Dienstag, März 20, 2007
Zu Haus
In einem Ort, wo ich nicht zu Hause bin, waere mir das vermutlich peinlich. Wo ich zu Hause bin, ist das einfach und unemotional die praktischste Loesung, denn ich will doch nicht faul und gelangweilt rumsitzen, waehrend sich die Arbeit tuermt. Reichtum raushaengen lassen (Laptop) gehoert sich nicht? Ach, ich benehme mich in Rom wie die Roemer. Wie ich vielleicht schon erwaehnte, wedelt jeder Ghanaer, der etwas auf sich haelt, staendig mit seinen Statussymbolen rum.
Und wenn ich hochgucke, seh ich, was ich nicht mehr sehe, weil ich zu lange hier bin: Ein Fahrradfahrer haelt mit einer Hand den Lenker und mit der andern balanciert er ein drei Meter langes Brett auf dem Kopf, waehrend er vorbeiradelt. Das ist kein Zirkusartist sondern ein ganz normaler Schreiner auf dem Weg zur Arbeit. Da muss Gott seine Finger mit im Spiel haben. Ich bin fest ueberzeugt: Nur wer glaubt, dass Gott das schon richten wird, traut sich, mit Brett auf dem Kopf loszuradeln. Das ist wie ueber’s Wasser gehn. Der erste Schritt ist der schwierigste. Und wer weiss, wenn der Schreiner an dem Lastwagen vorbeifaehrt, der uns auffordert „Clap for Jesus“ (Klatsche fuer Jesus), wird er klatschen, was seine Seele hergibt und Jesus, der unermuedliche himmlische Schuelerlotse, wird voller Begeisterung den Lenker und das Brett im Gleichgewicht halten und den Schreiner sogar ein wenig anschieben. Da soll noch einer sagen, Glauben hilft nicht.
Mein Kopf ist ein Mehrfamilienhaus
Montag, März 19, 2007
Alles wird ein bisschen gut? Karten auf den Tisch!
Wohin mit dem Kind?
Heute morgen erfahren wir, dass das Waisenhaus sich nur voruebergehend um Talata kuemmern kann. Mama Laadi’s ist voll. Und mit ihrer Krankheit und ihrem Eigensinn wird Talate mehr Aufmerksamkeit benoetigen, als sie da kriegen kann. Wenn Talata heute aus dem Krankenhaus entlassen wird, wird Debbie sie zunaechst mal zu Laadi’s fahren, aber gleichzeitig wird Afrikids sich umschauen nach einer Familie, die sie aufnehmen kann. Wie findet man hier eine Familie, die eine jugendliche Diabetikerin aufnimmt und sich fuer Geld um sie kuemmert, ohne dass das alles nur fuer Geld passiert und sie letztlich wie ein eintraegliches Nutztier gehalten wird? Koennen wir Debbies Nachbarn, Francis’ Vater fragen? Die koennen sicherlich einen regelmaessigen Zuschuss in die Haushaltskasse gebrauchen. Und da der Vater Diabetiker ist, wird ohnehin speziell gekocht und die wissen, wie man mit der Krankheit umgeht. Andererseits hat Francis’ Vater so ein weiches Herz, dass er niemals nein sagen kann und das Haus schon ueberquellt von den Kindern seiner nahen und entfernten Verwandten...
Donnerstag, März 15, 2007
Ich muss raus!
Andere schreiben
Sterne. Zum Greifen!
Heute kam Debbie ganz begeistert vom Krankenhaus. Jetzt wo Talatas Koerper nicht mehr staendig mit Verhungern beschaeftigt ist, wacht ihr Geist auf. Debbie hatte ihr ein Heft und Stifte mitgebracht und es stellt sich heraus, dass sie ihren Namen schreiben und bis hundert zaehlen kann. Das hat sie in keiner Schule gelernt sondern von den anderen Kindern, die in die Schule gehen durften. Und Debbie sagte mit muetterlichem Stolz: „Und dann hat sie einen Elefanten von einem Bild abgemalt, richtig gut“, und sie lacht „meine neue Tochter wird also mal weltberuehmte Kuenstlerin.“
Mittwoch, März 14, 2007
Ach Radiomann
Gestern traff ich nach Monaten den Radiomann in der Stadt. Eigentlich sind wir ja Nachbarn, aber da er mir noch immer Geld schuldet, hat er das ganz gut eingerichtet, dass ich ihn nie sah. Wollte ich melodramatisch sein, so wuerde ich sagen: Er sah aus wie ein Mann, dem alle guten Freunde abhanden gekommen sind. Weniger dramatisch sah er erschoepft aus und gehetzt, wie er da mit dem Telekom-Mann ueber Telefonrechnungen diskutierte. Als ich danach allein im Auto sass bereute ich, dass ich ihm das Geld geliehen hab, denn das hat unsere Freundschaft unmoeglich gemacht (Ihr seht, ich kann es nicht lassen, heute ist mein melodramatischer Tag.)
Die Radiostation schlingert im Moment so dahin. Der Sendebereich ist geschrumpft, weil ein Glaeubiger den grossen Transmitter mitgenommen hat, ein anderer hat den Radiomann mal ordentlich zusammengeschlagen (oder hatte das private Gruende?), sein (ehemals) bester Freund und Radioansager sagt: Ach, den hab ich schon lange nicht gesehen. Und macht dabei ein ausdrucksloses Gesicht. Aus alter Loyalitaet sagt er nicht: Dem laufen alle Moderatoren davon, weil er keine Gehaelter zahlt...
Natuerlich fuehl ich mich weiterhin um mein Geld betrogen. Aber viel mehr tut’s mir in der Seele weh, dass so viel Enthusiasmus, Findigkeit und Wortakrobatik einfach so im Sande verlaufen sollen. Aber. In Ghana stirbt die Hoffnung zuletzt und solange alle Beteiligten noch ein und aus atmen, ist weiterhin alles moeglich.
Dienstag, März 13, 2007
Eine Stunde lang
abwaerts klettern, eh Du im Stollen ankommst, wo Du tagelang im Dunkeln auf den Fels einschlaegst, schlaefst, isst, kackst, haemmerst...
Frauenarbeit
Im Oberflaechendreck ist auch ein bisschen Gold versteckt. Das auszuwaschen ist Frauen- und Kindersache.
Hoffentlich Dingenskirchen versichert
Nun, da Ihr alle so viele Traenen ueber Talata vergossen habt, sollt Ihr Euch auch ueber die guten Neuigkeiten freuen. Wenn wir sie fuer 75 000 (7 Euro) im Jahr bei der nationalen Krankenversicherung anmelden, werden sie all ihre medizinischen Kosten uebernehmen. Der Prozess dauert 6 Monate (von der ersten Anmeldung, bis man sein Versicherungsheft bekommt und auf Kosten der Versicherung krank sein kann). Aber Mary sagt: „Wenn Du wichtig bist, koennen die das auch in drei Tagen schaffen. Nur fuer uns Arme dauert das 6 Monate.“ Also ist die Frage, ob Weissenbonus genug Wichtigkeit liefert. Auf die Dauer – das sagt schon der gesunde Menschenverstand – kann so eine Versicherung natuerlich nicht funktionnieren, die einem fuer laecherliche 75.000 Einzahlung 7.200.000 im Jahr zurueckgibt. Aber solange es diese Versicherung gibt, kann auch ein armer Mensch sich leisten, die Reiche Leute Krankheit zu haben. Als Mary Talata gestern im Krankenhaus besuchte, sagten die anderen Patienten: „Die wird hier irgendwann im Auto vorgefahren kommen. Jetzt wo se die weisse Frau kennt. Und dann wird die Familie sich ploetzlich an sie erinnern und sagen: Das ist eine von uns!“
Montag, März 12, 2007
Goldrauschen
Ganz nah bei Bolga und doch tausend unbefestigte Kurven weg, gibt es Goldminen. Wir wollten uns die schon lange angucken, meine Eltern fuhren mit dem Freund eines Freundes dahin und danach sassen ihre Koepfe schief auf den Haelsen. Erinnert Euch an den letzten Goldrausch-Western (Gold Rau Schwestern?), den Ihr gesehn habt? Jetzt macht alle Gesichter in diesem Film schwarz. Nehmt alle Romantik weg und die Indianer. Dreht die Hitze auf. Und gebt den Bossen Handies.
Die MaennerFrauenKinder leben da wie Drogensuechtige und die Droge heisst Gold. Um es zu finden steigen sie ungesichert schmale Schaechte in die Erde. Keiner weiss wie tief, aber der Abstieg dauert eine Stunde. Da unten bleiben sie tagelang, eine Taschenlampe um den Kopf gebunden und hacken mit Muskelkraft den Felsen in Stuecke. Die Felsbrocken werden entweder im Stahlmoerser per Hand zu Staub gestampft, oder kommen in die dieselbetriebene Steinmuehle. Die Goldwaescher-Pfannen sind aus altem Reifengumi, der schwerere Goldstaub setzt sich unten ab. Der wird eingeschmolzen und sieht schliesslich aus wie das Gold, was wir kennen. Irgendwo in diesem Prozess kommt noch das Quecksilber vor, das das Gold vom Rest trennt und in diesem unregulierten Prozess natuerlich auch alle moeglichen anderen fiesen Dinge anrichtet.
Warum Drogensuechtige? Sie arbeiten knochenhart mit dem Traum vom Reichtum im Kopf, der niemals wahr wird. Weil sie so hart arbeiten, muessen sie so viel essen. Viele essen auf Kredit, muessen also noch haerter arbeiten, nur um den Kredit fuer ihr essen zurueckzuzahlen. Wenn’s dann mal ein bisschen Geld gibt, wird das wie vom Wind davongepustet, denn sie muessen saufen, huren und sich pruegeln um den Staub und die Knochenschwere loszuwerden. Und dann wieder runter in den Schacht.
Samstag, März 10, 2007
Talata
Im Krankenhaus ist man sich einig: Es ist ein Wunder, dass Talata noch am Leben ist, seit vier Jahren ist sie krank und hat keinen einzigen Doktor gesehn. Und waehrend sie versuchen, sie zu stabilisieren, fahren ihre Zuckerwerte Achterbahn. „Sie muesste eigentlich im Koma liegen, mit diesen Werten“ sagt eine Schwester. Talata selbst ist ueberzeugt, dass Gott sie am Leben gelassen hat, damit sie Debbie treffen konnte, die ihr wie ein weisser Engel das Leben gerettet hat. Und aus dem einen Moment, wo Debbie nicht weggeschaut hat, ist ploetzlich eine langfristige Verantwortung geworden, es macht keinen Sinn, jemanden in einem Moment zu retten und ihn im naechsten wegzuwerfen. So geht Debbie nun jeden Tag ins Krankenhaus und bringt Essen, diskutiert mit Schwestern und Aerzten und uebernimmt so die Rolle, die normalerweise der Familie gebuehrt.
Um Talata von Debbies Anwesenheit in Bolga unabhaengig zu machen, bemueht Debbie sich nun, Afrikids (die unterstuetzen Mama Laadi) zu ueberzeugen, aus Talata einen Fall zu machen. Dann wird es moeglich sein, speziell fuer ihr Insulin zu spenden. Und vielleicht dafuer, dass dieses Maedchen, das vielleicht schon 18 ist (keiner weiss es, auch sie selbst nicht) zum ersten Mal im Leben in die Schule gehn kann.
Mittwoch, März 07, 2007
Unabhaengigkeit Abschlussbericht
Ein Glueck, dass die Ghanaer den Karneval nicht kennen. Wenn irgendein Karnevalsmissionar ihnen den naeherbraechte, muessten sich Koeln und Rio hintenanstellen. Die Ghanaer sind Naturtalente, was das Feiern und Verkleiden angeht. Natuerlich war ich beeindruckt, als die Koelner aus dem Papstbesuch einen Strassenkarneval machten. Aber die Ghanaischen Unabhaengigkeitsfeiern koennen damit durchaus konkurrieren.
Die Ghanaische Fahne um die Schultern gehaengt, auf’s Auto gesteckt und mit atemberaubender Prallheit um runde Frauenhintern genaeht, waren sie alle alle gekommen, weil man sich ein Fest doch nicht entgehen laesst. In der gluehenden Hitze marschierten Schuelergruppen, wie sie es wochenlang geuebt hatten, im Quadrat. Auf der Tribuene sassen stolzgeschwellte Eltern und freuten sich ihres Nachwuchses. Die Blechblaeser unterlegten das ganze mit passendem Karnevals-Sound.
Ja, ich weiss auch, dass Karnevalsmusik nur deshalb so marschmaessig daherkommt, weil sie die Militaers veralbern. Da meine karnevalistische Praegung aber weit eher begann als meine militaerische, kann ich mir nicht helfen, Blaskapellen erinnern mich immer daran, dat mer de Dom in Koelle lasse und et Troemmelsche jeht. Und wenn Ihr gesehen haettet, mit was fuer einem ernsten Uebermut die ganz Kleinen ihre Marschieraermchen schwangen und wie die Rotkreuzfrauen beim marschieren im Takt mit dem Hintern wackelten und die Tribuene fuer jede eigenartige Kleinigkeit vor Lachen rauschte, wuerdet Ihr mir zustimmen, das war keine Militaerstaatliche Machtpraesentation.
Spaeter am Abend sah ich die Strassenkinder „marschieren“ spielen und die Aelteren tranken zur Feier des Tages die Kneipen leer. Aber als ich oben schrieb, dass alle alle da waren, hab ich natuerlich gelogen. Mein Freund, der beim Gericht arbeitet zum Beispiel, hat fuer Unabhaengigkeitsfeiern auch beim 50. Jubilaeum nichts uebrig. Wir trafen ihn in einer Kneipe weit ab vom Trubel und er meinte: „Ghana hat die Unabhaengigkeit viel zu frueh bekommen. Wir haben das von den Englaendern uebernommen und runtergewirtschaftet. Uns wuerde es doch allen besser gehn, wenn wir noch von den Weissen regiert wuerden.“
Montag, März 05, 2007
Unabhaengiges Up-Date zu Ehrrettung der Unabhaengigkeit
In der Mittagspause sprach ich endlich mit zwei Ghanaern, die mir sagten, dass die Unabhaengigkeit fuer sie persoenlich etwas bedeutet. Daumenregel: Je aelter, je gebildeter und je maennlicher jemand ist, desto bedeutender findet er die Unabhaengigkeit. Ein Kollege sagte: „Ich bin zwar erst kurz danach geboren, aber fuer mich ist die Unabhaengigkeit wichtig, denn erst seit es Ghana gibt, ist Bildung fuer alle zugaenglich. Vorher wurde ein einziger vom Pfarrer oder vom Dorf ausgewaehlt, der zur Schule gehen durfte. Besonders fuer uns im Norden hat die Unabhaengigkeit da alles radikal veraendert, weil es hier (anders als im Sueden) seitdem kostenlose Grundbildung fuer alle gibt.“ Der andere fuegte hinzu: „Freiheit kann man durch nichts ersetzen. Durch das Ende der Kolonialzeit sind wir frei geworden zu denken und zu sagen was wir wollen.“ „Hm, vielen Leuten scheint aber ein voller Magen wichtiger zu sein, als ein freiredender Mund...“ Es folgte eine lange Tirade ueber die Armen, die doch nur deshalb arm seien, weil zu faul zum Arbeiten und weil sie sich lieber beschweren und darauf warten, dass jemand anders kommt und sie fuettert. Einer seiner Mitarbeiter zum Beispiel kann sich nur ein Zimmer leisten, muss aber zwei Frauen heiraten und mit ihnen zusammen elf Kinder machen. Und jetzt kommt er mit seinen Problemen immer zu ihm und hofft auf Loesung. Wie kann der seine beiden Frauen ueberhaupt geniessen, muss etwa immer eine auf der Schwelle vor der Tuer schlafen, oder was, fragt er. Ich frage zurueck: „Und ein Maedchen, dass in eine arme Familie in ein Dorf bei Garu geboren wird, von morgens bis abends fuer die Eltern schuftet, schliesslich in eine ebenso arme Familie verheiratet wird, wo sie nun fuer jeden das Dienstmaedchen ist, ist das ihre eigene Schuld und Freiheit, dass sie arm ist?“ Die Antwort ist verblueffend direkt: „Independence hasn’t reached the women yet.“ (Die Unabhaengigkeit ist bei den Frauen noch nicht angekommen)
Unabhaengige Beobachtungen
Heute vor 50 Jahren war Ghana noch eine Kolonie. Morgen nicht mehr. Alles bereitet sich auf die grossartige Unabhaengigkeitsjubilaeumsfeier vor, das kleinste Dorf prangt von gelb-gruen-roten T-shirts, Fahnen, Ansteckern undsoweiter. Im Radio und Fernsehn gibt’s kein anderes Thema. Man ist stolz, das erste afrikanische Land zu sein, das sich von den Kolonialherren geloest hat und im kleinsten Detail werden die Ereignisse vor 50 Jahren wieder und wieder erzaehlt. Ich frage meine ganz normalen Freunde: Und was bedeutet Unabhaengikeit fuer Dich? Mein Fahrer Mark sagt: „Was hat Unabhaengigkeit uns gebracht, wir sind noch immer arm und werden jedes Jahr aermer?“ Mary sagt: „Am sechsten Maerz ist es immer viel zu heiss, was soll ich da in der Sonne rumstehn und mir die Paraden ansehn. Der Tag ist doch nur fuer Politiker und die grossen Leute, nicht fuer’s einfache Volk.“ Mama Laadi: „ Unabhaengigkeitstag ist vor allem fuer die Schueler. Viele bekommen fuer die Paraden neue Schuluniformen und Sandalen, die Eltern geben ihnen ein bisschen Geld fuer Suessigkeiten. Fuer mich selbst? Das Waisenhaus ist mein Leben, was hab ich mit dem Unabhaengigkeitstag zu tun?“ Assistent Douglas: „Mein eigener Unabhaengikeitstag ist der Tag, an dem ich letztes Jahr aus dem Haus meines Vaters ausgezogen bin. Da hab ich das Ende der Unterdrueckung am eigenen Leib erlebt (lacht). Ich weiss genau, wie sich vorher und nachher anfuehlt. Das Ende des Kolonialismus? Ich war doch nicht dabei, das beruehrt mein Herz nicht. Klar, wenn man Fotos von der Sklaverei sieht und die Unabhaengigkeit hat das beendet, das ist schon gut. Andererseits verkaufen wir uns nun freiwillig, um in der Fremde zu schuften, so viel ist also nicht passiert.“
Samstag, März 03, 2007
Verwirrt
Heute morgen wachte ich in meinem Bett auf und schnupperte und schnupperte. Aber so sehr sich meine Nase auch anstrengte, alles was ich roch, war Staub, denn der Harmatan ist zurueckgekeht, der Staubwind aus der Sahara. Kein Kaffeegeruch, kein Rumpeln in der Kueche, kein Schlurfen im Flur. Als ich ganz wach war, erinnerte ich mich: Die Eltern haben sich gestern morgen auf den Weg in den Sueden gemacht, der Alltag hat mich wieder, mein Haus gehoert wieder Mary, mir und dem Staub...
Freitag, März 02, 2007
Nach dem Krankenhaus gings ins Waisenhaus
Mama Laadi hatte ein neues Baby, eine grade mal vier Monate alte Hexe. Deren Grossmutter war vor einem Jahr als Hexe umgebracht worden. Ihre Mutter hatte waehrend der Schwangerschaft durch Zauberkraft drei Leute getoetet. Deshalb half ihr niemand bei der Geburt und sie blieb geschwaecht mit dem Baby in der Huette liegen, bis sie starb. Uebrig ist ein stilles kleines Maedchen das in dem Dorf keine Ueberlebenschancen haette, die Hexerei liegt ja offensichtlich in der Familie. Laadi sagt: Wenn ich Europaer finden wuerde, die sie nehmen, wuerd ich sie sofort hergeben. Hier klebt doch immer Schande an ihr. Sie ist ihres Lebens nicht sicher. Dann legten wir es meiner Mutter in die Arme und warteten auf erste Effekte. Nun, ihr „Heiteitei-Reflex“ ist zwar intakt, trotzdem weigerte sie sich, das Kind zu adoptieren. Man kanns ja mal versuchen...
Nachgereichte Togo-Fotos
Bananenblueten
Aber auch Schoenheit...
Nach unserem Besuch bei den togolesischen Flodders im Lehmpalast (s.u.) standen wir ewig auf der Bruecke, atmeten den Fluss ein, verfolgten die Voegel mit Ohren und Augen, hoerten dem Palaver der Waschfrauen zu und gruessten die gelegentlich vorbeischwankenden betrunkenen Radfahrer, bis unsere Seelen wieder im Gleichgewicht waren...
Dienstag, Februar 27, 2007
Wie im Duerener Krankenhaus
Gestern bin ich mit der Mutter ins Regionalkrankenhaus Bolgatanga gegangen. Nicht weil wir krank waren (hoechstens krankhaft neugierig). Ich wollte sie meinem Freund Dr. Amia vorstellen, der aber leider grade Urlaub hat. Also erzaehlte ich dem Arzt, der sich um uns kuemmerte, dass meine Mutter Krankenschwester aus Deutschland sei und ich in Bolga lebe und sie dieses Krankenhaus aus beruflichem Interesse besichtigen moechte. Weil dreist hier immer gewinnt und Weisse ueberall Zugang haben, gab er uns eine Schwester mit und waehrend meine Mutter immer wieder log: „Das ist ja ganz wie zu Hause“, fiehlen ihr immer wieder die Augen aus dem Kopf.
Wir begannen mit dem Operationssaal, wo der Staub durch die offenen Fenster wehte und ein Ventilator die heisse Luft im Raum verteilte. Auf dem Operationstisch lag ein Mann, der lokal betaeubt war und die abblaetternde Decke bewunderte, waehrend der Arzt mit dem Skalpell rumfuchtelte und uns erklaerte, dass er hier nun eine Beschneidung vornehmen werde. Das war zu vermuten, schliesslich lag das Stueck des Interesses nackt in der Gegend rum und wartete auf die Verkuerzung. Wenngleich der Arzt sehr gespraechig war, draengte ich uns doch aus dem Operationssaal raus – aus lauter Angst, er koennte uns zum Zuschauen einladen.
Die Kinderstation war ziemlich leer, im Moment ist Trockenzeit, also Nachsaison im Krankenhaus – sobald der Regen beginnt, fuellt sich das Krankenhaus wieder mit Malariapatienten. Die Tuberkulosestation war in einem extra Gebaeude untergebracht, eine sogenannte Isolierstation, was aber niemanden daran hinderte, uns da durch zu fuehren. In die Notaufnahme guckten wir nur kurz rein. Alle Mitarbeiter da waren um ein Bett versammelt, dass unter angestrengten Widerbelebungsversuchen bebte. Da wollten wir dann doch nicht stoeren. Die Geburtenstation war ebenfalls wenig belegt. Hier ist die Saison Juni bis September, weil es vor allem im Winter kalt genug ist, sich zu vermehren. Neben den normalen Geburten haben sie hier auch immer wieder Frauen, die zu Hause gebaeren wollten und dann zum Beispiel nicht aufhoeren zu bluten, die Plazenta nicht verlieren oder nur einen ihrer Zwillinge gebaeren konnten und dann mit jeglichem Transportmittel ins Krankenhaus kommen.
Typischer Krankentransport findet zum Beispiel auf dem Motorrad statt. Wenn der Kranke zu schwach ist, sitzt der Fahrer vorne, der Kranke in der Mitte und hinten ein Dritter, der ihn aufrecht haelt. Als ich Malaria hatte und ungeduldig auf Besserung wartete, bot mir Dr. Amia an, fuer 24 ins Krankenhaus an den Tropf zu kommen. Da ich das Haus kannte, wirkte dieses Angebot wie eine Wunderpille: Ich wusste gleich, dass ich keinesfalls krank genug war, um mich da hinzulegen, in einen heissen Saal auf durchhaengendem Bett, rechts und links flankiert von stoehnenden Greisinnen, die sich ihrem Ende entgegenwaelzen...
Montag, Februar 26, 2007
Trutzburg
mit Schiessschachten, kegelfoermigen Hausaltaren, Hypolites Frau mit Baby, Teenager mit Souveniers auf Touristenjagd
Wilde gucken
Darf man das? Ich weiss es nicht. Im Norden Togos gibt es ein Volk, dessen Lehm-Trutzburgen so aussergewoehnlich sind, dass die UNESCO sie zum Weltkulturerbe erklaert hat und die Bevoelkerung dabei unterstuetzt, den dazugehoerigen Tourismus zu kanalisieren. Wir kamen an der Schranke eher zufaellig vorbei, da zahlt man Eintritt fuer die ganze Gegend oestlich der Stasse und erhaelt die Empfehlung, sich einen Fuehrer zuzulegen, der einem die Burgen von aussen und innen zeigt und erklaert. Hypolite war unser Fuehrer und an seinen rosa Lippenflecken konnten auch Leute, die keinen Geruchssinn haben, seinen regelmaessigen Alkoholgenuss ablesen.
Nun gut. Er fuehrte uns zu sich nach Hause. Jaja, diese Lehmbauten sind wirklich interessant, mit Schiessscharten und Aussichtsplattform, Getreidespeicher und Schlafraeumen auf dem Dach und so weiter, es ist spannend, zu sehen, wie fremde Leute leben und Ihr kennt meine Neugier. Aber am Abend fuehlten wir uns trotzdem von innen schmutzig, als haetten wir etwas Unanstaendiges getan, eben „Eingeborenen Safari“ gemacht. Und das lag vor allem an dem Zustand von Hypolites Familie. Es gab die alte Mutter, die fuer Schoenheit ein fingerdickes Loch im Kinn hatte, durch das sie abwechselnd einen weissen Steinschmuck und ihre Zungenspitze steckte und grinste. Seine dicke Frau mit vier Kindern, die unterschiedlich grosse Hungerbaeuche vor sich her trugen. Ihn selbst in ordentlichem Hemd und Hose, das Handy um den Hals baumelnd. Zwei Teenager unbekannter Familienbeziehung, traditionell verkleidet, die uns auf der ganzen Fuehrung mit Andenken verfolgten. Jeder hatte seine Rolle und einstudierte Pose, gefolgt von aufgehaltener Hand.
Als Hypolite einen Moment mit mir allein war, erzaehlte er mir noch schnell von den Initiationsfeiern im April, zu denen ich wiederkommen soll, da dann hunderte von stattlichen nackten jungen Maennern traditionelle Taenze vorfuehren. Hechelhechel. Nachdem die Fuehrung vorbei war, bat er darum, dass wir ihn am kleinen Markt absetzen. Jaja, er werde das Geld natuerlich mit der Familie teilen. Eigenartig, als wir an dem Platz anhielten, den er mit Markt bezeichnete, sahen wir zwar viele Maenner und Frauen unter den Baeumen versammelt, aber weder Jams noch Tomaten, Ziegen, Huehner oder sonstige landwirtschaftliche Erzeugnisse. Das einzige, was auf diesem Markt verkauft und gleich konsumiert wurde, waren Getraenke.
Donnerstag, Februar 22, 2007
Gerriatrische Entymologie
Was tun die hier? Und warum stehen hier diese grossen mit Netzen bezogenen Kaesten in denen schleimige gelbe Kaefer wimmeln. Oder gruene Insekten, die so tun, als seien sie Aeste und deren Koerper so lang ist, wie mein Unterarm. Insektenforscher, sagen sie – und diskutieren mit ihren Togolesischen Gehilfen, wie teuer man dieses oder jenes Gewimmel in Frankreich verkaufen kann. Wie man die Viehcher am besten transportiert um moeglichst viel Lebendware zu importieren. Dann feiern sie die Mittagshitze, indem sie ihre Pernod-Flasche leeren und der aelteste Rauschebart spendiert seiner Altenpflegerin ein Mittagessen – wir beschlossen, dass diese junge Frau im knallroten Kleid, auf die sich Rauschi bei Schritt und Tritt stuetzte, unmoeglich etwas anderes sein koennte, als seine Altenpflegerin... Doch ich will nicht gar zu boese ueber die Herren reden, schliesslich hat uns lila Pyjama vermutlich das Leben gerettet, indem er uns vor der Piste gewarnt hat, die wir zu fahren geplant hatten: Sie sei sowohl schwer zu finden, als auch schwer zu fahren und nehme ohnehin einen ganzen Tag in Anspruch. So fahre ich die Eltern auf gleichem Wege wieder zurueck in die naechstgroessere Stadt und bin froh, dass ich selbst eine vielfaeltigere Berufsauswahl hatte und mir eine die Arbeit als Altenpflegerin erspart bleibt...
Tagesgericht: Traenen an Kunstleder
Die Mutter und ich wollten uns nach der Zimmerbesichtigung mit unserem ueblichen Spruch aus der Affaire ziehen: „Das muessen wir erst mit Papa diskutieren, der draussen im Auto sitzt". „Warum wollt Ihr wieder gehn?" fragte uns der Manager mit Verzweiflung in den Augen. „Liegt’s am Preis? Mach ich billiger!" Das hoerte sich an wie: „Von mir aus koennt Ihr umsonst hier schlafen, aber lasst uns nicht allein. Wir wollen noch einmal das Gefuehl haben, ein Hotel zu fuehren." Wir hatten vergessen, unsere Herzen abzuschliessen und konnten deshalb nicht sagen: „Da muesstest Du uns noch was draufzahlen!" Statt dessen: „Gut, was ist der Preis? Bitte danke gern geschehn." Waehrend ich den Eltern erklaerte, dass es keine gute Idee sei, sich mit blutroten Leitungswasser die Zaehne zu putzen, hatte der Manager alle Komparsen aktiviert und als wir 20 Minuten spaeter durch die Lobby gingen, sassen Fuehrer und staubige Andenkenverkaeufer in den abgewetzten Kunstledersesseln. Einer von ihnen probierte am Vater sein spaerliches Deutsch und seine hervorragende Menschenkenntnis aus und nannte ihn freundlich: „Billiger Jakob!"
Gluecksbrocken
Ja wo laufen se denn...
Freitag, Februar 16, 2007
Dr Jesus
hat sich aus dem oeffentlichen Leben zurueckgezogen und in Pussu-Namo eine Autowerkstatt eroeffnet...
Rastlose Jecken
Jetzt sind se da. Und gleich wieder abgehauen. Kein Ghanaer kann das verstehn: Da kommen meine Eltern, um mich zu besuchen – und statt in meinem Haus zu sitzen und sich auszuruhen und auf meine Kosten fett zu fressen, waehrend ich auf Arbeit bin, schnappen sie sich ein Auto und gehn auf Abenteuertour ins Paradies (dieses verdammte Hotel am Akosombo Damm, das meine ganze Familie zu kennen scheint, nur ich verfahr mich immer, wenn ich das Paradies suche und lande nebenan, wo man Krokodile und Affen zur allgemeinen Belustigung in Betonkaefigen haelt. Wer das hier nicht versteht, kann letztes Jahr im Januar nachlesen...). Morgen machen wir uns dann gemeinsam nach Togo auf. Ein weiterer unverstaendlicher Wunsch: Warum wollt Ihr irgendwo hin fahren, wo ihr keine Familie habt und keine Geschaefte macht? Zum gucken? Das kann doch nicht Euer Ernst sein. So ne Geldverschwendung, gucken koennt Ihr doch auch zu Hause.
Montag, Februar 12, 2007
Morgen
Hungern
Vor einer Woche rief Debbie mich atemlos an: „Ich hab was gesehn, was mir nicht aus dem Sinn will, vor dem Internet Cafe stand ein Maedchen und bettelte. Sie sah so aus, wie die Verhungernden, die man im Fernsehn sieht, Arme und Beine wie Stoecke. Ich hab ihr tausen Cedis gegeben. Dann hab ich gedacht, das ist viel zu wenig, und noch was drauf gepackt. Sie stand nur da und starrte vor sich hin und sagte keinen Ton. Ich wusste nicht, dass es sowas in Ghana ueberhaupt gibt...“ Wir ueberlegten hin und her und schliesslich sagte ich: „Wenn Du sie nochmal siehst, bring sie zu Mama Laadi, die weiss, was man tun muss.“ (Oh dem Himmel sei dank fuer Menschen wie Laadi, bei denen man die ganze Last der Welt ablegen kann und die kuemmern sich drum)
Ein paar Tage spaeter war es so weit, das Maedchen stand wieder ebenso reglos an gleicher Stelle und Debbie machte sich auf die Suche nach Laadi. Gemeinsam mit ihr gingen sie zu der Familie des Maedchens und erfuhren einen Teil der Geschichte: Sie lebt im Haus ihres Onkels. Die Eltern waren vor ein paar Jahren mit ihr nach Kumasi gezogen, da wurde sie vor kurzem des Diebstahls beschuldigt. Der Vater sollte fuer sie ins Gefaengnis und ist abgehaun. Sie wurde zurueck nach Hause geschickt. Im Haus des Onkels gab es nen Haufen Frauen und Kinder, die alle verwahrlost waren, voller Dreck und offener Schwaeren an den Beinen aber zumindest halbwegs gut gefuettert. Waehrend des Gespraechs behandelte die Familie das Maedchen wie Luft und erklaerte, dass sie betteln geht weil sie das selbst so will, dass sie sich zu fein ist, das Essen zu essen, was im Haus gekocht wird und dass sie sich vom Erbettelten Fleisch und Suessigkeiten kauft. Nein, man ist mit ihr noch nicht zum Arzt gegangen, schliesslich weiss man, dass ihre Krankheit eine Folge ihrer schlechten Taten ist. Auf eine perverse Art beruhigt uns der Gedanke, dass sie krank sein koennte. Das ist eine angenehmere Erklaerung fuer ihren Zustand, als sich vorzustellen, dass sie mitten in der Fuelle verhungert. Denn obwohl im Norden Ghanas viele Kinder unterernaehrt sind und deshalb anfaelliger fuer Krankheiten und eher sterben, sind wir nicht so arm, dass Menschen hier direkt und gradlinig verhungern muessen, also an Nahrungsmangel sterben.
Deshalb war es ein zweiter Schock, als der Arzt nichts aber auch gar nichts finden konnte. Nun sucht Mama Laadi nach einer Moeglichkeit, das Kind irgendwo unterzubringen, wo es regelmaessig gefuettert wird. Dann koennen wir sehn, ob sie wieder ins Leben zurueckkehrt, wenn sie nur isst – oder ob sie eine Krankheit hat, die der Arzt nicht finden kann. Oder ob die Schuld und der Fluch eine Diebin zu sein, staerker sind als Maisbrei und medizinische Fakten.
Samstag, Februar 10, 2007
Zittern
Freitag, Februar 09, 2007
Die Maer vom edlen Wilden
Ihr wisst, ich liebe Ghana und die Ghanaer. Von ganz Nahem. Deshalb verwirrt es mich manchmal, wie sie von Weitem aussehn. Freunde aus der Ferne vermuten immer wieder, dass sie viel mehr Platz fuer Spiritualitaet haben, weil sie nicht so viel kaufen koennen, dass sie Familienwerte hochhalten, weil sie moralisch besser und irgendwie urspruenglicher sind und generell viel weniger materialistisch, weil sie weniger haben. Ach, wenn ich ehrlich bin, diese Vorstellungen versammeln sich nicht nur fern von hier, viele Entwicklungsprojekte sind auf der Idee aufgebaut, dass die Menschen im afrikanischen Dorf alle gleich sind und sich immer singend an den Haenden halten, waehrend sie gemeinsam und selbstlos fuer eine bessere Zukunft des Dorfes arbeiten.
Es gibt niemanden, der so materialistisch ist, wie die Armen. Sie waeren ja auch gefaehrlich bloede, wenn sie es nicht waeren. Natuerliche Auslese: Arme, die nicht materialistisch sind, sind schnell verhungert und ausgestorben... Wenn Du nicht weisst, was Du morgen essen wirst, waehlst Du Deinen Partner nicht wegen seiner schoenen Augen aus, sondern weil er Geld hat. Deshalb wissen die Jungs hier: Wenn sie nicht wenigstens ein Motorrad vorweisen koennen, stehn ihre Chancen schlecht. Fuer eine Mahlzeit kannst Du ein junges (oder sehr junges) Maedchen fuer eine Nacht haben.
Spiritualitaet. Ja, wenn Leute aus ungeklaerten Gruenden krank werden und sterben, steckt da meist ein boeser Zauber dahinter – oder sie haben ein Tabu gebrochen, das toedlich ist. Ein kleines Maedchen, das beschuldigt wird, gestohlen zu haben, wird krank. Die Familie bringt es nicht zum Arzt, waehrend es langsam vor sich hin stirbt, schliesslich ist klar, dass die Krankheit spirituelle Gruende hat.
Familienwerte. Es stimmt, ohne die Leistungen der afrikanischen Grossfamilie wuerde diese Gesellschaft im Chaos auseinanderbrechen. Die Kinder Deines Onkels sind auch Deine eigenen, Alte, Kranke, Behinderte, alle werden irgendwie mitgeschleppt. Kein Staat und keine Institution nimmt den Familien diese Last ab. Manchmal gibt es dann Kampagnen darueber, dass es nicht gut ist, seine behinderten Familienmitglieder in Ketten zu legen, dass man sie ab und an fuettern sollte und bekleiden. Aber was soll eine Familie tun, wenn der geistig gestoerte Onkel voller Gewalt ist und es selbst fuer den Rest der Familie nicht genug zu essen gibt.
Und die ghanaische Mittelschicht, die Angestellten von Regierung, Firmen, Nichtregierungsorganisationen? Die stoehnen unter der Last riesiger Familiennetzwerke, die sich auf sie verlassen, halbe Doerfer wollen zur Schule geschickt und mit Wasser versorgt werden. Von dem, was uebrig bleibt, kaufen sie Statussymbole, das schickste Handy, die glaenzendsten Schuhe, das groesste Auto (das jeden Tag komplett gewaschen wird, selbst die Reifen). Dann zeigen sie ohne falsche Bescheidenheit, was sie haben und sonnen sich in der Bewunderung der armen Verwandten – die natuerlich noch vehementer ihren Anteil einfordern.
Mittwoch, Februar 07, 2007
Kulturschockwellen
Ich kann Euch beruhigen, was auch immer die Droge war, das duemmlich glueckliche Laecheln ist verschwunden, die Intelligenz zurueckgekehrt und wir kaempfen mit dem Kater. Ploetzlich ist Ghana voll von Bestechung, boshaften Bossen (nicht meine sondern die meiner Freunde), Kinderfickern und fiesen, untreuen Ehemaennern (ebenfalls nicht meine)...
Nach drei Tagen Kater wurde das dann auch langweilig und heute hatte ich einen Gedanken, an den ich unsere Haare festbinden kann und uns langsam wieder auf Bodenhoehe zerren: Unser Problem ist, dass wir uns in massloser Selbstueberschaetzung manchmal tatsaechlich einbilden, ganz viel veraendern zu koennen, veraendert zu haben, in unseren zweimal zwei Jahren in Ghana. Mary wird einBaeckerei-Imperium aufbauen, der Wassersektor und das Schulsystem revolutionieren sich und so weiter...
Mit dem Problem sind wir nicht allein, man koennte das ganze Arbeitsamt Gelsenkirchen und die Zweigstelle in Duisburg mit zynisch gewordenen Entwicklungshelfern fuellen, deren romantische Grundeinstellung der ersten Jahre bitter geworden ist, weil sich Afrika weigerte, den hervorragenden Plan umzusetzen und ihre Liebe mit harter Arbeit zu vergelten.
Das Wundermittel gegen diesen Verschleiss ist eher langweilig: Bescheidenheit und Mittelmass. Also versuchen Debbie und ich nun realistische Bestandsaufnahme: Was war eigentlich moeglich? Wieviel davon haben wir erreicht? Wie wird die Geschichte weitergehn? Zwischenstand: Wir haben die Menschen, die wir hier lieben nach Kraeften gestaerkt, damit sie ihr weiterhin schwieriges Leben ein wenig besser und selbstbewusster meistern koennen. Sie haben ein paar neue Sachen und neue Gedanken, die sich im Umgang mit dem ghanaischen System entweder bewaehren oder abnutzen werden. Und jetzt ist mein Schreibtisch voll mit Alltag, der Schritt fuer Schritt abgearbeitet werden will.
Dienstag, Februar 06, 2007
Willkommen in den 60er Jahren
Ganz entgegen meiner sonstigen Unorganisiertheit hatte ich bislang immer gut vorgesorgt. So dass ich heute zum ersten Mal in zwei Jahren mit der Frage konfrontiert war: Wo kann man in Bolga Tampons kaufen? In der ersten Apotheke rief die junge Verkaeuferin: „E! Charley!“ (Was alles oder nichts heissen kann und deshalb ein Ausruf fuer jede Gelegenheit ist. In diesem Fall hiess das vermutlich: „Hey, die weisse Frau traeumt wohl!”) Sie schickte mich zur neusten Apotheke in der Stadt. Die drei jungen Maenner da boten mir Pampers an. Das hoert sich ja auch so aehnlich an wie Tampax und der Zweck ist auch fast der gleiche... In jedem Geschaeft fragte ich: Wo koennte ich denn sonst hingehn. Selbst wenn die Verkaeufer nicht immer recht verstanden, was ich suchte, laechelten sie wissend und schickten mich zu „Best Western“ oder sonst einem Geschaeft mit ungewoehnlichen Importwaren. Beim fuenften Anlauf geriet ich an eine junge Apothekerin, die ganz offen sagte: „I’m not getting you (ich versteh Dich nicht)“ Also begann ich anschaulich zu beschreiben, worum es sich handelt und in welcher Situation eine Frau zu einem solchen Gegenstand greifen wuerde. Erschoepft sah ich schliesslich ein, dass der Fortschritt hier „Einwegbinde“ heisst und bin dankbar, dass ich in der Regionalhauptstadt wohne und mir die wiederverwendbaren Baumwoll-Lumpen erspart bleiben.
Freitag, Februar 02, 2007
Internet-Marketing
Mutterpuppen
Mutterpuppen-Puffmutter
Bin ich das, wenn ich Euch diese Damen zum Kauf anbiete? Jede Puppe ist ein Einzelstueck. Die Maedchen haben alle individuelle Frisuren, an denen man ihre Puppen erkennen kann. Eine Mutter mit Kind kostet 30 000, das sind 3 Euro. Mit dem Geld finanziert sich die Schule, die hoffnungslosen Maedchen eine Zukunftschance und ein zu Hause bietet. Meine Eltern sind sicher bereit, sich am Menschenhandel zu beteiligen und die Kleinfamilien in ihrem Koffer nach Deutschland zu schmuggeln. Bestellungen bitte!
Puppenmuetter
Mittwoch, Januar 31, 2007
Montag, Januar 29, 2007
Evas schnabuloese Restekueche
Erfindung des Tages: Butteriger Kartoffel-Linsen-Brei mit getrockneten Steinpilzen. Wow. Jetzt ist alles wieder gut. Und so gehts:
Soviel Kartoffel schaelen, kleinschneiden und kochen, wie weiche Linsen uebrig sind. Abschuetten. Dieweil die Steinpilze einweichen und kleinschneiden. Bisschen Zwiebel hacken und in grosszuegiger Butter glasig duensten (nicht braun). Milch dazukippen und mit Muskat, Pfeffer, Salz wuerzen. Steinpilze rein. Linsen in die heisse Milch und mitkochen. Kartoffeln in den Topf schmeissen und gruendlich durchstampfen. Je nachdem, wie hart der Tag war, noch nen Batzen Butter draufpacken. Irgendwas Knackiges dazu servieren, sonst wirst Du beim Essen komplett zum gluecklich grinsenden Baby.
Wogen
Wer hat die Leich???
Wir waren quasi die einzigen Weissen auf der Feier und unser Ghanaischer Freund ist ein Sohn des Protokollbeauftragten des Regionalministers. Das bedeutet, dass er alle Polizisten und Militaers kennt, so dass er uns einen Ehrenplatz mit Plastikstuhl im Schatten organisieren konnte. Als Debbie im Scherz erwaehnte, sie sei eine Repraesentantin der Koenigin von England, waeren wir fast zu offiziellen Ehrengaesten geworden und mussten viel Ueberzeugungskraft aufwenden, um nicht in die Totenreden eingebaut zu werden...
Die Beerdigung war eher eine Familien-Affaire als ein Staatsakt. Das heisst, dass hunderte und hunderte lokale Gaeste anwesend waren, kaum Politiker - aber dafuer Kaempfer mit gehoernten Helmen die dem alten Mann zu Ehren tanzten, abgemagerte Pferde die von ihren Reitern ordentlich verhauen wurden, eine Abordnung des Ashante Chiefs die mit viel Getrommel und Sonnenschirmwirbeln erschien... Die Trauernden hatten sich fuer die Gelegenheit geschmueckt – sie trugen eine Kalebase auf dem Kopf oder ein Kissen unter dem Hemd, eine knallrote Kolonialuniform oder bunt bestickte Cowboystiefel. Der Sarg stand pompoes geschmueckt und von Pferden eingerahmt in der Mitte des grossen staubigen Palastvorplatzes. Leer. Den alten Mann hatten sie morgens schnell begraben – den wollten sie sich nicht nochmal klauen lassen.
Freitag, Januar 26, 2007
Audienz beim Koenig
Der Koenig ist tot! Lang lebte der Koenig!
Dienstag, Januar 23, 2007
Vorsicht! Sekundenentscheider!
Abends kam sie um die Spinnweben zu besichtigen, stellte tausend nervoese Fragen, ohne auf die Antworten zu hoeren und verabschiedete sich schliesslich, dass sie nochmal drueber schlafen muesste. Was lustig ist, denn das Angebot der ordentlichen dreizimmer Haeuser mit fliessend Wasser und Strom, in denen man fuer lau wohnen kann, ist in Bolga nicht wirklich sooo gross, dass sie viele Alternativen zu bedenken haette. Die Frage war wohl mehr: Frisst sie oder frisst sie nicht (kleine Kinder)? Vielleicht hat ihre Chefin ihr heute morgen erzaehlt, dass ich Vegetarierin bin. Jedenfalls kam sie eben in mein Buero, um zuzusagen. Und zu fragen, ob vielleicht fuer ihre Freundin auch noch Platz waere. Ich hatte zwar gestern nein gesagt, aber ach, warum eigentlich? Also sagte ich: „Ja. Geht klar. Ich hoffe sie ist keine bloede Kuh.“ Da war Jessica noch geschockter und draengte mir von sich aus einen Tag Bedenkzeit auf, dass ich sie doch bitte im Laufe des Tages anrufen sollte, falls ich es mir anders ueberlegt haette. Und ob sich an der Miete irgendwas aendern wuerde, wenn sie zu zweit einziehen? Ja, das kostet dann zweimal nichts. Ich bin gespannt und freu mich fuer Mary, wenn das Haus nicht so leer ist.
Oh Du heiliger Kaffeehee
Afrikanischer Antikant am Morgen
Sie fuehrt Daumen, Zeige- und Mittelfinger zum Mund in der Geste fuer Essen und sagt children und school. Und: „I hear English but no talk.“ (Ich hoer Englisch, aber nix sprechen). Schliesslich geh ich ins Haus und finde zwei verknitterte 2000 Cedis Scheine fuer sie (40 Cents – das ist nichts. Aber das heilige Prinzip!). Sie freut sich und dankt und ich hab diesen ploetzlichen Gedanken: „Vergiss nicht, die tun zum Betteln nicht so, als seien sie arm. Sie sind arm. Punkt.“
Fuer einen Moment spricht mein Herz und mein grunddeutscher innerer Erzieher ist still, der aus Prinzip nichts geben wollte, um Betteln nicht zu ermutigen und klar zu machen, dass man an diese Tuer nicht klopfen muss. Es ist doch erstaunlich, wie stark Kant immer noch in uns Deutschen wuetet und selbst wenn wir aufs Klo gehn, wollen wir so kacken, dass unser kacken zur Maxime des allgemeinen Kackens werden koennte.
Ghanaer sind da generell viel flexibler. Statt nach allgemeingueltigen Prinzipien zu leben, entscheiden sie in der Situation, wohin das Herz sie zieht. Und alle reichen Ghanaer, die ich kenne, geben oft, wenn sie gebeten werden und werden oft gebeten. Selbst nach zwei Jahren kultureller Anpassung misstraue ich diesem Wankelmut noch. Andererseits spuere ich aber auch, wie es meinem Herzen gut tut, wenn ich mir ab und an erlaube, zu tun, was ich fuehle und flexibel zu bleiben. Dann sehe ich, wie absurd es ist, feste, unumstoessliche Regeln aufzustellen, fuer Dinge, die erst in der Zukunft passieren werden und die ich doch noch gar nicht erahnen kann.
Und wenn jetzt regelmaessig alte Frauen an meine Tuer klopfen und mein Herz ansprechen wollen? Nun, das wird mich vielleicht vier Euro im Monat aermer machen und meinen Ruf in der Nachbarschaft zum Strahlen bringen. Ich werde mit meinen Gaben nichts strukturell aendern. Aber ab und zu wird sich jemand auf meine Kosten den Magen vollschlagen koennen. Und das schmeckt gut.
Montag, Januar 22, 2007
Herzensort
Freitag, Januar 19, 2007
Ich hab so einen schrecklichen Ehemann!
Aber ganz ehrlich, dieses Scheusal macht mein Leben so viel leichter. Seit ich (in meiner Einbildung) mit ihm verheiratet bin, ist es so leicht, keinem Taxifahrer oder Strassenrandsitzer meine Telefonnummer zu geben. Und dabei nicht unhoeflich zu sein. Ich sage einfach: „Mein Mann mag das nicht.“ Wenn der Anmacher dennoch besteht, mach ich ein kleines erschrecktes Gesichtchen und sage: „Wenn mein Mann das rausfindet, krieg ich ganz schoenen Aerger und Du auch. Er mag das gar nicht, wenn fremde Maenner seine Frau anrufen!“
Das ist eine schoene Ghanaische Loesung, bei der keiner das Gesicht verliert, denn schliesslich sag ich nicht: „Was stellst Du Dir vor, Du Schrekel! Ausserdem weiss ich noch nichtmal Deinen Namen! Wie kannst Du es wagen, mich zu fragen, ob ich Dich heiraten will?!“ Sondern: „Du bist echt n toller Kerl und tut mir ja auch leid, dass ich Dich Strassenkehrer nicht heiraten und mit nach Deutschland nehmen kann. Das wuerde ich viel lieber machen. Aber leider bist Du zu spaet.“ Eben bat mich ein Mann dann, wenigstens seine Telefonnummer anzunehmen und ihn anzurufen, falls ich eine andere ungebundene Europaerin fuer ihn finden koennte. „Ja, ich werde sehn, was ich fuer Dich tun kann!“ Bittesehr, hat irgendwer Interesse, Emanuel, Spitzname Star kennenzulernen?
Dienstag, Januar 16, 2007
Jaja Herr F., schoener Ratschlag
Montag, Januar 15, 2007
“Ich werde diese Stadt mein eigen machen”
Waermeflasche!
Die gute Nachricht: Ich habe jetzt endlich die Bekanntschaft einer tollen Masseurin gemacht. Die kommt aus Togo, hat ihr Handwerk auf einer sehr guten Massageschule in Benin gelernt, vier Jahre mit Chinesischen Aerzten gearbeitet und massiert in Accra fast nur Weisse. Massage gehoert hier nicht zur Kultur. Sie sagt, dass Ghanaer gleich schmutzige Gedanken haben, wenn sie Massage hoeren. Ich denke, dass die meissten auch einfach schon natuerlich so entspannt sind, dass viele der Europaeischen und Asiatischen Verspannungen einfach nicht vorkommen.
Die zweite gute Nachricht: Daniel bietet mir an, dass ich jetzt endlich einen traditionellen bonesetter (also Knochenzurechtruecker) bei der Arbeit erleben kann. Er ist begeistert. Bei meiner Malaria hatte er ja auch darauf bestanden, dass ich seinen Tee aus Limonen, Ingwer und Bambus zu meiner Heilung trinke. Ich traute mich an das Gebraeu aber erst ran, nachdem ich gesundet war, da ich dachte, dass ich mit Malaria einfach nicht stark genug bin fuer diese Medizin. Die Drohung mit dem Knochenbrecher hatte dann auch schon den guten Effekt, dass ich laechelte und meinte: Och, so schlimm ist das eigentlich gar nicht... (so wie der Vater damals beim Anblick der gegrillten Ratten sagte: Och, ich haette eigentlich gern nen Kaffee...)
Was ist die schlechte Nachricht, die zu diesen guten Nachrichten gehoert? Hexenschuss. Aber ihr koennt Daniel fragen, eigentlich gehts mir schon wieder ganz prima. Und so sitz ich aufrecht und laechelnd auf meinem Sofa mit meiner Voltic-Plastik-Waermeflasche im Ruecken und schreibe blog, damit ich gemeinsam mit Euch darueber lachen kann.
Kulturuebergreifende Vorlieben in Geich und Bolga
Er hat versprochen, dafuer zu sorgen, dass das mit den Staubstuermen ein Ende hat, bevor ich naechste Woche komme. “Ich habe schon mal ein Kommittee gegruendet”, sagt er. Ausserdem laed er mich in sein neues Haus ein und verspricht, etwas fuer mich zu kochen, was ich total lecker finde. Bin ich irgendwie zynisch, oder einfach nur verzogen, wenn ich die Abschaffung der Staubstuerme fuer wahrscheinlicher halte? (NEIN DANKE, DAS IST EINE REIN RETHORISCHE FRAGE, BITTE NICHT BEANTWORTEN, ICH WEISS DAS DOCH SELBST!)
Unser Rasenmaeher ist tot
Und ich sag: “Gute Idee, das sieht ja schon aus wie ein Dschungel hier!”
Er lacht und sagt: “Der alte Rasenmaeher, der sonst immer kam, ist ja jetzt tot.”
Ich: “Ach”
Er: “Ja”
Ich: “Ach so”
Er: “Ja, kurz vor Weihnachten hat sein Master ihn irgendwo hin gerufen, da war er also nachts auf der Landstrasse unterwegs, dann haben die Leute ihn fuer einen Strassenraeuber gehalten und totgeschlagen. Morgens fand man ihn im Strassengraben.”
Ich: “Tsss”
Er: “Der war naemlich aus dem Norden. Und jeder mochte ihn, weil er immer ueberall gearbeitet hat. Vier Kinder hatte er auch. Und dann grad so vor Weihnachten. Jetzt ist er tot. An dem Abend, bevor aus dem Haus ging, hat er noch gesagt: Ich geh jetzt zu Jesus. Und alle dachten, der geht beten.”











