Montag, September 26, 2005


Fotos entwickeln in 17 (!) Minuten Posted by Picasa

Ouagadugu: Hauptstadt eines der aermsten Laender der Erde

Burkina-Faso gehoert zum exklusiven Club der aermsten Fuenf. Und die Strassen sind voll davon. Von Armut. Es ist heiss und staubig. Es gibt viel weniger Autos dafuer mehr Eselskarren als in Ghana. Und Millionen von Motorrollern, die einen umwuseln.

Berber mit Turban und ohne Zaehne haengen sich an uns, um uns beschnitzte Holzkisten zu verkaufen. Die Markthalle ist ausgebrannt und der Markt wabert heimatlos durch die Strassen. Wir kommen der Stadt nicht sehr nah. Sie macht uns so muede, dass wir befuerchten, krank zu sein. Wir treffen fuenf junge Hollaender viermal, weil wir dem gleichen Westafrika Reisefuehrer folgen.

Der ewige Wechsel zwischen kolonialem Luxus den man kaufen kann und schaebigen Strassenszenen strengt an. Meinem Franzoesisch fehlt jede Leichtigkeit, ich sage immer Sachen, die nicht stimmen. Als wir ueber die Grenze zurueck in Ghana sind, seh ich die Zoellner laut und mit tausend weissen Zaehnen lachen und merke, das hab ich vier Tage lang nicht gesehn.

Freitag, September 23, 2005

My grandmother owned a bar (Meine Grossmutter besass eine Bar/Kneipe)

Hoert sich das nicht wunderbar verrucht an? In einem Gespraech mit Ghanaern habe ich diesen Satz gesagt. Und fuehlte mich unter ihren Blicken ploetzlich so als haette ich gesagt: Ich bin im Puff aufgewachsen. Und dann musste ich an Ommaausgeich denken und ihre Dorfkneipe mit Altmaennergeruch nach billigen Zigarren und feuchten Bierdeckeln, mit Frikadellen und Bundeskegelbahn und all den anderen stilvollen Verruchtheiten, die Geich so zu bieten hat.

Donnerstag, September 22, 2005


shocking Posted by Picasa

DAS WICHTIGSTE!

(Evaluation der Bewaeltigungsstrategien fuer Kulturschockwellen)

Das Wichtigste ist tatsaechlich, dass man sich danach bei allen entschuldigt. Damit man, nachdem die Kulturschockwelle ueber einem zusammengebrochen und verebbt ist – also heute - noch Freunde hat. Ich habe wohl die richtige Auswahl getroffen, die hoeren sich an, dass ich Ghana und vor allem Bolgatanga und ihre bloeden Sprachen echt nicht mehr ertragen kann... und wenn ich fuer die zweite Runde komme und sage: Ich hab Heimweh, ich bin so muede..., nicken sie und kennen das, denn sie waren selbst schon in der Welt unterwegs und ganz weit weg und haben Ghana vermisst (kann man sich das vorstellen, dass man dieses bloede Ghana vermissen kann??? Aah nein, darueber bin ich ja hinweg, is ja alles wieder super hier, nicht wahr...)

Nun bin ich gespannt, ob sie auch Folgendes verstehn: Dass mir der Ton leid tut, dass ich aber vieles, was ich ihnen an den Kopf geworfen hab, tatsaechlich auch meine, eben nur freundlicher, also nicht:

„IN DIESEM MEINEM HAUS WILL ICH DAS NIE MEHR HOEREN, DASS IHR HAUSSA ODER FRAFRA ODER WAS WEISS ICH DENN MITEINANDER REDET, UND ICH WIE BLOED DANEBEN STEH, WO EUER ENGLISCH DOCH BESSER IST ALS MEINS! VERDAMMT NOCHMAL!“

sondern:

„(floet, saeusel, laechel...) Was haltet Ihr eigentlich davon, Englisch zu reden, wenn ihr bei mir zu Besuch seid, damit ich auch was verstehen kann?“

Mittwoch, September 21, 2005

Theorie zur Praxis

Im Laufe des Tages wurde mir klar, worunter ich leide (s.u.): Kultur-Schockwellen. Das hab ich sogar schon Leuten beigebracht – also theoretisch – dass der Kulturschock in Wellen kommt, wenn man in der Fremde lebt. Am Anfang ist alles krass und anders und schwierig, dann lebt man sich ein und ein paar Monate ist alles super, vertraut und irgendwie vielleicht sogar besser als zu Hause. Aber irgendwann ueberfaellt einen von hinterruecks eine zweite Welle von Kulturschock, das Fremde rueckt ploetzlich wieder in den Vordergrund, weil es nervt und unertraeglich ist.

Das einzige, woran ich mich nicht mehr erinnere, sind die Heilmittel gegen diese Schockwellen. Soll ich abhauen? Soll ich meinen Nachbarn ins Gesicht hauen? Soll ich mir meine Mundwinkel an den Ohren festtackern und und laecheln obwohls weh tut?

Ich habe heute eine Mischstrategie gewaehlt, hab mit Kollegin D eine Reise nach Ouagadugu geplant, mehrere Freunde beleidigt und bin ein paar Stunden spaeter rumgegangen um mich zu entschuldigen. Und heute abend kam dann, als ob er’s wuesste, der eine deutsche Kollege vorbei, der hier irgendwo im Dorf wohnt und fragte, ob wir essen gehn. Da konnten wir dann von Programmkinos schwaermen und uns darueber aufregen, dass die Leute hier immer darauf bestehen, ihre bloeden afrikanischen Sprachen zu sprechen, die kein Mensch versteht. Also zumindest wir nicht.

Reibungsenergie

Deutsche sind nicht fuer Ghana gemacht. Und es ist irre, wie wuetend ich werden kann und dann doch das meiste in mich reinfresse, weil ich ja versteh, dass meine Freunde und Kollegen in ihrer eigenen Welt nichts verkehrt gemacht haben. Und dass Wutausbrueche hier sehr sehr ungehoerig sind.

Sagen: „Ich komm Dich so um vier Uhr rum besuchen.“ Um acht auftauchen als waer das normal.

Den Arbeitsplatz verlassen und nicht mehr wiederkommen. Spaeter am Tag sagt ein Kollege nebenbei: Ach, der hat doch Magenschmerzen und ist zu Hause.

Fuer einen Tagestrip nach Tamale (knapp 2 Stunden weg) fahren, meine Gaeste zum Flughafen bringen. Erst am naechsten Tag wiederkommen, aber vergessen haben, dass ich ausser dem Handy, das nie funktionniert, auch eins habe, das funktionniert, und einen Festnetzanschluss. Deshalb konnte er leider nicht anrufen um zu sagen, dass sein Magen ihn zu sehr plagt.

Mit Debbie in der Kneipe sitzen und die Kellnerin sagt, dass sie Debbies Auto kennt: Das ist doch das Auto, mit dem Francis immer kommt. Francis ist Debbies Nachbar und arbeitet dies und das fuer sie. Unter anderem putzt er ihr Auto und kriegt dafuer die Schluessel. Sie unterstuetzt ihn dabei, seinen Fuehrerschein zu machen. Als sie ihn darauf anspricht, ist er ganz verwirrt: I thought it was ok, I thought you were like my mom (Ich dachte das waere ok, ich dachte Du waerst wie meine Mama).

Ich beobachte meine Wut und versuche zu verstehn. Ich wuerde ja nie verlangen, dass mein Assistent hier mit Magenkraempfen sitzt und arbeitet. Und mir ist egal, ob meine Freunde mich nun um vier oder acht besuchen. Es ist nicht die Tat, es ist das Wort. Meine Arbeitnehmer kriegen alles von mir – wenn sie mich nur fragen. Und erstaunlicherweise moechte ich jedes Mal wieder gefragt werden. Jedes Mal wenn ein kleiner Bruder mit seinem halben Haushalt in meinem Auto mitfahren will, macht es mich wahnsinnig, dass sie sagen: „Der kommt mit!“ und nicht „Koennen wir den mitnehmen?“ – obwohl ich auf diese Frage jedesmal „ja“ antworten wuerde.

Ich kenne viele sachliche Gruende, warum das Leben einfacher wird, wenn man sich verstaendigt, wenn ich nicht vier Stunden im Haus sitzen bleibe und auf Besuch warte und wenn ich mit meinem Auto oder meinem Mitarbeiter rechnen und planen kann. Aber die Wut kommt nicht daher, dass das unpraktisch ist. Sondern unhoeflich.

(Und ich vermute, wenn meine Nachbarn gestern nachmittag gesagt haetten: Hoer mal, wir haben ne Party, koennte etwas laut werden, willst Du vorbeikommen? – dann waer das vollkommen ok gewesen. Die Fakten waren die gleichen: Mary hatte mich schon am Nachmittag gewarnt, es wurde etwas laut und ich bin sicher, dass ich herzlich willkommen gewesen waere, wenn ich hingegangen waere...)

Dienstag, September 20, 2005


interviewt werden Posted by Picasa

Boxen des Grauens

Die Weltgeschichte ist voll davon: Harmlose Erfindungen koennen Grauen und Katastrophen bringen, wenn sie in die falschen Haende fallen. Zum Beispiel Stecknadeln. Wenn Folterknechte sie Dir unter die Fingernaegel jagen.

Meine Strasse ist heute Abend ebenfalls voll davon. Die an sich harmlose Erfindung nennt sich Lautsprecher. Der Folterknecht ist ein Bekannter meiner neuen Nachbarin. Sie selbst hat sich letzten Freitag als Folterkmagd profiliert, unter dem Vorwand, ihren Geburtstag zu feiern. Einer ihrer Gaeste fand das so super, dass er seine eigene Geburtstagsfeier gleich ebenfalls in mein Haus verlegt hat.

Alle Fenster geschlossen und die Ohren mit beiden Haenden zugehalten, kann ich zu der Musik immer noch im Wohnzimmer (oder Badezimmer oder Schlafzimmer) tanzen, wenn ich will. Wenn!

Als ich heute nachmittag nach Hause kam, war Mary nicht in meinem Haus sondern kam mit blutigen Haenden aus dem Nachbarhaus. Sie wusste, dass dies eine groessere Party wird als Freitag: Zwei Ziegen...

Meine englische Nachbarin empfahl mir, das ganze als ein weiteres Beispiel afrikanischer Freigiebigkeit zu sehn. Schliesslich kann sich hier bei weitem nicht jeder so ein sound system leisten. Wie grosszuegig, diese wunderbare Musik mit der ganzen Nachbarschaft zu teilen – und das kostenlos! Und die guten Lieder fuenfmal. Und mit singendem DJ. Danke Bolga!

zuschaun wie Mama interviewt wird Posted by Picasa

einfach nur in die Kamera gucken Posted by Picasa

Huehnerfedern abbrennen Posted by Picasa

Montag, September 19, 2005

Strafe muss sein

Wenn eine Frau Zwillinge zur Welt bringt, wird sie zur Strafe aus dem Haus gejagt und betteln geschickt, bis die Kinder gross genug sind, dass man sie nicht mehr tragen muss. Nach drei Jahren oder so wird sie dann wieder im Haus aufgenommen, da sie ihre Strafe abgebuesst hat. Am Eingang des Marktes sitzen diese Frauen mit ihren Kindern. Und an der Tankstelle kommen sie ans Autofenster und gucken mitleiderregend, ein Kind an den Bauch und eins an den Ruecken gebunden.

Mehl, Trockenfisch, gemahlener Yams, Erdnussbutter in Plastiktuetchen Posted by Picasa

Essen: Schuetteln

Der menschliche Geist ist ein Wundertier. Zumindest meiner.

Das Mehl fuer meinen Kuchen oder mein Brot zu sieben erfordert nicht viel Anstrengung: Ich schuettel mich ohnehin vor Ekel, man braucht mir also nur das Sieb in die Hand druecken, der Rest passiert von allein. Das Mehl hier ist erst nach dem Sieben fuer Vegetarier geeignet. Manchmal hab ich Glueck und kaufe welches, in denen nur vereinzelte Tiere sind, ein andermal wimmelt es nur so. Ohne gibts nicht. Ist ja auch kein Wunder, wenn das in offenen Schuesseln auf dem Markt rumliegt, in rostigen Bechern abgemessen in Plastiktueten gefuellt wird – auf dem Markt, wo es von Viehchern gross und klein nur so staubt.

Warum nun ein Wundertier? Weil ich aus diesem Zeug die koestlichsten Kuchen und Brote und Plaetzchen zauber und aufrichtig und ekelfrei geniesse.

Ich weiss, das sollte ich nicht zugeben und nun werdet Ihr Euch alle ebenfalls schuetteln und schwoeren, mich nicht besuchen zu kommen oder zumindest niemals bei mir irgendwas zu essen, solange ich hier wohne. Und dann werde ich lachen und nicht mehr aufhoeren zu lachen, wenn Ihr mit mir in ein Restaurant geht und da ohne Sorge Fleisch und Fisch esst, als haettet Ihr nicht gesehn, wie das auf dem gleichen Markt auf blutigen Holztischen in der Sonne liegt und die Hauptbeschaeftigung des Metzgers Fliegenwedeln ist.

(Falls Ihr nun schwoert, den zivilisierten Kuechen zu Hause NIEMALS fuer laenger den Ruecken zu kehren, als Ihr ohne eine Mahlzeit auskommt, empfehle ich die Lektuere von: Anthony Bourdain „Gestaendnisse eines Kuechenchefs. Was Sie ueber Restaurants nie wissen wollten“)

Freitag, September 16, 2005


ein Haus bauen dauert laenger als die Mode anhaelt... Posted by Picasa

Mode (Vorsicht! Dies ist polemisch und keine tiefgreifende politikwissenschaftliche Analyse)

Nach der Unabhaengigkeit glaubten die Regierungen hier und in der Welt, dass grosse hightech Projekte alle Probleme loesen wuerden, was haben sie nicht alles schoenes gebaut oder zumindest angefangen, Daemme, Fabriken, Landwirtschaftsstationen.

Ende der 60er und Anfang der 70er haben sie gemerkt, dass das so nicht geht und dass es hilft, wenn man nachfragt, was die Leute eigentlich wollen und was vor Ort funktionieren kann. Da musste dann auf einmal alles Partizipativ und klein und lokal angepasst sein.

Davon hatten die Entwicklungshelfer Mitte der siebziger die Nase voll und fingen wieder an, grosse Daemme usw zu bauen.

Dann in den 80er-90ern schnell zurueck ins Dorf, alles Beduerfnisorientiert und interaktiv. Gleichzeitig aber bitte rasch dezentralisieren und alles alles muss marktorientiert sein. Lokal heisst nun auch, dass alles vor Ort bezahlt werden muss und sich der Staat so weit wie moeglich (oder noch weiter) zurueckziehen soll.

Heute ist Community-based wieder im Nachlassen begriffen und in den naechsten Jahren wird – sagen meine Kollegen aus Washington - alles wieder gross und technologisch und VERDAMMT NOCHMAL, KOENNT IHR MAL BITTE DAMIT AUFHOEREN, VON DEN ARMEN ARMEN ALLE 10 JAHRE WAS ANDERES ZU VERLANGEN UND EUCH DANN AUCH NOCH ZU WUNDERN, DASS SIE SICH WEIGERN, SICH ZU ENTWICKELN???

(Und warum traut sich niemand, zu sagen: Wir wissen auch nicht recht, was am besten ist, vielleicht versuchen wir mal so’n Mittelding, ein bisschen Technologie und weiter mit den Bauern reden und ein bisschen Staat und ein bisschen Markt und sehn uns genau an, was passiert und versuchen die Strategien entsprechend anzupassen... Angeber! Feiglinge!)

Oncho Oskar macht sich ueberfluessig

Flussblindheit (Oncho) ist eine weitere fiese Krankheit, von beissenden Insekten uebertragen, die an Fluessen leben. Wie der Name schon sagt, werden davon Leute blind, die an Fluessen wohnen. Oskar arbeitet fuer das grenzuebergreifende Oncho-Bekaempfungsprojekt der FAO zwischen Burkina und Ghana. Und er hat ein Problem: Sie haben Oncho hier ausgerottet. Wie konnten sie so ungeschickt sein und sich ihrer eigenen Arbeitsgrundlage berauben? Das macht mich gluecklich.

So werden die fruchtbaren Flussufer bewohnbar und Oskars Projekt beschaeftigt sich nun damit, wie die Leute hier diese neuen Moeglichkeiten am besten nutzen koennen.

(nur damit Ihr nicht die ganze Nacht weinend in den Betten liegt ueber Blut und Depressionen und keine Rettung in Sicht...)

Donnerstag, September 15, 2005


Elefantenfuesse Posted by Picasa

Wenn's nur Blut waer

Weitere Symptome von Bilharziose sind Depression und Antriebslosigkeit. Stellt Euch eine Region vor, wo alle das haben.

Und ausserdem: 30% der Kinder untergewichtig. Unterernaehrung in der Kindheit fuehrt u.a. zu verzoegerter geistiger Entwicklung.

Alle haben andauernd Malaria: Da fuehlt man sich wie zermatscht und moechte nur noch in der Ecke liegen. Die Medikamente gegen Malaria machen extra muede. Genauso wie die Prophylaxe gegen Elephantiasis (wo man diese dicken Fuesse kriegt), deshalb nimmt das keiner und deshalb kriegen sie alle Elefantenfuesse. Dann koennen sie nicht mehr aufs Feld zum Arbeiten...

(Hey, warum lachen die die ganze Zeit, wo sie doch nix zu lachen haben?)