Dienstag, September 27, 2005

Mandarinchen aus Ouaga

Schaelen und zum besser Riechen die Augen zu machen. An kleine Schwester denken, mit ihren zehn Kriterien fuer die perfekte Mandarine und ihre Weigerung, un-perfekte zu essen. Und wie sie mich Weihnachten immer irgendwann dahin bringt, selbst zu glauben, jede von ihr aussortierte Mandarine sei zu eklig zum gegessen werden. Waehrend ich darueber schreibe, Kerne ausspucken (absolutes Ausschlusskriterium), auf dicker Haut rumkauen (ebenfalls) und mich auf Weihnachten zu Hause freuen.

Montag, September 26, 2005


Schwimmen wie im Ostblock Posted by Picasa

indischer Zaubergarten mit goldenem Gott Posted by Picasa

ohne Worte in Ouaga Posted by Picasa

Ouagadugu: Das Paris Afrikas

In Ouagadugu gibt es Supermaerkte, in denen ein ganzer langer Gang unterschiedlichesten Weinen gewidmet ist, mit ausfuehrlicher Kaesetheke, Muesli, Maronen und Morcheln. In Restaurants mit gestaerkter bluetenweisser Tischdecke kann man zu gedaempfter Musik gediegen speisen, franzoesisch, italienisch, oestereichisch, chinesisch.

Den weitlaeufigen Park am Stadtrand, wo man gegen kleines Eintrittsgeld auf schattigen Wegen spaziert, nennen die lokalen Franzosen liebevoll Bois de Bologne. Es gibt Baeckereien, die man von weitem schon am Baguette-Geruch erkennt. In versteckten Innenhoefen findet man kleine Oasen: Ein alter franzoesischer Hippie hat sein Cafe kolonial-indisch dekoriert und laesst im Hinterzimmer Prinzessinnenkleider mit Perlen besticken. Bezaubert vom lauen Lueftchen grinsen wir den Schokoladen-Orangenkuchen an und blaettern in Kunstbildbaenden. Im Hotel International geniessen wir Capucccino und Croissant und ein 50 m Schwimmbecken.

Neubau oder Abbruch in Ouaga Posted by Picasa

Unspektakulaer schaebiges Ouagadugu Posted by Picasa

Fotos entwickeln in 17 (!) Minuten Posted by Picasa

Ouagadugu: Hauptstadt eines der aermsten Laender der Erde

Burkina-Faso gehoert zum exklusiven Club der aermsten Fuenf. Und die Strassen sind voll davon. Von Armut. Es ist heiss und staubig. Es gibt viel weniger Autos dafuer mehr Eselskarren als in Ghana. Und Millionen von Motorrollern, die einen umwuseln.

Berber mit Turban und ohne Zaehne haengen sich an uns, um uns beschnitzte Holzkisten zu verkaufen. Die Markthalle ist ausgebrannt und der Markt wabert heimatlos durch die Strassen. Wir kommen der Stadt nicht sehr nah. Sie macht uns so muede, dass wir befuerchten, krank zu sein. Wir treffen fuenf junge Hollaender viermal, weil wir dem gleichen Westafrika Reisefuehrer folgen.

Der ewige Wechsel zwischen kolonialem Luxus den man kaufen kann und schaebigen Strassenszenen strengt an. Meinem Franzoesisch fehlt jede Leichtigkeit, ich sage immer Sachen, die nicht stimmen. Als wir ueber die Grenze zurueck in Ghana sind, seh ich die Zoellner laut und mit tausend weissen Zaehnen lachen und merke, das hab ich vier Tage lang nicht gesehn.

Freitag, September 23, 2005

My grandmother owned a bar (Meine Grossmutter besass eine Bar/Kneipe)

Hoert sich das nicht wunderbar verrucht an? In einem Gespraech mit Ghanaern habe ich diesen Satz gesagt. Und fuehlte mich unter ihren Blicken ploetzlich so als haette ich gesagt: Ich bin im Puff aufgewachsen. Und dann musste ich an Ommaausgeich denken und ihre Dorfkneipe mit Altmaennergeruch nach billigen Zigarren und feuchten Bierdeckeln, mit Frikadellen und Bundeskegelbahn und all den anderen stilvollen Verruchtheiten, die Geich so zu bieten hat.

Donnerstag, September 22, 2005


shocking Posted by Picasa

DAS WICHTIGSTE!

(Evaluation der Bewaeltigungsstrategien fuer Kulturschockwellen)

Das Wichtigste ist tatsaechlich, dass man sich danach bei allen entschuldigt. Damit man, nachdem die Kulturschockwelle ueber einem zusammengebrochen und verebbt ist – also heute - noch Freunde hat. Ich habe wohl die richtige Auswahl getroffen, die hoeren sich an, dass ich Ghana und vor allem Bolgatanga und ihre bloeden Sprachen echt nicht mehr ertragen kann... und wenn ich fuer die zweite Runde komme und sage: Ich hab Heimweh, ich bin so muede..., nicken sie und kennen das, denn sie waren selbst schon in der Welt unterwegs und ganz weit weg und haben Ghana vermisst (kann man sich das vorstellen, dass man dieses bloede Ghana vermissen kann??? Aah nein, darueber bin ich ja hinweg, is ja alles wieder super hier, nicht wahr...)

Nun bin ich gespannt, ob sie auch Folgendes verstehn: Dass mir der Ton leid tut, dass ich aber vieles, was ich ihnen an den Kopf geworfen hab, tatsaechlich auch meine, eben nur freundlicher, also nicht:

„IN DIESEM MEINEM HAUS WILL ICH DAS NIE MEHR HOEREN, DASS IHR HAUSSA ODER FRAFRA ODER WAS WEISS ICH DENN MITEINANDER REDET, UND ICH WIE BLOED DANEBEN STEH, WO EUER ENGLISCH DOCH BESSER IST ALS MEINS! VERDAMMT NOCHMAL!“

sondern:

„(floet, saeusel, laechel...) Was haltet Ihr eigentlich davon, Englisch zu reden, wenn ihr bei mir zu Besuch seid, damit ich auch was verstehen kann?“

Mittwoch, September 21, 2005

Theorie zur Praxis

Im Laufe des Tages wurde mir klar, worunter ich leide (s.u.): Kultur-Schockwellen. Das hab ich sogar schon Leuten beigebracht – also theoretisch – dass der Kulturschock in Wellen kommt, wenn man in der Fremde lebt. Am Anfang ist alles krass und anders und schwierig, dann lebt man sich ein und ein paar Monate ist alles super, vertraut und irgendwie vielleicht sogar besser als zu Hause. Aber irgendwann ueberfaellt einen von hinterruecks eine zweite Welle von Kulturschock, das Fremde rueckt ploetzlich wieder in den Vordergrund, weil es nervt und unertraeglich ist.

Das einzige, woran ich mich nicht mehr erinnere, sind die Heilmittel gegen diese Schockwellen. Soll ich abhauen? Soll ich meinen Nachbarn ins Gesicht hauen? Soll ich mir meine Mundwinkel an den Ohren festtackern und und laecheln obwohls weh tut?

Ich habe heute eine Mischstrategie gewaehlt, hab mit Kollegin D eine Reise nach Ouagadugu geplant, mehrere Freunde beleidigt und bin ein paar Stunden spaeter rumgegangen um mich zu entschuldigen. Und heute abend kam dann, als ob er’s wuesste, der eine deutsche Kollege vorbei, der hier irgendwo im Dorf wohnt und fragte, ob wir essen gehn. Da konnten wir dann von Programmkinos schwaermen und uns darueber aufregen, dass die Leute hier immer darauf bestehen, ihre bloeden afrikanischen Sprachen zu sprechen, die kein Mensch versteht. Also zumindest wir nicht.

Reibungsenergie

Deutsche sind nicht fuer Ghana gemacht. Und es ist irre, wie wuetend ich werden kann und dann doch das meiste in mich reinfresse, weil ich ja versteh, dass meine Freunde und Kollegen in ihrer eigenen Welt nichts verkehrt gemacht haben. Und dass Wutausbrueche hier sehr sehr ungehoerig sind.

Sagen: „Ich komm Dich so um vier Uhr rum besuchen.“ Um acht auftauchen als waer das normal.

Den Arbeitsplatz verlassen und nicht mehr wiederkommen. Spaeter am Tag sagt ein Kollege nebenbei: Ach, der hat doch Magenschmerzen und ist zu Hause.

Fuer einen Tagestrip nach Tamale (knapp 2 Stunden weg) fahren, meine Gaeste zum Flughafen bringen. Erst am naechsten Tag wiederkommen, aber vergessen haben, dass ich ausser dem Handy, das nie funktionniert, auch eins habe, das funktionniert, und einen Festnetzanschluss. Deshalb konnte er leider nicht anrufen um zu sagen, dass sein Magen ihn zu sehr plagt.

Mit Debbie in der Kneipe sitzen und die Kellnerin sagt, dass sie Debbies Auto kennt: Das ist doch das Auto, mit dem Francis immer kommt. Francis ist Debbies Nachbar und arbeitet dies und das fuer sie. Unter anderem putzt er ihr Auto und kriegt dafuer die Schluessel. Sie unterstuetzt ihn dabei, seinen Fuehrerschein zu machen. Als sie ihn darauf anspricht, ist er ganz verwirrt: I thought it was ok, I thought you were like my mom (Ich dachte das waere ok, ich dachte Du waerst wie meine Mama).

Ich beobachte meine Wut und versuche zu verstehn. Ich wuerde ja nie verlangen, dass mein Assistent hier mit Magenkraempfen sitzt und arbeitet. Und mir ist egal, ob meine Freunde mich nun um vier oder acht besuchen. Es ist nicht die Tat, es ist das Wort. Meine Arbeitnehmer kriegen alles von mir – wenn sie mich nur fragen. Und erstaunlicherweise moechte ich jedes Mal wieder gefragt werden. Jedes Mal wenn ein kleiner Bruder mit seinem halben Haushalt in meinem Auto mitfahren will, macht es mich wahnsinnig, dass sie sagen: „Der kommt mit!“ und nicht „Koennen wir den mitnehmen?“ – obwohl ich auf diese Frage jedesmal „ja“ antworten wuerde.

Ich kenne viele sachliche Gruende, warum das Leben einfacher wird, wenn man sich verstaendigt, wenn ich nicht vier Stunden im Haus sitzen bleibe und auf Besuch warte und wenn ich mit meinem Auto oder meinem Mitarbeiter rechnen und planen kann. Aber die Wut kommt nicht daher, dass das unpraktisch ist. Sondern unhoeflich.

(Und ich vermute, wenn meine Nachbarn gestern nachmittag gesagt haetten: Hoer mal, wir haben ne Party, koennte etwas laut werden, willst Du vorbeikommen? – dann waer das vollkommen ok gewesen. Die Fakten waren die gleichen: Mary hatte mich schon am Nachmittag gewarnt, es wurde etwas laut und ich bin sicher, dass ich herzlich willkommen gewesen waere, wenn ich hingegangen waere...)

Dienstag, September 20, 2005


interviewt werden Posted by Picasa

Boxen des Grauens

Die Weltgeschichte ist voll davon: Harmlose Erfindungen koennen Grauen und Katastrophen bringen, wenn sie in die falschen Haende fallen. Zum Beispiel Stecknadeln. Wenn Folterknechte sie Dir unter die Fingernaegel jagen.

Meine Strasse ist heute Abend ebenfalls voll davon. Die an sich harmlose Erfindung nennt sich Lautsprecher. Der Folterknecht ist ein Bekannter meiner neuen Nachbarin. Sie selbst hat sich letzten Freitag als Folterkmagd profiliert, unter dem Vorwand, ihren Geburtstag zu feiern. Einer ihrer Gaeste fand das so super, dass er seine eigene Geburtstagsfeier gleich ebenfalls in mein Haus verlegt hat.

Alle Fenster geschlossen und die Ohren mit beiden Haenden zugehalten, kann ich zu der Musik immer noch im Wohnzimmer (oder Badezimmer oder Schlafzimmer) tanzen, wenn ich will. Wenn!

Als ich heute nachmittag nach Hause kam, war Mary nicht in meinem Haus sondern kam mit blutigen Haenden aus dem Nachbarhaus. Sie wusste, dass dies eine groessere Party wird als Freitag: Zwei Ziegen...

Meine englische Nachbarin empfahl mir, das ganze als ein weiteres Beispiel afrikanischer Freigiebigkeit zu sehn. Schliesslich kann sich hier bei weitem nicht jeder so ein sound system leisten. Wie grosszuegig, diese wunderbare Musik mit der ganzen Nachbarschaft zu teilen – und das kostenlos! Und die guten Lieder fuenfmal. Und mit singendem DJ. Danke Bolga!

zuschaun wie Mama interviewt wird Posted by Picasa

einfach nur in die Kamera gucken Posted by Picasa

Huehnerfedern abbrennen Posted by Picasa

Montag, September 19, 2005

Strafe muss sein

Wenn eine Frau Zwillinge zur Welt bringt, wird sie zur Strafe aus dem Haus gejagt und betteln geschickt, bis die Kinder gross genug sind, dass man sie nicht mehr tragen muss. Nach drei Jahren oder so wird sie dann wieder im Haus aufgenommen, da sie ihre Strafe abgebuesst hat. Am Eingang des Marktes sitzen diese Frauen mit ihren Kindern. Und an der Tankstelle kommen sie ans Autofenster und gucken mitleiderregend, ein Kind an den Bauch und eins an den Ruecken gebunden.