Donnerstag, April 12, 2007

Austreibung der Suenden im Paradies


Agnes und ich liessen uns ganz frueh am Morgen mit einem Holzboot auf den paradiesisch stillen Volta rudern. Als wir das Kanu bestiegen, standen vier Ghanaer mit weissen langen Gewaendern und einem grossen schweren Kreuz am Ufer. Hinter ihnen scheu versteckt eine junge Frau. Die Herrschaften begruessten unseren Bootsfuehrer lachend und wir stachen in den See. Als wir draussen waren, meinte er: „Also, ich finde das ja nicht gut, wie die immer taufen... das ist nicht richtig.“ Dann erzaehlte er uns voller Abscheu und Faszination, dass die Priester gleich alle Suenden aus dieser jungen Frau rauspruegeln werden, die sie danach splitternackt im Volta von sich abwaschen wird, waehrend die Herren Priester zuschaun, um sicherzustellen, dass auch alles mit rechten Dingen zugeht. „Die sind neu.“ Sagt er, und meint damit diese religioese Gruppe. Letzte Woche hat er sie zum ersten Mal beobachtet und war schockiert, wie die Priester auf ihren Schuetzling einschlugen und erzaehlte, dass die zu Taufende sich doch irgendwann beschwerte...

Und waehrend er sich vor Abscheu schuettelte, konnte er sich einfach nicht losreissen, und haette ich kein Machtwort gesprochen, hatte sich unsere Stunde auf dem See komplett auf einer Stelle abgespielt. Als wir von unserer Tour zurueckkamen, stellte sich heraus, dass der Hotelbesitzer die Glaubensbrueder in der Zwischenzeit weggejagt hatte. Unser Ruderer versuchte, seine Enttaeuschung darueber zu verbergen, dass es heute kein Bad der nackten Geschundenen zu sehen gab.

Samstag, April 07, 2007

Strom-Rechnung


Dieses Wort hat in den letzten Monaten hier eine andere Bedeutung bekommen. Um mich rum versuchen alle, mit den komplizierten regelmaessigen und zusaetzlichen Stromausfaellen Schritt zu halten und eine Formel zu finden, die ihnen hilft, den naechsten Tag oder die naechste Nacht ohne Strom vorauszusagen. Ich glaube, dass sich die Menschheit in zwei Gruppen aufteilen laesst: Die eine Haelfte bittet die Folterknechte um eine genaue Terminabsprache und einen detaillierten Folterplan im Voraus, damit sie sich schonmal darauf einstellen kann (Darauf einstellen? Wie soll das bitteschoen gehn? Vielleicht mit den mitgelieferten Daumenschrauben ein wenig rumspielen und sich mit dem Gefuehl anfreunden?), waehrend die andere Haelfte das Folter-lose Glueck geniessen will, als sei es endlos, und das Elend erst reinlaesst, wenn es an die Tuer klopft... Nein, meine Freunde hier verstehen nicht, warum ich mich der Strom-Rechnung verweigere...

Theoretisch haben wir glaube ich alle drei Tage abwechselnd eine Nacht oder einen Tag lang keinen Strom. Praktisch vergessen die Stromabschalter oft, das Ganze wieder anzuschalten und scheinen sich etwa so haeufig in den Tagen zu verzaehlen wie ich. Und dann gibt es noch tausend technische Gruende oder Ausreden, warum zwischendurch alles fuer ein paar Stunden stillsteht. Das Ganze wird damit begruendet, dass der Volta See (60% unserer Stromproduktion) zu wenig Wasser hat und Ghanas Wirtschaft zu schnell waechst und deshalb immer mehr Strom verbraucht. Naja, das Problem mit dem schnellen Wirtschaftswachstum laesst sich sicher damit eindaemmen, dass alle Fabriken, Bueros etc. regelmaessig lahmgelegt werden.

Accra ist in Stadtviertel aufgeteilt, die an verschiedenen Tagen abgeschaltet werden. Ploetzlich erhoeht es die Produktivitaet, wenn man weit von seiner Arbeit entfernt wohnt: Wenn im Buero kein Strom ist, fahr ich zum Arbeiten nach Hause. Schon lange beneide ich meinen Mitbewohner nicht mehr dafuer, dass sein Buero direkt um die Ecke ist. Aber ich kann kaum nachts zum Schlafen ins Buero fahren. Also versuche ich, so leicht im Bett zu liegen, dass ich die Matratze nicht beruehre, bade im eigenen Schweiss und hoere voll wuetendem Neid dem Laerm der Generatoren zu, die in der Nachbarschaft Ventilatoren, Klima-Anlagen und Gluehbirnen antreiben. Wenn in einer solchen Nacht auch noch die Froesche beschliessen, es ist Zeit fuer ein Gartenkonzert, dann... Ja was dann? Gar nix. Was soll ich dann auch tun? Dann lieg ich weiter im Schweisse meines Angesichts und schau der Zeit beim Verstreichen zu.

Freunde nicht essen


Auf der Fahrt nach Accra unterhielt ich mit mit Fahrer Mark ueber die unterschiedlichen Verwendungsmoeglichkeiten fuer Hunde. „Ach, es vergeht kein Wochenende, wo mich nicht einer meiner Freunde zum Hunde-Essen einlaedt!“, sagt er genuesslich grinsend und wundert sich ueber Weisse, die mit ihrem Hund zum Arzt gehn, ihn fuer ihren besten Freund halten und bei dem Gedanken, ihn zu essen, in Traenen ausbrechen. „Wie schmeckt Hund eigentlich?“ frage ich. „Wie Katze.“, sagt er und damit waere das ja auch geklaert. Katze gibts aber viel seltener, die meisten Leute moegen keine Katzen halten, weil die immer kommen und einem um die Beine streichen. Warum das so schlimm ist, kann ich nicht wirklich aus ihm rausbekommen: Weil sie Angst vor irgendeiner Katzenmagie haben, oder weil sie ungern jemanden essen, der kurz vorher noch zaertlich zu ihnen war? Fuer die seltenen festlichen Gelegenheiten, wo einer der Kumpels eine Katze ergattern konnte, gibt es eine feste Regel: Wer den Kopf haben will, muss eine Flasche (Whisky) spendieren. Gibt es Tiere, die er nicht isst? Esel und Pferde, denn die arbeiten so hart fuer uns. Und Affen, denn die haben unseren Vorvaetern im Krieg geholfen, Wasser zu finden. Deshalb isst er, wenn er im Sueden ist, nie Fleisch sondern nur Fisch. Die Ashante lieben Affenfleisch und wer weiss, was da alles durch den Eintopf schwimmt...

Freitag, April 06, 2007

Was gut ist

Besuhuch! Besuhuuuch! Morgen kriegt Eva Besuhuhuch! Agnes aus Lueneburg kommt fuer zehn Tage und wir werden in den Regenwald fahren, ans Meer und natuerlich ins Paradies am Volta See. Und reden, bis uns die Lippen in Fetzen haengen. Schoen sieht das dann natuerlich nicht aus. Fuehlt sich aber gut an.

Donnerstag, April 05, 2007

Was tun!

Direkt vom Buerostuhl in Deutschland ins Waisenhaus in Ghana! Gemeinsam mit mir habt Ihr Euch um Talata gesorgt, ueber sie geaergert, Euch gefragt, wie das denn alles weitergehn sollt. Und vielleicht gedacht: Ich kann zwar nicht zwischen Krankenhaus und Waisenhaus hin und her fahren und Talata Bananen in die Nase stecken, aber wenn ich doch irgendwie helfen koennte... verdammt, wenn ich doch irgendwas tun koennte!

Nun, fuer dieses Problem gibt es jetzt eine Loesung. Wie Ihr wisst, haben Debbie und ich versprochen, sie nun finanziell zu unterstuetzen - ohne wirklich geahnt zu haben, was da auf uns zu kommt. Falls Ihr da einen kleineren oder groesseren Beitrag leisten wollt, Talata hat nun ihre eigene website, wo ihr direkt und ohne Umwege fuer sie spenden koennt: http://www.justgiving.com/talata

Vielen herzlichen Dank. Auch fuer die vielen ermutigenden emails und sms der letzten Tage.

Mittwoch, April 04, 2007

Archivbild


Mary. Ohne Bauch und mit Ofen, der jetzt ihrer ist.
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Is hier was gebacken?


Diese Frage musste ich nun seit meiner Rueckkehr im Januar meist mit nein beantworten. Irgendwie war Mary die Baeckerei aus dem Blickfeld geraten. Ueber Weihnachten hat sie (wie letztes Jahr) wenig verkauft und viel verschimmeltes Brot weggeworfen. Daraufhin eine Pause gemacht. Dann hatte ihre Schwiegermutter einen Schlaganfall und Mary musste sich neben der Arbeit im Haus ploetzlich um Ehemann, Schwiegermutter und fuenf minderjaehrige Kinder von Schwiegermutter kuemmern und war taeglich zum Umfallen muede und verzweifelt.

Schleichend wurde aus der Backpause ein Zustand und seit Anfang letzten Monats ist der Ofen zwar abbezahlt und gehoert ihr ganz, blieb aber aus. Da hab ich Zustaende gekriegt und ihr das Versprechen abgepresst, Ende des Monats wieder zu backen und gleich dem Geschaeft in der Stadt Bescheid gesagt, damit der Rueckzieher schwieriger wird.


Heute: Kontrollanruf! Juhuu. Sie klingt wieder wie eine stolze Geschaeftsfrau und gleich gestern kaufte eine Frau das Brot, die in unserer Gegend ein kleines Geschaeft hat. Die Dame rief sie an, um eine Bestellung fuer ihr Geschaeft aufzugeben. Und Mary ueberlegt, ein kleines Maedchen einzustellen, das fuer sie das Brot ausfahren kann, denn mit dicker werdendem Bauch ist das in dieser Hitze kein Scherz.

Dienstag, April 03, 2007

Entkommen


Vielleicht werde ich mein Ohrenschweiss-Problem doch noch in den Griff bekommen und nicht von einem Hungeropfer aufgefressen werden. Ich sitze nun in meinem paradisischen Haus in Accra, vom Schreibtisch schau ich auf meinen gruenen Garten, die Hitze ist mild und ich bin grade nochmal in einem Stueck davongekommen. Wie gut, dass diabetische Strassenkinder retten nur mein Hobby ist und sich meiner Arbeit unterordnen muss. Und die Arbeit sagt: Du musst nach Accra.

Sonntag hat Talata noch ein letztes Mal all ihre Ueberlebenstalente an mir ausprobiert. Der Grund, warum sie so lange ueberlebt hat, ist dass sie auf Kommando so gotterbaermlich aussehen kann, dass man alles fuer sie tun wuerde. Sie hatte morgens nichts gegessen, hielt sich den eingefallenen Bauch in Schmerzen und wand sich ziemlich schweigsam auf ihrem Plastikbett. Schliesslich brachte ich sie dazu, zu nicken, als ich Brot sagte. Also in die Stadt fahren, Brot und Bananen kaufen, wiederkommen und sie weigert sich zu essen. Ich steck ihr die geschaelte Banane fast in die Nase, so sehr draenge ich sie, doch wenigstens einen Bissen zu essen. Nein, von fester Nahrung kriegte sie nur mehr Bauchschmerzen. Nach viel hin und her und mit Hilfe der Schwestern kamen wir dem Problem naeher: Im Krankenhaus verbieten sie ihr Milch und sie will Milch. Schliesslich sagte ich zu den Schwestern: Besser Milch als nichts und ging ein zweites Mal los. Als ich zurueckkam hatte sie ploetzlich alle Bananen und einen Teil ihres Mittagessens verschlungen (nur die Staerke, sonst nichts) und sah halbwegs munter aus. So ein Luder. Und ich sah sie schon sterben. Dann trank sie ne halbe Dose Buechsenmilch und als Zeichen ihrer Dankbarkeit lies sie sich von mir ein wenig Brot reinzwingen (wobei ich aufpassen musste, dass sie die Krumen nicht in ihren Kissen versteckte). Soviel zum Thema: Ausgewogene Ernaehrung ist der Grundpfeiler der Diabetiker-Behandlung.

Debbie sagt: „Sie ist wie eine Drogensuechtige, die kaum frei entscheiden kann, von ihren alten Vorlieben zu lassen“. Das kann man unterschiedlich verstehn. Man kann sagen: Sie kann ja irgendwie nichts dafuer, dass sie nicht tut, was gut fuer sie ist, denn die Sucht ist staerker als die vernuenftige Entscheidungsfaehigkeit. Und ich denke da ist was Wahres dran und wir muessen sehn, wie man den Entzug am besten organisiert. Aber es bedeutet auch: Erwarte alles von ihr, was Du von einem Junkie erwarten wuerdest, erlaub ihr nicht, Dein Herz in ihren mageren Fingern auszuquetschen.

P.s.: Keine Angst, wir haben sie nicht verstossen. Wir sind immer noch mitten im Prozess eine langfristig funktionnierende Loesung zu organisieren. Aber es ist grossartig, so weit weg zu sein, dass ich nicht fuer sie in der Stadt rumfahren kann, selbst wenn ich wollte.

P.p.s.:Zum Ohrenschweissproblem hatte ich gestern Nacht eine interessante Erfahrung, als die Fernbedienung meiner Klimaanlage grade dann den Geist aufgab, als sie auf eiskalt eingestellt war. So hab ich mich in meine Winterjacke gewickelt und mir die Ohren abgefroren. Schweisslos. Mitten in Afrika)

Freitag, März 30, 2007

Steine den Berg raufrollen. Und ihnen beim Runterrollen zusehn

Mit Brustschmerzen und ohne jegliche Energie ist Talata nun wieder im Krankenhaus. Sie wollte nicht essen. Sie wollte sich kein Insulin spritzen. Bei Mama Laadi wuseln huepfen schreien 36 Kinder um Talatas Schlafstelle unter dem Tisch herum. Das Baby Blessed, das darauf wartet, nach England adoptiert zu werden, hat im letzten Monat ein Kilo Gewicht verloren und wird langsam immer heller. Im Krankenhaus fanden sie keine Vene fuer kuenstliche Ernaehrung und haben sie wieder nach Hause geschickt. Wenn Talata so schwach zusammengeklappt da liegt, macht mir das Angst und gleichzeitig moechte ich sie wuetend schuetteln, bis sie sich zusammenreisst. Aber wie kann sie sich zusammenreissen, wenn ihr die Kraft fehlt, die Augen aufzumachen. Wir vermuten, dass sie noch irgendwelche anderen Krankheiten hat, Laadi sagt Malaria, aber das sagen sie hier immer und Talata hat kein Fieber. Und weil ich auf der Insel der Seeligen aufgewachsen bin, weiss ich nicht, auf welche verschiedenen Arten sich die Krankheit Unterernaehrung aeussert. Sie wiegt jetzt 36 kg und ist etwa so gross wie ich (die etwa 10 kg mehr mit sich rumschleppt). Wir wissen nicht, wie schwer sie war, als sie vor einem Monat zum ersten Mal ins Krankenhaus kam, denn da war sie so schwach, dass sie nicht aufrecht auf der Waage stehn konnte.

Druecke ich auf Eure Traenendruese? Bin ich melodramatisch? Erdruecke ich Euch mit einem Bild von Afrika das voller Elend und Leiden ist? Fuehlt Ihr Euch voll gutem Willen und doch hilflos? Na, willkommen im Club!

Ab und zu bekomm ich eine mail: Heute ueber Deinem Blog geweint. Heute Traenen gelacht ueber Ohrenschweiss. Dann fahr ich mit neuer Energie und weniger allein ins Krankenhaus und halte die Augen offen nach irgendwas, IRGENDETWAS was uns lachen machen kann. Also: Danke. Weiterlesen. Das hilft.

Mittwoch, März 28, 2007

Da die Affen im Mole Nationalpark nicht lesen koennen


wissen sie natuerlich nicht, dass es ihnen verboten ist, sich auf Kosten der Besucher zu fuettern. Nein, wir haben an unserem faulen Wochenende bei den Elefanten nicht gut genug auf unsere Kekse aufgepasst. Eine betruegerische Affenbande vollfuehrte zur Ablenkung Kunststuecke in, auf und unter einem alten Lastwagen. Und waehrend wir ihnen fasziniert dabei zusahen, wie sie so taten, als koennten sie Auto fahren, schlich dieser Herr sich hinter unserem Ruecken zu Debbies Rucksack und nahm von all den Sachen, die da drin waren, zielstrebig nur meine Lieblingskekse.
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„Wir strafen Dich weil wir Dich lieben“


Gestern bei Talata fuehlte ich mich irgendwie alttestamentarisch. Ich versuchte, ihr klarzumachen, dass wir ihr aus Liebe auftragen, sich selbst Schmerzen zuzufuegen. Das ist schwer verstaendlich und weil sie das nun mal fies findet, sich zweimal am Tag Insulin zu spritzen, hat sie Montag morgen zwar ihre Zuckerwerte gemessen (16,2) aber weder ihre regelmaessige Dosis noch das zusaetzliche Insulin gespritzt, das sie bei Werten ueber 15 hinzufuegen soll. Als sie abends wieder mass, zeigte das Geraet ploetzlich keine Zahlen, sondern nur noch Buchstaben an: HI. Keiner weiss, was das bedeutet, da ist zwar ein Zettel in der Kiste, aber der ist „plenty English“ (Viel Englisch, was so viel heisst wie: Zu viele Woerter). Eines der Maedchen fragt beeindruckt: „Can you read all this?“ (Kannst Du das alles lesen?) Der Beipackzettel erklaert: Werte ueber 33,3 kann das Geraet nicht messen und sagt einfach nur HI im Sinne von hoch. Laadi sagte: Sie lag da so rum. Haette ich ein Auto gehabt, waere ich mit ihr ins Krankenhaus gefahren. Hatte aber keins und fuhr nicht. Am naechsten Morgen waren wir wie durch ein Wunder wieder bei 11,2, also viel naeher an den angestrebten 5-8.

Debbie schrieb in ihrem Blog: Die Armen sollen dankbar sein, verdammt noch mal! Und genau dies Gefuehl gab meinem gestrigen Wutausbruch die Nahrung: Da tun wir alles fuer Dich, die wir noch nicht mal kennen und alles, was Du tun musst, um am Leben zu bleiben, ist zweimal am Tag ne Nadel in den Arm hauen. Dass das keinen Spass macht, wissen wir selber. Aber wenn Du das nicht machst, kannst Du Dein Essen genauso in den Muell kippen, denn Dein Koerper tut nix damit. War es schoener, an der Tankstelle zu betteln? War es schoener, im Krankenhaus zu liegen? Wenn Du nicht auf Dich aufpassen kannst, kannst Du nicht hier bleiben! Laadi muss weiterhin dem kranken Baby alle 15 Minuten 5 Loeffel Milch geben, Tag und Nacht. Da kann sie nicht hinter einer erwachsenen Frau wie Dir hinterherlaufen, ob Du Deine Medizin nimmst! (waehrenddessen sass Laadi da mit dem Baby und jeden Moment schienen ihre Augen zuzufallen um ein wenig Schlaf zu stehlen)

Da ich allein war, musste ich aber Good Cop und Bad Cop in einer Person sein. Und nachdem ich alles Boese gesagt hatte und sie ihr stummes Gesicht hinter den Streichholzarmen verbarg, musste ich ebenso hart arbeiten, um eines ihrer wunderbaren Laecheln zu kriegen, meine Hand leicht auf ihre Schulter legen und ihr Gruesse von meiner Mutter ausrichten, die gesagt hat: „Talata, willkommen in der Familie!“

(Laadi in ihrer Erschoepfung hat um Hilfe gerufen. Die weisse Krankenschwester, bei der Laadi alles gelernt hat und die nun als Rentnerin in Kumasi lebt, wird dieser Tage nach Bolga kommen und sehn, was sie fuer das Baby tun kann. Und in zwei Wochen kommen Medizinstudenten aus England, die fuer 6 Monate bei Laadi wohnen werden und sich speziell Talatas annehmen werden. Also durchhalten! Ueberleben! Hilfe kommt!)

Dienstag, März 27, 2007

Ohrenschweiss


Normalerweise verschone ich Euch mit ekligen koerperlichen Details. Zumindest, wenn sie meinen eigenen Koerper angehn. Aber das ist ja wirklich die Hoehe! Wer hat sich das aufgedacht? Bitteschoen, einer meiner medizinisch vorgebildeten Leser muss mir hier weiterhelfen. Warum oh warum hat der Mensch Schweissdruesen IM Ohr? Das soll wohl lustig sein? Da sag ich „Nein danke, ich hab schon!“ Wenn ich im Buero mit Ohrknoepfen Musik hoere, muss ich meine Ohren ab und zu frei machen, damit der Schweiss rauslaufen kann. Der letzte Satz war natuerlich gelogen, keine Angst, ich plantsche nicht mit den Fuessen im Ohrenschweiss, er tropft noch nicht unter meiner Tuerschwelle heraus. Aber das liegt nur daran, dass wir im Buero eine Klima-Anlage haben, die den Raum auf 32 Grad runterkuehlt...

Sonntag, März 25, 2007

„Reich mir mal die Kartoffeln Liebling ich bin schwanger“


Preisfrage: Welche Hauptdarstellerin in welchem Film verkuendet ihren Zustand auf diese nebensaechliche Art und Weise? Seit einiger Zeit schon suche ich nach der Schuessel Kartoffeln oder Fufu, die ich zur Hilfe nehmen koennte, um Euch von den Veraenderungen in Marys Leben zu erzaehlen. Und je laenger ich damit warte, desto schwieriger wird es. Das weiss sie selbst am besten, denn erst im Januar und auf Nachfrage erzaehlte sie mir, dass sie im November geheiratet hat. Beim schwanger werden hat sie sich zwar an die vorgeschriebene Reihenfolge gehalten, aber nicht viel Zeit verschwendet. Schon passen ihr die alten Kleider nicht mehr und alles an ihr wird rund. Warum es ihr schwer fiel, mir davon zu erzaehlen? Nun, Schwangerschaft ist hier ein recht ueblicher Grund, einem Hausmaedchen zu kuendigen. Und Hochzeiten sind in der lokalen Kultur keine grossartigen Feste, der Mann bringt ein spezielles Perlhuhn und noch ein paar andere Gaben zur Familie der Braut, verspricht, die drei Kuehe, die sie kostet, nachzuliefern und darf sie mit nach Hause nehmen. Denn die Rolle eines Sohnes ist es, eine Frau nach Hause zu bringen, die der Mutter die Arbeit abnimmt.

Freitag, März 23, 2007

Witzehelle


Dieser Schuettelreim des Monats zum Thema Scheisswetter kommt von meinem Vater. Seit dem Wochenende ist es ganz ploetzlich nachts wieder bruetend warm (irgendwo Anfang / Mitte 30) und tags weiterhin gluehend heiss (irgendwo in den 40ern). Ein kanadischer Freund warnt mich, dass das immer die Zeit des Jahres ist, wo man Beulen kriegt und zeigt mir seine alten Narben. Iihh. Sowas will ich lieber nicht. Ich wuerde wetten, dass im Maerz und April hier die meisten Morde im Affekt passieren, denn jeder geht jedem so auf den Geist und die sollen bloss alle aufpassen, dass sie mir nicht zu nahe kommen. Wer? Na die. Alle. Verpisst Euch. Sonst gibt’s Saures!

Donnerstag, März 22, 2007

Suppenkaspar vorbei


Letzten Herbst in Laos vor einem klaren Gedicht aus Nudeln, Gruen und Bruehe wurde mir ploetzlich klar, dass ich Suppe gar nicht mehr ekelhaft finde, wie in den letzten knapp dreissig Jahren, sondern eigentlich aeusserst schmackofatzig. „Ha!“ wird Herr F nun sagen, „das eroeffnet ja ganz neue Moeglichkeiten!“ Und recht hat er. Zum Beispiel scharfe Ingwersuppe mit Auberginenblaettern. Hoert sich gut an? Ist voll scharf und bitter und sauer und zing. Folgendermaszen:

Zwiebel und Kartoffelwuerfel anbraten. Gehackten Knubbel Ingwer und Chilischote dazu und Wasser drauf. Kochen kochen kochen. In der Zwischenzeit Auberginenblaetter (oder sonst welche) fein schneiden und Moehren ebenfalls. Beides rein in die Suppe. Wuerzen mit Zitronensaft, Salz (kein Pfeffer, spinnst Du? Chili reicht!) und irgendwas Asiatisches (Kurkuma, Curry, Marsala, was auch immer im Regal verstaubt). Und einen Stips Pfefferminzsauce. Essen und oh sagen. Und ah.

Spiel mit Deiner Gier

Folgende email erreichte mich heute:

Abidjan, Elfenbeinkueste

Lieber guter Mensch,

Bitte erlauben Sie, dass ich mich vorstelle, mein Name ist Roseline Kuffo, ich bin 20 Jahre alt und das einzige Kind des verstorbenen Herrn Morris Kuffo, der ein beruehmter Kakao Haendler hier in Abidjian war, der oekonomischen Hauptstadt der Elfenbeinkueste. Ich bitte um Ihre dringende Aufmerksamkeit, mir dabei zu helfen die Summe von Zehnmillionenfuenftausen US$ auf Ihr Bankkonto zu ueberweisen. Bitte, ich bin bereit Ihnen als Kompensation fuer Ihren Aufwand und Ihre Zeit 15% der Gesamtsumme anzubieten. Ich moechte, dass Sie wissen, dass ich alle notwendigen Dokumente in Bezug auf diesen Betrag habe, der im Namen meines verstorbenen Vaters eingezahlt wurde. Bitte kontaktieren Sie mich aus Vertraulichkeits- und Sicherheitsgruenden ueber meine private email Adresse. Ich bitte Sie herzlich darum, mir sofort bei Erhalt dieses Briefs zu schreiben, damit ich Ihnen mehr wichtige Details in Bezug auf dieses Geld zukommen lassen kann und Ihnen ebenfalls meine Fotos schicken, damit Sie sehen und wissen, wer ich bin.

Danke, dass Sie fuer mich da sind,

Hochachtungsvoll, Ihre

ROSELINE KUFFO,


Im Orginal:

FROM: ROSELINE KUFFO

COUNTRY: ABIDJAN, IVORY COAST


DEAR LOVELY ONE,


PLEASE PERMIT ME TO INTRODUCE MY SELF TO YOU,

MY NAME IS ROSELINE KUFFO,I AM 20 YEARS OLD, THE ONLY CHILD OF LATE MR MORRIS KUFFO WHO WAS A FAMOUS COCOA MERCHANT BASED IN ABIDJAN HERE,THE ECONOMIC CAPITAL OF IVORY COAST (COTE D'IVOIRE). I AM SEEKING FOR YOUR URGENT ATTENTION TO HELP ME TRANSFER THE SUM OF (US$10,500,000.00 )TEN MILLION FIVE HUNDRED THOUSAND UNITED STATE OF AMERICAN DOLLARS INTO YOUR BANK ACCOUNT. PLEASE, I AM WILLING TO OFFER YOU 15% OF THE TOTAL FUND AS A MODE OF COMPENSATION FOR YOUR ASSISTANCE AND TIME. I WANT YOU TO KNOW THAT I HAVE ALL THE NECESSARY DOCUMENTS IN RELATION TO THIS FUND DEPOSITED BY MY LATE FATHER IN THE BANK. PLEASE DO CONTACT ME THROUGH MY PRIVATE
EMAIL ADDRESS,FOR CONFIDENTIAL AND SECURITY REASONS .(rose_kuffo003@yahoo.co.jp)


PLEASE KINDLY MAIL ME IMMEDIATELY YOU RECEIVE THIS MY LETTER FOR ME TO GIVE YOU MORE IMPORTANT DETAILS CONCERNING THIS FUND AND EQUALLY SEND YOU MY PHOTOS SO THAT YOU WILL SEE AND KNOW WHOM I AM.
THANK YOU FOR BEING THERE FOR ME.

YOURS FAITHFULLY,

ROSELINE KUFFO,


Dienstag, März 20, 2007

Debbie und Talata im Krankenhaus

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Zu Haus

Dass Bolga meine eigene Stadt ist, merke ich daran, dass ich mich grade nicht mal komisch fuehle. Ich hab mein Auto zum Schweisser gebracht (das ist Francis, Debbies Nachbar), weil der Bullenfaenger Risse hat. Sie haben mir einen Stuhl in den Schatten gestellt. Da hinten seh ich die Jungs an meinem Auto rumwuchten. Und dieweil ist der Schattenplatz mein Buero geworden und ich tippe an meinem Artikel ueber Netzwerkanalyse.

In einem Ort, wo ich nicht zu Hause bin, waere mir das vermutlich peinlich. Wo ich zu Hause bin, ist das einfach und unemotional die praktischste Loesung, denn ich will doch nicht faul und gelangweilt rumsitzen, waehrend sich die Arbeit tuermt. Reichtum raushaengen lassen (Laptop) gehoert sich nicht? Ach, ich benehme mich in Rom wie die Roemer. Wie ich vielleicht schon erwaehnte, wedelt jeder Ghanaer, der etwas auf sich haelt, staendig mit seinen Statussymbolen rum.

Und wenn ich hochgucke, seh ich, was ich nicht mehr sehe, weil ich zu lange hier bin: Ein Fahrradfahrer haelt mit einer Hand den Lenker und mit der andern balanciert er ein drei Meter langes Brett auf dem Kopf, waehrend er vorbeiradelt. Das ist kein Zirkusartist sondern ein ganz normaler Schreiner auf dem Weg zur Arbeit. Da muss Gott seine Finger mit im Spiel haben. Ich bin fest ueberzeugt: Nur wer glaubt, dass Gott das schon richten wird, traut sich, mit Brett auf dem Kopf loszuradeln. Das ist wie ueber’s Wasser gehn. Der erste Schritt ist der schwierigste. Und wer weiss, wenn der Schreiner an dem Lastwagen vorbeifaehrt, der uns auffordert „Clap for Jesus“ (Klatsche fuer Jesus), wird er klatschen, was seine Seele hergibt und Jesus, der unermuedliche himmlische Schuelerlotse, wird voller Begeisterung den Lenker und das Brett im Gleichgewicht halten und den Schreiner sogar ein wenig anschieben. Da soll noch einer sagen, Glauben hilft nicht.

Mein Kopf ist ein Mehrfamilienhaus

Waehrend ich im Erdgeschoss munter Ehne-Mehne-Muh mit Waisenkindern spielte (s.u.), war in einer Besenkammer im zweiten Stock die Entscheidung laengst gefallen. Das wurde mir klar, als Debbie gestern darueber klagte, wieviel teurer eine Patenschaft fuer eine Diabetikerin ist. Ploetzlich hoerte ich mich sagen: „Wir teilen uns das doch.“ Meine Stimme hatte einen Ton, als waere ich erstaunt, wie schwer von Begriff wir beide sind. Das ist doch schon lange entschieden. Was kann ich denn dafuer, dass Debbie das nicht mitkriegt, nur weil ich keinen Ton gesagt hab.

Montag, März 19, 2007

Alles wird ein bisschen gut? Karten auf den Tisch!

Heute Mittag hat Laadi die Karten auf den Tisch gelegt. Afrikids gibt ihr Geld fuer eine bestimmte Anzahl Kinder. Da sie so ein schrecklich weiches Herz hat, hat sie natuerlich mehr aufgenommen, kippt Wasser in die Suppe und einen Teil ihres eigenen Gehalts. Aber eine Diabetikerin kann man nicht so einfach nebenher durchfuettern. Die klare Ansage ist: "Wenn ich weiss, wo das Geld herkommt, kann ich mehr Kinder aufnehmen, als Afrikids bezahlt." Fuer Debbie (und Talata) bedeutet das Aufatmen, denn Debbie hatte ja ohnehin geplant, das Maedchen langfristig zu unterstuetzen. Fuer mich heisst das: Vielleicht sollte ich bei meinem naechsten Besuch endlich Ehne-mehne-muh mit den Kindern machen und mir eines aussuchen, das ich ganz speziell in mein Herz und meinen Geldbeutel aufnehme...