Montag, Mai 21, 2007

Bombe werfen!

Ins Regionalkrankenhaus. Das scheint mir manchmal eine angemessene Reaktion.

Als ich auf Reisen war, hatte Mary Malaria. Mit Malaria geht man hier ebensowenig ins Krankenhaus, wie zu Hause mit ner fiebrigen Erkaeltung. Wenn Mary also sagt: „Und dann sind wir nachts ins Krankenhaus gefahren...“, weiss ich, das war arg. Noch dazu sollte man Malaria vermeiden, wenn man schwanger ist, weil die koerperliche Belastung zu Frueh- und Fehlgeburten fuehren kann.

Also sind Mary und ihr Mann im Krankenhaus angekommen und sofort... Nein, vergesst alle Szenen aus „Emergency Room“ oder „Schwarzwaldklinik“. Sofort passierte gar nichts. Bis sich eine der Schwestern endlich dazu bequemte, den beiden mitzuteilen, dass sie genau so gut wieder ins Taxi steigen und nach Hause fahren koennen. Hier wird gestreikt, wer sterben will, soll bitte woanders hin gehn. Warum gestreikt? Weil die Aerzte ne Gehaltserhoehung bekommen haben! Das find ich auch unverschaemt, denn die verdienen im lokalen Vergleich eh schon fies viel. Und arbeiten lausig, wenn ueberhaupt. Streiken weil jemand eine Gehaltserhoehung bekommt? Ja: Die Schwestern haben die Arbeit niedergelegt, denn sie wollen auch mal.

Was blieb Mary anders uebrig? Taxi finden, nach Hause fahren und hoffen und beten, dass alles gut geht... Kein Wunder, dass Religion hier so wichtig ist, irgendwas muss man ja tun, wenn man nix tun kann. Am naechsten Morgen fuhren sie dann in eine Privatpraxis, wo man Mary gleich ne Infusion legte und sie erstmal fuer drei Tage da behielt.

Jetzt ist sie wieder rund und gesund und eine durchreisende belgische Frauenaerztin hat mich beruhigt: Wenn die Schwangere die Malaria gut ueberstanden hat und wieder gesund ist, besteht keine weitere Gefahr fuer das Baby, Mutter und Kind gehn zurueck auf Los und ziehn keine 4000 ein – neue Chance, neues Glueck! Es darf gefroeschelt werden!

Dienstag, Mai 15, 2007

Fluggesellschaft auf Ghanaisch


Auf meinem Rueckflug nach Ghana passierte, was ich immer als schrecklichsten Ernstfall ansah: Ich hatte mein Buch nach einer Stunde ausgelesen und noch fuenf buchlose Flugstunden vor mir. Das wuerde mich vermutlich umbringen. Vor allem da der Flug tagsueber und ich kein Stueck muede war. Auf jeder anderen Strecke waere ich auch ab Stunde drei zwischen Platzangst und Langeweiletod hin und her getigert. Nach Ghana aber schickt KLM die fliegende WG-Party. Nachdem ich mit den beiden Leuten, die neben mir sassen, genug geredet hatte, hab ich mich in die Kueche neben den Nudelsalat gestellt und jeden neuen Gast gefragt, woher er welchen der Gastgeber kennt und ihm die gefuellten Tomaten empfohlen. Nein. Gelogen. Aber neben den Toiletten stand ein Getraenkewagen angekettet, das war quasi die Bar und da stand ich nun und lernte kennen:

Die ghanaische Krankenschwester, die seit 20 Jahren in den USA wohnt, nach Ghana zurueckkommt, um ihren ploetzlich verstorbenen Lieblingsbruder zu beerdigen, gerne bald in die alte Heimat zurueckziehn moechte, weil ihr Amerika auf den Geist geht und die darauf besteht, dass wir bei meinem naechsten Aufenthalt Washington unbedingt was zusammen unternehmen sollen. Das da hinten ist ihr Sohn. Einmal winken bitte.

Den niederlaendischen Bewegungstherapeuten, der in Ghana einen Geschaeftspartner treffen will, mit dem er ein Zentrum fuer Bewegungstherapie, afrikanischen Tanz, Kunst und traditionelle Heilkunst aufmachen will. Ich schlage ihm vor,mit den Afro-Amerikanern zu reden, die das Paradies am Meer fuehren und Rueckkehrzeremonien fuer entwurzelte Amis veranstalten, die vermuten, dass ihre Vorfahren aus Ghana verschleppt wurden.

Den deutschen Pro Sieben Mitarbeiter, der fuer einen Kurztrip nach Ghana kommt, um sich mit den Freunden zu treffen, die sich drei Jahre frei genommen haben, um nach Kapstadt zu radeln und der sich am liebsten die Kante geben wuerde, weil Schalke schon wieder nicht Meister wird.

Den jungen Steward mit dem direkten Draht zum Cockpit, wo man wiederum direkten Zugang zum aktuellen Fussballgeschehen hat, der selbst Ajax Amsterdam Fan ist, aber das Leiden des Schalkers mit vollem Herzen nachvollziehen kann.

Die Englaenderin, die fuer eine kleine wohltaetige Organisation zum ersten Mal Ghana bereist, um zu sehn, wie Sozio-Drama fuer laendliche Entwicklungsprogramme genutzt wird.

Die Amerikanische Medizinstudentin, die Amerika noch nie verlassen hat und nun in einem Krankenhaus in Ghana Sichelzellenanaemie und Malaria erforschen wird.

Den Ghanaer, der seit 8 Jahren in Muenchen wohnt, fuer eine Mobilfunkfirma arbeitet, bayerisches Deutsch spricht aber die Bayern eher bloed findet und bald, sehr bald nach Ghana zurueckkehren will, um in die Landwirtschaft einzusteigen und dem ganzen Technologiekram den Ruecken zu kehren. Als ich ihn frage: Was wirst Du vermissen, wenn Du aus Deutschland weggehst, schweigt er ehrlich.

Dann musste ich mich anschnallen und die Sitzlehne aufrichten, die Party war vorbei, willkommen in Ghana.

Und wenn ich wieder nach Deutschland ziehe, muss ich zur Re-Sozialisation erstmal nen Monat ins Schweigekloster.

Sonntag, Mai 13, 2007

Viel Laerm um Fisch


Wusstet Ihr eigentlich, wie laut Tauchen ist?

Ich hatte mir das immer so vorgestellt, wie schweigend und schwankend vorm Aquarium sitzen. Von wegen. Erstmal ist das natuerlich viel kaelter als auf meiner Veranda in Ghana, wo das Aquarium steht. Vor allem, wenn man viel zu klein fuer den Tauchanzug ist und an den Arm- und Beinmanschetten staendig kaltes Wasser nachfliesst. Das ist, als wollte ich mit meinem Koerper das ganze Mittelmeer auf 36 Grad erwaermen, und wie mein Tauchlehrer richtig bemerkt, kann das wohl ne Weile dauern.

Und dann dieses ganz laute Blubbern. Die einzige Moeglichkeit, das abzustellen, ist nicht mehr zu atmen – was einem auf die Dauer auch den Spass verdirbt.

A propos Spass: Dieser erste Tauchgang meines Lebens war ganz wunderbar, hinreissend und abenteurelich – wenn man von Laerm und Kaelte einmal absieht. Ist der Mensch nicht ausgebufft, sich sowas auszudenken, womit man unter Wasser atmen kann und dabei schweben wie im Flugtraum... Und alle anderen – also die Fische und ihre Freunde – schweben um einen herum, als waere das eine ihrer leichtesten Uebungen (was es streng gesehen ja auch ist, die einzige Uebung, die sie zur Perfektion beherrschen)

Muessen, koennen, wollen


Muss ich das wirklich noch dazu sagen? Dass das Mittelmeer so blau ist, als waer es gefaerbt. Dass die Kumquats, Oliven und Kaese schmecken, wie ein Schlag ins Gesicht (so intensiv, nicht so schmerzhaft), dass die Sonne im Mai grade zwischen freundlich und heiss ist und die Bewohner des Fischmarktes in allen Farben glitzern laesst, waehrend sie hinreissend fischfrisch riechen, dass wir ueber die weissen Segel hinweg die schneebedeckten Kuppen Albaniens sehen und die Luft wimmelt von genuegend Schwalben fuer mehr als einen Sommer. Dass die Olivenhaine sich ueber steile Haenge hangeln und mit Blumenwiesen gepolstert sind, an denen sich Schafe und Ziegen erfreuen. Muss ich, nein kann ich wirklich fassbar beschreiben, wie schoen es hier ist? Vermutlich nicht. Deshalb versuch ich’s nicht mal.

Jetzt lieb ich Alexandros noch mehr


Denn er hat mich auf seinem Motorrad im lauen Fruehlingswind in die Stadt gefahren, mir auf dem Markt gezeigt, wie man an Fischkiemen, Augen und Oktopusfarbe die Frische erkennt, von Bergtee, Pilzsuche und dem ganz anderen Korfu seiner Kindheit erzaehlt und natuerlich von seiner Mama. Wir haben Kaffee getrunken und vom Blau des Meers geschwaermt und mediterran gelassen den Tag verschludert...

Ganz wie in dem mythologischen Griechenland, fuer das ich in Athen meine weiss-schwarzen Schuhe gekauft hab: Ganz so? Nein, denn wir trugen Helm und fuhren risiko-arm. Ich trug flache bequeme Schuhe und hab weder gekichert noch mein Haar in der Gegend rumgeworfen.

Und Alexandro fuehrte lange Handy-Gespraeche mit seiner Freundin in Holland, wodurch klar war, dass der Tag kein: „Lass uns zum Strand gehn“-Ende haben wuerde. Vielleicht bin ich durch Ghana arg gepraegt – aber ich bin doch immer wieder beeindruckt, wenn ich Maenner treffe, die mit Frauen einfach so freundschaftlich umgehn, ohne nach wenigen Saetzen heiraten zu wollen...

Mittwoch, Mai 09, 2007

Ich liebe Alexandros


Meine Mutter findet griechische Maenner bloed. Und bislang hatte ich auch das Gefuehl, die sind etwa genau so oelig wie das griechische Essen, das mich massiv enttaeuscht hat: Alles, was nicht bei drei auf den Baeumen ist, wird gnadenlos in grossen Mengen Olivenoel und Knoblauch ertraenkt... Aber dann...

Dann kam Alexandros. Der hier an der Strandpromenade ein Lokal hat, das genau so aussieht, wie alle anderen... was mich da rein gelockt hat, war, dass auf der Speisekarte neben 0815 fuer Englaender das ein oder andere ungewoehnliche Gericht stand. Als ich bestellen wollte, erklaerte er mir mit sinnlicher Begeisterung die einzelnen Zutaten. Wenig spaeter sass ich summend und laechelnd ueber meinen Nudeln mit getrockneten Tomaten, an denen nichts ungewoehnlich oder angeberisch war, ausser, dass sie perfekt schmeckten.

Danach musste ich mir mit einem langen Spaziergang durch die Huegel die Zeit vertreiben und neuen Hunger rechtfertigen, bevor ich abends wieder kommen durfte und er mir von seiner Kuechenchefin zwei Teller liebevoller vegetarischer Einzelheiten anrichten liess, zwei Gabeln voll gegrilltem Pilz mit getrockneter Tomate und geraeuchertem Kaese, vier gegrillte Zwiebelringe, ein Kaesepastetchen so gross wie eine halbe Spielkarte usw. - grade genug, dass ich einen Bissen vor Magenfuelle fertig war. Was gut war, denn das Gefuehl ist so viel schoener als Ueberfressenheit.

Und ausserdem hatte er fuer einen englischen Freund zwei Fische zubereitet, ein Thunfischsteak in Balsamico und einen unbekanten flachen butterzarten Fisch in seinem eigenen Geschmack ohne Sperenzien. Die beiden luden mich an ihren Tisch ein, und so konnte ich nun zu Fisch weiter summen und laecheln. Nach einem langen stillvergnuegten Abend sagte Alexandros „10 Euro“. Als ich protestierte, denn das macht ueberhaupt keinen Sinn, zuckten ihm ganz leicht die Mundwinkel, auf eine Art, die sagt: „Maedel, ich bin der Chef hier, wenn ich fuer Dich umsonst kochen will, ist das meine Sache.“

Capuccino riechen


Ich bin die Kinokitschfilmheulerin. Manchmal sogar die Rosmarin-in-koechelnder-tomatensauce-Heulsuse. Deshalb sei mir hoffentlich verziehen, dass ich ploetzlich mittem im charmelosen Konferenzhotel auf Korfu Traenen in den Augen hab, als meine Nase an meinem Capuccino vorbeischwenkt und stoppt und ich guten echten Kaffee, warme Milch und Zimt rieche. Nein, in Ghana vermisse ich Lebensmittel nicht mehr aktiv wie am Anfang, wo ich lang und breit ueber Creme Fraice oder Parmesan fantasieren konnte. Und ich bin stolz auf meine Erfindung der Auto-Kaffeemaschine, wo ich eine Plastikflasche unter die Windschutzscheibe klemme, so dass die Sonne meinen Nescafe erwaermt. Den ich mir im Buero auch literweise kalt reinkippe. Aber... Ich bin noch nicht verloren. The real thing beruehrt mich noch.

Laut reden, viel rauchen, Fingernaegel rot lackieren und fies essen


Das sind meine ersten griechischen Eindruecke auf dem Flughafen von Athen. Gegenueber sitzt ein Mann, der isst waehrend er raucht und jedesmal, nachdem er sich einen grossen Bissen ins Maul geschoben hat, leckt er Gabel und Messer ab. Da merke ich, dass ich inzwischen gelernt hab, dass es in Ghana beim Mit-den-Fingern-essen sehr gute Manieren gibt, Dinge, die man auf jeden Fall oder auf keinen Fall tun sollte, also nicht die linke Hand benutzen und nicht plappern und inzwischen finde ich einen ordentlich mit den Fingern sezierten Fisch so viel appetitlicher als Messerlecken. Und zu rauchen, wo gegessen wird, wuerde dem gottesfuerchtigen Ghanaer wohl nicht einfallen (in der Ghanaischen Bibel hat Gott irgendwann gesagt, dass rauchen ihm nicht gefaellig sei...)

Der Mythos lebt (und schmerzt die Fuesse)


Griechenland hat fuer mich, genau wie Italien, diese stark mythologische Dimension. Damit meine ich nicht die Zeit vor zwei-drei-viertausend Jahren. Nein, beide Laender sind in meiner Welt so stark verbunden mit den mythologischen 50er und 60er Jahren – die ich offensichtlich nicht miterlebt hab, aber trotzdem das Gefuehl hab, mich daran erinnern zu koennen. So wie wir alle fuehlen, wir waeren schonmal in New York gewesen, dabei waren wir nur zu oft im Kino. Ich erinnere mich an das Griechenland aus der Zeit als unsere Imbiss-Besitzer in Dueren noch jung und feurig waren und ihre schlanken Frauen mit schwarzweiss gepunktetem Glockenrock und blondiert-toupiert durch ihre Doerfer spazierten.

Zu Ehren meiner geklauten Erinnerung habe ich mir am Flughafen in Athen weissschwarze Schuhe gekauft, die hervorragend zu einem meiner Kostuemchen passen und mir mal wieder den Titel: „Most overdressed conference participant“ (am staerksten uebergetakelte Teilnehmerin?) einbringen werden, den ich bei meinen Forscherkollegen einfach verteidigen kann.

Und Korfu gibt sich grosse Muehe, dem Mythos gerecht zu werden: Das Hotel, in dem ich eine Besenkammer bewohne, stammt aus jenen grossartigen Tagen der Baugeschichte, die Gaeste sind groesstenteils aus Deutschland und waren gemeinsam mit meinen Imbissbesitzern jung und schoen, in der Bar tanzen Eingeborene zum zustimmenden Gejohle der Gaeste ihre Eingeborenentaenze wie eh und je.

Ich dagegen bin heute morgen auf dem Weg zum Konferenzzentrum gnadenlos inder Gegenwart angekommen. Auf halber Strecke musste ich einsehen, dass meine hochhackigen hellblauen Kaenguruhwildlederschuhe einfach nicht fuer Fussmaersche gemacht sind und mich dazu herablassen ein absolut gegenwaertiges Produkt zu kaufen: Treckingsandalen mit siebzehn Klettverschluessen. Und noch dazu die nachgemachte Billigversion aus China, mit einem Logo, das die Idee des Nike-Logos spiegelt. Welch eine Schande fuer mein Stilgefuehl. Welch eine Wohltat fuer meine zeitgeschichtlich geschundenen Fuesse. Vor dem Eingang hinterm Busch hab ich natuerlich wieder auf „Most overdressed“ geschaltet und die Schlappen in der Aktentasche versteckt.

Freitag, April 27, 2007

Haben wir uns Koeln nur ausgedacht?


Ob es ueber Castrop Rauxel oder Hildesheim ein Lied gibt, wissen nur die, die da aufgewachsen sind. Fuer Bochum gibt es DAS Bochum Lied und es ist Groenemeier zu verdanken, dass Bochumer Fussballfans musikalisch viel Komplizierteres meistern muessen, als Oleoleoleole... Aber Koeln. Ich koennte von morgens um sechs bis abends zum Stromausfall Koeln-Lieder hoeren und waere immer noch nicht am Ende angekommen.

Ham wir se noch alle? Ist das ein kollektiver sich selbst verstaerkender Wahn? Haben wir’s einfach so lange wiederholt, bis alle andern gesagt haben: „Jaja, schon ok, ich glaub’s ja, dass Koeln was ganz Besonderes ist. Zufrieden? Koennen wir jetzt mal von was anderem reden?“ Worauf wir dann ganz schlau folgerten: “Siehste, die sagen auch Koeln ist besonders!“

Ich liege von Hitze erschlagen auf meinem Sofa, hoere die koelschen Lieder, die Herr F. mir geschickt hat und bin lokalpatriotisch verwirrt. Wenn mich hier jemand fragt, wo ich herkomme, sag ich aus Koeln (wer wuerde Dueren zugeben, wenn’s nicht sein muss?), trag zu meiner Arbeit jeden Tag die Tasche, die sagt „Koelnerin“ und schwaerme immer davon, wie speziell und anders die Leute zu Hause sind.

Aber ploetzlich sagt mir eine Stimme im Hinterkopf: In den zwei Jahren in Ghana hab ich ein ziemlich ueberzeugendes Ghanaisches Englisch gelernt, mit all den harschen Toenen und gramatikalischen Kreativitaeten, das sprech ich als kaem’s direkt aus meinem Blut. Aber den Dialekt meiner vielbesungenen Heimat? Den kann ich ja nichtmal ueberzeugend nachmachen! Das reicht hoechstens, um in Accra auf dem Sofa zu sitzen, mitzusingen und mir einzubilden, dass ausgerechnet Karnevalslieder die Wahrheit sagen..

Ob ich wohl, wenn ich es irgendwann mal schaffen sollte, zwei Jahre in der Suedstadt zu wohnen, auch diesen fremden Akzent so in mich aufsaugen wuerde, wie mein Schottisches, Suedafrikanisches, Ghanaisches Englisch? Bis ich mich fast so anhoere, als kaem ich von da?

Dienstag, April 24, 2007

Trunkenbold


Manchmal stolper ich hier fern der Heimat in meinem Kopf ueber deutsche Woerter, die laengst auf der roten Liste stehn und denke: Was fuern schoenes Wort. Und Trunkenbold gehoert dazu. Natuerlich wissen wir heute alle, dass wir dem gleichen Kerl den Namen einer Krankheit geben muessen, dass es sich um einen Alkoholiker handelt und nicht um einen Raufluemmel. Aber irgendwie, wenn ich mir meinen kleinen Tagwaechter anschau, das ist und bleibt ein Trunkenbold. Aber ueber den Tagwaechter hab ich nur nebenbei nachgedacht, denn die Heldin dieser Geschichte ist seine Frau.

Vor Monaten haben die beiden mich um einen Kredit gebeten, damit die Frau sich selbstaendig machen kann, statt auf der Baustelle Zement zu schleppen, weil Maenne nie Geld mit nach Hause bringt. Kann er ja nicht. Muss er ja versaufen. Das Geld war laengst von Wachmanns Gehalt abgezogen und zurueckgezahlt und vergessen, als Mary vor ein paar Tagen sagte: Weisst Du, dass Wachmannfrau immer noch im Geschaeft ist? Sie kocht morgens und abends Essen, das sie im Viertel verkauft und ist in der Gegend die Einzige, die das macht. Ihrem Mann hat sie die 500 000 Startkapital (50 Euro) sogar zurueckgezahlt.

Ich war beeindruckt. Und froh, dass helfen manchmal so einfach und schmerzlos ist, dass man’s gleich danach vergessen hat. Mary hat meine Gruesse offensichtlich ausgerichtet, denn heute Abend stand Wachmannfrau in meinem Garten, um mich um einen weiteren Kredit, diesmal fuer Saatgut, zu bitten. Da hab ich gesagt: „Madam, das geb ich Ihnen gerne. Sie haben mit dem letzten Geld so gut gewirtschaftet, dass ich mich freue, dass Sie wieder hier sind.“ Vielleicht sollte ich mich nach meiner Rueckkehr bei der Kreissparkasse bewerben...

Das Beruehren der Figueren...

mit den Pfoten ist verboten...

Gestern hab ich mich endlich getraut, meine Hand auf Marys kleinen Fussballkugelbauch zu legen, um zu sehn, was da so los ist. Um sie davon abzulenken, dass ich mir das rausnehme, fragte ich sie: „Ist das hier auch so, dass schwangere Baeuche ploetzlich oeffentliches Eigentum werden und jeder denkt, er darf mal fuehlen?“ Sie guckte mich geschockt an: Nur die Frau und ihr Ehemann. Bei allen anderen hast Du Angst die legen nur ihre Hand auf Deinen Bauch, um danach Juju (boesen Zauber) mit Deinem Kind zu machen, damit das krank wird oder stirbt.

Da ist es wieder, das grundlegende Misstrauen, das diese Gesellschaft durchdringt.

Warum sollte Frau Nengelken von Gegenueber so nen Aufwand betreiben und extra nach Birkesdorf zum Zauberer fahren und dem viel Geld bezahlen, nur damit mein Baby stirbt? Hat die nichts Besseres zu tun? Aber die Logik geht ja hier rueckwaerts: Mein Baby ist gestorben. Also muss irgendwer es umgebracht haben. Dann mach ich Ehnemehnemuh mit allen, die mir die Hand auf den Bauch gelegt haben und schon weiss ich, wer’s war.

Und weil natuerlich wirklich kein normaler Mensch auf die Idee kaeme unschuldige Babys durch Handauflegen zu toeten, ist damit bewiesen, dass Frau Nengelken eine Hexe ist, die das aus Bosheit tut oder weil sie von Daemonen besessen ist. Was wiederum rechtfertigt, dass sie vertrieben oder getoetet werden muss. Ganz logisch oder?

Montag, April 23, 2007

„Scheissnormales oedes Wochenende in Bolga“


Das ist der Name des Theaterstuecks, das Debbie und ich letztes Wochenende aufgefuehrt haben.

Publikum: Wir selbst.

Schauspieler: Wir selbst.

Die Kritiker (ebenfalls wir selbst) sagen: Nicht sehr ueberzeugend.

Denn in Wirklichkeit war das Debbies letztes Wochenende in Bolga. Sie fliegt zurueck nach England um Ihr Leben dort nach zwei Jahren Abwesenheit mit neuem Elan in die Haende zu nehmen. Und wir bleiben hier und laecheln tapfer. Debbie und ich haben in den letzten Jahren viel darueber gescherzt, dass wir – bis auf ein paar unwichtige da koerperliche Details – hier als Ehefrau und Ehefrau zusammenleben, zwar mit getrennten Haeusern, aber ein normaler Tag begann haeufig mit einem Morgentelefonat, ging weiter mit gemeinsamem Mittagessen, nachmittags haben wir am Telefon die neusten Neuigkeiten ausgetauscht und besprochen, was wir denn am Abend unternehmen... also, ob wir bei ihr essen und einen Film gucken oder nur einen Film gucken oder nur essen. Oder vielleicht in der Kneipe nebenan essen. Und keinen Film gucken. Wilde Abende in Bolga.

Jetzt kann ich die meine Abende in Bolga damit verbringen, zu ueberlegen, ob ich mir den rechten Finger ins linke Ohr stecke oder den linken Finger ins rechte oder den rechten ins rechte und gleichzeitig den linken ins linke oder vielleicht sogar ausprobieren, ob ich es schaffe mir den kleinen Finger der linken Hand ins rechte Ohr zu stecken, waehrend ich mir den Daumen der gleichen Hand ins linke Ohr stecke. Wilde Abende in Bolga.

P.s.: Letzte Version funktionniert nicht. Aber mit viel Geduld und Brutalitaet sehe ich eine Chance fuer Daumen und Ringfinger. Falls Eure Lebenssituation der meinen gleicht, bin ich gespannt auf Erfahrungsberichte.

Sonntag, April 22, 2007

Nen Fuss machen


Ommausgeich haette darunter vermutlich die Zeugung eines rothaarigen Jungen (=Fuss im Geicher Dialekt) verstanden. In Ghana ist „Making a fuss“ eine der Kulturtechniken, die ich erst langsam lerne. Und das nach ueber zwei Jahren.

Freitag morgen am Flughafen in Accra. Ich hatte am Vortag ein Ticket nach Tamale gekauft und bezahlt, war aber trotzdem nicht auf der Liste der Fluggaeste. Gemeinsam mit 10 anderen. Was bei einem 17sitzer Flugzeug doch arg ins Gewicht faellt.

Waehrend ich mit traurigen Augen am Schalter lehnte und hoffte, damit das Herz des Schicksals zu erweichen, sprach mich ein Leidensgenosse an, der schon die ganze Zeit einen unglaublichen Tanz veranstaltete, seine WICHTIGKEIT, die WICHTIGKEIT seines Meetings, jedermanns INKOMPETENZ, bellte und wedelte er auf und ab. Irgendwann sagte er leise zu mir: „You have to make a fuss or you will never get a seat!“ (Du must nen Aufstand machen, sonst kriegst Du nie nen Platz!)

Meine Guete, ich komme doch aus einer Gegend, wo man nicht verhungert, wenn man sich hinten anstellt, wo man den Kopf schuettelt, wenn sich einer aufspielt und es irgendwie zum guten Ton gehoert, zu warten, bis man dran ist. Und dann komm ich ja ebenfalls aus dem Land, wo es die Deutschen mit dem knallroten Kopf gibt, die sich in den Enden der Welt aufspielen, als haetten sie das Land gepachtet und alles muesste nach ihrer roten Nase gehn, die sich immer und ueberall betrogen fuehlen und stolz sind, wenn sie’s denen mal wieder gezeigt haben. Ich bin doch so stolz auf meine konfliktvermeidende, weichgespuelte, kulturell vertraegliche Freundlichkeit, und Du Ghanaer raetst mir, ich soll mich aufspielen? Na gut. Wennste meinst. Dann mal los:

„Naechstes Mal nehm ich ein Trotro, da ist der Service zuverlaessiger als bei Eurer Fluglinie! Meine WICHTIGKEIT! Die WICHTIGKEIT meines Meetings! Wie kann sowas nur passieren? Was mach ich denn jetzt? Mit all meiner WICHTIGKEIT. Die kann ich doch in die Tonne kloppen ohne Sitzplatz! Kikerikie! Wuffwuff!“

Am Ende bekamen Mister Oberwichtig, Doktor Eva und ein Kirchenmann im langen Gewand mit seiner Begleitung die Plaetze derer, die nicht punkt 10 zum Einchecken da waren. Der Kirchenmann hatte es gut, der musste nicht kraehen, sondern nur freundlich mit dem Kreuze wedeln und seine WICHTIGKEIT ward von hoechster Stelle bestaetigt.

Donnerstag, April 19, 2007

Knappes Fazit des Agnes-Besuchs


Eva: Ich hab noch nie so viele Pflanzen gesehn.

Agnes: Ich hab noch nie mit so vielen Einheimischen gesprochen.

Agnes und Eva: Wieso, war doch ganz normal...

Mittwoch, April 18, 2007

Ihr habt ja alle keine Ahnung!


Und das ist nicht mal Eure Schuld. Ich rede ja hier nicht ueber meine Arbeit. Sondern lieber ueber die anderer Leute. Aber manchmal muss auch eine Ausnahme von der Regel erlaubt sein. So wie vor etwa einem Jahr, als ich hier von einem Hirngewitter schrieb und davon, wie selten Forscher bei ihrer Arbeit eigentlich neue Gedanken denken muessen oder duerfen. Nun, ein Jahr spaeter ist die Idee Fleisch (bzw. Holz) geworden und ich zittere vor Begeisterung (oder wirkt die Malaria Medizin etwa nicht und ich bin in einem Fiebertraum???).

Am ersten Mai werde ich auf eine Konferenz von Netzwerkspezialisten nach Korfu fahren und wo alle anderen wilde Computerakrobatik praesentieren, wird Eva aus Dueren bzw aus Bolga (Koenigin der Kleinstaedte) spezialangefertigte Mensch-Aerger-Dich-Nicht-Figuren im Gepaeck haben und Muehlesteine, die man wie Lego ineinander stecken kann. Das Ganze kommt in einer schoenen Kiste, auf der „NetMap: Influence Network Mapping Toolbox“ steht und ist eine Werkzeugkiste, mit der man analysieren kann, wer in irgendeine Aktivitaet verwickelt ist und welche Netzwerke, Machtverhaeltnisse und Ziele sie haben.

Daran haben wir nun nach dem Hirngewitter im afrikanischen Busch ein Jahr lang mit Keksdose und zusammengewuerfelten Figuren rumgewurschtelt, absolut umwerfende Reaktionen von unseren Interview-Partnern erhalten, die ploetzlich die Welt ganz anders verstehn und was in Korfu in meinem Hotel auf mich warten soll, ist der Prototyp einer Kiste, die schlussendlich produziert und verkauft werden soll, so dass es am Ende ganz leicht ist, fuer Forscher aber noch mehr fuer normale Menschen, Einflussnetze zu malen und zu verstehn und miteinander zu diskutieren.

Malaria? Hatte ich als Kind staendig!

Nur wusste man das damals nicht... Gestern erklaerte mir mein Mitbewohner in Accra, das erste und untruegliche Zeichen dafuer, dass man Malaria hat, ist dass man lieber im Bett liegen und Romane lesen moechte, als am Computer sitzen und arbeiten. Wenn man dieses Symptom an sich bemerkt, muss man keinen Test machen, sondern gleich Coartem schlucken, damit das wieder weggeht. Also, Herr F., ab in die Apotheke!

Im Selbstversuch werde ich nun herausfinden, ob die Malaria, die man im fruehen Faulheitsstadium mit Chemie erschlaegt, gar nicht erst ausbricht und mich die Drogen wieder fleissig machen.

Freitag, April 13, 2007

Sich mit fremden Traenen schmuecken

Wenn Ihr mal wieder ueber was weinen wollt (vor Ruehrung, falls Ihr so schlicht gestrickt seid wie ich), was jemand anderes als ich gemacht hat, dann schaut Euch folgenden kleinen Film ueber Mama Laadi und ihr Waisenhaus und ganz viele springende glueckliche Kinder an: http://www.youtube.com/watch?v=CgR7WBQ77nA

Donnerstag, April 12, 2007

Talata aus der Ferne


Jetzt ist Debbie zurueck in Bolga und ich bin immer noch in Accra. Das heisst, dass ich den Luxus hab, Debbie aus der Ferne Mut zuzusprechen, statt selbst zwischen Krankenhaus, Waisenhaus und Privatklinik hin und her zu hetzen. Im Krankenhaus passierte gar nichts, ausser, dass sie Talata immer wieder erlaubten, Zuckerbrot und andere Leckereien zu essen, die nicht fuer Diabetiker geeignet sind. Und weil sie ueber Lungenschmerzen klagte, haben sie angefangen, Malaria zu behandeln. Ohne sie vorher getestet zu haben, ob sie ueberhaupt Malaria hat. Nicht, dass ich jemals gehoert haette, dass Lungenschmerzen ein Symptom fuer Malaria sind. Aber ich wuerde mich auch nicht wundern, wenn sie anfingen, gebrochene Beine mit Chloroquin zu behandeln...

Seit Montag ist sie nun wieder bei Laadi: Als sie aus dem Krankenhaus ins Waisenhaus fuhr, war sie ganz aufgeregt und voller Leben. Um dann bei der Ankunft gleich zusammenzubrechen. Die Achterbahnfahrt geht weiter. Heute war sie nur noch ein heulendes Haeufchen Elend, klagte weiterhin ueber Brustschmerzen und dass ihre Beine brennen wie Feuer. Also zu dem Arzt, der die Privatpraxis leitet, die seit kurzem ebenfalls im Besitz von Afrikids ist. Da wird sie wahrscheinlich ein paar Wochen bleiben und vielleicht ja sogar ordentlich untersucht werden. Und behandelt.

Gestern hat der erste edle Spender 10 Pfund bei Justgiving gespendet und eine komplett irrationale Sekunde lang hatte ich das Gefuehl: Dann wird ja alles gut...

Austreibung der Suenden im Paradies


Agnes und ich liessen uns ganz frueh am Morgen mit einem Holzboot auf den paradiesisch stillen Volta rudern. Als wir das Kanu bestiegen, standen vier Ghanaer mit weissen langen Gewaendern und einem grossen schweren Kreuz am Ufer. Hinter ihnen scheu versteckt eine junge Frau. Die Herrschaften begruessten unseren Bootsfuehrer lachend und wir stachen in den See. Als wir draussen waren, meinte er: „Also, ich finde das ja nicht gut, wie die immer taufen... das ist nicht richtig.“ Dann erzaehlte er uns voller Abscheu und Faszination, dass die Priester gleich alle Suenden aus dieser jungen Frau rauspruegeln werden, die sie danach splitternackt im Volta von sich abwaschen wird, waehrend die Herren Priester zuschaun, um sicherzustellen, dass auch alles mit rechten Dingen zugeht. „Die sind neu.“ Sagt er, und meint damit diese religioese Gruppe. Letzte Woche hat er sie zum ersten Mal beobachtet und war schockiert, wie die Priester auf ihren Schuetzling einschlugen und erzaehlte, dass die zu Taufende sich doch irgendwann beschwerte...

Und waehrend er sich vor Abscheu schuettelte, konnte er sich einfach nicht losreissen, und haette ich kein Machtwort gesprochen, hatte sich unsere Stunde auf dem See komplett auf einer Stelle abgespielt. Als wir von unserer Tour zurueckkamen, stellte sich heraus, dass der Hotelbesitzer die Glaubensbrueder in der Zwischenzeit weggejagt hatte. Unser Ruderer versuchte, seine Enttaeuschung darueber zu verbergen, dass es heute kein Bad der nackten Geschundenen zu sehen gab.

Samstag, April 07, 2007

Strom-Rechnung


Dieses Wort hat in den letzten Monaten hier eine andere Bedeutung bekommen. Um mich rum versuchen alle, mit den komplizierten regelmaessigen und zusaetzlichen Stromausfaellen Schritt zu halten und eine Formel zu finden, die ihnen hilft, den naechsten Tag oder die naechste Nacht ohne Strom vorauszusagen. Ich glaube, dass sich die Menschheit in zwei Gruppen aufteilen laesst: Die eine Haelfte bittet die Folterknechte um eine genaue Terminabsprache und einen detaillierten Folterplan im Voraus, damit sie sich schonmal darauf einstellen kann (Darauf einstellen? Wie soll das bitteschoen gehn? Vielleicht mit den mitgelieferten Daumenschrauben ein wenig rumspielen und sich mit dem Gefuehl anfreunden?), waehrend die andere Haelfte das Folter-lose Glueck geniessen will, als sei es endlos, und das Elend erst reinlaesst, wenn es an die Tuer klopft... Nein, meine Freunde hier verstehen nicht, warum ich mich der Strom-Rechnung verweigere...

Theoretisch haben wir glaube ich alle drei Tage abwechselnd eine Nacht oder einen Tag lang keinen Strom. Praktisch vergessen die Stromabschalter oft, das Ganze wieder anzuschalten und scheinen sich etwa so haeufig in den Tagen zu verzaehlen wie ich. Und dann gibt es noch tausend technische Gruende oder Ausreden, warum zwischendurch alles fuer ein paar Stunden stillsteht. Das Ganze wird damit begruendet, dass der Volta See (60% unserer Stromproduktion) zu wenig Wasser hat und Ghanas Wirtschaft zu schnell waechst und deshalb immer mehr Strom verbraucht. Naja, das Problem mit dem schnellen Wirtschaftswachstum laesst sich sicher damit eindaemmen, dass alle Fabriken, Bueros etc. regelmaessig lahmgelegt werden.

Accra ist in Stadtviertel aufgeteilt, die an verschiedenen Tagen abgeschaltet werden. Ploetzlich erhoeht es die Produktivitaet, wenn man weit von seiner Arbeit entfernt wohnt: Wenn im Buero kein Strom ist, fahr ich zum Arbeiten nach Hause. Schon lange beneide ich meinen Mitbewohner nicht mehr dafuer, dass sein Buero direkt um die Ecke ist. Aber ich kann kaum nachts zum Schlafen ins Buero fahren. Also versuche ich, so leicht im Bett zu liegen, dass ich die Matratze nicht beruehre, bade im eigenen Schweiss und hoere voll wuetendem Neid dem Laerm der Generatoren zu, die in der Nachbarschaft Ventilatoren, Klima-Anlagen und Gluehbirnen antreiben. Wenn in einer solchen Nacht auch noch die Froesche beschliessen, es ist Zeit fuer ein Gartenkonzert, dann... Ja was dann? Gar nix. Was soll ich dann auch tun? Dann lieg ich weiter im Schweisse meines Angesichts und schau der Zeit beim Verstreichen zu.

Freunde nicht essen


Auf der Fahrt nach Accra unterhielt ich mit mit Fahrer Mark ueber die unterschiedlichen Verwendungsmoeglichkeiten fuer Hunde. „Ach, es vergeht kein Wochenende, wo mich nicht einer meiner Freunde zum Hunde-Essen einlaedt!“, sagt er genuesslich grinsend und wundert sich ueber Weisse, die mit ihrem Hund zum Arzt gehn, ihn fuer ihren besten Freund halten und bei dem Gedanken, ihn zu essen, in Traenen ausbrechen. „Wie schmeckt Hund eigentlich?“ frage ich. „Wie Katze.“, sagt er und damit waere das ja auch geklaert. Katze gibts aber viel seltener, die meisten Leute moegen keine Katzen halten, weil die immer kommen und einem um die Beine streichen. Warum das so schlimm ist, kann ich nicht wirklich aus ihm rausbekommen: Weil sie Angst vor irgendeiner Katzenmagie haben, oder weil sie ungern jemanden essen, der kurz vorher noch zaertlich zu ihnen war? Fuer die seltenen festlichen Gelegenheiten, wo einer der Kumpels eine Katze ergattern konnte, gibt es eine feste Regel: Wer den Kopf haben will, muss eine Flasche (Whisky) spendieren. Gibt es Tiere, die er nicht isst? Esel und Pferde, denn die arbeiten so hart fuer uns. Und Affen, denn die haben unseren Vorvaetern im Krieg geholfen, Wasser zu finden. Deshalb isst er, wenn er im Sueden ist, nie Fleisch sondern nur Fisch. Die Ashante lieben Affenfleisch und wer weiss, was da alles durch den Eintopf schwimmt...

Freitag, April 06, 2007

Was gut ist

Besuhuch! Besuhuuuch! Morgen kriegt Eva Besuhuhuch! Agnes aus Lueneburg kommt fuer zehn Tage und wir werden in den Regenwald fahren, ans Meer und natuerlich ins Paradies am Volta See. Und reden, bis uns die Lippen in Fetzen haengen. Schoen sieht das dann natuerlich nicht aus. Fuehlt sich aber gut an.

Donnerstag, April 05, 2007

Was tun!

Direkt vom Buerostuhl in Deutschland ins Waisenhaus in Ghana! Gemeinsam mit mir habt Ihr Euch um Talata gesorgt, ueber sie geaergert, Euch gefragt, wie das denn alles weitergehn sollt. Und vielleicht gedacht: Ich kann zwar nicht zwischen Krankenhaus und Waisenhaus hin und her fahren und Talata Bananen in die Nase stecken, aber wenn ich doch irgendwie helfen koennte... verdammt, wenn ich doch irgendwas tun koennte!

Nun, fuer dieses Problem gibt es jetzt eine Loesung. Wie Ihr wisst, haben Debbie und ich versprochen, sie nun finanziell zu unterstuetzen - ohne wirklich geahnt zu haben, was da auf uns zu kommt. Falls Ihr da einen kleineren oder groesseren Beitrag leisten wollt, Talata hat nun ihre eigene website, wo ihr direkt und ohne Umwege fuer sie spenden koennt: http://www.justgiving.com/talata

Vielen herzlichen Dank. Auch fuer die vielen ermutigenden emails und sms der letzten Tage.

Mittwoch, April 04, 2007

Archivbild


Mary. Ohne Bauch und mit Ofen, der jetzt ihrer ist.
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Is hier was gebacken?


Diese Frage musste ich nun seit meiner Rueckkehr im Januar meist mit nein beantworten. Irgendwie war Mary die Baeckerei aus dem Blickfeld geraten. Ueber Weihnachten hat sie (wie letztes Jahr) wenig verkauft und viel verschimmeltes Brot weggeworfen. Daraufhin eine Pause gemacht. Dann hatte ihre Schwiegermutter einen Schlaganfall und Mary musste sich neben der Arbeit im Haus ploetzlich um Ehemann, Schwiegermutter und fuenf minderjaehrige Kinder von Schwiegermutter kuemmern und war taeglich zum Umfallen muede und verzweifelt.

Schleichend wurde aus der Backpause ein Zustand und seit Anfang letzten Monats ist der Ofen zwar abbezahlt und gehoert ihr ganz, blieb aber aus. Da hab ich Zustaende gekriegt und ihr das Versprechen abgepresst, Ende des Monats wieder zu backen und gleich dem Geschaeft in der Stadt Bescheid gesagt, damit der Rueckzieher schwieriger wird.


Heute: Kontrollanruf! Juhuu. Sie klingt wieder wie eine stolze Geschaeftsfrau und gleich gestern kaufte eine Frau das Brot, die in unserer Gegend ein kleines Geschaeft hat. Die Dame rief sie an, um eine Bestellung fuer ihr Geschaeft aufzugeben. Und Mary ueberlegt, ein kleines Maedchen einzustellen, das fuer sie das Brot ausfahren kann, denn mit dicker werdendem Bauch ist das in dieser Hitze kein Scherz.

Dienstag, April 03, 2007

Entkommen


Vielleicht werde ich mein Ohrenschweiss-Problem doch noch in den Griff bekommen und nicht von einem Hungeropfer aufgefressen werden. Ich sitze nun in meinem paradisischen Haus in Accra, vom Schreibtisch schau ich auf meinen gruenen Garten, die Hitze ist mild und ich bin grade nochmal in einem Stueck davongekommen. Wie gut, dass diabetische Strassenkinder retten nur mein Hobby ist und sich meiner Arbeit unterordnen muss. Und die Arbeit sagt: Du musst nach Accra.

Sonntag hat Talata noch ein letztes Mal all ihre Ueberlebenstalente an mir ausprobiert. Der Grund, warum sie so lange ueberlebt hat, ist dass sie auf Kommando so gotterbaermlich aussehen kann, dass man alles fuer sie tun wuerde. Sie hatte morgens nichts gegessen, hielt sich den eingefallenen Bauch in Schmerzen und wand sich ziemlich schweigsam auf ihrem Plastikbett. Schliesslich brachte ich sie dazu, zu nicken, als ich Brot sagte. Also in die Stadt fahren, Brot und Bananen kaufen, wiederkommen und sie weigert sich zu essen. Ich steck ihr die geschaelte Banane fast in die Nase, so sehr draenge ich sie, doch wenigstens einen Bissen zu essen. Nein, von fester Nahrung kriegte sie nur mehr Bauchschmerzen. Nach viel hin und her und mit Hilfe der Schwestern kamen wir dem Problem naeher: Im Krankenhaus verbieten sie ihr Milch und sie will Milch. Schliesslich sagte ich zu den Schwestern: Besser Milch als nichts und ging ein zweites Mal los. Als ich zurueckkam hatte sie ploetzlich alle Bananen und einen Teil ihres Mittagessens verschlungen (nur die Staerke, sonst nichts) und sah halbwegs munter aus. So ein Luder. Und ich sah sie schon sterben. Dann trank sie ne halbe Dose Buechsenmilch und als Zeichen ihrer Dankbarkeit lies sie sich von mir ein wenig Brot reinzwingen (wobei ich aufpassen musste, dass sie die Krumen nicht in ihren Kissen versteckte). Soviel zum Thema: Ausgewogene Ernaehrung ist der Grundpfeiler der Diabetiker-Behandlung.

Debbie sagt: „Sie ist wie eine Drogensuechtige, die kaum frei entscheiden kann, von ihren alten Vorlieben zu lassen“. Das kann man unterschiedlich verstehn. Man kann sagen: Sie kann ja irgendwie nichts dafuer, dass sie nicht tut, was gut fuer sie ist, denn die Sucht ist staerker als die vernuenftige Entscheidungsfaehigkeit. Und ich denke da ist was Wahres dran und wir muessen sehn, wie man den Entzug am besten organisiert. Aber es bedeutet auch: Erwarte alles von ihr, was Du von einem Junkie erwarten wuerdest, erlaub ihr nicht, Dein Herz in ihren mageren Fingern auszuquetschen.

P.s.: Keine Angst, wir haben sie nicht verstossen. Wir sind immer noch mitten im Prozess eine langfristig funktionnierende Loesung zu organisieren. Aber es ist grossartig, so weit weg zu sein, dass ich nicht fuer sie in der Stadt rumfahren kann, selbst wenn ich wollte.

P.p.s.:Zum Ohrenschweissproblem hatte ich gestern Nacht eine interessante Erfahrung, als die Fernbedienung meiner Klimaanlage grade dann den Geist aufgab, als sie auf eiskalt eingestellt war. So hab ich mich in meine Winterjacke gewickelt und mir die Ohren abgefroren. Schweisslos. Mitten in Afrika)

Freitag, März 30, 2007

Steine den Berg raufrollen. Und ihnen beim Runterrollen zusehn

Mit Brustschmerzen und ohne jegliche Energie ist Talata nun wieder im Krankenhaus. Sie wollte nicht essen. Sie wollte sich kein Insulin spritzen. Bei Mama Laadi wuseln huepfen schreien 36 Kinder um Talatas Schlafstelle unter dem Tisch herum. Das Baby Blessed, das darauf wartet, nach England adoptiert zu werden, hat im letzten Monat ein Kilo Gewicht verloren und wird langsam immer heller. Im Krankenhaus fanden sie keine Vene fuer kuenstliche Ernaehrung und haben sie wieder nach Hause geschickt. Wenn Talata so schwach zusammengeklappt da liegt, macht mir das Angst und gleichzeitig moechte ich sie wuetend schuetteln, bis sie sich zusammenreisst. Aber wie kann sie sich zusammenreissen, wenn ihr die Kraft fehlt, die Augen aufzumachen. Wir vermuten, dass sie noch irgendwelche anderen Krankheiten hat, Laadi sagt Malaria, aber das sagen sie hier immer und Talata hat kein Fieber. Und weil ich auf der Insel der Seeligen aufgewachsen bin, weiss ich nicht, auf welche verschiedenen Arten sich die Krankheit Unterernaehrung aeussert. Sie wiegt jetzt 36 kg und ist etwa so gross wie ich (die etwa 10 kg mehr mit sich rumschleppt). Wir wissen nicht, wie schwer sie war, als sie vor einem Monat zum ersten Mal ins Krankenhaus kam, denn da war sie so schwach, dass sie nicht aufrecht auf der Waage stehn konnte.

Druecke ich auf Eure Traenendruese? Bin ich melodramatisch? Erdruecke ich Euch mit einem Bild von Afrika das voller Elend und Leiden ist? Fuehlt Ihr Euch voll gutem Willen und doch hilflos? Na, willkommen im Club!

Ab und zu bekomm ich eine mail: Heute ueber Deinem Blog geweint. Heute Traenen gelacht ueber Ohrenschweiss. Dann fahr ich mit neuer Energie und weniger allein ins Krankenhaus und halte die Augen offen nach irgendwas, IRGENDETWAS was uns lachen machen kann. Also: Danke. Weiterlesen. Das hilft.

Mittwoch, März 28, 2007

Da die Affen im Mole Nationalpark nicht lesen koennen


wissen sie natuerlich nicht, dass es ihnen verboten ist, sich auf Kosten der Besucher zu fuettern. Nein, wir haben an unserem faulen Wochenende bei den Elefanten nicht gut genug auf unsere Kekse aufgepasst. Eine betruegerische Affenbande vollfuehrte zur Ablenkung Kunststuecke in, auf und unter einem alten Lastwagen. Und waehrend wir ihnen fasziniert dabei zusahen, wie sie so taten, als koennten sie Auto fahren, schlich dieser Herr sich hinter unserem Ruecken zu Debbies Rucksack und nahm von all den Sachen, die da drin waren, zielstrebig nur meine Lieblingskekse.
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„Wir strafen Dich weil wir Dich lieben“


Gestern bei Talata fuehlte ich mich irgendwie alttestamentarisch. Ich versuchte, ihr klarzumachen, dass wir ihr aus Liebe auftragen, sich selbst Schmerzen zuzufuegen. Das ist schwer verstaendlich und weil sie das nun mal fies findet, sich zweimal am Tag Insulin zu spritzen, hat sie Montag morgen zwar ihre Zuckerwerte gemessen (16,2) aber weder ihre regelmaessige Dosis noch das zusaetzliche Insulin gespritzt, das sie bei Werten ueber 15 hinzufuegen soll. Als sie abends wieder mass, zeigte das Geraet ploetzlich keine Zahlen, sondern nur noch Buchstaben an: HI. Keiner weiss, was das bedeutet, da ist zwar ein Zettel in der Kiste, aber der ist „plenty English“ (Viel Englisch, was so viel heisst wie: Zu viele Woerter). Eines der Maedchen fragt beeindruckt: „Can you read all this?“ (Kannst Du das alles lesen?) Der Beipackzettel erklaert: Werte ueber 33,3 kann das Geraet nicht messen und sagt einfach nur HI im Sinne von hoch. Laadi sagte: Sie lag da so rum. Haette ich ein Auto gehabt, waere ich mit ihr ins Krankenhaus gefahren. Hatte aber keins und fuhr nicht. Am naechsten Morgen waren wir wie durch ein Wunder wieder bei 11,2, also viel naeher an den angestrebten 5-8.

Debbie schrieb in ihrem Blog: Die Armen sollen dankbar sein, verdammt noch mal! Und genau dies Gefuehl gab meinem gestrigen Wutausbruch die Nahrung: Da tun wir alles fuer Dich, die wir noch nicht mal kennen und alles, was Du tun musst, um am Leben zu bleiben, ist zweimal am Tag ne Nadel in den Arm hauen. Dass das keinen Spass macht, wissen wir selber. Aber wenn Du das nicht machst, kannst Du Dein Essen genauso in den Muell kippen, denn Dein Koerper tut nix damit. War es schoener, an der Tankstelle zu betteln? War es schoener, im Krankenhaus zu liegen? Wenn Du nicht auf Dich aufpassen kannst, kannst Du nicht hier bleiben! Laadi muss weiterhin dem kranken Baby alle 15 Minuten 5 Loeffel Milch geben, Tag und Nacht. Da kann sie nicht hinter einer erwachsenen Frau wie Dir hinterherlaufen, ob Du Deine Medizin nimmst! (waehrenddessen sass Laadi da mit dem Baby und jeden Moment schienen ihre Augen zuzufallen um ein wenig Schlaf zu stehlen)

Da ich allein war, musste ich aber Good Cop und Bad Cop in einer Person sein. Und nachdem ich alles Boese gesagt hatte und sie ihr stummes Gesicht hinter den Streichholzarmen verbarg, musste ich ebenso hart arbeiten, um eines ihrer wunderbaren Laecheln zu kriegen, meine Hand leicht auf ihre Schulter legen und ihr Gruesse von meiner Mutter ausrichten, die gesagt hat: „Talata, willkommen in der Familie!“

(Laadi in ihrer Erschoepfung hat um Hilfe gerufen. Die weisse Krankenschwester, bei der Laadi alles gelernt hat und die nun als Rentnerin in Kumasi lebt, wird dieser Tage nach Bolga kommen und sehn, was sie fuer das Baby tun kann. Und in zwei Wochen kommen Medizinstudenten aus England, die fuer 6 Monate bei Laadi wohnen werden und sich speziell Talatas annehmen werden. Also durchhalten! Ueberleben! Hilfe kommt!)

Dienstag, März 27, 2007

Ohrenschweiss


Normalerweise verschone ich Euch mit ekligen koerperlichen Details. Zumindest, wenn sie meinen eigenen Koerper angehn. Aber das ist ja wirklich die Hoehe! Wer hat sich das aufgedacht? Bitteschoen, einer meiner medizinisch vorgebildeten Leser muss mir hier weiterhelfen. Warum oh warum hat der Mensch Schweissdruesen IM Ohr? Das soll wohl lustig sein? Da sag ich „Nein danke, ich hab schon!“ Wenn ich im Buero mit Ohrknoepfen Musik hoere, muss ich meine Ohren ab und zu frei machen, damit der Schweiss rauslaufen kann. Der letzte Satz war natuerlich gelogen, keine Angst, ich plantsche nicht mit den Fuessen im Ohrenschweiss, er tropft noch nicht unter meiner Tuerschwelle heraus. Aber das liegt nur daran, dass wir im Buero eine Klima-Anlage haben, die den Raum auf 32 Grad runterkuehlt...

Sonntag, März 25, 2007

„Reich mir mal die Kartoffeln Liebling ich bin schwanger“


Preisfrage: Welche Hauptdarstellerin in welchem Film verkuendet ihren Zustand auf diese nebensaechliche Art und Weise? Seit einiger Zeit schon suche ich nach der Schuessel Kartoffeln oder Fufu, die ich zur Hilfe nehmen koennte, um Euch von den Veraenderungen in Marys Leben zu erzaehlen. Und je laenger ich damit warte, desto schwieriger wird es. Das weiss sie selbst am besten, denn erst im Januar und auf Nachfrage erzaehlte sie mir, dass sie im November geheiratet hat. Beim schwanger werden hat sie sich zwar an die vorgeschriebene Reihenfolge gehalten, aber nicht viel Zeit verschwendet. Schon passen ihr die alten Kleider nicht mehr und alles an ihr wird rund. Warum es ihr schwer fiel, mir davon zu erzaehlen? Nun, Schwangerschaft ist hier ein recht ueblicher Grund, einem Hausmaedchen zu kuendigen. Und Hochzeiten sind in der lokalen Kultur keine grossartigen Feste, der Mann bringt ein spezielles Perlhuhn und noch ein paar andere Gaben zur Familie der Braut, verspricht, die drei Kuehe, die sie kostet, nachzuliefern und darf sie mit nach Hause nehmen. Denn die Rolle eines Sohnes ist es, eine Frau nach Hause zu bringen, die der Mutter die Arbeit abnimmt.

Freitag, März 23, 2007

Witzehelle


Dieser Schuettelreim des Monats zum Thema Scheisswetter kommt von meinem Vater. Seit dem Wochenende ist es ganz ploetzlich nachts wieder bruetend warm (irgendwo Anfang / Mitte 30) und tags weiterhin gluehend heiss (irgendwo in den 40ern). Ein kanadischer Freund warnt mich, dass das immer die Zeit des Jahres ist, wo man Beulen kriegt und zeigt mir seine alten Narben. Iihh. Sowas will ich lieber nicht. Ich wuerde wetten, dass im Maerz und April hier die meisten Morde im Affekt passieren, denn jeder geht jedem so auf den Geist und die sollen bloss alle aufpassen, dass sie mir nicht zu nahe kommen. Wer? Na die. Alle. Verpisst Euch. Sonst gibt’s Saures!

Donnerstag, März 22, 2007

Suppenkaspar vorbei


Letzten Herbst in Laos vor einem klaren Gedicht aus Nudeln, Gruen und Bruehe wurde mir ploetzlich klar, dass ich Suppe gar nicht mehr ekelhaft finde, wie in den letzten knapp dreissig Jahren, sondern eigentlich aeusserst schmackofatzig. „Ha!“ wird Herr F nun sagen, „das eroeffnet ja ganz neue Moeglichkeiten!“ Und recht hat er. Zum Beispiel scharfe Ingwersuppe mit Auberginenblaettern. Hoert sich gut an? Ist voll scharf und bitter und sauer und zing. Folgendermaszen:

Zwiebel und Kartoffelwuerfel anbraten. Gehackten Knubbel Ingwer und Chilischote dazu und Wasser drauf. Kochen kochen kochen. In der Zwischenzeit Auberginenblaetter (oder sonst welche) fein schneiden und Moehren ebenfalls. Beides rein in die Suppe. Wuerzen mit Zitronensaft, Salz (kein Pfeffer, spinnst Du? Chili reicht!) und irgendwas Asiatisches (Kurkuma, Curry, Marsala, was auch immer im Regal verstaubt). Und einen Stips Pfefferminzsauce. Essen und oh sagen. Und ah.

Spiel mit Deiner Gier

Folgende email erreichte mich heute:

Abidjan, Elfenbeinkueste

Lieber guter Mensch,

Bitte erlauben Sie, dass ich mich vorstelle, mein Name ist Roseline Kuffo, ich bin 20 Jahre alt und das einzige Kind des verstorbenen Herrn Morris Kuffo, der ein beruehmter Kakao Haendler hier in Abidjian war, der oekonomischen Hauptstadt der Elfenbeinkueste. Ich bitte um Ihre dringende Aufmerksamkeit, mir dabei zu helfen die Summe von Zehnmillionenfuenftausen US$ auf Ihr Bankkonto zu ueberweisen. Bitte, ich bin bereit Ihnen als Kompensation fuer Ihren Aufwand und Ihre Zeit 15% der Gesamtsumme anzubieten. Ich moechte, dass Sie wissen, dass ich alle notwendigen Dokumente in Bezug auf diesen Betrag habe, der im Namen meines verstorbenen Vaters eingezahlt wurde. Bitte kontaktieren Sie mich aus Vertraulichkeits- und Sicherheitsgruenden ueber meine private email Adresse. Ich bitte Sie herzlich darum, mir sofort bei Erhalt dieses Briefs zu schreiben, damit ich Ihnen mehr wichtige Details in Bezug auf dieses Geld zukommen lassen kann und Ihnen ebenfalls meine Fotos schicken, damit Sie sehen und wissen, wer ich bin.

Danke, dass Sie fuer mich da sind,

Hochachtungsvoll, Ihre

ROSELINE KUFFO,


Im Orginal:

FROM: ROSELINE KUFFO

COUNTRY: ABIDJAN, IVORY COAST


DEAR LOVELY ONE,


PLEASE PERMIT ME TO INTRODUCE MY SELF TO YOU,

MY NAME IS ROSELINE KUFFO,I AM 20 YEARS OLD, THE ONLY CHILD OF LATE MR MORRIS KUFFO WHO WAS A FAMOUS COCOA MERCHANT BASED IN ABIDJAN HERE,THE ECONOMIC CAPITAL OF IVORY COAST (COTE D'IVOIRE). I AM SEEKING FOR YOUR URGENT ATTENTION TO HELP ME TRANSFER THE SUM OF (US$10,500,000.00 )TEN MILLION FIVE HUNDRED THOUSAND UNITED STATE OF AMERICAN DOLLARS INTO YOUR BANK ACCOUNT. PLEASE, I AM WILLING TO OFFER YOU 15% OF THE TOTAL FUND AS A MODE OF COMPENSATION FOR YOUR ASSISTANCE AND TIME. I WANT YOU TO KNOW THAT I HAVE ALL THE NECESSARY DOCUMENTS IN RELATION TO THIS FUND DEPOSITED BY MY LATE FATHER IN THE BANK. PLEASE DO CONTACT ME THROUGH MY PRIVATE
EMAIL ADDRESS,FOR CONFIDENTIAL AND SECURITY REASONS .(rose_kuffo003@yahoo.co.jp)


PLEASE KINDLY MAIL ME IMMEDIATELY YOU RECEIVE THIS MY LETTER FOR ME TO GIVE YOU MORE IMPORTANT DETAILS CONCERNING THIS FUND AND EQUALLY SEND YOU MY PHOTOS SO THAT YOU WILL SEE AND KNOW WHOM I AM.
THANK YOU FOR BEING THERE FOR ME.

YOURS FAITHFULLY,

ROSELINE KUFFO,


Dienstag, März 20, 2007

Debbie und Talata im Krankenhaus

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Zu Haus

Dass Bolga meine eigene Stadt ist, merke ich daran, dass ich mich grade nicht mal komisch fuehle. Ich hab mein Auto zum Schweisser gebracht (das ist Francis, Debbies Nachbar), weil der Bullenfaenger Risse hat. Sie haben mir einen Stuhl in den Schatten gestellt. Da hinten seh ich die Jungs an meinem Auto rumwuchten. Und dieweil ist der Schattenplatz mein Buero geworden und ich tippe an meinem Artikel ueber Netzwerkanalyse.

In einem Ort, wo ich nicht zu Hause bin, waere mir das vermutlich peinlich. Wo ich zu Hause bin, ist das einfach und unemotional die praktischste Loesung, denn ich will doch nicht faul und gelangweilt rumsitzen, waehrend sich die Arbeit tuermt. Reichtum raushaengen lassen (Laptop) gehoert sich nicht? Ach, ich benehme mich in Rom wie die Roemer. Wie ich vielleicht schon erwaehnte, wedelt jeder Ghanaer, der etwas auf sich haelt, staendig mit seinen Statussymbolen rum.

Und wenn ich hochgucke, seh ich, was ich nicht mehr sehe, weil ich zu lange hier bin: Ein Fahrradfahrer haelt mit einer Hand den Lenker und mit der andern balanciert er ein drei Meter langes Brett auf dem Kopf, waehrend er vorbeiradelt. Das ist kein Zirkusartist sondern ein ganz normaler Schreiner auf dem Weg zur Arbeit. Da muss Gott seine Finger mit im Spiel haben. Ich bin fest ueberzeugt: Nur wer glaubt, dass Gott das schon richten wird, traut sich, mit Brett auf dem Kopf loszuradeln. Das ist wie ueber’s Wasser gehn. Der erste Schritt ist der schwierigste. Und wer weiss, wenn der Schreiner an dem Lastwagen vorbeifaehrt, der uns auffordert „Clap for Jesus“ (Klatsche fuer Jesus), wird er klatschen, was seine Seele hergibt und Jesus, der unermuedliche himmlische Schuelerlotse, wird voller Begeisterung den Lenker und das Brett im Gleichgewicht halten und den Schreiner sogar ein wenig anschieben. Da soll noch einer sagen, Glauben hilft nicht.

Mein Kopf ist ein Mehrfamilienhaus

Waehrend ich im Erdgeschoss munter Ehne-Mehne-Muh mit Waisenkindern spielte (s.u.), war in einer Besenkammer im zweiten Stock die Entscheidung laengst gefallen. Das wurde mir klar, als Debbie gestern darueber klagte, wieviel teurer eine Patenschaft fuer eine Diabetikerin ist. Ploetzlich hoerte ich mich sagen: „Wir teilen uns das doch.“ Meine Stimme hatte einen Ton, als waere ich erstaunt, wie schwer von Begriff wir beide sind. Das ist doch schon lange entschieden. Was kann ich denn dafuer, dass Debbie das nicht mitkriegt, nur weil ich keinen Ton gesagt hab.

Montag, März 19, 2007

Alles wird ein bisschen gut? Karten auf den Tisch!

Heute Mittag hat Laadi die Karten auf den Tisch gelegt. Afrikids gibt ihr Geld fuer eine bestimmte Anzahl Kinder. Da sie so ein schrecklich weiches Herz hat, hat sie natuerlich mehr aufgenommen, kippt Wasser in die Suppe und einen Teil ihres eigenen Gehalts. Aber eine Diabetikerin kann man nicht so einfach nebenher durchfuettern. Die klare Ansage ist: "Wenn ich weiss, wo das Geld herkommt, kann ich mehr Kinder aufnehmen, als Afrikids bezahlt." Fuer Debbie (und Talata) bedeutet das Aufatmen, denn Debbie hatte ja ohnehin geplant, das Maedchen langfristig zu unterstuetzen. Fuer mich heisst das: Vielleicht sollte ich bei meinem naechsten Besuch endlich Ehne-mehne-muh mit den Kindern machen und mir eines aussuchen, das ich ganz speziell in mein Herz und meinen Geldbeutel aufnehme...

Wohin mit dem Kind?


Heute morgen erfahren wir, dass das Waisenhaus sich nur voruebergehend um Talata kuemmern kann. Mama Laadi’s ist voll. Und mit ihrer Krankheit und ihrem Eigensinn wird Talate mehr Aufmerksamkeit benoetigen, als sie da kriegen kann. Wenn Talata heute aus dem Krankenhaus entlassen wird, wird Debbie sie zunaechst mal zu Laadi’s fahren, aber gleichzeitig wird Afrikids sich umschauen nach einer Familie, die sie aufnehmen kann. Wie findet man hier eine Familie, die eine jugendliche Diabetikerin aufnimmt und sich fuer Geld um sie kuemmert, ohne dass das alles nur fuer Geld passiert und sie letztlich wie ein eintraegliches Nutztier gehalten wird? Koennen wir Debbies Nachbarn, Francis’ Vater fragen? Die koennen sicherlich einen regelmaessigen Zuschuss in die Haushaltskasse gebrauchen. Und da der Vater Diabetiker ist, wird ohnehin speziell gekocht und die wissen, wie man mit der Krankheit umgeht. Andererseits hat Francis’ Vater so ein weiches Herz, dass er niemals nein sagen kann und das Haus schon ueberquellt von den Kindern seiner nahen und entfernten Verwandten...

Donnerstag, März 15, 2007

Ich muss raus!

Und deshalb fahr ich dieses Wochenende endlich nochmal zu den Elefanten. Oh ja! Auf nem Stuhl ueber dem Abgrund sitzen, die Affen trinken aus dem Swimming-Pool, die Elefanten suhlen sich unten in ihrem Wasserloch, alles zwitschert und raschelt und ich hab den Computer zu Hause vergessen. Alles was ich tun kann, ist einatmen. Und ausatmen. Und einatmen. Und den Elefanten zuwinken. Und meine Kekse festhalten, wenn die Affen vorbeikommen. Und wenn ich so viel Energie aufbringen kann, die Seiten meines seichten Buchs umblaettern.

Andere schreiben

auch ganz eindrucksvoll ueber ghanaisches Leben in Ghana und Deutschland. Unbedingt lesen in der Zeit: http://nurtext.zeit.de/2007/11/Illegale

Sterne. Zum Greifen!

Heute kam Debbie ganz begeistert vom Krankenhaus. Jetzt wo Talatas Koerper nicht mehr staendig mit Verhungern beschaeftigt ist, wacht ihr Geist auf. Debbie hatte ihr ein Heft und Stifte mitgebracht und es stellt sich heraus, dass sie ihren Namen schreiben und bis hundert zaehlen kann. Das hat sie in keiner Schule gelernt sondern von den anderen Kindern, die in die Schule gehen durften. Und Debbie sagte mit muetterlichem Stolz: „Und dann hat sie einen Elefanten von einem Bild abgemalt, richtig gut“, und sie lacht „meine neue Tochter wird also mal weltberuehmte Kuenstlerin.“

Mittwoch, März 14, 2007

Ach Radiomann


Gestern traff ich nach Monaten den Radiomann in der Stadt. Eigentlich sind wir ja Nachbarn, aber da er mir noch immer Geld schuldet, hat er das ganz gut eingerichtet, dass ich ihn nie sah. Wollte ich melodramatisch sein, so wuerde ich sagen: Er sah aus wie ein Mann, dem alle guten Freunde abhanden gekommen sind. Weniger dramatisch sah er erschoepft aus und gehetzt, wie er da mit dem Telekom-Mann ueber Telefonrechnungen diskutierte. Als ich danach allein im Auto sass bereute ich, dass ich ihm das Geld geliehen hab, denn das hat unsere Freundschaft unmoeglich gemacht (Ihr seht, ich kann es nicht lassen, heute ist mein melodramatischer Tag.)

Die Radiostation schlingert im Moment so dahin. Der Sendebereich ist geschrumpft, weil ein Glaeubiger den grossen Transmitter mitgenommen hat, ein anderer hat den Radiomann mal ordentlich zusammengeschlagen (oder hatte das private Gruende?), sein (ehemals) bester Freund und Radioansager sagt: Ach, den hab ich schon lange nicht gesehen. Und macht dabei ein ausdrucksloses Gesicht. Aus alter Loyalitaet sagt er nicht: Dem laufen alle Moderatoren davon, weil er keine Gehaelter zahlt...

Natuerlich fuehl ich mich weiterhin um mein Geld betrogen. Aber viel mehr tut’s mir in der Seele weh, dass so viel Enthusiasmus, Findigkeit und Wortakrobatik einfach so im Sande verlaufen sollen. Aber. In Ghana stirbt die Hoffnung zuletzt und solange alle Beteiligten noch ein und aus atmen, ist weiterhin alles moeglich.

Dienstag, März 13, 2007

Goldgraeberleben


In Rummelrammelrappelhuetten hausen und taeglich auf den ploetzlichen Reichtum hoffen
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Eine Stunde lang


abwaerts klettern, eh Du im Stollen ankommst, wo Du tagelang im Dunkeln auf den Fels einschlaegst, schlaefst, isst, kackst, haemmerst...
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Felsen von Hand zu Klump stampfen


Tag fuer Tag. Stundenlang. In der gleissenden Sonne.
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Frauenarbeit


Im Oberflaechendreck ist auch ein bisschen Gold versteckt. Das auszuwaschen ist Frauen- und Kindersache.
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Hoffentlich Dingenskirchen versichert


Nun, da Ihr alle so viele Traenen ueber Talata vergossen habt, sollt Ihr Euch auch ueber die guten Neuigkeiten freuen. Wenn wir sie fuer 75 000 (7 Euro) im Jahr bei der nationalen Krankenversicherung anmelden, werden sie all ihre medizinischen Kosten uebernehmen. Der Prozess dauert 6 Monate (von der ersten Anmeldung, bis man sein Versicherungsheft bekommt und auf Kosten der Versicherung krank sein kann). Aber Mary sagt: „Wenn Du wichtig bist, koennen die das auch in drei Tagen schaffen. Nur fuer uns Arme dauert das 6 Monate.“ Also ist die Frage, ob Weissenbonus genug Wichtigkeit liefert. Auf die Dauer – das sagt schon der gesunde Menschenverstand – kann so eine Versicherung natuerlich nicht funktionnieren, die einem fuer laecherliche 75.000 Einzahlung 7.200.000 im Jahr zurueckgibt. Aber solange es diese Versicherung gibt, kann auch ein armer Mensch sich leisten, die Reiche Leute Krankheit zu haben. Als Mary Talata gestern im Krankenhaus besuchte, sagten die anderen Patienten: „Die wird hier irgendwann im Auto vorgefahren kommen. Jetzt wo se die weisse Frau kennt. Und dann wird die Familie sich ploetzlich an sie erinnern und sagen: Das ist eine von uns!“

Montag, März 12, 2007

Goldrauschen


Ganz nah bei Bolga und doch tausend unbefestigte Kurven weg, gibt es Goldminen. Wir wollten uns die schon lange angucken, meine Eltern fuhren mit dem Freund eines Freundes dahin und danach sassen ihre Koepfe schief auf den Haelsen. Erinnert Euch an den letzten Goldrausch-Western (Gold Rau Schwestern?), den Ihr gesehn habt? Jetzt macht alle Gesichter in diesem Film schwarz. Nehmt alle Romantik weg und die Indianer. Dreht die Hitze auf. Und gebt den Bossen Handies.

Die MaennerFrauenKinder leben da wie Drogensuechtige und die Droge heisst Gold. Um es zu finden steigen sie ungesichert schmale Schaechte in die Erde. Keiner weiss wie tief, aber der Abstieg dauert eine Stunde. Da unten bleiben sie tagelang, eine Taschenlampe um den Kopf gebunden und hacken mit Muskelkraft den Felsen in Stuecke. Die Felsbrocken werden entweder im Stahlmoerser per Hand zu Staub gestampft, oder kommen in die dieselbetriebene Steinmuehle. Die Goldwaescher-Pfannen sind aus altem Reifengumi, der schwerere Goldstaub setzt sich unten ab. Der wird eingeschmolzen und sieht schliesslich aus wie das Gold, was wir kennen. Irgendwo in diesem Prozess kommt noch das Quecksilber vor, das das Gold vom Rest trennt und in diesem unregulierten Prozess natuerlich auch alle moeglichen anderen fiesen Dinge anrichtet.

Warum Drogensuechtige? Sie arbeiten knochenhart mit dem Traum vom Reichtum im Kopf, der niemals wahr wird. Weil sie so hart arbeiten, muessen sie so viel essen. Viele essen auf Kredit, muessen also noch haerter arbeiten, nur um den Kredit fuer ihr essen zurueckzuzahlen. Wenn’s dann mal ein bisschen Geld gibt, wird das wie vom Wind davongepustet, denn sie muessen saufen, huren und sich pruegeln um den Staub und die Knochenschwere loszuwerden. Und dann wieder runter in den Schacht.

Samstag, März 10, 2007

Talata

Das ist der Name des sehr duennen Maedchens. Ihr erinnert Euch? Debbie sah sie betteln, gemeinsam mit Mama Laadi brachte sie sie ins Krankenhaus und da sagte man, sie sei nur deshalb so duenn wie ein Stock, weil sie nicht genug esse.Laadi hat sie eine Woche lang gefuettert und keine Veraenderung festgestellt. Als sie sie in ein besseres Krankenhaus in der Nachbarregion bringen wollte, war Talata ploetzlich so kalt und zitterig, dass Laadi fuerchtete, sie wuerde den Transport nicht ueberleben. Also zurueck zum Bolga Hospital. Da finden sie schliesslich heraus, dass Talata die Rich Man’s Disease (Reiche Leute Krankheit) hat, Diabetes. Warum die so heisst? Laadi ist fast umgefallen, als sie hoerte, dass das Insulin allein um die 600 000 im Monat kostet. Das ist so viel, wie ein junger Lehrer verdient, etwa dreimal so viel, wie eine Kellnerin verdient, davon kann man hier ein geraeumiges Haus mieten und das ist auf jeden Fall mehr, als ein Bettelkind im Monat zusammenbetteln kann. Etwa 60 Euro.

Im Krankenhaus ist man sich einig: Es ist ein Wunder, dass Talata noch am Leben ist, seit vier Jahren ist sie krank und hat keinen einzigen Doktor gesehn. Und waehrend sie versuchen, sie zu stabilisieren, fahren ihre Zuckerwerte Achterbahn. „Sie muesste eigentlich im Koma liegen, mit diesen Werten“ sagt eine Schwester. Talata selbst ist ueberzeugt, dass Gott sie am Leben gelassen hat, damit sie Debbie treffen konnte, die ihr wie ein weisser Engel das Leben gerettet hat. Und aus dem einen Moment, wo Debbie nicht weggeschaut hat, ist ploetzlich eine langfristige Verantwortung geworden, es macht keinen Sinn, jemanden in einem Moment zu retten und ihn im naechsten wegzuwerfen. So geht Debbie nun jeden Tag ins Krankenhaus und bringt Essen, diskutiert mit Schwestern und Aerzten und uebernimmt so die Rolle, die normalerweise der Familie gebuehrt.

Um Talata von Debbies Anwesenheit in Bolga unabhaengig zu machen, bemueht Debbie sich nun, Afrikids (die unterstuetzen Mama Laadi) zu ueberzeugen, aus Talata einen Fall zu machen. Dann wird es moeglich sein, speziell fuer ihr Insulin zu spenden. Und vielleicht dafuer, dass dieses Maedchen, das vielleicht schon 18 ist (keiner weiss es, auch sie selbst nicht) zum ersten Mal im Leben in die Schule gehn kann.

Mittwoch, März 07, 2007

Unabhaengigkeit Abschlussbericht


Ein Glueck, dass die Ghanaer den Karneval nicht kennen. Wenn irgendein Karnevalsmissionar ihnen den naeherbraechte, muessten sich Koeln und Rio hintenanstellen. Die Ghanaer sind Naturtalente, was das Feiern und Verkleiden angeht. Natuerlich war ich beeindruckt, als die Koelner aus dem Papstbesuch einen Strassenkarneval machten. Aber die Ghanaischen Unabhaengigkeitsfeiern koennen damit durchaus konkurrieren.

Die Ghanaische Fahne um die Schultern gehaengt, auf’s Auto gesteckt und mit atemberaubender Prallheit um runde Frauenhintern genaeht, waren sie alle alle gekommen, weil man sich ein Fest doch nicht entgehen laesst. In der gluehenden Hitze marschierten Schuelergruppen, wie sie es wochenlang geuebt hatten, im Quadrat. Auf der Tribuene sassen stolzgeschwellte Eltern und freuten sich ihres Nachwuchses. Die Blechblaeser unterlegten das ganze mit passendem Karnevals-Sound.

Ja, ich weiss auch, dass Karnevalsmusik nur deshalb so marschmaessig daherkommt, weil sie die Militaers veralbern. Da meine karnevalistische Praegung aber weit eher begann als meine militaerische, kann ich mir nicht helfen, Blaskapellen erinnern mich immer daran, dat mer de Dom in Koelle lasse und et Troemmelsche jeht. Und wenn Ihr gesehen haettet, mit was fuer einem ernsten Uebermut die ganz Kleinen ihre Marschieraermchen schwangen und wie die Rotkreuzfrauen beim marschieren im Takt mit dem Hintern wackelten und die Tribuene fuer jede eigenartige Kleinigkeit vor Lachen rauschte, wuerdet Ihr mir zustimmen, das war keine Militaerstaatliche Machtpraesentation.

Spaeter am Abend sah ich die Strassenkinder „marschieren“ spielen und die Aelteren tranken zur Feier des Tages die Kneipen leer. Aber als ich oben schrieb, dass alle alle da waren, hab ich natuerlich gelogen. Mein Freund, der beim Gericht arbeitet zum Beispiel, hat fuer Unabhaengigkeitsfeiern auch beim 50. Jubilaeum nichts uebrig. Wir trafen ihn in einer Kneipe weit ab vom Trubel und er meinte: „Ghana hat die Unabhaengigkeit viel zu frueh bekommen. Wir haben das von den Englaendern uebernommen und runtergewirtschaftet. Uns wuerde es doch allen besser gehn, wenn wir noch von den Weissen regiert wuerden.“

Montag, März 05, 2007

Unabhaengiges Up-Date zu Ehrrettung der Unabhaengigkeit


In der Mittagspause sprach ich endlich mit zwei Ghanaern, die mir sagten, dass die Unabhaengigkeit fuer sie persoenlich etwas bedeutet. Daumenregel: Je aelter, je gebildeter und je maennlicher jemand ist, desto bedeutender findet er die Unabhaengigkeit. Ein Kollege sagte: „Ich bin zwar erst kurz danach geboren, aber fuer mich ist die Unabhaengigkeit wichtig, denn erst seit es Ghana gibt, ist Bildung fuer alle zugaenglich. Vorher wurde ein einziger vom Pfarrer oder vom Dorf ausgewaehlt, der zur Schule gehen durfte. Besonders fuer uns im Norden hat die Unabhaengigkeit da alles radikal veraendert, weil es hier (anders als im Sueden) seitdem kostenlose Grundbildung fuer alle gibt.“ Der andere fuegte hinzu: „Freiheit kann man durch nichts ersetzen. Durch das Ende der Kolonialzeit sind wir frei geworden zu denken und zu sagen was wir wollen.“ „Hm, vielen Leuten scheint aber ein voller Magen wichtiger zu sein, als ein freiredender Mund...“ Es folgte eine lange Tirade ueber die Armen, die doch nur deshalb arm seien, weil zu faul zum Arbeiten und weil sie sich lieber beschweren und darauf warten, dass jemand anders kommt und sie fuettert. Einer seiner Mitarbeiter zum Beispiel kann sich nur ein Zimmer leisten, muss aber zwei Frauen heiraten und mit ihnen zusammen elf Kinder machen. Und jetzt kommt er mit seinen Problemen immer zu ihm und hofft auf Loesung. Wie kann der seine beiden Frauen ueberhaupt geniessen, muss etwa immer eine auf der Schwelle vor der Tuer schlafen, oder was, fragt er. Ich frage zurueck: „Und ein Maedchen, dass in eine arme Familie in ein Dorf bei Garu geboren wird, von morgens bis abends fuer die Eltern schuftet, schliesslich in eine ebenso arme Familie verheiratet wird, wo sie nun fuer jeden das Dienstmaedchen ist, ist das ihre eigene Schuld und Freiheit, dass sie arm ist?“ Die Antwort ist verblueffend direkt: „Independence hasn’t reached the women yet.“ (Die Unabhaengigkeit ist bei den Frauen noch nicht angekommen)

Unabhaengige Beobachtungen


Heute vor 50 Jahren war Ghana noch eine Kolonie. Morgen nicht mehr. Alles bereitet sich auf die grossartige Unabhaengigkeitsjubilaeumsfeier vor, das kleinste Dorf prangt von gelb-gruen-roten T-shirts, Fahnen, Ansteckern undsoweiter. Im Radio und Fernsehn gibt’s kein anderes Thema. Man ist stolz, das erste afrikanische Land zu sein, das sich von den Kolonialherren geloest hat und im kleinsten Detail werden die Ereignisse vor 50 Jahren wieder und wieder erzaehlt. Ich frage meine ganz normalen Freunde: Und was bedeutet Unabhaengikeit fuer Dich? Mein Fahrer Mark sagt: „Was hat Unabhaengigkeit uns gebracht, wir sind noch immer arm und werden jedes Jahr aermer?“ Mary sagt: „Am sechsten Maerz ist es immer viel zu heiss, was soll ich da in der Sonne rumstehn und mir die Paraden ansehn. Der Tag ist doch nur fuer Politiker und die grossen Leute, nicht fuer’s einfache Volk.“ Mama Laadi: „ Unabhaengigkeitstag ist vor allem fuer die Schueler. Viele bekommen fuer die Paraden neue Schuluniformen und Sandalen, die Eltern geben ihnen ein bisschen Geld fuer Suessigkeiten. Fuer mich selbst? Das Waisenhaus ist mein Leben, was hab ich mit dem Unabhaengigkeitstag zu tun?“ Assistent Douglas: „Mein eigener Unabhaengikeitstag ist der Tag, an dem ich letztes Jahr aus dem Haus meines Vaters ausgezogen bin. Da hab ich das Ende der Unterdrueckung am eigenen Leib erlebt (lacht). Ich weiss genau, wie sich vorher und nachher anfuehlt. Das Ende des Kolonialismus? Ich war doch nicht dabei, das beruehrt mein Herz nicht. Klar, wenn man Fotos von der Sklaverei sieht und die Unabhaengigkeit hat das beendet, das ist schon gut. Andererseits verkaufen wir uns nun freiwillig, um in der Fremde zu schuften, so viel ist also nicht passiert.“

Samstag, März 03, 2007

Verwirrt


Heute morgen wachte ich in meinem Bett auf und schnupperte und schnupperte. Aber so sehr sich meine Nase auch anstrengte, alles was ich roch, war Staub, denn der Harmatan ist zurueckgekeht, der Staubwind aus der Sahara. Kein Kaffeegeruch, kein Rumpeln in der Kueche, kein Schlurfen im Flur. Als ich ganz wach war, erinnerte ich mich: Die Eltern haben sich gestern morgen auf den Weg in den Sueden gemacht, der Alltag hat mich wieder, mein Haus gehoert wieder Mary, mir und dem Staub...

Freitag, März 02, 2007

Nach dem Krankenhaus gings ins Waisenhaus


Mama Laadi hatte ein neues Baby, eine grade mal vier Monate alte Hexe. Deren Grossmutter war vor einem Jahr als Hexe umgebracht worden. Ihre Mutter hatte waehrend der Schwangerschaft durch Zauberkraft drei Leute getoetet. Deshalb half ihr niemand bei der Geburt und sie blieb geschwaecht mit dem Baby in der Huette liegen, bis sie starb. Uebrig ist ein stilles kleines Maedchen das in dem Dorf keine Ueberlebenschancen haette, die Hexerei liegt ja offensichtlich in der Familie. Laadi sagt: Wenn ich Europaer finden wuerde, die sie nehmen, wuerd ich sie sofort hergeben. Hier klebt doch immer Schande an ihr. Sie ist ihres Lebens nicht sicher. Dann legten wir es meiner Mutter in die Arme und warteten auf erste Effekte. Nun, ihr „Heiteitei-Reflex“ ist zwar intakt, trotzdem weigerte sie sich, das Kind zu adoptieren. Man kanns ja mal versuchen...

Nachgereichte Togo-Fotos

mit recycletem Schuettelreim: Auf den Regenwaldwegen wallt mir Regen entgegen. Noch dazu gelogen, kein Tropfen fiel. Aber da muss sich die Wahrhaftigkeit der Aesthetik unterordnen.
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Bananenblueten

werden nur in Asien zu Salat verarbeitet. Afrikaner koennen sich gar nicht vorstellen, die zu essen...
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Aber auch Schoenheit...


Nach unserem Besuch bei den togolesischen Flodders im Lehmpalast (s.u.) standen wir ewig auf der Bruecke, atmeten den Fluss ein, verfolgten die Voegel mit Ohren und Augen, hoerten dem Palaver der Waschfrauen zu und gruessten die gelegentlich vorbeischwankenden betrunkenen Radfahrer, bis unsere Seelen wieder im Gleichgewicht waren...
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Dienstag, Februar 27, 2007

Wie im Duerener Krankenhaus

Gestern bin ich mit der Mutter ins Regionalkrankenhaus Bolgatanga gegangen. Nicht weil wir krank waren (hoechstens krankhaft neugierig). Ich wollte sie meinem Freund Dr. Amia vorstellen, der aber leider grade Urlaub hat. Also erzaehlte ich dem Arzt, der sich um uns kuemmerte, dass meine Mutter Krankenschwester aus Deutschland sei und ich in Bolga lebe und sie dieses Krankenhaus aus beruflichem Interesse besichtigen moechte. Weil dreist hier immer gewinnt und Weisse ueberall Zugang haben, gab er uns eine Schwester mit und waehrend meine Mutter immer wieder log: „Das ist ja ganz wie zu Hause“, fiehlen ihr immer wieder die Augen aus dem Kopf.

Wir begannen mit dem Operationssaal, wo der Staub durch die offenen Fenster wehte und ein Ventilator die heisse Luft im Raum verteilte. Auf dem Operationstisch lag ein Mann, der lokal betaeubt war und die abblaetternde Decke bewunderte, waehrend der Arzt mit dem Skalpell rumfuchtelte und uns erklaerte, dass er hier nun eine Beschneidung vornehmen werde. Das war zu vermuten, schliesslich lag das Stueck des Interesses nackt in der Gegend rum und wartete auf die Verkuerzung. Wenngleich der Arzt sehr gespraechig war, draengte ich uns doch aus dem Operationssaal raus – aus lauter Angst, er koennte uns zum Zuschauen einladen.

Die Kinderstation war ziemlich leer, im Moment ist Trockenzeit, also Nachsaison im Krankenhaus – sobald der Regen beginnt, fuellt sich das Krankenhaus wieder mit Malariapatienten. Die Tuberkulosestation war in einem extra Gebaeude untergebracht, eine sogenannte Isolierstation, was aber niemanden daran hinderte, uns da durch zu fuehren. In die Notaufnahme guckten wir nur kurz rein. Alle Mitarbeiter da waren um ein Bett versammelt, dass unter angestrengten Widerbelebungsversuchen bebte. Da wollten wir dann doch nicht stoeren. Die Geburtenstation war ebenfalls wenig belegt. Hier ist die Saison Juni bis September, weil es vor allem im Winter kalt genug ist, sich zu vermehren. Neben den normalen Geburten haben sie hier auch immer wieder Frauen, die zu Hause gebaeren wollten und dann zum Beispiel nicht aufhoeren zu bluten, die Plazenta nicht verlieren oder nur einen ihrer Zwillinge gebaeren konnten und dann mit jeglichem Transportmittel ins Krankenhaus kommen.

Typischer Krankentransport findet zum Beispiel auf dem Motorrad statt. Wenn der Kranke zu schwach ist, sitzt der Fahrer vorne, der Kranke in der Mitte und hinten ein Dritter, der ihn aufrecht haelt. Als ich Malaria hatte und ungeduldig auf Besserung wartete, bot mir Dr. Amia an, fuer 24 ins Krankenhaus an den Tropf zu kommen. Da ich das Haus kannte, wirkte dieses Angebot wie eine Wunderpille: Ich wusste gleich, dass ich keinesfalls krank genug war, um mich da hinzulegen, in einen heissen Saal auf durchhaengendem Bett, rechts und links flankiert von stoehnenden Greisinnen, die sich ihrem Ende entgegenwaelzen...

Montag, Februar 26, 2007

Trutzburg


mit Schiessschachten, kegelfoermigen Hausaltaren, Hypolites Frau mit Baby, Teenager mit Souveniers auf Touristenjagd
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Schuettelreim des Tages

Jag den Hund raus
aus dem Rundhaus!

Trutzburgmutter mit Stein im Kinn und typischer Handbewegung

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