Mittwoch, August 08, 2007

9:30


Mary wollte ihrer Mutter nicht Bescheid sagen, sonst macht die sich bloss Sorgen und isst nichts und schlaeft nicht. Sie kann sich nicht vorstellen, dass die Mutter sich vielleicht Sorgen machen MOECHTE um die Geburt des ersten Kinders ihrer einzigen Tochter.

Nun, weil Muetter aber Muetter sind, hatte Marys Mutter heute morgen so ein Gefuehl und machte sich auf den langen Weg zum Hause der Schwiegerfamilie, um rauszufinden, was los ist. Zu dem Zeitpunkt hatte Mary schon bei ihrer Schwiegermutter angerufen, um nachzufragen, was das ganze Wasser zu bedeuten hat. Also hat die Schwiegerfamilie Marys ausdruecklichem Wunsch widersprochen und Mama alles erzaehlt.

9:00


Mary zeigt mir, was man alles mit ins Krankenhaus nimmt: Seife, Handtuch, Nachthemd, etc... Desinfektionsmittel, Gummihandschuhe fuer den Arzt... „Ja,“ sagt sie „Du musst zwei Handschuhe mitbringen – sonst kaufst Du sie hier und das ist viel teurer.“

8:00


Wieder im Krankenhaus, jetzt wird’s ernst, selbst die Krankenschwestern geben zu, dass Mary sich nicht anstellt, sondern ein Kind kriegt. Muttermund 3 cm geoeffnet, wir brauchen 10 (fuer die von Euch, die vom Gebaeren so viel Ahnung haben, wie ich). Die Hebamme sagt: „Geh Du ruhig zur Arbeit, das dauert noch.“ Und ich versuche, die Hollaendische Austausch-Schwester zu bezirzen, dass sie mit Mary in den Geburtsraum geht und vielleicht dafuer sorgen kann, dass die ghanaischen Kolleginnen nicht so hart zuschlagen.

Nochwas

Ist es nicht grossartig, dass meine kleine Mary, die kaum zur Schule gegangen ist, und ansonsten hoechstens die Bibel liest, dieses Gesundheitsbuch mit so einer Selbstverstaendlichkeit und Selbstverantwortung zu Rate zieht, langsam und sorgfaeltig Satz fuer Satz liest, um rauszufinden, was mit ihr los ist?! Ich bin so stolz auf sie.

Wildes WG Leben...

Heute morgen, sobald ich anfing halbwegs wach in meiner neuen WG rumzulaufen (Mary ist jetzt sicherheitshalber hier), kam Mary mit dem Medizinbuch zu mir: „Sista Eva, ich glaube, das ist heute morgen mit mir passiert!” und zeigt auf den Abschnitt wo beschrieben wird, wie das Fruchtwasser abgeht. Also, der Punkt ohne Wiederkehr. Als ich verschlafen sage: „OK, los, wir fahren ins Krankenhaus“, sagt sie: „Nein, lass uns noch ein bisschen warten, sonst sagen die Krankenschwestern, dass ich ihnen auf den Geist geh!“ Waere das ein Film und nicht mein Leben (und Marys), wuerde ich all das im Hintergrund erzaehlen, waehrend der Film zeigt, was gleichzeitig in meinem Hof passiert. Der einaeugige Klemptner ist gekommen, um meinen Wassertank zu reparieren, der irgendwie blockiert ist, und als er einen Wasserhahn abmontiert, spritzt ihm das Wasser unter Druck entgegen und ist nicht zu stoppen.

Dienstag, August 07, 2007

Naechster Morgen


Die Nacht hab ich – auf jedermanns Wunsch – zu Hause verbracht. Telefonisch konnte ich sie nicht erreichen, weil ihr Handy kaputt ist, also sorgte ich mich hin und her und sass kurz nach sieben schon wieder an ihrem Bett. Sie sieht noch genau so ruhig und schwanger aus, wie gestern und wir fangen an, uns zu fragen, wie lange das wohl dauern wird.

Bei der Morgenrunde stellt der Gynokologe ein paar Fragen, untersucht die Patientin aber nicht, um dann zu entscheiden, dass sie ihr Kind doch noch nicht bekommt, sondern nach Hause gehn kann. Als er sie einwies, hat er sie tatsaechlich untersucht, mit Anfassen und so. Aber seitdem war die einzige medizinische Aufmerksamkeit, die sie erhielt, einmal Fieber messen, einmal Blutdruck messen und mit dem Foetoskop hoeren, ob das Herzchen noch schlaegt.

Also Sachen packen und nach Hause. Auf dem Weg haben wir beim Ultraschallmann Station gemacht. Vor den Toren des Krankenhauses hat er einen Metal-Container, in dem ein Ultraschall-Computer steht. Der Scan gehoert nicht zum Standard-Program fuer Schwangere, von der Krankenversicherung wird er nur im Falle von Risiko-Schwangerschaften uebernommen, ansonsten ist das was fuer Reiche.

Also haben wir uns heute das Baby zum ersten mal angescant. Der Arzt sagt: „Hier ist der Kopf, das Herz, der Magen, oh und hier, was ist das? Genau, es ist ein Junge! Und das sind die Beinchen und jetzt messe ich den Kopf aus und den Magen und dann kann ich Euch sagen, wie alt das Baby ist und wann es faellig ist. Oh, ja, 10. Oktober. Und hier, was ist das, schaut genau hin! Ja, es ist ein Maedchen!“

Nun sind wir fuer das ganze Geld auch nicht schlauer als vorher, haben wir uns um zwei Monate (ZWEI MONATE!) verrechnet? Hat der Gynokologe im Krankenhaus keine Ahnung? Und, naja, jetzt wissen wir wenigstens, dass es entweder ein Junge ist oder ein Maedchen. Was wir garantiert ausschliessen konnen, ist dass Mary einen Apfel, eine Banane oder eine Kiwi gebaert.

Montag, August 06, 2007

Ein paar Stunden spaeter


Kinderkriegen, oder zumindest beim Kinderkriegen zugucken, ist aufregend und langweilig. Aufregend, weil ich hier in der Warteschlange zwischen zwei Erstgebaehrenden sitze und wir alle drei nicht wissen, wie das eigentlich funktionniert und uns gegenseitig mit Horrorgeschichten unterhalten. Mary ist darin besonders gut, sie hat Ohren und Augen ueberall, um mitzukriegen, wie’s den anderen 20 Frauen in diesem Schlafsaal ergeht.

Die bewusstlose Frau da hinten hatte einen Kaiserschnitt und dabei das Kind verloren (eine Geschichte, die sich als halb wahr rausstellte, dem Kind geht’s gut, nur die Mutter kotzt im Schlaf). Im Gebaehrraum ist eine Frau, die mitten in der Geburt nicht mehr pressen kann, das Koepfchen ist schon raus und jetzt muessen sie die Frau ganz doll pruegeln, damit sie weiter presst (spaeter geht Mary auf der Suche nach einer Schwester in den Gebaehrraum und als sie zurueckkommt, erzaehlt sie uns: „Die schlagen sie nicht mit Haenden sondern mit Stoecken“). Die Frau gegenueber hat ein Kind geboren, das nicht schreien will und ganz winzig ist. Schnodder laeuft ihm aus der Nase und eine Schwester mit Beatmungsflasche versucht, ihm das atmen beizubringen. Die Mutter bietet mir an, ihren Sohn mitzunehmen und ich sage, sie soll ihn erst gross und stark fuettern, bevor ich ihn heirate (beides sind hier typische liebevolle Neckereien, die den Neuankoemmling leicht schockieren koennen). Mary sagt: „Wenn der Kopf rausguckt, steckt die Hebamme dem Baby die Finger in die Ohren (sie steckt sich selbst die Finger in die Ohren und zeigt wie) und zieht es raus.“

Wegen all dem ist es unglaublich aufregend. Warum ist es langweilig? Weil bei meinen Maedels nichts passiert.

Mary’s Geburtstag


Letzte Woche hat Mary noch lachend verkuendet: „An meinem Geburtstag fuehr ich mich selbst zum Essen aus und ess n ganzes halbes Huhn.“ Nun, dieser Plan wurde wohl durchkreuzt. Als ich zur Mittagspause nach Hause kam, war das Haus sauber aber verlassen. Ich hatte grade die Bohnen aufgesetzt, als mein Telefon klingelte: „Sista Eva, die haben mich hier behalten und sagen, ich bekomm jetzt mein Kind. Meine Schmerzen sind keine Krankheit, sondern Wehen!“

Wir haben uns verrechnet, oder sie ist zu frueh dran. Ich bin ein kopfloses Huhn und frage mich zum hundertsten Mal, wie ich jemals selber Kinder kriegen soll, wenn ich schon fuer fremde Baeuche so viel Angst haben kann. Es ist drei Uhr Nachmittags, ich sitze neben Marys Bett im Krankenhaus und schreibe diesen Blog auf Papier. Mary denkt, ich arbeite und ich lasse sie in dem Glauben, denn sie hat ein so schlechtes Gewissen, mich von der Arbeit abzuhalten.

Mit ihrem kleinen Kugelbauch sieht sie so zart und kindlich aus, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass da ein komplettes Baby drin sein soll, dass sie ganz allein durch die erwachsenen Schmerzen einer Geburt gehen soll und dass sie schon ganz bald selber Mutter sein wird. Meine kleine Mary. Ich sage allen, sie sei meine Tochter und sie lachen freundlich ueber diese weisse Spinnerin...

Mittwoch, August 01, 2007

Radio-Star werden

Das mach ich noch schnell mit links, bevor ich hier abhaue. Also, Dienstag nachmittag alle schoen Rock FM 103.7 einschalten und Eva dabei zuhoeren, wie sie zum Thema Fischerei in kleinen Staudaemmen n dummes Gesicht und nen guten Eindruck macht.

Sonntag, Juli 29, 2007

Hellohellohello

Auch beim Ofenumzug werden weisse Frauen natuerlich nicht davon verschont, permanent von allen kleinen Kindern in der Umgebung gegruesstgegruesstgegruesst und beobachtet zu werden. Oh weh oh weh, jetzt gibt es in meinem Haus keine Herzkuchenformen mehr....
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Der ist so schwer...

... weil er auch schwer viel Geld gekostet hat, sagt Mary als wir heute ihren Backofen von meiner Terrasse in das Haus ihrer Mutter transportierten. Versteckt hinter dem Ofen seht Ihr uebrigends Evans, ihren Mann.
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Jott We De!

Stellt Euch vor, ich steh nach dem Regen abends um acht auf einer duesteren aufgeweichten Strasse vor meinem Haus, schwarze Frauen mit Moehren auf dem Kopf gehen an mir vorbei und gruessen freundlich, die Grillen grillen und auf der anderen Seite der Welt ist es acht Uhr morgens und der Winter vielleicht grad vorbei und ich spreche mit Freundin K in Neuseeland, bevor die Kinder aufwachen. Da bin ich immer noch klein Eva aus Dueren und kann mir nicht vorstellen, dass das mit dem Telefonieren wirklich funktionniert und dass sie ungelogen grad auf der anderen Seite sind. Vor lauter Glueck die liebe Stimme zu hoeren hab ich gar nichts zu erzaehlen...

Ouageshi


Und das macht Vegetarier gluecklich? Ja tatsaechlich, das ist der einzige lokal produzierte Kaese. Aussen rot und innen weiss, nicht roh zu essen wegen Tuberkulosegefahr. Wenn man ihn braet, schmilzt er nicht, sondern wird nur schoen kross aussenrum. Ansonsten schmeckt er freundlich nach nichts und laesst sich deshalb ueberall untermischen. Verkauft wird der von den Fulani, den herumziehenden Kuh-Hirten aus Burkina Faso, die in der Regenzeit (sonst gibts keine frische Milch) in einer Ecke des Marktes auf dem Boden sitzen, vor sich grosse Eimer voller Joghurt, Milch und Kaese. Falls irgendjemand gekochten Joghurt mag, (oder vor Tuberkulose keine Angst hat) braucht's ihm also an nichts zu fehlen...
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Verdammt viel Zeit uebrig


Ganze drei Stunden naemlich. Gestern sprach ich mit dem Radio-Manager ueber die Details und das Ergebnis unserer sehr freundlichen Verhandlungen ist Folgendes: Die Rueckzahlung ihrer Schulden erfolgt in Form von drei Stunden Radiozeit und einem Jingle (also so einem regelmaessig eingeblendeten Radiowerbesong, wo sie singen: „Lalala Eva ist super tralala“ oder was auch immer mir einfaellt).

Das ist alles schoen und gut und wir hatten beide ein zufriedenes Laecheln und einen festen Handschlag fuereinander uebrig, als ich sein Buero verliess. Aber, meine Herren, ich will ja nicht wirklich, dass sie von der SuperEva singen und drei Stunden sind ne ganz schoen lange Zeit. Vor allem, wenn ich in einem Monat schon das Land verlasse.

Soll ich etwa mit Eva’s Kochstudio den Menschen in Bolga das Pizza-backen beibringen? Und Mary damit ihren Job kaputt machen? Nein, vermutlich werde ich diese Radio-Zeit der Wasser Commission spenden, mit der ich hier zusammen arbeite. Dann koennen wir zum Beispiel sechs halbstuendige Radio-Diskussionen ueber ein Jahr verteilen, in denen wir den Menschen erzaehlen, dass es uns gibt und wie sie mit ihrem Wasser besser umgehn. Und in dem Jingle koennen wir dann singen: „Lalala Wasser ist Super trallalal (sagt Eva tralala)“

Wie, sagt Ihr, wenn ich die Zeit spende, hab ich doch weder mein Geld noch sonst irgendwas wirklich zurueckbekommen? Naja, das Geld, im Sinne von tatsaechlichem anfassbarem Bargeld, hab ich ja eh schon lange abgeschrieben. Ich will nur, dass meine Rechnung klar und beglichen ist und dass Mary sieht, dass das Radio mir nichts mehr schuldet. Wenn ich dann noch dazu mit meinen Radio-Stunden eine gute Sache unterstuetzen kann, wunderbar, dann ist das Geld doppelt gut investiert.

Samstag, Juli 28, 2007

Radiomann, das Neuste


Gestern war ich in meiner benachbarten Radiostation, um dem Radiomann einen Deal vorzuschlagen. Schliesslich brennt es Mary die Seele zu Asche, dass er mir noch so viel Geld schuldet, waehrend sie den Kredit fuer den Ofen so brav zurueckgezahlt hat. Und, ehrlich gesagt, ich wuerde auch lieber meinen Anteil zurueckbekommen, bevor ich Bolga verlasse.

Was bisher geschah (fuer die, die neu zugeschaltet haben):

Der Radiomann war einer der Wilden Jungs, mit denen ich frueher haeufiger tanzen gegangen bin und Sonntags nachmittags in meinem Haus ueber Buecher, Politik und eben Radio diskutiert hab. Ueber Radio redeten wir nur theoretisch, denn obwohl die Station in Radiomanns Kopf schon bis ins Detail des Donnerstagsabendprograms ausgefeilt war, fehlte in der Realitaet das Geld fuer den Sender, also das tatsaechliche kleine technische Geraetchen, das das Programm aussendet. Alles andere, Sendeturm und Studio war da, aber dieses kleine kleine Teil... keiner gab ihm den Kredit, seine eigenen Mittel waren mehr als erschoepft etc. pp.. Also hoerte ich mir etwa ein Jahr lang theoretische Radiogeschichten an, bis ich irgendwann genug hatte: „Wieviel brauchst Du, ich geb Dir nen Kredit – Wenn Du bloss anfaengst, Radio zu machen, statt ueber Radio zu reden!“

Natuerlich ist es eitel, dieses Gefuehl haben zu wollen, ich kann mein Geld rumschmeissen, wie ich will, und ich kann Sachen passieren lassen, wo andere nur drueber reden. Und Eitelkeit hat ihren Preis. Die lange Version dieser Geschichte erstreckt sich ueber diesen blog. Die kurze Version ist Folgende: Das Radio sendet. Eva hat von ihrem Geld (das Mai 2006 faellig war) erst die Haelfte zurueckbekommen – und auch das nur mit einem Trick: Ein Freund brauchte Radio-Berichterstattung und als es ans Bezahlen ging, gab er das Geld im Beisein des Radiomanns an mich.

Gestern bin ich also ruebergegangen um ihm einen ganz aehnlichen Deal vorzuschlagen (keine Ahnung, warum ich da nicht frueher drauf gekommen bin): Ihr braucht mir kein Geld zurueckzugeben, bezahlt mich einfach in Sendezeit. Berichtet von meinem naechsten Seminar und dann machen wir noch ne Radio-Diskussion ueber Wasser und alle sind gluecklich.

Als ich mit Radiomann reden wollte, erfuhr ich, dass da in meiner Nachbarschaft ganz still und leise eine Palastrevolution von statten ging. Management Team sagten sie, ich koennte mit einem vom Management Team reden. Die wussten natuerlich nichts von seinen Schulden, glaubten mir das aber trotzdem unbesehn... Vor der Station traf ich dann einen anderen wilden Jungen und der erzaehlte: „Wir wollen Radiomann hier raus haben und das ganze professionell fuehren.“

Wow. Ich weiss ja, dass er alle belogen und betrogen und ausgenutzt hat, um die Station ans Laufen zu kriegen. Trotzdem, was fuer eine tragisch traurige Geschichte, wenn Du Deine Seele verkaufst um eine Radiostation aufzumachen, nur damit Deine ehemalig besten Freunde dich da raus draengen. Und am Ende hast du weder Seele, noch Freunde, noch Radiostation...

Freitag, Juli 27, 2007

Schlechte Fotos machen


kann ich besonders gut. Aber denen von Euch, die einfach wissen wollen, wie es Mary so geht, macht's vielleicht weniger aus, dass das ein verdammt doofes und falsch belichtetes Foto mit einer haesslichen Mauer im Hintergrund ist. Ihr aergert Euch nur, dass man ihr Gesicht nicht wirklich erkennen kann. Aber, ungelogen, das ist die wirkliche echte Mary, kein Double mit Kissen unterm Kleid...
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Mary nimmt ab

Gestern machte ich eine Bemerkung ueber ihren immer dickeren Bauch und sie sagte: "Komisch, dass Du das sagst, die Krankenschwestern schimpfen mit mir, weil ich abnehme statt zuzunehmen."

Der Grund dafuer ist vermutlich ganz einfach: Sie hat keine rechte Lust mehr zu essen. Ausser Suessigkeiten, was komisch ist, denn normalerweise kann sie mit Suessem nichts anfangen und musste immer lachen, wenn meine Mutter in die Kueche kam und sagte: "Sweets Mary, sweets, lecker!"

Nun, vielleicht gibt das Baby nun schon den Ton an und hat seinen sweet tooth (suessen Zahn) von seiner Adoptiv-Grossmutter geerbt... Ich jedenfalls koche nun quasi aus Versehen zu viel, damit ich sie bitten kann, mir doch beim Reste-Essen zur Seite zu stehn.

Donnerstag, Juli 26, 2007

Ha! Siehste! Sag ich doch!


Diese Chinesen! Da musste echt aufpassen! Schwester P. ist grade in China und stellt Euch vor, sie kann meinen blog von da aus nicht lesen. Zensiert!

Ok, in Wirklichkeit kann man von China aus gar keinen einzigen Blog lesen und die sind alle zensiert. Aber fuer eine kleine kosmische Sekunde moechte ich mir vorstellen, dass ich wichtig genug bin, dass sie genau mich und extra mich zensieren, weil ich oeffentlich daran zweifle, dass ihre Babys in die Luft springen und fuenf Leute platt-treten koennen, bevor sie landen...

Mittwoch, Juli 25, 2007

Vom verborgenen Nutzen schlechter Nachbarn


Also unsere Gegenuebernachbarin ist ja so eine Bloetschkuh, das ist kaum zu fassen. Und in dieser Eigenheit ist sie fuer die Nachbarschaft von unschaetzbarem Wert. Sie ist die Dorfmatratze, die im weiten Umkreis Ehemaenner klaut, frisst sich selber rund und gesund, waehrend ihre Kinder immer duenner werden, will Puffmutter spielen und bietet Mary an, ihr einen wohlhabenden alten Geliebten zu suchen, hetzt beste Freunde gegeneinander auf, bis die Faeuste fliegen und schlaegt ihre Kinder gradezu nebensaechlich und gelangweilt. Sie ist die personifizierte banale Bosheit mit dem laechelnden Gesicht, eine 1 A Pissflitsche, wie sie im Buche steht.

Was so eine Frau fuer das Gemeinschaftsgefuehl ihrer Umgebung tut, ist unglaublich, ist besser als Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit. Wo diese Frau lebt, gibt es keine Mauer mehr in den Koepfen, ihre ganze Nachbarschaft ist wiedervereinigt – was uns verbindet ist die Gewissheit, dass sie unmoeglich ist (im Gegensatz zu uns selbst natuerlich).

Mary erzaehlte mir voller Genugtuung, wie bei ihrem letzten Skandal die gesamte Nachbarschaft vor den Haeusern stand und zusah und zuhoerte. Sie hatte ihre letzte beste Freundin so geaergert, dass die ausrastete und alle schmutzigen Geheimnisse laut krakeelend vor der Nachbarschaft ausbreitete, bis besagte Nachbarin sich nur noch in ihrem Zimmerchen versteckte und nicht mehr rauskommen wollte.

Ja, klar, aus der Distanz betrachtet ist das natuerlich gemein von uns und was maßen wir uns das Recht an, sie als Tratschtante zu verurteilen, waehrend wir uns ueber sie das Maul zerreissen. Aber aus der Naehe kenne ich einige der Geruechte, die sie ueber mich in die Welt gesetzt hat, und das daempft doch das Mitleid gewaltig. Und stellt Euch vor, jetzt verbietet sie ihren Kindern, ihr Klo zu benutzen, denn da koennte sie sich ja bei den Kindern mit irgendwelchen fiesen Krankheiten anstecken. Statt dessen muessen sich die Maedchen hinter unsere Gartenmauer hocken, waehrend sie schoen einsam und allein auf der sauberen wunderbaren Porzelanschuessel hockt (traaatschtraaatschtraaatsch, Kinners nee, is dat schoen...).

Montag, Juli 23, 2007

Verrechnet?

Samstag hab ich mich mit Mary und dem Medizinbuch hingesetzt und versucht, zu rechnen. Das Ergebnis gefaellt mir ueberhaupt nicht. Wie's aussieht ist ihr Baby etwa in dem Zeitraum faellig, in dem mein Umzug aus Bolga ansteht. Meine Guete, denk ich, sie hatte doch sonst nichts zu tun, haette sie nicht schoen 'nen Monat eher schwanger werden koennen?

Herz rausreissen - aber mit Wuerde

Heute hab ich Aaron, meinem ghanaischen Buerokollegen, genauer auseinandergelegt, wann ich meine Haeuser aufloesen und das Land verlassen werde. Er wurde ganz grau im Gesicht und mir wurde klar, dass er sich seit Wochen geweigert hatte, mir zuzuhoeren, wenn ich von den naechsten Plaenen sprach. Nichts kann ihm den Tag nun noch retten und ich bin ihm Herzen beruehrt, denn schliesslich hoer ich mir selbst am liebsten auch nicht zu, wenn ich davon rede, dass ich Anfang September hier die Zelte abbrechen werde…

Irgendwann vor langer Zeit hatte ich festgestellt, dass in Ghana Maenner und Frauen keine Freunde sein koennen, dass das Konzept einfach nicht besteht und deshalb jegliche Freundschaftlichkeit zwischen Maennern und Frauen irgendwann zu einer Beziehung oder keiner Beziehung fuehrt.

Wie fast immer habe ich mich in meiner Instant-Kulturanalyse geirrt. Freundschaften zwischen Maennern und Frauen gedeihen in Ghana vor allem dann gut, wenn sie einen Rahmen haben, der begruendet, warum die beiden so viel Zeit miteinander verbringen. Zum Beispiel weil sie Kollegen sind. Und so sind – von mir fast unbemerkt – mit Aaron und Douglas ganz wunderbare Freundschaften gewachsen, die mitten ins Herz treffen, ohne jemals die Grenze dessen zu ueberschreiten, was in einem Buero angemessen ist. Wir alle wissen, dass es zu dieser Art Freundschaft nicht gehoert, Freizeit miteinander verbringen. Und werden uns bemuehen, den Abschied nicht mit oeffentlichen Traenen zu dekorieren. Aber Laecheln, laecheln werden wir nicht.

Freitag, Juli 20, 2007

Gefaehrliche Greise


Ok, das ist ne Laotin und keine Chinesin, aber ich wette mit Euch, wenn ich die nur ordentlich geaergert haette, waere die auch wie ein Bumerang durch die Luft gesaust, haette dabei wilde Schreie ausgestossen und alles umgetreten, was nicht niet- und nagelfest ist... (s.u.)
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Rapp-Zapp Ching Chong


„Babys, Erwachsene, Opas, Omas, die koennen das alle, das sieht man doch in den Filmen, springen in die Luft und bevor sie landen haben sie zackbummpaf mindestens fuenf Leute schachmatt getreten. Vor denen musst Du Dich vorsehn - don't joke with them!“ Douglas schaut zu den Chinesen rueber, die sich in die andere Ecke des Restaurants gesetzt haben. Natuerlich lacht er, waehrend er das erzaehlt. Aber er spricht auch ganz ganz leise, so dass sie ihn nicht hoeren koennen. Zwar glaubt er nicht wirklich, dass sogar Babys fuenf Leute in einem Sprung ausser Gefecht setzen koennen. Aber irgendwie, die beiden sind ja keine Babys und in China kann das halt doch irgendwie jeder. Und ehrlich gesagt bin ich genau so wenig in China gewesen wie er, wie kann ich da so sicher sein, dass das Quatsch ist, der nur in bescheuerten Kung-Fu Filmen vorkommt. Wenn ich in Washington bin, werde ich unsere chinesische Forschungsassistentin ein wenig trietzen und dann kann ich ja sehn, wie sie mit einem Sprung fuenf Computer tot-tritt. Fotos demnaechst in diesem Blog.

Accra zeigt dem Meer den Hintern

Das ist wirklich unglaublich. Ich war noch nie in einer Kuestenstadt, die das Meer so ignoriert. In Lome zum Beispiel, im benachbarten Togo, versammelt sich die halbe Stadt Sonntags morgens zum Strandlauf und Wellenhuepfen und flanniert die Promenade auf und ab. Accra dagegen wendet sich vom Meer ab, weite Teile des Strandes sind durch erbaermliche Huettensiedlungen vom Rest der Stadt abgeschnitten, dann gibt es eine Gegend, wo das Meer hinter riesigen Paradeplaetzen und offiziellen Gebaeuden ab und an aufblitzt, in der Innenstadt riecht man kein Meer und zu Fuss kann man es kaum finden. Davon abgesehn, zeigen die Accraer auch individuell dem Meer ihren Hintern zu regelmaessig, so dass das bisschen Strand, das theoretisch bespielbar waere, praktisch ein grosses Sand-Klo ist.

Die Di und der Dodi – das dötliche Drama

Mal wieder Heimatgefuehle (fuer anderleuts Heimat, aber was heisst das schon) mit meiner Irischen Freundin in Bolga. Auf ihrem Computer gucken wir in heisser Nacht „The Queen“, einen Film der uns damit fesselt, dass in erlesenem Interieur und vor atemberaubender Landschaft nichts passiert, ausser dass am Anfang die Di und der Dodi sterben und sich dann die Uebrigen nach Schottland zurueckziehn und nach einer Woche kommt die Queen dann doch wieder nach London und spricht zu ihren Untergebenen als Koenigin und Grossmutter.

Wir sind begeistert, bewundern ihre Kleider und trinken zu Ehren der Koenigin Mutter Gin mit Brombeersaft. „Up the Queen!“ (so, das erzaehlte man mir in Namibia, prostet man sich in royalistischen Ex-Kolonialkreisen zu, bevor man sich das Zeug – bestimmt nichts mit Brombeersaft – in einem Schluck hinter die Binde kippt. Fuer mich hoert das sich aber eher so an wie „Up your ass!“, was keine Trink-Aufforderung ist, sondern der maessig freundliche Hinweis, sich etwas dahin zu stecken, wo die Gurke schon steckt... Da sag ich doch lieber: „Zum Wohl! Auf uns Lissbeth!“)

P.s.: Preisfrage: Von welchen mittelmaessigen deutschen Hip-Hoppern stammt der Titel dieses Blogs...?

Wundermaschinchen


Vorgestern wurde am Flughafen in Kampala, Uganda, ein Priester verhaftet, der ein Wundermaschinchen ins Land einfuehren wollte. Der Wunderheiler traegt that Geraet unter dem Hemd oder im Schuh und auf Knopfdruck laed er sich selbst mit 12 Volt elektrisch auf. Sobald er einen Kranken anfasst, entlaed er sich und Zzzzzzisch! spuert der Leidende die goettlicher Energie durch sich durch fliessen und ist – vielleicht – geheilt. Behoerden und Kirchenvaeter fanden das gar nicht lustig, obwohl der Priester doch steif und fest behauptete, das sei ein Spielzeug, mit dem sich in Europa die Kinder amuesierten und er haette doch nie und nimmer vorgehabt, irgendwen betruegerisch zu heilen. Ich hab die Nachrichten von meinem liebsten Radio Sender und frage mich, ob das nun als Warnhinweis oder als Geschaeftsidee fuer Ghanaer ist.

Dienstag, Juli 17, 2007

Wie man Mary was Gutes tut

weiss ich noch immer nicht. Heute zum Beispiel hab ich ihr angeboten, sie koennte doch zu Hause bleiben und sich ausruhn, statt sich mit ihrem schweren Bauch zur Arbeit zu schleppen. Wir koennten ja dann irgendwas mit ihrer Putzhilfe (s.u.) arrangieren.

Habt Ihr irgendwann mal beobachtet, was Taubenjunge mit ihren Eltern tun, wenn diese ankommen um sie zu fuettern, wie diese haesslichen nackten Viehcher ihre riesigen Schnaebel in den Schnabel der Mutter reinstossen und hacken und krakeelen, dass das alles nicht reicht? So in etwa muss man sich Marys Situation zu Hause vorstellen, mit den 5 schulpflichtigen Kindern der kranken Schwiegermutter, die alle gefuettert, deren Kleider gewaschen und deren Hintern hinterhergetragen werden muessen. Und ich biete Mary an, sie koenne ja gerne zu Hause bleiben, als zu mir zu kommen, wo das Haus den ganzen Tag ueber leer steht und Mary ihre eigene Matratze, die Bibel und das fette Gesundheitsbuch hat, um den Tag zu verdoesen...

Mr Wichtig und Begleitschutz

(Archivbild von der Beerdigung des Bawku Chiefs, bei der die gleiche politische Mischpoke auf die Pauke gehauen hat)
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Dicke Maxe


Samstag mittag ging ich mit Freunden essen. Vor dem Lokal parkten fette Autos so kreuz und quer, dass fuer niemanden sonst Platz war und das alle sehen konnten: Die in diesen Autos angekarrt wurden, sind einfach zu wichtig, um fuer andere Platz zu machen. Naja, das konnte man nicht nur an der Dicke der Autos und dem bescheuerten Parkverhalten sehn, sondern auch an den Partei-Fahnen, die die Autos schmueckten. Als wir uns hinsetzten, konnten wir auch gleich sehn bzw hoeren, wo der Hammer hing. Da hinten in der Ecke sassen drei feiste Kerle, die nach einigen Mittagsbier die Bedienungen anbruellten. Mein Ghanaischer Begleiter erklaerte, dass sie so bruellen muessen, damit auch jeder sieht, dass sie grosse Maenner sind. Als ich sagte, dass in Deutschland die kleinsten Hunde am lautesten klaeffen, laechelte er peinlich beruehrt – und ich merkte, dass die umsitzenden Ghanaer dieses laute Verhalten weder unangemessen noch billig finden und dass sie tatsaechlich am Gebruell merken, wer der Leithammel ist. Der Wahlkampf ist eroeffnet.

Freitag, Juli 13, 2007

Schuettelreim des Tages - aus aktuellem Anlass

Mein Heimaturlaub war Kiel zu Furz

Auf zu neuen Abenteuern?

Auf Schlau heisst das Autosuggestion – in Dueren nennen wir es “sich was schoen reden“ (frei nach dem Motto der Mutter: Das glaub ich fuer Dich mit!), und das ist eine wichtige Faehigkeit, denn ob ich mir irgendwas nun irgendwie rede oder nicht, es bleibt dabei: Im September muss ich von meinen Haeusern und Leuten und Ziegenkitzen in Ghana Abschied nehmen und meinen Pruell (inkl. mich selbst)nach Washington verfrachten. Also hab ich bei diesem Heimaturlaub von der Zickenbrille bis zu den Anzugschuhen lauter Sachen gekauft, die in ein amerikanisches Buero passen sollen (keine Knallfarben mehr...) oder auf die amerikanische Strasse (anscheinend traegt man wieder kurzen Rock – ausserhalb Ghanas). Jetzt ist kurz vor sieben, ich bin quasi auf dem Weg zum Duesseldorfer Flughafen und hab ein ganz komisches Gefuehl im Bauch: „Jetzt nochmal schnell zum Zwischenstopp nach Ghana, alles abwickeln, Marys Kind auf die Welt bringen, Douglas versorgen, tausend Haende schuetteln und Traenen weinen und los gehts, auf zu neuen Abenteuern.“ Gluecklicherweise hab ich aber im Hinterkopf den ein oder anderen Plan, der mich noch haeufiger nach Ghana bringen soll. Mal sehn, welcher klappt...
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Hinter verschlossenen Tueren


Marys Bauch stippt jetzt ganz spitz gegen das weite Kleid. Aus gegebenem Anlass hab ich sie heute gefragt, wie das nach der Geburt ist, ich hatte irgendwas davon gehoert, dass das Kind die ersten drei Monate das Haus nicht verlassen darf. Ja, sagt Mary, Mutter und Kind duerfen drei Monate nicht raus, duerfen im Zimmer noch nichtmal den Ventilator anschalten und die Mutter darf nur heisses Essen und heisses Wasser zu sich nehmen. Sonst kriegt sie diese Krankheit, von der wir beide wissen, dass sie auf Eiweissmangel zurueckzufuehren ist. Wie man von der Luft, die der Ventilator in einen reinweht Eiweissmangel kriegt, wissen wir auch nicht. Ach ja und waehrend der Schwangerschaft darf man keinen Kakao trinken, sonst wird das Baby fett, nicht kehren, sonst stechen die Besenreiser dem Kind die Augen aus und muss immer ganz grade und aufrecht sitzen. Bei dem Gedanken, dass der Kindsvater bei der Geburt dabei sein koennte, reisst Mary die Augen unglaeubig auf. Hier im Krankenhaus darf niemand die Gebaehrende begleiten, nicht mal die eigene Mutter. Und sie ist erstaunt, dass die meissten weissen Frauen ihre Kinder auf dem gleichen schmerzhaften Weg gebaehren wie Ghanaerinnen.

Montag, Juli 09, 2007

Alle Probleme geloest

Letztes Jahr hatte Ghana grossartige Drogenskandale, Unmengen Kokain wurden unter ausfuehrlichem Medieninteresse entdeckt und beschlagnahmt. Aber dann wurde es irgendwie sehr still um die Tatsache, dass nicht viel passierte und die Strafverfolgung nach oben hin versickerte. Natuerlich wird spekuliert, dass irgendwer von ganz oben (aus dem Ashante Koenigshaus? Von der Polizei? Aus der Regierung?) in die Geschichte verwickelt ist und genug Einfluss hat, fuer Ruhe zu sorgen. Wird (oder ist?) Ghana einer DER Umschlagplaetze fuer harte Drogen, die aus Suedamerika nach Europa fliessen?

Aber das alles ist gar nicht schlimm, denn jetzt hat Ghana einen Weg gefunden, das Drogenproblem ein fuer alle Mal zu loesen. Die Drogenhaendler werden einander nun an den Haenden halten und singen und freundlich zu kleinen Kindern sein und sich eine ehrliche Arbeit suchen (z.B. Tulpenzuechter?). Schliesslich wissen sie jetzt endlich, dass das gar nicht gut ist, Drogen zu handeln. Rund um den Flughafen wurden naemlich jetzt Plakate aufgestellt, die warnen „If you transport drugs, you will end up in prison.“ (Wenn Du Drogen transportierst, wirst Du im Gefaengnis landen) Das musste dochmal klargestellt werden. Die armen Drogenhaendler machen das doch nur, weil sie gar nicht wissen, dass sie dafuer in den Knast kommen werden.

Ich freu mich schon auf die Plakate am Strassenrand, mit denen die Ghanaische Regierung das Problem der Raubueberfaelle loesen wird: „Wenn Du Raubueberfaelle machst, wirst Du im Gefaengnis landen (falls Du dem Lynchmob entgehst)“

Oder die Konflikte um die Herrschaftsfolge im Norden. Wenn man in den entsprechenden Doerfern doch einfach Schilder aufstellen koennte „Koenigsmord ist Pfui!“ Dann wuessten die das endlich und wuerden damit aufhoeren.

Wieviel Geld fuer Polizei und Armee man einsparen koennte, wenn man nur genug Schilder aufstellt, wo man die Boesen informiert, dass es echt besser waere, aufzuehoeren mit ihren Missetaten und anzufangen, gute Menschen zu werden...

Wir sehen: Von Ghana lernen heisst siegen lernen. Also, lieber Herr Bush, pfeiffen Sie Ihre Armeen zurueck und schulen Sie sie um zu Schildermalern: „Terrorist sein ist boese“ und „Selbstmordattentaeter sind danach tot“

Dienstag, Juli 03, 2007

Lukrative Geldspiele

Ok, Taxifahrer, die nie zur Schule gegangen sind, haben jedes Recht, verwirrt zu sein, wenn man ihrer Waehrung vier Nullen abschneidet (s.u.). Aber im Forex Buero, der offiziellen Wechselstube? Ich haette grade mit Leichtigkeit meinen Einsatz verzehnfachen koennen. Weil die Maedels in ihrer Verwirrung gerne mal 5 und 50 Cedis verwechselten. Und ich frage mich, ob ich ueberhaupt in Deutschland war, als der Euro kam, denn ich kann mich an gar keine verwirrenden Umtauschaktionen erinnern...

Montag, Juli 02, 2007

Nie mehr Millionaer


Seit gestern gibt es den neuen Ghana Cedi, zumindest theoretisch. Praktisch hat noch niemand, den ich treffe, die neuen Geldscheine in der Hand gehabt, auf denen vier Nullen gestrichen wurden, so dass ein Cedi quasi einem Euro entspricht. Durch diese Waehrungsreform spielt ploetzlich der Peswa (das ist der Pfennig des Cedis) wieder eine Rolle. Und es ist ploetzlich verdammt schwierig, Cedi-Millionaerin zu sein...

Im Radio singen sie uns schon seit Monaten auf Englisch und allen erdenklichen Lokalsprachen vor, wie man den alten in den neuen Cedi umrechnet und der Slogan „New Ghana Cedi - The value stays the same“ („Neuer Ghana Cedi – der Wert bleibt der gleiche“) hat schon Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden. Aber erst auf meiner heutigen Taxi-Fahrt zur Arbeit wurde mir klar, was fuer ein riesiger Akt diese Umstellung ist, in einem Land, in dem so viele Leute nie oder sehr wenig zur Schule gegangen sind. Vielleicht sollte ich eine berufsbegleitende Taxifahrer-Mathe-Schule eroeffnen? Meinen ersten Schueler habe ich schon unterrichtet.

Mein heutiger Fahrer fuhr gut Auto, sprach akzeptabel Englisch und schickt seine drei Kinder zur Schule. Aber wie er aus den alten Cedis neue errechnet, war ihm kaum zugaenglich. Wir fingen an mit Rateversuchen, wie: 400 Cedis sind 1 Peswa. Und bewegten uns langsam zu dem Verstaendnis, dass immer (immer!) nur Nullen weggestrichen werden. Im Laufe der Fahrt wurde mir klar, dass es fuer ihn schwer verstaendlich ist, dass Peswa nicht einfach nur ein anderer Name fuer den neuen Cedi ist, denn schliesslich hatte er noch nie mit zwei verschiedenen Geldeinheiten zu tun.

Schliesslich hab ich ihm eine Umrechnungstabelle geschrieben,

10 000 alte Cedis = 1 neuer Cedi

15 000 alte Cedis = 1 neuer Cedi und 50 Peswas

Usw.

Am Ende der Fahrt bat ich ihn, mir das alles vorlesen und sah, wie schwierig es ist, zu verstehn, dass Sachen, die in einer Zeile stehn, zusammengehoeren. Und dass „10 000 entspricht 1“ ueberhaupt keinen Hinweis darauf gibt, wieviel 20 000 sein koennte. Nun, mein Fahrer hat den Schmierzettel dankend angenommen und versprochen, die ganzen Zahlen zu Hause auswendig zu lernen, bevor er sich wieder in sein Auto setzt. Ich hoffe, dass ich alle typischen Taxi-Preise aufgeschrieben hab, denn das Prinzip (4 Nullen streichen) hatte er bis zum Schluss nicht verstanden.

Meine Sehnsucht: Diese starken Maenner wiedersehn...

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Aus der Versenkung live auf unsere Showbuehne!

Ich kann es selbst gar nicht glauben, denn ich hatte kaum eine Minute, darueber nachzudenken oder mich darauf zu freuen. Aber es ist wahr. Morgen steig ich in den Flieger nach Deutschland und werde eine viel zu kurze Woche Heimat schnueffeln, auf dem Sofa sitzen, mit der Seilbahn ueber den Rhein schweben, hundert Kilometer durch deutsche Grossstadtstrassen laufen usw. Ich komme uebermorgen beruflich in Muenchen an (Hallo, ist irgendwer in Sueddeutschland???) und fahre von da weiter nach Hause. Abflug Richtung Ghana von Duesseldorf am elften.

Dienstag, Juni 26, 2007

Noch nicht ganz verschollen...

Wie eine bleierne Ente in der Waschmaschine beim Schleudergang. So geht's mir, danke der Nachfrage. Besuch von Kollegen, Bossen, Anopheles Muecken und dem ganzen Rest, machen es mir leider im Moment unmoeglich, regelmaessig Bericht abzugeben. Aber ich schwimme noch. Und ab und zu wird das Wasser abgepumpt und ich kann Luft holen, fuer die naechste Runde. Lustiges wieder, wenn ich Zeit zum Lachen hab (dito zum Thema Trauriges).

Freitag, Juni 15, 2007

Heimatgefuehle fuer den irischen Hausgast


Gestern abend waren Susan und ich gar zu schwach. Anfang der Woche hat sie mich mit den Verlockungen der Arztseriensucht bekannt gemacht, so dass wir jeden Abend eine Verabredung mit unseren neuen Freunden aus dem Trainingskrankenhaus in „Greys Anatomy“ hatten. Nun haben wir gestern die letzte DVD gesehn und der Abend hatte noch nichtmal wirklich begonnen. Um auf gleichem Niveau weiterzumachen, sind wir in die Englische TexMex Kneipe gefahren, wo man Tortillas mit Kaese ueberbacken isst, Fussballfahnen von der Decke haengen und jeder Abend einer bestimmten Unterhaltung gewidmet ist. Ich war schon froh, dass Donnerstag Quiz-Night ist und nicht Karaoke.

Zielsicher platzierte Susan uns an einem Tisch mit zwei kettenrauchenden taetowierten working-class Englaendern fortgeschrittenen mittleren Alters. Waehrend wir versuchten, ihnen bei Fussball- und Musikfragen irgendwie behilflich zu sein, assen wir junkfood, tranken die dazu passenden Getraenke, rauchten passiv bis zum Umfallen und lachten darueber, wie gut das manchmal tun kann, einen Abend auf Urlaub von Afrika zu gehn. Und an einem Tisch zu sitzen, wo keiner damit angibt, wer er ist, was er hat und kann.

Ok, meine Versuche, mit meinem Tischnachbarn ein Gespraech zu beginnen, waren nicht sehr erfolgreich: „Und was machst Du hier in Ghana?“ Pause. Noch ne Pause: „Das, was Du hier siehst: Rauchen, trinken, essen. Das Leben geniessen. Nicht mehr.“ Noch ein paar Pausen. Susan kam mit ihrem Gegenueber weiter. Der arbeitet seit 26 in der Tropenholzindustrie. „Aber in Ghana ist nicht mehr viel Wald uebrig,“ sagt er, „das haben wir alles abgehackt.“ „Und dann?“ „Then we chop down Liberia – Dann hacken wir Liberia kurz und klein,“ sagt er und lacht.

Donnerstag, Juni 14, 2007

Besonders clever


Heute hab ich ins Buero einen schoen warmen Wollpulli angezogen. Und fuehlte mich besonders clever. Zumindest einen Augenblick lang. Ich hatte etwa zwanzig Minuten Stau hinter mir, als mir einfiel, dass heute im Buero Stromausfall ist und deshalb alles mit Generatoren angetrieben wird, die nicht stark genug sind, um die Klima-Anlage anzuschmeissen. Nun kann ich also ganz ganz sicher sein, dass ich heute im Buero nicht friere. Und wenn ich was zu lachen brauch, schau ich einfach in den Spiegel, wische mir den Schweiss von der Stirn und sage Hahaha.

Heimfahrt durch nen Kinderwitz


Kennt Ihr den, wo ein Mann nach einem Landregen durch ein Dorf faehrt und eine riesige Pfuetze sich ueber die Dorfstrasse erstreckt? Er hat Angst um sein Auto und fragt einen Bauern, wie tief das Wasser sei. Der Bauer brummt: „Nich tief, fahrnse ruhich durch.“ Als das Auto bis zum Hals im Wasser versinkt, wundert sich der Bauer: „Komisch, meinen Enten ging das Wasser nur bis zur Brust.“

Dieser Witz ist, wie es sich fuer einen Kinderwitz gehoert, ohne Sex und nicht sehr witzig. Er verliert jeglichen Hauch von Lustigkeit, wenn ich nach der Arbeit in Daemmerung und stroehmendem Regen durch Accra nach Hause fahre.

Accras Abfluss-System besteht groesstenteils aus offenen, zementierten Strassengraeben, die in regelmaessigen Abstaenden von Muell und Aas und sonstnochwas verstopft sind. In der Regenzeit ertrinken regelmaessig Leute in Ueberschwemmungen, die leicht zu verhindern gewesen waeren. Wenn es hell und trocken ist, fahr ich Slalom um Schlagloecher, die einem ausgewachsenen Schwein bis zur Brust gehn wuerden und in die man 33 Enten stapeln koennte. Jede der meterlangen Wasserflaechen, die die duesteren Stassen nach dem Regen bedecken, kann deshalb so ein Dorfteich sein.

Also: An einsam ueberfluteter Strassenecke auf Gegenverkehr warten. Wenn die den Teich problemlos durchfahren haben, Strassenseite wechseln und genau da langfahren, wo das entgegenkommende Taxi nicht ertrunken ist. Keine Experimente. Mein Auto ist kein Fliewatuet.

Mittwoch, Juni 13, 2007

Aura-Fotografie


So seh ich aus, wenn ich einen Tag in meinem Buero in Accra gearbeitet hab... Alles frisch?
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Sommerjob in der Eisdiele in Accra


Draussen is es lecker warm. Die Sonne scheint (Ach. Is ja auch Afrika.) irgendwo in den angenehmen dreissigern. Ghana ist seit ueber einem Jahr in nationaler Energiekrise, weil der Volta-Stausee leer laeuft und einfach nicht genug produzieren kann, um die boomende Wirtschaft am Laufen zu halten. Alle drei Tage zwoelf Stunden Stromausfall.

Aber die Ghanaer bemuehen sich redlich, den Verlust in den zwei Tagen dazwischen aufzuholen. Also stellen sie die Klima-Anlage im Buero (meiner ganz persoenlichen Eis-Diele) auf 19 Grad und ich verfluche mich, dass ich meine Wollsocken zu Hause vergessen hab. Das Einzige, was da hilft, ist sich ans Fenster anzukuscheln. Zum Glueck haben die Bueros hier alle komplett undichte Fenster, die aus einzelnen schmalen Klappscheiben bestehen, die man so wie Jalousien oeffnet und schliesst.

In Anlehnung an meinen Vater frag ich mich nur: Mensch, wollt Ihr denn ganz Ghana kuehlen? Dann braucht Ihr Euch nicht wundern, wenn Euch der Strom ausgeht.

Dienstag, Juni 12, 2007

700

Dies ist Eintrag 700! Und er enthaelt keine Geschichte und spielt nicht in Afrika. Weil ich meiner Sprachheimat so fern bin, kann ich meinen neusten Schuettelreim hoechstens mit einem lachenden Herrn F am Telefon teilen. Und mit Euch:

Der Koch landet nen Volltreffer
Einhorn-Soufflee mit Trollpfeffer!

Donnerstag, Juni 07, 2007

Die Blumen waren so widerspruechlich

Spam-Poesie. Ich versteh ja schon, warum jemand den Aufwand betreibt, Spam zu versenden, wenn einer seine Penisverdickerungspillen oder seine boesartigen Viren unter's Volk bringen will, von mir aus (obwohl ich mit beiden nicht viel anfangen kann). Aber unter obiger Ueberschrift bekam ich heute folgende mail und das einzige Ziel, das ich hier erkennen kann ist die Verbreitung von Dada-Poesie. Oder kann mich jemand aufklaeren und mir sagen, wofuer dies gut sein soll:

der mineralbusiness entwickelt sich schnell!
sehen sie es am donnerstag 7. juni!

entreprise: harri expl inc
letzt. schlu?k: 0.45
5-t.ag prog.: 1.80

k,?rzel: e f d
w-k,n : a 0 h 0 5 q

verlieren sie keine moglichkeit
kau-fen vor es sehr spat wird

300-400 Interessen in folgenden 5t
fugen sie efd in ihre liste am
donnerstag 7. juni!

MXge deine Freundschaft mein Lohn sein. Die frische Nachtluft wird mir gut tun.

Der Einfall mit den Elefanten brachte ihn zum Lachen. Vater vor allen, den.
Sich der kleine Prinz, niemanden zu sehen. Auch hierin werde ich von dir lernen.
War sein Durst, dies sein Leiden. Dieser Kampf der Schafe mit den Blumen soll unwichtig sein.


Technikfolgeschaeden


Ganz frueher musste jemand, der einer Frau was Unangemessenes zufluestern wollte, sich ganz nah an das jeweilige Ohr heranschleichen. Damit riskierte er eine Ohrfeige oder schlimmere direkte Reaktionen. Das ist natuerlich wirklich ganz lange her, denn spaetestens mit Erfindung des Briefes konnte der furchtsamere Belaestiger schriftlich belaestigen. Andererseits wuenscht er sich moeglicherweise ein wenig direkte, wenn auch entfernte, Reaktion. Das erklaert die Hochkonjunktur des anonymen ins Telefon Stoehnens.

Aber die perverse SMS? Das hat weder den Stil eines Briefs noch die aengstigende Direktheit von Telefonueberfaellen. Das ist schlichtweg peinlich. Ich habe seit vielleicht einem Jahr einen perversen SMS Schicker – nicht anonym, denn ich hab diesen Kerl als den Bekannten eines Bekannten (Englaender, Amerikaner oder so...) einmal getroffen und aus irgendeinem Grund haben wir Telefonnummern ausgetauscht.

Nun schickt er mir alle zwei Monate oder so einen sehr flachen irgendwie sexuellen Witz, ein oder zweimal mitten in der Nacht und bestimmt besoffen eine recht direkte Beschreibung moeglicher gemeinsamer Aktivitaeten (also, was er sich vorstellt, was moeglich waere). Bei 120 Zeichen geht das aber ueber einen Quicky nie hinaus... und irgendwie werd ich das Gefuehl nicht los, dass er die gleiche SMS an alle Frauen in seinem Telefonbuch gleichzeitig schickt. Nicht dass mich das eifersuechtig machen wuerde. Meine Strategie ist: Ignorieren. Das geht bei SMS viel besser als beim direkt ins Ohr fluestern. Ich muss mir keinen fremden Speichel von der Schulter wischen. Und ich bin froh, dass man mich mit meiner Handy Nummer allein nicht aufstoebern kann.

Mittwoch, Juni 06, 2007

„Wachet auf! Ruft Euch die Stimme!


Der Waechter ist’s auf hoher Zinne!“ wenn Ihr das seid, was Ommaausgeich „gute Christenmenschen“ genannt haette, dann koennt Ihr hier mitsummen und wisst, dass der naechste Vers uns verraet, wer oder was aufwachen soll: Die Stadt Jerusalem.

Womit bewiesen waere, dass der fadenscheinige Krawallhannes, der mich (und alle anderen) heute morgen um halb fuenf aufgeweckt hat, kein guter Christenmensch ist und ausserdem seine Psalme mal genauer lesen sollte. Da steht wohl nicht: Wach auf Du Stadt Bolgatanga.

Heute morgen dachte ich mit Wehmut an die Deutschen Schrebergaertner und Nachbarschaftsstreiter, die bei jedem lauten Pups die Polizei rufen und eine Anklage wegen Laermbelaestigung erheben wollen. Natuerlich hab ich das in Deutschland noch nie selbst gemacht und auch immer verachtet. Was ich dabei uebersehen hab, ist dass Karl Huber und Franz-Joseph Schneider die wahren Helden des stillen Alltags sind. Denn nur weil jeder ihre Anzeige und ihre Rechtsschutzversicherung fuerchtet, passiert es bei uns doch aeusserst selten, dass jemand frueh morgens dem Auftrag des heiligen Geistes gehorcht und aus dem Stehgreif ein Stuendchen oder zwei lautsprecherverstaerkt das Wort Gottes in die Wohngegend bruellt. So laut, dass bei mir selbst noch mit geschlossenen Fenstern und Ohrenstoepseln Bekehrgefahr bestand.

Aber zum Glueck ist mein Frafra nicht gut genug, um den Prediger zu verstehn, so dass ich dieser Bekehrung knapp entgangen bin. Morgenmuffel der ich bin, faende ich das auch aeusserst unpraktisch, zu einem Glauben bekehrt zu werden, der fruehmorgendliches Bruellen erfordert.

(Was ganz was anderes: Mein kanadischer Mitbewohner in Accra hat Deutsch gelernt. Er bezeichnet sich selbst jetzt immer selbst als Morgenmuffin.)

Mary laechelt


Ach was, Mary lacht so aus sich raus, dass sie fast stolpert. Gestern fragte ich sie: „Mary, bei Dir zu Hause, wie kochst Du da, Kohlenpoette?“ „Ja, Kohlenpoette.“ „Wenn ich aus Ghana weggeh, willst Du dann meinen Herd haben?“ „A! Sista Eva! Meinst Du das ernst?“ und ihre Stimme ueberschlaegt sich. „Als Du mir letztens (das muss zwei Jahre her sein) erzaehlt hast, was so ein Herd kostet, hab ich noch gedacht: Ach, klein Mary wird sich so nen schoenen Herd niemals leisten koennen, drei Millionen! Eine der Nachbarinnen sagt immer: Warte nur ab, wenn die weisse Frau nach Hause geht, wirst Du ganz viele Sachen kriegen! Aber Eva, da hab ich immer an die Teller und Tassen gedacht, und mich darauf gefreut.“ Vor lauter Freude haben wir die Haelfte meiner Mittagspause verkichert und sie hat grosse Geschichten aus dem wilden Kumasi erzaehlt.

Etwas ernster wurde es, als wir ein wenig ueber ihre Zukunft sprachen: Wenn ich weg bin, will sie den Ofen in der Innenstadt bei ihrer Mutter in den Hof stellen, eine Frau anstellen, die Fleischpasteten backen kann und so die Produktionslinie erweitern. Ich versuche, ihr ein wenig ins Gewissen zu reden zum Thema: „Wenn Du mal gross und erfolgreich werden willst, brauchst Du eine Vision!“ Da merkte ich, was fuer nen Quatsch ich da eigentlich erzaehlte und kriegte die Kurve grade noch. Als ich einen Satz mit: „Wenn Du ein ordentliches Leben fuehren willst und alle Deine Kinder zur Schule schicken...“ fingen Mary’s Augen ploetzlich wieder an zu glaenzen und sie nickte wie wild: „Genau! Das will ich!“

Montag, Juni 04, 2007

Einmal anfassen?

Chef sein in Afrika ist super. Man hat so ein ganz familiaeres Verhaeltnis zu seinen Angestellten und das ist gar nicht so unpersoenlich wie zu Hause. Wie toll, wenn ich gleichzeitig eine Art Mutter fuer meine Angestellten sein kann. Gestern zum Beispiel kam mein Wachmann zu mir und erzaehlte mir ausfuehrlich, warum es ihm im Moment nicht so gut geht, er habe da so eine Beule am Hintern, die ist jetzt schon sooo gross und ganz hart und voll mit so nem Zeug und wenn diese Beulen wachsen, dann hat er ploetzlich so Schweissausbrueche und so’n Zittern. Nein, im Krankenhaus war er damit noch nicht, da spritzen die einem was, das hilft aber nicht, statt dessen nimmt er nun dies und jenes Medikament. In so ner Situation wuerde ich meinem Wachmann gerne einen Tele-Arbeitsplatz in Timbuktu anbieten, nur um der Gefahr zu entgehn, dass er die Hosen runterlaesst und sagt: „Madam, guck doch mal, vielleicht kannst Du meine Hinternbeule ja behandeln.“

Samstag, Juni 02, 2007

Spirituelle Kammerjaeger


Als ich Mittwoch von der Arbeit nach Hause kam, fand ich folgenden Brief von Mary:

Please sister Eva am sorry to inform you I will be going to Kumasi tommorow I had a call this afternoon from Evans he is in Kumasi with they Mother. For prayers and the pastor said he have to pray for all they familly member to cast the demons in they family because they is always war in the family sister Eva please forgive me I will be back on Friday. See you Mary your girl.

Bitte Schwester Eva tut mir leid Dich zu informieren dass ich morgen nach Kumasi fahren werde ich hatte heute nachmittag einen Anruf von Evans (ihr Ehemann) er ist in Kumasi mit ihre Mutter fuer Gebete und der Pastor sagte er muss fuer alle Familienmitglieder beten um die Daemonen aus der Familie auszutreiben denn da ist immer Krieg in der Familie Schwester Eva bitte vergib mir ich werde Freitag wieder da sein. Bis dann, Mary Dein Maedchen.

Zu erst war ich verwirrt. Dann hab ich gedacht: Jaja, zu schwanger um zu kehren, aber auf nem Lastwagen durchs halbe Land fahren geht. Und dann hab ich mir die Daemonen vorgestellt... So kleine boesartige spirituelle Ratten, die alles anfressen und die Pest ins Haus bringen. Wenn ich Daemonenratten im eigenen Haus haette und Staub in Evas Haus und muesste mich entscheiden, worum ich mich als erstes kuemmer... Dann kann der Staub tatsaechlich mal ein paar Tage warten.

Huhn oder Ei oder wer


... war denn jetzt zuerst da? Hier in Bolga laufen so viele mad people rum, also Verrueckte. Wenn ich frage, was mit denen los ist, warum die halbnackt und verwirrt durch die Strassen irren, sich die Ohren zuhalten und mit sich selbst oder dem Himmel reden oder einfach nur strassengrabenfarben unbeweglich in der Ecke sitzen, sagen die Ghanaer: Das kommt vom Kiffen. Wenn man zu viel kifft, wird man so.

Dass das irgendwie nicht stimmen kann, war mir schon klar, es sei denn, hier wird ein ganz anderer Stoff geraucht als zu Hause. Aber gestern hat eine kanadische Bekannte mir die Geschichte endlich vom Kopf auf die Fuesse gestellt: Leute mit Psychosen und aehnlichen Problemen versuchen, sich irgendwie selbst zu behandeln und ihr Leiden zu erleichtern. In einer Welt in der Psychopharmaka und Therapien nicht vorkommen, kann Haschisch das gequaelte Hirn ein wenig beruhigen und dem Schmerz die Kanten nehmen.



Aber andersrum (die werden vom kiffen irre) eignet sich die Geschichte natuerlich viel besser, um die Jungs und Maedels hier zu Wohlverhalten zu animieren...

Mittwoch, Mai 30, 2007

Friedlich


Nachdem ich gestern mit Laadi ueber deren letzten Besuch bei Talata geredet hab, bin ich mir sicher, dass Talata selbst beschlossen hat, dass es genug ist und dass sie gehn will. Als Talata hoerte, dass wir sie nicht nach Hause, sondern in ein anderes Krankenhaus schicken wollten, wurde sie wuetend und sagte: „Ich geh nach Hause!“ „In Ordnung“, sagte Laadi, „dann steh auf.“ In ihren letzten Tagen hatte Talata unkontrollierbaren Durchfall. Als sie sich mit Muehe im Bett aufgesetzt hatte, sagte Laadi zu ihr: „Wenn Du nicht mehr ins Bett machst, kannst Du nach Hause.“ Und noch waehrend Laadi das sagte, machte Talata das ganze Bett voll. Ein paar Stunden spaeter hat sie den einzigen Weg gewaehlt, auf sie aus dem Krankenhaus nach Hause fuehrte.

Wuetend


Ist das erlaubt? Fragen, die mich hier immer wieder beunruhigen: Wie viel darf ich von Leuten erwarten, die aermer sind als ich? Wie bloed darf ich eine fremde Kultur (manchmal) finden, wenn die Leute, die ihr angehoeren im Durchschnitt aermer sind als die Angehoerigen meiner eigenen Kultur.

Amerika zum Beispiel und die Amerikaner darf jeder ungestraft und ohne jemals da gewesen zu sein kulturell scheusslich finden. Kein Problem.

Aber die armen Frafras? Die koennen doch nicht anders, das ist doch ihre eigene wertvolle Orginalkultur, die niemand kaputt machen darf oder auch nur schlechtreden. Jajaja, ich finde Lehmhuetten auch charmant. Aber was mich rasend macht vor Wut und wo mir jedes interkulturelle Verstaendnis fehlt, ist dass man sich so lange versteckt, bis es Zeit fuer die Beerdigung ist. Ich war nicht bei Talatas Beerdigung gestern, weil ich nicht wusste, ob ich da hin gehoere. Aber der Ghanaer von Afrikids, der da war, war empoert: „Das Kalliber von Leuten, die auf der Beerdigung waren, die haetten das Problem ebenso selbst loesen koennen.“

Statt dessen haben sie aus der Ferne zugesehn, wie ihr Kind auf der Stasse bettelnd verhungert, haben gerne geglaubt, dass sie einen Fluch auf sich traegt, als Strafe fuer stehlen, sind nicht einmal mit ihr zum Arzt gegangen, um rauszufinden, warum sie so viel isst und niemals zunimmt. Denn schliesslich wollen nur boese Kinder immer Fleisch essen.

Und als die Weissen sich eingemischt haben, sind sie nicht aus ihren Verstecken gekommen, um das Maedchen wenigstens im Krankenhaus zu besuchen, was keinen Cedi kostet und nur ein gutes Herz erfordert. Oder einen Sinn fuer Verantwortung. Die Grossmutter – die ich wirklich gern hab – ist auch erst Teil der Geschichte geworden, als wir zusagten, alle Kosten zu tragen, selbst den Eimer und die Seife mit denen sich Talata waschen sollte. Zwei von Talatas Onkeln sind Prediger, die das Wort des Herrn in die Welt hinaustragen. Dankeschoen. Worte kann ich nicht essen und sie sollten sich mal was schaemen.

Dienstag, Mai 29, 2007

Die Welt jetzt ohne sie



Talata: Geboren irgendwann vor 16-19 Jahren
Gestorben gestern nachmittag, 29 Mai 2007, 14:00

Ein Ende

Sie ist nicht wie ein Huhn gestorben, sondern wie ein Mensch. Umgeben von Menschen, die sich um sie gesorgt haben. Das ist alles, was wir fuer Talata erreichen konnten. Ist das nichts oder viel oder wenig? Vielleicht ist egal, ob das viel oder wenig ist, denn nun da es vorbei ist, ist es so und nicht anders.

Das Krankenhaus hatte sie gestern entlassen wollen und fuer transportfaehig erklaert. Auf unser Bitten liessen sie sich darauf ein, Talata bis morgen frueh zu behalten, dann wollten wir mit ihr in ein besseres Krankenhaus fahren, damit wir endlich rausfinden, warum es ihr nicht besser geht und ob ihre vielen verschiedenen Symptome vielleicht noch auf weitere Erkrankungen hinweisen. Jetzt koennen wir natuerlich sehn, dass all diese Symptome vor allem darauf hinwiesen, dass sie dabei war, zu sterben.

Darueber kann ich keinen farbenfrohen zu Traenen ruehrenden oder gar sozialkritischen blog schreiben. Sondern sitze still in meinem Haus, mein Kopf fuehlt sich so an, als hinge er in einem Aquarium und alle Worte sind schmutzig.

Montag, Mai 28, 2007

Gesittet leben ohne arme Ritter


Wenn ich morgens zur koerperlichen Ertuechtigung und zum Aufwachen durch mein Wohnzimmer tanze, bedaure ich manchmal, dass ich nicht mehr mit den wilden Jungs befreundet bin.

Natuerlich ist es auf die Dauer langweilig, sich zu betrinken, beim Betrinken zuzusehn und Abendunterhaltungen mit ewigen Variationen von zehn Phrasen (Yeah man! Cool man! Peace man! It’s not easy-o! Don’t try! – Ja Mann! Kalt Mann! Friede Mann! Ist nicht einfach-o! Versuch’s nicht mal!) zu bestreiten und dabei im Stil des Rastamanns die Faeuste aneinanderzustupsen und dann aufs Herz zu legen. Wobei die weibliche Begleitung noch nicht mal so viel sagen muss, sondern einfach nur dekorativ laecheln und sich entscheiden, wie weit sie mit trinken will…

Aber zum Tanzen gehn waren die wilden Jungs ungeschlagen, haben mich wie die Ritter in weisser Ruestung vor allen anderen wilden Jungs beschuetzt, sich als Tanzpartner abgewechselt und dafuer gesorgt, dass ich mich ganz ehrenhaft die ganze Nacht zu Musik amuesieren konnte. Und beim Tanzen redet man ja eh nicht.

Samstag, Mai 26, 2007

Elend: Nackt


In deutschen Krankenhaeusern sieht der Besucher dem Elend ins Gesicht. Aber nicht auf den Koerper. Der ist keusch im Nachthemd und unter der Bettdecke versteckt und bevor die Krankenschwestern ihn auspacken, wird der Besuch vor die Tuer geschickt. Und die Raeume, in denen fremde Patienten liegen, sind dem Besucherblick ohnehin entzogen.

In Ghana ist es einfach zu heiss. Und im Bolga Krankenhaus gibt es weder Klima-Anlage noch Ventilatoren in den Krankenzimmern. Wer koennte von den Kranken also erwarten, dass sie die Tueren schliessen und sich unter mehreren Lagen Stoff verstecken. Auf dem Weg zur eigenen Patientin seh ich also Frauen in unterschiedlichen Stadien des Leidens, deren Mitte provisorisch mit einem Tuch verdeckt ist, Brueste unterschiedlicher Laenge und Form liegen ohne Scham frei.

Wer hier ist, versucht nicht mehr, irgendeine Form zu wahren und mit tapferem Laecheln so zu tun, als sei er eigentlich ein Besucher, der sich nur einen Moment hingelegt hat.Wir haben keine Bypass-Patienten, die nur zackzack ihre Operation hinter sich bringen wollen, um dann zuegig wieder zurueck an ihren Schreibtisch zu eilen, keine Sportunfaelle kraftstrotzender junger Maenner, wo nur der Gips um Arm oder Bein einen Hinweis gibt, warum so ein gesunder Mensch im Krankenhaus ist.

Das Bolga Krankenhaus riecht nach Kranken, die Gebaeude selbst sehen krank aus. Und natuerlich schicken die Krankenschwestern die Besucher nicht raus, wenn sie die Patienten waschen. Denn das (Patienten waschen) ist nicht der Job einer Krankenschwester, das gehoert zu den vielen Aufgaben der Angehoerigen.

Als ich gestern bei Talata war, waren ihre Augen zum ersten Mal seit sie wieder im Krankenhaus ist, ganz offen. Und obwohl sie keinen Ton sagte und ihre Hand nicht bewegte, als ich sie in meine nahm, konnte ich sehn, dass ihre Augen mir aufmerksam folgten, waehrend ich mit ihr redete. Da sie wieder isst, traegt sie nun Windel. Das heisst: Ein olles Tuch ist um ihren Hintern gewickelt. Wenn es voll ist, geht Oma es waschen und wickelt Ihr das andere Tuch um. Omas Bitte: Ob es vielleicht moeglich waere, einen dritten Lumpen aufzutreiben, denn manchmal ist die erste Windel noch nicht trocken, wenn die zweite schon voll ist.

Kosi


Ein Junge bei Laadi hat sich einen ganz besonderen Weg in mein Herz gesucht. Von Kosi (wie auch immer der sich korrekt schreibt) hab ich vor laengerer Zeit mal geschrieben, er ist der Junge, der immer, wenn er krank war, gedraengt hat: Mama Laadi, lass mich betteln gehn, wenn ich schwach ausseh, bekomm ich besonders viel!

Inzwischen wird Laadi ja von Afrikids unterstuetzt und die Kinder muessen nicht mehr betteln gehn. Aber Kosi hat das Gesicht nicht verlernt, das er ziehen muss, um Dein Herz zu oeffnen. Er ist vielleicht 14 Jahre alt und hat alle moeglichen Probleme, die hier natuerlich nicht im Einzelnen diagnostiziert werden. In Europa wuerde man das vermutlich eine Lernschwaeche nennen. Was ebenfalls alles oder nichts bedeutet. Hier glaubt man, dass er wegen seiner Epilepsie zurueckgeblieben ist. Ob wegen seiner Behinderung oder wegen seiner Erfahrungen als Strassenkind, Kosi braucht unglaublich viel Koerperkontakt.

Sobald er beschlossen hat, dass wir Freunde sind, haengt er kontinuierlich an mir, wenn ich bei Laadis bin, haelt meine Hand, legt mir den Arm um die Schulter und versucht, mich zu Spass-Kaempfen zu animieren. Sein Lachen, wenn er mein Auto ankommen sieht, ist unbezahlbar. Er unterbricht jedes Spiel, kommt angelaufen und weicht mir nicht von der Seite.

Was wird aus ihm, wenn er ein erwachsener Mann ist? Wenn er mich jetzt anfasst, ist das ganz eindeutig so, wie ein Kind sich an eine Mutter kuschelt. Wird er irgendwann anfangen, Frauen als Frauen zu sehn und sie wie ein Mann anfassen wollen? Wenn er sich aergert oder frustriert ist, rastet er aus und schlaegt um sich. Noch ist er klein genug, dass er nicht viel Schaden anrichten kann, solange ein Erwachsener zur Stelle ist. Wird sich das auswachsen? Oder wird er ein gefaehrlicher Mann werden, den man nicht reizen sollte? Ich hoffe, dass es bei Laadi immer einen Platz fuer ihn geben wird, dass sie sich irgendeinen Job fuer ihn ausdenkt, damit er das Waisenhaus so lange sein zu Hause nennen kann, wie er das braucht.

Was ich an meinem Leben in Ghana so geniesse...


Ist, dass ich keinen Schlag im Haushalt tun muss. Ist das politisch inkorrekt? Muss ich behaupten, ich liebe es, Toiletten zu putzen und Geschirr zu spuelen? Das Schoene ist, dass hier jeder von den Reichen erwartet, so viele Jobs wie moeglich zu schaffen und ihren Reichtum zu verteilen. Schoen und gut, das waere also geklaert. Aber dann schau ich mich in meinem Haus in Bolga um... und fuehle mich in meine WG-Zeiten zurueckversetzt: Ich muss keinen Schlag im Haushalt tun, wenn es mir egal ist, dass ich im Chaos versinke. Langsam versteh ich, warum Ghanaische Haushalte ihre Hausmaedchen in hohem Bogen rausschmeissen, wenn die den Fehler machen, schwanger zu werden. Mary ist jetzt im sechsten Monat, traegt einen kleinen harten Kugelbauch vor sich her und muss ganz viel schlafen. Viel geschlafen hat sie ja immer waehrend der Arbeitszeit, und das macht auch nichts. Dafuer hat sie ihre eigene Matraze und eine Person macht ja auch nicht so viel Dreck, dass man jeden Tag der Woche den ganzen Tag beschaeftigt ist. Aber... ich beobachte mich dabei, das Klo zu putzen, weil es zu fies ist und hab irgendwie das Gefuehl, irgendwas stimmt hier nicht. Nachdem ich durch eine ganze Galerie von Gefuehlen zu diesem Thema gegangen bin, von Aerger bis Mitgefuehl fuer ihre Situation und zurueck zum Ekel beim Anblick meines Klos, hab ich beschlossen, mich heute morgen mit ihr hin zu setzen und nach einer Loesung zu suchen. Auf Ghanaische Art: Das und das ist mein Problem. Hast Du eine Idee, was wir tun koennen? Ich bin gespannt.

Ein paar Stunden spaeter: Die Mutter wird lachen, wenn sie das liest: Meine Putzfrau wird eine Putzfrau einstellen. Sie bot an, ein Viertel ihres Lohnes fuer eine Frau aufzubringen, die fuer sie kehrt und waescht. Und weil ich so ein weiches Herz hab und weil fuer mich zehn Euro nichts sind und fuer sie ein Viertel des Monatslohns, hab ich angeboten, dass wir halbe-halbe machen. So treffen wir uns auf halber Strecke zwischen Prinzip und Grosszuegigkeit.

Triple Combination


Heute koennte man mit mir den Ostertisch eines Altenheims dekorieren. Oder Ghanaer begeistern, die mein Stilempfinden fuer eine weisse Frau aussergewoehnlich finden. Nun, „aussergewoehnlich“ im Sinne von „oh, das schmeckt ja interessant“ wuerden mich die meisten weissen Frauen unter siebzig wohl auch finden.

Also: Ein schwarzer Rock mit weissen Blumen, dazu eine weisse Bluse mit schwarzen Blumen, geknotet ueber ein pinkfarbenes Traegertop, meine Schuhe hochhackige Plastikdinger mit Blumenmuster in verschiedenen Pastelfarben, Grundfarbe pink. Dazu als dezentes Farb-Echo ein rosanes Perlenarmband und Lippenstift im gleichen Farbton. Weil ich nicht zu aufgetakelt wirken will, hab ich auf meinen rosa Lidschatten mal verzichtet. Ihr seht was fuer eine clevere Dreifachkombination das ist:

Schwarz-weiss mit weiss-schwarz...

Pink mit pink und rosa...

Blumen in allen moeglichen Farben und Formen miteinander...

Ob die mir das im Schweigekloster (s.u.) auch wieder abgewoehnen koennen, wenn ich zurueck nach Deutschland will?

Freitag, Mai 25, 2007

Wer feiern kann...

Ein ganzer Kontinent ausgeschaltet. Stellt Euch das mal vor. Heute ist der Feiertag der Afrikanischen Union und der ganze Kontinent nimmt sich frei. Der ganze? Natuerlich nicht, wie kann ein Bauer einen Feiertag begehen, wenn die Regenzeit grade angefangen hat und das Feld zur Saat vorbereitet werden muss? Sagt der Viehhirte seinen Kuehen: Heute ist Feiertag, Ihr koennt sehn, wo Ihr bleibt! Wieso will ein Geschaeftsmann Feiertag spielen, wenn er genauso gut Geld verdienen kann? Nehmen sich die Frauen alle einen Feiertag und schleppen kein Wasser und Holz, kochen kein Essen, kehren keinen Boden, brauen kein Bier? Also noch einmal, und diesmal korrekt: Heute ist African Union Day und in ganz Afrika sind die Regierungsbueros geschlossen. Heute arbeiten die Beamten nicht. Und ich werde mir jeden zynischen Kommentar verkneifen und nicht sagen: Heute ist ein Tag wie jeder andere...

Donnerstag, Mai 24, 2007

Wer ich noch bin


Heute fuehlte ich mich irgendwie so unverbunden, dass ich gedacht hab, ich kann ja mal im Internet nachschaun, ob ich noch da bin. Google findet so schoene Saetze wie: „Eva Schiffer beschaeftigt sich mit dem Lebenssinn...“ und „Eva Schiffer: Miss Schiffer’s school for young Ladies of Quality“ (Fraeulein Schiffers Schule fuer Ladies von Qualitaet). „Oben auf der Sprossenleiter: Eva Schiffer!“
„Now it’s time to start balancing the budget, said Eva Schiffer“ (Nun ist es Zeit das Budget auszugleichen, sagte Eva Schiffer). Also ist ja alles ok und mich gibt es haeufig genug.

Das Leben ist kein Roman - zum Glueck

Gestern hab ich ploetzlich verstanden, warum ich einen blog aber keinen Roman schreiben kann: Dem Leben faellt gar nicht auf, wenn ich den Ueberblick verliere, es schlingelt und schlaengelt sich trotzdem einfach so weiter, ab und zu schau ich hoch und es ist wieder was passiert. Wenn ich das einfach nur abschreibe reicht das schon, dass meine Geschichte in sich Sinn macht... Ab und zu taucht Marys Kugelbauch auf und ohne dass ich rechnen muss, wird sie nach neun Monaten niederkommen. Talata liegt weiterhin im Krankenhaus und kaempft mit dem Leben, dem Tod und dem ganzen Rest, ab und an schafft sich Douglas ein neues technisches Spielzeug an und wenn seine Aufnahmepruefung erfolgreich ist, wird er ab September studieren. Manche Akteure verlassen den blog, so zum Beispiel meine Hunde, die gestern von ihrem eigentlichen Besitzer abgeholt und nach Kenia verschleppt wurden... In einem Roman koennte ich all diese Handlungsstraenge nie unter Kontrolle halten und als Leser wuerdet Ihr Euch immer wieder fragen, wer die Protagonisten verschleppt hat. Auf der anderen Seite ist vieles in diesem blog (und meinem Leben) tatsaechlich wie in jenem schlechten vergesslichen Roman, den ich nicht schreiben werde. Ihr fragt Euch vielleicht: Aber wo ist denn Marys Baeckerei? Das frag ich mich auch. Oder: Und was macht Radiomann? Das einzige, was ich von ihm sehe, ist dass er sich versteckt...

Mittwoch, Mai 23, 2007

Was ich nicht mehr seh

Ein cooler Kerl im weissen knielangen Spitzen-Nachthemd mit schwarzem Cowboy-Hut und fetter Sonnenbrille, der machohaft breitbeinig durch Bolga spaziert, sieht fuer mich nicht mehr eigenartig aus. Das dachte ich, als ich heute an einem dieser Art vorbei fuhr und mir vorstellte, wie er in Deutschland wirken wuerde. Ich wuerde ihm wohl vorschlagen, nur nach Koeln zu fahren und auch nur an fuenf ganz speziellen Tagen im Fruehjahr.

Aufgewacht

Talata ist gestern aufgewacht und hat Essen verlangt. Nachdem sie eine grosse Portion light soup verschlungen hatte, tat ihr Magen nicht mehr so weh. Wir haben alle vor Erleichterung gelacht und sind erstaunt. Dieses Kind scheint einfach zu bockig zum Sterben.

Dienstag, Mai 22, 2007

Sekundenbeichte


Douglas sagt: „Du solltest Privatdetektivin werden!” Manchmal sieht es wirklich so aus, als wuerden Leute auf mich zu rennen, mir schnell ihr schlimmstes Geheimnis erzaehlen und dann wieder ins Auto springen und abhauen. Heute morgen an der Tankstelle wurde mir Abduhls Onkel vorgestellt. Abduhl ist Douglas’ bester Freund.


Wir schuettelten Haende, er sagte, dass er Jahre in Deutschland gelebt habe und erzaehlte mir in einem Gespraech, das weniger als zwei Minuten dauerte, dass er zwei Kinder mit einer deutschen Frau gehabt hat, die beide gestorben sind, eines nur elf Tage nach der Geburt und dass die Frau depressiv wurde und die Beziehung daran zerbrach.


Als er wegfuhr sass ich mit offenem Mund da. Ich erzaehlte das Douglas, weil ich einfach so verwirrt war und er stockte: „Ich wusste gar nicht, dass er Kinder hatte.“

Montag, Mai 21, 2007

Ich Hure


Heute war ich beim Oberarzt, um mich zu prostituieren. Dabei hab ich meine Beine nicht breitgemacht und meine Kleidung anbehalten. Schutzig hab ich mich danach trotzdem gefuehlt.

Meine Aufgabe war es, meinen Freund den Herrn Doktor darauf aufmerksam zu machen, dass das arme Maedchen Talata eine reiche Goennerin und Tante hat (mich) und deshalb so gut wie moeglich behandelt werden soll. Und im zweiten Schritt sollte er davon ueberzeugt werden, dass wir ihn und sein Krankenhaus nicht beleidigen, wenn um eine Ueberweisung in ein anderes Krankenhaus bitten.

Also durfte ich nicht sagen: Ihr „behandelt“ sie schon ein halbes Jahr lang und das Ergebnis ist in Eurer Abstellkammer zu besichtigen. Sondern musste ihm eine verwirrte Geschichte darueber erzaehlen, wie schwierig es ist, die Omma zu ueberzeugen, waehrend der Regenzeit an Talatas Bett zu sitzen, statt auf dem Feld zu arbeiten und dass es im Missionskrankenhaus ja ehrenamtliche Helfer gibt, die das uebernehmen usw. Ich hab arg betont, dass ich armes Voegelchen ja auch nicht weiss, was medizinisch notwendig ist, schliesslich ist er ja der Gott in Weiss und ich nur Staub auf seinem Kittel. Dann kam es wieder ueber mich und ich hab ein zwei Saetze darueber gesagt, was ich denke, was medizinisch als naechstes passieren muesste... um dann wieder zusammenzuzucken und etwas Duemliches zu sagen, damit klar ist, dass ich seine Kompetenz nicht anzweifle. Und natuerlich musste ich betonen, dass ich hier bin, weil mein Herz so weich ist (etwa so weich wie meine blondbelockte Birne) und mich das Leiden dieses Maedchens so beruehrt, dass ich einfach nicht an mich halten und meinen Geldbeutel auf machen muss.

Nach einer halben Stunde waren wir endlich so weit, wie ich kommen wollte, er hatte seinen Stationsarzt ebenfalls herbeordert und ihm alle moeglichen Anweisungen gegeben und akzeptiert, dass wir Talata verlegen, sobald sie transportfaehig ist. Zum Abschied bot ich noch an, dass wir irgendwann auch mal zusammen ein Getraenk nehmen sollten und dabei gar nicht ueber Krankheiten sprechen... Als ich da raus kam, hatte ich das dringende Beduerfnis, meine Haende mit Seife zu waschen. Aber Laadi war am Telefon so erleichtert, als ich ihr von dem Gespraech erzaehlte, dass ich dachte, das ist es wohl wert...

Krankenhausbericht (drei Stunden spaeter)


Taxi rufen, zum Krankenhaus, in der Frauenabteilung nach Talata suchen, die schicken mich zur Notaufnahme, von da ist sie aber schon auf die Intensivstation verlegt worden. Intensivstation? Ja, so nennen die das. Von selbst waere ich nicht darauf gekommen, dass diese Abstellkammer, in der sich kaputte Baenke und Betten stapeln, eine Intensivstation ist. Auf dem Boden liegt Talata auf einer Plastikmatratze. Daneben sitzt eine alte einaeugige Frau auf einem Plastikstuhl. Ich haette nicht gedacht, dass das noch moeglich ist, aber seit ich sie das letzte Mal gesehen hab, hat Talat noch Einiges abgenommen, ihre nackten Beine sind mit Haut bespannte Stoecke, an denen riesige Fuesse haengen, ein Tuch bedeckt ihre Mitte, aber was ich darunter ahnen kann, erinnert mich an diese Fotos befreiter KZ-Haeftlinge, wo man sich fragt:Wie kann jemand so tot aussehn und noch rumlaufen? Nun, Talata laeuft nicht. Sondern liegt mit halb offenem Mund und halb offenen Augen... im Koma? Im Schlaf? Irgendwo dazwischen? Ploetzlich beginnt sie zu stoehnen und versucht, sich rumzuwaelzen, als haette sie Schmerzen, dann gaehnt sie mit riesigem Mund und stoehnt noch einmal, bevor sie wieder wie ausgeschaltet still liegt. Ihr magerer Brustkorb hebt und senkt sich, sie atmet noch.

Was sich seit meiner Abreise aus Bolga veraendert hat: Die Frau auf dem Stuhl. Das ist ihre Grosstante (oder Grossmutter). Sie haelt Wache und haelt ihre Hand fest, wenn Talata Gefahr laeuft, sich den Tropf rauszureissen. Wir koennen einander kein Wort sagen, denn ich spreche noch immer kein Frafra. Unsere einzige Verbindung ist meine Hand auf Talatas rechter Schulter und ihre Hand in Talatas linker Hand, Beruehrungen, mit denen wir das Maedchen zu beruhigen versuchen wenn sie stoehnt – oder uns selbst, wenn wir den Anblick nicht mehr ertragen koennen.

Aber natuerlich braucht Talata mehr als Luft und Liebe. Eine Bluttransfusion, sagen die Aerzte. Aber leider hat das Krankenhaus seit drei Wochen kein Blut mehr und ausserdem braucht Talata 0+, was nicht leicht zu finden ist. Also schickt Laadi die groesseren Kinder ins Krankenhaus, um sich testen zu lassen, aber eins nach dem anderen wird weggeschickt mit nutzlosem A oder B. Ihr Angebot, trotzdem zu spenden, fuer andere Patienten, wird abgewiesen. Zwar hat man kein Blut, aber wenn man einfach so Blut spenden will, muss man einer bestimmten buerokratischen Prozedur folgen, das geht nicht am Sonntag. Als ich mich von Talata und Oma verabschiedet hab und beim Labor ankomme, um mein Blut testen zu lassen, faellt leider der Strom aus und der Generator des Krankenhauses versorgt nur das Haupthaus, nicht das Labor. Also Schluss mit Helfen fuer heute, die Patientin muss sich halt ein Bisschen zusammenreissen und warten, bis wieder Strom da ist. Dankeschoen. Auf wiedersehn.

Ghanaische Loesung?


Heute sagt Laadi: „Na, wenn sie stirbt, stirbt sie wenigstens nicht wie ein Huhn, sondern wie ein Mensch, der von anderen Menschen geliebt wird…” Und ich sah mal wieder, dass das Leben an all den Orten, an denen ich nicht bin, trotzdem weitergeht. Talata war in der Zwischenzeit von Laadi’s zu ihrer Grossmutter umgezogen. Fuer das Waisenhaus war eine eigensinnige jugendliche Diabetikerin eine zu grosse Last, sie selbst wollte gerne zu Oma und nachdem wir versprochen hatten, fuer die Kosten aufzukommen, war Oma auch einverstanden. Eine Krankenschwester im nahen Gesundheitszentrum sollte das Insulin in ihrem Kuehlschrank kuehlen und fuer regelmaessige Injektionen sorgen. Dann war ich in Accra und in Korfu, Debbie zog aus Bolga nach England zurueck und wir beide sagten uns: Wir muessen akzeptieren, dass es eine Ghanaische Loesung gibt, denn selbst wenn die nicht ideal ist, ist es die einzige, die langfristig halten kann...

Waehrend wir weg waren, gab es ein gemischtes Bild: Die Grossmutter und die Krankenschwester gaben sich ernsthafte Muehe, wenn Talata nur nicht dauernd Malaria kriegte, sich uebergeben muesste und so weiter. Gestern Abend konnte mich Laadi nicht erreichen. Und als wir heute endlich sprachen, war Talata wieder im Krankenhaus, weil sie kollabiert war. Die Geschichte, wie Laadi sie erzaehlt, ist verwirrend, eine Kombination aus verschleppter Malaria und Unterzuckerung, weil sie alles erbricht. Nun suchen sie einen Blutspender, um Talata eine Transfusion zu geben, die sie wieder aufpaeppeln soll...

Soll das tatsaechlich die Ghanaische Loesung sein? Dass sie umsorgt stirbt statt ausgestossen? Oder dass sie alt und grau wird, aber sich dabei von einer Krise zur naechsten hangelt?