Freitag, Oktober 07, 2005

Irre – Gestoerte – Behinderte

Ein Leser fragt besorgt: Ist das wirklich wahr, dass die Behinderte einfach so aus dem Haus jagen, meinst Du das ernst? (s. blog von gestern)

Ich weiss, mein Ton ist manchmal leichtfertig und ironisch. Was ich sehe und hoere ist meist ebensowenig politisch korrekt wie das, was ich denke. Aber ich meine das sehr ernst.

Ich weiss nicht, was nun genau die medizinische Definition dieser Zustaende ist. Ich weiss nicht, was sie mit Leuten machen, die behindert geboren werden und die sich nicht selbst helfen koennen. Die Kerle, die in Bolga rumlaufen, scheinen eher im Laufe ihres Erwachsenenlebens durchgeknallt zu sein (Psychosen? Deren Ausbruch unterstuetzt von Schnaps und Haschisch?). Leute die alles koennen, was normale Erwachsene auch koennen aber irgendwie ist das alles auseinandergebrochen und dann falsch zusammengesetzt, macht keinen Sinn mehr. Und deshalb muss man neben der Hauptstrasse stehen und laut bruellen, waehrend man sich Stueck fuer Stueck die Kleider vom Leib reisst und sie in die Luft wirft. Hier kann man auf der Strasse leben, ohne jemals zu erfrieren. So lange einem ab und zu jemand einen Knochen hinwirft, damit man nicht verhungert...

Maries Rad

Halb im Scherz meinte ich zu Mary: Ich bin erstaunt, wie Dein Fahrrad zum Allgemeingut geworden ist. Seth benutzt das ja als sei’s sein eigenes...

Und da brach es aus ihr raus: Niemand! Niemand! Niemand! in ihrem Haus wuerde es WAGEN, dieses Fahrrad zu benutzen. Der Einzige, der es selbstverstaendlich nimmt wann immer er will, ist Nachbar Seth. Manchmal versteckt sie das Rad sogar hinter dem Haus, damit er es nicht sieht. Warum sie nichts dagegen sagt?

He is so free with you that I am afraid to say something…
Der ist mir Dir so dicke, dass ich mich nicht trau, was zu sagen…

Frechheit. Also hab ich ihr gesagt, ich hab nichts dagegen, wenn sie ihn naechstes Mal wegschickt. Und wenn das nicht klappt, sag ich ihm gern Bescheid. Also wirklich, das Rad ist noch nicht mal voll abgezahlt und er leiht das nur, weil er sein eigenes zu Schrott gefahren hat.

Donnerstag, Oktober 06, 2005


Wo schwarze Engel mit Daemonen kaempfen... Posted by Picasa

Irre

Wenn Du im Dorf irre wirst, jagd Deine Familie Dich in die Stadt. Deshalb gibt es in Bolga so viele Irre. Manchmal hoert man: Oh, there’s a new mad man in town (Oh, wir haben einen neuen Irren in der Stadt). Der Neuste muss immer alles anfassen. An der Tankstelle kommt er ans Auto und muss beide Scheibenwischer hochheben und zurueckschnalzen lassen, dann die Aussenspiegel streicheln, ins Auto langen und den Rueckspiegel in der Mitte antippen, ums Auto rumgehn und durchs andere Fenster schnell zweimal hupen, Dich dann um Geld bitten fuer was zu Essen. Wenn er die Strasse entlang geht, muss er von jedem abgestellten Fahrrad den Lenker zweimal anfassen und den Sattel einmal. Der Mann ist arg beschaeftigt.

Wir waren heute im Laufe des Morgens dreimal in Tongo (werden wir vielleicht auch irre?) auf der Suche nach Leuten vom Landwirtschaftsministerium. Waehrend wir hin und her fuhren konnten wir beobachten, wie ein anderer Irrer gemessenen Schrittes nach Bolga ging. Heute Abend kommt er an. Ein schoener nackter schwarzer Mann mit einer schwarzen Plastiktuete in der Hand. Schritt fuer Schritt auf dem Weg in unsere irre Metropole.

Dienstag, Oktober 04, 2005


Schafe sind Ziegen mit Haengeohren Posted by Picasa

Eine dicke Moehre

Sie dient mir als Vorwand fuer einen Abendspaziergang.

„Oh ich muss unbedingt zu meinem kleinen Markt schlendern und eine dicke Moehre kaufen.“

Die fruehe Abendluft ist wie Samt und kleine Maedchen kommen zu mir und wollen mein Freund sein. Grosse Jungs fahren mich mit dem Fahrrad fast um, und rufen mir „Beautiful“ ins Gesicht. Winzige Hunde und Zicklein erfreuen sich springend des Abends und ich bin verschwenderisch und kaufe der Moehre einen Knoblauch.

Auf dem Rueckweg mache ich einen Abstecher zu meinen neuen kanadischen Bekannten, die im Haus meiner alten kanadischen Bekannten (die im Juni wegzog) wohnen. Da treffe ich eine aeltere weisse Dame, die ich noch nicht kenne, kurze graue Haare, rotes Kleid, gruener Papagei auf der Schulter. Vor lauter Aufregung ueber den Besuch kackt der Papagei gruen auf das rote Kleid. Das Gespraech ist wie aus Alice im Wunderland.

Dann kommt eine schwarze Familie zu Besuch, die schon die alte kanadische Bekannte immer besucht hat. Es scheint, als wenn die Ghanaer zu diesem Haus gehoerten und nicht so sehr zu den Bewohnern. John hat als „little boy in the house“ (kleiner Junge im Haus) mit sieben oder acht Jahren angefangen da rumzuhaengen und sich nuetzlich zu machen. Jetzt ist er achtzehn und duckt sich immer noch in diese Rolle, hat dabei eine Reihe Kanadier kommen und gehn sehn.

Als ich nach Hause komme erzaehlt mir mein betrunkener Watchman eine herzzerreissende Geschichte von seinem kleinen Kind im Krankenhaus und dass die Firma den Lohn nicht puenktlich zahlt und ach, was soll er tun... Erst bittet er um 30 000, als er sieht, dass ich bereit bin, erhoeht er schnell, also wirklich retten kann er die Kleine erst mit 50 000. Natuerlich gebe ich, auch wenn das der Lohn fuer fuenf Tage ist. Selbst wenn ich die Geschichte nur halb glaube, geb ich lieber 5 Euro vielleicht fuer Gin als ebenfalls vielleicht um 5 Euro zu sparen ein herzlos boeser Mensch zu sein.

Ich will nicht, dass die Trockenzeit wiederkommt! Posted by Picasa

Preisfrage

Von welchem Deutschen Philosophen (Filosofen?) stammt die Aussage, dass Herr und Diener in gegenseitiger Abhaengigkeit aneinander gefesselt sind und keiner von beiden frei sein kann, so dass schliesslich nicht klar ist, wer wem dient?

Wer diese Frage richtig beantwortet gewinnt nichts als meine Dankbarkeit, aber iss dat den nix Marie?

A propos Marie... Mary hat mich ueberzeugt, meine Dienerschaft zu vergroessern. Mit meiner Nachtwaechterfirma hatte ich einen Deal, dass mein Witchman jeden Morgen drei Ueberstunden macht, damit das Haus nicht leer ist, bevor Mary um 9 Uhr antanzt. Dafuer zahlte ich denen 150 000 Cedis extra (15 Euro). Von diesem Geld bekam Witchi aber nichts zu sehn und Mary meinte: Das ist Quatsch, gib das Geld einem alten Mann, der sonst im Haus sitzt und nix tut. Den machst Du gluecklich und hast einen Tagwaechter fuer den ganzen Monat, den ganzen Tag. Zufaellig hat der Freund des Tagwaechters meiner Nachbarn nichts zu tun...

Nun sitzt in meinem Garten also ein alter Mann mit fiesen Zaehnen, dessen Vorname „Vater“ bedeutet und sein Nachname „der nicht im Schlamm versinkt“. Er spricht kein Wort Englisch, so dass mein Nachtwaechter nun in die Position eines Uebersetzers und Vorarbeiters aufgrueckt ist, der seinem Kollegen sagt, was er zu tun hat. Meine Privatsphaere hat sich um zwei weitere Augen verringert und ich bitte Mary, ihm zu erklaeren, dass er gerne vor der Mauer an der Strasse sitzen kann wie sein Freund, solange jemand im Haus ist...

Im Moment arbeite ich von zu Hause aus und bin beeindruckt, wieviel Leben tagsueber in meinem Haus ist. Meine Nachbarn haben kein Wasser und laufen in nicht enden wollender Karavane zu meinem Wasserhahn um meinen Wassertank zu leeren. Der Nachbar, der Kitschromane liebt, leiht sich mit regelmaessiger Selbstverstaendlichkeit Marys Fahrrad, um in die Stadt zu radeln. Die Kinder essen meine unreifen Papayas direkt vom Baum. Mary ist gluecklich, dass sie nun kommen und gehn kann, wie es ihr beliebt, denn das Argument „lass das Haus nicht allein“ gilt nun nicht mehr, da Vater-der-nicht-im-Schlamm-versinkt nun aufpasst.

Wer mir also sagen kann, welcher Philosoph das gesagt hat und vielleicht gar das Zitat kennt, macht mich gluecklich. Dann weiss ich wieder, dass ich kein Problem hab sondern nur ein allseits bekanntes, schon vor 100 Jahren beschriebenes Phaenomen bin.

Der Haeuptling geht nie ohne Schirm und Schirmtraeger Posted by Picasa

Hoch springen fuer die Umwelt in Tongo Posted by Picasa

Tanzen zum Weltumwelttag Posted by Picasa

Montag, Oktober 03, 2005

Verzeih mir!

Hier wird anders verziehen als zu Hause. Natuerlich kann ich niemandem ins Herz schauen, aber es fuehlt sich anders an und letzte Woche hat es mir jemand erklaert: „Wenn jemand mich ernsthaft verletzt hat und er nachher zu mir kommt und sagt: Look, I’m really sorry (es tut mir so leid), dann verzeih ich ihm und danach ist es, als haette er mir niemals etwas angetan.

Zu sagen, dass es Dir leid tut, ist das Groesste, was Du dem Anderen anbieten kannst, denn es heisst: Du kannst mit mir tun und von mir verlangen, was Du willst, damit alles wieder gut ist. Wenn Du sagst: Arbeite zehn Jahre fuer mich, dann ist Deine Schuld abgegolten, so werde ich das tun. Und wenn ich zu alt dafuer bin, ist es eine Ehre fuer meinen Sohn, seinen Vater von der Schuld zu befreien“.

Deshalb, so sagt mein Gespraechspartner, funktionieren Wahrheitskommissionen in Afrika so gut. Weil alle wissen, was es bedeutet, oeffentlich zu sagen: Ich bin schuldig. Bitte verzeiht mir.

Wieso fuehlt sich das anders an? Nun, ich spuere, dass meine Freunde und Kollegen hier keine Liste meiner boesen Taten machen. Wenn ich sage, dass mir was leid tut, wird das wohlwollend zur Kenntnis genommen und danach ist die Tat fuer immer verschwunden. Nach einem Streit fuehlt sich das manchmal an, wie auf Pudding gehn, weil man erwartet, dass da noch negative Gefuehle waeren und sie nicht finden kann.

Umgekehrt wird auch von mir erwartet, dass ich jedes neue Problem als ganz Neues betrachte. Wenn mein Watchman sich am naechsten Morgen ueberschwaenglich fuer seine Trunkenheit entschuldigt, dann soll ich ihm glauben, wie sehr ihm das leid tut und dass er fest vorhat, dass das nie wieder passiert. Und dann soll ich es vergessen und naechstes Mal nicht denken: Das ist jetzt das zehnte Mal. Sondern nur: Oh. Er ist betrunken. Welch aergerliche Ueberraschung.

Samstag, Oktober 01, 2005

Geplauder in der Kaffeepause

Ein Kollege aus der Elfenbeinkueste erzaehlt vom Schmerz, aus einem Krisengebiet zu stammen: „Ein Freund von zu Haus wohnt in Accra. Vor ein paar Wochen rief sein Sohn ihn an: Papa, wir haben so schreckliche Dinge getan, Menschen geschlachtet wie Ziegen, das wird uns niemand verzeihen. Deshalb muessen wir weitermachen. Bis sie uns kriegen und toeten. Dann ist es endlich vorbei.“

Dienstag, September 27, 2005

Mandarinchen aus Ouaga

Schaelen und zum besser Riechen die Augen zu machen. An kleine Schwester denken, mit ihren zehn Kriterien fuer die perfekte Mandarine und ihre Weigerung, un-perfekte zu essen. Und wie sie mich Weihnachten immer irgendwann dahin bringt, selbst zu glauben, jede von ihr aussortierte Mandarine sei zu eklig zum gegessen werden. Waehrend ich darueber schreibe, Kerne ausspucken (absolutes Ausschlusskriterium), auf dicker Haut rumkauen (ebenfalls) und mich auf Weihnachten zu Hause freuen.

Montag, September 26, 2005


Schwimmen wie im Ostblock Posted by Picasa

indischer Zaubergarten mit goldenem Gott Posted by Picasa

ohne Worte in Ouaga Posted by Picasa

Ouagadugu: Das Paris Afrikas

In Ouagadugu gibt es Supermaerkte, in denen ein ganzer langer Gang unterschiedlichesten Weinen gewidmet ist, mit ausfuehrlicher Kaesetheke, Muesli, Maronen und Morcheln. In Restaurants mit gestaerkter bluetenweisser Tischdecke kann man zu gedaempfter Musik gediegen speisen, franzoesisch, italienisch, oestereichisch, chinesisch.

Den weitlaeufigen Park am Stadtrand, wo man gegen kleines Eintrittsgeld auf schattigen Wegen spaziert, nennen die lokalen Franzosen liebevoll Bois de Bologne. Es gibt Baeckereien, die man von weitem schon am Baguette-Geruch erkennt. In versteckten Innenhoefen findet man kleine Oasen: Ein alter franzoesischer Hippie hat sein Cafe kolonial-indisch dekoriert und laesst im Hinterzimmer Prinzessinnenkleider mit Perlen besticken. Bezaubert vom lauen Lueftchen grinsen wir den Schokoladen-Orangenkuchen an und blaettern in Kunstbildbaenden. Im Hotel International geniessen wir Capucccino und Croissant und ein 50 m Schwimmbecken.

Neubau oder Abbruch in Ouaga Posted by Picasa

Unspektakulaer schaebiges Ouagadugu Posted by Picasa