Dienstag, Juni 26, 2007
Noch nicht ganz verschollen...
Freitag, Juni 15, 2007
Heimatgefuehle fuer den irischen Hausgast
Gestern abend waren Susan und ich gar zu schwach. Anfang der Woche hat sie mich mit den Verlockungen der Arztseriensucht bekannt gemacht, so dass wir jeden Abend eine Verabredung mit unseren neuen Freunden aus dem Trainingskrankenhaus in „Greys Anatomy“ hatten. Nun haben wir gestern die letzte DVD gesehn und der Abend hatte noch nichtmal wirklich begonnen. Um auf gleichem Niveau weiterzumachen, sind wir in die Englische TexMex Kneipe gefahren, wo man Tortillas mit Kaese ueberbacken isst, Fussballfahnen von der Decke haengen und jeder Abend einer bestimmten Unterhaltung gewidmet ist. Ich war schon froh, dass Donnerstag Quiz-Night ist und nicht Karaoke.
Zielsicher platzierte Susan uns an einem Tisch mit zwei kettenrauchenden taetowierten working-class Englaendern fortgeschrittenen mittleren Alters. Waehrend wir versuchten, ihnen bei Fussball- und Musikfragen irgendwie behilflich zu sein, assen wir junkfood, tranken die dazu passenden Getraenke, rauchten passiv bis zum Umfallen und lachten darueber, wie gut das manchmal tun kann, einen Abend auf Urlaub von Afrika zu gehn. Und an einem Tisch zu sitzen, wo keiner damit angibt, wer er ist, was er hat und kann.
Ok, meine Versuche, mit meinem Tischnachbarn ein Gespraech zu beginnen, waren nicht sehr erfolgreich: „Und was machst Du hier in Ghana?“ Pause. Noch ne Pause: „Das, was Du hier siehst: Rauchen, trinken, essen. Das Leben geniessen. Nicht mehr.“ Noch ein paar Pausen. Susan kam mit ihrem Gegenueber weiter. Der arbeitet seit 26 in der Tropenholzindustrie. „Aber in Ghana ist nicht mehr viel Wald uebrig,“ sagt er, „das haben wir alles abgehackt.“ „Und dann?“ „Then we chop down Liberia – Dann hacken wir Liberia kurz und klein,“ sagt er und lacht.
Donnerstag, Juni 14, 2007
Besonders clever
Heute hab ich ins Buero einen schoen warmen Wollpulli angezogen. Und fuehlte mich besonders clever. Zumindest einen Augenblick lang. Ich hatte etwa zwanzig Minuten Stau hinter mir, als mir einfiel, dass heute im Buero Stromausfall ist und deshalb alles mit Generatoren angetrieben wird, die nicht stark genug sind, um die Klima-Anlage anzuschmeissen. Nun kann ich also ganz ganz sicher sein, dass ich heute im Buero nicht friere. Und wenn ich was zu lachen brauch, schau ich einfach in den Spiegel, wische mir den Schweiss von der Stirn und sage Hahaha.
Heimfahrt durch nen Kinderwitz
Kennt Ihr den, wo ein Mann nach einem Landregen durch ein Dorf faehrt und eine riesige Pfuetze sich ueber die Dorfstrasse erstreckt? Er hat Angst um sein Auto und fragt einen Bauern, wie tief das Wasser sei. Der Bauer brummt: „Nich tief, fahrnse ruhich durch.“ Als das Auto bis zum Hals im Wasser versinkt, wundert sich der Bauer: „Komisch, meinen Enten ging das Wasser nur bis zur Brust.“
Dieser Witz ist, wie es sich fuer einen Kinderwitz gehoert, ohne Sex und nicht sehr witzig. Er verliert jeglichen Hauch von Lustigkeit, wenn ich nach der Arbeit in Daemmerung und stroehmendem Regen durch Accra nach Hause fahre.
Accras Abfluss-System besteht groesstenteils aus offenen, zementierten Strassengraeben, die in regelmaessigen Abstaenden von Muell und Aas und sonstnochwas verstopft sind. In der Regenzeit ertrinken regelmaessig Leute in Ueberschwemmungen, die leicht zu verhindern gewesen waeren. Wenn es hell und trocken ist, fahr ich Slalom um Schlagloecher, die einem ausgewachsenen Schwein bis zur Brust gehn wuerden und in die man 33 Enten stapeln koennte. Jede der meterlangen Wasserflaechen, die die duesteren Stassen nach dem Regen bedecken, kann deshalb so ein Dorfteich sein.
Also: An einsam ueberfluteter Strassenecke auf Gegenverkehr warten. Wenn die den Teich problemlos durchfahren haben, Strassenseite wechseln und genau da langfahren, wo das entgegenkommende Taxi nicht ertrunken ist. Keine Experimente. Mein Auto ist kein Fliewatuet.
Mittwoch, Juni 13, 2007
Sommerjob in der Eisdiele in Accra
Draussen is es lecker warm. Die Sonne scheint (Ach. Is ja auch Afrika.) irgendwo in den angenehmen dreissigern. Ghana ist seit ueber einem Jahr in nationaler Energiekrise, weil der Volta-Stausee leer laeuft und einfach nicht genug produzieren kann, um die boomende Wirtschaft am Laufen zu halten. Alle drei Tage zwoelf Stunden Stromausfall.
Aber die Ghanaer bemuehen sich redlich, den Verlust in den zwei Tagen dazwischen aufzuholen. Also stellen sie die Klima-Anlage im Buero (meiner ganz persoenlichen Eis-Diele) auf 19 Grad und ich verfluche mich, dass ich meine Wollsocken zu Hause vergessen hab. Das Einzige, was da hilft, ist sich ans Fenster anzukuscheln. Zum Glueck haben die Bueros hier alle komplett undichte Fenster, die aus einzelnen schmalen Klappscheiben bestehen, die man so wie Jalousien oeffnet und schliesst.
In Anlehnung an meinen Vater frag ich mich nur: Mensch, wollt Ihr denn ganz Ghana kuehlen? Dann braucht Ihr Euch nicht wundern, wenn Euch der Strom ausgeht.
Dienstag, Juni 12, 2007
700
Der Koch landet nen Volltreffer
Einhorn-Soufflee mit Trollpfeffer!
Donnerstag, Juni 07, 2007
Die Blumen waren so widerspruechlich
der mineralbusiness entwickelt sich schnell!
sehen sie es am donnerstag 7. juni!
entreprise: harri expl inc
letzt. schlu?k: 0.45
5-t.ag prog.: 1.80
k,?rzel: e f d
w-k,n : a 0 h 0 5 q
verlieren sie keine moglichkeit
kau-fen vor es sehr spat wird
300-400 Interessen in folgenden 5t
fugen sie efd in ihre liste am
donnerstag 7. juni!
MXge deine Freundschaft mein Lohn sein. Die frische Nachtluft wird mir gut tun.
Der Einfall mit den Elefanten brachte ihn zum Lachen. Vater vor allen, den.
Sich der kleine Prinz, niemanden zu sehen. Auch hierin werde ich von dir lernen.
War sein Durst, dies sein Leiden. Dieser Kampf der Schafe mit den Blumen soll unwichtig sein.
Technikfolgeschaeden
Ganz frueher musste jemand, der einer Frau was Unangemessenes zufluestern wollte, sich ganz nah an das jeweilige Ohr heranschleichen. Damit riskierte er eine Ohrfeige oder schlimmere direkte Reaktionen. Das ist natuerlich wirklich ganz lange her, denn spaetestens mit Erfindung des Briefes konnte der furchtsamere Belaestiger schriftlich belaestigen. Andererseits wuenscht er sich moeglicherweise ein wenig direkte, wenn auch entfernte, Reaktion. Das erklaert die Hochkonjunktur des anonymen ins Telefon Stoehnens.
Aber die perverse SMS? Das hat weder den Stil eines Briefs noch die aengstigende Direktheit von Telefonueberfaellen. Das ist schlichtweg peinlich. Ich habe seit vielleicht einem Jahr einen perversen SMS Schicker – nicht anonym, denn ich hab diesen Kerl als den Bekannten eines Bekannten (Englaender, Amerikaner oder so...) einmal getroffen und aus irgendeinem Grund haben wir Telefonnummern ausgetauscht.
Nun schickt er mir alle zwei Monate oder so einen sehr flachen irgendwie sexuellen Witz, ein oder zweimal mitten in der Nacht und bestimmt besoffen eine recht direkte Beschreibung moeglicher gemeinsamer Aktivitaeten (also, was er sich vorstellt, was moeglich waere). Bei 120 Zeichen geht das aber ueber einen Quicky nie hinaus... und irgendwie werd ich das Gefuehl nicht los, dass er die gleiche SMS an alle Frauen in seinem Telefonbuch gleichzeitig schickt. Nicht dass mich das eifersuechtig machen wuerde. Meine Strategie ist: Ignorieren. Das geht bei SMS viel besser als beim direkt ins Ohr fluestern. Ich muss mir keinen fremden Speichel von der Schulter wischen. Und ich bin froh, dass man mich mit meiner Handy Nummer allein nicht aufstoebern kann.
Mittwoch, Juni 06, 2007
„Wachet auf! Ruft Euch die Stimme!
Der Waechter ist’s auf hoher Zinne!“ wenn Ihr das seid, was Ommaausgeich „gute Christenmenschen“ genannt haette, dann koennt Ihr hier mitsummen und wisst, dass der naechste Vers uns verraet, wer oder was aufwachen soll: Die Stadt Jerusalem.
Womit bewiesen waere, dass der fadenscheinige Krawallhannes, der mich (und alle anderen) heute morgen um halb fuenf aufgeweckt hat, kein guter Christenmensch ist und ausserdem seine Psalme mal genauer lesen sollte. Da steht wohl nicht: Wach auf Du Stadt Bolgatanga.
Heute morgen dachte ich mit Wehmut an die Deutschen Schrebergaertner und Nachbarschaftsstreiter, die bei jedem lauten Pups die Polizei rufen und eine Anklage wegen Laermbelaestigung erheben wollen. Natuerlich hab ich das in Deutschland noch nie selbst gemacht und auch immer verachtet. Was ich dabei uebersehen hab, ist dass Karl Huber und Franz-Joseph Schneider die wahren Helden des stillen Alltags sind. Denn nur weil jeder ihre Anzeige und ihre Rechtsschutzversicherung fuerchtet, passiert es bei uns doch aeusserst selten, dass jemand frueh morgens dem Auftrag des heiligen Geistes gehorcht und aus dem Stehgreif ein Stuendchen oder zwei lautsprecherverstaerkt das Wort Gottes in die Wohngegend bruellt. So laut, dass bei mir selbst noch mit geschlossenen Fenstern und Ohrenstoepseln Bekehrgefahr bestand.
Aber zum Glueck ist mein Frafra nicht gut genug, um den Prediger zu verstehn, so dass ich dieser Bekehrung knapp entgangen bin. Morgenmuffel der ich bin, faende ich das auch aeusserst unpraktisch, zu einem Glauben bekehrt zu werden, der fruehmorgendliches Bruellen erfordert.
(Was ganz was anderes: Mein kanadischer Mitbewohner in Accra hat Deutsch gelernt. Er bezeichnet sich selbst jetzt immer selbst als Morgenmuffin.)
Mary laechelt
Ach was, Mary lacht so aus sich raus, dass sie fast stolpert. Gestern fragte ich sie: „Mary, bei Dir zu Hause, wie kochst Du da, Kohlenpoette?“ „Ja, Kohlenpoette.“ „Wenn ich aus Ghana weggeh, willst Du dann meinen Herd haben?“ „A! Sista Eva! Meinst Du das ernst?“ und ihre Stimme ueberschlaegt sich. „Als Du mir letztens (das muss zwei Jahre her sein) erzaehlt hast, was so ein Herd kostet, hab ich noch gedacht: Ach, klein Mary wird sich so nen schoenen Herd niemals leisten koennen, drei Millionen! Eine der Nachbarinnen sagt immer: Warte nur ab, wenn die weisse Frau nach Hause geht, wirst Du ganz viele Sachen kriegen! Aber Eva, da hab ich immer an die Teller und Tassen gedacht, und mich darauf gefreut.“ Vor lauter Freude haben wir die Haelfte meiner Mittagspause verkichert und sie hat grosse Geschichten aus dem wilden Kumasi erzaehlt.
Etwas ernster wurde es, als wir ein wenig ueber ihre Zukunft sprachen: Wenn ich weg bin, will sie den Ofen in der Innenstadt bei ihrer Mutter in den Hof stellen, eine Frau anstellen, die Fleischpasteten backen kann und so die Produktionslinie erweitern. Ich versuche, ihr ein wenig ins Gewissen zu reden zum Thema: „Wenn Du mal gross und erfolgreich werden willst, brauchst Du eine Vision!“ Da merkte ich, was fuer nen Quatsch ich da eigentlich erzaehlte und kriegte die Kurve grade noch. Als ich einen Satz mit: „Wenn Du ein ordentliches Leben fuehren willst und alle Deine Kinder zur Schule schicken...“ fingen Mary’s Augen ploetzlich wieder an zu glaenzen und sie nickte wie wild: „Genau! Das will ich!“
Montag, Juni 04, 2007
Einmal anfassen?
Chef sein in Afrika ist super. Man hat so ein ganz familiaeres Verhaeltnis zu seinen Angestellten und das ist gar nicht so unpersoenlich wie zu Hause. Wie toll, wenn ich gleichzeitig eine Art Mutter fuer meine Angestellten sein kann. Gestern zum Beispiel kam mein Wachmann zu mir und erzaehlte mir ausfuehrlich, warum es ihm im Moment nicht so gut geht, er habe da so eine Beule am Hintern, die ist jetzt schon sooo gross und ganz hart und voll mit so nem Zeug und wenn diese Beulen wachsen, dann hat er ploetzlich so Schweissausbrueche und so’n Zittern. Nein, im Krankenhaus war er damit noch nicht, da spritzen die einem was, das hilft aber nicht, statt dessen nimmt er nun dies und jenes Medikament. In so ner Situation wuerde ich meinem Wachmann gerne einen Tele-Arbeitsplatz in Timbuktu anbieten, nur um der Gefahr zu entgehn, dass er die Hosen runterlaesst und sagt: „Madam, guck doch mal, vielleicht kannst Du meine Hinternbeule ja behandeln.“
Samstag, Juni 02, 2007
Spirituelle Kammerjaeger
Als ich Mittwoch von der Arbeit nach Hause kam, fand ich folgenden Brief von Mary:
Please sister Eva am sorry to inform you I will be going to
Bitte Schwester Eva tut mir leid Dich zu informieren dass ich morgen nach Kumasi fahren werde ich hatte heute nachmittag einen Anruf von Evans (ihr Ehemann) er ist in Kumasi mit ihre Mutter fuer Gebete und der Pastor sagte er muss fuer alle Familienmitglieder beten um die Daemonen aus der Familie auszutreiben denn da ist immer Krieg in der Familie Schwester Eva bitte vergib mir ich werde Freitag wieder da sein. Bis dann, Mary Dein Maedchen.
Zu erst war ich verwirrt. Dann hab ich gedacht: Jaja, zu schwanger um zu kehren, aber auf nem Lastwagen durchs halbe Land fahren geht. Und dann hab ich mir die Daemonen vorgestellt... So kleine boesartige spirituelle Ratten, die alles anfressen und die Pest ins Haus bringen. Wenn ich Daemonenratten im eigenen Haus haette und Staub in Evas Haus und muesste mich entscheiden, worum ich mich als erstes kuemmer... Dann kann der Staub tatsaechlich mal ein paar Tage warten.
Huhn oder Ei oder wer
... war denn jetzt zuerst da? Hier in Bolga laufen so viele mad people rum, also Verrueckte. Wenn ich frage, was mit denen los ist, warum die halbnackt und verwirrt durch die Strassen irren, sich die Ohren zuhalten und mit sich selbst oder dem Himmel reden oder einfach nur strassengrabenfarben unbeweglich in der Ecke sitzen, sagen die Ghanaer: Das kommt vom Kiffen. Wenn man zu viel kifft, wird man so.
Dass das irgendwie nicht stimmen kann, war mir schon klar, es sei denn, hier wird ein ganz anderer Stoff geraucht als zu Hause. Aber gestern hat eine kanadische Bekannte mir die Geschichte endlich vom Kopf auf die Fuesse gestellt: Leute mit Psychosen und aehnlichen Problemen versuchen, sich irgendwie selbst zu behandeln und ihr Leiden zu erleichtern. In einer Welt in der Psychopharmaka und Therapien nicht vorkommen, kann Haschisch das gequaelte Hirn ein wenig beruhigen und dem Schmerz die Kanten nehmen.
Mittwoch, Mai 30, 2007
Friedlich
Nachdem ich gestern mit Laadi ueber deren letzten Besuch bei Talata geredet hab, bin ich mir sicher, dass Talata selbst beschlossen hat, dass es genug ist und dass sie gehn will. Als Talata hoerte, dass wir sie nicht nach Hause, sondern in ein anderes Krankenhaus schicken wollten, wurde sie wuetend und sagte: „Ich geh nach Hause!“ „In Ordnung“, sagte Laadi, „dann steh auf.“ In ihren letzten Tagen hatte Talata unkontrollierbaren Durchfall. Als sie sich mit Muehe im Bett aufgesetzt hatte, sagte Laadi zu ihr: „Wenn Du nicht mehr ins Bett machst, kannst Du nach Hause.“ Und noch waehrend Laadi das sagte, machte Talata das ganze Bett voll. Ein paar Stunden spaeter hat sie den einzigen Weg gewaehlt, auf sie aus dem Krankenhaus nach Hause fuehrte.
Wuetend
Ist das erlaubt? Fragen, die mich hier immer wieder beunruhigen: Wie viel darf ich von Leuten erwarten, die aermer sind als ich? Wie bloed darf ich eine fremde Kultur (manchmal) finden, wenn die Leute, die ihr angehoeren im Durchschnitt aermer sind als die Angehoerigen meiner eigenen Kultur.
Amerika zum Beispiel und die Amerikaner darf jeder ungestraft und ohne jemals da gewesen zu sein kulturell scheusslich finden. Kein Problem.
Aber die armen Frafras? Die koennen doch nicht anders, das ist doch ihre eigene wertvolle Orginalkultur, die niemand kaputt machen darf oder auch nur schlechtreden. Jajaja, ich finde Lehmhuetten auch charmant. Aber was mich rasend macht vor Wut und wo mir jedes interkulturelle Verstaendnis fehlt, ist dass man sich so lange versteckt, bis es Zeit fuer die Beerdigung ist. Ich war nicht bei Talatas Beerdigung gestern, weil ich nicht wusste, ob ich da hin gehoere. Aber der Ghanaer von Afrikids, der da war, war empoert: „Das Kalliber von Leuten, die auf der Beerdigung waren, die haetten das Problem ebenso selbst loesen koennen.“
Statt dessen haben sie aus der Ferne zugesehn, wie ihr Kind auf der Stasse bettelnd verhungert, haben gerne geglaubt, dass sie einen Fluch auf sich traegt, als Strafe fuer stehlen, sind nicht einmal mit ihr zum Arzt gegangen, um rauszufinden, warum sie so viel isst und niemals zunimmt. Denn schliesslich wollen nur boese Kinder immer Fleisch essen.
Und als die Weissen sich eingemischt haben, sind sie nicht aus ihren Verstecken gekommen, um das Maedchen wenigstens im Krankenhaus zu besuchen, was keinen Cedi kostet und nur ein gutes Herz erfordert. Oder einen Sinn fuer Verantwortung. Die Grossmutter – die ich wirklich gern hab – ist auch erst Teil der Geschichte geworden, als wir zusagten, alle Kosten zu tragen, selbst den Eimer und die Seife mit denen sich Talata waschen sollte. Zwei von Talatas Onkeln sind Prediger, die das Wort des Herrn in die Welt hinaustragen. Dankeschoen. Worte kann ich nicht essen und sie sollten sich mal was schaemen.
Dienstag, Mai 29, 2007
Ein Ende
Sie ist nicht wie ein Huhn gestorben, sondern wie ein Mensch. Umgeben von Menschen, die sich um sie gesorgt haben. Das ist alles, was wir fuer Talata erreichen konnten. Ist das nichts oder viel oder wenig? Vielleicht ist egal, ob das viel oder wenig ist, denn nun da es vorbei ist, ist es so und nicht anders.
Das Krankenhaus hatte sie gestern entlassen wollen und fuer transportfaehig erklaert. Auf unser Bitten liessen sie sich darauf ein, Talata bis morgen frueh zu behalten, dann wollten wir mit ihr in ein besseres Krankenhaus fahren, damit wir endlich rausfinden, warum es ihr nicht besser geht und ob ihre vielen verschiedenen Symptome vielleicht noch auf weitere Erkrankungen hinweisen. Jetzt koennen wir natuerlich sehn, dass all diese Symptome vor allem darauf hinwiesen, dass sie dabei war, zu sterben.
Darueber kann ich keinen farbenfrohen zu Traenen ruehrenden oder gar sozialkritischen blog schreiben. Sondern sitze still in meinem Haus, mein Kopf fuehlt sich so an, als hinge er in einem Aquarium und alle Worte sind schmutzig.
Montag, Mai 28, 2007
Gesittet leben ohne arme Ritter
Wenn ich morgens zur koerperlichen Ertuechtigung und zum Aufwachen durch mein Wohnzimmer tanze, bedaure ich manchmal, dass ich nicht mehr mit den wilden Jungs befreundet bin.
Natuerlich ist es auf die Dauer langweilig, sich zu betrinken, beim Betrinken zuzusehn und Abendunterhaltungen mit ewigen Variationen von zehn Phrasen (Yeah man! Cool man! Peace man! It’s not easy-o! Don’t try! – Ja Mann! Kalt Mann! Friede Mann! Ist nicht einfach-o! Versuch’s nicht mal!) zu bestreiten und dabei im Stil des Rastamanns die Faeuste aneinanderzustupsen und dann aufs Herz zu legen. Wobei die weibliche Begleitung noch nicht mal so viel sagen muss, sondern einfach nur dekorativ laecheln und sich entscheiden, wie weit sie mit trinken will…
Aber zum Tanzen gehn waren die wilden Jungs ungeschlagen, haben mich wie die Ritter in weisser Ruestung vor allen anderen wilden Jungs beschuetzt, sich als Tanzpartner abgewechselt und dafuer gesorgt, dass ich mich ganz ehrenhaft die ganze Nacht zu Musik amuesieren konnte. Und beim Tanzen redet man ja eh nicht.
Samstag, Mai 26, 2007
Elend: Nackt
In deutschen Krankenhaeusern sieht der Besucher dem Elend ins Gesicht. Aber nicht auf den Koerper. Der ist keusch im Nachthemd und unter der Bettdecke versteckt und bevor die Krankenschwestern ihn auspacken, wird der Besuch vor die Tuer geschickt. Und die Raeume, in denen fremde Patienten liegen, sind dem Besucherblick ohnehin entzogen.
In Ghana ist es einfach zu heiss. Und im Bolga Krankenhaus gibt es weder Klima-Anlage noch Ventilatoren in den Krankenzimmern. Wer koennte von den Kranken also erwarten, dass sie die Tueren schliessen und sich unter mehreren Lagen Stoff verstecken. Auf dem Weg zur eigenen Patientin seh ich also Frauen in unterschiedlichen Stadien des Leidens, deren Mitte provisorisch mit einem Tuch verdeckt ist, Brueste unterschiedlicher Laenge und Form liegen ohne Scham frei.
Wer hier ist, versucht nicht mehr, irgendeine Form zu wahren und mit tapferem Laecheln so zu tun, als sei er eigentlich ein Besucher, der sich nur einen Moment hingelegt hat.Wir haben keine Bypass-Patienten, die nur zackzack ihre Operation hinter sich bringen wollen, um dann zuegig wieder zurueck an ihren Schreibtisch zu eilen, keine Sportunfaelle kraftstrotzender junger Maenner, wo nur der Gips um Arm oder Bein einen Hinweis gibt, warum so ein gesunder Mensch im Krankenhaus ist.
Das Bolga Krankenhaus riecht nach Kranken, die Gebaeude selbst sehen krank aus. Und natuerlich schicken die Krankenschwestern die Besucher nicht raus, wenn sie die Patienten waschen. Denn das (Patienten waschen) ist nicht der Job einer Krankenschwester, das gehoert zu den vielen Aufgaben der Angehoerigen.
Als ich gestern bei Talata war, waren ihre Augen zum ersten Mal seit sie wieder im Krankenhaus ist, ganz offen. Und obwohl sie keinen Ton sagte und ihre Hand nicht bewegte, als ich sie in meine nahm, konnte ich sehn, dass ihre Augen mir aufmerksam folgten, waehrend ich mit ihr redete. Da sie wieder isst, traegt sie nun Windel. Das heisst: Ein olles Tuch ist um ihren Hintern gewickelt. Wenn es voll ist, geht Oma es waschen und wickelt Ihr das andere Tuch um. Omas Bitte: Ob es vielleicht moeglich waere, einen dritten Lumpen aufzutreiben, denn manchmal ist die erste Windel noch nicht trocken, wenn die zweite schon voll ist.
Kosi
Ein Junge bei Laadi hat sich einen ganz besonderen Weg in mein Herz gesucht. Von Kosi (wie auch immer der sich korrekt schreibt) hab ich vor laengerer Zeit mal geschrieben, er ist der Junge, der immer, wenn er krank war, gedraengt hat: Mama Laadi, lass mich betteln gehn, wenn ich schwach ausseh, bekomm ich besonders viel!
Inzwischen wird Laadi ja von Afrikids unterstuetzt und die Kinder muessen nicht mehr betteln gehn. Aber Kosi hat das Gesicht nicht verlernt, das er ziehen muss, um Dein Herz zu oeffnen. Er ist vielleicht 14 Jahre alt und hat alle moeglichen Probleme, die hier natuerlich nicht im Einzelnen diagnostiziert werden. In Europa wuerde man das vermutlich eine Lernschwaeche nennen. Was ebenfalls alles oder nichts bedeutet. Hier glaubt man, dass er wegen seiner Epilepsie zurueckgeblieben ist. Ob wegen seiner Behinderung oder wegen seiner Erfahrungen als Strassenkind, Kosi braucht unglaublich viel Koerperkontakt.
Sobald er beschlossen hat, dass wir Freunde sind, haengt er kontinuierlich an mir, wenn ich bei Laadis bin, haelt meine Hand, legt mir den Arm um die Schulter und versucht, mich zu Spass-Kaempfen zu animieren. Sein Lachen, wenn er mein Auto ankommen sieht, ist unbezahlbar. Er unterbricht jedes Spiel, kommt angelaufen und weicht mir nicht von der Seite.
Was wird aus ihm, wenn er ein erwachsener Mann ist? Wenn er mich jetzt anfasst, ist das ganz eindeutig so, wie ein Kind sich an eine Mutter kuschelt. Wird er irgendwann anfangen, Frauen als Frauen zu sehn und sie wie ein Mann anfassen wollen? Wenn er sich aergert oder frustriert ist, rastet er aus und schlaegt um sich. Noch ist er klein genug, dass er nicht viel Schaden anrichten kann, solange ein Erwachsener zur Stelle ist. Wird sich das auswachsen? Oder wird er ein gefaehrlicher Mann werden, den man nicht reizen sollte? Ich hoffe, dass es bei Laadi immer einen Platz fuer ihn geben wird, dass sie sich irgendeinen Job fuer ihn ausdenkt, damit er das Waisenhaus so lange sein zu Hause nennen kann, wie er das braucht.
Was ich an meinem Leben in Ghana so geniesse...
Ist, dass ich keinen Schlag im Haushalt tun muss. Ist das politisch inkorrekt? Muss ich behaupten, ich liebe es, Toiletten zu putzen und Geschirr zu spuelen? Das Schoene ist, dass hier jeder von den Reichen erwartet, so viele Jobs wie moeglich zu schaffen und ihren Reichtum zu verteilen. Schoen und gut, das waere also geklaert. Aber dann schau ich mich in meinem Haus in Bolga um... und fuehle mich in meine WG-Zeiten zurueckversetzt: Ich muss keinen Schlag im Haushalt tun, wenn es mir egal ist, dass ich im Chaos versinke. Langsam versteh ich, warum Ghanaische Haushalte ihre Hausmaedchen in hohem Bogen rausschmeissen, wenn die den Fehler machen, schwanger zu werden. Mary ist jetzt im sechsten Monat, traegt einen kleinen harten Kugelbauch vor sich her und muss ganz viel schlafen. Viel geschlafen hat sie ja immer waehrend der Arbeitszeit, und das macht auch nichts. Dafuer hat sie ihre eigene Matraze und eine Person macht ja auch nicht so viel Dreck, dass man jeden Tag der Woche den ganzen Tag beschaeftigt ist. Aber... ich beobachte mich dabei, das Klo zu putzen, weil es zu fies ist und hab irgendwie das Gefuehl, irgendwas stimmt hier nicht. Nachdem ich durch eine ganze Galerie von Gefuehlen zu diesem Thema gegangen bin, von Aerger bis Mitgefuehl fuer ihre Situation und zurueck zum Ekel beim Anblick meines Klos, hab ich beschlossen, mich heute morgen mit ihr hin zu setzen und nach einer Loesung zu suchen. Auf Ghanaische Art: Das und das ist mein Problem. Hast Du eine Idee, was wir tun koennen? Ich bin gespannt.
Ein paar Stunden spaeter: Die Mutter wird lachen, wenn sie das liest: Meine Putzfrau wird eine Putzfrau einstellen. Sie bot an, ein Viertel ihres Lohnes fuer eine Frau aufzubringen, die fuer sie kehrt und waescht. Und weil ich so ein weiches Herz hab und weil fuer mich zehn Euro nichts sind und fuer sie ein Viertel des Monatslohns, hab ich angeboten, dass wir halbe-halbe machen. So treffen wir uns auf halber Strecke zwischen Prinzip und Grosszuegigkeit.
Triple Combination
Heute koennte man mit mir den Ostertisch eines Altenheims dekorieren. Oder Ghanaer begeistern, die mein Stilempfinden fuer eine weisse Frau aussergewoehnlich finden. Nun, „aussergewoehnlich“ im Sinne von „oh, das schmeckt ja interessant“ wuerden mich die meisten weissen Frauen unter siebzig wohl auch finden.
Also: Ein schwarzer Rock mit weissen Blumen, dazu eine weisse Bluse mit schwarzen Blumen, geknotet ueber ein pinkfarbenes Traegertop, meine Schuhe hochhackige Plastikdinger mit Blumenmuster in verschiedenen Pastelfarben, Grundfarbe pink. Dazu als dezentes Farb-Echo ein rosanes Perlenarmband und Lippenstift im gleichen Farbton. Weil ich nicht zu aufgetakelt wirken will, hab ich auf meinen rosa Lidschatten mal verzichtet. Ihr seht was fuer eine clevere Dreifachkombination das ist:
Schwarz-weiss mit weiss-schwarz...
Pink mit pink und rosa...
Blumen in allen moeglichen Farben und Formen miteinander...
Ob die mir das im Schweigekloster (s.u.) auch wieder abgewoehnen koennen, wenn ich zurueck nach Deutschland will?
Freitag, Mai 25, 2007
Wer feiern kann...
Ein ganzer Kontinent ausgeschaltet. Stellt Euch das mal vor. Heute ist der Feiertag der Afrikanischen Union und der ganze Kontinent nimmt sich frei. Der ganze? Natuerlich nicht, wie kann ein Bauer einen Feiertag begehen, wenn die Regenzeit grade angefangen hat und das Feld zur Saat vorbereitet werden muss? Sagt der Viehhirte seinen Kuehen: Heute ist Feiertag, Ihr koennt sehn, wo Ihr bleibt! Wieso will ein Geschaeftsmann Feiertag spielen, wenn er genauso gut Geld verdienen kann? Nehmen sich die Frauen alle einen Feiertag und schleppen kein Wasser und Holz, kochen kein Essen, kehren keinen Boden, brauen kein Bier? Also noch einmal, und diesmal korrekt: Heute ist African Union Day und in ganz Afrika sind die Regierungsbueros geschlossen. Heute arbeiten die Beamten nicht. Und ich werde mir jeden zynischen Kommentar verkneifen und nicht sagen: Heute ist ein Tag wie jeder andere...
Donnerstag, Mai 24, 2007
Wer ich noch bin
Heute fuehlte ich mich irgendwie so unverbunden, dass ich gedacht hab, ich kann ja mal im Internet nachschaun, ob ich noch da bin. Google findet so schoene Saetze wie: „Eva Schiffer beschaeftigt sich mit dem Lebenssinn...“ und „Eva Schiffer: Miss Schiffer’s school for young Ladies of Quality“ (Fraeulein Schiffers Schule fuer Ladies von Qualitaet). „Oben auf der Sprossenleiter: Eva Schiffer!“ „Now it’s time to start balancing the budget, said Eva Schiffer“ (Nun ist es Zeit das Budget auszugleichen, sagte Eva Schiffer). Also ist ja alles ok und mich gibt es haeufig genug.
Das Leben ist kein Roman - zum Glueck
Gestern hab ich ploetzlich verstanden, warum ich einen blog aber keinen Roman schreiben kann: Dem Leben faellt gar nicht auf, wenn ich den Ueberblick verliere, es schlingelt und schlaengelt sich trotzdem einfach so weiter, ab und zu schau ich hoch und es ist wieder was passiert. Wenn ich das einfach nur abschreibe reicht das schon, dass meine Geschichte in sich Sinn macht... Ab und zu taucht Marys Kugelbauch auf und ohne dass ich rechnen muss, wird sie nach neun Monaten niederkommen. Talata liegt weiterhin im Krankenhaus und kaempft mit dem Leben, dem Tod und dem ganzen Rest, ab und an schafft sich Douglas ein neues technisches Spielzeug an und wenn seine Aufnahmepruefung erfolgreich ist, wird er ab September studieren. Manche Akteure verlassen den blog, so zum Beispiel meine Hunde, die gestern von ihrem eigentlichen Besitzer abgeholt und nach Kenia verschleppt wurden... In einem Roman koennte ich all diese Handlungsstraenge nie unter Kontrolle halten und als Leser wuerdet Ihr Euch immer wieder fragen, wer die Protagonisten verschleppt hat. Auf der anderen Seite ist vieles in diesem blog (und meinem Leben) tatsaechlich wie in jenem schlechten vergesslichen Roman, den ich nicht schreiben werde. Ihr fragt Euch vielleicht: Aber wo ist denn Marys Baeckerei? Das frag ich mich auch. Oder: Und was macht Radiomann? Das einzige, was ich von ihm sehe, ist dass er sich versteckt...
Mittwoch, Mai 23, 2007
Was ich nicht mehr seh
Aufgewacht
Dienstag, Mai 22, 2007
Sekundenbeichte
Douglas sagt: „Du solltest Privatdetektivin werden!” Manchmal sieht es wirklich so aus, als wuerden Leute auf mich zu rennen, mir schnell ihr schlimmstes Geheimnis erzaehlen und dann wieder ins Auto springen und abhauen. Heute morgen an der Tankstelle wurde mir Abduhls Onkel vorgestellt. Abduhl ist Douglas’ bester Freund.
Wir schuettelten Haende, er sagte, dass er Jahre in Deutschland gelebt habe und erzaehlte mir in einem Gespraech, das weniger als zwei Minuten dauerte, dass er zwei Kinder mit einer deutschen Frau gehabt hat, die beide gestorben sind, eines nur elf Tage nach der Geburt und dass die Frau depressiv wurde und die Beziehung daran zerbrach.
Als er wegfuhr sass ich mit offenem Mund da. Ich erzaehlte das Douglas, weil ich einfach so verwirrt war und er stockte: „Ich wusste gar nicht, dass er Kinder hatte.“
Montag, Mai 21, 2007
Ich Hure
Heute war ich beim Oberarzt, um mich zu prostituieren. Dabei hab ich meine Beine nicht breitgemacht und meine Kleidung anbehalten. Schutzig hab ich mich danach trotzdem gefuehlt.
Meine Aufgabe war es, meinen Freund den Herrn Doktor darauf aufmerksam zu machen, dass das arme Maedchen Talata eine reiche Goennerin und Tante hat (mich) und deshalb so gut wie moeglich behandelt werden soll. Und im zweiten Schritt sollte er davon ueberzeugt werden, dass wir ihn und sein Krankenhaus nicht beleidigen, wenn um eine Ueberweisung in ein anderes Krankenhaus bitten.
Also durfte ich nicht sagen: Ihr „behandelt“ sie schon ein halbes Jahr lang und das Ergebnis ist in Eurer Abstellkammer zu besichtigen. Sondern musste ihm eine verwirrte Geschichte darueber erzaehlen, wie schwierig es ist, die Omma zu ueberzeugen, waehrend der Regenzeit an Talatas Bett zu sitzen, statt auf dem Feld zu arbeiten und dass es im Missionskrankenhaus ja ehrenamtliche Helfer gibt, die das uebernehmen usw. Ich hab arg betont, dass ich armes Voegelchen ja auch nicht weiss, was medizinisch notwendig ist, schliesslich ist er ja der Gott in Weiss und ich nur Staub auf seinem Kittel. Dann kam es wieder ueber mich und ich hab ein zwei Saetze darueber gesagt, was ich denke, was medizinisch als naechstes passieren muesste... um dann wieder zusammenzuzucken und etwas Duemliches zu sagen, damit klar ist, dass ich seine Kompetenz nicht anzweifle. Und natuerlich musste ich betonen, dass ich hier bin, weil mein Herz so weich ist (etwa so weich wie meine blondbelockte Birne) und mich das Leiden dieses Maedchens so beruehrt, dass ich einfach nicht an mich halten und meinen Geldbeutel auf machen muss.
Nach einer halben Stunde waren wir endlich so weit, wie ich kommen wollte, er hatte seinen Stationsarzt ebenfalls herbeordert und ihm alle moeglichen Anweisungen gegeben und akzeptiert, dass wir Talata verlegen, sobald sie transportfaehig ist. Zum Abschied bot ich noch an, dass wir irgendwann auch mal zusammen ein Getraenk nehmen sollten und dabei gar nicht ueber Krankheiten sprechen... Als ich da raus kam, hatte ich das dringende Beduerfnis, meine Haende mit Seife zu waschen. Aber Laadi war am Telefon so erleichtert, als ich ihr von dem Gespraech erzaehlte, dass ich dachte, das ist es wohl wert...
Krankenhausbericht (drei Stunden spaeter)
Taxi rufen, zum Krankenhaus, in der Frauenabteilung nach Talata suchen, die schicken mich zur Notaufnahme, von da ist sie aber schon auf die Intensivstation verlegt worden. Intensivstation? Ja, so nennen die das. Von selbst waere ich nicht darauf gekommen, dass diese Abstellkammer, in der sich kaputte Baenke und Betten stapeln, eine Intensivstation ist. Auf dem Boden liegt Talata auf einer Plastikmatratze. Daneben sitzt eine alte einaeugige Frau auf einem Plastikstuhl. Ich haette nicht gedacht, dass das noch moeglich ist, aber seit ich sie das letzte Mal gesehen hab, hat Talat noch Einiges abgenommen, ihre nackten Beine sind mit Haut bespannte Stoecke, an denen riesige Fuesse haengen, ein Tuch bedeckt ihre Mitte, aber was ich darunter ahnen kann, erinnert mich an diese Fotos befreiter KZ-Haeftlinge, wo man sich fragt:Wie kann jemand so tot aussehn und noch rumlaufen? Nun, Talata laeuft nicht. Sondern liegt mit halb offenem Mund und halb offenen Augen... im Koma? Im Schlaf? Irgendwo dazwischen? Ploetzlich beginnt sie zu stoehnen und versucht, sich rumzuwaelzen, als haette sie Schmerzen, dann gaehnt sie mit riesigem Mund und stoehnt noch einmal, bevor sie wieder wie ausgeschaltet still liegt. Ihr magerer Brustkorb hebt und senkt sich, sie atmet noch.
Was sich seit meiner Abreise aus Bolga veraendert hat: Die Frau auf dem Stuhl. Das ist ihre Grosstante (oder Grossmutter). Sie haelt Wache und haelt ihre Hand fest, wenn Talata Gefahr laeuft, sich den Tropf rauszureissen. Wir koennen einander kein Wort sagen, denn ich spreche noch immer kein Frafra. Unsere einzige Verbindung ist meine Hand auf Talatas rechter Schulter und ihre Hand in Talatas linker Hand, Beruehrungen, mit denen wir das Maedchen zu beruhigen versuchen wenn sie stoehnt – oder uns selbst, wenn wir den Anblick nicht mehr ertragen koennen.
Aber natuerlich braucht Talata mehr als Luft und Liebe. Eine Bluttransfusion, sagen die Aerzte. Aber leider hat das Krankenhaus seit drei Wochen kein Blut mehr und ausserdem braucht Talata 0+, was nicht leicht zu finden ist. Also schickt Laadi die groesseren Kinder ins Krankenhaus, um sich testen zu lassen, aber eins nach dem anderen wird weggeschickt mit nutzlosem A oder B. Ihr Angebot, trotzdem zu spenden, fuer andere Patienten, wird abgewiesen. Zwar hat man kein Blut, aber wenn man einfach so Blut spenden will, muss man einer bestimmten buerokratischen Prozedur folgen, das geht nicht am Sonntag. Als ich mich von Talata und Oma verabschiedet hab und beim Labor ankomme, um mein Blut testen zu lassen, faellt leider der Strom aus und der Generator des Krankenhauses versorgt nur das Haupthaus, nicht das Labor. Also Schluss mit Helfen fuer heute, die Patientin muss sich halt ein Bisschen zusammenreissen und warten, bis wieder Strom da ist. Dankeschoen. Auf wiedersehn.
Ghanaische Loesung?
Heute sagt Laadi: „Na, wenn sie stirbt, stirbt sie wenigstens nicht wie ein Huhn, sondern wie ein Mensch, der von anderen Menschen geliebt wird…” Und ich sah mal wieder, dass das Leben an all den Orten, an denen ich nicht bin, trotzdem weitergeht. Talata war in der Zwischenzeit von Laadi’s zu ihrer Grossmutter umgezogen. Fuer das Waisenhaus war eine eigensinnige jugendliche Diabetikerin eine zu grosse Last, sie selbst wollte gerne zu Oma und nachdem wir versprochen hatten, fuer die Kosten aufzukommen, war Oma auch einverstanden. Eine Krankenschwester im nahen Gesundheitszentrum sollte das Insulin in ihrem Kuehlschrank kuehlen und fuer regelmaessige Injektionen sorgen. Dann war ich in Accra und in Korfu, Debbie zog aus Bolga nach England zurueck und wir beide sagten uns: Wir muessen akzeptieren, dass es eine Ghanaische Loesung gibt, denn selbst wenn die nicht ideal ist, ist es die einzige, die langfristig halten kann...
Waehrend wir weg waren, gab es ein gemischtes Bild: Die Grossmutter und die Krankenschwester gaben sich ernsthafte Muehe, wenn Talata nur nicht dauernd Malaria kriegte, sich uebergeben muesste und so weiter. Gestern Abend konnte mich Laadi nicht erreichen. Und als wir heute endlich sprachen, war Talata wieder im Krankenhaus, weil sie kollabiert war. Die Geschichte, wie Laadi sie erzaehlt, ist verwirrend, eine Kombination aus verschleppter Malaria und Unterzuckerung, weil sie alles erbricht. Nun suchen sie einen Blutspender, um Talata eine Transfusion zu geben, die sie wieder aufpaeppeln soll...
Soll das tatsaechlich die Ghanaische Loesung sein? Dass sie umsorgt stirbt statt ausgestossen? Oder dass sie alt und grau wird, aber sich dabei von einer Krise zur naechsten hangelt?
Bombe werfen!
Ins Regionalkrankenhaus. Das scheint mir manchmal eine angemessene Reaktion.
Als ich auf Reisen war, hatte Mary Malaria. Mit Malaria geht man hier ebensowenig ins Krankenhaus, wie zu Hause mit ner fiebrigen Erkaeltung. Wenn Mary also sagt: „Und dann sind wir nachts ins Krankenhaus gefahren...“, weiss ich, das war arg. Noch dazu sollte man Malaria vermeiden, wenn man schwanger ist, weil die koerperliche Belastung zu Frueh- und Fehlgeburten fuehren kann.
Also sind Mary und ihr Mann im Krankenhaus angekommen und sofort... Nein, vergesst alle Szenen aus „Emergency Room“ oder „Schwarzwaldklinik“. Sofort passierte gar nichts. Bis sich eine der Schwestern endlich dazu bequemte, den beiden mitzuteilen, dass sie genau so gut wieder ins Taxi steigen und nach Hause fahren koennen. Hier wird gestreikt, wer sterben will, soll bitte woanders hin gehn. Warum gestreikt? Weil die Aerzte ne Gehaltserhoehung bekommen haben! Das find ich auch unverschaemt, denn die verdienen im lokalen Vergleich eh schon fies viel. Und arbeiten lausig, wenn ueberhaupt. Streiken weil jemand eine Gehaltserhoehung bekommt? Ja: Die Schwestern haben die Arbeit niedergelegt, denn sie wollen auch mal.
Was blieb Mary anders uebrig? Taxi finden, nach Hause fahren und hoffen und beten, dass alles gut geht... Kein Wunder, dass Religion hier so wichtig ist, irgendwas muss man ja tun, wenn man nix tun kann. Am naechsten Morgen fuhren sie dann in eine Privatpraxis, wo man Mary gleich ne Infusion legte und sie erstmal fuer drei Tage da behielt.
Jetzt ist sie wieder rund und gesund und eine durchreisende belgische Frauenaerztin hat mich beruhigt: Wenn die Schwangere die Malaria gut ueberstanden hat und wieder gesund ist, besteht keine weitere Gefahr fuer das Baby, Mutter und Kind gehn zurueck auf Los und ziehn keine 4000 ein – neue Chance, neues Glueck! Es darf gefroeschelt werden!
Dienstag, Mai 15, 2007
Fluggesellschaft auf Ghanaisch
Auf meinem Rueckflug nach Ghana passierte, was ich immer als schrecklichsten Ernstfall ansah: Ich hatte mein Buch nach einer Stunde ausgelesen und noch fuenf buchlose Flugstunden vor mir. Das wuerde mich vermutlich umbringen. Vor allem da der Flug tagsueber und ich kein Stueck muede war. Auf jeder anderen Strecke waere ich auch ab Stunde drei zwischen Platzangst und Langeweiletod hin und her getigert. Nach Ghana aber schickt KLM die fliegende WG-Party. Nachdem ich mit den beiden Leuten, die neben mir sassen, genug geredet hatte, hab ich mich in die Kueche neben den Nudelsalat gestellt und jeden neuen Gast gefragt, woher er welchen der Gastgeber kennt und ihm die gefuellten Tomaten empfohlen. Nein. Gelogen. Aber neben den Toiletten stand ein Getraenkewagen angekettet, das war quasi die Bar und da stand ich nun und lernte kennen:
Die ghanaische Krankenschwester, die seit 20 Jahren in den USA wohnt, nach Ghana zurueckkommt, um ihren ploetzlich verstorbenen Lieblingsbruder zu beerdigen, gerne bald in die alte Heimat zurueckziehn moechte, weil ihr Amerika auf den Geist geht und die darauf besteht, dass wir bei meinem naechsten Aufenthalt Washington unbedingt was zusammen unternehmen sollen. Das da hinten ist ihr Sohn. Einmal winken bitte.
Den niederlaendischen Bewegungstherapeuten, der in Ghana einen Geschaeftspartner treffen will, mit dem er ein Zentrum fuer Bewegungstherapie, afrikanischen Tanz, Kunst und traditionelle Heilkunst aufmachen will. Ich schlage ihm vor,mit den Afro-Amerikanern zu reden, die das Paradies am Meer fuehren und Rueckkehrzeremonien fuer entwurzelte Amis veranstalten, die vermuten, dass ihre Vorfahren aus Ghana verschleppt wurden.
Den deutschen Pro Sieben Mitarbeiter, der fuer einen Kurztrip nach Ghana kommt, um sich mit den Freunden zu treffen, die sich drei Jahre frei genommen haben, um nach Kapstadt zu radeln und der sich am liebsten die Kante geben wuerde, weil Schalke schon wieder nicht Meister wird.
Den jungen Steward mit dem direkten Draht zum Cockpit, wo man wiederum direkten Zugang zum aktuellen Fussballgeschehen hat, der selbst Ajax Amsterdam Fan ist, aber das Leiden des Schalkers mit vollem Herzen nachvollziehen kann.
Die Englaenderin, die fuer eine kleine wohltaetige Organisation zum ersten Mal Ghana bereist, um zu sehn, wie Sozio-Drama fuer laendliche Entwicklungsprogramme genutzt wird.
Die Amerikanische Medizinstudentin, die Amerika noch nie verlassen hat und nun in einem Krankenhaus in Ghana Sichelzellenanaemie und Malaria erforschen wird.
Den Ghanaer, der seit 8 Jahren in Muenchen wohnt, fuer eine Mobilfunkfirma arbeitet, bayerisches Deutsch spricht aber die Bayern eher bloed findet und bald, sehr bald nach Ghana zurueckkehren will, um in die Landwirtschaft einzusteigen und dem ganzen Technologiekram den Ruecken zu kehren. Als ich ihn frage: Was wirst Du vermissen, wenn Du aus Deutschland weggehst, schweigt er ehrlich.
Dann musste ich mich anschnallen und die Sitzlehne aufrichten, die Party war vorbei, willkommen in Ghana.
Und wenn ich wieder nach Deutschland ziehe, muss ich zur Re-Sozialisation erstmal nen Monat ins Schweigekloster.
Sonntag, Mai 13, 2007
Viel Laerm um Fisch
Wusstet Ihr eigentlich, wie laut Tauchen ist?
Ich hatte mir das immer so vorgestellt, wie schweigend und schwankend vorm Aquarium sitzen. Von wegen. Erstmal ist das natuerlich viel kaelter als auf meiner Veranda in Ghana, wo das Aquarium steht. Vor allem, wenn man viel zu klein fuer den Tauchanzug ist und an den Arm- und Beinmanschetten staendig kaltes Wasser nachfliesst. Das ist, als wollte ich mit meinem Koerper das ganze Mittelmeer auf 36 Grad erwaermen, und wie mein Tauchlehrer richtig bemerkt, kann das wohl ne Weile dauern.
Und dann dieses ganz laute Blubbern. Die einzige Moeglichkeit, das abzustellen, ist nicht mehr zu atmen – was einem auf die Dauer auch den Spass verdirbt.
A propos Spass: Dieser erste Tauchgang meines Lebens war ganz wunderbar, hinreissend und abenteurelich – wenn man von Laerm und Kaelte einmal absieht. Ist der Mensch nicht ausgebufft, sich sowas auszudenken, womit man unter Wasser atmen kann und dabei schweben wie im Flugtraum... Und alle anderen – also die Fische und ihre Freunde – schweben um einen herum, als waere das eine ihrer leichtesten Uebungen (was es streng gesehen ja auch ist, die einzige Uebung, die sie zur Perfektion beherrschen)
Muessen, koennen, wollen
Muss ich das wirklich noch dazu sagen? Dass das Mittelmeer so blau ist, als waer es gefaerbt. Dass die Kumquats, Oliven und Kaese schmecken, wie ein Schlag ins Gesicht (so intensiv, nicht so schmerzhaft), dass die Sonne im Mai grade zwischen freundlich und heiss ist und die Bewohner des Fischmarktes in allen Farben glitzern laesst, waehrend sie hinreissend fischfrisch riechen, dass wir ueber die weissen Segel hinweg die schneebedeckten Kuppen Albaniens sehen und die Luft wimmelt von genuegend Schwalben fuer mehr als einen Sommer. Dass die Olivenhaine sich ueber steile Haenge hangeln und mit Blumenwiesen gepolstert sind, an denen sich Schafe und Ziegen erfreuen. Muss ich, nein kann ich wirklich fassbar beschreiben, wie schoen es hier ist? Vermutlich nicht. Deshalb versuch ich’s nicht mal.
Jetzt lieb ich Alexandros noch mehr
Denn er hat mich auf seinem Motorrad im lauen Fruehlingswind in die Stadt gefahren, mir auf dem Markt gezeigt, wie man an Fischkiemen, Augen und Oktopusfarbe die Frische erkennt, von Bergtee, Pilzsuche und dem ganz anderen Korfu seiner Kindheit erzaehlt und natuerlich von seiner Mama. Wir haben Kaffee getrunken und vom Blau des Meers geschwaermt und mediterran gelassen den Tag verschludert...
Ganz wie in dem mythologischen Griechenland, fuer das ich in Athen meine weiss-schwarzen Schuhe gekauft hab: Ganz so? Nein, denn wir trugen Helm und fuhren risiko-arm. Ich trug flache bequeme Schuhe und hab weder gekichert noch mein Haar in der Gegend rumgeworfen.
Und Alexandro fuehrte lange Handy-Gespraeche mit seiner Freundin in Holland, wodurch klar war, dass der Tag kein: „Lass uns zum Strand gehn“-Ende haben wuerde. Vielleicht bin ich durch Ghana arg gepraegt – aber ich bin doch immer wieder beeindruckt, wenn ich Maenner treffe, die mit Frauen einfach so freundschaftlich umgehn, ohne nach wenigen Saetzen heiraten zu wollen...
Mittwoch, Mai 09, 2007
Ich liebe Alexandros
Meine Mutter findet griechische Maenner bloed. Und bislang hatte ich auch das Gefuehl, die sind etwa genau so oelig wie das griechische Essen, das mich massiv enttaeuscht hat: Alles, was nicht bei drei auf den Baeumen ist, wird gnadenlos in grossen Mengen Olivenoel und Knoblauch ertraenkt... Aber dann...
Dann kam Alexandros. Der hier an der Strandpromenade ein Lokal hat, das genau so aussieht, wie alle anderen... was mich da rein gelockt hat, war, dass auf der Speisekarte neben 0815 fuer Englaender das ein oder andere ungewoehnliche Gericht stand. Als ich bestellen wollte, erklaerte er mir mit sinnlicher Begeisterung die einzelnen Zutaten. Wenig spaeter sass ich summend und laechelnd ueber meinen Nudeln mit getrockneten Tomaten, an denen nichts ungewoehnlich oder angeberisch war, ausser, dass sie perfekt schmeckten.
Danach musste ich mir mit einem langen Spaziergang durch die Huegel die Zeit vertreiben und neuen Hunger rechtfertigen, bevor ich abends wieder kommen durfte und er mir von seiner Kuechenchefin zwei Teller liebevoller vegetarischer Einzelheiten anrichten liess, zwei Gabeln voll gegrilltem Pilz mit getrockneter Tomate und geraeuchertem Kaese, vier gegrillte Zwiebelringe, ein Kaesepastetchen so gross wie eine halbe Spielkarte usw. - grade genug, dass ich einen Bissen vor Magenfuelle fertig war. Was gut war, denn das Gefuehl ist so viel schoener als Ueberfressenheit.
Und ausserdem hatte er fuer einen englischen Freund zwei Fische zubereitet, ein Thunfischsteak in Balsamico und einen unbekanten flachen butterzarten Fisch in seinem eigenen Geschmack ohne Sperenzien. Die beiden luden mich an ihren Tisch ein, und so konnte ich nun zu Fisch weiter summen und laecheln. Nach einem langen stillvergnuegten Abend sagte Alexandros „10 Euro“. Als ich protestierte, denn das macht ueberhaupt keinen Sinn, zuckten ihm ganz leicht die Mundwinkel, auf eine Art, die sagt: „Maedel, ich bin der Chef hier, wenn ich fuer Dich umsonst kochen will, ist das meine Sache.“
Capuccino riechen
Ich bin die Kinokitschfilmheulerin. Manchmal sogar die Rosmarin-in-koechelnder-tomatensauce-Heulsuse. Deshalb sei mir hoffentlich verziehen, dass ich ploetzlich mittem im charmelosen Konferenzhotel auf Korfu Traenen in den Augen hab, als meine Nase an meinem Capuccino vorbeischwenkt und stoppt und ich guten echten Kaffee, warme Milch und Zimt rieche. Nein, in Ghana vermisse ich Lebensmittel nicht mehr aktiv wie am Anfang, wo ich lang und breit ueber Creme Fraice oder Parmesan fantasieren konnte. Und ich bin stolz auf meine Erfindung der Auto-Kaffeemaschine, wo ich eine Plastikflasche unter die Windschutzscheibe klemme, so dass die Sonne meinen Nescafe erwaermt. Den ich mir im Buero auch literweise kalt reinkippe. Aber... Ich bin noch nicht verloren. The real thing beruehrt mich noch.
Laut reden, viel rauchen, Fingernaegel rot lackieren und fies essen
Das sind meine ersten griechischen Eindruecke auf dem Flughafen von Athen. Gegenueber sitzt ein Mann, der isst waehrend er raucht und jedesmal, nachdem er sich einen grossen Bissen ins Maul geschoben hat, leckt er Gabel und Messer ab. Da merke ich, dass ich inzwischen gelernt hab, dass es in Ghana beim Mit-den-Fingern-essen sehr gute Manieren gibt, Dinge, die man auf jeden Fall oder auf keinen Fall tun sollte, also nicht die linke Hand benutzen und nicht plappern und inzwischen finde ich einen ordentlich mit den Fingern sezierten Fisch so viel appetitlicher als Messerlecken. Und zu rauchen, wo gegessen wird, wuerde dem gottesfuerchtigen Ghanaer wohl nicht einfallen (in der Ghanaischen Bibel hat Gott irgendwann gesagt, dass rauchen ihm nicht gefaellig sei...)
Der Mythos lebt (und schmerzt die Fuesse)
Griechenland hat fuer mich, genau wie Italien, diese stark mythologische Dimension. Damit meine ich nicht die Zeit vor zwei-drei-viertausend Jahren. Nein, beide Laender sind in meiner Welt so stark verbunden mit den mythologischen 50er und 60er Jahren – die ich offensichtlich nicht miterlebt hab, aber trotzdem das Gefuehl hab, mich daran erinnern zu koennen. So wie wir alle fuehlen, wir waeren schonmal in New York gewesen, dabei waren wir nur zu oft im Kino. Ich erinnere mich an das Griechenland aus der Zeit als unsere Imbiss-Besitzer in Dueren noch jung und feurig waren und ihre schlanken Frauen mit schwarzweiss gepunktetem Glockenrock und blondiert-toupiert durch ihre Doerfer spazierten.
Zu Ehren meiner geklauten Erinnerung habe ich mir am Flughafen in Athen weissschwarze Schuhe gekauft, die hervorragend zu einem meiner Kostuemchen passen und mir mal wieder den Titel: „Most overdressed conference participant“ (am staerksten uebergetakelte Teilnehmerin?) einbringen werden, den ich bei meinen Forscherkollegen einfach verteidigen kann.
Und Korfu gibt sich grosse Muehe, dem Mythos gerecht zu werden: Das Hotel, in dem ich eine Besenkammer bewohne, stammt aus jenen grossartigen Tagen der Baugeschichte, die Gaeste sind groesstenteils aus Deutschland und waren gemeinsam mit meinen Imbissbesitzern jung und schoen, in der Bar tanzen Eingeborene zum zustimmenden Gejohle der Gaeste ihre Eingeborenentaenze wie eh und je.
Ich dagegen bin heute morgen auf dem Weg zum Konferenzzentrum gnadenlos inder Gegenwart angekommen. Auf halber Strecke musste ich einsehen, dass meine hochhackigen hellblauen Kaenguruhwildlederschuhe einfach nicht fuer Fussmaersche gemacht sind und mich dazu herablassen ein absolut gegenwaertiges Produkt zu kaufen: Treckingsandalen mit siebzehn Klettverschluessen. Und noch dazu die nachgemachte Billigversion aus China, mit einem Logo, das die Idee des Nike-Logos spiegelt. Welch eine Schande fuer mein Stilgefuehl. Welch eine Wohltat fuer meine zeitgeschichtlich geschundenen Fuesse. Vor dem Eingang hinterm Busch hab ich natuerlich wieder auf „Most overdressed“ geschaltet und die Schlappen in der Aktentasche versteckt.
Freitag, April 27, 2007
Haben wir uns Koeln nur ausgedacht?
Ob es ueber Castrop Rauxel oder Hildesheim ein Lied gibt, wissen nur die, die da aufgewachsen sind. Fuer Bochum gibt es DAS Bochum Lied und es ist Groenemeier zu verdanken, dass Bochumer Fussballfans musikalisch viel Komplizierteres meistern muessen, als Oleoleoleole... Aber Koeln. Ich koennte von morgens um sechs bis abends zum Stromausfall Koeln-Lieder hoeren und waere immer noch nicht am Ende angekommen.
Ham wir se noch alle? Ist das ein kollektiver sich selbst verstaerkender Wahn? Haben wir’s einfach so lange wiederholt, bis alle andern gesagt haben: „Jaja, schon ok, ich glaub’s ja, dass Koeln was ganz Besonderes ist. Zufrieden? Koennen wir jetzt mal von was anderem reden?“ Worauf wir dann ganz schlau folgerten: “Siehste, die sagen auch Koeln ist besonders!“
Ich liege von Hitze erschlagen auf meinem Sofa, hoere die koelschen Lieder, die Herr F. mir geschickt hat und bin lokalpatriotisch verwirrt. Wenn mich hier jemand fragt, wo ich herkomme, sag ich aus Koeln (wer wuerde Dueren zugeben, wenn’s nicht sein muss?), trag zu meiner Arbeit jeden Tag die Tasche, die sagt „Koelnerin“ und schwaerme immer davon, wie speziell und anders die Leute zu Hause sind.
Aber ploetzlich sagt mir eine Stimme im Hinterkopf: In den zwei Jahren in Ghana hab ich ein ziemlich ueberzeugendes Ghanaisches Englisch gelernt, mit all den harschen Toenen und gramatikalischen Kreativitaeten, das sprech ich als kaem’s direkt aus meinem Blut. Aber den Dialekt meiner vielbesungenen Heimat? Den kann ich ja nichtmal ueberzeugend nachmachen! Das reicht hoechstens, um in Accra auf dem Sofa zu sitzen, mitzusingen und mir einzubilden, dass ausgerechnet Karnevalslieder die Wahrheit sagen..
Ob ich wohl, wenn ich es irgendwann mal schaffen sollte, zwei Jahre in der Suedstadt zu wohnen, auch diesen fremden Akzent so in mich aufsaugen wuerde, wie mein Schottisches, Suedafrikanisches, Ghanaisches Englisch? Bis ich mich fast so anhoere, als kaem ich von da?
Dienstag, April 24, 2007
Trunkenbold
Manchmal stolper ich hier fern der Heimat in meinem Kopf ueber deutsche Woerter, die laengst auf der roten Liste stehn und denke: Was fuern schoenes Wort. Und Trunkenbold gehoert dazu. Natuerlich wissen wir heute alle, dass wir dem gleichen Kerl den Namen einer Krankheit geben muessen, dass es sich um einen Alkoholiker handelt und nicht um einen Raufluemmel. Aber irgendwie, wenn ich mir meinen kleinen Tagwaechter anschau, das ist und bleibt ein Trunkenbold. Aber ueber den Tagwaechter hab ich nur nebenbei nachgedacht, denn die Heldin dieser Geschichte ist seine Frau.
Vor Monaten haben die beiden mich um einen Kredit gebeten, damit die Frau sich selbstaendig machen kann, statt auf der Baustelle Zement zu schleppen, weil Maenne nie Geld mit nach Hause bringt. Kann er ja nicht. Muss er ja versaufen. Das Geld war laengst von Wachmanns Gehalt abgezogen und zurueckgezahlt und vergessen, als Mary vor ein paar Tagen sagte: Weisst Du, dass Wachmannfrau immer noch im Geschaeft ist? Sie kocht morgens und abends Essen, das sie im Viertel verkauft und ist in der Gegend die Einzige, die das macht. Ihrem Mann hat sie die 500 000 Startkapital (50 Euro) sogar zurueckgezahlt.
Ich war beeindruckt. Und froh, dass helfen manchmal so einfach und schmerzlos ist, dass man’s gleich danach vergessen hat. Mary hat meine Gruesse offensichtlich ausgerichtet, denn heute Abend stand Wachmannfrau in meinem Garten, um mich um einen weiteren Kredit, diesmal fuer Saatgut, zu bitten. Da hab ich gesagt: „Madam, das geb ich Ihnen gerne. Sie haben mit dem letzten Geld so gut gewirtschaftet, dass ich mich freue, dass Sie wieder hier sind.“ Vielleicht sollte ich mich nach meiner Rueckkehr bei der Kreissparkasse bewerben...
Das Beruehren der Figueren...
mit den Pfoten ist verboten...
Gestern hab ich mich endlich getraut, meine Hand auf Marys kleinen Fussballkugelbauch zu legen, um zu sehn, was da so los ist. Um sie davon abzulenken, dass ich mir das rausnehme, fragte ich sie: „Ist das hier auch so, dass schwangere Baeuche ploetzlich oeffentliches Eigentum werden und jeder denkt, er darf mal fuehlen?“ Sie guckte mich geschockt an: Nur die Frau und ihr Ehemann. Bei allen anderen hast Du Angst die legen nur ihre Hand auf Deinen Bauch, um danach Juju (boesen Zauber) mit Deinem Kind zu machen, damit das krank wird oder stirbt.
Da ist es wieder, das grundlegende Misstrauen, das diese Gesellschaft durchdringt.
Warum sollte Frau Nengelken von Gegenueber so nen Aufwand betreiben und extra nach Birkesdorf zum Zauberer fahren und dem viel Geld bezahlen, nur damit mein Baby stirbt? Hat die nichts Besseres zu tun? Aber die Logik geht ja hier rueckwaerts: Mein Baby ist gestorben. Also muss irgendwer es umgebracht haben. Dann mach ich Ehnemehnemuh mit allen, die mir die Hand auf den Bauch gelegt haben und schon weiss ich, wer’s war.
Und weil natuerlich wirklich kein normaler Mensch auf die Idee kaeme unschuldige Babys durch Handauflegen zu toeten, ist damit bewiesen, dass Frau Nengelken eine Hexe ist, die das aus Bosheit tut oder weil sie von Daemonen besessen ist. Was wiederum rechtfertigt, dass sie vertrieben oder getoetet werden muss. Ganz logisch oder?
Montag, April 23, 2007
„Scheissnormales oedes Wochenende in Bolga“
Das ist der Name des Theaterstuecks, das Debbie und ich letztes Wochenende aufgefuehrt haben.
Publikum: Wir selbst.
Schauspieler: Wir selbst.
Die Kritiker (ebenfalls wir selbst) sagen: Nicht sehr ueberzeugend.
Denn in Wirklichkeit war das Debbies letztes Wochenende in Bolga. Sie fliegt zurueck nach England um Ihr Leben dort nach zwei Jahren Abwesenheit mit neuem Elan in die Haende zu nehmen. Und wir bleiben hier und laecheln tapfer. Debbie und ich haben in den letzten Jahren viel darueber gescherzt, dass wir – bis auf ein paar unwichtige da koerperliche Details – hier als Ehefrau und Ehefrau zusammenleben, zwar mit getrennten Haeusern, aber ein normaler Tag begann haeufig mit einem Morgentelefonat, ging weiter mit gemeinsamem Mittagessen, nachmittags haben wir am Telefon die neusten Neuigkeiten ausgetauscht und besprochen, was wir denn am Abend unternehmen... also, ob wir bei ihr essen und einen Film gucken oder nur einen Film gucken oder nur essen. Oder vielleicht in der Kneipe nebenan essen. Und keinen Film gucken. Wilde Abende in Bolga.
Jetzt kann ich die meine Abende in Bolga damit verbringen, zu ueberlegen, ob ich mir den rechten Finger ins linke Ohr stecke oder den linken Finger ins rechte oder den rechten ins rechte und gleichzeitig den linken ins linke oder vielleicht sogar ausprobieren, ob ich es schaffe mir den kleinen Finger der linken Hand ins rechte Ohr zu stecken, waehrend ich mir den Daumen der gleichen Hand ins linke Ohr stecke. Wilde Abende in Bolga.
P.s.: Letzte Version funktionniert nicht. Aber mit viel Geduld und Brutalitaet sehe ich eine Chance fuer Daumen und Ringfinger. Falls Eure Lebenssituation der meinen gleicht, bin ich gespannt auf Erfahrungsberichte.
Sonntag, April 22, 2007
Nen Fuss machen
Ommausgeich haette darunter vermutlich die Zeugung eines rothaarigen Jungen (=Fuss im Geicher Dialekt) verstanden. In Ghana ist „Making a fuss“ eine der Kulturtechniken, die ich erst langsam lerne. Und das nach ueber zwei Jahren.
Freitag morgen am Flughafen in Accra. Ich hatte am Vortag ein Ticket nach Tamale gekauft und bezahlt, war aber trotzdem nicht auf der Liste der Fluggaeste. Gemeinsam mit 10 anderen. Was bei einem 17sitzer Flugzeug doch arg ins Gewicht faellt.
Waehrend ich mit traurigen Augen am Schalter lehnte und hoffte, damit das Herz des Schicksals zu erweichen, sprach mich ein Leidensgenosse an, der schon die ganze Zeit einen unglaublichen Tanz veranstaltete, seine WICHTIGKEIT, die WICHTIGKEIT seines Meetings, jedermanns INKOMPETENZ, bellte und wedelte er auf und ab. Irgendwann sagte er leise zu mir: „You have to make a fuss or you will never get a seat!“ (Du must nen Aufstand machen, sonst kriegst Du nie nen Platz!)
Meine Guete, ich komme doch aus einer Gegend, wo man nicht verhungert, wenn man sich hinten anstellt, wo man den Kopf schuettelt, wenn sich einer aufspielt und es irgendwie zum guten Ton gehoert, zu warten, bis man dran ist. Und dann komm ich ja ebenfalls aus dem Land, wo es die Deutschen mit dem knallroten Kopf gibt, die sich in den Enden der Welt aufspielen, als haetten sie das Land gepachtet und alles muesste nach ihrer roten Nase gehn, die sich immer und ueberall betrogen fuehlen und stolz sind, wenn sie’s denen mal wieder gezeigt haben. Ich bin doch so stolz auf meine konfliktvermeidende, weichgespuelte, kulturell vertraegliche Freundlichkeit, und Du Ghanaer raetst mir, ich soll mich aufspielen? Na gut. Wennste meinst. Dann mal los:
„Naechstes Mal nehm ich ein Trotro, da ist der Service zuverlaessiger als bei Eurer Fluglinie! Meine WICHTIGKEIT! Die WICHTIGKEIT meines Meetings! Wie kann sowas nur passieren? Was mach ich denn jetzt? Mit all meiner WICHTIGKEIT. Die kann ich doch in die Tonne kloppen ohne Sitzplatz! Kikerikie! Wuffwuff!“
Am Ende bekamen Mister Oberwichtig, Doktor Eva und ein Kirchenmann im langen Gewand mit seiner Begleitung die Plaetze derer, die nicht punkt 10 zum Einchecken da waren. Der Kirchenmann hatte es gut, der musste nicht kraehen, sondern nur freundlich mit dem Kreuze wedeln und seine WICHTIGKEIT ward von hoechster Stelle bestaetigt.
Donnerstag, April 19, 2007
Knappes Fazit des Agnes-Besuchs
Eva: Ich hab noch nie so viele Pflanzen gesehn.
Agnes: Ich hab noch nie mit so vielen Einheimischen gesprochen.
Agnes und Eva: Wieso, war doch ganz normal...
Mittwoch, April 18, 2007
Ihr habt ja alle keine Ahnung!
Und das ist nicht mal Eure Schuld. Ich rede ja hier nicht ueber meine Arbeit. Sondern lieber ueber die anderer Leute. Aber manchmal muss auch eine Ausnahme von der Regel erlaubt sein. So wie vor etwa einem Jahr, als ich hier von einem Hirngewitter schrieb und davon, wie selten Forscher bei ihrer Arbeit eigentlich neue Gedanken denken muessen oder duerfen. Nun, ein Jahr spaeter ist die Idee Fleisch (bzw. Holz) geworden und ich zittere vor Begeisterung (oder wirkt die Malaria Medizin etwa nicht und ich bin in einem Fiebertraum???).
Am ersten Mai werde ich auf eine Konferenz von Netzwerkspezialisten nach Korfu fahren und wo alle anderen wilde Computerakrobatik praesentieren, wird Eva aus Dueren bzw aus Bolga (Koenigin der Kleinstaedte) spezialangefertigte Mensch-Aerger-Dich-Nicht-Figuren im Gepaeck haben und Muehlesteine, die man wie Lego ineinander stecken kann. Das Ganze kommt in einer schoenen Kiste, auf der „NetMap: Influence Network Mapping Toolbox“ steht und ist eine Werkzeugkiste, mit der man analysieren kann, wer in irgendeine Aktivitaet verwickelt ist und welche Netzwerke, Machtverhaeltnisse und Ziele sie haben.
Daran haben wir nun nach dem Hirngewitter im afrikanischen Busch ein Jahr lang mit Keksdose und zusammengewuerfelten Figuren rumgewurschtelt, absolut umwerfende Reaktionen von unseren Interview-Partnern erhalten, die ploetzlich die Welt ganz anders verstehn und was in Korfu in meinem Hotel auf mich warten soll, ist der Prototyp einer Kiste, die schlussendlich produziert und verkauft werden soll, so dass es am Ende ganz leicht ist, fuer Forscher aber noch mehr fuer normale Menschen, Einflussnetze zu malen und zu verstehn und miteinander zu diskutieren.
Malaria? Hatte ich als Kind staendig!
Im Selbstversuch werde ich nun herausfinden, ob die Malaria, die man im fruehen Faulheitsstadium mit Chemie erschlaegt, gar nicht erst ausbricht und mich die Drogen wieder fleissig machen.
Freitag, April 13, 2007
Sich mit fremden Traenen schmuecken
Donnerstag, April 12, 2007
Talata aus der Ferne
Jetzt ist Debbie zurueck in Bolga und ich bin immer noch in Accra. Das heisst, dass ich den Luxus hab, Debbie aus der Ferne Mut zuzusprechen, statt selbst zwischen Krankenhaus, Waisenhaus und Privatklinik hin und her zu hetzen. Im Krankenhaus passierte gar nichts, ausser, dass sie Talata immer wieder erlaubten, Zuckerbrot und andere Leckereien zu essen, die nicht fuer Diabetiker geeignet sind. Und weil sie ueber Lungenschmerzen klagte, haben sie angefangen, Malaria zu behandeln. Ohne sie vorher getestet zu haben, ob sie ueberhaupt Malaria hat. Nicht, dass ich jemals gehoert haette, dass Lungenschmerzen ein Symptom fuer Malaria sind. Aber ich wuerde mich auch nicht wundern, wenn sie anfingen, gebrochene Beine mit Chloroquin zu behandeln...
Seit Montag ist sie nun wieder bei Laadi: Als sie aus dem Krankenhaus ins Waisenhaus fuhr, war sie ganz aufgeregt und voller Leben. Um dann bei der Ankunft gleich zusammenzubrechen. Die Achterbahnfahrt geht weiter. Heute war sie nur noch ein heulendes Haeufchen Elend, klagte weiterhin ueber Brustschmerzen und dass ihre Beine brennen wie Feuer. Also zu dem Arzt, der die Privatpraxis leitet, die seit kurzem ebenfalls im Besitz von Afrikids ist. Da wird sie wahrscheinlich ein paar Wochen bleiben und vielleicht ja sogar ordentlich untersucht werden. Und behandelt.
Gestern hat der erste edle Spender 10 Pfund bei Justgiving gespendet und eine komplett irrationale Sekunde lang hatte ich das Gefuehl: Dann wird ja alles gut...
Austreibung der Suenden im Paradies
Agnes und ich liessen uns ganz frueh am Morgen mit einem Holzboot auf den paradiesisch stillen Volta rudern. Als wir das Kanu bestiegen, standen vier Ghanaer mit weissen langen Gewaendern und einem grossen schweren Kreuz am Ufer. Hinter ihnen scheu versteckt eine junge Frau. Die Herrschaften begruessten unseren Bootsfuehrer lachend und wir stachen in den See. Als wir draussen waren, meinte er: „Also, ich finde das ja nicht gut, wie die immer taufen... das ist nicht richtig.“ Dann erzaehlte er uns voller Abscheu und Faszination, dass die Priester gleich alle Suenden aus dieser jungen Frau rauspruegeln werden, die sie danach splitternackt im Volta von sich abwaschen wird, waehrend die Herren Priester zuschaun, um sicherzustellen, dass auch alles mit rechten Dingen zugeht. „Die sind neu.“ Sagt er, und meint damit diese religioese Gruppe. Letzte Woche hat er sie zum ersten Mal beobachtet und war schockiert, wie die Priester auf ihren Schuetzling einschlugen und erzaehlte, dass die zu Taufende sich doch irgendwann beschwerte...
Und waehrend er sich vor Abscheu schuettelte, konnte er sich einfach nicht losreissen, und haette ich kein Machtwort gesprochen, hatte sich unsere Stunde auf dem See komplett auf einer Stelle abgespielt. Als wir von unserer Tour zurueckkamen, stellte sich heraus, dass der Hotelbesitzer die Glaubensbrueder in der Zwischenzeit weggejagt hatte. Unser Ruderer versuchte, seine Enttaeuschung darueber zu verbergen, dass es heute kein Bad der nackten Geschundenen zu sehen gab.
Samstag, April 07, 2007
Strom-Rechnung
Dieses Wort hat in den letzten Monaten hier eine andere Bedeutung bekommen. Um mich rum versuchen alle, mit den komplizierten regelmaessigen und zusaetzlichen Stromausfaellen Schritt zu halten und eine Formel zu finden, die ihnen hilft, den naechsten Tag oder die naechste Nacht ohne Strom vorauszusagen. Ich glaube, dass sich die Menschheit in zwei Gruppen aufteilen laesst: Die eine Haelfte bittet die Folterknechte um eine genaue Terminabsprache und einen detaillierten Folterplan im Voraus, damit sie sich schonmal darauf einstellen kann (Darauf einstellen? Wie soll das bitteschoen gehn? Vielleicht mit den mitgelieferten Daumenschrauben ein wenig rumspielen und sich mit dem Gefuehl anfreunden?), waehrend die andere Haelfte das Folter-lose Glueck geniessen will, als sei es endlos, und das Elend erst reinlaesst, wenn es an die Tuer klopft... Nein, meine Freunde hier verstehen nicht, warum ich mich der Strom-Rechnung verweigere...
Theoretisch haben wir glaube ich alle drei Tage abwechselnd eine Nacht oder einen Tag lang keinen Strom. Praktisch vergessen die Stromabschalter oft, das Ganze wieder anzuschalten und scheinen sich etwa so haeufig in den Tagen zu verzaehlen wie ich. Und dann gibt es noch tausend technische Gruende oder Ausreden, warum zwischendurch alles fuer ein paar Stunden stillsteht. Das Ganze wird damit begruendet, dass der Volta See (60% unserer Stromproduktion) zu wenig Wasser hat und Ghanas Wirtschaft zu schnell waechst und deshalb immer mehr Strom verbraucht. Naja, das Problem mit dem schnellen Wirtschaftswachstum laesst sich sicher damit eindaemmen, dass alle Fabriken, Bueros etc. regelmaessig lahmgelegt werden.
Accra ist in Stadtviertel aufgeteilt, die an verschiedenen Tagen abgeschaltet werden. Ploetzlich erhoeht es die Produktivitaet, wenn man weit von seiner Arbeit entfernt wohnt: Wenn im Buero kein Strom ist, fahr ich zum Arbeiten nach Hause. Schon lange beneide ich meinen Mitbewohner nicht mehr dafuer, dass sein Buero direkt um die Ecke ist. Aber ich kann kaum nachts zum Schlafen ins Buero fahren. Also versuche ich, so leicht im Bett zu liegen, dass ich die Matratze nicht beruehre, bade im eigenen Schweiss und hoere voll wuetendem Neid dem Laerm der Generatoren zu, die in der Nachbarschaft Ventilatoren, Klima-Anlagen und Gluehbirnen antreiben. Wenn in einer solchen Nacht auch noch die Froesche beschliessen, es ist Zeit fuer ein Gartenkonzert, dann... Ja was dann? Gar nix. Was soll ich dann auch tun? Dann lieg ich weiter im Schweisse meines Angesichts und schau der Zeit beim Verstreichen zu.
Freunde nicht essen
Auf der Fahrt nach Accra unterhielt ich mit mit Fahrer Mark ueber die unterschiedlichen Verwendungsmoeglichkeiten fuer Hunde. „Ach, es vergeht kein Wochenende, wo mich nicht einer meiner Freunde zum Hunde-Essen einlaedt!“, sagt er genuesslich grinsend und wundert sich ueber Weisse, die mit ihrem Hund zum Arzt gehn, ihn fuer ihren besten Freund halten und bei dem Gedanken, ihn zu essen, in Traenen ausbrechen. „Wie schmeckt Hund eigentlich?“ frage ich. „Wie Katze.“, sagt er und damit waere das ja auch geklaert. Katze gibts aber viel seltener, die meisten Leute moegen keine Katzen halten, weil die immer kommen und einem um die Beine streichen. Warum das so schlimm ist, kann ich nicht wirklich aus ihm rausbekommen: Weil sie Angst vor irgendeiner Katzenmagie haben, oder weil sie ungern jemanden essen, der kurz vorher noch zaertlich zu ihnen war? Fuer die seltenen festlichen Gelegenheiten, wo einer der Kumpels eine Katze ergattern konnte, gibt es eine feste Regel: Wer den Kopf haben will, muss eine Flasche (Whisky) spendieren. Gibt es Tiere, die er nicht isst? Esel und Pferde, denn die arbeiten so hart fuer uns. Und Affen, denn die haben unseren Vorvaetern im Krieg geholfen, Wasser zu finden. Deshalb isst er, wenn er im Sueden ist, nie Fleisch sondern nur Fisch. Die Ashante lieben Affenfleisch und wer weiss, was da alles durch den Eintopf schwimmt...
Freitag, April 06, 2007
Was gut ist
Donnerstag, April 05, 2007
Was tun!
Nun, fuer dieses Problem gibt es jetzt eine Loesung. Wie Ihr wisst, haben Debbie und ich versprochen, sie nun finanziell zu unterstuetzen - ohne wirklich geahnt zu haben, was da auf uns zu kommt. Falls Ihr da einen kleineren oder groesseren Beitrag leisten wollt, Talata hat nun ihre eigene website, wo ihr direkt und ohne Umwege fuer sie spenden koennt: http://www.justgiving.com/talata
Vielen herzlichen Dank. Auch fuer die vielen ermutigenden emails und sms der letzten Tage.
Mittwoch, April 04, 2007
Is hier was gebacken?
Diese Frage musste ich nun seit meiner Rueckkehr im Januar meist mit nein beantworten. Irgendwie war Mary die Baeckerei aus dem Blickfeld geraten. Ueber Weihnachten hat sie (wie letztes Jahr) wenig verkauft und viel verschimmeltes Brot weggeworfen. Daraufhin eine Pause gemacht. Dann hatte ihre Schwiegermutter einen Schlaganfall und Mary musste sich neben der Arbeit im Haus ploetzlich um Ehemann, Schwiegermutter und fuenf minderjaehrige Kinder von Schwiegermutter kuemmern und war taeglich zum Umfallen muede und verzweifelt.
Schleichend wurde aus der Backpause ein Zustand und seit Anfang letzten Monats ist der Ofen zwar abbezahlt und gehoert ihr ganz, blieb aber aus. Da hab ich Zustaende gekriegt und ihr das Versprechen abgepresst, Ende des Monats wieder zu backen und gleich dem Geschaeft in der Stadt Bescheid gesagt, damit der Rueckzieher schwieriger wird.
Heute: Kontrollanruf! Juhuu. Sie klingt wieder wie eine stolze Geschaeftsfrau und gleich gestern kaufte eine Frau das Brot, die in unserer Gegend ein kleines Geschaeft hat. Die Dame rief sie an, um eine Bestellung fuer ihr Geschaeft aufzugeben. Und Mary ueberlegt, ein kleines Maedchen einzustellen, das fuer sie das Brot ausfahren kann, denn mit dicker werdendem Bauch ist das in dieser Hitze kein Scherz.
Dienstag, April 03, 2007
Entkommen
Vielleicht werde ich mein Ohrenschweiss-Problem doch noch in den Griff bekommen und nicht von einem Hungeropfer aufgefressen werden. Ich sitze nun in meinem paradisischen Haus in Accra, vom Schreibtisch schau ich auf meinen gruenen Garten, die Hitze ist mild und ich bin grade nochmal in einem Stueck davongekommen. Wie gut, dass diabetische Strassenkinder retten nur mein Hobby ist und sich meiner Arbeit unterordnen muss. Und die Arbeit sagt: Du musst nach Accra.
Sonntag hat Talata noch ein letztes Mal all ihre Ueberlebenstalente an mir ausprobiert. Der Grund, warum sie so lange ueberlebt hat, ist dass sie auf Kommando so gotterbaermlich aussehen kann, dass man alles fuer sie tun wuerde. Sie hatte morgens nichts gegessen, hielt sich den eingefallenen Bauch in Schmerzen und wand sich ziemlich schweigsam auf ihrem Plastikbett. Schliesslich brachte ich sie dazu, zu nicken, als ich Brot sagte. Also in die Stadt fahren, Brot und Bananen kaufen, wiederkommen und sie weigert sich zu essen. Ich steck ihr die geschaelte Banane fast in die Nase, so sehr draenge ich sie, doch wenigstens einen Bissen zu essen. Nein, von fester Nahrung kriegte sie nur mehr Bauchschmerzen. Nach viel hin und her und mit Hilfe der Schwestern kamen wir dem Problem naeher: Im Krankenhaus verbieten sie ihr Milch und sie will Milch. Schliesslich sagte ich zu den Schwestern: Besser Milch als nichts und ging ein zweites Mal los. Als ich zurueckkam hatte sie ploetzlich alle Bananen und einen Teil ihres Mittagessens verschlungen (nur die Staerke, sonst nichts) und sah halbwegs munter aus. So ein Luder. Und ich sah sie schon sterben. Dann trank sie ne halbe Dose Buechsenmilch und als Zeichen ihrer Dankbarkeit lies sie sich von mir ein wenig Brot reinzwingen (wobei ich aufpassen musste, dass sie die Krumen nicht in ihren Kissen versteckte). Soviel zum Thema: Ausgewogene Ernaehrung ist der Grundpfeiler der Diabetiker-Behandlung.
Debbie sagt: „Sie ist wie eine Drogensuechtige, die kaum frei entscheiden kann, von ihren alten Vorlieben zu lassen“. Das kann man unterschiedlich verstehn. Man kann sagen: Sie kann ja irgendwie nichts dafuer, dass sie nicht tut, was gut fuer sie ist, denn die Sucht ist staerker als die vernuenftige Entscheidungsfaehigkeit. Und ich denke da ist was Wahres dran und wir muessen sehn, wie man den Entzug am besten organisiert. Aber es bedeutet auch: Erwarte alles von ihr, was Du von einem Junkie erwarten wuerdest, erlaub ihr nicht, Dein Herz in ihren mageren Fingern auszuquetschen.
P.s.: Keine Angst, wir haben sie nicht verstossen. Wir sind immer noch mitten im Prozess eine langfristig funktionnierende Loesung zu organisieren. Aber es ist grossartig, so weit weg zu sein, dass ich nicht fuer sie in der Stadt rumfahren kann, selbst wenn ich wollte.
P.p.s.:Zum Ohrenschweissproblem hatte ich gestern Nacht eine interessante Erfahrung, als die Fernbedienung meiner Klimaanlage grade dann den Geist aufgab, als sie auf eiskalt eingestellt war. So hab ich mich in meine Winterjacke gewickelt und mir die Ohren abgefroren. Schweisslos. Mitten in Afrika)

