ist als Ghana und ob sie vielleicht Kaese verkaufen... (ist es nicht und tun sie nicht, zumindest nicht gleich hinter der Grenze, nur „la vache qui rit“ und die Kuh lacht ja grad, weils kein Kaese ist). Und da sehn wir links der Strasse einen grossen Dam mit Schild dran „Crocodile Pond“, man kann die Krokodilaugen schon von der Strasse aus dem Wasser stippen sehn.

Ich muss nur lachen und bin voller Bewunderung fuer die geschaeftstuechtigen Ghanaer, dass sie einfach eine kleinere Zweigstelle des heiligen Teichs aufmachen. Und, das ist ja fast schon eine philosophische Frage: Wenn ich selbst nicht an die Heiligkeit von Krokodilen glaube, ist dann ein Teich mit urspruenglich verehrten Krokodilen trotzdem mehr wert, als einer, in dem Krokodile sitzen, die von den Teichbetreibern ebensowenig verehrt werden wie von mir? Was, wenn beide Krokodilunternehmer, also der Haeuptling am grossen Teich und die Jungunternehmer am kleinen, die Krokodile verehren. Ist dann der kleine Teich tatsaechlich so ein Betrug, wie man spontan fuehlt? Und wenn die Geschichte stimmt, dass es nachts Krokodilbesuche ueber die Strasse in den anderen Teich gibt...?

Montag, Mai 16, 2005

Zwischenstopp

Die Eltern halten mich so auf Trapp mit Ihrem Abenteuerdrang, dass ich gar nicht dazu komme, alles aufzuschreiben. Jetzt hab ich sie allein losgeschickt, damit ich ein bisschen arbeiten kann, aber wenn ich ein bisschen arbeite, kann ich ja auch nicht all unsere Abenteur aufschreiben. Also nur das Eine: Blogs sind absolut sinnlos. Obwohl ich doch alles im Detail beschrieben hatte, konnten sie sich nicht vorstellen, wie sich das hier anfuehlt, wie es riecht und wie man hier lebt. Wir lachen gemeinsam darueber, dass sie in einem der beiden Supermaerkte Ghanas nur zwei Flaschen Wasser kauften und nicht auf die Idee kamen, mir irgendeine lange vermisste Delikatesse (Kaese? Yoghurt? Oliven?) mitzubringen...

Oh, aber dafuer haben sie einen fetten Sack Geburtstagsgeschenke mitgebracht, wunderbar, Koelsche Lieder, Luebecker Marzipan, Buecher, Mitbringsel aus Indien, Gemuesesaat, Lichterkette, Fotos und und und. Danke meine Lieben.

Montag, Mai 09, 2005

altes Zeug

So, mit dem Memory Stick zum Internetcafe gegangen, alte Blogs (rueckwaerts bis 3. Mai) ins Netz gestellt. Ausserdem: Meine Afrikaner lieben meine Kuchen. Juhuu. Da es kein anderes Obst als Mangos und Orangen und alte reife Plantain gab, musste ich meinen Applecrumble etwas umwurschteln, Plantainmatsch mit Mango- und Orangenstuecken. Verboten suess aber lecker. Der Sturm hat eben meinen guten Mangobaum (den mit den fetten Mangos, die noch nicht reif sind) um einen grossen Ast und die halbe Ernte gebracht.

Ausserdem: Die Eltern rufen dauernd an und sagen, sie seien im Paradies. Muss ich mir Sorgen machen? Sind sie vielleicht im falschen Land gelandet?

Essen: Suesse Not

Lecker aus der Not geboren: Minz-Limonen-Nudeln
Knoblauch und frische kleine scharfe Pepperoni mit Salz im Moerser toeten, dazu ein Loeffelchen englische Minzsauce, Limonensaft, Olivenoel. Ueber Nudeln. Hahaha. Lest die Zutatenliste und Ihr seht, wie arg meine Not ist. So lecker, dass mir beim Schreiben schon wieder das Wasser aus den Mundwinkeln tropft. Aber gleich ist ja zum Glueck mein Foccacia fertig. Ideales Klima fuer Hefeteig, gleichmaessig warm und windlos. Als ich dem Teig beim Gehen zusah, musste ich an das Maerchen mit dem Griespudding in allen Strassen denken...

Aber da nix perfekt ist: Hoffnungslos fuer Muerbeteig. Nicht nur, dass es natuerlich keine Butter gibt. So richtig gut kriegt man den hier wohl nur hin, wenn man die Klimaanlage auf Hochtouren laufen laesst. Aber bislang hab ich nur im Auto Klimaanlage... Wenn man also bald eine knetende Frau im Pickup durch die Strassen Bolgas fahren sieht... Fuer diesmal hab ich mich damit begnuegt, schlechten Muerbeteig zu machen.

Aus dem Buch: Wild Boar on the Kitchen Floor (Wildschwein auf dem Kuechenboden – Rezeptsammlung fuer Amis in Westafrika) noch ein Rezept, das ich noch nicht versucht hab. Bitteschoen:

Eggless, Milkless, Butterless Cake

Boil together for 3 min
1c raisins
1c sugar
1c water
½c oil

Cool and add
1/4t salt
1t cinamon
1t nutmeg
2T cocoa
1t soda dissolved in 1/4c water
2c flour
1t baking powder

Bake at 350F for 30 min

Eierloser, milchloser, butterloser Kuchen
(die Angaben zur Umrechnung von c bieten nur Essloeffel an...)
3 Min lang kochen:
16 El Rosinen
16 El Zucker
16 El Wasser
8 El Oel

Abkuehlen lassen und hinzufuegen:
¼ Tl Salz
1 Tl Zimt
1 Tl Muskatnuss
2 El Kakao
1 Tl Soda in 4 El Wasser aufgeloest
32 EL Mehl
1 Tl Backpulver

30 min bei 180 Grad backen.

Ich bin gespannt auf Testberichte.

Samstag, Mai 07, 2005

Expats

Dies Wort hab ich erst gelernt, seit ich mehr mit Leuten zu tun hab, die in Afrika arbeiten. Kurzform von Expatriate und das ist einer, der nicht in seiner Heimat lebt. Wenn man in Afrika ist, ist das aber nicht der Gastarbeiter aus dem Nachbarland und auch nicht der Fluechtling aus der Krisenregion. Der Expat tritt normalerweise gruppenweise auf, bildet eine sogenannte Expat Community, am staerksten ausgepraegt in der jeweiligen Hauptstadt und am wohlsten fuehlt er sich in seinem angestammten Habitat... also in der coolen Sushi-Bar und dem englischen Pub, wo Fussballflaggen von der Decke haengen und man sich Donnerstags zum Pub Quizz trifft. Hier isst und trinkt und feiert man wie zu Hause und (leider oder gluecklicherweise?) ist das Bier so teuer, dass kaum ein Local so bescheuert waere, hier trinken zu wollen. Der Expat kann sich das locker leisten, da er als Experte im Entwicklungsbusiness oder als Manager von Shering Westafrika genug verdient, um wie ein Koenig zu leben und trotzdem noch zu sparen.

Ihr habt es vermutlich erkannt. Ich bin ein Expat.

Und kann dagegen so wenig unternehmen, wie der Rucksacktourist, der auf die boesen Touristen schimpft und sich fuer was besseres haelt, weil der weniger Geld im Land laesst. Also esse ich den Parmesan mit Genuss und Dankbarkeit und ich geb’s zu, ich hab mich bei der Quizznight sogar ein wenig amuesiert. Aber nur ein wenig, etwa so viel, wie ich mich bei der gleichen Beschaeftigung in England amuesiert haette... Aber gleichzeitig bin ich froh, dass ich jetzt wieder zu Hause in Bolga bin, wo ich Afrika nicht entkommen kann, denn das passiert einem in der Hauptstadt so leicht und unbemerkt, dass man sich von einer europaeischen Insel zur naechsten hangelt. Andererseits, und da seht Ihr, wie schwach ich bin, moechte ich auch nicht mit Kollegin M tauschen und bei einer Familie auf dem Dorf leben. Da kann man nun Afrika so wenig entkommen, dass es mich auf die Dauer wohl doch nervoes machen wuerde

Freitag, Mai 06, 2005

Krasse Nummer

Eben klingelte mein Telefon. Die Mutter: Hallo, Eva, wir sind hier mit nem Polizisten, Du musst mal mit dem reden.

Dann in gebrochenem English und mit Knacken in der Leitung der verworrene Bericht, warum er meine Eltern vor Gericht bringen wird, wenn sie ihm nicht auf der Stelle drei Millionen bezahlen. In der Geschichte kam eine ueberfahrene rote Ampel vor. Wobei man wissen muss, dass die Farbwahl der Ampeln von den Einheimischen hoechstens als Vorschlag verstanden wird. Aber was macht man, wenn man 9000 Kilometer entfernt ist und der Mensch einfach drauf besteht, drei Mille oder Gericht zackzack.

Man geht zum Ghanaischen Kollegen, der fuer die Regierung arbeitet und sagt: Du musst mir helfen. Nach kurzer Erklaerung hat er das Telefon genommen und begann in seinem Buero auf und ab zu gehn, waehrend er erklaerte, dass meine Eltern Gaeste der Water Resource Commission seien und der Polizist uns doch sicher behilflich sein koennte, sie wohlbehalten nach Bolga zu bringen. Er solle doch bitte verstehn, dass die beiden zum ersten Mal im Land seien und noch nicht wuessten, wie alles funktioniert... Und ausserdem, sein juengerer Bruder arbeite im Hauptquartier der Polizei in Accra und ob wir bitte den Namen des Polizisten haben koennten (den Namen gab er nicht...).

Da es sich bei den 3 Mille (330 US$)natuerlich um Bestechungsgeld und nicht um eine formal korrekte Strafe handelte, war dieser kleine Bruder sehr hilfreich - aber, und das ist so Ghanaisch - das Ergebnis war nicht, dass er nix kriegte, sondern ein realistischeres Bestechungsgeld. Noch immer nicht "local rate", mein Kollege sagte, in so einem Fall wuerde er nie mehr als 50 000 bezahlen. Er einigte sich schliesslich mit unserem Freund und Helfer auf 300 000.

Ok, ich hab den Eltern erklaert, was sie zahlen muessen. Kurz spaeter riefen sie wieder an: Der will 400 000! Ok, gebt ihn mir mal. Inzwischen hatte sich die Wut bei mir zu einer schoenen Betriebstemperatur erhitzt. Ich bin ganz erstaunt von mir, wie arg ich Leute hier ausschimpfen kann, wenn benoetigt. (ich lerne eben, mich kulturell angemessen zu verhalten) Also: This is disgraceful, you should be ashamed of yourself, being a Ghanean and treating foreigners so badly, you give me your name so we can follow this up... (also, wie wuerdelos ist das, als Ghanaer mit Auslaendern so umzugehn, schaem Dich. Wie ist Dein Name, wir werden das weiterverfolgen usw.)

Als die Mutter schliesslich lachend anrief um zu sagen, dass sie wieder frei sind, war sie ganz begeistert davon, wie spannend reisen in Ghana ist. Und meinte, er sei am Ende ganz zerknirscht gewesen. Was ihn aber nicht davon abhielt, sie noch als Mitfahrgelegenheit zu nutzen und ihr Handy zu fordern, um irgendwelche privaten Telefonate zu fuehren. "Aber ich hab ja zum Glueck nie Angst, hab ich ihm natuerlich nicht gegeben..."

Dienstag, Mai 03, 2005

Hause

Gestern bin ich wieder in Bolga, zu Hause, angekommen. Den halben Tag gestern und den ganzen Tag heute damit verbracht, hier anzukommen, vom Hinterhaus ins Vorderhaus zu ziehn, aus dem die Handwerker nun verschwunden sind – ohne es wirklich fertig zu machen, in meinem Schlafzimmer und im Flur gibt es leider kein Licht. Was aber nicht viel ausmachte, da wir gestern ohnehin Stromausfall hatten. Oh, ich hatte vergessen, WIE dunkel es ist, wenn man nicht nur bei sich das Licht ausmacht, sondern alle Nachbarn auch ausgeknipst werden. Die Hunde begannen zu Jaulen und wir (Kollegin M und ich) freuten uns, dass wir einen guten Grund hatten, sehr frueh schlafen zu gehn. Draussen tausend Sterne. Aber leider verderben einem die Moskitos den Spass am nachts draussen sitzen. Als ich heute mit Mary meine Klamotten ins grosse Haus raeumte, hielt sie irgendwann meine blickdichte Strumpfhose in der Hand, die ich im europaeischen Winter meines Abflugs trug. Ich erklaerte ihr, wofuer die gut ist. Und sie erklaerte mir, wofuer die gut ist. Waehrend ich also von der Kaelte Europas erzaehlte (als wenn Du in den Eisschrank steigst und die Tuer zumachst...), sagte sie: Die kommen immer in den Ladungen mit Second Hand Kleidung, die hier verkauft wird. Unsere Frauen tragen die in der Regenzeit zum Schlafen, wir denken, dafuer sind die gemacht. Hae??? Ach so, als Schutz gegen Moskitos, die beissen da nicht durch.

Die ganze Zeit erfreu ich mich ungemein an meiner Haeuslichkeit, hab schon wieder Brot gebacken und verschlungen und an M verfuettert... Was mich zum Thema „Leute fuettern“ etwas melancholisch stimmt, ist dass ich zum ersten Mal seit einem Jahrhundert zu meinem Geburtstag nicht weiss, wen ich zum Fruehstueck einladen soll, all meine Lieben so weit weit weg. Keiner, der von nah oder fern anreist, kein Fruehstuecken bis zwei Uhr nachts mit denen, die bei mir uebernachten... Und selbst die Leute, die mir in diesem Land nahegekommen sind, sind ungemein verstreut. Was mich ausserdem einschuechtert, ist folgendes: Alle Weissen, die ich hier kenne, sagen, dass sie es noch nicht geschafft haben, fuer Ghanaer so zu kochen, dass die das auch lecker fanden. Was will man erwarten, in der Europaeischen Kueche kommt Schleimsuppe mit Broeckchen nicht vor. In meiner zumindest nicht... Nun, vielleicht sollte ich sie alle Sonntag nach der Kirche zum Kuchen essen einladen. Suesskram scheint universeller zu sein – Hauptsache suess...

Freitag, April 29, 2005

Abflug (2x)

Gestern kam endlich der Anruf des Autohaendlers: Das Geld aus Uebersee ist angekommen, Du kannst die Karre abholen! Juhuuu!

Also hab ich mich mit meinem Assistenten hingesetzt, wir haben einen militaerischen Masterplan gemacht, wen und was wir heute alles ueberfallen und besiegen muessen, damit wir morgen fruehfrueh gen Bolga aufbrechen koennen. Nun ist er unterwegs und organisiert Bullenfaenger und ordentliche Reifen fuer das Auto und ich hab meine Bank ausgeraubt, damit er genug Kleingeld hat. Des weiteren muss ich noch etwa eine Million Papierkraemer erledigen, dann wird gepackt, geschlafen und Yokohama.

Ich weiss aber leider genau, warum ich keine Offizoese beim Militaer geworden bin. Nicht nur weil entweder Staatsangehoerigkeit oder koerperliche Ausstattung (Dellen an den falschen Stellen) dagegen gesprochen haetten. Ich bin vielleicht klein und gemein genug, um in einem Guerillakrieg gute Chancen zu haben, weil ich hinter dem noch so kleinsten Busch gut versteckt bin. Aber strikt geplante Grossaktionen haben (freundlich ausgedrueckt), eine signifikant hoehere Chance auf Erfolg, seit ich meinen hervorragenden Assistenten angestellt habe.

Und so bin ich einerseits nervoes, andererseits vertrau ich voll darauf, dass wir das gemeinsam wohl hinkriegen. Und ich bin voller Sehnsucht nach meinem geliebten Haus in meinem geliebten Bolga.

Warum Abflug 2x? Weil die Eltern vermutlich inzwischen ebenso nervoes sind. Und voller Sehnsucht? Aber sicherlich nicht nach Bolga. Donnerstag landen sie in Accra. Nochmal Juhuuu.

Dienstag, April 26, 2005

Essen 12: Schleim

Zum Mittagessen bin ich mit meinem Assistenten in die Kantine gegangen und er bestellte Banku with Okro Soup. Banku ist ein fester Maismehlklops. Halbwegs harmlos aussehend, wenn schon nicht einladend. Davon reisst man mit der rechten Hand ein Stueckchen ab, knetet es in den Fingern zurecht und taucht es in Okraschleim. Eine gruenbraune Bruehe mit Stueckchen bedeckt den Boden einer Suppenschuessel, drei graue Fleischbrocken ragen aus der Fluessigkeit. Man taucht also rein, loeffelt ein wenig mehr in die kleine Kuhle, die man sich zurechtgeknetet hat, dann beugt man sich ueber die Schuessel und steckt sich den Faeden ziehenden Klumpen in den Mund. Ich hab mich bemueht, wegzuschaun, weil ich ja gleichzeitig mein eigenes Essen - dem ich auch nicht recht traute - runterkriegen musste. Aber jedes Mal wenn ich guckte, sah ich mehrere stabile Faeden, die Klumpen und Suppe verbanden, bis der Klumpen im Mund verschwand.

Montag, April 25, 2005

Und ploetzlich arbeitet man am Wochenende

Ihr wisst noch, wie langsam ich war, als ich aus Namibia zurueckkam und wie ich davon geschwaermt hab, dass meine Namibier mir eine andere Sicht auf Arbeit vermitteln konnten, dass ich mir unsere mitteleuropaeische Arbeitssucht kritisch angucken und auf Distanz gehen konnte. Mein alter Boss warnte mich, dass dies eine der langsamsten Ecken Afrikas sei. Ok, er meinte Burkina Faso aber schliesslich lebe ich nur 30 Minuten davon entfernt...

Pustekuchen. Im Ghanaischen Schulsystem, so erklaert mir mein Assistent, gehoert der Ruhm dem Fleissigen, fuer Dein Abschlussexamen musst Du alles auswendig wissen, was Du in den letzten Jahren gelernt hast, Du musst pauken pauken pauken. Er sagt: Nicht viele Leute hier sind an Bildung interessiert, aber die kennen einander alle. Also die, die es zur Uni schaffen. Sicher ist das uebertrieben, im afrikanischen Vergleich hat Ghana verdammt viele Unis (vier staatliche und weitere nicht-staatliche), aber es stimmt schon, eine kleine Fleiss-Elite schafft es zur Uni. Und meine Kollegen hier in Accra sind die, die es nicht nur zur Uni geschafft haben, sondern dann auch noch promoviert und schliesslich bei einem internationalen Forschungsinstitut angestellt wurden. Wenn man da Samstags ins Buero geht, ist man nicht allein, zwei Tage die Woche frei machen scheint den meisten Mitarbeitern da reinste Zeitverschwendung. Die schreiben Papers als hinge ihr Leben davon ab – tut es ja auch...

Irgendwann letzte Woche hab ich unter dem grossen Baum vorm Buero im Schatten gesessen, allein eine Kaffeepause gemacht – weil alle dafuer viel zu beschaeftigt sind und waehrend ich mir die Sonne durch die Blaetter ansah innerlich geseufzt: Ich muss mehr faule Leute kennenlernen. So gerne wuerde ich am Wochenende etwas schoenes, touristisches unternehmen. Aber allein ist das oede und die Leute, die ich von der Arbeit kenne, haben fuer sowas keine Zeit.

Ich bin gespannt, ob die von Euch, die in Entwicklungslaendern waren, das nachvollziehen koennen: Die Leute die es aus eigenem Fleiss schaffen, kaempfen so viel haerter und entschlossener um ihren Erfolg, der Abstand zwischen ihnen und den anderen ist so viel groesser als bei uns und deshalb koennen sie viel tiefer fallen – was sie staendig nervoes macht.

Und ploetzlich arbeitet man am Sonntag. Denn das ist immer noch spannender und fuehlt sich dabei auch noch sinnvoller an, als den ganzen Tag allein im Hotel abhaengen und nicht zu arbeiten, also die Zeit weder produktiv noch zum Spass zu nutzen. Wo ich letzte Woche noch mit einem schweizer Praktikanten darueber gelaestert hab, dass die Europaer hier alle entweder arbeits- oder alkoholabhaengig oder beides sind. Ich habe, seit ich Ghana bin, schon etwa 9 Gin and Tonic getrunken. Und, in britischer Tradition, Malariaprophylaxe als Vorwand benutzt... Bin ich gefaehrdet?.

Donnerstag, April 21, 2005


 Posted by Hello

 Posted by Hello

Verbuschung (nur bei mir)

Heute morgen im Fruehstuecksraum wurde meine Sehnsucht nach Bolga so uebermaechtig, dass ich mich beherrschen musste, nicht laut zu lachen. Das waere aber ernsthaftes Danebenbenehmen gewesen, weshalb wiederum meine Sehnsucht stieg.

Ich weiss ja nicht, wie ihr Euch den typischen weissen Mann, der in Afrika arbeitet, vorstellt, aber ich muss sagen, Namibia hat mich in die Irre gefuehrt. Da gab es relativ viele Exemplare des kernigen Kerls (den man nur mit Adjektiven beschreiben kann, die in den spaeten 60er Jahren in Deutschland ausgestorben sind...), der sich mit Blechtasse und Schweitzer Messer durch die Wildnis schlaegt, braungebrannt und zaeh wie eine Schuhsohle, hochattraktiv aber mit leicht (oder schwer) destruktivem Touch, Individualismus-Extremist, der einsame Cowboy...

Der Fruehstuecksraum im Hotel war voll mit Fotokopien eines anderen Prototyps: Ergraut, bleich, bauchig in Tuchhose und hellrosa Hemd, Aktentasche, beigefarbene Socken in unbeschreiblichen Schuhen, auch ein Typ, der - waere dies die beste aller Welten - in den 60ern ausgestorben waere... Ich vermute mal, das sind alles unglaublich wichtige Herren, Entscheidungstraeger, die fuer eine Woche eingeflogen werden um irgendwelche Entscheidungen zu tragen, Konferenzen zu besuchen, Politik zu machen.

Ich bin kein Kontaktfeind und bin ja auch bereit, Fliegen zu fressen und mit diesen Kerlen einfach deshalb ins Gespraech zu kommen, weil immer allein essen ja noch langweiliger ist (vermutlich, wer weiss...).

Es ist lustig, morgens die Erste zu sein. Ich setze mich an einen Tisch, an dem ich den Ueberblick hab und den nach mir Kommenden Guten Morgen zunicken kann. Dann kommt der erste, nickt nix und setzt sich an den Tisch, der am weitesten von mir entfernt ist. Der naechste hat es schon schwerer, muss schliesslich zwei nicht gruessen und einen Tisch finden, der von beiden am weitesten weg ist. Und so weiter. Dann fruehstuecken wir schweigend und luftgekuehlt.

Mittwoch, April 20, 2005


Hinten links: Langer duenner haesslicher Baum Posted by Hello

Haus und Garten

Kollegin M. schreibt, dass es in Bolga geregnet hat und wunderschoen ist. Und nach einer knappen Woche in einem Hotel, wo es alles gibt, hab ich ernsthaft Sehnsucht nach zu Hause. Diese Sehnsucht teilt sich auf in Sehnsucht nach den Strassen Koelns und nach meinem Haus in Bolga.

Im Moment geh ich wieder jeden Tag in das Buero unserer Partnerorganisation in Accra und nutze, was es hier gibt und im Norden nicht, z.B. ordentlichen Internetanschluss. Durchsuche das Netz zum Thema Rapid Rural Appraisal, weil das mein naechster Job ist: Mit den Bewohnern von 16 Doerfern in meiner Region rausfinden, was ihre Beduerfnisse, Wuensche und Stolpersteine sind. Im Allgemeinen und dann natuerlich in Bezug auf Wasser.

Ich hab beim Autohaendler einen Vertrag unterschrieben und warte nun, dass das Geld ankommt und ich losfahren kann. Oh, und ich werde Klima-Anlagen kaufen. Und Buecher. Und Kaese. Und Saatgut fuer Gemuesebeete in meinem Garten. Und alle Gewuerze, die Libanesen moegen (alle Supermaerkte sind libanesisch).

Wenn ich zurueckkomme, muss ich einen Wassertank besorgen und mir von einem Schweisser ein meterhohes Stahlgeruest bauen lassen, da kommt der Tank drauf, damit das Wasser Druck bekommt um aus dem Hahn zu fliessen. Als Nancy da war, hatten wir Tagelang kein Wasser (oder es floss nur, wenn wir grad unterwegs waren). Der Wassertank fuellt sich, sobald Wasser in der Leitung ist, dann kann man das abends nutzen, wenn wieder Wassersperre ist.

Und ich werde mich nach einem Gaertner umsehn. Bevor ich fuhr, klopfte es an mein Tor und davor stand der Mann mit dem seltsamsten Ohr, dass ich je gesehen hab, als haette es jemand mit scharfer Schere in Form geschnitten, spitz wie ein Elfen-Ohr. Er erzaehlte mir, er sei hier Gaertner gewesen und habe diesen haesslichen langen duennen Baum gepflanzt, ob er die Samen ernten koenne, die seien gut gegen Krebs und alles andere. Ok, bitteschoen. Ich dachte, er wuerde nur aufsammeln, was auf dem Boden liegt, aber er hat den Baum umklammert und ist barfuss an den Zweigen haengend hochgeklettert. Ernten eben. Nachdem er wieder unten war, hat er mir ausfuehrlich erklaert, was in meinem Garten waechst, jedes Unkraut (meine Sicht) hat eine Bedeutung, das heisst: kann gegessen werden. Wie man das zubereitet? Keine Ahnung, sagt er, bin doch keine Lady. Dann hat er in diesem staubigen leeren Hof das Bild des Gartens entstehen lassen, den er daraus machen koennte: die Plantains auseinanderpflanzen, rankende Blumen gegen Moskitos vor das Badezimmerfenster, Zitronengras um den Mangobaum, Moehren neben das Haus...

Ich hab gesagt: Hoert sich interessant an, ich denk drueber nach, komm in zwei Wochen wieder, da hab ich mehr Zeit... Schliesslich fanden wir heraus, dass wir in Bolga eine gemeinsame Bekannte haben, eine Kanadierin, die schon zwei Jahre hier ist. Er sagt: "I know her, she doesn't like when I drink" (Ich kenn sie, sie mags nicht, wenn ich trinke)

Als ich sie spaeter besuchte, um mehr zu erfahren, hat sie gelacht. Und mich gewarnt: Super Gaertner. Und hoffnungloser Trinker. Lass die Finger davon. Der kommt betrunken an und bettelt um Geld.

Ihre Freundin erzaehlte: Mich hatte er nur zweimal zufaellig gesehn da kam er eines Tages zu meinem Haus um mir fuer Geld irgendwelche Pflanzen anzudrehn. Ich hab ihm schliesslich genervt was gegeben und das Zeug irgendwo ins Regal gelegt. Spaeter hab ich gesehn: Das war alles Plastik!

Die Kanadierin hat mir ihren Garten gezeigt und von ihrem Gaertner erzaehlt, ordentlich, unkreativ, verlaesslich. Tags arbeitet er fuers Landwirtschaftsministerium, nachts ist er Wachmann und morgens und abends giesst er ihre quadratischen schmucklosen Gemuesebeete.

Dienstag, April 19, 2005

Fantasiesaerge

In Bolga im Hotel hab ich eines Morgens einen Ethnologen kennengelernt, grauer Bart, Khaki-Shorts, Schnuerstiefel, alte Schule. Der erzaehlte mir ganz erfreut von dem Wieder-Erstarken der traditionellen Autoritaeten in Ghana. Fuer ihn ist das super, da er ja am liebsten moeglichst unveraenderte richtig afrikanische Sachen erforschen will. Natuerlich hat er das schlauer ausgedrueckt.

Aber als wir uns hier in Accra die Fantasiesaerge angeguckt haben, musste ich an ihn denken. Und mich dabei an meine eigene Nase fassen. Denn irgendwie hab ich das auch im Kopf, dass vor allem die alten Sachen echt afrikanisch sind und alle neuen Entwicklungen, selbst wenn sie original von hier sind und es sie nur hier gibt... irgendwie weniger afrikanisch sind.

Man weiss nicht recht, wie das anfing, aber vor nicht allzulanger Zeit begann ein Schreiner in Accra, Saerge herzustellen, die auf die ein oder andere Art das Leben ihrer Bewohner wiederspiegeln. Bunte Saerge in der Form wilder Tiere fuer besonders starke Maenner, Flugzeuge, Voegel, Krabben, Oelfaesser, Autos, Nokia Handys aus bunt bemaltem Holz. Inzwischen bauen drei Werkstaetten Fantasiesaerge, sie waren im National Geographic und es gibt zwei Bildbaende darueber...

Wenn ich mein Fotokabel wieder hab, werde ich Euch ein paar Bilder zeigen.

Montag, April 18, 2005


Jessy zeigt uns alle Baobabs in Bolga Posted by Hello

Essen Posted by Hello

Auf dem Markt in Accra Posted by Hello

Reiseplaene

Meine Chefin hat mich fuer 10 Tage in Bolga besucht und wir haben die Zeit intensiv genutzt. Aufs Dorf fahren zum Forschen und mit zwei heisslaufenden Computern ganz viel denken. Aber auch und besonders wichtig: Tausend organisatorische Details regeln. Nachdem wir meine naechsten 6 Monate bis obenhin mit Arbeitsplaenen vollgepackt haben, haben wir einen ersten unverbindlichen Urlaubsplan gemacht: Zwei Wochen Heimaturlaub in August. Die Reise wird mit einem Arbeitstreffen in Rom verbunden. Und zwei Wochen um Weihnachten. Die fuenfte Woche spare ich mir fuer Euch auf, wenn Ihr mich in Ghana besucht.

Freitag, April 15, 2005


die haben so komische Rueckenknubbel Posted by Hello

Donnerstag, April 14, 2005

Massenhaft alte Sachen

Wie ihr seht bin ich zurueck in Accra und Internetcountry. Es gibt ein paar Fotos und ich hab die meisten blogs ins Netz gestellt, die ich in den letzten Wochen geschrieben hab. Ihr muesst ein wenig zurueckblaettern, da ich sie zurueckdatiert hab. Also im Archiv nach Maerz gucken.

Aufgrund mehrfacher Nachfrage nochmal was zum Thema Kommentare: Wenn Ihr comments anklickt, bekommt ihr ein Formular, bei dem ihr Euren eigenen Blog anmelden koennt. Wenn Ihr das aber nicht wollt (und warum solltet Ihr, nur um einen Kommentar zu schreiben), sehr Ihr ganz unten eine kleine Schaltflaeche, die ihr anklicken koennt, wenn Ihr anonym kommentieren wollt.

the white lady with the local hat (die Weisse mit dem Bolgahut) Posted by Hello

anderleuts Haus Posted by Hello

leeres Haus... Posted by Hello

Vorderhaus Posted by Hello

Montag, April 11, 2005

Brueste

sind so nebensaechliche Koerperteile wie Ellenbogen. Es hat hier so offensichtlich keine Bedeutung und verursacht weder Verwunderung noch Erregung noch irgendeine andere Form der Aufmerksamkeit, wenn Frauen in der Oeffentlichkeit ihre Brueste zeigen. Natuerlich, Muetter mit kleinen Kindern stillen. Das sieht man bei uns auch. Obwohl man eher selten sieht, dass ein Baby einen langen ausgeleierten Sack aus der Bluse der Mutter zerrt. Folgende Situation waere bei uns schon eher ungewoehnlich: Wir sind im Dorf und sitzen im Hof unserer Gastgeber, essen was sie fuer uns gekocht haben und neben uns auf dem Boden sortiert eine Frau Bohnen (die guten ins Toepfchen...) scheucht die Ziegen weg, die ihr helfen wollen und hat nur ein Tuch um die Hueften gewickelt. Und leere Brueste, die fast den Boden beruehren. Keiner findet das eigenartig, auch die maennlichen Besucher beachten sie gar nicht. Hier in der Naehe gibt es einen Schrein (traditionelle afrikanische Religion), wenn man sich den angucken will, geht das nur oben ohne. Aber Kollegin M. meint, wenn man selber sich an den Gedanken gewoehnt hat, kann man sehen, wie das niemanden mehr interessiert, als nackte Fuesse.

Freitag, April 08, 2005

Ins Dorf, in die Stadt

Juhuu, dieses Wochenende gehts zum ersten Mal so richtig ins Dorf. Meine deutsche Kollegin in Bolga hat fuer Nancy und mich einen Trip in "ihr" Dorf organisiert, wir werden da Sonntag und Montag hinfahren und versuchen, ob uns Mensch-aerger-dich-nicht Figuren auch in Nordghana dabei helfen, mehr ueber Machtverteilung zu erfahren. Sie sagt: Ueberlegt, was Ihr essen wollt und kauft die Zutaten in der Stadt, dann koennen die Frauen fuer Euch kochen. Im Dorf gibts nichts. Mittwoch werde ich mit Nancy nach Accra fahren, vermutlich mit dem Bus. Da kann ich dann alles kaufen, was mir noch fehlt, z.B. Klimaanlage und nochmal dem Grossstadtluxus guten Tag sagen, um mich dann um so motivierter bald in wieder in die Arbeit zu stuerzen...

Donnerstag, April 07, 2005

Dienstag, April 05, 2005

Keine Sorgen... mehr...

Ich war abgetaucht und bin immer noch in der internetarmen Zone. Ich weiss, Ihr habt Euch Sorgen gemacht und ich denke, zu Recht. Denn mir ging's beschissen. Ich bin in meine neuen Haeuser gezogen und hatte da nichts ausser ein paar Klamotten und eine neue Matratze. Meine deutsche Kollegin war in Accra, meine beiden ghanaischen Kollegen ebenfalls und ich hab mich nur gefragt: Wie um alles in der Welt konnte ich auf die Idee kommen, mich fuer zwei Jahre an einen Ort verpflichten von dem ich nichts weiss... ausser dass kein Ghanaer mit meiner Qualifikation diesen Job wollte. Obwohl da fuer Ghanaer quasi pervers viel Geld drin stecken wuerde.

Die Hitze hat mich irre gemacht, ich wollte nicht mehr essen ICH! WOLLTE NICHT MEHR ESSEN! Was haette ich auch essen koennen, so ohne Kuehlschrank und Herd und voller Ueberdruss gegen alles, was hier fuer lecker gehalten wird. Die besonders tapferen von Euch, die mich in der Zwischenzeit angerufen haben, mussten sich den ganzen Quatsch anhoeren und dann, zeitverzoegert: Brauchst Dir aber keine Sorgen machen...

Der Umschwung kam letzte Woche Freitag, als morgens meine Moebel angeliefert wurden, mein Kuechenzeug, Buecher, Musik und ich aus dem leeren Haus mein Heim machen konnte. Ich hab ganz ganz langsam ausgepackt, immer wieder innegehalten, z.B. um das Fotoalbum durchzugucken und vor Sehnsucht zu heulen. Oder um zu lachen beim Auspacken so irrsinniger Dinge wie meines Zestenreissers (wo man hier doch keine Schalen essen darf).
Ausserdem hab ich Freitag Kuehlschrank und Herd gekauft.

Ich hatte mir auch Buecher eingepackt, die ich noch nicht gelesen hatte. Also konnte ich mich nun mit Buch auf die Veranda in den Schatten des Mangobaums setzen und Musik hoehren, waehrend der Brotteig ging. Und mich zu Hause fuehlen.

Sonntag ist meine Deutsche aus Accra zurueckgekommen. Sie ist ja nicht nur sehr nett und amuesant, sondern arbeitet auch als Wissenschaftlerin in einem nah verwandten Bereich, also haben wir gestern und heute intensiv wissenschaftlich diskutiert und ich hab ganz viel gelernt.

Die ganzen blogs, die ich in der Zwischenzeit geschrieben hab, kann ich leider heute noch immer nicht posten, kommt aber noch, nichts geht verloren, weder 13 Nudeln noch Schweine mit Loechern in den Ohren.

Essen 11: Stoehnen

vor Glueck. Was fuer eine Fruehstuck: Auf der Terrasse im Schatten des Mangobaums. Im Hintergrund Jane Monheit. Spaghetti aglio olio grosszuegig ertraenkt in dem Olivenoel, das Marlis aus Accra mitgebracht hat, dann gab es gestern bei meinen Marktfrauen Knoblauch, der nicht vertrocknet war juhuu, dazu die allgegenwaertige Pepperoni, eine Minizitrone und viel zu viel Salz. Und kaltes Wasser, das nicht nach Waschmittel schmeckt. Da kann ich nur noch den Kopf zur Seite und die Fuesse hochlegen und bloedsinnig grinsen, welch Luxus. Und jetzt kommt Kollegin M. und wir werden weiter gemeinsam wissenschaftlich denken, was meinem Kopf guttut.

Montag, April 04, 2005

13 Nudeln

Armut zeigt sich im Alltag in lauter Kleinigkeiten. Z.B. den ueblichen Mengen, die Leute auf einmal kaufen koennen. In einer Von-der-Hand-in-den-Mund Oekonomie sind die gering. Das faengt bei industriell hergestellten Waren an: Es gibt zwei Arten von Nescafe Packungen, die ueberall erhaeltlich sind, die Portionspackung und die 50g Dose. Fertig abgepackte Nudeln sind standardmaessig im 250g Packet statt 500g.

Aber wirklich interessant wird es bei den selbst verpackten oder unverpackten Waren. Irgendwer produziert hier Plastiktuetenschlaeuche, die den Durchmesser eines Damenstrumpfes haben und ebenso lang sind. Der Produzent ist bestimmt superreich, denn alles wird darin verpackt. Durch knoten, abreissen, knoten kann man eine Menge Portionen in einen Strumpf packen.

Das billigste Tuetenwasser (eher nicht zu empfehlen, da per –dreckiger?- Hand abgefuellt), Erdnuesse zu 10 Cent (ca 30 Stueck), Erdnussbutter (Groundnutpaste, drei Loeffel voll), Zucker und Salz, fritierte und getrocknete Plantains... In den grossen Aufdemkopftragschuesseln gibt es alles, was koernig oder pudrig ist, Reis, Bohnen, Maismehl usw. Verschieden grosse Konservendosen sind die Masseinheit, z.B. Augenbohnen: Kleine Tomatenmarkdose 5 Cent, grosse Tomatenmarkdose 20 Cent, noch groessere Bohnendose 30 Cent. Marlis warnt vor per Hand abgefuelltem Milchpulver: Das kommt meistens aus der grossen abgelaufenen Packung und Milchpulver kann tatsaechlich schlecht genug werden, um Lebensmittelvergiftung hervorzurufen (ihre eigene Erfahrung).

Was mich am meisten beruehrt hat: 13 Nudeln. Abgepackt. Uebliche Portion am Marktstand. Vielleicht auch 17.

Aufgabe: Geht in die Kueche, holt 13 Nudeln aus der Nudelpackung, packt sie in ein Tuetchen und stellt Euch das vor. Juhuu, heute hab ich etwas Geld uebrig, es gibt Nudeln! Nachdem Ihr sie angeguckt habt, duerft Ihr sie kochen und essen. Ganz allein. Keine extended Family moechte mitessen.

(O.k., der Fairness halber muss ich daran erinnern, dass Nudeln oft gemeinsam mit Reis gegessen werden, eine kleine Luxus-Draufgabe...)

Schenken und geschenkt kriegen

Bevor ich losfuhr, meinte einer unserer afrikanischen Masterstudenten: Wenn Du im Dorf wohnst und alle ausser Dir haben Felder, kann es sein, dass sie Mitleid haben und ihre Ernte mit Dir teilen. Nun wohne ich nicht im Dorf und es kam nochkeiner mit nem Sack Hirse an. Aber beschenkt worden bin ich dennoch. Wenn ich z.B. kleine Mengen kaufen wollte, von Peperoni oder Naegeln: Ach komm, nimms einfach mit. Oder als ich bei meinem naechsten Buedchen Streichhoelzer kaufen wollte und nicht bezahlen sondern Freundin werden sollte.

Am meisten geruehrt hat mich mein Watchman, der mir seinen Dosenoeffner mitbrachte. Den hatte er damals in Accra gekauft aber hier trinkt er keine Dosenmilch mehr (was nur heissen kann: Er kann sie sich nicht mehr leisten) und braucht den Oeffner deshalb auch nicht mehr. Am naechsten Tag konnte ich mich bei ihm revanchieren, das Umzugsunternehmen hatte mir so ne graue Lumpendecke dagelassen. Ausserdem gab es den grossen Karton, in dem mein Herd gewesen war. Die Decke bot ich ihm an, weil ich dachte, da kann er drauf sitzen waehrend er Wache haelt. Er freute sich ungemein, nahm sie aber mit nach Hause. Die typische Watchmanschlafmatte ist ein bunt gemusterter Gummiteppich, die Decke wird wohl hoeheren Weihen zugefuehrt. Den Karton sollte er eigentlich mit dem ganzen restlichen Verpackungsmuell verbrennen. Muellentsorgung auf Ghanaisch, jeder hat eine kleine Muellverbrennungsanlage... Also eine Stelle vor der Haustuer, wo der Watchman den Mist hinschmeisst und ein Streichholz dranhaelt, wenn der Berg zu gross geworden ist. Er fragte nach, ob ich den Karton wirklich nicht mehr brauchte. Und am naechsten Morgen als ich ihn um halb sechs verabschiedete, hatte er sein Fahrrad stolz bepackt mit fetter Kiste und Decke.

Meine Nachbarn Sunday und Gladys sind die ersten, die von mir Steinschmuck geschenkt bekamen. Die Geschichte ist schon aus Namibia bekannt und geht so: „Mein Vater ist Steinmetz und hat einen kleinen Laden, wo er schoene Steine verkauft. Wenn ich verreise, gibt er mir immer etwas davon mit, damit ich das den Leuten schenken kann, die gut zu mir sind. Hiermit sagt mein Vater: Danke, dass Ihr so gut auf meine Tochter aufpasst.“ Das ist wahr und gleichzeitig eine ruehrende Geschichte, die den Kleinigkeiten einen groesseren Wert verleiht. Wenn mir was einfaellt, sag ich auch noch was zu der Heilwirkung, die grad diesem Stein zugeschrieben wird. Nun, meine Nachbarn waren begeistert. Und ich hab aus Namibia gelernt, dass es wichtig ist, dass die Steine ein Loch haben, so dass man sie als Schmuck umhaengen kann.

Hello! Bulika! Na ‘anso!

Um sich hier (und anderswo) zu amuesieren, ist es hilfreich, Rheinlaender zu sein, nicht Ostfriese. „Rheinlaender reden den ganzen Tag, auch wenn sie nix zu sagen haben.“ Hab ich in Lueneburg gelernt. Sind Rheinlaender vielleicht die Ghanaer Deutschlands?

Wenn ich durch Bolga geh fuehlt sich das jedenfalls so an. Wie Queen Mum gruesse ich nach rechts und links und alle finden das angemessenes Verhalten, waehrend man sich ueber die Europaer (Ostfriesen?) beklagt, die das nicht tun, unfreundliches Pack. Jedes Kind (und das ist jetzt keine Rheinische Uebertreibung sondern woertlich „JEDES“ und „KIND“) ruft Hello, wenn ich vorbeikomme. Manche verstecken sich dabei unter einem Tisch oder hinter einer Hausecke oder trauen sich erst zu rufen, wenn ich schon 20 Meter weiter bin. Meine Aufgabe ist es, sie alle zu finden, anzulaecheln und zurueck Hello zu sagen. Je nach Stimmung machen wir dann weiter mit: How are you fine thank you how are you fine have a nice evening (Wie gehts fein danke wie gehts fein schoenen Abend noch), naechstes Kind. Es ist wichtig, dass in diesem Ritual kein neues Wort vorkommt. Nicht jeder Erwachsene ruft Hello, einige sagen auch Good Morning / Afternoon / Evening oder Bulika oder irgendwas, was ich nicht kenne.

Und tatsaechlich, einige Erwachsene wollen mich ungegruesst nach Haus gehn lassen! Rheinlaenderehre, nicht mit mir. Die erwisch ich mit besonders suessem Laecheln und sag Bulika, Good Evening usw. Mindestens zwei oder drei meiner Begegnungen eines jeden Ausflugs verwickeln mich in ein laengeres Gespraech. Ich geh an dem Stand vorbei, wo Gasflaschen aufgefuellt werden und gruesse. Die Jungs winken mich ran, ich soll mich zu ihnen setzen und, naja, sie haben mich nun immer hier auf und ab gehn sehn, ich soll doch mal sagen, wer ich bin, wo ich her komme, was ich hier mache und ob ich verheiratet bin. Oder ob ich vielleicht, wenn ich wieder zu Hause bin eine Import-Export-Firma mit ihnen aufziehn will. Auf dem Weg zum Taxibaum am Morgen haelt mich eine Frau mit Kind auf dem Ruecken an und versucht, mir Gruessen auf Frafra beizubringen. Ausserdem will sie meine Freundin sein und in mein Haus kommen und mich in ihr Haus mitnehmen.

Ihr seht, warum es hier hilft, ein rheinisches Prinzessinnengemuet zu haben. Auch in den ersten Tagen hier in Bolga, wo ich sehr ernsthaft gelitten hab und mich gefragt hab, ob ich das hier jemals moegen koennte und welcher Teufel mich geritten haben mag, mich fuer 2 ½ Jahre an einen Ort zu verpflichten, von dem ich nichts weiss, als dass Ghanaer mit meiner Qualifikation net fuer Kooche (nicht fuer Kuchen – und auch nicht fuer gutes Geld und gute Worte) hier leben wollen wuerden, als ich nur meine einsame Matraze im Haus hatte und keinen blassen Schimmer, wie ich denn anfangen sollte zu arbeiten und meine deutsche Mafia nach Accra abgehauen war und ich nicht mehr gegessen hab vor Kummer und Hitze und Ueberdruss... hat es gegen das aerme Dier (fuer Nichtrheinlaender: Zustand fortgeschrittenen Selbstmitleids) immer geholfen, das Haus zu verlassen, gruessend zum Taxibaum zu gehn, in die Stadt zu fahren und ein paar kleine Erledigungen zum Vorwand fuer zielloses herumschlendern, gruessen und kennengelernt werden zu nehmen.

Sonntag, April 03, 2005

Tragen aufm Kopp

4.4.05
Ich habs ja schon erzaehlt, ich bin beeindruckt von der Faehigkeit, drei aufeinandergestapelte Kohleschuesseln auf dem Kopf zu tragen ohne sie festzuhalten. Oder eine flache Schuessel mit 10 Litern Wasser und nicht zu schlabbern. Wenn die Schuessel leer ist, wird sie schraeg mit einer Kante auf das zusammengerollte Tuch gestellt, was man auf dem Kopf traegt und bleibt da entgegen jedes konventionellen Verstaendnisses von Schwerkraft stehen, waehrend man ueber den Markt laeuft. Das hat den Vorteil, dass man nicht so viel Platz braucht und sich durchs Gedraenge schlaengeln kann.

Vor ein paar Tagen hab ich mir so eine Schuessel gekauft, grosse ausladende Aluschuessel, Grundausstattung eines jeden Haushaltes und ausserdem Trageschuessel. In der Stadt hatte ich ein paar Kleinigkeiten gekauft, die ich in die Schuessel packte und sie mir auf die Huefte setzte. Die kleinen Maedchen konnten nicht verstehn, dass ich ihre Hilfe beim Tragen ablehnte. Mit dem Sammeltaxi bin ich (15 Cent) zum Affenbrotbaum gefahren, der die Endhaltestelle dieser Taxilinie ist.

Ich wusste, ich hab mein Wasser ausgetrunken und muss eine neue Ladung Wasserbeutelchen kaufen. Also zum Buedchen: „Ich brauche Wasser! Nein, nicht ein Beutelchen, eine ganze Tuete (8 Liter?).“ „Wie willst Du die tragen?“ „Ghanaisch. Alle tragen hier alles auf dem Kopf, ich will das auch lernen, Du musst mir das beibringen.“ „Soll ich Dir das nicht besser tragen?“ „Nein, ich will das lernen.“ Viel Gelaechter auf allen Seiten. Schliesslich wickelt sie mir aus einem Strickschal ein Huetchen und hilft mir, die Schuessel mittig auf den Kopf zu heben. Fragt nochmal besorgt, wie weit ich’s denn hab und ob sie’s vielleicht doch fuer mich tragen soll. Vom Kiosk nach Hause geht man weniger als fuenf Minuten. Normalerweise. Wenn man nicht vorsichtig schleicht um nicht die Balance zu verlieren und alle drei Meter anhalten muss, weil ein Kind oder eine Frau auf einen zugestuermt kommt und darauf besteht, einem die Last abzunehmen... Aber ich habs ganz allein geschafft. Es ist wahnsinnig anstrengend fuer die Nackenmuskeln. Und ich musste die Schuessel die ganze Zeit festhalten. Aber das ist ok, manchmal, wenn sie z.B. bis oben mit Wasser gefuellt ist, machen das die lokalen Frauen auch.

Selber tragen ist vor allem deshalb so ein eigenartiges Ansinnen, da man hier ab einem gewissen Alter oder Status nichts mehr selber tut. Fuer alle Besorgungen laufen doch Knirpse rum, die man losschicken kann und die dafuer dann Bonbons kriegen oder das Wechselgeld behalten duerfen...

Beerdigen

03.04.05
Manche kulturelle Eigenheiten sind so alltaeglich, dass man sie gar nicht mehr als kulturell wahrnimmt, sondern irgendwie denkt: Das ist doch normal, das machen doch alle so. Zum Beispiel unser Umgang mit Toten, Beerdigungen: Das sind bei uns eher seltene Ereignisse (ich war in meinem ganzen Leben bei drei eigenen Grosseltern und einer fremden plus zwei Freunden), man macht ein trauriges Gesicht und meint das meist auch so, die ganze Veranstaltung ist eher still, hoechstens beim Beerdigungskaffee macht sich die angespannte Stimmung in dem ein oder anderen verschaemten Scherz Luft. Und obwohl mir theoretisch natuerlich klar ist, dass es tausend verschiedene Beerdigungsriten gibt, hatte ich irgendwo in mir drin doch die Grundannnahme, dass die Stimmung bei allen Menschen aehnlich waere.

Ich hab hier Beerdigungen bislang nur von aussen gesehn, deshalb kann ich natuerlich nur oberflaechlich darueber reden. Was sofort auffaellt: Beerdigen ist DIE Freizeitaktivitaet, macht man praktisch jeden Samstag. Das haengt wohl damit zusammen, dass in diesen verzweigten Familiensystemen jeder jedermanns Onkel ist und natuerlich gehst Du zu der Beerdigung Deines Onkels. Aber vielleicht liegt es auch am Freizeitwert der Beerdigungen, mit denen die Hinterbliebenen oft an einem Tag das Erbe durchbringen. Ein Zelt und Stuehle werden gemietet, kistenweise Softdrinks, lecker Essen und eine starke Stereoanlage. Alle kleiden sich schick in schwarzen, dunkelroten oder schwarz-weissen / blau-weissen Trauerstoffen. Sie heften sich ein Foto des Verstorbenen an. Manchmal gibt es auch T-Shirts mit Foto und „in memoriam“ aufgedruckt. Alles fertig? Alle angereist? Mach die Musik an! Ich hab keine Ahnung, was mit der Leiche passiert, dann wie gesagt, ich bin bislang nur an „Trauerhaeusern“ vorbeigegangen. Aber was man da sieht und hoert erinnert vielmehr an eine Hochzeit als ein Begraebnis. Laute Popmusik, die Kinder tanzen, alle stehn rum, trinken Cola, quatschen und amuesieren sich. Gestern haben mein Assistent und seine Schwester mich besucht, weil sie nebenan auf einer Beerdigung waren und er seiner Schwester die neue Chefin (also mich) zeigen wollte. Als sie sagten, sie seien auf der Beerdigung ihres Onkels, war meine spontane Reaktion, ihnen Beileid auszusprechen. Aber gleichzeitig fuehlte sich das von der Stimmung her so unangemessen an. Ich werde erforschen, was da die angemessene Reaktion ist.

Spaeter am Tag wollte ich zum Kiosk gehn, Streichhoelzer kaufen (die mir die Kioskfrau schliesslich schenkte: Sista Iwa, I want to be your friend! Ich will Dein Freund sein). Da war auf meiner Strasse grosses Geschrei. Eine Gruppe von vielleicht 15 Maennern lief auf und ab und stiess schrille und kraechzende Schreie aus, spielte schiefe durchdringende Toene auf Floeten und... naja, alle sahen arg afrikanisch aus, so „wir haben uns fuer Touristen verkleidet“-afrikanisch. Bis darauf, dass ich hier in einer touristenarmen Region in einem touristenlosen Wohnviertel bin und die einfach fuer sich selbst afrikanisch waren. Was ja ihr gutes Recht ist, wenn man bedenkt, dass sie Afrikaner sind. Lendenschurz, Tierfell ueber die Schulter gehaengt, undefinierbare Sachen am Guertel baumelnd, Pfeil und Bogen drohend durch die Luft schwenkend und irrsinnig laut. Ich fragte meine Nachbarin, was das sei. Oh, Beerdigung. Sind das die aus dem grossen gruenen Haus am Busbahnhof? Oh nein, das sind Christen (die mit Cola und Pop), die hier glauben an traditionelle afrikanische Religion, die kommen da hinten aus dem traditionellen (also Lehm-)Haus. Ich glaube meinen Nachbarn war das vor mir ein bisschen peinlich, die bemuehen sich ja sehr, mir ihr modernes Leben zu zeigen und ausserdem ihre jeweilige (christliche) Religionszugehoerigkeit demonstrativ zu zeigen. Also hab ich das Spektakel nur aus den Augenwinkeln betrachtet und bin zum Streichholzstand gegangen.

Aber ich muss sagen, wenn ich die Wahl haette zwischen Softdrinkpop und Geschrei, erscheint mir letzteres doch angemessener, um den Tod eines Liebsten zu begehen...

P.s.: Eben hab ich Kollegin M. gefragt, was das mit dem Beerdigen auf sich hat. Ihre erste Antwort war etwas verwirrend: „Also die meisten Beerdigungen feiern die ja in der Trockenzeit.“ „Hae? Sterben da die meisten, weil sie alle vertrocknen?“ „Ne, weil, da haben die ja am meisten Zeit...“

Das ist folgendermassen: Wenn jemand stirbt, muss der sofort unter die Erde gebracht werden, weil es ja viel zu heiss ist, um den noch lange anzuschaun. Das ist die Veranstaltung wo erwachsene Maenner in Traenen aufgeloest im Hof sitzen und von den Gaesten erwartet wird, dass sie Schnaps mitbringen, damit man das Elend ertragen kann. Dann wird entweder ein altes Grab geoeffnet oder unter unmenschlicher Anstrengung ein neues gehackt, ein kleines Loch von etwa Hueftumfang, das in eine unterirdische Hoehle muendet. Der Tote wird in eine Sisalmatte eingewickelt und auf den Schultern starker Maenner zum Grab getragen und beerdigt. Das ist nicht die Samstagsveranstaltung in der Trockenzeit. Die kommt spaeter. Da muss erstmal alles auf den Feldern getan sein. Dann muss die Familie Geld leihen und Stuehle und s.o.. Wenn nun der Todesfall etwa ein Jahr vorbei ist, gibt es Pop und Cola. Falls es eine Witwe gibt, ist ihre Trauerzeit nun vorbei und sie ist die begehrteste Frau der Veranstaltung denn sie darf wieder geheiratet werden.

Freitag, April 01, 2005

Essen 10: Superreal

Felix sagt, was ich erzaehle, hoert sich surreal an. Gibt es das Gegenteil von surreal? Das trifft eher, denn hier muss sich jeder den ganzen Tag viel direkter mit der Realitaet auseinandersetzen, das wird weniger gepuffert und gefiltert. Manchmal ist die Welt hier erschlagend real und auf die Essenz reduziert. So wie minimal business nur die Naehmaschine oder Kuehlbox benoetigt.

Die Fruechte haben viele Fasern und viel Geschmack. Zitronen musste mir die Marktfrau erst zeigen, damit ich sie erkenne, tischtennisballgrosse gruenbraune Kuegelchen voller Kerne. Die lokalen Mangos (einer meiner beiden Baeume, der dessen Fruechte jetzt reif sind) bestehen nur aus langen Fasern, um die herum der Geschmack angeordnet ist und an denen man sich beim rumsaugen und knabbern die Lippen wundscheuert und danach die Haelfte der Ballaststoffe nicht im Magen sondern zwischen den Zaehnen hat.

Ich vermute, mit dem Fleisch siehts aehnlich aus. Wenn man sich das Leben der Tiere hier anguckt, zaehe Biester, die ueberall rumlaufen und fressen, was sie kriegen koennen. Die Schweine verbringen ihre Tage auf Muellhalden oder in Abflussrinnen und Kloaken, immer fressend. Die Viehcher, die das ueberleben, geben wohl intensives, langsam gewachsenes Fleisch ohne Wachstumsbeschleuniger, Hormone, Antibiotika (wenn man sich die nichtmal fuer kranke Menschen leisten kann...).

Ich hab gefragt, wie die Besitzer ihre Schweine wiederbekommen, wenn die doch den ganzen Tag op Joeck (unterwegs) sind. Die meisten Schweine haben unterschiedlich geformte Loecher als Erkennungszeichen in einem Ohr, oft ist das Loch fast so gross wie das Ohr, besagtes Schwein wackelt also beim Essen mit einer Art leerem Bilderrahmen. Ausserdem wachsen die kleinen Schweinchen im Haus oder beim Haus auf, gewoehnen sich an ihre Menschen – und lernen, dass sie abends und morgens gefuettert werden, wenn sie brav nach Hause kommen.

Die Frage, welche Teile der Tiere man isst, wird hier wie in allen armen Gegenden sehr einfach beantwortet: Alle. Auf dem Markt in Accra sieht man Stapelweise Schweinefuesse. Fischkoepfe sind eine besondere Delikatesse, die nur ein Depp nicht aussaugt. Das Mark aus einem Kuhbein zu schluerfen, macht gross und stark und die Magenschleimhaut einer Kuh ist super Suppeneinlage. Manchmal ist sie klein genug geschnitten, dass man sie ohne viel Muehe runterschlucken kann. Ansonsten muss man sich das wohl wie briefmarkengrosse Stuecke Schuhsohle im Essen vorstellen. Ich liebe es, Vegetarierin zu sein.