Freitag, April 29, 2005

Abflug (2x)

Gestern kam endlich der Anruf des Autohaendlers: Das Geld aus Uebersee ist angekommen, Du kannst die Karre abholen! Juhuuu!

Also hab ich mich mit meinem Assistenten hingesetzt, wir haben einen militaerischen Masterplan gemacht, wen und was wir heute alles ueberfallen und besiegen muessen, damit wir morgen fruehfrueh gen Bolga aufbrechen koennen. Nun ist er unterwegs und organisiert Bullenfaenger und ordentliche Reifen fuer das Auto und ich hab meine Bank ausgeraubt, damit er genug Kleingeld hat. Des weiteren muss ich noch etwa eine Million Papierkraemer erledigen, dann wird gepackt, geschlafen und Yokohama.

Ich weiss aber leider genau, warum ich keine Offizoese beim Militaer geworden bin. Nicht nur weil entweder Staatsangehoerigkeit oder koerperliche Ausstattung (Dellen an den falschen Stellen) dagegen gesprochen haetten. Ich bin vielleicht klein und gemein genug, um in einem Guerillakrieg gute Chancen zu haben, weil ich hinter dem noch so kleinsten Busch gut versteckt bin. Aber strikt geplante Grossaktionen haben (freundlich ausgedrueckt), eine signifikant hoehere Chance auf Erfolg, seit ich meinen hervorragenden Assistenten angestellt habe.

Und so bin ich einerseits nervoes, andererseits vertrau ich voll darauf, dass wir das gemeinsam wohl hinkriegen. Und ich bin voller Sehnsucht nach meinem geliebten Haus in meinem geliebten Bolga.

Warum Abflug 2x? Weil die Eltern vermutlich inzwischen ebenso nervoes sind. Und voller Sehnsucht? Aber sicherlich nicht nach Bolga. Donnerstag landen sie in Accra. Nochmal Juhuuu.

Dienstag, April 26, 2005

Essen 12: Schleim

Zum Mittagessen bin ich mit meinem Assistenten in die Kantine gegangen und er bestellte Banku with Okro Soup. Banku ist ein fester Maismehlklops. Halbwegs harmlos aussehend, wenn schon nicht einladend. Davon reisst man mit der rechten Hand ein Stueckchen ab, knetet es in den Fingern zurecht und taucht es in Okraschleim. Eine gruenbraune Bruehe mit Stueckchen bedeckt den Boden einer Suppenschuessel, drei graue Fleischbrocken ragen aus der Fluessigkeit. Man taucht also rein, loeffelt ein wenig mehr in die kleine Kuhle, die man sich zurechtgeknetet hat, dann beugt man sich ueber die Schuessel und steckt sich den Faeden ziehenden Klumpen in den Mund. Ich hab mich bemueht, wegzuschaun, weil ich ja gleichzeitig mein eigenes Essen - dem ich auch nicht recht traute - runterkriegen musste. Aber jedes Mal wenn ich guckte, sah ich mehrere stabile Faeden, die Klumpen und Suppe verbanden, bis der Klumpen im Mund verschwand.

Montag, April 25, 2005

Und ploetzlich arbeitet man am Wochenende

Ihr wisst noch, wie langsam ich war, als ich aus Namibia zurueckkam und wie ich davon geschwaermt hab, dass meine Namibier mir eine andere Sicht auf Arbeit vermitteln konnten, dass ich mir unsere mitteleuropaeische Arbeitssucht kritisch angucken und auf Distanz gehen konnte. Mein alter Boss warnte mich, dass dies eine der langsamsten Ecken Afrikas sei. Ok, er meinte Burkina Faso aber schliesslich lebe ich nur 30 Minuten davon entfernt...

Pustekuchen. Im Ghanaischen Schulsystem, so erklaert mir mein Assistent, gehoert der Ruhm dem Fleissigen, fuer Dein Abschlussexamen musst Du alles auswendig wissen, was Du in den letzten Jahren gelernt hast, Du musst pauken pauken pauken. Er sagt: Nicht viele Leute hier sind an Bildung interessiert, aber die kennen einander alle. Also die, die es zur Uni schaffen. Sicher ist das uebertrieben, im afrikanischen Vergleich hat Ghana verdammt viele Unis (vier staatliche und weitere nicht-staatliche), aber es stimmt schon, eine kleine Fleiss-Elite schafft es zur Uni. Und meine Kollegen hier in Accra sind die, die es nicht nur zur Uni geschafft haben, sondern dann auch noch promoviert und schliesslich bei einem internationalen Forschungsinstitut angestellt wurden. Wenn man da Samstags ins Buero geht, ist man nicht allein, zwei Tage die Woche frei machen scheint den meisten Mitarbeitern da reinste Zeitverschwendung. Die schreiben Papers als hinge ihr Leben davon ab – tut es ja auch...

Irgendwann letzte Woche hab ich unter dem grossen Baum vorm Buero im Schatten gesessen, allein eine Kaffeepause gemacht – weil alle dafuer viel zu beschaeftigt sind und waehrend ich mir die Sonne durch die Blaetter ansah innerlich geseufzt: Ich muss mehr faule Leute kennenlernen. So gerne wuerde ich am Wochenende etwas schoenes, touristisches unternehmen. Aber allein ist das oede und die Leute, die ich von der Arbeit kenne, haben fuer sowas keine Zeit.

Ich bin gespannt, ob die von Euch, die in Entwicklungslaendern waren, das nachvollziehen koennen: Die Leute die es aus eigenem Fleiss schaffen, kaempfen so viel haerter und entschlossener um ihren Erfolg, der Abstand zwischen ihnen und den anderen ist so viel groesser als bei uns und deshalb koennen sie viel tiefer fallen – was sie staendig nervoes macht.

Und ploetzlich arbeitet man am Sonntag. Denn das ist immer noch spannender und fuehlt sich dabei auch noch sinnvoller an, als den ganzen Tag allein im Hotel abhaengen und nicht zu arbeiten, also die Zeit weder produktiv noch zum Spass zu nutzen. Wo ich letzte Woche noch mit einem schweizer Praktikanten darueber gelaestert hab, dass die Europaer hier alle entweder arbeits- oder alkoholabhaengig oder beides sind. Ich habe, seit ich Ghana bin, schon etwa 9 Gin and Tonic getrunken. Und, in britischer Tradition, Malariaprophylaxe als Vorwand benutzt... Bin ich gefaehrdet?.

Donnerstag, April 21, 2005


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Verbuschung (nur bei mir)

Heute morgen im Fruehstuecksraum wurde meine Sehnsucht nach Bolga so uebermaechtig, dass ich mich beherrschen musste, nicht laut zu lachen. Das waere aber ernsthaftes Danebenbenehmen gewesen, weshalb wiederum meine Sehnsucht stieg.

Ich weiss ja nicht, wie ihr Euch den typischen weissen Mann, der in Afrika arbeitet, vorstellt, aber ich muss sagen, Namibia hat mich in die Irre gefuehrt. Da gab es relativ viele Exemplare des kernigen Kerls (den man nur mit Adjektiven beschreiben kann, die in den spaeten 60er Jahren in Deutschland ausgestorben sind...), der sich mit Blechtasse und Schweitzer Messer durch die Wildnis schlaegt, braungebrannt und zaeh wie eine Schuhsohle, hochattraktiv aber mit leicht (oder schwer) destruktivem Touch, Individualismus-Extremist, der einsame Cowboy...

Der Fruehstuecksraum im Hotel war voll mit Fotokopien eines anderen Prototyps: Ergraut, bleich, bauchig in Tuchhose und hellrosa Hemd, Aktentasche, beigefarbene Socken in unbeschreiblichen Schuhen, auch ein Typ, der - waere dies die beste aller Welten - in den 60ern ausgestorben waere... Ich vermute mal, das sind alles unglaublich wichtige Herren, Entscheidungstraeger, die fuer eine Woche eingeflogen werden um irgendwelche Entscheidungen zu tragen, Konferenzen zu besuchen, Politik zu machen.

Ich bin kein Kontaktfeind und bin ja auch bereit, Fliegen zu fressen und mit diesen Kerlen einfach deshalb ins Gespraech zu kommen, weil immer allein essen ja noch langweiliger ist (vermutlich, wer weiss...).

Es ist lustig, morgens die Erste zu sein. Ich setze mich an einen Tisch, an dem ich den Ueberblick hab und den nach mir Kommenden Guten Morgen zunicken kann. Dann kommt der erste, nickt nix und setzt sich an den Tisch, der am weitesten von mir entfernt ist. Der naechste hat es schon schwerer, muss schliesslich zwei nicht gruessen und einen Tisch finden, der von beiden am weitesten weg ist. Und so weiter. Dann fruehstuecken wir schweigend und luftgekuehlt.

Mittwoch, April 20, 2005


Hinten links: Langer duenner haesslicher Baum Posted by Hello

Haus und Garten

Kollegin M. schreibt, dass es in Bolga geregnet hat und wunderschoen ist. Und nach einer knappen Woche in einem Hotel, wo es alles gibt, hab ich ernsthaft Sehnsucht nach zu Hause. Diese Sehnsucht teilt sich auf in Sehnsucht nach den Strassen Koelns und nach meinem Haus in Bolga.

Im Moment geh ich wieder jeden Tag in das Buero unserer Partnerorganisation in Accra und nutze, was es hier gibt und im Norden nicht, z.B. ordentlichen Internetanschluss. Durchsuche das Netz zum Thema Rapid Rural Appraisal, weil das mein naechster Job ist: Mit den Bewohnern von 16 Doerfern in meiner Region rausfinden, was ihre Beduerfnisse, Wuensche und Stolpersteine sind. Im Allgemeinen und dann natuerlich in Bezug auf Wasser.

Ich hab beim Autohaendler einen Vertrag unterschrieben und warte nun, dass das Geld ankommt und ich losfahren kann. Oh, und ich werde Klima-Anlagen kaufen. Und Buecher. Und Kaese. Und Saatgut fuer Gemuesebeete in meinem Garten. Und alle Gewuerze, die Libanesen moegen (alle Supermaerkte sind libanesisch).

Wenn ich zurueckkomme, muss ich einen Wassertank besorgen und mir von einem Schweisser ein meterhohes Stahlgeruest bauen lassen, da kommt der Tank drauf, damit das Wasser Druck bekommt um aus dem Hahn zu fliessen. Als Nancy da war, hatten wir Tagelang kein Wasser (oder es floss nur, wenn wir grad unterwegs waren). Der Wassertank fuellt sich, sobald Wasser in der Leitung ist, dann kann man das abends nutzen, wenn wieder Wassersperre ist.

Und ich werde mich nach einem Gaertner umsehn. Bevor ich fuhr, klopfte es an mein Tor und davor stand der Mann mit dem seltsamsten Ohr, dass ich je gesehen hab, als haette es jemand mit scharfer Schere in Form geschnitten, spitz wie ein Elfen-Ohr. Er erzaehlte mir, er sei hier Gaertner gewesen und habe diesen haesslichen langen duennen Baum gepflanzt, ob er die Samen ernten koenne, die seien gut gegen Krebs und alles andere. Ok, bitteschoen. Ich dachte, er wuerde nur aufsammeln, was auf dem Boden liegt, aber er hat den Baum umklammert und ist barfuss an den Zweigen haengend hochgeklettert. Ernten eben. Nachdem er wieder unten war, hat er mir ausfuehrlich erklaert, was in meinem Garten waechst, jedes Unkraut (meine Sicht) hat eine Bedeutung, das heisst: kann gegessen werden. Wie man das zubereitet? Keine Ahnung, sagt er, bin doch keine Lady. Dann hat er in diesem staubigen leeren Hof das Bild des Gartens entstehen lassen, den er daraus machen koennte: die Plantains auseinanderpflanzen, rankende Blumen gegen Moskitos vor das Badezimmerfenster, Zitronengras um den Mangobaum, Moehren neben das Haus...

Ich hab gesagt: Hoert sich interessant an, ich denk drueber nach, komm in zwei Wochen wieder, da hab ich mehr Zeit... Schliesslich fanden wir heraus, dass wir in Bolga eine gemeinsame Bekannte haben, eine Kanadierin, die schon zwei Jahre hier ist. Er sagt: "I know her, she doesn't like when I drink" (Ich kenn sie, sie mags nicht, wenn ich trinke)

Als ich sie spaeter besuchte, um mehr zu erfahren, hat sie gelacht. Und mich gewarnt: Super Gaertner. Und hoffnungloser Trinker. Lass die Finger davon. Der kommt betrunken an und bettelt um Geld.

Ihre Freundin erzaehlte: Mich hatte er nur zweimal zufaellig gesehn da kam er eines Tages zu meinem Haus um mir fuer Geld irgendwelche Pflanzen anzudrehn. Ich hab ihm schliesslich genervt was gegeben und das Zeug irgendwo ins Regal gelegt. Spaeter hab ich gesehn: Das war alles Plastik!

Die Kanadierin hat mir ihren Garten gezeigt und von ihrem Gaertner erzaehlt, ordentlich, unkreativ, verlaesslich. Tags arbeitet er fuers Landwirtschaftsministerium, nachts ist er Wachmann und morgens und abends giesst er ihre quadratischen schmucklosen Gemuesebeete.

Dienstag, April 19, 2005

Fantasiesaerge

In Bolga im Hotel hab ich eines Morgens einen Ethnologen kennengelernt, grauer Bart, Khaki-Shorts, Schnuerstiefel, alte Schule. Der erzaehlte mir ganz erfreut von dem Wieder-Erstarken der traditionellen Autoritaeten in Ghana. Fuer ihn ist das super, da er ja am liebsten moeglichst unveraenderte richtig afrikanische Sachen erforschen will. Natuerlich hat er das schlauer ausgedrueckt.

Aber als wir uns hier in Accra die Fantasiesaerge angeguckt haben, musste ich an ihn denken. Und mich dabei an meine eigene Nase fassen. Denn irgendwie hab ich das auch im Kopf, dass vor allem die alten Sachen echt afrikanisch sind und alle neuen Entwicklungen, selbst wenn sie original von hier sind und es sie nur hier gibt... irgendwie weniger afrikanisch sind.

Man weiss nicht recht, wie das anfing, aber vor nicht allzulanger Zeit begann ein Schreiner in Accra, Saerge herzustellen, die auf die ein oder andere Art das Leben ihrer Bewohner wiederspiegeln. Bunte Saerge in der Form wilder Tiere fuer besonders starke Maenner, Flugzeuge, Voegel, Krabben, Oelfaesser, Autos, Nokia Handys aus bunt bemaltem Holz. Inzwischen bauen drei Werkstaetten Fantasiesaerge, sie waren im National Geographic und es gibt zwei Bildbaende darueber...

Wenn ich mein Fotokabel wieder hab, werde ich Euch ein paar Bilder zeigen.

Montag, April 18, 2005


Jessy zeigt uns alle Baobabs in Bolga Posted by Hello

Essen Posted by Hello

Auf dem Markt in Accra Posted by Hello

Reiseplaene

Meine Chefin hat mich fuer 10 Tage in Bolga besucht und wir haben die Zeit intensiv genutzt. Aufs Dorf fahren zum Forschen und mit zwei heisslaufenden Computern ganz viel denken. Aber auch und besonders wichtig: Tausend organisatorische Details regeln. Nachdem wir meine naechsten 6 Monate bis obenhin mit Arbeitsplaenen vollgepackt haben, haben wir einen ersten unverbindlichen Urlaubsplan gemacht: Zwei Wochen Heimaturlaub in August. Die Reise wird mit einem Arbeitstreffen in Rom verbunden. Und zwei Wochen um Weihnachten. Die fuenfte Woche spare ich mir fuer Euch auf, wenn Ihr mich in Ghana besucht.

Freitag, April 15, 2005


die haben so komische Rueckenknubbel Posted by Hello

Donnerstag, April 14, 2005

Massenhaft alte Sachen

Wie ihr seht bin ich zurueck in Accra und Internetcountry. Es gibt ein paar Fotos und ich hab die meisten blogs ins Netz gestellt, die ich in den letzten Wochen geschrieben hab. Ihr muesst ein wenig zurueckblaettern, da ich sie zurueckdatiert hab. Also im Archiv nach Maerz gucken.

Aufgrund mehrfacher Nachfrage nochmal was zum Thema Kommentare: Wenn Ihr comments anklickt, bekommt ihr ein Formular, bei dem ihr Euren eigenen Blog anmelden koennt. Wenn Ihr das aber nicht wollt (und warum solltet Ihr, nur um einen Kommentar zu schreiben), sehr Ihr ganz unten eine kleine Schaltflaeche, die ihr anklicken koennt, wenn Ihr anonym kommentieren wollt.

the white lady with the local hat (die Weisse mit dem Bolgahut) Posted by Hello

anderleuts Haus Posted by Hello

leeres Haus... Posted by Hello

Vorderhaus Posted by Hello

Montag, April 11, 2005

Brueste

sind so nebensaechliche Koerperteile wie Ellenbogen. Es hat hier so offensichtlich keine Bedeutung und verursacht weder Verwunderung noch Erregung noch irgendeine andere Form der Aufmerksamkeit, wenn Frauen in der Oeffentlichkeit ihre Brueste zeigen. Natuerlich, Muetter mit kleinen Kindern stillen. Das sieht man bei uns auch. Obwohl man eher selten sieht, dass ein Baby einen langen ausgeleierten Sack aus der Bluse der Mutter zerrt. Folgende Situation waere bei uns schon eher ungewoehnlich: Wir sind im Dorf und sitzen im Hof unserer Gastgeber, essen was sie fuer uns gekocht haben und neben uns auf dem Boden sortiert eine Frau Bohnen (die guten ins Toepfchen...) scheucht die Ziegen weg, die ihr helfen wollen und hat nur ein Tuch um die Hueften gewickelt. Und leere Brueste, die fast den Boden beruehren. Keiner findet das eigenartig, auch die maennlichen Besucher beachten sie gar nicht. Hier in der Naehe gibt es einen Schrein (traditionelle afrikanische Religion), wenn man sich den angucken will, geht das nur oben ohne. Aber Kollegin M. meint, wenn man selber sich an den Gedanken gewoehnt hat, kann man sehen, wie das niemanden mehr interessiert, als nackte Fuesse.