Montag, Mai 21, 2007

Ghanaische Loesung?


Heute sagt Laadi: „Na, wenn sie stirbt, stirbt sie wenigstens nicht wie ein Huhn, sondern wie ein Mensch, der von anderen Menschen geliebt wird…” Und ich sah mal wieder, dass das Leben an all den Orten, an denen ich nicht bin, trotzdem weitergeht. Talata war in der Zwischenzeit von Laadi’s zu ihrer Grossmutter umgezogen. Fuer das Waisenhaus war eine eigensinnige jugendliche Diabetikerin eine zu grosse Last, sie selbst wollte gerne zu Oma und nachdem wir versprochen hatten, fuer die Kosten aufzukommen, war Oma auch einverstanden. Eine Krankenschwester im nahen Gesundheitszentrum sollte das Insulin in ihrem Kuehlschrank kuehlen und fuer regelmaessige Injektionen sorgen. Dann war ich in Accra und in Korfu, Debbie zog aus Bolga nach England zurueck und wir beide sagten uns: Wir muessen akzeptieren, dass es eine Ghanaische Loesung gibt, denn selbst wenn die nicht ideal ist, ist es die einzige, die langfristig halten kann...

Waehrend wir weg waren, gab es ein gemischtes Bild: Die Grossmutter und die Krankenschwester gaben sich ernsthafte Muehe, wenn Talata nur nicht dauernd Malaria kriegte, sich uebergeben muesste und so weiter. Gestern Abend konnte mich Laadi nicht erreichen. Und als wir heute endlich sprachen, war Talata wieder im Krankenhaus, weil sie kollabiert war. Die Geschichte, wie Laadi sie erzaehlt, ist verwirrend, eine Kombination aus verschleppter Malaria und Unterzuckerung, weil sie alles erbricht. Nun suchen sie einen Blutspender, um Talata eine Transfusion zu geben, die sie wieder aufpaeppeln soll...

Soll das tatsaechlich die Ghanaische Loesung sein? Dass sie umsorgt stirbt statt ausgestossen? Oder dass sie alt und grau wird, aber sich dabei von einer Krise zur naechsten hangelt?

Bombe werfen!

Ins Regionalkrankenhaus. Das scheint mir manchmal eine angemessene Reaktion.

Als ich auf Reisen war, hatte Mary Malaria. Mit Malaria geht man hier ebensowenig ins Krankenhaus, wie zu Hause mit ner fiebrigen Erkaeltung. Wenn Mary also sagt: „Und dann sind wir nachts ins Krankenhaus gefahren...“, weiss ich, das war arg. Noch dazu sollte man Malaria vermeiden, wenn man schwanger ist, weil die koerperliche Belastung zu Frueh- und Fehlgeburten fuehren kann.

Also sind Mary und ihr Mann im Krankenhaus angekommen und sofort... Nein, vergesst alle Szenen aus „Emergency Room“ oder „Schwarzwaldklinik“. Sofort passierte gar nichts. Bis sich eine der Schwestern endlich dazu bequemte, den beiden mitzuteilen, dass sie genau so gut wieder ins Taxi steigen und nach Hause fahren koennen. Hier wird gestreikt, wer sterben will, soll bitte woanders hin gehn. Warum gestreikt? Weil die Aerzte ne Gehaltserhoehung bekommen haben! Das find ich auch unverschaemt, denn die verdienen im lokalen Vergleich eh schon fies viel. Und arbeiten lausig, wenn ueberhaupt. Streiken weil jemand eine Gehaltserhoehung bekommt? Ja: Die Schwestern haben die Arbeit niedergelegt, denn sie wollen auch mal.

Was blieb Mary anders uebrig? Taxi finden, nach Hause fahren und hoffen und beten, dass alles gut geht... Kein Wunder, dass Religion hier so wichtig ist, irgendwas muss man ja tun, wenn man nix tun kann. Am naechsten Morgen fuhren sie dann in eine Privatpraxis, wo man Mary gleich ne Infusion legte und sie erstmal fuer drei Tage da behielt.

Jetzt ist sie wieder rund und gesund und eine durchreisende belgische Frauenaerztin hat mich beruhigt: Wenn die Schwangere die Malaria gut ueberstanden hat und wieder gesund ist, besteht keine weitere Gefahr fuer das Baby, Mutter und Kind gehn zurueck auf Los und ziehn keine 4000 ein – neue Chance, neues Glueck! Es darf gefroeschelt werden!

Dienstag, Mai 15, 2007

Fluggesellschaft auf Ghanaisch


Auf meinem Rueckflug nach Ghana passierte, was ich immer als schrecklichsten Ernstfall ansah: Ich hatte mein Buch nach einer Stunde ausgelesen und noch fuenf buchlose Flugstunden vor mir. Das wuerde mich vermutlich umbringen. Vor allem da der Flug tagsueber und ich kein Stueck muede war. Auf jeder anderen Strecke waere ich auch ab Stunde drei zwischen Platzangst und Langeweiletod hin und her getigert. Nach Ghana aber schickt KLM die fliegende WG-Party. Nachdem ich mit den beiden Leuten, die neben mir sassen, genug geredet hatte, hab ich mich in die Kueche neben den Nudelsalat gestellt und jeden neuen Gast gefragt, woher er welchen der Gastgeber kennt und ihm die gefuellten Tomaten empfohlen. Nein. Gelogen. Aber neben den Toiletten stand ein Getraenkewagen angekettet, das war quasi die Bar und da stand ich nun und lernte kennen:

Die ghanaische Krankenschwester, die seit 20 Jahren in den USA wohnt, nach Ghana zurueckkommt, um ihren ploetzlich verstorbenen Lieblingsbruder zu beerdigen, gerne bald in die alte Heimat zurueckziehn moechte, weil ihr Amerika auf den Geist geht und die darauf besteht, dass wir bei meinem naechsten Aufenthalt Washington unbedingt was zusammen unternehmen sollen. Das da hinten ist ihr Sohn. Einmal winken bitte.

Den niederlaendischen Bewegungstherapeuten, der in Ghana einen Geschaeftspartner treffen will, mit dem er ein Zentrum fuer Bewegungstherapie, afrikanischen Tanz, Kunst und traditionelle Heilkunst aufmachen will. Ich schlage ihm vor,mit den Afro-Amerikanern zu reden, die das Paradies am Meer fuehren und Rueckkehrzeremonien fuer entwurzelte Amis veranstalten, die vermuten, dass ihre Vorfahren aus Ghana verschleppt wurden.

Den deutschen Pro Sieben Mitarbeiter, der fuer einen Kurztrip nach Ghana kommt, um sich mit den Freunden zu treffen, die sich drei Jahre frei genommen haben, um nach Kapstadt zu radeln und der sich am liebsten die Kante geben wuerde, weil Schalke schon wieder nicht Meister wird.

Den jungen Steward mit dem direkten Draht zum Cockpit, wo man wiederum direkten Zugang zum aktuellen Fussballgeschehen hat, der selbst Ajax Amsterdam Fan ist, aber das Leiden des Schalkers mit vollem Herzen nachvollziehen kann.

Die Englaenderin, die fuer eine kleine wohltaetige Organisation zum ersten Mal Ghana bereist, um zu sehn, wie Sozio-Drama fuer laendliche Entwicklungsprogramme genutzt wird.

Die Amerikanische Medizinstudentin, die Amerika noch nie verlassen hat und nun in einem Krankenhaus in Ghana Sichelzellenanaemie und Malaria erforschen wird.

Den Ghanaer, der seit 8 Jahren in Muenchen wohnt, fuer eine Mobilfunkfirma arbeitet, bayerisches Deutsch spricht aber die Bayern eher bloed findet und bald, sehr bald nach Ghana zurueckkehren will, um in die Landwirtschaft einzusteigen und dem ganzen Technologiekram den Ruecken zu kehren. Als ich ihn frage: Was wirst Du vermissen, wenn Du aus Deutschland weggehst, schweigt er ehrlich.

Dann musste ich mich anschnallen und die Sitzlehne aufrichten, die Party war vorbei, willkommen in Ghana.

Und wenn ich wieder nach Deutschland ziehe, muss ich zur Re-Sozialisation erstmal nen Monat ins Schweigekloster.

Sonntag, Mai 13, 2007

Viel Laerm um Fisch


Wusstet Ihr eigentlich, wie laut Tauchen ist?

Ich hatte mir das immer so vorgestellt, wie schweigend und schwankend vorm Aquarium sitzen. Von wegen. Erstmal ist das natuerlich viel kaelter als auf meiner Veranda in Ghana, wo das Aquarium steht. Vor allem, wenn man viel zu klein fuer den Tauchanzug ist und an den Arm- und Beinmanschetten staendig kaltes Wasser nachfliesst. Das ist, als wollte ich mit meinem Koerper das ganze Mittelmeer auf 36 Grad erwaermen, und wie mein Tauchlehrer richtig bemerkt, kann das wohl ne Weile dauern.

Und dann dieses ganz laute Blubbern. Die einzige Moeglichkeit, das abzustellen, ist nicht mehr zu atmen – was einem auf die Dauer auch den Spass verdirbt.

A propos Spass: Dieser erste Tauchgang meines Lebens war ganz wunderbar, hinreissend und abenteurelich – wenn man von Laerm und Kaelte einmal absieht. Ist der Mensch nicht ausgebufft, sich sowas auszudenken, womit man unter Wasser atmen kann und dabei schweben wie im Flugtraum... Und alle anderen – also die Fische und ihre Freunde – schweben um einen herum, als waere das eine ihrer leichtesten Uebungen (was es streng gesehen ja auch ist, die einzige Uebung, die sie zur Perfektion beherrschen)

Muessen, koennen, wollen


Muss ich das wirklich noch dazu sagen? Dass das Mittelmeer so blau ist, als waer es gefaerbt. Dass die Kumquats, Oliven und Kaese schmecken, wie ein Schlag ins Gesicht (so intensiv, nicht so schmerzhaft), dass die Sonne im Mai grade zwischen freundlich und heiss ist und die Bewohner des Fischmarktes in allen Farben glitzern laesst, waehrend sie hinreissend fischfrisch riechen, dass wir ueber die weissen Segel hinweg die schneebedeckten Kuppen Albaniens sehen und die Luft wimmelt von genuegend Schwalben fuer mehr als einen Sommer. Dass die Olivenhaine sich ueber steile Haenge hangeln und mit Blumenwiesen gepolstert sind, an denen sich Schafe und Ziegen erfreuen. Muss ich, nein kann ich wirklich fassbar beschreiben, wie schoen es hier ist? Vermutlich nicht. Deshalb versuch ich’s nicht mal.

Jetzt lieb ich Alexandros noch mehr


Denn er hat mich auf seinem Motorrad im lauen Fruehlingswind in die Stadt gefahren, mir auf dem Markt gezeigt, wie man an Fischkiemen, Augen und Oktopusfarbe die Frische erkennt, von Bergtee, Pilzsuche und dem ganz anderen Korfu seiner Kindheit erzaehlt und natuerlich von seiner Mama. Wir haben Kaffee getrunken und vom Blau des Meers geschwaermt und mediterran gelassen den Tag verschludert...

Ganz wie in dem mythologischen Griechenland, fuer das ich in Athen meine weiss-schwarzen Schuhe gekauft hab: Ganz so? Nein, denn wir trugen Helm und fuhren risiko-arm. Ich trug flache bequeme Schuhe und hab weder gekichert noch mein Haar in der Gegend rumgeworfen.

Und Alexandro fuehrte lange Handy-Gespraeche mit seiner Freundin in Holland, wodurch klar war, dass der Tag kein: „Lass uns zum Strand gehn“-Ende haben wuerde. Vielleicht bin ich durch Ghana arg gepraegt – aber ich bin doch immer wieder beeindruckt, wenn ich Maenner treffe, die mit Frauen einfach so freundschaftlich umgehn, ohne nach wenigen Saetzen heiraten zu wollen...

Mittwoch, Mai 09, 2007

Ich liebe Alexandros


Meine Mutter findet griechische Maenner bloed. Und bislang hatte ich auch das Gefuehl, die sind etwa genau so oelig wie das griechische Essen, das mich massiv enttaeuscht hat: Alles, was nicht bei drei auf den Baeumen ist, wird gnadenlos in grossen Mengen Olivenoel und Knoblauch ertraenkt... Aber dann...

Dann kam Alexandros. Der hier an der Strandpromenade ein Lokal hat, das genau so aussieht, wie alle anderen... was mich da rein gelockt hat, war, dass auf der Speisekarte neben 0815 fuer Englaender das ein oder andere ungewoehnliche Gericht stand. Als ich bestellen wollte, erklaerte er mir mit sinnlicher Begeisterung die einzelnen Zutaten. Wenig spaeter sass ich summend und laechelnd ueber meinen Nudeln mit getrockneten Tomaten, an denen nichts ungewoehnlich oder angeberisch war, ausser, dass sie perfekt schmeckten.

Danach musste ich mir mit einem langen Spaziergang durch die Huegel die Zeit vertreiben und neuen Hunger rechtfertigen, bevor ich abends wieder kommen durfte und er mir von seiner Kuechenchefin zwei Teller liebevoller vegetarischer Einzelheiten anrichten liess, zwei Gabeln voll gegrilltem Pilz mit getrockneter Tomate und geraeuchertem Kaese, vier gegrillte Zwiebelringe, ein Kaesepastetchen so gross wie eine halbe Spielkarte usw. - grade genug, dass ich einen Bissen vor Magenfuelle fertig war. Was gut war, denn das Gefuehl ist so viel schoener als Ueberfressenheit.

Und ausserdem hatte er fuer einen englischen Freund zwei Fische zubereitet, ein Thunfischsteak in Balsamico und einen unbekanten flachen butterzarten Fisch in seinem eigenen Geschmack ohne Sperenzien. Die beiden luden mich an ihren Tisch ein, und so konnte ich nun zu Fisch weiter summen und laecheln. Nach einem langen stillvergnuegten Abend sagte Alexandros „10 Euro“. Als ich protestierte, denn das macht ueberhaupt keinen Sinn, zuckten ihm ganz leicht die Mundwinkel, auf eine Art, die sagt: „Maedel, ich bin der Chef hier, wenn ich fuer Dich umsonst kochen will, ist das meine Sache.“

Capuccino riechen


Ich bin die Kinokitschfilmheulerin. Manchmal sogar die Rosmarin-in-koechelnder-tomatensauce-Heulsuse. Deshalb sei mir hoffentlich verziehen, dass ich ploetzlich mittem im charmelosen Konferenzhotel auf Korfu Traenen in den Augen hab, als meine Nase an meinem Capuccino vorbeischwenkt und stoppt und ich guten echten Kaffee, warme Milch und Zimt rieche. Nein, in Ghana vermisse ich Lebensmittel nicht mehr aktiv wie am Anfang, wo ich lang und breit ueber Creme Fraice oder Parmesan fantasieren konnte. Und ich bin stolz auf meine Erfindung der Auto-Kaffeemaschine, wo ich eine Plastikflasche unter die Windschutzscheibe klemme, so dass die Sonne meinen Nescafe erwaermt. Den ich mir im Buero auch literweise kalt reinkippe. Aber... Ich bin noch nicht verloren. The real thing beruehrt mich noch.

Laut reden, viel rauchen, Fingernaegel rot lackieren und fies essen


Das sind meine ersten griechischen Eindruecke auf dem Flughafen von Athen. Gegenueber sitzt ein Mann, der isst waehrend er raucht und jedesmal, nachdem er sich einen grossen Bissen ins Maul geschoben hat, leckt er Gabel und Messer ab. Da merke ich, dass ich inzwischen gelernt hab, dass es in Ghana beim Mit-den-Fingern-essen sehr gute Manieren gibt, Dinge, die man auf jeden Fall oder auf keinen Fall tun sollte, also nicht die linke Hand benutzen und nicht plappern und inzwischen finde ich einen ordentlich mit den Fingern sezierten Fisch so viel appetitlicher als Messerlecken. Und zu rauchen, wo gegessen wird, wuerde dem gottesfuerchtigen Ghanaer wohl nicht einfallen (in der Ghanaischen Bibel hat Gott irgendwann gesagt, dass rauchen ihm nicht gefaellig sei...)

Der Mythos lebt (und schmerzt die Fuesse)


Griechenland hat fuer mich, genau wie Italien, diese stark mythologische Dimension. Damit meine ich nicht die Zeit vor zwei-drei-viertausend Jahren. Nein, beide Laender sind in meiner Welt so stark verbunden mit den mythologischen 50er und 60er Jahren – die ich offensichtlich nicht miterlebt hab, aber trotzdem das Gefuehl hab, mich daran erinnern zu koennen. So wie wir alle fuehlen, wir waeren schonmal in New York gewesen, dabei waren wir nur zu oft im Kino. Ich erinnere mich an das Griechenland aus der Zeit als unsere Imbiss-Besitzer in Dueren noch jung und feurig waren und ihre schlanken Frauen mit schwarzweiss gepunktetem Glockenrock und blondiert-toupiert durch ihre Doerfer spazierten.

Zu Ehren meiner geklauten Erinnerung habe ich mir am Flughafen in Athen weissschwarze Schuhe gekauft, die hervorragend zu einem meiner Kostuemchen passen und mir mal wieder den Titel: „Most overdressed conference participant“ (am staerksten uebergetakelte Teilnehmerin?) einbringen werden, den ich bei meinen Forscherkollegen einfach verteidigen kann.

Und Korfu gibt sich grosse Muehe, dem Mythos gerecht zu werden: Das Hotel, in dem ich eine Besenkammer bewohne, stammt aus jenen grossartigen Tagen der Baugeschichte, die Gaeste sind groesstenteils aus Deutschland und waren gemeinsam mit meinen Imbissbesitzern jung und schoen, in der Bar tanzen Eingeborene zum zustimmenden Gejohle der Gaeste ihre Eingeborenentaenze wie eh und je.

Ich dagegen bin heute morgen auf dem Weg zum Konferenzzentrum gnadenlos inder Gegenwart angekommen. Auf halber Strecke musste ich einsehen, dass meine hochhackigen hellblauen Kaenguruhwildlederschuhe einfach nicht fuer Fussmaersche gemacht sind und mich dazu herablassen ein absolut gegenwaertiges Produkt zu kaufen: Treckingsandalen mit siebzehn Klettverschluessen. Und noch dazu die nachgemachte Billigversion aus China, mit einem Logo, das die Idee des Nike-Logos spiegelt. Welch eine Schande fuer mein Stilgefuehl. Welch eine Wohltat fuer meine zeitgeschichtlich geschundenen Fuesse. Vor dem Eingang hinterm Busch hab ich natuerlich wieder auf „Most overdressed“ geschaltet und die Schlappen in der Aktentasche versteckt.

Freitag, April 27, 2007

Haben wir uns Koeln nur ausgedacht?


Ob es ueber Castrop Rauxel oder Hildesheim ein Lied gibt, wissen nur die, die da aufgewachsen sind. Fuer Bochum gibt es DAS Bochum Lied und es ist Groenemeier zu verdanken, dass Bochumer Fussballfans musikalisch viel Komplizierteres meistern muessen, als Oleoleoleole... Aber Koeln. Ich koennte von morgens um sechs bis abends zum Stromausfall Koeln-Lieder hoeren und waere immer noch nicht am Ende angekommen.

Ham wir se noch alle? Ist das ein kollektiver sich selbst verstaerkender Wahn? Haben wir’s einfach so lange wiederholt, bis alle andern gesagt haben: „Jaja, schon ok, ich glaub’s ja, dass Koeln was ganz Besonderes ist. Zufrieden? Koennen wir jetzt mal von was anderem reden?“ Worauf wir dann ganz schlau folgerten: “Siehste, die sagen auch Koeln ist besonders!“

Ich liege von Hitze erschlagen auf meinem Sofa, hoere die koelschen Lieder, die Herr F. mir geschickt hat und bin lokalpatriotisch verwirrt. Wenn mich hier jemand fragt, wo ich herkomme, sag ich aus Koeln (wer wuerde Dueren zugeben, wenn’s nicht sein muss?), trag zu meiner Arbeit jeden Tag die Tasche, die sagt „Koelnerin“ und schwaerme immer davon, wie speziell und anders die Leute zu Hause sind.

Aber ploetzlich sagt mir eine Stimme im Hinterkopf: In den zwei Jahren in Ghana hab ich ein ziemlich ueberzeugendes Ghanaisches Englisch gelernt, mit all den harschen Toenen und gramatikalischen Kreativitaeten, das sprech ich als kaem’s direkt aus meinem Blut. Aber den Dialekt meiner vielbesungenen Heimat? Den kann ich ja nichtmal ueberzeugend nachmachen! Das reicht hoechstens, um in Accra auf dem Sofa zu sitzen, mitzusingen und mir einzubilden, dass ausgerechnet Karnevalslieder die Wahrheit sagen..

Ob ich wohl, wenn ich es irgendwann mal schaffen sollte, zwei Jahre in der Suedstadt zu wohnen, auch diesen fremden Akzent so in mich aufsaugen wuerde, wie mein Schottisches, Suedafrikanisches, Ghanaisches Englisch? Bis ich mich fast so anhoere, als kaem ich von da?

Dienstag, April 24, 2007

Trunkenbold


Manchmal stolper ich hier fern der Heimat in meinem Kopf ueber deutsche Woerter, die laengst auf der roten Liste stehn und denke: Was fuern schoenes Wort. Und Trunkenbold gehoert dazu. Natuerlich wissen wir heute alle, dass wir dem gleichen Kerl den Namen einer Krankheit geben muessen, dass es sich um einen Alkoholiker handelt und nicht um einen Raufluemmel. Aber irgendwie, wenn ich mir meinen kleinen Tagwaechter anschau, das ist und bleibt ein Trunkenbold. Aber ueber den Tagwaechter hab ich nur nebenbei nachgedacht, denn die Heldin dieser Geschichte ist seine Frau.

Vor Monaten haben die beiden mich um einen Kredit gebeten, damit die Frau sich selbstaendig machen kann, statt auf der Baustelle Zement zu schleppen, weil Maenne nie Geld mit nach Hause bringt. Kann er ja nicht. Muss er ja versaufen. Das Geld war laengst von Wachmanns Gehalt abgezogen und zurueckgezahlt und vergessen, als Mary vor ein paar Tagen sagte: Weisst Du, dass Wachmannfrau immer noch im Geschaeft ist? Sie kocht morgens und abends Essen, das sie im Viertel verkauft und ist in der Gegend die Einzige, die das macht. Ihrem Mann hat sie die 500 000 Startkapital (50 Euro) sogar zurueckgezahlt.

Ich war beeindruckt. Und froh, dass helfen manchmal so einfach und schmerzlos ist, dass man’s gleich danach vergessen hat. Mary hat meine Gruesse offensichtlich ausgerichtet, denn heute Abend stand Wachmannfrau in meinem Garten, um mich um einen weiteren Kredit, diesmal fuer Saatgut, zu bitten. Da hab ich gesagt: „Madam, das geb ich Ihnen gerne. Sie haben mit dem letzten Geld so gut gewirtschaftet, dass ich mich freue, dass Sie wieder hier sind.“ Vielleicht sollte ich mich nach meiner Rueckkehr bei der Kreissparkasse bewerben...

Das Beruehren der Figueren...

mit den Pfoten ist verboten...

Gestern hab ich mich endlich getraut, meine Hand auf Marys kleinen Fussballkugelbauch zu legen, um zu sehn, was da so los ist. Um sie davon abzulenken, dass ich mir das rausnehme, fragte ich sie: „Ist das hier auch so, dass schwangere Baeuche ploetzlich oeffentliches Eigentum werden und jeder denkt, er darf mal fuehlen?“ Sie guckte mich geschockt an: Nur die Frau und ihr Ehemann. Bei allen anderen hast Du Angst die legen nur ihre Hand auf Deinen Bauch, um danach Juju (boesen Zauber) mit Deinem Kind zu machen, damit das krank wird oder stirbt.

Da ist es wieder, das grundlegende Misstrauen, das diese Gesellschaft durchdringt.

Warum sollte Frau Nengelken von Gegenueber so nen Aufwand betreiben und extra nach Birkesdorf zum Zauberer fahren und dem viel Geld bezahlen, nur damit mein Baby stirbt? Hat die nichts Besseres zu tun? Aber die Logik geht ja hier rueckwaerts: Mein Baby ist gestorben. Also muss irgendwer es umgebracht haben. Dann mach ich Ehnemehnemuh mit allen, die mir die Hand auf den Bauch gelegt haben und schon weiss ich, wer’s war.

Und weil natuerlich wirklich kein normaler Mensch auf die Idee kaeme unschuldige Babys durch Handauflegen zu toeten, ist damit bewiesen, dass Frau Nengelken eine Hexe ist, die das aus Bosheit tut oder weil sie von Daemonen besessen ist. Was wiederum rechtfertigt, dass sie vertrieben oder getoetet werden muss. Ganz logisch oder?

Montag, April 23, 2007

„Scheissnormales oedes Wochenende in Bolga“


Das ist der Name des Theaterstuecks, das Debbie und ich letztes Wochenende aufgefuehrt haben.

Publikum: Wir selbst.

Schauspieler: Wir selbst.

Die Kritiker (ebenfalls wir selbst) sagen: Nicht sehr ueberzeugend.

Denn in Wirklichkeit war das Debbies letztes Wochenende in Bolga. Sie fliegt zurueck nach England um Ihr Leben dort nach zwei Jahren Abwesenheit mit neuem Elan in die Haende zu nehmen. Und wir bleiben hier und laecheln tapfer. Debbie und ich haben in den letzten Jahren viel darueber gescherzt, dass wir – bis auf ein paar unwichtige da koerperliche Details – hier als Ehefrau und Ehefrau zusammenleben, zwar mit getrennten Haeusern, aber ein normaler Tag begann haeufig mit einem Morgentelefonat, ging weiter mit gemeinsamem Mittagessen, nachmittags haben wir am Telefon die neusten Neuigkeiten ausgetauscht und besprochen, was wir denn am Abend unternehmen... also, ob wir bei ihr essen und einen Film gucken oder nur einen Film gucken oder nur essen. Oder vielleicht in der Kneipe nebenan essen. Und keinen Film gucken. Wilde Abende in Bolga.

Jetzt kann ich die meine Abende in Bolga damit verbringen, zu ueberlegen, ob ich mir den rechten Finger ins linke Ohr stecke oder den linken Finger ins rechte oder den rechten ins rechte und gleichzeitig den linken ins linke oder vielleicht sogar ausprobieren, ob ich es schaffe mir den kleinen Finger der linken Hand ins rechte Ohr zu stecken, waehrend ich mir den Daumen der gleichen Hand ins linke Ohr stecke. Wilde Abende in Bolga.

P.s.: Letzte Version funktionniert nicht. Aber mit viel Geduld und Brutalitaet sehe ich eine Chance fuer Daumen und Ringfinger. Falls Eure Lebenssituation der meinen gleicht, bin ich gespannt auf Erfahrungsberichte.

Sonntag, April 22, 2007

Nen Fuss machen


Ommausgeich haette darunter vermutlich die Zeugung eines rothaarigen Jungen (=Fuss im Geicher Dialekt) verstanden. In Ghana ist „Making a fuss“ eine der Kulturtechniken, die ich erst langsam lerne. Und das nach ueber zwei Jahren.

Freitag morgen am Flughafen in Accra. Ich hatte am Vortag ein Ticket nach Tamale gekauft und bezahlt, war aber trotzdem nicht auf der Liste der Fluggaeste. Gemeinsam mit 10 anderen. Was bei einem 17sitzer Flugzeug doch arg ins Gewicht faellt.

Waehrend ich mit traurigen Augen am Schalter lehnte und hoffte, damit das Herz des Schicksals zu erweichen, sprach mich ein Leidensgenosse an, der schon die ganze Zeit einen unglaublichen Tanz veranstaltete, seine WICHTIGKEIT, die WICHTIGKEIT seines Meetings, jedermanns INKOMPETENZ, bellte und wedelte er auf und ab. Irgendwann sagte er leise zu mir: „You have to make a fuss or you will never get a seat!“ (Du must nen Aufstand machen, sonst kriegst Du nie nen Platz!)

Meine Guete, ich komme doch aus einer Gegend, wo man nicht verhungert, wenn man sich hinten anstellt, wo man den Kopf schuettelt, wenn sich einer aufspielt und es irgendwie zum guten Ton gehoert, zu warten, bis man dran ist. Und dann komm ich ja ebenfalls aus dem Land, wo es die Deutschen mit dem knallroten Kopf gibt, die sich in den Enden der Welt aufspielen, als haetten sie das Land gepachtet und alles muesste nach ihrer roten Nase gehn, die sich immer und ueberall betrogen fuehlen und stolz sind, wenn sie’s denen mal wieder gezeigt haben. Ich bin doch so stolz auf meine konfliktvermeidende, weichgespuelte, kulturell vertraegliche Freundlichkeit, und Du Ghanaer raetst mir, ich soll mich aufspielen? Na gut. Wennste meinst. Dann mal los:

„Naechstes Mal nehm ich ein Trotro, da ist der Service zuverlaessiger als bei Eurer Fluglinie! Meine WICHTIGKEIT! Die WICHTIGKEIT meines Meetings! Wie kann sowas nur passieren? Was mach ich denn jetzt? Mit all meiner WICHTIGKEIT. Die kann ich doch in die Tonne kloppen ohne Sitzplatz! Kikerikie! Wuffwuff!“

Am Ende bekamen Mister Oberwichtig, Doktor Eva und ein Kirchenmann im langen Gewand mit seiner Begleitung die Plaetze derer, die nicht punkt 10 zum Einchecken da waren. Der Kirchenmann hatte es gut, der musste nicht kraehen, sondern nur freundlich mit dem Kreuze wedeln und seine WICHTIGKEIT ward von hoechster Stelle bestaetigt.

Donnerstag, April 19, 2007

Knappes Fazit des Agnes-Besuchs


Eva: Ich hab noch nie so viele Pflanzen gesehn.

Agnes: Ich hab noch nie mit so vielen Einheimischen gesprochen.

Agnes und Eva: Wieso, war doch ganz normal...

Mittwoch, April 18, 2007

Ihr habt ja alle keine Ahnung!


Und das ist nicht mal Eure Schuld. Ich rede ja hier nicht ueber meine Arbeit. Sondern lieber ueber die anderer Leute. Aber manchmal muss auch eine Ausnahme von der Regel erlaubt sein. So wie vor etwa einem Jahr, als ich hier von einem Hirngewitter schrieb und davon, wie selten Forscher bei ihrer Arbeit eigentlich neue Gedanken denken muessen oder duerfen. Nun, ein Jahr spaeter ist die Idee Fleisch (bzw. Holz) geworden und ich zittere vor Begeisterung (oder wirkt die Malaria Medizin etwa nicht und ich bin in einem Fiebertraum???).

Am ersten Mai werde ich auf eine Konferenz von Netzwerkspezialisten nach Korfu fahren und wo alle anderen wilde Computerakrobatik praesentieren, wird Eva aus Dueren bzw aus Bolga (Koenigin der Kleinstaedte) spezialangefertigte Mensch-Aerger-Dich-Nicht-Figuren im Gepaeck haben und Muehlesteine, die man wie Lego ineinander stecken kann. Das Ganze kommt in einer schoenen Kiste, auf der „NetMap: Influence Network Mapping Toolbox“ steht und ist eine Werkzeugkiste, mit der man analysieren kann, wer in irgendeine Aktivitaet verwickelt ist und welche Netzwerke, Machtverhaeltnisse und Ziele sie haben.

Daran haben wir nun nach dem Hirngewitter im afrikanischen Busch ein Jahr lang mit Keksdose und zusammengewuerfelten Figuren rumgewurschtelt, absolut umwerfende Reaktionen von unseren Interview-Partnern erhalten, die ploetzlich die Welt ganz anders verstehn und was in Korfu in meinem Hotel auf mich warten soll, ist der Prototyp einer Kiste, die schlussendlich produziert und verkauft werden soll, so dass es am Ende ganz leicht ist, fuer Forscher aber noch mehr fuer normale Menschen, Einflussnetze zu malen und zu verstehn und miteinander zu diskutieren.

Malaria? Hatte ich als Kind staendig!

Nur wusste man das damals nicht... Gestern erklaerte mir mein Mitbewohner in Accra, das erste und untruegliche Zeichen dafuer, dass man Malaria hat, ist dass man lieber im Bett liegen und Romane lesen moechte, als am Computer sitzen und arbeiten. Wenn man dieses Symptom an sich bemerkt, muss man keinen Test machen, sondern gleich Coartem schlucken, damit das wieder weggeht. Also, Herr F., ab in die Apotheke!

Im Selbstversuch werde ich nun herausfinden, ob die Malaria, die man im fruehen Faulheitsstadium mit Chemie erschlaegt, gar nicht erst ausbricht und mich die Drogen wieder fleissig machen.

Freitag, April 13, 2007

Sich mit fremden Traenen schmuecken

Wenn Ihr mal wieder ueber was weinen wollt (vor Ruehrung, falls Ihr so schlicht gestrickt seid wie ich), was jemand anderes als ich gemacht hat, dann schaut Euch folgenden kleinen Film ueber Mama Laadi und ihr Waisenhaus und ganz viele springende glueckliche Kinder an: http://www.youtube.com/watch?v=CgR7WBQ77nA

Donnerstag, April 12, 2007

Talata aus der Ferne


Jetzt ist Debbie zurueck in Bolga und ich bin immer noch in Accra. Das heisst, dass ich den Luxus hab, Debbie aus der Ferne Mut zuzusprechen, statt selbst zwischen Krankenhaus, Waisenhaus und Privatklinik hin und her zu hetzen. Im Krankenhaus passierte gar nichts, ausser, dass sie Talata immer wieder erlaubten, Zuckerbrot und andere Leckereien zu essen, die nicht fuer Diabetiker geeignet sind. Und weil sie ueber Lungenschmerzen klagte, haben sie angefangen, Malaria zu behandeln. Ohne sie vorher getestet zu haben, ob sie ueberhaupt Malaria hat. Nicht, dass ich jemals gehoert haette, dass Lungenschmerzen ein Symptom fuer Malaria sind. Aber ich wuerde mich auch nicht wundern, wenn sie anfingen, gebrochene Beine mit Chloroquin zu behandeln...

Seit Montag ist sie nun wieder bei Laadi: Als sie aus dem Krankenhaus ins Waisenhaus fuhr, war sie ganz aufgeregt und voller Leben. Um dann bei der Ankunft gleich zusammenzubrechen. Die Achterbahnfahrt geht weiter. Heute war sie nur noch ein heulendes Haeufchen Elend, klagte weiterhin ueber Brustschmerzen und dass ihre Beine brennen wie Feuer. Also zu dem Arzt, der die Privatpraxis leitet, die seit kurzem ebenfalls im Besitz von Afrikids ist. Da wird sie wahrscheinlich ein paar Wochen bleiben und vielleicht ja sogar ordentlich untersucht werden. Und behandelt.

Gestern hat der erste edle Spender 10 Pfund bei Justgiving gespendet und eine komplett irrationale Sekunde lang hatte ich das Gefuehl: Dann wird ja alles gut...