Samstag, Oktober 06, 2007
Friedlich
So n Gefuehl
Alles tanzt
Wie im Film.
Nicht wie in einem kitschigen Hollywood Film sondern wie in einem Dokumentarfilm, was natuerlich keinen Sinn macht, denn dann koennte ich natuerlich genausogut sagen: Wie in Wirklichkeit...
Alle waren da, in diesem schlichten niedrigen Raum an dem nichts besonders ist, ausser dem Boden und der Musik: Maedchen und Jungs im Kaputzenpulli, junge geschmeidige Schoenheiten in weichfallenden knielangen Kleidchen (meist im Arm eines mittelalten Herrn), lebenslange pummelige Paare, die so vertraut miteinander tanzen, als waeren sie eins und nicht zwei, ein verliebtes Paar, das nicht tanzen kann, es aber trotzdem mit viel Vergnuegen tut. Und weil nicht jeder alles perfekt tanzte, erlaubte ich mir auch, mich vom Eintaenzer, vom Friseur und vom Juengelchen ueber die Tanzflaeche schieben zu lassen und fuer einen Moment zu vergessen, dass alle mir beim Stolpern zusehn...
Freitag, Oktober 05, 2007
Da kommt Bewegung in traege Materie
Aber! Auf los geht´s los! Dieses Wochenende wird genug Freizeit gestaltet fuer drei Wochen und das meiste davon hab ich einer Frau zu verdanken, die ich erst eine halbe Stunde kenne und die mir nichts schuldet: Die Tangotante!
Ich sitze im Zug nach Santiago, wo wir morgens unser letztes Interview machen werden. Heute nachmittag Stadtbummel, danach treff ich Soledad, die mich abends in ein Tango-Lokal ausfuehren wird (vor! meinem Treffen mit dem tanzenden Friseur), dann werde ich bei ihr uebernachten, Samstag morgen eine Weinbergfuehrung machen, dann vegetarisch (juhuu) zu Mittag essen, Tangostunde, dann wird sie mich in den Bus nach Chillan setzen, wo andere Kollegen auf mich warten, um mit mir auszugehn und am Sonntag eine Tour in´s Gruene zu machen. Danach brauch ich erstmal n Wochenende...
Das ist ja an sich nicht ungewoehnlich. Schliesslich bin ich unwiderstehlich und ausserdem ist Isch liebe Disch der eine deutsche Satz den jeder kann.
Nachdem ich freundlich zu Ende gelacht hatte, waren wir einen Moment still und dann fragte er mich auf Spanisch: ¨Was heisst das eigentlich?¨
Als ich ihm das uebersetzte, war es ihm so peinlich, dass es schon suess war und ich sehr versucht war, zu gestehen: Isch liebe Disch auch!
Donnerstag, Oktober 04, 2007
Vorfruehlingsfreude
Superschlau hilft nicht
Gestern haben wir zwei Interviews gemacht. Einmal mit einer Gruppe von Bauernvertretern und einmal mit Gesetzesexperten vom Landwirtschaftsministerium. Die Frage drehte sich darum, wer die Aenderung des Bewaesserungsgesetzes wie beeinflusst. Waehrend die Bauern das Roessel einspannen, sitzen unsere Ministeriumsherren in Gesetzesverhandlungen, also ist klar, wer uns mehr dazu sagen kann.
Jaaa. Denkste. Von den schlauen Herren haben wir vor allem gelernt, dass man das so oder so sehen kann, dass es wirklich drauf ankommt ob und eigentlich je nach Standpunkt auch genau andersrum sein kann, ausserdem sind sie natuerlich bei allem, was ausserhalb ihres Bueros passiert, auf Vermutungen angewiesen und dazu wollen sie sich lieber nicht hinreissen lassen.
Die Bauern dagegen haben uns den Gesetzgebungsprozess und die politischen Einfluesse praegnant schlicht und einfach aufgemalt, hatten hitzige Debatten darueber, wer denn nun am einflussreichtsten ist und fertig war der Kuchen.
Als der Tag vorbei war und wir erschoepft auf dem Ministerium stolperten, haben Carlos (mein Kollege und Uebersetzer) und ich erst mal laut gelacht, denn natuerlich sind wir als Forscher noch viel schlimmer als diese Beamten und kommen monatelang nicht in die Poette, waehrend die Bauern die Welt regieren und permanent pragmatisch und voller Selbstvertrauen Entscheidungen treffen und durchboxen.
Montag, Oktober 01, 2007
Selber schuld
Sonntag, September 30, 2007
Kulturentzug
Fuer meine Ghanaischen Freunde hab ich ein ausgepraegtes Beduerfnis, allein zu sein. Mary wunderte sich immer, dass ich lieber meine Buecher las, als mich den ganzen Nachmittag mit ihr unterhielt. Aber nach einem sprachlosen Wochenende umgeben von Chilenen, sehne ich mich nach meinen Ghanaern und erinner mich daran, wie ich in jeglicher Laune mein Haus verlassen und die fuenf Minuten zum Markt gehen konnte. Wenn ich da ankam, war die Laune verschwunden und ich voller Laecheln, weil ich so viele Leute auf dem Weg freundlich gruessen musste, dass ich mich am Ende genau so freundlich fuehlte. An den Sprachkenntnissen kanns nicht liegen, denn mein Frafra war definitiv eingeschraenkter als mein Spanisch.
Samstag, September 29, 2007
Limo
Die Geschichte fing im Jahr 2000 an, als die 4 jaehrige Krebspatientin Alexandra Scott eines Morgens sagte: "Ich werde einen Limo Stand im Garten machen und Geld sammeln, damit meine Aerzte eine Medizin fuer Krebs finden koennen."
Als Alexandra 2004 starb hatte die Organisation "Alex´s Lemonade Stand", die sie gemeinsam mit ihren Eltern gruendete, ueber 1 Million Dollar fuer Krebsforschung gesammelt, inzwischen sind es ueber 12 Millionen. Und das Konzept ist immer noch ganz einfach, ueberall in Amerika machen Kinder (und andere) Limonadenstaende, wo sie Limo gegen Spende ausgeben. Und die 50 oder 1000 Dollar, die sie einnehmen, geben sie an Alex´s. Das ist alles.
Mehr Details (fuer die, die Englisch lesen): http://www.alexslemonade.org/
Mir gäbet nix?!
Nun bin ich auf der anderen Seite der Welt und kann nicht nach Pwalugu oder Sandema gehn und mit Eimerchen die Ueberschwemmung wegschaufeln (ok, das koennte ich auch nicht, wenn ich vor Ort waere, das muss ich ohnehin dem Fluss ueberlassen). Und da hat sich plötzlich etwas in meinem Kopf umgedreht und mir wurde klar: Das, was ich im Moment am besten tun kann, um zu helfen, ist spenden. Viel schlichtere Menschen als ich hatten diese Erkenntnis schon frueher, verzeiht mir die Banalitaet. Aber das war frueher wirklich keine Option, die mir in den Sinn kam.
Und nachdem ich in Bolga gesehn hab, was einige Organisationen mit dem Sauerverdienten der lange strickenden alten Muetterchen aus Europa machen, bin ich natuerlich vorsichtig. Ich hab meinen Mitbewohner in Accra gefragt, der seit 14 Jahren mit Organisationen in Nordghana arbeitet. Nach seinen Empfehlungen mit Action Aid Kontakt aufgenommen. Die wollten zuerst nur allgemeine Spenden akzeptieren. Ich hab ihnen erklaert, warum mein Herz fuer Nordghana blutet, nicht fuer Nordkorea. Schliesslich haben sie eingewilligt und werden mir, sobald ich wieder in Washington bin (11. Oktober), die Spenden-Informationen schicken.
Ich habe lange gezoegert, ob ich darueber ueberhaupt schreiben soll, denn das hoert sich so klebrig nach Angeben mit dem eigenen Gutmenschentum an. Aber dann hab ich an einige von Euch gedacht, die Douglas und Mary und die Frauen, die sich auf dem Dorf um Trinkwasser pruegeln, von Anfang an kennen. Und die vielleicht auch schon die Eimer ins Handgepaeck getan haben, mit dem verzweifelten Wunsch zu helfen. Und die keinen besten Freund in Accra haben, den sie fragen koennen, wem sie trauen sollen.
Also, schaut in Eure Kleingeldkasse, auf Eure Konten, in die Taschen Eurer reichen Freunde und seht, ob Ihr etwas findet. Sobald ich die Informationen hab, werde ich sie bloggen.
Geh mir wech mit ensaladito
Wenn ich sage, ich haette gerne etwas Vegetarisches, zoegern sie eine Sekunde, dann laecheln sie breit und sagen: "Aah! Un saladito!" (Aah! Ein Salätschen!) Mein Kollege an der Uni ist besonders hilfsbereit und sagt: "Wenn Du im Hotel mal nett fragst, können die Dir bestimmt auch nen Obstsalat machen."
Schliesslich hab ich meiner Hotelküchenfee in Kinderspanisch erklärt, dass ich nicht satt werde (mäh!) wenn ich nur über Gräbelein springe und nach Gräselein Ausschau halte. Und ihre Antwort auf meine Bestellung hat mich dann mit den unmodernen Zeiten hier 100% versöhnt: "Kartoffelpurree dauert aber laenger, da muessen wir ja erst die Kartoffeln kochen." Juhuu, sie haben noch immer nicht gelernt, von Pfanni Tapetenkleister in Tüten anzurühren und zahlenden Gästen anstelle von echtem Essen vorzusetzen.
Freitag, September 28, 2007
Knutschen fuer alle
Hier in Chile dagegen liegen Paare auf dem kleinen Stueckchen Wiese auf dem zentralen Platz aufeinander und stecken sich liebevoll die Zunge in den Hals. Sie laufen so eng umarmt durch die Stadt, dass es aussieht wie Dreibeinlauf beim Kindergeburtstag. A propos Kindergeburtstag, die meisten dieser sehr oeffentlich schnabulierenden Paerchen waeren meiner Meinung nach beim Kindergeburtstag besser aufgehoben. Womit ich nun wohl ganz offiziell in die Kategorie: Aahl Schruut falle. Und an die aeltere Dame (hochdeutsch verfreundlichte Ueberstetzung vorstehenden Dialektausdruckes) denken muss, die mir damals (ich war 20 und ging Arm in Arm mit dem sehr grossen T.) nachrief: "So klein und schon'n Freund!"
Also lach ich und erinner mich der alten rheinischen Weisheit:
Man muss och joenne koenne.
Superlearning
Eine Seite lesen dauert etwa eine halbe Stunde, da ich jedes zweite Wort nachschaun muss und wenn ich unten angekommen bin, weiss ich schon nicht mehr, wie die Seite anfing, aber mein Lerneffekt ist immens und mit jeder weiteren Seite lerne ich neue nuetzliche Vokabeln, die ich in meiner Forschung sicherlich anwenden kann. Ob ich das auch sollte, ist eine andere Frage... Wo passen in meine Netzwerkanalyse der Chilenischen Wasserpolitik die spanischen Worte fuer "der seidige Flaum auf ihren Schenkeln" oder "die Bruestchen, die aus ihrer Bluse explodieren" (und wie ekelhaft ist das sowieso, also Brustexplosionen, das will man sich doch gar nicht vorstellen... zu spaet).
Tango Tante
Oder: Wenn in Rosarito de Buure op de Huuzig tannz...
Ein Chilenischer Professor, der in den USA wohnt, kam zusammen mit mir in Chile an und wir wurden von einem gemeinsamen Kollegen abgeholt. Auf dem Weg nach Talca zeigte der Prof: „Und da hinten ist der Bauernhof meiner aelternen Schwester, sie hat Pferde, baut Wein an, macht Schokolade und tanzt Tango.“ Nach einer kurzen Pause nahm er sein Handy und rief sie an: „Ist der Kaffee fertig? In zehn Minuten sind wir bei Dir und bringen noch eine mit.“
Und tatsaechlich, auf dem Weg zu ihrem Bauernhaus sahen wir Weinreben (nicht Weinberge, denn der Wein wird hier in der Talebene angebaut) und Pferde, zum Kaffee bot sie uns selbstgemachte Schokolade an, aber das ist alles langweilig.
Viel interessanter ist, dass in ihrem Wohnzimmer kaum ein Moebelstueck steht, damit genug Platz zum Tanzen ist. Jeden Samstag kommen drei befreundete Paare, der Tango-Lehrer, der unter der Woche Friseur ist, reist aus Santiago an und das Haus summt vor Leidenschaft. Das hab ich natuerlich noch nicht gesehn, aber allein wie ihre Augen strahlen, wenn sie davon erzaehlt, das reicht, um zu wissen: Eine Suechtige. Die aussieht, wie eine ganz normale etwas pummelige Frau irgendwo in den spaeten 50ern, fruehen 60ern, mit grauen kurzen Haaren und im Morgenmantel, weil ihr Bruder so kurzfristig anrief. Aber wenn sie vom Tanzen redet, strahlt sie, als haette man ein Licht in ihr angeknipst und wird wunderschoen.
Nachdem wir etwa fuenf Minuten gemeinsam geschwaermt haben, sie mit jahrelanger Erfahrung und ich eher aus dem Stehgreif, fragt sie: „Wie lange bist Du hier? Was machst Du an den Wochenenden?“ Dieses Wochenende tanzt sie mit ihrem Mann auf einer Hochzeit vor, aber wie waer’s denn mit dem Samstag danach? Tanzschuhe kann sie fuer mich borgen und dann wird mich der Friseur mal so richtig eintanzen. Englisch kann der nicht, aber weder beim Haare Schneiden, noch beim Tanzen muss man viel reden.
Dienstag, September 25, 2007
und wieder los
Boetchen fahren
Nichts denken, ganz Sein. Das ist das Tollste an Abenteuern. Und deshalb ist die Wildwasserschlauchbootfahrt auf einem der 5 tollsten Wildwasserfluesse der Welt (laut National Geographic) ihr Geld auf jeden Fall wert. Und wenn mir heute jeder Muskel meines armen geschundenen Koerpers weh tut und ich mich bewege, wie eine alte Frau, dann erinnert mich das nur an das absolute Glueck, ein funktionnierender Koerper im Strom des Lebens zu sein. In einer ruhigen engen Schlucht ins kalte Wasser springen und sich – von der Schwimmweste getragen – einfach treiben lassen, in den Stromschnellen genau den gebruellten Befehlen des Bootsfuehrers folgen, „Vorwaerts! Stop! Vorwaerts! Nach links! Stop! Runter!“ und stolz sein, dass wir vier Stunden fahren, ohne dass uns jemals einer aus dem Boot faellt. Was uns natuerlich nicht davon abhaelt, bis auf die Haut nass zu werden. Besonders das Kommando „Runter“ kuendigt eine ordentliche Dusche an, man duckt sich in die Mitte des Bootes, krallt sich mit Haenden und Fuessen fest, waehrend das Boot rumspringt und einem die Welle ueber dem Kopf zusammenschlaegt... Auf den ruhigeren Strecken Voegel und Riesenschmetterlinge im vorbeigleitenden Regenwald beobachten. Sich von der Sonne trocknen lassen. Unsere Mittagspause wird von zwei scheuen kleinen Indio-Kindern beobachtet, die am Ende versunken unterm Baum sitzen und ihren Sandwich verschlingen.
Ganz besonders beeindruckt hat mich Mary Lu, eine Amerikanerin, die sich diese Reise selbst zum 60sten Geburtstag geschenkt hatte. Aber eine Dame, die die letzten 20 Jahre in Asien verbracht hat und unter anderem den ersten BWL Studiengang in Kambodscha eingerichtet hat, ist wohl ohnehin nicht mit normalen Massstaeben zu messen. Sie sagt, dass eine ihrer besten Freundinnen in Washington lebt und ich soll mich da mal melden. Ich bin gespannt.
(P.s.: Fuer alle Muetter, die das lesen und sich gruseln: Das war natuerlich alles halb so gefaehrlich wie es aussah, und wir waren mit Helm, Schwimmweste, Rettungkanu und erfahrenen Bootsfuehrern, die jaehrlich tausende von Touristen diesen Fluss runterfuehren, fast so sicher wie in Abrahams Schoß)
Brummvogel Summvogel
Blumen des Ekels
Homo Faber im Regenwald und alles ist heiss und stickig und eklig und der Schlamm sieht aus, wie Menstruationsblut und alles schwaert und gaert und wabert. In den kleinen Eckchen Regenwald, die ich in Ghana gesehen hab, fand ich’s eher schattig, vom Regen sauber gewaschen und zugewuchert. Samstag war ich hier im botanischen Garten und fand alles Homo Faberisch waberisch: Blueten, die in eine Huelle aus Schleim eingebettet sind, der in zaehen Tropfen zu Boden faellt, weisse amoebenfoermige Fruechte, die aussehn wie Gekroese, Kinderkopf-grosse schlangenhaeutige Fruechte, die nach suesslich verrottenden Zwiebeln stinken und ueber allem ein Sirren und Schwirren und Flirren, dass es kaum zu glauben ist. Das Schoene ist, dass ich da nur zu Besuch rumspazier, mich angenehm ekel und nicht verlaufen kann, weil mein kleines Regenwaeldchen eingezaeunt und beschildert ist und nur so tut, als wenn es wild waer...
Es ist nie zu spaet, ein Hippie zu werden
Porto Viejo ist so ein Ort, den ich mir fuer diesen Fall der Faelle merken muss. Er ist voll mit netten Leuten aus Ueberall, die lieber nicht mehr in Ueberall hinter dem Schreibtisch sitzen, sondern in der Karibik ein Oeko-Hotel fuehren oder eine Surfschule oder einen botanischen Garten. Braucht hier vielleicht jemand deutsches Brot?
Warum Voltahochwasser schlimmer ist als Elbehochwasser
- Die meisten Haeuser sind aus Lehm und haben ein Strohdach. Selbst wenn Dir das Wasser nicht zur Tuer rein und zum Fenster raus laeuft, haben Wind und Regen Dir wahrscheinlich das Dach weggerissen.
- In einem armen Land wie Ghana gibt es das meiste nur einmal. Das gilt zum Beispiel fuer Strassen und noch mehr fuer Bruecken. Garu ist die aermste Distrikt Hauptstadt der aermsten Region Ghanas. Weil es hier nur 200 m Teerstrasse und nicht mal Naegel zu kaufen gibt, wohnen die meisten Verwaltungsangestellten im 2 Stunden entfernten Bawku, wo man alles (naja, vieles) bekommt, was es in Garu nicht gibt und wohin man das wenige verkaufen kann, was man in Garu anbaut. Konnte, nicht kann. Denn die einzige Bruecke ueber den Volta nach Bawku hat die Flut schon vor Wochen mitgenommen.
- Alle sind Bauern. Was auf dem Feld waechst oder vertrocknet oder wegschwimmt, bestimmt, ob alle essen werden oder hungern. Dieses Jahr ist die erste Ernte auf den Feldern vertrocknet, waehrend die zweite nun ertrinkt. Oder haben die Bauern es geschafft, die zweite Ernte einzufahren, bevor sie wegschwamm?
- Niemand hat seine Schaefchen und Zicklein im Trockenen, zum Beispiel auf der Bank. Die armen Bauern benutzen das, was sie in dieser Saison erwirtschaften, um in der naechsten Saison anzubauen. Wenn sie wenig ernten, werden sie das Saatgut aufessen, bevor der naechste Regen kommt.
- Natuerlich ist niemand versichert.
- Ein Staat wie Ghana ist finanziell und logistisch damit ueberfordert, diesen ganzen Menschen zu helfen und die Strassen und Bruecken schnell wieder herzustellen und niemand weiss, wieviel von der Hilfe, die oben reinfliesst, unten wieder rauskommt.
Im Gespraech mit meiner Chefin meinte ich letztens: Das ist so unfair, dass es immer die Armen trifft. Sie hat meinen Gedanken vom Kopf auf die Fuesse gestellt: Das ist ja der Grund, warum die arm sind.
Montag, September 24, 2007
Natuerlich ist das unfair und so
Freitag, September 21, 2007
Wochenende am Meer
Es gibt Momente, da macht mich mein Job breit grinsen. Wenn ich zum Beispiel beruflich nach Costa Rica muss (darf) und am Wochenende mal schnell an die Karibik-Kueste fahr, mal gucken, was da so los ist.
Fuer die von Euch, die in Erdkunde auch immer versagt haben, wenn sie auf der Wandkarte ohne Namen die verschiedenen Laender erkennen sollten: Costa Rica ist Teil des duennen Streifens, der Nord- und Suedamerika verbindet und hat deshalb zwei Kuesten, die pazifische im Westen und die karibische im Osten.
Die pazifische Kueste verwandelt sich langsam aber sicher in das groesste US amerikanische Rentner-Paradies ausserhalb der USA. Hier ist immer schoen Wetter, ist nicht weit weg von zu Hause und die Grundstueckspreise sind immer noch niedriger als in Florida. Also kaufen die Amis das Land auf und pflastern die Kueste mit ihren Altersitzen zu. Was soll ich da? Also, auf in die Karibik, nach Porto Viejo.
Denn die Karibik war schon immer wat komisch (was ja bei uns auch in der Familie liegt, aber das ist eine andere Geschichte). Waehrend der Rest Costa Ricas vor allem von Ticos bewohnt ist (so nennen sich die spanisch staemmigen Costa Ricaner) ist Porto Viejo voll von Schwarzen. Und Braunen, Gelben, Weissen... Die Schwarzen kommen aus Jamaika und noch in den spaeten 40er Jahren gab es ein paar Kilometer von Porto Viejo entfernt bewaffntete Strassensperren, wo die Polizei aufpasste, dass sich die Schwarzen nicht in den Rest des Landes ausbreiten. Die Strassensperren sind verschwunden, die Schwarzen breiten sich trotzdem kaum aus.
Dienstag, September 18, 2007
Gut angekommen in Costa Rica
Montag, September 17, 2007
Auf Los gehts los!
Sonntag, September 16, 2007
Nicht cool. Nicht aus dem Katalog. Sondern zu Hause
Ich lache ueber mich selbst und darueber, wie ich gerne waere: Ich waere gerne n cool chick (kaltes Huehnchen?) das im wilden Ausgehviertel wohnt, in nem Haus voll mit ebenfalls coolen Typen. Ich waere gerne jemand, der grade aus dem Habitat Katalog entsprungen ist und im perfekt eingerichteten Haus lebt, ohne Spuren zu hinterlassen.
In dem Lachen (ueber mich) ist viel Erleichterung drin, denn obwohl ich gerne der Kaiser von China waere, hab ich schliesslich ein Haus gefunden, das nicht cool ist und nicht aus dem Katalog und in einer gruenen Wohngegend neben der katholischen Universitaet liegt und das tatsaechlich so aehnlich auch in Lueneburg bewohnt werden koennte. Meine Mitbewohnerin und Hausbesitzerin Jenny arbeitet fuer eine gute (ethisch) PR Agentur (die Werbung fuer Umweltschutz und demokratische Kandidaten macht), pflanzt in ihrem Garten suedamerikanische Guerkchen die so gross sind wie Stachelbeeren und Trauben, die nach Italien schmecken. Sie kriegt alle zwei Wochen die Gemuesekiste (ungelogen!) von dem Teil einer Biofarm, den sie gekauft hat und was sie von meinen typischen Lueneburger Oekos am meisten unterscheidet, ist dass sie das Leben trotzdem locker sieht.
Wir gingen gestern auf meiner Haustour durch ihren Garten und sie erzaehlte, dass ihr bester Freund in dem Haus da drueben wohnt und Chili Schoten anbaut. Was weiss ich warum, das war der Moment, wo ich dachte: Hier will ich wohnen und mir nicht noch mehr Wohnungen ansehn... Das war so normal und verwurzelt.
Was an dem Haus ganz un-Washington ist, ist dass alle Moebel und Sachen so aussehn, als haetten sie eine Geschichte und seien Stueck fuer Stueck in diesen Haushalt gekommen. Ganz viele Moebelstuecke mit ganz vielen Schubladen. Eigenartige Strassenschilder. Hundert Zettel am Kuehlschrank. Zwei fette scheue Katzen. Zu Hause.
Und, nachdem ich mich auf mindestens 1000 US$ im Monat eingestellt hatte, sind 675 gradezu ein Schnaeppchen.
Und aus Ghana berichtet die Presse nichts Gutes...
(fuer die von Euch, die Englisch lesen, ist es hier ausfuehrlicher:
http://www.irinnews.org/Report.aspx?ReportId=74278)
Als ich heute so am Capitol vorbeischlenderte...
Ist das nicht eine wunderbare Angeberueberschrift?! I love it! Also, da sah ich Massen schlecht gekleideter rotgesichtiger Amerikaner die grosse Fahnen schleppten und sich unter dem Motto "Kaempfen fuer den Sieg!" zu einer nationalen Tour zur Unterstuetzung unserer Truppen befanden. Es gibt sie also wirklich. Echt und zum Anfassen: Bush-Unterstuetzer. Kriegs-Befuerworter. Seit fast drei Jahren besuche ich Washington uns nie sehe ich normale (normale?) Menschen, die sich oeffentlich dazu bekennen... Hier sind sie. Und sie ergeben sich nicht. Und hoffen auf den Endsieg
Das Boese zuckt mit der Achsel?
Die Guten waren auch da
Und ihr Bus forderte den Kongress auf, Rueckgrat zu zeigen, Bush des Amtes zu entheben und den Krieg zu beenden.
Freitag, September 14, 2007
Sicherheitsrisiko
Heute hab ich gesagt: „Ok, ich will hier einziehn.“ Und die Vermieterin hat gesagt: „Sobald Du willst!“ Und wir haben uns beide gross angegrinst, nachdem wir die ganze Haustour ueber unsere Reisen nach Afrika und den Rest der Welt und das Leben an sich geredet haben. Dann fiel ihr ploetzlich ein: „Oh. Moment. Ich muss unsere Mitbewohnerin anrufen, ob das ueberhaupt moeglich ist, Du bist Deutsche Staatsbuergerin, oder?“ Die Mitbewohnerin arbeitet fuer das Pentagon in einer dieser Hochsicherheitsstufen, wo sie internationale Geiseldramen loesen und so. Und der Anruf klaerte: Sie darf nur mit amerikanischen Staatsbuergern zusammenwohnen, ich bin ein Sicherheitsrisiko. Also: Gehen Sie zurueck auf Los, ziehen Sie keine 4000 DM ein...
Donnerstag, September 13, 2007
N dicker Hund oder Klaustrophobie und politischer Korrektheitsterror
Gestern hab ich ein verwunschenes, mit Bauhaus-Porzelan, Buechern, Moebeln usw vollgestopftes Haus einer Fotographin besichtigt, die fuer 9 Monate in den mittleren Osten geht und das Haus an zwei Herren namens Mike vermietet, die noch eine dritte Person suchen. Waehrend sie mich rumfuehrte, erzaehlte sie mir ihre halbe Ungarische Familiengeschichte plus die Geschichte der meisten Gegenstaende im Haus, was eine gewisse Zeit in Anspruch nahm. Ich lobte und lobte das Haus und alles, was sich darin befand und erst ganz am Ende der Tour erinnerte sie mich daran, dass der fette Hund ohne Manieren, der uns die ganze Zeit verfolgte, wenn er nicht grade Muelleimer umstuelpte und Sachen kaputt-biss, dass diese Toehle ein Teil des Deals ist. Der Hund reist nicht in den mittleren Osten, sondern bleibt unter der Aufsicht der neuen Mieter. Nun muss ich ueberlegen, wie schoen ich das Haus wirklich finde, wie kompromissbereit ich bin, wenn es um das kaputtkauen meiner Schuhe geht und wie verzweifelt ich schon bin.
Das zweite Haus gestern hatte 4 Zimmer, die von 6 Studenten bewohnt werden, die total tolerant sind in Bezug auf Rasse, sexuelle Orientierung usw (sagen sie) aber dem neuen Mieter einen Fragebogen geben, in dem sie seine politischen Ueberzeugungen abfragen. 7 qm fuer 800 Dollar und ich fuehlte mich etwa 100 Jahre alt und superkonservativ im Vergleich zu den potentiellen Mitbewohnern.
Mittwoch, September 12, 2007
Schuhkartons
Aber.
Das heisst noch lange nicht, dass ich mir wuensche, in einem Schuhkarton zu wohnen!
Die erste Wohnung, die ich in Washington angesehn hab, lag im duesteren Erdgeschoss auf den Hof raus und nachdem ich durch den Flur gegangen war, suchte ich nach dem Zimmer... nur um zu realisieren, dass der Flur das Zimmer war und die Tuer nur in einen Wandschrank fuehrte! Na wenigstens kostete die Bude 1350 US $ kalt im Monat und auf dem Weg dahin sind mir selbst tagsueber n Haufen eigenartiger Gestalten begegnet und an der Ampel gruesste mich n Gangsta aus dem verbeulten Zuhaelterwagen, so dass ich vor Schreck beinah vor sein Auto gestolpert waer. Freundliche Nachbarschaft.
Jetzt schliess ich meinen Computer, beende den Arbeitstag und geh mir zwei WGs ansehn. Denn offensichtlich macht es in dieser Stadt nicht nur fuer Studenten Sinn, Haeuser und Wohnungen (und Mieten) zu teilen.
Dem einen sein Schnitzel ist dem andern sein Ekelpaket
Ach niemand versteht, wie praktisch Ghanaer die Probleme loesen, unter denen der Rest der Welt leidet. Meine Kollegin aus Lima erzaehlt mir von ihrer schrecklichen ersten Woche in Washington, wo sie im Ausgehviertel Adams Morgan wohnte und in einer Woche drei fette Ratten sah. Waehrend sie in ihrem ganzen Leben in Lima niemals eine einzige gesehen hat. Die ganze erste Woche dachte sie an Ratten und zu Hause und heulte ohne Unterlass. In Ghana haette sie das Problem auch nicht, da Ghanaer Rattenfleisch so gerne essen, dass sie nicht warten, bis die Viehcher fett werden. Hm. Warum sagt meine Kollegin jetzt nicht: Wow, super, ich glaub ich zieh nach Ghana!!!
Kann etwas ein Schock sein, das man erwartet?
Rueckkehrer-Kulturschock ist ein Biest, das ich erwartet hab. Ich wusste, es wuerde nicht hoeflich an der Tuer klopfen und warten, bis es reingelassen wird, sondern die Tuer gleich mit dem eigenen Schluessel oeffnen. Ich bin ja schon frueher aus afrikanischen Laendern in meine Heimatkultur zurueckgekehrt, ich hab Freunde beobachtet, die monatelang wie gelaehmt ihr Leben zu Hause nicht in die Hand nahmen oder sich ueber alles aufregten. Ich hab sogar darueber gelesen: Der Kulturschock nach der Rueckkehr kann so viel krasser sein, weil er einen hinterruecks und unerwartet trifft, wo man doch dachte, dass man einfach nur nach Hause kommt und alles ist klar.
Ihr seht, hinterruecks kann mich gar nichts treffen, ich bin bestens gewappnet Und so verbringe ich meine Tage fleissig im Buero, als waer ich normal und funktionniere hervorragend. Und jede Nacht traeume ich, dass ich ploetzlich stumm bin, aber eine wichtige Aufgabe zu erfuellen hab (zum Beispiel afrikanische Kinder auf einen Ueberlandlastwagen schmuggeln), oder ich bin irgendwo, wo ich die Sprache nicht spreche, oder meine Haende sind mir gebunden, waehrend ich durch ein fremdes Land reise. Die Traeume sind so schlicht und eindeutig, dass sie schon langweilig sind und schreien mir ins Gesicht: „Eva! Tu nicht so! Du hast Rueckkehrerkulturschock! Fuehl das gefaelligst!“
Dienstag, September 11, 2007
Amerikanische Brueste
Ist das noch normal?
Tun die hier Hormone ins Essen?
Tut das nicht weh?
Finden Maenner das schoen?
Kann man dazwischen ersticken?
Ab welcher Groesse gelten Brueste als Koerperbehinderung?
Duerfen die dann umsonst Bus fahren?
Sonntag, September 09, 2007
Angekommen?
Gestern stand ich bei Starbucks in der Toiletten-Schlange und kam mit einem Maedchen ins Gespraech, das sich darueber aufregte, dass so wenig Geschaefte Toiletten fuer ihre Kunden haben und wie sehr man da in Bedraengnis geraten kann. Ich erzaehlte, wie seltsam das fuer mich ist, da ich grade aus einem Land komme, wo jeder ungefragt ueberall hin pinkelt und sie war voller Entgeisterung, Ekel und Mitleid: Wie unhygienisch und die koennen sich doch oft nichtmal Schuhe leisten und laufen dann barfuss da rum und kein Wunder dass die immer diese ganzen Krankheiten kriegen, was hat Dich denn dahin verschlagen?
Und natuerlich stimmt das alles. Ueberall hinpinkeln ist unhygienisch. Viele Ghanaer sind arm und laufen barfuss. Es gibt in Ghana viele Krankheiten, die weitverbreitet sind und ueber Urin und Faekalien uebertragen werden.
Warum hatte ich trotzdem das intensive Gefuehl, nicht verstanden worden zu sein? Vielleicht liegt die Antwort in der Frage, was mich denn an diesen scheusslichen nach Pipi stinkenden Ort verschlagen hat... den ich von ganzem Herzen vermisse.
Donnerstag, September 06, 2007
Eva’s last minute Reisen
Morgen frueh soll’s losgehn, Direktflug Accra – New York. Heute hab ich das Haus in Accra voller kleiner starker Maenner, die mein Leben in Kisten packen und mit Klebeband verschnueren. Mein Mitbewohner ist ein Superplaner und schlaegt die Haende ueber dem Kopf zusammen, dass jemand so mit seinem kleinen Herzchen beschaeftigt sein kann, statt Wochen vorher alles Organisatorische geregelt zu haben.
Ich druecke mir selbst die Daumen, dass ich ihm heute Abend sagen kann: Siehste, so klappt’s auch und passe inzwischen auf, dass sie die richtigen Haelften davon nach Deutschland und in die USA schicken. Wie schoen, von professionellen Umziehern umgeben zu sein – nicht nur, weil die mir das Schleppen abnehmen, sondern auch, weil das fuer die nicht traurig ist, sondern Alltag. Und so trage ich weiterhin mein Alltagsgesicht in der Gegend rum und tu so, als sei das normal.
Mittwoch, August 29, 2007
Ekel-Haft
In meinem Kopf gibt es ein Gefaengnis und wer sich nicht benimmt, fuer den gibt es Haftverschaerfung. Die Moeglichkeiten sind nahezu endlos. Natuerlich gibt es Einzel-Haft. Aber viel schlimmer sind Ekel-Haft, Laster-Haft und Grauen-Haft. Gestern war ich fuer ein paar Minuten in Ekel-Haft und ich kann Euch sagen, ist ganz schoen fies da.
Ich kam von Marys Haus, das mitten in den Hirsefeldern liegt, die gleichzeitig allen Anwohnern als Toilette dienen. Was normalerweise egal ist. Aber Mary begruesste mich: „Ich dachte nicht, dass Du kommst, es wird doch gleich regnen.“ In dem Gedanken, ich koennte den Schauer aussitzen, wartete ich so lange, bis es stockdunkel war und alle Trampelpfade knoecheltief ueberschwemmt. Ueberschwemmt mit dem Wasser, das schoen von den Hirsetoiletten abfloss. Da kann ich nur sagen: Danke Schwester P. dass Du mir Deine Platteau-Sandalen vererbt hast, womit ich wenigstens die mitteltiefen Pfuetzen halbtrockenen Fusses durchqueren konnte (Wusstet Ihr, dass Schuhe mit Absatz urspruenglich fuer diesen Zweck erfunden wurden? Um in den Staedten ohne Kanalisation trockenen und unbeschmutzten Fusses von der Haustuer zur Kutsche zu kommen.). Ich eilte im prasselnden Regen zurueck zum Auto, fuhr zuegig nach Hause und hatte grade den Schluessel in der Tuer, da stand ich auch schon in der Dusche, um meine Fuesse zu schrubben.
Hoechstwahrscheinlich war das ein aeusserst anstaendiges kleines Wuermchen, das seinen Lebensunterhalt mit ordentlichem unterirdischem Graben verdient und nur durch reinen Zufall an meinem Fuss haengengeblieben war. Und nicht einer dieser Parasiten, die sich unter die Haut setzen und dann langsam, Tag fuer Tag ein Zentimeterchen, rausgezogen und auf eine Spule gewickelt werden muessen, die man am Knoechel traegt, immer befuerchtend, dass man vielleicht zu hart gezogen hat und das Vieh abreisst und die andere Haelfte im Fuss steckenbleibt. Und natuerlich (natuerlich?) war dieser Kerl allein unterwegs und hatte nicht eine ganze Familie mitgebracht, die es sich schon unter meiner Haut gemuetlich gemacht hatten, waehrend sie auf den Nachzuegler warteten...
Ekel-Haft ist uebrigends die Strafe fuer eine zu ausgepraegte Vorstellungsgabe. Und zu detailliertes medizinisches Wissen...
Montag, August 27, 2007
Wenn schon, denn schon blond
Also, wenn schon Autounfall, denn schon so richtig unnoetig und bloedsinnig. Wie waer’s damit: Nach einem fettigen Mittagessen (wenn’s regnet kann keiner gut ueberm Feuer kochen), das uns allen vom Abschiedsschmerz eh schwer im Magen liegt, in mein Auto steigen und mit Schmackes in das hinter mir geparkte Auto fahren, so als waer’s gar nicht da gewesen.
Und dann rausfinden, dass der Besitzer es heute zum ersten Mal ausfuehrte, es noch nicht abbezahlt ist und genau die Art von gebrauchtem BMW, den sich ein Beamter hier kauft, um sich einen Traum zu erfuellen, der so grade ausserhalb seiner Moeglichkeiten liegt. Der Besitzer war so geschockt, als waere ich gegen ihn und nicht gegen das Auto gefahren und konnte mich nichtmal ordentlich anbruellen. Das uebernahm etwas halbherzig sein Kollege.
Als wir gemeinsam bei der Autoschrauberei ankamen, erinnerten sich die Schrauber, dass ich die bin, die vor nem Jahr mit diesem Bruellaffen von Unfallgegener hier war, der mir hinten rein gefahren war und trotzdem dachte, er koennte mir die Schuld anhaengen. Woraufhin ich schliesslich mit den Jungs den Deal machte, dass sie mein Auto gratis zurechtbogen und auf seine Rechnung den entsprechenden Betrag aufschlugen.
Heute war die Schuldfrage etwa genau so eindeutig, nur umgekehrt, man kann ja nem parkenden Auto nicht wirklich Mitschuld geben. Also ging’s nur darum, ob und wie wir die Ersatzlampen guenstig bekommen. Und da konnte ich noch einmal meine Probleme so loesen, wie ich die meisten Problems in den letzten zwei Jahren geloest hab. Douglas anrufen. Und ihm noch einmal dabei zusehn, wie er souveraen und respektvoll die Sache in die Hand nimmt.
Erwartet das Leben tatsaechlich von mir, dass ich von nun an meinen Alltag wieder selber in die Hand nehme?
Das Hundebaby
sieht mit drei Monaten schon verdammt eindrucksvoll aus und geht mir bis zu den Knien. Seine riesigen Fuesse (Wachstumspotential) lassen mich vermuten, dass man in unserem Haus in Accra in Zukunft nicht mal mehr die Tueren abschliessen muss, so gross ist der Bogen, den Diebe um unseren Garten machen werden.
Das Leben hoert nicht auf, bloss weil ich den Kopf unterm Kissen hab
Mein liebster Kollege hat mich grade begruesst (Wilkommen in Bolga) und mir erzaehlt, wie er die letzte Woche verbracht hat. Seine Frau ist krank und musste operiert werden. Zum Glueck nicht im Regionalkrankenhaus hier, anscheinend gibt es im Distriktkrankenhaus in Bongo einen Experten. Da sind die Krankenschwestern aufmerksamer und hoffentlich nehmen die Aerzte ihren Job ernster.
Was aber letztlich gar nichts bedeutet, wenn... Ja, stellt Euch vor, Ihr steht vor dem Operationssaal, wo sie an dem Menschen rumschneiden, den Ihr liebt und dann faellt der Strom aus. Und als sie endlich den Generator anschmeissen, ist der auch nicht stark genug, um wirklich einen Unterschied zu machen.
Vielleicht ist das sogar eine Situation, die man in Ghana eher ueberlebt, als zu Hause. Denn erstens sind die Leute hier so gewoehnt an Stromausfaelle, dass sie nicht mal mehr ueberrascht sind. Dann ist eine Operation hier immer noch eine ziemlich handwerkliche Aktivitaet, mit Skalpell, Tupfer etc und nicht vielen Kisten die Piepsen. Und wenn das nicht hilft, sind die Ghanaer so ueberwaeltigend religioes, dass sie ihr Schicksal ohnehin nicht in die Haende eines irdischen Oberarztes legen und ihr allmaechtiger himmlicher Oberarzt operiert ohne Strom...
Die Frau ist wohlauf.
Gefuehlsgelaehmt
Am liebsten wuerde ich mich in meinem Bett verkriechen, Bettdecke ueber den Kopf ziehen und Romane lesen und erst wieder rauskommen, wenn irgendwer mich nach Washington umgezogen hat, samt Bett und Decke.
Gleichzeitig: Am liebsten wuerde ich keine Sekunde mehr schlafen und mit grossen wachen Augen und offenem Herzen diese letzte Woche in Bolga in mich aufnehmen, so viel Zeit wie moeglich mit meinen Lieblingsghanaern verbringen, meinen Enkelsohn an Haaren und Zehen ziehn, damit er schneller waechst und ich das Gefuehl haben kann, ihm beim Aufwachsen zusehn kann.
Was ich in Wirklichkeit tu? Die meiste Zeit benehm ich mich, als sei das nur eine weitere von so vielen Wochen in Bolga – nur dass ich zwischen stundenlangem Normal-Tun ab und zu mein Buecherregal aussortiere, oder mit Marys Baby im Arm so tu als waere das Wasser auf meinem Gesicht Schweiss...
Mit diesem Blog geht’s mir genau so. Einerseits moechte ich Euch lustige Geschichten von unserem neuen Hund in Accra erzaehlen (Stellt Euch vor, der findet Deutsch viel besser als Englisch und liebt mich immer doppelt so sehr, wenn ich in meiner Heimatsprache mit ihm rede usw usf...) und herzzerreissende Geschichten von Mary. Andererseits... ja, andererseits liege ich doch gelaehmt in meinem Bett unter der Bettdecke und wenn ich nicht ueber Abschiedsgeschichten schreibe, passiert das alles vielleicht jemand anderem und nicht mir?
Und dann brauch ich mir auch keine Gedanken darueber zu machen, was mit „Evainghana“ passiert, wenn Eva nicht mehr in Ghana ist...
Mittwoch, August 22, 2007
Kennt Ihr diese kleinen boesartigen guten Feen?
Man wuenscht sich was (zum Beispiel Regen) und vergisst, drei Seiten Kleingedrucktes hinzuzufuegen, und sie lachen sich eins in kleine Faeustchen "Hihihi, Regen sagst Du? Kannste haben!" Und wenn Deine ganze Maisernte ueberschwemmt ist und Du klagst, dass Du das doch gar nicht so gemeint haettest und eigentlich nur an einen Schauer hier und da gedacht hattest, gucken sie Dich mit grossen blauen Augen an und tun ganz unschuldig: "Ach so... Das haettest Du sagen sollen..."
Mehr Nachwuchs
Dienstag, August 21, 2007
Montag, August 20, 2007
Weltstadt Dueren
Nachzulesen unter http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,500740,00.html
Samstag, August 18, 2007
Der Teufel scheisst auf den groessten Haufen…
In einem Dorf in Tansania, erzaehlte uns eine Ghanaerin gestern, gab es keine Toiletten und alle Bewohner hockten sich statt dessen grade neben ihre Haeuser. Es ist nicht verwunderlich, dass in diesem Dorf Durchfall und alle moeglichen faekal uebertragenen Krankheiten besonders verbreitet waren. Entwicklungshelfer kamen in das Dorf, sahen das Problem und wussten, das ist ganz einfach zu loesen. Sie bauten Latrinen.
Als sie nach ein paar Jahren wiederkamen, um den Erfolg des Projektes zu begutachten, waren die Latrinen noch voll funktionstuechtig und sehr sauber. Das lag vor allem daran, dass die Menschen immer noch rund um ihre Haeuser kackten und die Latrinen nicht benutzten. Als die Helfer versuchten, rauszufinden, wo bitteschoen das Problem liegt, lernten sie Folgendes: Jeder wuenscht sich, dass um sein Haus herum besonders viel gekackt wird, je mehr Exkremente sich um Dein Haus tuermen, desto mehr Frauen wollen Dich heiraten. Schliesslich ist offensichtlich, dass Du Deine vorhandenen Frauen hervorragend fuetterst. Warum also wuerde irgendwer dieses Zeichen von Reichtum in einem Klo verstecken wollen?
Waehrend die Seminar-Teilnehmer lachten, meinte einer: „Aber das ist in Ghana doch ganz aehnlich. Wenn Du zum Haus des Chiefs von Paga gehst, siehst Du, dass sich davor der Muell nur so auftuermt. Also weiss jeder, der zu diesem Haus kommt, der Chief kann es sich leisten, so viel Muell zu produzieren!:
Mittwoch, August 15, 2007
Im Vorbeigehn aufgeschnappt
Gestern wurde in Bolga ein Bus voller Kinder angehalten, die alle fuer den Verkauf in den Sueden vorgesehen waren. Die ganze Busladung sass nun in der Polizeistation rum. Die Kinder kommen alle hier aus der Umgebung, wo genuegend Leute arm und verzweifelt genug sind.
Aus den Nachrichten
Vor ein paar Wochen fanden sie in Accra ein junges Maedchen, das unter die Sitzbank eines Mercedes Busses gekettet war. Sie war aus Wa im aeussersten Nordwesten des Landes davongelaufen, weil ihre Eltern sie einem Mann versprochen hatten, den sie nicht heiraten wollte. Nun hatten Familienmitglieder sie gefunden und wollten sie so gut verpackt ihrer rechtmaessigen Verwendung zufuehren.
Die Story war tagelang auf der ersten Seite aller Zeitungen und alle schrien entsetzt auf. Das war aber auch mal ne coole Story, die all unsere voyeuristischen niederen Instinkte anspricht und das Foto, wo sie die Ketten durchsaegen, hat etwas an sich, dass man es nur anstarren will. Andererseits will ich mal nicht zu zynisch sein, denn die Tatsache, dass das so eine gruslige Sensationsstory ist, hat dafuer gesorgt, dass das Thema Zwangsheirat in der oeffentlichen Diskussion in den Vordergrund gerueckt ist.
Hemmungen (ich) – keine Hemmungen (er)
Also der Radiomann kennt echt keine Hemmungen, jetzt wo er sich nicht mehr vor mir verstecken muss, weil ich dem Sender erlaube, seine Schulden in Radiozeit statt in Silberdollars zurueckzuzahlen. Heute morgen war ich im Radiosender, weil meine neue Mitbewohnerin da gerne ein Praktikum machen wuerde. Da traf ich Radiomann, der seine ueblichen Loblieder auf mich sang (Worte kosten nix...), um dann weiterzusaeuseln: „Eva, ich wollte sowieso in Dein Buero kommen, denn ich brauche Deine Hilfe! Wir wollen eine website starten und dafuer muessen wir etwas bezahlen und zwar mit Kreditkarte und ich wollte fragen, ob wir dafuer Deine Kreditkarte benutzen koennten?“ In mir schrie eine laute Stimme: „Hae???“ Waehrend ich versuchte, mein Gesicht unter Kontrolle zu halten und ihn nicht zu fragen, ob er se noch alle im Oberstuebchen hat und wie er auf die Idee kommt, dass ich JEMALS das Beduerfnis verspueren koennte, ihm nochmal zu helfen oder gar meine KREDITKARTE anzuvertrauen. „Nein, tut mir leid, weisst Du, ich hab gar keine Kreditkarte“, war meine halbwegs Ghanaische Antwort.
Im Buero hab ich mich mit meinem Kollegen darueber unterhalten, der meinte: „Du haettest sagen sollen, dass Du das machst und auf Vorauskasse bestehn und sobald Du das Geld in den Haenden hast, freundlich laecheln und sagen: Oh, grade faellt mir ein, dass Du mir ja auch noch Geld schuldest, danke fuer die Rueckzahlung! Und tschuess...“
Eine Minute lang dachte ich: Clever. So’n Mist, dass ich behauptet hab, keine Kreditkarte zu haben.
Um gleich in der naechsten Minute ueber mich selbst zu lachen, weil mir klar wurde, dass meine Kultur und/oder Persoenlichkeit oder beides so anders sind und das einfach nicht erlauben wuerden. No way! Waehrend viele Ghanaer das als angemessene Reaktion sehen wuerden (und ich in meinen Fantasien auch grosse Genugtuung empfinde), bellt der innere Schweinehund laut und wuetend: „BETRUUUG!“
Und dann lach ich zum Schluss noch einmal kurz ueber meine ganze Familie, denn ich glaube wir alle finden kleine Gauner faszinierend und haben haeufig welche irgendwo im Hintergrund unseres Bekanntenkreises rumlungern und rumgauners und geniessen den grusligen Schauer des Zuschauens. Und nachts traeumen wir davon, wie das waere, ebenso wild zu sein, wie die wilden Jungs. Nur um aufzuwachen und zu wissen, dass wir mal wieder vergaunert wurden und uns erneut zu schwoeren, dass das nie wieder passieren wird.
Dienstag, August 14, 2007
Tantalus
Ihr erinnert Euch? Der mit dem Qualen. Der stand – fuer welches Vergehen auch immer – in seiner ganz persoenlichen Hoelle bis zum Hals im Wasser, aber jedes Mal, wenn er sich zum Trinken runterbeugte, verschwand das Wasser. Nach gleicher Art hing das Essen immer genau ausser seiner Reichweite.
So geht’s uns im Moment. Wir sind mitten in der Regenzeit, seit Wochen regnet es fast jeden Tag in Stroemen, rechts und links der Fluesse sind alle Felder ueberflutet, die ungepflasterten Strassen entwickeln sich zu Schlammfallen, in die man sich immer tiefer eingraebt, sobald das Auto einmal steckengeblieben ist.
Gleichzeitig fliesst in unseren Leitungen seit einer Woche kein Wasser mehr. Also: Alle Eimer raus stellen, auf Regen warten und mit der Plastik-Tasse duschen. Und wenn kein Regen faellt, jemanden finden, der mit Eimer auf dem Kopf zur Pumpe um die Ecke geht und Wasser ranschleppt. Hoffen dass sie nicht im Schlamm ausrutscht. Zum Glueck haengt wenigstens das Essen nicht in der Luft...
Montag, August 13, 2007
Sonntag, August 12, 2007
Schrubben
Die aelteste Frau im Haushalt waescht das Kind zweimal am Tag. Diese Aufgabe kann man der Mutter nicht zumuten, denn kaum eine frischgebackene Mutter koennte ihrem Kind das antun. Die alte Frau setzt sich hin, stellt eine Schuessel zwischen ihre Beine, schiebt ihren Rock hoch, legt das Kind auf ihre Knie und bearbeitet es mit sehr heissem Wasser, Kernseife und einem Schrubbschwamm: Schrubbschrubbschrubb in kreisenden Bewegungen ueber den ganzen Kopf, Bauch, Ruecken, Beine, heisses Wasser auf den heilenden Nabel giessen, mit dem Finger den Po von innen sauber machen, waehrend das Kind sich ans Knie der Oma krallt, mit Seifenwasser die Augen reiben und das ganze von vorne, dann werden die duennen Aermchen nach vorne und hinten gebogen, die Beinchen ueberkreuzt und in entgegengesetzte Richtungen gedehnt, mit schnellem erfahrenem Griff, zackzack, nicht brutal im eigentlichen Sinne, also nicht mit dem Ziel, das Kind zu verletzen, sondern einfach nur, weil man ein Kind nunmal so waescht. Mary sitzt neben mir und wir beide halten den Atem an und wissen, wir koennten das nicht.
Koenigin Mary
Mary hat ihren gesunden erstgeborenen Sohn nach Hause gebracht und hat sich damit als perfekte Frafra Ehefrau erwiesen. Nun ist sie die Koenigin. Donnerstag, als ich sie aus dem Krankenhaus nach Hause gebracht hatte, kam ich abends noch mal zu Besuch. Sie sass mit nacktem Oberkoerper auf dem Boden, hinter ihr auf dem Stuhl sass eine junge Frau, die ihr das Haar in enganliegende Flechten legte, zu ihren Fuessen sass ihr Mann, der ihr die Zehennaegel mit einer Rasierklinge schnitt und neben ihr unter dem Moskito-Netz schlief ihr kleiner Engel. Diese romantische Szene haeuslicher Zufriedenheit wurde untermalt von einem auf volle Lautstaerke gedrehten nigerianischen Hexenfilm, waehrend im Hintergrund die Stereoanlage vor sich hin wummerte.
Donnerstag, August 09, 2007
Maulkorb
Ich bin froh
Das sagt man ja schon mal so. Aber ich bin wirklich bis oben hin voll mit Freude und Glueck und bloedsinnigem Laecheln und unnoetigen Traenen, die immer grad unter der Oberflaeche darauf warten, aus den Augen zu spritzen. Wir haben den allerschoensten und so intelligenten und liebreizendsten Sohn und Enkel geboren und ich hab tatsaechlich das Gefuehl, als haette ich nicht einfach nur nutzlos und hilflos daneben gestanden, sondern irgendetwas dazu getan, dass alles gut wurde. Heute morgen hab ich Mary vom Krankenhaus abgeholt und alle schwangeren Frauen und frischen Muetter gruessten mich mit einem liebevollen Blick. Mary sagt, die sind alle ueberzeugt, dass ich das Baby auf die Welt geholt hab. Das macht ja auch Sinn, ausser Geburtshelferinnen darf niemand in den Kreissaal und ausserdem musste ich auch nen gruenen Kittel tragen. Also, Mary ist VIP Patientin und bringt ihre eigene weisse Hebamme... Zu Marys Haus sind wir in einer lachenden Karavane durch die Milletfelder gegangen. Hinter uns n Haufen Kinder, die unsere Sachen trugen und einander Angst machten: „Die weisse Frau wird Dir den Kopf abschneiden!“ Im Haus lernte mein kleiner Enkel gleich, wie Glueck in Ghana aussieht – bzw sich anhoert: Laerm ist Leben! Die Stereo-Anlage mit Hip-Life Musik, der Fernseher plaerrt Fussball und in einem 6 Quadratmeter Zimmerchen draengen sich zehn Leute allen Alters und lachen und reden und wurschteln an dem Baby rum, das mit offenen Augen so tut als koennte es schon sehen, ansonsten aber eher schweigsam ist.
Mittwoch, August 08, 2007
Danach
Nachdem ich zur Kaffeepause aufgebrochen war, hatte ich keine Zeit mehr, zwischendurch kurz aufzuschreiben, wie’s geht. Mary war in wilden Schmerzen und bei 6 cm, als ich zum Haendchenhalten kam. Es zerriss mir das Herz und ich wusste schnell, dass es keine Workshops gibt, die man nicht ausfallen lassen kann. Vor allem nicht, wenn man in einem so bescheuerten Land ist, wo sie nur die Weisse Frau nicht aus dem Kreissaal schmeissen. Alle normalen Ghanaerinnen, die keine Eva zur Freundin haben, bekommen ihr Kind allein mit den Schwestern.
Wer hier haeufiger rein liest, weiss, dass ich ueber die unterschiedlichsten Gefuehle zum Lachen und zum Heulen schreibe. Aber auch, dass es einen Punkt gibt, wo das Gefuehl und das Erlebte zu intensiv und echt und privat werden, um zu einer spannenden Geschichte ausgewalzt zu werden. Also: Ich war die ganze Zeit dabei, hab Mary gehalten, ihr was vorgesummt und ins Ohr gefluesstert und irgendwie versucht, uns gemeinsam da durch zu schleppen. Die Krankenschwestern fanden mich sicherlich uebermaessig besorgt, haben sich aber freundlich benommen und mich nicht rausgejagt. Seit 14:45 haben wir einen kleinen Sohn, der ganz weiss ist (alle Schwarzen sind bei der Geburt hell) „Ganz die Oma“, sagte eine Krankenschwester und zeigte auf mich. Und wir haben gemeinsam etwas erlebt, was gleichzeitig das Normalste und das Aussergewoehnlichste der Welt ist und wofuer mir die Worte fehlen.
11:35
Ich sitze in einem Workshop, den ich nicht ausfallen lassen konnte, manage die sms Kommunikation mit Freunden und Familie, die in allen Ecken der Welt fuer Mary beten, Kerzen in Kathedralen stellen und mit ihren Herzen bei uns sind. Ich hoffe, dass gleich Kaffeepause ist und ich ins Krankenhaus rueberfahren kann und kurz Hand halten.
9:30
Mary wollte ihrer Mutter nicht Bescheid sagen, sonst macht die sich bloss Sorgen und isst nichts und schlaeft nicht. Sie kann sich nicht vorstellen, dass die Mutter sich vielleicht Sorgen machen MOECHTE um die Geburt des ersten Kinders ihrer einzigen Tochter.
Nun, weil Muetter aber Muetter sind, hatte Marys Mutter heute morgen so ein Gefuehl und machte sich auf den langen Weg zum Hause der Schwiegerfamilie, um rauszufinden, was los ist. Zu dem Zeitpunkt hatte Mary schon bei ihrer Schwiegermutter angerufen, um nachzufragen, was das ganze Wasser zu bedeuten hat. Also hat die Schwiegerfamilie Marys ausdruecklichem Wunsch widersprochen und Mama alles erzaehlt.
9:00
Mary zeigt mir, was man alles mit ins Krankenhaus nimmt: Seife, Handtuch, Nachthemd, etc... Desinfektionsmittel, Gummihandschuhe fuer den Arzt... „Ja,“ sagt sie „Du musst zwei Handschuhe mitbringen – sonst kaufst Du sie hier und das ist viel teurer.“
8:00
Wieder im Krankenhaus, jetzt wird’s ernst, selbst die Krankenschwestern geben zu, dass Mary sich nicht anstellt, sondern ein Kind kriegt. Muttermund 3 cm geoeffnet, wir brauchen 10 (fuer die von Euch, die vom Gebaeren so viel Ahnung haben, wie ich). Die Hebamme sagt: „Geh Du ruhig zur Arbeit, das dauert noch.“ Und ich versuche, die Hollaendische Austausch-Schwester zu bezirzen, dass sie mit Mary in den Geburtsraum geht und vielleicht dafuer sorgen kann, dass die ghanaischen Kolleginnen nicht so hart zuschlagen.
Nochwas
Wildes WG Leben...
Heute morgen, sobald ich anfing halbwegs wach in meiner neuen WG rumzulaufen (Mary ist jetzt sicherheitshalber hier), kam Mary mit dem Medizinbuch zu mir: „Sista Eva, ich glaube, das ist heute morgen mit mir passiert!” und zeigt auf den Abschnitt wo beschrieben wird, wie das Fruchtwasser abgeht. Also, der Punkt ohne Wiederkehr. Als ich verschlafen sage: „OK, los, wir fahren ins Krankenhaus“, sagt sie: „Nein, lass uns noch ein bisschen warten, sonst sagen die Krankenschwestern, dass ich ihnen auf den Geist geh!“ Waere das ein Film und nicht mein Leben (und Marys), wuerde ich all das im Hintergrund erzaehlen, waehrend der Film zeigt, was gleichzeitig in meinem Hof passiert. Der einaeugige Klemptner ist gekommen, um meinen Wassertank zu reparieren, der irgendwie blockiert ist, und als er einen Wasserhahn abmontiert, spritzt ihm das Wasser unter Druck entgegen und ist nicht zu stoppen.
Dienstag, August 07, 2007
Naechster Morgen
Die Nacht hab ich – auf jedermanns Wunsch – zu Hause verbracht. Telefonisch konnte ich sie nicht erreichen, weil ihr Handy kaputt ist, also sorgte ich mich hin und her und sass kurz nach sieben schon wieder an ihrem Bett. Sie sieht noch genau so ruhig und schwanger aus, wie gestern und wir fangen an, uns zu fragen, wie lange das wohl dauern wird.
Bei der Morgenrunde stellt der Gynokologe ein paar Fragen, untersucht die Patientin aber nicht, um dann zu entscheiden, dass sie ihr Kind doch noch nicht bekommt, sondern nach Hause gehn kann. Als er sie einwies, hat er sie tatsaechlich untersucht, mit Anfassen und so. Aber seitdem war die einzige medizinische Aufmerksamkeit, die sie erhielt, einmal Fieber messen, einmal Blutdruck messen und mit dem Foetoskop hoeren, ob das Herzchen noch schlaegt.
Also Sachen packen und nach Hause. Auf dem Weg haben wir beim Ultraschallmann Station gemacht. Vor den Toren des Krankenhauses hat er einen Metal-Container, in dem ein Ultraschall-Computer steht. Der Scan gehoert nicht zum Standard-Program fuer Schwangere, von der Krankenversicherung wird er nur im Falle von Risiko-Schwangerschaften uebernommen, ansonsten ist das was fuer Reiche.
Also haben wir uns heute das Baby zum ersten mal angescant. Der Arzt sagt: „Hier ist der Kopf, das Herz, der Magen, oh und hier, was ist das? Genau, es ist ein Junge! Und das sind die Beinchen und jetzt messe ich den Kopf aus und den Magen und dann kann ich Euch sagen, wie alt das Baby ist und wann es faellig ist. Oh, ja, 10. Oktober. Und hier, was ist das, schaut genau hin! Ja, es ist ein Maedchen!“
Nun sind wir fuer das ganze Geld auch nicht schlauer als vorher, haben wir uns um zwei Monate (ZWEI MONATE!) verrechnet? Hat der Gynokologe im Krankenhaus keine Ahnung? Und, naja, jetzt wissen wir wenigstens, dass es entweder ein Junge ist oder ein Maedchen. Was wir garantiert ausschliessen konnen, ist dass Mary einen Apfel, eine Banane oder eine Kiwi gebaert.
Montag, August 06, 2007
Ein paar Stunden spaeter
Kinderkriegen, oder zumindest beim Kinderkriegen zugucken, ist aufregend und langweilig. Aufregend, weil ich hier in der Warteschlange zwischen zwei Erstgebaehrenden sitze und wir alle drei nicht wissen, wie das eigentlich funktionniert und uns gegenseitig mit Horrorgeschichten unterhalten. Mary ist darin besonders gut, sie hat Ohren und Augen ueberall, um mitzukriegen, wie’s den anderen 20 Frauen in diesem Schlafsaal ergeht.
Die bewusstlose Frau da hinten hatte einen Kaiserschnitt und dabei das Kind verloren (eine Geschichte, die sich als halb wahr rausstellte, dem Kind geht’s gut, nur die Mutter kotzt im Schlaf). Im Gebaehrraum ist eine Frau, die mitten in der Geburt nicht mehr pressen kann, das Koepfchen ist schon raus und jetzt muessen sie die Frau ganz doll pruegeln, damit sie weiter presst (spaeter geht Mary auf der Suche nach einer Schwester in den Gebaehrraum und als sie zurueckkommt, erzaehlt sie uns: „Die schlagen sie nicht mit Haenden sondern mit Stoecken“). Die Frau gegenueber hat ein Kind geboren, das nicht schreien will und ganz winzig ist. Schnodder laeuft ihm aus der Nase und eine Schwester mit Beatmungsflasche versucht, ihm das atmen beizubringen. Die Mutter bietet mir an, ihren Sohn mitzunehmen und ich sage, sie soll ihn erst gross und stark fuettern, bevor ich ihn heirate (beides sind hier typische liebevolle Neckereien, die den Neuankoemmling leicht schockieren koennen). Mary sagt: „Wenn der Kopf rausguckt, steckt die Hebamme dem Baby die Finger in die Ohren (sie steckt sich selbst die Finger in die Ohren und zeigt wie) und zieht es raus.“
Wegen all dem ist es unglaublich aufregend. Warum ist es langweilig? Weil bei meinen Maedels nichts passiert.
Mary’s Geburtstag
Letzte Woche hat Mary noch lachend verkuendet: „An meinem Geburtstag fuehr ich mich selbst zum Essen aus und ess n ganzes halbes Huhn.“ Nun, dieser Plan wurde wohl durchkreuzt. Als ich zur Mittagspause nach Hause kam, war das Haus sauber aber verlassen. Ich hatte grade die Bohnen aufgesetzt, als mein Telefon klingelte: „Sista Eva, die haben mich hier behalten und sagen, ich bekomm jetzt mein Kind. Meine Schmerzen sind keine Krankheit, sondern Wehen!“
Wir haben uns verrechnet, oder sie ist zu frueh dran. Ich bin ein kopfloses Huhn und frage mich zum hundertsten Mal, wie ich jemals selber Kinder kriegen soll, wenn ich schon fuer fremde Baeuche so viel Angst haben kann. Es ist drei Uhr Nachmittags, ich sitze neben Marys Bett im Krankenhaus und schreibe diesen Blog auf Papier. Mary denkt, ich arbeite und ich lasse sie in dem Glauben, denn sie hat ein so schlechtes Gewissen, mich von der Arbeit abzuhalten.
Mit ihrem kleinen Kugelbauch sieht sie so zart und kindlich aus, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass da ein komplettes Baby drin sein soll, dass sie ganz allein durch die erwachsenen Schmerzen einer Geburt gehen soll und dass sie schon ganz bald selber Mutter sein wird. Meine kleine Mary. Ich sage allen, sie sei meine Tochter und sie lachen freundlich ueber diese weisse Spinnerin...
