Montag, Februar 26, 2007

Hypolites Sohn, Trutzburgbewohner

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Wilde gucken


Darf man das? Ich weiss es nicht. Im Norden Togos gibt es ein Volk, dessen Lehm-Trutzburgen so aussergewoehnlich sind, dass die UNESCO sie zum Weltkulturerbe erklaert hat und die Bevoelkerung dabei unterstuetzt, den dazugehoerigen Tourismus zu kanalisieren. Wir kamen an der Schranke eher zufaellig vorbei, da zahlt man Eintritt fuer die ganze Gegend oestlich der Stasse und erhaelt die Empfehlung, sich einen Fuehrer zuzulegen, der einem die Burgen von aussen und innen zeigt und erklaert. Hypolite war unser Fuehrer und an seinen rosa Lippenflecken konnten auch Leute, die keinen Geruchssinn haben, seinen regelmaessigen Alkoholgenuss ablesen.


Nun gut. Er fuehrte uns zu sich nach Hause. Jaja, diese Lehmbauten sind wirklich interessant, mit Schiessscharten und Aussichtsplattform, Getreidespeicher und Schlafraeumen auf dem Dach und so weiter, es ist spannend, zu sehen, wie fremde Leute leben und Ihr kennt meine Neugier. Aber am Abend fuehlten wir uns trotzdem von innen schmutzig, als haetten wir etwas Unanstaendiges getan, eben „Eingeborenen Safari“ gemacht. Und das lag vor allem an dem Zustand von Hypolites Familie. Es gab die alte Mutter, die fuer Schoenheit ein fingerdickes Loch im Kinn hatte, durch das sie abwechselnd einen weissen Steinschmuck und ihre Zungenspitze steckte und grinste. Seine dicke Frau mit vier Kindern, die unterschiedlich grosse Hungerbaeuche vor sich her trugen. Ihn selbst in ordentlichem Hemd und Hose, das Handy um den Hals baumelnd. Zwei Teenager unbekannter Familienbeziehung, traditionell verkleidet, die uns auf der ganzen Fuehrung mit Andenken verfolgten. Jeder hatte seine Rolle und einstudierte Pose, gefolgt von aufgehaltener Hand.


Als Hypolite einen Moment mit mir allein war, erzaehlte er mir noch schnell von den Initiationsfeiern im April, zu denen ich wiederkommen soll, da dann hunderte von stattlichen nackten jungen Maennern traditionelle Taenze vorfuehren. Hechelhechel. Nachdem die Fuehrung vorbei war, bat er darum, dass wir ihn am kleinen Markt absetzen. Jaja, er werde das Geld natuerlich mit der Familie teilen. Eigenartig, als wir an dem Platz anhielten, den er mit Markt bezeichnete, sahen wir zwar viele Maenner und Frauen unter den Baeumen versammelt, aber weder Jams noch Tomaten, Ziegen, Huehner oder sonstige landwirtschaftliche Erzeugnisse. Das einzige, was auf diesem Markt verkauft und gleich konsumiert wurde, waren Getraenke.

Donnerstag, Februar 22, 2007

Gerriatrische Entymologie

Hier ist es wunderwunderschoen. Wir fahren auf gewundenen Straesschen die Berge rauf und runter, die zwar nicht sonderlich hoch sind aber doch malerisch und regenwaldbewachsen, wasserfalluebersaeht, schmetterlingsverseucht. Die ganze Zeit sagen wir: „Oh! Ah! Guck mal!" Zum Mittagessen hatten wir uns heute verfahren und hielten an einem Hotel an, das so neu war, dass es blendete. Da sass ein halbnackter bierbaeuchiger Franzose rum, als gehoerte ihm das Haus und sagte: „Oh! Oh! Visiteurs!" Nachdem wir herausgefunden hatten, dass man nur schnell den Koch im Dorf holen muesste, dann gaeb es gleich was zu essen, sahen wir aus allen Loechern weitere Franzosen schluepfen, halbnackt oder im lila afrikanischen Gewand, mit unterschiedlich langen Rauschebaerten.
Was tun die hier? Und warum stehen hier diese grossen mit Netzen bezogenen Kaesten in denen schleimige gelbe Kaefer wimmeln. Oder gruene Insekten, die so tun, als seien sie Aeste und deren Koerper so lang ist, wie mein Unterarm. Insektenforscher, sagen sie – und diskutieren mit ihren Togolesischen Gehilfen, wie teuer man dieses oder jenes Gewimmel in Frankreich verkaufen kann. Wie man die Viehcher am besten transportiert um moeglichst viel Lebendware zu importieren. Dann feiern sie die Mittagshitze, indem sie ihre Pernod-Flasche leeren und der aelteste Rauschebart spendiert seiner Altenpflegerin ein Mittagessen – wir beschlossen, dass diese junge Frau im knallroten Kleid, auf die sich Rauschi bei Schritt und Tritt stuetzte, unmoeglich etwas anderes sein koennte, als seine Altenpflegerin... Doch ich will nicht gar zu boese ueber die Herren reden, schliesslich hat uns lila Pyjama vermutlich das Leben gerettet, indem er uns vor der Piste gewarnt hat, die wir zu fahren geplant hatten: Sie sei sowohl schwer zu finden, als auch schwer zu fahren und nehme ohnehin einen ganzen Tag in Anspruch. So fahre ich die Eltern auf gleichem Wege wieder zurueck in die naechstgroessere Stadt und bin froh, dass ich selbst eine vielfaeltigere Berufsauswahl hatte und mir eine die Arbeit als Altenpflegerin erspart bleibt...

Tagesgericht: Traenen an Kunstleder

Was mir Traenen in die Augen treibt, ist die Hoffnung auf eine goldene Zukunft. Vor allem wenn diese Zukunft schon laengst vorbei ist und diesen Winkel der Welt einfach uebersehn hat. Dann muss ich in einem scheusslichen Hotelblock der fruehen siebziger Jahre uebernachten, obwohl oder weil die Traurigkeit dieses Hauses einfach ueberwaeltigend ist. Das ist so ein riesiger Kasten auf dem Berg, der Reisefuehrer sagt „Jedes Zimmer mit Balkon" und das ist nicht gelogen – der verrottete und von der Feuchtigkeit zerfressene Traum einer grossartigen touristischen Entwicklung... Und um uns herum geht Afrika genau so weiter wie vor den siebziger Jahren.
Die Mutter und ich wollten uns nach der Zimmerbesichtigung mit unserem ueblichen Spruch aus der Affaire ziehen: „Das muessen wir erst mit Papa diskutieren, der draussen im Auto sitzt". „Warum wollt Ihr wieder gehn?" fragte uns der Manager mit Verzweiflung in den Augen. „Liegt’s am Preis? Mach ich billiger!" Das hoerte sich an wie: „Von mir aus koennt Ihr umsonst hier schlafen, aber lasst uns nicht allein. Wir wollen noch einmal das Gefuehl haben, ein Hotel zu fuehren." Wir hatten vergessen, unsere Herzen abzuschliessen und konnten deshalb nicht sagen: „Da muesstest Du uns noch was draufzahlen!" Statt dessen: „Gut, was ist der Preis? Bitte danke gern geschehn." Waehrend ich den Eltern erklaerte, dass es keine gute Idee sei, sich mit blutroten Leitungswasser die Zaehne zu putzen, hatte der Manager alle Komparsen aktiviert und als wir 20 Minuten spaeter durch die Lobby gingen, sassen Fuehrer und staubige Andenkenverkaeufer in den abgewetzten Kunstledersesseln. Einer von ihnen probierte am Vater sein spaerliches Deutsch und seine hervorragende Menschenkenntnis aus und nannte ihn freundlich: „Billiger Jakob!"

Gluecksbrocken

In diese, blog ein altes Thema: Heiliges sieht fuer andere nicht immer heilig aus. Heute nachmittag gingen wir am Strand spazieren und was auf der Strasse und der Schwelle eines Hauses lag, sah so aus, als haette jemand mit Kreide die Stelle markiert, auf die er sich erbrechen wollte. Und dann seinen Plan ausgefuehrt. Als wir ein zweites Mal daran vorbeikamen, gruesste uns der Herr des Hauses, ein mittelalter Mann mit Wahlwerbungs-T-Shirt und Shorts und fing ein Gespraech mit uns an – wo wir her waeren und hin wollten, sie ueblichen Freundlichkeiten. Ich bin Sozialwissenschaftlerin und so waltete ich meines Amtes – zeigte auf das Zeug und fragte in verkrueppeltem Franzoesisch, was das soll. Das seien Opfergaben fuer Glueck und er ein Fetisch-Priester. Ich muss noch ein paar Tage hier bleiben, bevor ich mich traue, komplett alles zu fragen, was ich wissen will und immer wieder zu sagen: Bitte, langsam sprich, ich diese nix Wort kenne, meinen was Monjeur? Ich mag ja die englischsprachigen Afrikaner viel lieber als die Franzosen – wobei ich den bohrenden Verdacht nicht los werde, dass das an meiner eigenen Faulheit liegt und daran, dass mein Franzoesisch humpelt.

Ja wo laufen se denn...

Sonntag morgen in Lomé, und halb Togo laeuft mit. Gemeinsam mit der Mutter habe ich mich frueh aus dem Hotel geschlichen, um vor der Tageshitze herauszufinden, wie sich Lomé zu Fuss anfuehlt. Hunderte Togolesen jeglichen Alters waren frueher aufgestanden als wir und liefen, huepften, standen Kopf, kickten Fussbaelle und gruessten die Sonne nach Art der Joga-Meister. Auf der Strandpromenade feuerten die Laeufer sich selbst an, indem sie sangen, auf Wasserkanister trommelten, die sie um den Bauch haengen hatten und in Troeten troeteten. Am Strassenrand verkauften die Frauen Tuetenwasser zum Trinken – oder fuer eine Spontandusche. Der Strand war dicht gepackt mit Liegestuetzen, frischem Schweiss und in den wilden Wellen tummelten sie sich so dicht und voller unbaendiger Energie, dass die Mutter und ich einfach nur mit offenem Mund und vollkommen bewegungslos da standen und nicht wussten, wo wir zuerst hingucken sollten. Die Sportler waren wie Betrunken von Leben und Erschoepfung, Afrikanisch laut und breit grinsend. Einer der Maenner, die ich nicht heiraten werde, erklaerte uns, dass das jeden Sonntag von selbst passiert, keiner organisiert das, die Jugend des Landes will sich bewegen. Zwei Stunden spaeter hatten wir geduscht, gefruehstuckt und das Auto gepackt. Als wir auf die Strandpromenade einbogen, erschienen unsere Geschichten dem Vater unglaubwuerdig, denn bis auf den ein oder anderen Fussgaenger waren Strasse und Strand leer.

Freitag, Februar 16, 2007

Dr Jesus


hat sich aus dem oeffentlichen Leben zurueckgezogen und in Pussu-Namo eine Autowerkstatt eroeffnet...
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Rastlose Jecken

Jetzt sind se da. Und gleich wieder abgehauen. Kein Ghanaer kann das verstehn: Da kommen meine Eltern, um mich zu besuchen – und statt in meinem Haus zu sitzen und sich auszuruhen und auf meine Kosten fett zu fressen, waehrend ich auf Arbeit bin, schnappen sie sich ein Auto und gehn auf Abenteuertour ins Paradies (dieses verdammte Hotel am Akosombo Damm, das meine ganze Familie zu kennen scheint, nur ich verfahr mich immer, wenn ich das Paradies suche und lande nebenan, wo man Krokodile und Affen zur allgemeinen Belustigung in Betonkaefigen haelt. Wer das hier nicht versteht, kann letztes Jahr im Januar nachlesen...). Morgen machen wir uns dann gemeinsam nach Togo auf. Ein weiterer unverstaendlicher Wunsch: Warum wollt Ihr irgendwo hin fahren, wo ihr keine Familie habt und keine Geschaefte macht? Zum gucken? Das kann doch nicht Euer Ernst sein. So ne Geldverschwendung, gucken koennt Ihr doch auch zu Hause.

Montag, Februar 12, 2007

Morgen

kommen die Eltern! Morgen kommen die Eltern! Morgen kommen die Eltern! Bei Eva zu Besuch Juhu!

Hungern

Als ich zu Mama Laadi sagte: “Die Geschichte ist irgendwie nicht stimmig, irgendwas fehlt da noch.” Antwortete sie mit einer leisen Traurigkeit in der Stimme: „Fuer Dich ist die Geschichte unverstaendlich, weil Du nicht von hier kommst, Du verstehst unsere Leute nicht.“

Vor einer Woche rief Debbie mich atemlos an: „Ich hab was gesehn, was mir nicht aus dem Sinn will, vor dem Internet Cafe stand ein Maedchen und bettelte. Sie sah so aus, wie die Verhungernden, die man im Fernsehn sieht, Arme und Beine wie Stoecke. Ich hab ihr tausen Cedis gegeben. Dann hab ich gedacht, das ist viel zu wenig, und noch was drauf gepackt. Sie stand nur da und starrte vor sich hin und sagte keinen Ton. Ich wusste nicht, dass es sowas in Ghana ueberhaupt gibt...“ Wir ueberlegten hin und her und schliesslich sagte ich: „Wenn Du sie nochmal siehst, bring sie zu Mama Laadi, die weiss, was man tun muss.“ (Oh dem Himmel sei dank fuer Menschen wie Laadi, bei denen man die ganze Last der Welt ablegen kann und die kuemmern sich drum)

Ein paar Tage spaeter war es so weit, das Maedchen stand wieder ebenso reglos an gleicher Stelle und Debbie machte sich auf die Suche nach Laadi. Gemeinsam mit ihr gingen sie zu der Familie des Maedchens und erfuhren einen Teil der Geschichte: Sie lebt im Haus ihres Onkels. Die Eltern waren vor ein paar Jahren mit ihr nach Kumasi gezogen, da wurde sie vor kurzem des Diebstahls beschuldigt. Der Vater sollte fuer sie ins Gefaengnis und ist abgehaun. Sie wurde zurueck nach Hause geschickt. Im Haus des Onkels gab es nen Haufen Frauen und Kinder, die alle verwahrlost waren, voller Dreck und offener Schwaeren an den Beinen aber zumindest halbwegs gut gefuettert. Waehrend des Gespraechs behandelte die Familie das Maedchen wie Luft und erklaerte, dass sie betteln geht weil sie das selbst so will, dass sie sich zu fein ist, das Essen zu essen, was im Haus gekocht wird und dass sie sich vom Erbettelten Fleisch und Suessigkeiten kauft. Nein, man ist mit ihr noch nicht zum Arzt gegangen, schliesslich weiss man, dass ihre Krankheit eine Folge ihrer schlechten Taten ist. Auf eine perverse Art beruhigt uns der Gedanke, dass sie krank sein koennte. Das ist eine angenehmere Erklaerung fuer ihren Zustand, als sich vorzustellen, dass sie mitten in der Fuelle verhungert. Denn obwohl im Norden Ghanas viele Kinder unterernaehrt sind und deshalb anfaelliger fuer Krankheiten und eher sterben, sind wir nicht so arm, dass Menschen hier direkt und gradlinig verhungern muessen, also an Nahrungsmangel sterben.

Deshalb war es ein zweiter Schock, als der Arzt nichts aber auch gar nichts finden konnte. Nun sucht Mama Laadi nach einer Moeglichkeit, das Kind irgendwo unterzubringen, wo es regelmaessig gefuettert wird. Dann koennen wir sehn, ob sie wieder ins Leben zurueckkehrt, wenn sie nur isst – oder ob sie eine Krankheit hat, die der Arzt nicht finden kann. Oder ob die Schuld und der Fluch eine Diebin zu sein, staerker sind als Maisbrei und medizinische Fakten.

Samstag, Februar 10, 2007

Zittern

Gestern abend fand ich meinen Nachtwaechter schlafend. Ich knirschte mit den Fuessen im Sand beim Gehen. Ich rief ihn leise. Ich rief ihn lauter. Keine Regung. Schliesslich fasste ich ihn am Arm – um ihn zu wecken oder um zu fuehlen, ob er noch warm ist oder schon kalt? Er erwachte ganz langsam. Ich bin mit schlafenden Wachmaennern ganz Fraeulein Rottenmeier, denn normalerweise haut mich ihre Alkoholfahne um. Deshalb hab ich in meinem ersten Jahr in Ghana so viele Wachmaenner verschlissen. Was sich gestern Nacht in mir ruehrte, war nur mein beunruhigtes Mutterherz. John sagte: „Madam, ich habe Angst, dass die Krankheit zurueckkommt. Ich fuehl mich immer so schwach, wenn ich schnell gehe, wird mir schwindlig, ich zitter und schlafe auf der Arbeit ein.“ John ist der einzige Wachmann, der mich noch nie enttaeuscht hat. Nach seinem Schlaganfall letzten Sommer dachten wir alle, der steht nicht mehr auf. Wenn ich ihn besuchte, haben wir geuebt, wie er mir die Hand drueckt und Woche fuer Woche konnte ich spueren, dass die Kraft in seine rechte Seite zurueckkehrte, bis er schliesslich wieder zur Arbeit geradelt kam. Als ich ihm gestern Nacht meine Hand hinhielt, drueckte er sie fest und lange. Ich gab ihm Geld fuer den naechsten Arztbesuch und einen Haufen guter Wuensche. Doch mein Herz ist immer noch voll Sorge.

Freitag, Februar 09, 2007

Die Maer vom edlen Wilden

Oder: Warum Armut den Menschen nicht automatisch bessert.

Ihr wisst, ich liebe Ghana und die Ghanaer. Von ganz Nahem. Deshalb verwirrt es mich manchmal, wie sie von Weitem aussehn. Freunde aus der Ferne vermuten immer wieder, dass sie viel mehr Platz fuer Spiritualitaet haben, weil sie nicht so viel kaufen koennen, dass sie Familienwerte hochhalten, weil sie moralisch besser und irgendwie urspruenglicher sind und generell viel weniger materialistisch, weil sie weniger haben. Ach, wenn ich ehrlich bin, diese Vorstellungen versammeln sich nicht nur fern von hier, viele Entwicklungsprojekte sind auf der Idee aufgebaut, dass die Menschen im afrikanischen Dorf alle gleich sind und sich immer singend an den Haenden halten, waehrend sie gemeinsam und selbstlos fuer eine bessere Zukunft des Dorfes arbeiten.

Es gibt niemanden, der so materialistisch ist, wie die Armen. Sie waeren ja auch gefaehrlich bloede, wenn sie es nicht waeren. Natuerliche Auslese: Arme, die nicht materialistisch sind, sind schnell verhungert und ausgestorben... Wenn Du nicht weisst, was Du morgen essen wirst, waehlst Du Deinen Partner nicht wegen seiner schoenen Augen aus, sondern weil er Geld hat. Deshalb wissen die Jungs hier: Wenn sie nicht wenigstens ein Motorrad vorweisen koennen, stehn ihre Chancen schlecht. Fuer eine Mahlzeit kannst Du ein junges (oder sehr junges) Maedchen fuer eine Nacht haben.

Spiritualitaet. Ja, wenn Leute aus ungeklaerten Gruenden krank werden und sterben, steckt da meist ein boeser Zauber dahinter – oder sie haben ein Tabu gebrochen, das toedlich ist. Ein kleines Maedchen, das beschuldigt wird, gestohlen zu haben, wird krank. Die Familie bringt es nicht zum Arzt, waehrend es langsam vor sich hin stirbt, schliesslich ist klar, dass die Krankheit spirituelle Gruende hat.

Familienwerte. Es stimmt, ohne die Leistungen der afrikanischen Grossfamilie wuerde diese Gesellschaft im Chaos auseinanderbrechen. Die Kinder Deines Onkels sind auch Deine eigenen, Alte, Kranke, Behinderte, alle werden irgendwie mitgeschleppt. Kein Staat und keine Institution nimmt den Familien diese Last ab. Manchmal gibt es dann Kampagnen darueber, dass es nicht gut ist, seine behinderten Familienmitglieder in Ketten zu legen, dass man sie ab und an fuettern sollte und bekleiden. Aber was soll eine Familie tun, wenn der geistig gestoerte Onkel voller Gewalt ist und es selbst fuer den Rest der Familie nicht genug zu essen gibt.

Und die ghanaische Mittelschicht, die Angestellten von Regierung, Firmen, Nichtregierungsorganisationen? Die stoehnen unter der Last riesiger Familiennetzwerke, die sich auf sie verlassen, halbe Doerfer wollen zur Schule geschickt und mit Wasser versorgt werden. Von dem, was uebrig bleibt, kaufen sie Statussymbole, das schickste Handy, die glaenzendsten Schuhe, das groesste Auto (das jeden Tag komplett gewaschen wird, selbst die Reifen). Dann zeigen sie ohne falsche Bescheidenheit, was sie haben und sonnen sich in der Bewunderung der armen Verwandten – die natuerlich noch vehementer ihren Anteil einfordern.

Mittwoch, Februar 07, 2007

Kulturschockwellen

Debbie und ich telefonieren viermal am Tag, treffen uns zum Mittagessen und abends sehn wir nen Film zusammen. Kein Wunder, dass wir Stimmungsschwankungen meist gemeinsam erleben. Je nachdem, wie stark wir sind, ziehn wir uns gegenseitig runter oder einander an den Haaren aus dem Treibsand. Als wir beide Anfang des Jahres nach Ghana zurueckkamen, sassen wir auf dem Sofa in meinem Palast in Accra und wunderten uns, warum wir uns so fuehlen, als seien wir auf Gluecksdroge. Ghana war von oben bis unten in psychodelisch bunte Farben gekleidet, roch nach Bluetenduft und Bananen und wir hatten alles Probleme gemeistert, die Afrika mit uns, wir mit Afrika, wir mit uns selbst und Afrika mit sich selbst je hatte. Ach, das waren schoene Flugstunden. Natuerlich ahnten wir, dass dieser Rausch nicht grade bis an unser Lebensende anhalten wuerde - aber vielleicht doch so 10 oder 20 Jahre lang? Das ist ja grade eine zentrale Eigenschaft des Rausches, dass er sich anfuehlt, als sei er fuer immer.

Ich kann Euch beruhigen, was auch immer die Droge war, das duemmlich glueckliche Laecheln ist verschwunden, die Intelligenz zurueckgekehrt und wir kaempfen mit dem Kater. Ploetzlich ist Ghana voll von Bestechung, boshaften Bossen (nicht meine sondern die meiner Freunde), Kinderfickern und fiesen, untreuen Ehemaennern (ebenfalls nicht meine)...

Nach drei Tagen Kater wurde das dann auch langweilig und heute hatte ich einen Gedanken, an den ich unsere Haare festbinden kann und uns langsam wieder auf Bodenhoehe zerren: Unser Problem ist, dass wir uns in massloser Selbstueberschaetzung manchmal tatsaechlich einbilden, ganz viel veraendern zu koennen, veraendert zu haben, in unseren zweimal zwei Jahren in Ghana. Mary wird einBaeckerei-Imperium aufbauen, der Wassersektor und das Schulsystem revolutionieren sich und so weiter...

Mit dem Problem sind wir nicht allein, man koennte das ganze Arbeitsamt Gelsenkirchen und die Zweigstelle in Duisburg mit zynisch gewordenen Entwicklungshelfern fuellen, deren romantische Grundeinstellung der ersten Jahre bitter geworden ist, weil sich Afrika weigerte, den hervorragenden Plan umzusetzen und ihre Liebe mit harter Arbeit zu vergelten.

Das Wundermittel gegen diesen Verschleiss ist eher langweilig: Bescheidenheit und Mittelmass. Also versuchen Debbie und ich nun realistische Bestandsaufnahme: Was war eigentlich moeglich? Wieviel davon haben wir erreicht? Wie wird die Geschichte weitergehn? Zwischenstand: Wir haben die Menschen, die wir hier lieben nach Kraeften gestaerkt, damit sie ihr weiterhin schwieriges Leben ein wenig besser und selbstbewusster meistern koennen. Sie haben ein paar neue Sachen und neue Gedanken, die sich im Umgang mit dem ghanaischen System entweder bewaehren oder abnutzen werden. Und jetzt ist mein Schreibtisch voll mit Alltag, der Schritt fuer Schritt abgearbeitet werden will.

Dienstag, Februar 06, 2007

Verloren im Wunderland...

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Willkommen in den 60er Jahren

Zu den Dingen, die Weisse viel besser koennen, als Schwarze, gehoert ja das Erroeten. Davon konnte sich halb Bolga eben ueberzeugen. Geteilte Peinlichkeit ist doppelte Peinlichkeit ist und mehr ist besser als weniger, also erzaehl ich Euch nun von meinem Ausflug in die 60er Jahre.

Ganz entgegen meiner sonstigen Unorganisiertheit hatte ich bislang immer gut vorgesorgt. So dass ich heute zum ersten Mal in zwei Jahren mit der Frage konfrontiert war: Wo kann man in Bolga Tampons kaufen? In der ersten Apotheke rief die junge Verkaeuferin: „E! Charley!“ (Was alles oder nichts heissen kann und deshalb ein Ausruf fuer jede Gelegenheit ist. In diesem Fall hiess das vermutlich: „Hey, die weisse Frau traeumt wohl!”) Sie schickte mich zur neusten Apotheke in der Stadt. Die drei jungen Maenner da boten mir Pampers an. Das hoert sich ja auch so aehnlich an wie Tampax und der Zweck ist auch fast der gleiche... In jedem Geschaeft fragte ich: Wo koennte ich denn sonst hingehn. Selbst wenn die Verkaeufer nicht immer recht verstanden, was ich suchte, laechelten sie wissend und schickten mich zu „Best Western“ oder sonst einem Geschaeft mit ungewoehnlichen Importwaren. Beim fuenften Anlauf geriet ich an eine junge Apothekerin, die ganz offen sagte: „I’m not getting you (ich versteh Dich nicht)“ Also begann ich anschaulich zu beschreiben, worum es sich handelt und in welcher Situation eine Frau zu einem solchen Gegenstand greifen wuerde. Erschoepft sah ich schliesslich ein, dass der Fortschritt hier „Einwegbinde“ heisst und bin dankbar, dass ich in der Regionalhauptstadt wohne und mir die wiederverwendbaren Baumwoll-Lumpen erspart bleiben.

Freitag, Februar 02, 2007

Internet-Marketing

Wie Ihr seht ist man davor heute nirgends mehr sicher, nicht mal bei Eva in Ghana. Die Puppen werden im Timnabang Centre in Bolgatanga hergestellt, das ist ein Trainings-Center von ehemaligen anglikanischen Nonnen fuer ehemalige Strassenmaedchen, Schulabbrecherinnen und andere hoffnungslose Faelle. Hier lernen die Maedchen Fertigkeiten wie naehen und kochen, mit denen sie sich besser durch’s Leben schlagen koennen, bekommen zu Essen und einen Ort, an den sie gehoeren und wo man auf sie Acht gibt. Das Center strebt groesstmoegliche Unabhaenigkeit an, deshalb stellen die Maedchen Sachen her, die man verkaufen kann. Der Gewinn fliesst zurueck in die Arbeit mit den Maedchen.

Mutterpuppen

 
mit abnehmbarer Babypuppe. Kuschelecht und sabber-resistent mit grossem Potential zur Lieblingspuppe. Posted by Picasa

Mutterpuppen-Puffmutter

 
Bin ich das, wenn ich Euch diese Damen zum Kauf anbiete? Jede Puppe ist ein Einzelstueck. Die Maedchen haben alle individuelle Frisuren, an denen man ihre Puppen erkennen kann. Eine Mutter mit Kind kostet 30 000, das sind 3 Euro. Mit dem Geld finanziert sich die Schule, die hoffnungslosen Maedchen eine Zukunftschance und ein zu Hause bietet. Meine Eltern sind sicher bereit, sich am Menschenhandel zu beteiligen und die Kleinfamilien in ihrem Koffer nach Deutschland zu schmuggeln. Bestellungen bitte! Posted by Picasa

Puppenmuetter

 
Super Geschenk fuer werdende Muetter, existierende Kinder und alle, die lernen wollen, wie man sich ein Baby auf den Ruecken wickelt. Posted by Picasa
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Tanzender Krieger

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Delegation des Ashante Chiefs

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Montag, Januar 29, 2007

Evas schnabuloese Restekueche

Heute: Langer Tach auf Aahbeit und weichgekochte Linsen von vorgestern.
Erfindung des Tages: Butteriger Kartoffel-Linsen-Brei mit getrockneten Steinpilzen. Wow. Jetzt ist alles wieder gut. Und so gehts:
Soviel Kartoffel schaelen, kleinschneiden und kochen, wie weiche Linsen uebrig sind. Abschuetten. Dieweil die Steinpilze einweichen und kleinschneiden. Bisschen Zwiebel hacken und in grosszuegiger Butter glasig duensten (nicht braun). Milch dazukippen und mit Muskat, Pfeffer, Salz wuerzen. Steinpilze rein. Linsen in die heisse Milch und mitkochen. Kartoffeln in den Topf schmeissen und gruendlich durchstampfen. Je nachdem, wie hart der Tag war, noch nen Batzen Butter draufpacken. Irgendwas Knackiges dazu servieren, sonst wirst Du beim Essen komplett zum gluecklich grinsenden Baby.

Wogen

Heute war ein ghanaischer Mann sehr ehrlich zu mir: „Wenn ich eine Frau wie Dich heiraten wuerde, wuerden alle meine Freunde fragen: Warum quaelst Du Deine Frau so? Warum fuetterst Du sie nicht richtig. Weisst Du, wir lieben eine Frau, die beim Gehen hin und her wogt, eine richtige Frau!“

Wer hat die Leich???

Am Morgen der Beerdigung rief mich Debbie an: „Nix da Beerdigung, die haben die Leiche geklaut. Irgendwer ist ins Leichenschauhaus eingebrochen, hat dem Leichenwaechter ein Bein gebrochen und den Chief mitgenommen.“ Ein Stuendchen spaeter: „Die Leute sagen, sie haben ihn gefunden, jetzt koennen sie ihn doch beerdigen.“ Also sind wir schliesslich doch nach Sandema gefahren. So richtig haben wir nicht verstanden, wieso jemand eine mehrere Wochen (plus ueber hundert Jahre) alte Leiche stehlen will, aber anscheinend hat der Familienteil, der den alten Mann begraebt, einen Vorsprung, wenn der Nachfolger gewaehlt wird.

Wir waren quasi die einzigen Weissen auf der Feier und unser Ghanaischer Freund ist ein Sohn des Protokollbeauftragten des Regionalministers. Das bedeutet, dass er alle Polizisten und Militaers kennt, so dass er uns einen Ehrenplatz mit Plastikstuhl im Schatten organisieren konnte. Als Debbie im Scherz erwaehnte, sie sei eine Repraesentantin der Koenigin von England, waeren wir fast zu offiziellen Ehrengaesten geworden und mussten viel Ueberzeugungskraft aufwenden, um nicht in die Totenreden eingebaut zu werden...

Die Beerdigung war eher eine Familien-Affaire als ein Staatsakt. Das heisst, dass hunderte und hunderte lokale Gaeste anwesend waren, kaum Politiker - aber dafuer Kaempfer mit gehoernten Helmen die dem alten Mann zu Ehren tanzten, abgemagerte Pferde die von ihren Reitern ordentlich verhauen wurden, eine Abordnung des Ashante Chiefs die mit viel Getrommel und Sonnenschirmwirbeln erschien... Die Trauernden hatten sich fuer die Gelegenheit geschmueckt – sie trugen eine Kalebase auf dem Kopf oder ein Kissen unter dem Hemd, eine knallrote Kolonialuniform oder bunt bestickte Cowboystiefel. Der Sarg stand pompoes geschmueckt und von Pferden eingerahmt in der Mitte des grossen staubigen Palastvorplatzes. Leer. Den alten Mann hatten sie morgens schnell begraben – den wollten sie sich nicht nochmal klauen lassen.

Freitag, Januar 26, 2007

Audienz beim Koenig

 
Archivbild - offensichtlich haben wir da nicht den toten alten Mann hingesetzt zum Zwecke eines Fotos... Posted by Picasa

Der Koenig ist tot! Lang lebte der Koenig!

Der Chief von Sandema war dafuer beruehmt, der am laengsten regierende Koenig der Welt zu sein. Waehrend ich unterwegs war, hat der alte Herr sich nun ins Unvermeidliche gefuegt. Nach etwa 106 Jahren Lebenszeit und etwa 70 Jahren Regierungszeit ist er Ende letzten Jahres gestorben. Letzten Herbst war ich in seinem Lehmpalast auf einer Beerdigungsfeier fuer sieben Familienmitglieder. Da ich mit einer Freundin unterwegs war, die wiederum mit einem seiner unzaehligen Enkelsoehne befreundet ist, wurden wir behandelt wie ein Teil der Familie und erhielten schliesslich sogar eine Audienz. Auf diesem Foto seht ihr einen alten halbblinden Mann. Was man nicht sehn kann, ist die Praesenz, mit der er immer noch seinen staubigen Regierungsbezirk erfuellte und die Ehrfurcht, die er bei uns erweckte. Morgen ist die grosse Beerdigungsfeier und ich werde da hingehn – teils, weil ich dem alten Mann meinen Respekt bezeugen will, teils, weil es sich fuer die Gegend hier oben wie ein historisches Ereignis anfuehlt. Ausserdem moechte ich so gerne ein Foto haben von dem Auto, das die Koenigin von England ihm damals geschenkt hat. Eine kleine Aufmerksamkeit von Koenigin zu Koenig. War das zu ihrer eigenen Kroenung oder zur Unabhaengigkeit Ghanas for 50 Jahren? Es steht jedenfalls immer noch neben dem Palast, eine babyblaue Rostlimousine, die schon lange fahruntuechtig ist und von Huehnern bewohn wird, aber immer noch die grossartige Ausstrahlung der Autos jener Zeit hat.

Dienstag, Januar 23, 2007

Vorsicht! Sekundenentscheider!

Ich habe es schon wieder getan! In einer Sekunde entschieden. Und ein armes unschuldiges Maedchen geschockt. Gestern rief mich eine junge Kanadierin an, die hier fuer drei Monate Praktikum macht: Sie sei auf Wohnungssuche, ob ich irgendwas wuesste. Meine Telefonnummer hat ihr eine Bekannte gegeben, die ahnt, dass ich alle kenne. Ich hab sie in mein Buero bestellt (dafuer musste sie nur drei Treppen steigen, denn sie arbeitet im Erdgeschoss), zwei Minuten mit ihr geplaudert und ihr angeboten, dass sie fuer umsonst in mein Hinterhaus ziehen kann. Der erste Gedanke, den ich in ihrem Gesicht sah, war: „Frisst die blonde kleine Frau Kinder?“

Abends kam sie um die Spinnweben zu besichtigen, stellte tausend nervoese Fragen, ohne auf die Antworten zu hoeren und verabschiedete sich schliesslich, dass sie nochmal drueber schlafen muesste. Was lustig ist, denn das Angebot der ordentlichen dreizimmer Haeuser mit fliessend Wasser und Strom, in denen man fuer lau wohnen kann, ist in Bolga nicht wirklich sooo gross, dass sie viele Alternativen zu bedenken haette. Die Frage war wohl mehr: Frisst sie oder frisst sie nicht (kleine Kinder)? Vielleicht hat ihre Chefin ihr heute morgen erzaehlt, dass ich Vegetarierin bin. Jedenfalls kam sie eben in mein Buero, um zuzusagen. Und zu fragen, ob vielleicht fuer ihre Freundin auch noch Platz waere. Ich hatte zwar gestern nein gesagt, aber ach, warum eigentlich? Also sagte ich: „Ja. Geht klar. Ich hoffe sie ist keine bloede Kuh.“ Da war Jessica noch geschockter und draengte mir von sich aus einen Tag Bedenkzeit auf, dass ich sie doch bitte im Laufe des Tages anrufen sollte, falls ich es mir anders ueberlegt haette. Und ob sich an der Miete irgendwas aendern wuerde, wenn sie zu zweit einziehen? Ja, das kostet dann zweimal nichts. Ich bin gespannt und freu mich fuer Mary, wenn das Haus nicht so leer ist.

Oh Du heiliger Kaffeehee

 
...das singen die Moenche meinem Kaffee vor, der - so sagt die Packung - in Togo von Moenchen hergestellt wird. Wird mein Kaffeekonsum nun auf meinem himmlischen Konto dagegen aufgerechnet, dass ich Sonntags nicht zur Kirche geh? Posted by Picasa

Afrikanischer Antikant am Morgen

Eine alte Frau klopft morgens um sieben an meine Kuechentuer. In viel Frafra, noch mehr Gesten und ganz wenig Englisch bietet sie mir an, meinen Hof zu fegen, meine Waesche zu waschen und fuer mich zu kochen, damit sie die Kinder zur Schule schicken kann. Ohne Frafra, in schlichtem Englisch und mit ebensovielen Gesten versuche ich ihr zu erklaeren, dass ich ja Wachmann und Hausmaedchen habe und diese nicht wegschicken kann, um sie anzustellen.

Sie fuehrt Daumen, Zeige- und Mittelfinger zum Mund in der Geste fuer Essen und sagt children und school. Und: „I hear English but no talk.“ (Ich hoer Englisch, aber nix sprechen). Schliesslich geh ich ins Haus und finde zwei verknitterte 2000 Cedis Scheine fuer sie (40 Cents – das ist nichts. Aber das heilige Prinzip!). Sie freut sich und dankt und ich hab diesen ploetzlichen Gedanken: „Vergiss nicht, die tun zum Betteln nicht so, als seien sie arm. Sie sind arm. Punkt.“

Fuer einen Moment spricht mein Herz und mein grunddeutscher innerer Erzieher ist still, der aus Prinzip nichts geben wollte, um Betteln nicht zu ermutigen und klar zu machen, dass man an diese Tuer nicht klopfen muss. Es ist doch erstaunlich, wie stark Kant immer noch in uns Deutschen wuetet und selbst wenn wir aufs Klo gehn, wollen wir so kacken, dass unser kacken zur Maxime des allgemeinen Kackens werden koennte.

Ghanaer sind da generell viel flexibler. Statt nach allgemeingueltigen Prinzipien zu leben, entscheiden sie in der Situation, wohin das Herz sie zieht. Und alle reichen Ghanaer, die ich kenne, geben oft, wenn sie gebeten werden und werden oft gebeten. Selbst nach zwei Jahren kultureller Anpassung misstraue ich diesem Wankelmut noch. Andererseits spuere ich aber auch, wie es meinem Herzen gut tut, wenn ich mir ab und an erlaube, zu tun, was ich fuehle und flexibel zu bleiben. Dann sehe ich, wie absurd es ist, feste, unumstoessliche Regeln aufzustellen, fuer Dinge, die erst in der Zukunft passieren werden und die ich doch noch gar nicht erahnen kann.

Und wenn jetzt regelmaessig alte Frauen an meine Tuer klopfen und mein Herz ansprechen wollen? Nun, das wird mich vielleicht vier Euro im Monat aermer machen und meinen Ruf in der Nachbarschaft zum Strahlen bringen. Ich werde mit meinen Gaben nichts strukturell aendern. Aber ab und zu wird sich jemand auf meine Kosten den Magen vollschlagen koennen. Und das schmeckt gut.

Montag, Januar 22, 2007

Herzensort

Alle lieben Goa. Oder die Provence. Je nachdem, ob ihre bevorzugten Drogen von Designern oder von Winzern stammen. Wie in den alten Asterix Heften muss ich fragen: Alle? Nein, eine kleine Gruppe von Verrueckten, die keine Reisefuehrer schreibt und keine Straende vorzeigen kann hat ihr Herz im Staub verloren. Ich bin so froh, dass mir noch drei oder vier Freunde einfallen, die verstehen, wenn ich ihnen ne SMS schreibe: „Will any place, any people ever touch me like Bolga?“ („Wird mich irgendein Ort, irgendwelche Leute je so beruehren wie Bolga?“). Als ich nach fast drei Monaten in die Upper East Region einfuhr und sich das flache vertrocknete Land vor mir ausbreitete, suchte ich in meinem Herzen irgendeine Regung, aber das war alles eingestaubt. Schon dachte ich, der Zauber ist vergangen... Als ich aber Douglas die Hand schuettelte (die Hand hielt, trifft es eher) und er sagte: „If only I could swallow you (wenn ich Dich doch aufessen koennte)“, als uns Mary auf meiner Strasse entgegenkam, Brot zu einer Party liefernd, und ihr Gesicht ploetzlich in Strahlen aufbrach, musste ich nach Regungen nicht mehr suchen, weil ich so von der Liebe ueberwaeltigt war – meiner eigenen und der meiner Bolgaren. Meine fette Marktfrau schimpft mit mir, dass ich Weihnachten nicht zu Hause in Bolga verbracht hab, Mary fragt vorwurfsvoll: Schmeckts nicht? Weil ich kein ganzes Pfund Nudeln aufesse, sogar die Schnapsladenfrau, die kaum Englisch kann, umarmt mich zur Begruessung und plappert mich auf Twi voll.

Freitag, Januar 19, 2007

Ich hab so einen schrecklichen Ehemann!

Luegen funktionnieren am besten, wenn ich sie selber glaube. Und von meinem krass eifersuechtigen Ehemann, dem leicht einmal die Hand ausrutscht, hab ich in den letzten Tagen so oft erzaehlt, dass ich schon mit eingezogenem Kopf mein Haus betrete und auf seine Vorhaltungen warte (nein, das wiederum war auch eine Luege).

Aber ganz ehrlich, dieses Scheusal macht mein Leben so viel leichter. Seit ich (in meiner Einbildung) mit ihm verheiratet bin, ist es so leicht, keinem Taxifahrer oder Strassenrandsitzer meine Telefonnummer zu geben. Und dabei nicht unhoeflich zu sein. Ich sage einfach: „Mein Mann mag das nicht.“ Wenn der Anmacher dennoch besteht, mach ich ein kleines erschrecktes Gesichtchen und sage: „Wenn mein Mann das rausfindet, krieg ich ganz schoenen Aerger und Du auch. Er mag das gar nicht, wenn fremde Maenner seine Frau anrufen!“

Das ist eine schoene Ghanaische Loesung, bei der keiner das Gesicht verliert, denn schliesslich sag ich nicht: „Was stellst Du Dir vor, Du Schrekel! Ausserdem weiss ich noch nichtmal Deinen Namen! Wie kannst Du es wagen, mich zu fragen, ob ich Dich heiraten will?!“ Sondern: „Du bist echt n toller Kerl und tut mir ja auch leid, dass ich Dich Strassenkehrer nicht heiraten und mit nach Deutschland nehmen kann. Das wuerde ich viel lieber machen. Aber leider bist Du zu spaet.“ Eben bat mich ein Mann dann, wenigstens seine Telefonnummer anzunehmen und ihn anzurufen, falls ich eine andere ungebundene Europaerin fuer ihn finden koennte. „Ja, ich werde sehn, was ich fuer Dich tun kann!“ Bittesehr, hat irgendwer Interesse, Emanuel, Spitzname Star kennenzulernen?

Dienstag, Januar 16, 2007

Jaja Herr F., schoener Ratschlag

Sie koennen so anonym kommentieren, wie sie wollen, ich weiss doch genau, von wem ein solcher Ratschlag kommt. Und das hab ich nun davon. Meinen Kolleginnen, die selbst niemanden kennen, ja sogar hoffen, dass ich endlich Farbe in ihre knapp bemessene Freizeit bringe, hab ich feine Kuechlein dreierlei Geschmacksrichtungen gebacken und Broetchen und eine Ananas zerschnipfelt und dies und das und noch viel mehr und was machen die unverschaemten Gesellinnen? Saebeln faustgrosse Stuecke von meinem uralten Gauda Direktimport aus Holland und essen und essen und essen ihn auf, waehrend die Gurkenscheiben verwelken und mein Herz mit ihnen. Frage: Darf man Kolleginnen eine Gabel in den Handruecken rammen, wenn sie es wagen, sich unsittlich an dem Kaese zu vergehen, den man doch nur zum Angeben auf den Tisch gelegt hat? Oder muss man vielmehr laechelnd in die Kueche gehn, sich die Gabel in den Oberschenkel rammen, dabei fluestern "Selbst schuld!", die Wunde verbinden und mit frischgebruehtem Kaffee weiterhin perfekte Hausfrau aus den 50ern spielen?

Montag, Januar 15, 2007

“Ich werde diese Stadt mein eigen machen”

Dieser Satz kam mir ploetzlich in den Sinn, waehrend ich an einem langsamen Sonntag morgen allein in meinem Haus rumlief und so grade noch der Versuchung widerstand, mich einsam zu fuehlen. Waehrend sich Bolgatanga mir mit erwartungsvoll ausgestreckten Armen anbot, wuselt das riesige Accra vor sich hin, ohne mich zu bemerken. Das kann natuerlich nicht so bleiben. Dieses Wochenende habe ich damit begonnen, dass ich Kollegen in mein gastliches Haus einlade. Aber das sind alles einsame Menschen, die in Accra kaum jemanden kennen. Der naechste Schritt muss agressiver sein und strategischer: Ich werde die wenigen Bekannten, die nicht einsam sind und die sich in die Gesellschaft hier integriert haben, damit beauftragen, mich mitzunehmen, vorzustellen, auszufuehren. Und dann kann Accra ja gucken, ob es weiterhin so tun kann, als sei ich nicht da. Ha! Alles meins! Noch nicht, aber bald!

Waermeflasche!

Das ist so unglaublich, dass ich’s gleich nochmal sagen muss: Waermeflasche! In Afrika! Sonst gehts noch? Nein, das liegt nicht daran, dass es kalt ist. Obwohl Ghanaer das schon meinen, ist ja nur 25 Grad oder so, echt kuehl.

Die gute Nachricht: Ich habe jetzt endlich die Bekanntschaft einer tollen Masseurin gemacht. Die kommt aus Togo, hat ihr Handwerk auf einer sehr guten Massageschule in Benin gelernt, vier Jahre mit Chinesischen Aerzten gearbeitet und massiert in Accra fast nur Weisse. Massage gehoert hier nicht zur Kultur. Sie sagt, dass Ghanaer gleich schmutzige Gedanken haben, wenn sie Massage hoeren. Ich denke, dass die meissten auch einfach schon natuerlich so entspannt sind, dass viele der Europaeischen und Asiatischen Verspannungen einfach nicht vorkommen.

Die zweite gute Nachricht: Daniel bietet mir an, dass ich jetzt endlich einen traditionellen bonesetter (also Knochenzurechtruecker) bei der Arbeit erleben kann. Er ist begeistert. Bei meiner Malaria hatte er ja auch darauf bestanden, dass ich seinen Tee aus Limonen, Ingwer und Bambus zu meiner Heilung trinke. Ich traute mich an das Gebraeu aber erst ran, nachdem ich gesundet war, da ich dachte, dass ich mit Malaria einfach nicht stark genug bin fuer diese Medizin. Die Drohung mit dem Knochenbrecher hatte dann auch schon den guten Effekt, dass ich laechelte und meinte: Och, so schlimm ist das eigentlich gar nicht... (so wie der Vater damals beim Anblick der gegrillten Ratten sagte: Och, ich haette eigentlich gern nen Kaffee...)

Was ist die schlechte Nachricht, die zu diesen guten Nachrichten gehoert? Hexenschuss. Aber ihr koennt Daniel fragen, eigentlich gehts mir schon wieder ganz prima. Und so sitz ich aufrecht und laechelnd auf meinem Sofa mit meiner Voltic-Plastik-Waermeflasche im Ruecken und schreibe blog, damit ich gemeinsam mit Euch darueber lachen kann.

Kulturuebergreifende Vorlieben in Geich und Bolga

Samstag hab ich mit Douglas in Bolga telefoniert. Er ist jetzt aus dem Haus seiner Eltern ausgezogen (ins Nachbarhaus) und hat, wie besprochen, zwei meiner wunderschoenen Sofas entwendet. Wie haette Ommaausgeich das nur ertragen, dass die Schwatten und sie selbst die gleichen Sofas schoen finden? Wo sie ja schon mit den fiesen Schottlaendern so ihre Probleme hatte…

Er hat versprochen, dafuer zu sorgen, dass das mit den Staubstuermen ein Ende hat, bevor ich naechste Woche komme. “Ich habe schon mal ein Kommittee gegruendet”, sagt er. Ausserdem laed er mich in sein neues Haus ein und verspricht, etwas fuer mich zu kochen, was ich total lecker finde. Bin ich irgendwie zynisch, oder einfach nur verzogen, wenn ich die Abschaffung der Staubstuerme fuer wahrscheinlicher halte? (NEIN DANKE, DAS IST EINE REIN RETHORISCHE FRAGE, BITTE NICHT BEANTWORTEN, ICH WEISS DAS DOCH SELBST!)

Unser Rasenmaeher ist tot

Die Geschichte fing mal wieder ganz harmlos an. Daniel, mein Gaertner-und-so-weiter in Accra sagt: “Madam, soll ich nicht bald mal wieder den Rasenmaeher bestellen?”
Und ich sag: “Gute Idee, das sieht ja schon aus wie ein Dschungel hier!”
Er lacht und sagt: “Der alte Rasenmaeher, der sonst immer kam, ist ja jetzt tot.”
Ich: “Ach”
Er: “Ja”
Ich: “Ach so”
Er: “Ja, kurz vor Weihnachten hat sein Master ihn irgendwo hin gerufen, da war er also nachts auf der Landstrasse unterwegs, dann haben die Leute ihn fuer einen Strassenraeuber gehalten und totgeschlagen. Morgens fand man ihn im Strassengraben.”
Ich: “Tsss”
Er: “Der war naemlich aus dem Norden. Und jeder mochte ihn, weil er immer ueberall gearbeitet hat. Vier Kinder hatte er auch. Und dann grad so vor Weihnachten. Jetzt ist er tot. An dem Abend, bevor aus dem Haus ging, hat er noch gesagt: Ich geh jetzt zu Jesus. Und alle dachten, der geht beten.”

Freitag, Januar 12, 2007

Status allein bringt's nicht

 
Ist das nicht eigenartig, wie grade die Banken immer so werben wollen, als ging's bei ihnen gar nicht um's Geld. Und uns dadurch nebenbei tatsaechlich an wichtige Dinge erinnern. Posted by Picasa

Donnerstag, Januar 11, 2007

Auf der anderen Seite des Flusses

ist das Gras immer gruener, wie die Englaender in ihrer unschlagbaren Weisheit erkannt haben. Wenn ich im grauen regnerischen Deutschland sitze, schau ich mir auf Fotos an, wie die Sonne in den Blaettern meines Gartens funkelt und erinner mich an Momente des absolutens Gluecks, das einfach nur daraus bestand, auf der Veranda zu sitzen und den Tropen dabei zuzusehn, tropisch zu sein. Jaja.

Dann komm ich hier an und Hamatan! Das heisst zwar uebersetzt Staubsturm aber der Sturm ist so langsam wie unsere schoene Sekretaerin auf ihren Stoeckelschuehchen. Also: Irgendwann gabs in der Saharah nen Sturm, der hat ganz viel Staub mitgenommen und sich in Ghana zur Ruhe gesetzt. In absoluter Windstille ist die Luft gesaettigt mit feinstem Staub. Er legt sich auf die Blaetter (Pustekuchen zum Thema Funkeln), die Haare, die Lunge und das Gras hat schon lange aufgehoert, gruener zu sein. Jetzt bin ich also wieder in meinem Afrikanischen zu Hause und kann vom grueneren Gras des europaeischen Fruehlings traeumen...

Wie ein Handy in der Steckdose

tanke ich Heimat. Das bedeutet zum Beispiel, faul auf dem Sofa der Eltern liegen und schlechte Romane lesen oder Tatort gucken. Schlechte Romane? Romane fuer die es sich nicht lohnt, mit Uebergepaeck nach Ghana zu fliegen. Oder nach dem Mittagsschlaefchen des Vaters den ritualisierten Nescafe trinke. Als haette ich in Ghana nicht wirklich genug von Nescafe und Sehnsucht nach echtem Kaffee.

Oder: an einem useligen windigen Neujahrstag mit den Eltern „feinbuergerlich“ (so nennt man das wohl) aber mit Gutscheinheft in der Eifel zu Mittag essen, danach durch den Hagel zur Ordensburg Vogelsang fahren, uns in eine Fuehrung ueber die Nazi-Elitenschmiede einschmuggeln und schliesslich bis auf die Knochen durchgefroren Tante und Onkel ueberfallen und denen den Stollen wegfressen. Durch die Eifel fahren und die Wirklichkeit mit den Beschreibungen der Eifelkrimis vergleichen, die mir in Ghana durch arge Tage helfen.

Oder in Koeln bis zur Erschoepfung durch H&M taumeln und alles alles ist nicht bunt genug fuer Ghana. Und schliesslich eine Fuehrung durch das Stammhaus von 4711 machen, bei der die belgische Fuehrerin fast in Traenen ausbricht, als sie uns von der Erleichterung darueber erzaehlt, dass Procter & Gamble diesen Unternehmensteil wieder abgestossen und eine Deutsche Firma 4711 gekauft hat. Haette ich eins von Ommas Spitzentaschentuechlein dabei, koennte ich es im Parfoemm-Springbrunnen mit lieblichem Duft traenken. Das ist Exotik! Das ist Abenteuer! Das ist Heimattourismus!

P.s.: Heimatraetsel:„Da wor dann wirklisch Matthaeus am Letzten“ und „De sees uss we’n Jeess vuerm Knee“! Ich weiss zwar, wie das wortwoertlich uebersetzt wird („Da war dann wirklich Matthaeus am Letzten“ und „Du siehst aus wie eine Geisse vor dem Knie“) und was das bedeutet („Das war echt knapp, die letzte Moeglichkeit“ und „Du siehst verdammt schlecht aus“), aber warum?

Mittwoch, Januar 10, 2007

Vorsprung durch Technik

 
Dass die Amis uns technisch ueberlegen sind, liegt doch nur daran, dass sie sich anderswo Hilfe suchen: "Ausserirdische haben meinen Tofu mutiert!" Posted by Picasa

Freitag, Dezember 29, 2006

Liebling ich habe den Onkel kulturschockgefrostet!

Dies ist nicht der Titel eines neuen Hollywood Films. Sondern ein Weihnachtserlebnisbericht. Beim familiaeren Feiern habe ich einem meiner Onkel gestanden, dass ich dieses Jahr viel ueber ihn geredet und an ihn gedacht habe. Er war gelinde gesagt verwundert, denn sicherlich hatte er weder an mich gedacht noch ueber mich geredet.

Wenn ich mich mit Ghanaern ueber die Verpflichtungen innerhalb der Familie unterhalte, versuche ich immer, ihnen den Schock meines Onkels zu beschreiben, wenn ich jemals zu ihm kommen wuerde und sagen: „Lieber Onkel, ich habe kein Geld und keinen Job, bitte, hilf mir.“ Und wie ueberrascht waere er erst, wenn ich dann in sein Haus einziehen und an seinem Tisch essen und auf meinen Job warten wuerde. Dabei wuerde ich dafuer ja durchaus regelmaessig seinen Hof kehren und seine Grosszuegigkeit lobpreisen.

Meine Ghanaer schauen mich mit grossen Augen an und fragen: „Aber wofuer hat man denn eine Familie, wenn man sich nicht gegenseitig hilft?!“

Eigentlich haben sie ja recht, und ich hab keine Ahnung, was ich mache, wenn dieser Job vorbei ist. Deshalb hab ich meinen Onkel auf der Weihnachtsfeier beiseite genommen und ihm von meiner kulturellen Anpassung an Ghanaische Sitten berichtet, um ihn schonmal darauf vorzubereiten, dass ich in einem Jahr vor seiner Tuer stehen werde mit einem sehr ghanaischen Gruss: „Lieber Onkel usw s.o.“ Ach ja, viele meiner ghanaischen Freunde haben mir geholfen, als gehoerten sie zur Familie. Also werden sie neben mir stehn, sich freuen, die weiteren Familienkreise kennenzulernen und sagen: „Dear Uncle, etc. see above...“

Wird mein Onkel sich nun einen scharfen Dobermann und eine Geheimnummer fuers Telefon zulegen?

Donnerstag, Dezember 21, 2006

Herz: Ungebrochen - Bilanz: Positiv

Auf dem Flughafen in Washington setzte sich ein Mann neben mich, fing an, mir absurde Komplimente zu machen (Sollte ich jemals einen Kurs zum Thema "Erfolgreich flirten fuer Deppen" anbieten, wird die erste Lektion sein: Wenn Du eine Frau unbedingt mit einer Schauspielerin vergleichen musst, waehle eine, die die gleiche Haar- und Augenfarbe hat und zumindest minimale Aehnlichkeit. Aber natuerlich werde ich den Kurs nicht anbieten, denn wie sollten wir dann die Deppen von den Netten unterscheiden?). Ich beschloss, dass auch absurde Komplimente spannender sind als CNN gucken und fing an, mich mit ihm zu unterhalten: Irisch-staemmiger katholischer liberaler (also gegen Bush) Jurist mit fuenf Toechtern in Virginia und offensichtlichem Frauenproblem.

Er fragte mich tausend Fragen zu meiner Arbeit in Ghana - konnte die Antworten aber nicht wirklich verstehen, da er sie immer mit einer neuen Frage unterbrach, bevor ich ueberhaupt angefangen hatte, meinen ersten Satz zu beenden... Als wir im Flugzeug nicht nebeneinander sassen, brach mir nicht das Herz.

Beim Umsteigen in Detroit ging ich auf dem Laufband an ihm vorbei, er stand neben einer blonden jungen Frau und ich hoerte: "Du siehst ja aus wie..." Als ich vorbei gegangen war, drehte ich mich um und grinste im Weitergehn. "Hey! Girl! Stop! Hey!" rief er mir hinterher und fing an zu laufen. Die Neugier ist immer staerker. Als fast alles. Also wartete ich. Als er wieder zu Atem gekommen war, keuchte er: "Ich will Geld fuer Afrika geben (Hechel hechel...). Du musst mir sagen, wohin. Dann sammel ich bei meinen Juristen-Freunden und wir schicken das Geld dahin, wo Du sagst." (Ok, denk ich, hier ist meine Konto-Nummer, ich werde die Ghanaische (Gast-)Wirtschaft schon ankurbeln! Harharhar...) Gesagt hab ich: Super. Gib mir Deine Adresse, ich ueberleg mir was.

Mein Freund John, der in Ghana Öko-Tourismus zur Bereicherung der armen Landbevoelkerung organisiert, war baff. Und hatte gleich ein paar Vorschlaege, wie wir unserem neuen irischen Freund helfen koennten, den Druck in seinem Portmonaie zu entspannen. Ob der tatsaechlich was gibt? Wir werden sehn und ich werde berichten.

Samstag, Dezember 16, 2006

Man ist so alt wie man sich anfuehlt

... sagte mein schwuler Bankberater in Bochum mal.

Gestern bin ich mit einem Kollegen aus Florenz essen gegangen (Nein, ich habe nicht rausgefunden, wie alt der sich anfuehlt, hier geht es nur um das gefuehlte Alter von Gebaeuden, danke der Nachfrage). Auf dem Weg hab ich ihm diese und jene Sehenswuerdigkeit gezeigt. Schliesslich kamen wir an dem aeltesten Haus Washingtons vorbei. Er guckte beeindruckt auf die kleine steinerne Huette. Dann auf das Schild daneben. Dann konnte er sich vor Lachen kaum noch halten: Erbaut 1765. Erklaer mal einem Italiener, warum so ein Neubau ueberhaupt ein Schild braucht. Aber man soll ja nicht ueber Behinderte lachen – auch nicht ueber Geschichtsamputierte.

Dienstag, Dezember 12, 2006

Auf vielfachen Wunsch

 
und damit Ihr mich noch wiedererkennt, wenn ich ploetzlich vor Eurer Haustuere steh und behaupte, ich sei Eure Tochter, Schwester, Freundin etc. Posted by Picasa

Montag, Dezember 11, 2006

Mann in Burkina mit Hut und hohem Wiedererkennungswert

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Mann in Ghana mit Hut und hohem Wiedererkennungswert

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Gesichtslegastheniker

Was ich mit meiner Mutter gemein habe, ist dass wir so gerne Geschichten erzaehlen, bei denen alle ueber uns lachen koennen (und danach denken wir: „Mist! Hab ich das jetzt laut gesagt?“). Ein weiteres Leiden, das meine Mutter zu ihrem grossen Glueck nicht hat, ist Gesichtslegasthenie. Es gibt da einen richtigen wissenschaftlichen Namen fuer, den ich mir aber nicht merken kann, letztendlich ist es ganz einfach: Leute wie ich koennen Gesichter nicht auseinanderhalten. Statt dessen merken wir uns Pullover oder Frisuren oder Stimmen oder die Ausstrahlung von Personen, damit die’s nicht merken und beleidigt sind. Wir gruessen jeden freundlich, der in unsere Richtung schaut und wenn jemand darauf reagiert, wissen wir: Wir kennen uns... vermutlich... Deshalb arbeite ich so gerne in Afrika, die Armen haben meistens nur ein T-Shirt, das ist ein einfaches Erkennungssystem. Ausserdem kann ich mir einen Assistenten leisten, der mir die Gespraechspartner dezent immer wieder vorstellt. Heute morgen kam ich nun zu unserer Jahreshauptversammlung und am Eingang stand ein Mann, dessen Gesicht mir irgendwie bekannt vorkam. Ich gruesste, er gruesste und ich dachte: Ok, wir kennen uns also... Nach ein paar Minuten fiel mir auch ein, woher: Er ist der Direktor meiner Organisation (und sobald ich diesen Blog ins Internet gestellt habe, werde ich natuerlich denken: Ups, hab ich das jetzt laut gesagt?).

Montag, Dezember 04, 2006

Afrika im Kino

Gestern hab ich mir ganz oft die Augen zugehalten – und dabei meistens doch zwischen den Fingern durch gespinst. Es dauert wahrscheinlich noch, bis er in die Deutschen Kinos kommt. Aber wenn es Euch nichts ausmacht, dass Ihr danach Albtraeume habt, ist „The last King of Scotland“ ein toller Film. Es geht um Idi Amin, den aeusserst unangenehmen Diktator aus Uganda (oder wuerdet Ihr das nicht fuer unangenehm halten, wenn jemand um die 300 000 seiner Landsleute umbringen laesst?) und seinen naiven jungen Schottischen Arzt, der sich in den fiesen Tentakeln der Macht verfaengt. Mit "jenseits von Afrika"-Romantik hat der Film nichts gemein... Passend dazu sah ich gestern im Buchladen einen Bildband zum Thema: „Inneneinrichtungen grosser Diktatoren“ und war mir nicht sicher, ob das nun ein sehr interessantes und politisches Buch ist oder eine ausnehmende Geschmacklosigkeit.

Freitag, Dezember 01, 2006

Essen in Bangkok 4 (der unvermeidliche Chinamann)

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Essen in Bangkok 1 (Nudeln?)

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Lecker essen in Bankog 5 (Bananenblaetter mit was?)

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Lecker essen in Bangkok 3 (Wurstrollmaschinchen)

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Lecker essen in Bangkok 2 (getrocknete Qualle?)

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Arbeit, Essen, Schlafen interkulturell

In Laos hab ich mich mit einem Englaender unterhalten, der in China Fabriken fuer IKEA aufbaut. Er meinte: „Die Chinesen sind schon ein komisches Volk. Das ganze Leben in der Grossstadt besteht nur aus Arbeiten, Essen, Schlafen. Es gibt keine Freizeit- oder Kulturangebote, weil dafuer sowieso keiner Zeit hat.“ Das hab ich gestern meiner Chinesischen Kollegin Yan erzaehlt. Die schaute mich ein wenig verwirrt an und meinte: „Du beschreibst das Leben der Amerikaner. Hier arbeiten, essen, schlafen wir und es gibt keine Freizeitangebote. Zu Hause haben wir vielleicht einen ungesunden Lebensstil aber so viel Spass. Ausgehn heisst doch bei den Amerikanern, dass man sich nach der Arbeit zur Happy Hour trifft, da trinkt man ein Glas Wein und redet. Die muessen ja immer reden reden reden. Wenn der Wein ausgetrunken ist, geht man nach Hause und hat noch nicht mal was gegessen und um neun Uhr liegt man im Bett, damit man am naechsten Morgen frisch zur Arbeit gehen kann. In China dagegen, wenn wir ausgehn, meinen wir das auch so. Zuerst gehen wir in ein Restaurant, wo wir zu Abend essen und trinken. Dann gehen wir tanzen, dann in die Karaoke Bar. So gegen Mitternacht essen wir in den Nachtrestaurants, die auf der Strasse wunderbares Essen verkaufen und um drei Uhr morgens fallen wir erschoepft ins Bett – um am naechsten Tag verkatert zur Arbeit zu erscheinen. Dein englischer Freund sieht das alles nicht, weil er Auslaender ist.“