Als Mary Debbies Huehnerbeine briet, hatte ich ganz ploetzlich eine Idee, die nichts mit Debbie oder Beinen zu tun hatte: „Mary, hast Du eigentlich schonmal einen Computer benutzt?“ „Nein.“ „Willst Du lernen wie das geht?“ „Ich hab mich nie getraut, Dich zu fragen, weil Du immer so beschaeftigt bist. Und bei meiner Freundin (die Sekretaerin ist) trau ich mich nie, den Computer anzufassen, damit ich nichts kaputt mache.“
Also war ich zutiefst beschaemt, dass ich eineinhalb Jahre brauche, um auf diese Idee zu kommen. Und heute war’s dann so weit. „Mary, heute schreibste ne email an Zuzanna in Kanada!“ Ich hab ihr gezeigt, wie man den Computer anschaltet, Word oeffnet, Gross- und Kleinbuchstaben findet, in die naechste Zeile springt, Fehler loescht und Punkt und Komma setzt. Dann bin ich eingeschlafen, denn es regnete und ich bin inzwischen so ghanaisiert, dass ich denke, das reicht als Begruendung.
Als ich wieder aufwachte, laechelte sie und sagte: „Guck mal“ und dann „Hab ich das nicht gut gemacht?“ Und das hatte sie tatsaechlich, Buchstaben fuer Buchstaben mit einem Finger und langem Suchen einen kleinen Brief geschrieben, der nur darauf wartete, ihre kanadische Freundin zu verblueffen.
Versuch mal, jemandem, der noch nie nen Computer angefasst hat, zu erklaeren, wie so ein Internet funktionniert – und warum... Manchmal hab ich das Gefuehl, Mary lernt so schnell, weil sie die meiste Zeit unterfordert und deshalb komplett aufnahmefaehig ist. Schritt fuer Schritt hab ich ihr dabei geholfen, eine email-Adresse einzurichten und die erste email abzuschicken. Danach mussten wir beide ein wenig schlucken und gleichzeitig laut lachen. Als sie heute mein Haus verliess, sagte sie noch: „Als Naechstes schreib ich Deiner Mama.“
P.S.: Ich weiss, dass einige von Euch Mary besonders ins Herz geschlossen haben, ganz ohne sie zu kennen. Ich werde ihre email Adresse nicht in diesen blog stellen, aber wenn Ihr mich direkt fragt, gebe ich sie gerne weiter. Stellt Euch Marys Gesicht vor, wenn sie ihre emails abfragt und Evas Freunde haben ihr geschrieben. Ich erzaehl ihr manchmal, wenn ich eine Geschichte ueber sie in meinen blog stelle und sie weiss, dass meine Freunde nach ihr fragen...
Freitag, September 01, 2006
Donnerstag, August 31, 2006
Kein Strom, kein Radio
Mit dieser Ueberschrift ist die ganze Geschichte eigentlich schon erzaehlt. In den letzten Tagen gab es in meinem Stadtviertel immer wieder stundenlangen Stromausfall. Da der Radiomann mein Nachbar ist und sich noch keinen Generator leisten kann, heisst das auch: Radioausfall.
In Anbetracht meiner Gier nach oeffentlich ausgetragenen Ehestreitigkeiten, war das natuerlich ein herber Verlust an Lebensqualitaet. Aber viel schlimmer war, dass wir Freunde aus Accra erwarteten, die eine grosse Live-Berichterstattung ihrer Konferenz bestellt hatten, einer der ersten groesseren Auftraege. Also fuhr ich durch die Nacht zum Sender und wir standen lamentierend in der pechschwarzen Dunkelheit. Radiomann sagt: Ich geh den Stromversorgern so gut auf den Geist, wie ich kann, und sie haben versprochen, morgen frueh ist das Problem geloest.
Die Story koennte auch heissen: Kein Strom, trotzdem Kuchen. Mary hatte von den gleichen Freunden den Auftrag bekommen, 120 Konferenzteilnehmer mit Kuchen zu fuettern. Also stand sie bis zehn Uhr nachts bei Kerzenschein in meiner Kueche, ruehrte Ruehrkuchenteig mit kraeftigen Holzloeffelbewegungen und stolperte in der Dunkelheit von der Kuechentuer zur Veranda, wo der Ofen steht.
Die Story koennte auch heissen: Strom, Radio, Kuchen. Denn am Ende wurde alles gut: Um Mitternacht gingen alle Lichter in meinem Haus an, am naechsten Morgen fielen die Konferenzteilnehmer wie ausgehungert ueber den Kuchen her und Radiomann strahlte. Er sendete das Programm gleich zweimal: Einmal live und fuer Geld und am naechsten Morgen nochmal, als Bonus und damit es auch wirklich alle hoeren.
In Anbetracht meiner Gier nach oeffentlich ausgetragenen Ehestreitigkeiten, war das natuerlich ein herber Verlust an Lebensqualitaet. Aber viel schlimmer war, dass wir Freunde aus Accra erwarteten, die eine grosse Live-Berichterstattung ihrer Konferenz bestellt hatten, einer der ersten groesseren Auftraege. Also fuhr ich durch die Nacht zum Sender und wir standen lamentierend in der pechschwarzen Dunkelheit. Radiomann sagt: Ich geh den Stromversorgern so gut auf den Geist, wie ich kann, und sie haben versprochen, morgen frueh ist das Problem geloest.
Die Story koennte auch heissen: Kein Strom, trotzdem Kuchen. Mary hatte von den gleichen Freunden den Auftrag bekommen, 120 Konferenzteilnehmer mit Kuchen zu fuettern. Also stand sie bis zehn Uhr nachts bei Kerzenschein in meiner Kueche, ruehrte Ruehrkuchenteig mit kraeftigen Holzloeffelbewegungen und stolperte in der Dunkelheit von der Kuechentuer zur Veranda, wo der Ofen steht.
Die Story koennte auch heissen: Strom, Radio, Kuchen. Denn am Ende wurde alles gut: Um Mitternacht gingen alle Lichter in meinem Haus an, am naechsten Morgen fielen die Konferenzteilnehmer wie ausgehungert ueber den Kuchen her und Radiomann strahlte. Er sendete das Programm gleich zweimal: Einmal live und fuer Geld und am naechsten Morgen nochmal, als Bonus und damit es auch wirklich alle hoeren.
Dienstag, August 29, 2006
Fuettersucht
Debbie und ich haben uns letzten Samstag fest vorgenommen, dass das die letzte Party fuer eine lange lange Zeit sein wird. Vor vier Wochen gab es in meinem Haus spontane Pizzaparty, vor zwei Wochen gaben wir grosse Debbiezurueckinghanaparty, Samstag feierten wir Debbies Geburtstag und wer schonmal mit mir gefeiert hat (soll ich sagen: Wer schonmal unter meinen Partyvorbereitungen gelitten hat), weiss, dass das mindestens einen ganzen Tag in der Kueche bedeutet und abends bin ich so geschafft, dass ich am liebsten einfach nur die Kaltmammsell waer und nicht auch noch mit den Gaesten feiern will oder gar irgendwas essen.
Also, schon fuer Debbies Geburtstag war die Vereinbarung: „Wir bestellen Essen bei Mary und tun selber gar nix.“ Wie Felix sagt: Man muss sich auch schonmal selbst einen Witz erzaehlen... Der Witz ging noch weiter: „Und wir machen nur ein einziges Gericht!“ Natuerlich sieht die Realitaet anders aus als der Witz und Mary und ich haben wieder einen Samstag in der Kueche verbracht, im Hintergrund spielte der wilde Radiomann sein Reaggea-Programm und ewig gruesste das Murmeltier.
Gestern kamen Freunde aus Accra zu Besuch und wir haben mal wieder knapp 2 Stunden im Restaurant auf unser Essen gewartet. Mir machte das gar nix, denn ich hab mir inzwischen angewoehnt, mich vor dem Essengehn satt zu essen, dann halte ich es gut aus, bis die naechste Malzeit kommt. Aber natuerlich endete der Abend wie zu erwarten war: „Warum kommt Ihr nicht morgen alle zu mir nach Hause, koch ich Euch was Feines!“ Und da die nichts von der Sucht wissen, die mich langsam aber sicher zerstoert, haben sie ganz arglos zugesagt. Debbie ist so tief in ihre Co-Abhaengigkeit verstrickt, dass sie nur lachte und die Einladung dankend annahm. Und da wir einmal dabei sind, kann ich doch Derek und Amy gleich auch noch einladen. Dann rief Martine an: „Hallo, ich bin jetzt in Tamale angekommen, in zwei Stunden bin ich in Bolga (und ich denke: Ach ja, Du hattest ja angeboten, dass sie fuer zwei Wochen in Deinem Haus wohnen kann... wie konntest Du das nur vergessen?).“
Also ruf ich Mary im Haus an und sage: „Bitte, mach das Hinterhaus fuer Besuch fertig.“ Und plane, das Buero sehr puenktlich zu verlassen, um zwischen halb sechs und sieben schnell fuer vier-sechs-sieben-acht-neun, genau fuer neun Leute zu kochen.
Ich erzaehle Douglas die ganze Geschichte und dass ich ueberlege, ob ich in Therapie gehen soll, um mich von meiner Fuettersucht heilen zu lassen. Er lacht und sagt mir ins Gesicht, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin: „Als Erstes wuerdest Du dem Therapeuten doch anbieten: Kommen Sie heute Abend zu mir, koch ich Ihnen was Feines!“
Also, schon fuer Debbies Geburtstag war die Vereinbarung: „Wir bestellen Essen bei Mary und tun selber gar nix.“ Wie Felix sagt: Man muss sich auch schonmal selbst einen Witz erzaehlen... Der Witz ging noch weiter: „Und wir machen nur ein einziges Gericht!“ Natuerlich sieht die Realitaet anders aus als der Witz und Mary und ich haben wieder einen Samstag in der Kueche verbracht, im Hintergrund spielte der wilde Radiomann sein Reaggea-Programm und ewig gruesste das Murmeltier.
Gestern kamen Freunde aus Accra zu Besuch und wir haben mal wieder knapp 2 Stunden im Restaurant auf unser Essen gewartet. Mir machte das gar nix, denn ich hab mir inzwischen angewoehnt, mich vor dem Essengehn satt zu essen, dann halte ich es gut aus, bis die naechste Malzeit kommt. Aber natuerlich endete der Abend wie zu erwarten war: „Warum kommt Ihr nicht morgen alle zu mir nach Hause, koch ich Euch was Feines!“ Und da die nichts von der Sucht wissen, die mich langsam aber sicher zerstoert, haben sie ganz arglos zugesagt. Debbie ist so tief in ihre Co-Abhaengigkeit verstrickt, dass sie nur lachte und die Einladung dankend annahm. Und da wir einmal dabei sind, kann ich doch Derek und Amy gleich auch noch einladen. Dann rief Martine an: „Hallo, ich bin jetzt in Tamale angekommen, in zwei Stunden bin ich in Bolga (und ich denke: Ach ja, Du hattest ja angeboten, dass sie fuer zwei Wochen in Deinem Haus wohnen kann... wie konntest Du das nur vergessen?).“
Also ruf ich Mary im Haus an und sage: „Bitte, mach das Hinterhaus fuer Besuch fertig.“ Und plane, das Buero sehr puenktlich zu verlassen, um zwischen halb sechs und sieben schnell fuer vier-sechs-sieben-acht-neun, genau fuer neun Leute zu kochen.
Ich erzaehle Douglas die ganze Geschichte und dass ich ueberlege, ob ich in Therapie gehen soll, um mich von meiner Fuettersucht heilen zu lassen. Er lacht und sagt mir ins Gesicht, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin: „Als Erstes wuerdest Du dem Therapeuten doch anbieten: Kommen Sie heute Abend zu mir, koch ich Ihnen was Feines!“
Montag, August 28, 2006
Freitag, August 25, 2006
Praesidentenrausschmeisser
Vor ein paar Tagen diskutierten die Jungs im Fruehstuecksradio: Soll der Staatspraesident sich entschuldigen, zuruecktreten oder hat er eigentlich genau das Richtige gesagt? Ich hatte zu lange geschlafen und zu spaet eingeschaltet, um noch zu verstehen, was Kufour eigentlich gesagt hat.
Debbie meint zwar: „Das fragen die Zeitungen John Major jede Woche!“ Aber wieviele afrikanische Staaten gibt es, wo ich die gleichen Journalisten am naechsten Tag noch frei rumlaufen seh, das Radio weiter sendet und keiner sich drum schert? An Tagen wie diesem, macht Ghana mich gluecklich, und ich druecke beide Augen zu vor korruptem und aufgeblasenem Staatsaparat, Politikerluegen und ethnischen Konflikten.
Unsere Nachbarn sind Elfenbeinkueste, vom Buergerkrieg zerrissen, Togo, wo der Praesidentensohn davon ausging, dass er den Thron seines Vaters erbt und Burkina-Faso - gibt es den Ausdruck Militaerdemokratie?
Debbie meint zwar: „Das fragen die Zeitungen John Major jede Woche!“ Aber wieviele afrikanische Staaten gibt es, wo ich die gleichen Journalisten am naechsten Tag noch frei rumlaufen seh, das Radio weiter sendet und keiner sich drum schert? An Tagen wie diesem, macht Ghana mich gluecklich, und ich druecke beide Augen zu vor korruptem und aufgeblasenem Staatsaparat, Politikerluegen und ethnischen Konflikten.
Unsere Nachbarn sind Elfenbeinkueste, vom Buergerkrieg zerrissen, Togo, wo der Praesidentensohn davon ausging, dass er den Thron seines Vaters erbt und Burkina-Faso - gibt es den Ausdruck Militaerdemokratie?
Mittwoch, August 23, 2006
Eva in Ghana
Ganz nah
Eben war ich in der Bank und mir fiel wieder auf, dass ich hier doch eine Stadtmaus bin, die ihre Zeit meist mit anderen (schwarzen und weissen) Stadtmaeusen verbringt.
Heute war einer dieser Tage, wo ganz viele einfache Leute zur Bank gehn, vielleicht wurde irgendwas ausgezahlt, die Bank war jedenfalls voll mit Doerflern in bunten Wickeltuechern, mit verschlissenen Hemden, wilden Kopfbedeckungen und Brillen, die mit Bindfaden geflickt waren.
Ich hatte lange zu warten und schaute mir das Spektakel an und sah: Die stehen ganz anders Schlange als Stadtghanaer oder gar Europaer. Diese Horde alter Maenner und Frauen, alle schmiegen sie sich aneinander um eine Schlange zu bilden, die tatsaechlich dem Tier aehnelt, ein einziges bewegliches Wesen, kein Raum zwischen einem Menschen und dem naechsten... selbst wenn sich nur vier Leute hintereinander stellen und um sie rum so viel Platz ist. Das sieht schoen aus und irgendwie heimelig, keiner allein. Und grade in der einschuechternden grossen kuehlen Bank ist es gut, wenn man den Schweiss, den Pitu-Atem und den Kuhgeruch seines Dorfnachbarn immer in der Nase hat, um zu wissen, dass man nicht verloren gehen kann.
Eben war ich in der Bank und mir fiel wieder auf, dass ich hier doch eine Stadtmaus bin, die ihre Zeit meist mit anderen (schwarzen und weissen) Stadtmaeusen verbringt.
Heute war einer dieser Tage, wo ganz viele einfache Leute zur Bank gehn, vielleicht wurde irgendwas ausgezahlt, die Bank war jedenfalls voll mit Doerflern in bunten Wickeltuechern, mit verschlissenen Hemden, wilden Kopfbedeckungen und Brillen, die mit Bindfaden geflickt waren.
Ich hatte lange zu warten und schaute mir das Spektakel an und sah: Die stehen ganz anders Schlange als Stadtghanaer oder gar Europaer. Diese Horde alter Maenner und Frauen, alle schmiegen sie sich aneinander um eine Schlange zu bilden, die tatsaechlich dem Tier aehnelt, ein einziges bewegliches Wesen, kein Raum zwischen einem Menschen und dem naechsten... selbst wenn sich nur vier Leute hintereinander stellen und um sie rum so viel Platz ist. Das sieht schoen aus und irgendwie heimelig, keiner allein. Und grade in der einschuechternden grossen kuehlen Bank ist es gut, wenn man den Schweiss, den Pitu-Atem und den Kuhgeruch seines Dorfnachbarn immer in der Nase hat, um zu wissen, dass man nicht verloren gehen kann.
Dienstag, August 22, 2006
Haeuptlingin sein
Douglas’ Freund wohnt bei mir auf der Ecke. Letztens sagte er zu Douglas: „Deine Chefin ist der Haeuptling aller Weissen in Bolga.(Your boss is the chief of all white people in Bolga)“ „Warum?“ frage ich. „Weil er die immer alle zu Deinem Haus stroemen sieht.“ Hm. Ich glaube sowas nennt man bei uns nicht Haeuptling sondern Partyqueen. Oder Kuechenfee?
Wie auch immer, ich werde mich nun meinen Haeuptlingswuerden entsprechend ausstatten, eine Pferdehaarwuerdeverstaerkungsquaste anschaffen, eine handvoll Frauen mit beutelfoermigen nackten Bruesten heiraten und die anderen Weissen in Bolga zur Gartenarbeit einteilen. Das wird super.
(Liebe politisch korrekten Freunde. Um moeglichen empoerten Kommentaren zuvorzukommen, erlaube ich mir, hier anzumerken, dass es sich bei meinen naechsten Schritten zur Vervollkommenung meiner Haeuptlingsposition NICHT um eine Verspottung der lokalen Kultur handelt, sondern um Attribute, die einzig und allein weissen Haeuptlingen in Nordghana vorbehalten sind – also mir. Die lokale Kultur ist weiterhin geheimnisvoll und komplex und jeglicher Spott wuerde ohnehin ungesehen in ihrer Vielschichtigkeit versickern wie Pipi im Sand)
Wie auch immer, ich werde mich nun meinen Haeuptlingswuerden entsprechend ausstatten, eine Pferdehaarwuerdeverstaerkungsquaste anschaffen, eine handvoll Frauen mit beutelfoermigen nackten Bruesten heiraten und die anderen Weissen in Bolga zur Gartenarbeit einteilen. Das wird super.
(Liebe politisch korrekten Freunde. Um moeglichen empoerten Kommentaren zuvorzukommen, erlaube ich mir, hier anzumerken, dass es sich bei meinen naechsten Schritten zur Vervollkommenung meiner Haeuptlingsposition NICHT um eine Verspottung der lokalen Kultur handelt, sondern um Attribute, die einzig und allein weissen Haeuptlingen in Nordghana vorbehalten sind – also mir. Die lokale Kultur ist weiterhin geheimnisvoll und komplex und jeglicher Spott wuerde ohnehin ungesehen in ihrer Vielschichtigkeit versickern wie Pipi im Sand)
Montag, August 21, 2006
einmal Kroete - immer Kroete
In meinen alten blogs koennt ihr viel ueber den Krieg der Kroeten nachlesen. Die Verlegung meines Abwasserabflusses unter die Erde hat dem Massenandrang den Garaus gemacht. Dafuer ueben die Kroeten sich nun in Guerillataktik und kopieren den Feind (also mich). Als ich eben in die Dunkelheit hinausging, hat eine Kroete auf mich draufgetreten. Ploetzlich sass sie auf meinem Fuss und dachte, das sei ne tolle Idee. Ich bin da anderer Meinung aber mich fragt ja keine Kroete.
Donnerstag, August 17, 2006
Verliebt
Heute bin ich in mein Buero verliebt. Ob ich es vielleicht heiraten soll, wie im guten alten Deutschen Schlager? Nein., ich beginne noch nicht, meine Stuehle und meinen Schreibtisch zu streicheln. Aber dafuer laufe ich mit diesem bestimmten Huepfen rum, das Ghanaer so laecherlich finden, weil einem doch dann alles hinfaellt, was man auf dem Kopf traegt. Und bin froh, hier zu sein.
Nach eineinhalb Jahren liebe ich meine Kollegen viel mehr als am Anfang und wir sagen einander immer so viele nette Sachen, erzaehlen von Familie und verschiedenen Eigenartigkeiten der Kulturen. Mein Assistent lernt alles, was ich im erklaere, in Windeseile, mein Bueropartner von der Wasser Kommission will die Welt verbessern und wenn wir sie mit meiner neuen Methode (Influence Network Mapping) maltraetieren, sind unsere Interviewpartner ueberwaeltigt und begeistert. Es regnet Kuchen, die Menschen tanzen auf den Strassen und ein jedweder versteht, was der andere sagt, da Babylon vorbei ist. Die Faulenzer gehen zur regelmaessigen Arbeit, Arbeitssuechtige machen Feierabend und ich kann offensichtlich das Glueck nicht ebenso ernsthaft beschreiben, wie das Unglueck. Sonst wuerde mir dieser blog nicht einfach ins Hahnebuechende davonlaufen....
Nach eineinhalb Jahren liebe ich meine Kollegen viel mehr als am Anfang und wir sagen einander immer so viele nette Sachen, erzaehlen von Familie und verschiedenen Eigenartigkeiten der Kulturen. Mein Assistent lernt alles, was ich im erklaere, in Windeseile, mein Bueropartner von der Wasser Kommission will die Welt verbessern und wenn wir sie mit meiner neuen Methode (Influence Network Mapping) maltraetieren, sind unsere Interviewpartner ueberwaeltigt und begeistert. Es regnet Kuchen, die Menschen tanzen auf den Strassen und ein jedweder versteht, was der andere sagt, da Babylon vorbei ist. Die Faulenzer gehen zur regelmaessigen Arbeit, Arbeitssuechtige machen Feierabend und ich kann offensichtlich das Glueck nicht ebenso ernsthaft beschreiben, wie das Unglueck. Sonst wuerde mir dieser blog nicht einfach ins Hahnebuechende davonlaufen....
Wir danken dem ersten edlen Spender
Ein Freund schrieb: Ich wuerde gerne 20 Euro zu den Studiengebuehren dazutun (s. Blog: Bittbrief). Ich sag: Super, ich geh das Geld vorbeibringen und Du kannst es mir an Weihnachten zurueckgeben, wenn ich in Deutschland bin. Denn ueberweisen ist einfach zu aufwaendig, langsam und teuer fuer kleine Betraege. Also bin ich heute im Rotkreuzbuero aufgetaucht und hab dem Vater vieler schlauer Kinder eine Freude gemacht. Der preist den edlen Spender und mich gleichfalls und bedankt sich ganz herzlich – auch im Namen seiner Tochter.
Dienstag, August 15, 2006
Karriere mit falschem Spinat
Letztens hatte ich Besuch von besonders wichtigen Herren, die sich mein Projekt – und alle anderen – anschauen wollten und sehn, ob ihr Geld auch sinnvoll ausgegeben wird. Da ich selbst weiss, wie sehr einem Hotels, Restaurant und das Fernsein von Haus und Herd auf den Geist gehen kann, bekamen sie mehr, als sie bestellt hatten. Ich werde Euch nicht damit langweilen, warum ich denke, dass wir ihr Geld sinnvoll ausgeben. Der Besuch fiel auf einen Sonntag und so waren sie bei mir zum Sonntagsmittagsschmaus eingeladen. Wie wichtig diese Herren mir waren, konnte Mary daran sehn, dass ich sie tatsaechlich bat, Fleisch zuzubereiten, was in meinem vegetarischen Haushalt aeusserst selten vorkommt. Also gab es Huehnerbeine, falschen Spinat, Reis und zum Nachtisch Zitronenkuchen und echten Kaffee. Um die Erfahrung perfekt zu machen, bekam das Essen mehr als nur Naehrstoffe und Geschmack, ich erzaehlte ihnen Geschichten, um das Essen mit Sinn aufzuladen. Der falsche Spinat, Alefu, sieht aehnlich aus wie Brennesseln und wenn man ihn isst, tut man eine wohlschmeckende gesunde gute Tat. Alefu wird von besonders armen Bauern und Baeuerinnen angebaut, da man die Samen selbst zuechten kann und nach drei Wochen Wachstum die ersten Blaetter ernten, das erste Geld verdienen kann. Die Ernte ist mit Bewaesserung das ganze Jahr ueber moeglich und das Gemuese wird von den Frauen selbst auf dem Markt verkauft, so dass kein Geld an Zwischenhaendler verloren geht. Als waere das noch nicht genug, erzaehle ich ihnen zum Nachtisch noch von Marys Baeckerei und als die Herren von meinen gemuetlichen Omasofas aufstehn, grinsen sie weich und gluecklich wie Hefeteig.
Montag, August 14, 2006
Fallsucht
Mein Assistent ist von seiner Reise nach Accra zurueckgekommen und sagt: “All my neighbours are telling me that my white boss is such a good person. They are not telling me any news. (Alle meine Nachbarn sagen mir, dass meine weisse Chefin eine gute Person ist. Sie erzaehlen mir nichts Neues)“ (ich bin geruehrt...) Nun redet also die ganze Nachbarschaft davon, dass ich der weisse Engel bin, der den Fallsuechtigen angefasst hat, ohne Angst vor Ansteckung. Ich finde, dass mein Assistent ein viel groesserer Held ist. Dieser Epileptiker ist sein Freund und er war irgendwann mal bei einem Anfall dabei, wo der junge Mann ebenfalls gewaltsam seinen Kopf auf den Zement gedonnert hat. Und da hat Douglas geholfen, OBWOHL er glaubte, dass er sich anstecken kann.
Lovetalk
So heisst das Programm. Ich sitze mit offenem Mund vor meinem Radio. Presse mein Ohr an den Lautsprecher, wenn die Anrufer schlecht zu verstehen sind. Und lerne immer mehr ueber dieses Leben. Heute diskutieren sie: Ein junger Mann war im Ausland, hat sich da in eine weisse Frau verliebt und sie geheiratet. Er kommt mit der Dame heim, stellt sie der Familie vor und die Mutter sagt: „Ja aber ich hab Dir doch so ne schoene runde Ghanaerin gefunden, schick die bloede weisse Tusse heim und tu was Mama sagt.“
Unser Freund hat sich ans Radio gewandt und bittet die Oeffentlichkeit, ihm einen guten Rat zu geben. Ein Anrufer nach dem anderen sagt: Schick die Weisse halt heim und folge Deiner Mutter. Die hat schliesslich so hart gearbeitet, um Dir die Reise ins Weissenland ueberhaupt zu ermoeglichen. Endlich sagt einer: Nein, der Mann soll die weisse Frau behalten, die koennen Dir doch viel besser weiterhelfen als schwarze Frauen. (Weiterhelfen wird hier in der gleichen Bedeutung verwendet, wie Ommaausgeich immer sagte: Man muss sich zu helfen wissen! Und dabei Daumen und Zeigefinger in Geldzaehlgeste aneinander rieb). Der letzt Anrufer schliesslich hat zu Gunsten unserer weissen Schwester die Bibel gelesen und sagt, dass der Mann Vater und Mutter verlassen und sich mit dem Weib verbinden soll und ausserdem der Mensch nicht scheiden soll, was Gott verbunden hat.
Liebe kommt in der Diskussion nicht vor. Und die Frauen scheinen so Dinger zu sein, die man sich anschafft und wieder loswerden kann, wenn sie doch nicht passen. Ich versuche mir die Geschichte von der anderen Seite vorzustellen, die junge weisse Frau, die mit der Liebe ihres Lebens in dessen Heimatdorf kommt, kein Wort der hitzigen Diskussionen versteht, ihren Mann ganz anders erlebt, als sie ihn in England, Holland oder wo auch immer kennengelernt hat, und keiner erklaert ihr, was das Problem ist und keine beste Freundin ist da, der sie den ganzen Scheiss erzaehlen kann.
Unser Freund hat sich ans Radio gewandt und bittet die Oeffentlichkeit, ihm einen guten Rat zu geben. Ein Anrufer nach dem anderen sagt: Schick die Weisse halt heim und folge Deiner Mutter. Die hat schliesslich so hart gearbeitet, um Dir die Reise ins Weissenland ueberhaupt zu ermoeglichen. Endlich sagt einer: Nein, der Mann soll die weisse Frau behalten, die koennen Dir doch viel besser weiterhelfen als schwarze Frauen. (Weiterhelfen wird hier in der gleichen Bedeutung verwendet, wie Ommaausgeich immer sagte: Man muss sich zu helfen wissen! Und dabei Daumen und Zeigefinger in Geldzaehlgeste aneinander rieb). Der letzt Anrufer schliesslich hat zu Gunsten unserer weissen Schwester die Bibel gelesen und sagt, dass der Mann Vater und Mutter verlassen und sich mit dem Weib verbinden soll und ausserdem der Mensch nicht scheiden soll, was Gott verbunden hat.
Liebe kommt in der Diskussion nicht vor. Und die Frauen scheinen so Dinger zu sein, die man sich anschafft und wieder loswerden kann, wenn sie doch nicht passen. Ich versuche mir die Geschichte von der anderen Seite vorzustellen, die junge weisse Frau, die mit der Liebe ihres Lebens in dessen Heimatdorf kommt, kein Wort der hitzigen Diskussionen versteht, ihren Mann ganz anders erlebt, als sie ihn in England, Holland oder wo auch immer kennengelernt hat, und keiner erklaert ihr, was das Problem ist und keine beste Freundin ist da, der sie den ganzen Scheiss erzaehlen kann.
Sonntag, August 13, 2006
Freitag, August 11, 2006
Bittbrief
Einer meiner ghanaischen Freunde hier arbeitet fuer’s rote Kreuz. Er hat einen Haufen Kinder, von denen die Aelteste schon arbeitet, alle anderen gehen noch zur Schule. Vor einigen Monaten fing er an, von seiner drittaeltesten Tochter zu erzaehlen, die Medizin studieren will und fragte, ob mir irgendetwas einfaellt, wie sie Unterstuetzung finden koennte. Fuer meine eigene Freiheit hier ist es mir wichtig, nicht anzufangen, Leute finanziell zu unterstuetzen. Also hab ich ihm gesagt: Was ich Dir anbieten kann, ist einen Brief Deiner Tochter ins Internet zu stellen, vielleicht hat einer meiner Freunde etwas Geld uebrig oder englischsprachige Medizinbuecher oder hat eine andere Idee, wie er Deine Tochter unterstuetzen kann. Das Ganze war ein langsamer Prozess, irgendwann kam er mit der Tochter in mein Buero, um sie mir vorzustellen, ein ernsthaftes schuechternes Maedchen, dem der Vorstoss des Vaters eher peinlich war. Letzte Woche kam er dann nochmal allein und sagte: Sie hat sich gedreht und gewunden und schliesslich gesagt, warum sie diesen Brief nicht schreiben will: Sie hat Angst, dass schliesslich die ganze Welt rausfindet, dass sie arm ist. Ich hab ihn beruhigt, ihr Name wird nicht im Internet stehn, niemand wird sie als Person mit diesem Brief in Verbindung bringen koennen. Als ich heute ins Buero kam, lag der Brief da und der geht folgendermassen (den Namen hab ich rausgestrichen, die Kontoverbindung geb ich Euch gerne direkt, falls Ihr helfen wollt, Uebersetzung s.u.):
Dear Sir/Madam
I need your support
I am highly delighted writing to you this letter. By the grace of our almighty God I hope you are doing well. Before I proceed with my main agenda, I would like to introduce myself.
My name is ----- , 18 years old and a product of Bolgatanga Secondary School pursing Pure Science. I am a Kusasi by tribe from the Upper East Region of Ghana but reside in Bolga (Zuarungo). I am the third out of six children in my family.
I gained admission to University of Ghana. Legon to offer Physical Science instead of Biological Science which I wanted, but since I had no option, I had to pay a non-refundable fee of 2,600,000 Cedis. Just as I was about to report at the school, a letter from University for Development Studies arrived, offering me Nutrition, my second choice to Human Biology as seen in the attached photocopies. Due to certain advantages such as easy accommodation, nearness of school to my home in case of emergencies and above all fulfilling my desire to help the poor, the needy and the sick when I become a doctor or a health worker, I have to switch my attention to UDS Nyankpala Campus in Tamale.
However, I am presently financially handicapped which is likely to be a threat to my degree education.
I therefore humbly write to request for any assistance either financially or materially to top up the little my parents have been able to afford to enable me pay my fees and to purchase a few needed items.
I am priveledged to have opened an account with the Ghana Commercial Bank with the following particulars
I would plead to end here reminding you that your service to me now will mean service to thousands in the near future.
I hope my request would meet your kind consideration. Thank you, yours faithfully ---
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich brauche Ihre Unterstuetzung.
Es bereitet mir grosse Freude, Ihnen diesen Brief schreiben zu duerfen. Ich hoffe, es geht Ihnen durch die Gnade unseres allmaechtigen Gottes gut. Bevor ich weiter mit meinem Anliegen fortfahre, wuerde ich mich Ihnen gerne vorstellen.
Mein Name ist ----, ich bin 18 Jahre alt und ein Produkt des Naturwissenschaftlichen Zweiges der Bolgatanga weiterfuehrenden Schule. Ich gehoere zum Stamm der Kusasi aus der Upper East Region Ghanas, lebe aber in Bolgatanga (Vorort Zuarungu). Ich bin das dritte von sechs Kindern in meiner Familie.
Ich habe die Zulassung der Universitaet Ghanas in Legon erhalten, fuer Physik statt Biologie, was ich mir gewuenscht haette, aber da ich keine Wahl hatte, musste ich eine nicht-rueckzahlbare Gebuehr von 2 600 000 Cedis (ca 240 Euro) zahlen. Als ich mich grade aufmachen wollte, um mich bei der Universitaet zu melden, erhielt ich einen Brief von der Universitaet fuer Entwicklungsstudien (UDS), die mir einen Studienplatz in Ernaehrungswissenschaften anboten, meiner zweiten Wahl nach Humanbiologie, wie Sie den angefuegten Kopien entnehmen koennen. Aufgrund bestimmter Vorteile, wie einfache Unterkunft, Naehe der Schule zu meinem zu Hause fuer den Fall eines Notfalles und vor allem meinen Wunsch erfuellend, den Armen, Beduerftigen und Kranken zu helfen, wenn ich ein Arzt oder Gesundheitsarbeiter werde, muss ich nun meine Aufmerksamkeit dem UDS Nyankpala Campus in Tamale zuwenden.
Jedoch bin ich momentan finanziell eingeschraenkt, welches wahrscheinlich meine universitaere Ausbildung bedrohen wird.
Deshalb schreibe ich Ihnen bescheidenst mit der Bitte um jegliche Hilfe, entweder finanziell oder materiell um das Wenige aufzustocken, was meine Eltern sich leisten koennen, um meine Studiengebuehren zu bezahlen und einige notwendige Dinge zu kaufen.
Ich habe das Privileg, ein Bankkonto bei der Ghana Commercial Bank eroeffnet zu haben, mit folgenden Kontodaten:
---
Ich bitte hiermit enden zu duerfen und erinnere Sie daran, dass Sie, wenn Sie mir heute helfen, Tausenden in der nahen Zukunft helfen.
Ich hoffe, dass meine Bitte Ihre freundliche Aufmerksamkeit erhaelt. Vielen Dank.
Hochachtungsvoll
---
Dear Sir/Madam
I need your support
I am highly delighted writing to you this letter. By the grace of our almighty God I hope you are doing well. Before I proceed with my main agenda, I would like to introduce myself.
My name is ----- , 18 years old and a product of Bolgatanga Secondary School pursing Pure Science. I am a Kusasi by tribe from the Upper East Region of Ghana but reside in Bolga (Zuarungo). I am the third out of six children in my family.
I gained admission to University of Ghana. Legon to offer Physical Science instead of Biological Science which I wanted, but since I had no option, I had to pay a non-refundable fee of 2,600,000 Cedis. Just as I was about to report at the school, a letter from University for Development Studies arrived, offering me Nutrition, my second choice to Human Biology as seen in the attached photocopies. Due to certain advantages such as easy accommodation, nearness of school to my home in case of emergencies and above all fulfilling my desire to help the poor, the needy and the sick when I become a doctor or a health worker, I have to switch my attention to UDS Nyankpala Campus in Tamale.
However, I am presently financially handicapped which is likely to be a threat to my degree education.
I therefore humbly write to request for any assistance either financially or materially to top up the little my parents have been able to afford to enable me pay my fees and to purchase a few needed items.
I am priveledged to have opened an account with the Ghana Commercial Bank with the following particulars
I would plead to end here reminding you that your service to me now will mean service to thousands in the near future.
I hope my request would meet your kind consideration. Thank you, yours faithfully ---
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich brauche Ihre Unterstuetzung.
Es bereitet mir grosse Freude, Ihnen diesen Brief schreiben zu duerfen. Ich hoffe, es geht Ihnen durch die Gnade unseres allmaechtigen Gottes gut. Bevor ich weiter mit meinem Anliegen fortfahre, wuerde ich mich Ihnen gerne vorstellen.
Mein Name ist ----, ich bin 18 Jahre alt und ein Produkt des Naturwissenschaftlichen Zweiges der Bolgatanga weiterfuehrenden Schule. Ich gehoere zum Stamm der Kusasi aus der Upper East Region Ghanas, lebe aber in Bolgatanga (Vorort Zuarungu). Ich bin das dritte von sechs Kindern in meiner Familie.
Ich habe die Zulassung der Universitaet Ghanas in Legon erhalten, fuer Physik statt Biologie, was ich mir gewuenscht haette, aber da ich keine Wahl hatte, musste ich eine nicht-rueckzahlbare Gebuehr von 2 600 000 Cedis (ca 240 Euro) zahlen. Als ich mich grade aufmachen wollte, um mich bei der Universitaet zu melden, erhielt ich einen Brief von der Universitaet fuer Entwicklungsstudien (UDS), die mir einen Studienplatz in Ernaehrungswissenschaften anboten, meiner zweiten Wahl nach Humanbiologie, wie Sie den angefuegten Kopien entnehmen koennen. Aufgrund bestimmter Vorteile, wie einfache Unterkunft, Naehe der Schule zu meinem zu Hause fuer den Fall eines Notfalles und vor allem meinen Wunsch erfuellend, den Armen, Beduerftigen und Kranken zu helfen, wenn ich ein Arzt oder Gesundheitsarbeiter werde, muss ich nun meine Aufmerksamkeit dem UDS Nyankpala Campus in Tamale zuwenden.
Jedoch bin ich momentan finanziell eingeschraenkt, welches wahrscheinlich meine universitaere Ausbildung bedrohen wird.
Deshalb schreibe ich Ihnen bescheidenst mit der Bitte um jegliche Hilfe, entweder finanziell oder materiell um das Wenige aufzustocken, was meine Eltern sich leisten koennen, um meine Studiengebuehren zu bezahlen und einige notwendige Dinge zu kaufen.
Ich habe das Privileg, ein Bankkonto bei der Ghana Commercial Bank eroeffnet zu haben, mit folgenden Kontodaten:
---
Ich bitte hiermit enden zu duerfen und erinnere Sie daran, dass Sie, wenn Sie mir heute helfen, Tausenden in der nahen Zukunft helfen.
Ich hoffe, dass meine Bitte Ihre freundliche Aufmerksamkeit erhaelt. Vielen Dank.
Hochachtungsvoll
---
Manchmal faellt mir einfach keine passende Ueberschrift ein
Als ich zum Mittagessen nach Hause fuhr, winkte mir ein Nachbar vom Wegesrand zu. Ich fuhr zurueckwinkend vorbei, schaute in meinen Rueckspiegel und sah ihn zuckend am Boden liegen. Als ich angehalten hatte und ausgestiegen war, hatte er seinen Hinterkopf schon so oft gegen die Betonkante gehauen, dass die Wand des Abflusskanals, an dem er lag, blutrot war, Schaum quoll ihm aus den Lippen, seine Augen waren anderswo und die Freunde, mit denen er sich grade noch unterhalten hatte, waren alle einen Schritt zurueckgegangen und schauten in die Luft. Als ich versuchte, ihn von der Kante wegzuschieben nahm schliesslich einer von ihnen die andere Hand. „Irgendetwas Weiches! Wir brauchen etwas Weiches, wo wir seinen Kopf drauflegen koennen! Etwas Weiches!“ Irgendwann brachte jemand regennasse Eierkartons, die zwar gleich blutgetraenkt waren aber er schmiss sich viel zu sehr hin und her, um seinen Kopf sicher darauf zu betten. Schliesslich meinte eine der Frauen: Wir tragen ihn auf die andere Seite, da liegt er auf der weichen Erde. Also schleppten wir ihn an Haenden und Fuessen rueben waehrend er sich wand und zuckte. Dann war er ganz ruhig. Sprang auf und schwankte zum leeren Tisch des Strasseneckenmetzgers, legte sich darauf, sprang wieder auf, lief eine Runde um den Tisch, legte sich wieder hin, sprang wieder auf und schwankte schliesslich seinem Haus entgegen. Einer seiner Freunde sagte: Der hat das schon seit Jahren. Und er weiss, dass er danach sofort nach Hause muss, sich waschen und wieder sauber anziehn. Ich habe unseren kleinen Markt noch nie so still gesehn, alle starrten ihn mit grossen Augen an... aber noch viel mehr die weisse Frau, die sich traut, ihn anzufassen. Mary erklaerte mir spaeter, dass Du Epilepsie kriegen kannst, wenn jemand waehrend eines Anfalls seinen Kopf gegen Deinen stoesst und das Risiko moechten auch seine Freunde nicht eingehn. Ein Junge aus ihrer Nachbarschaft ist im See ertrunken, als er einen Anfall hatte, waehrend er sich wusch. Mein Medizinbuch und ich haben eine andere Vorstellung von der Ansteckungsgefahr als der lokale Volksmund. Die arme Mary musste mir – sehr widerstrebend – versprechen, dass sie das naechste Mal hilft, wenn sie so etwas sieht.
(Zur Ehrrettung der Ghanaer sei gesagt, dass ich auch schon in Duesseldorf in der Strassenbahn einen epileptischen Anfall gesehen hab, bei denen keiner der Mitreisenden der Frau geholfen oder sie vor Verletzungen geschuetzt hat)
(Zur Ehrrettung der Ghanaer sei gesagt, dass ich auch schon in Duesseldorf in der Strassenbahn einen epileptischen Anfall gesehen hab, bei denen keiner der Mitreisenden der Frau geholfen oder sie vor Verletzungen geschuetzt hat)
Donnerstag, August 10, 2006
Nachtfalter
Mary ist so suess und klein, dass es lange gedauert hat, bevor mir das ueberhaupt bewusst wurde, dass sie auch herb ist und niemals anfasst. Manche Leute unterstreichen alles, was sie sagen, damit, dass sie Dir die Hand auf den Arm, die Schulter legen, viele Ghanaer gehen Hand in Hand oder spielen gedankenverloren mit Deinem Hemdsaum. Ich kann mich nicht erinnern, dass Mary das je bei mir gemacht hat und das eine Mal, dass ich sie umarmt hab, weil ich das Gefuehl hatte, das sei wirklich noetig, hab ich ein Brett umarmt.
Aber heute! Waehrend ich meine Mittagspause verdaute und sie den Tisch abraeumte sprachen wir ueber Orangenhuhn und sonstnochwas, sie steht hinter meinem Sessel und ploetzlich spuer ich, wie sie ganz nebenbei anfaengt, mit meinem Haar zu spielen. Das fuehlte sich so an, als sei ein Schmetterling auf meiner Schulter gelandet, und ich versuchte, keine abrupte Bewegung zu machen, um ihn nicht aufzuschrecken. Heisst das, dass sie nach eineinhalb Jahren nun keine Angst mehr vor mir hat?
Aber heute! Waehrend ich meine Mittagspause verdaute und sie den Tisch abraeumte sprachen wir ueber Orangenhuhn und sonstnochwas, sie steht hinter meinem Sessel und ploetzlich spuer ich, wie sie ganz nebenbei anfaengt, mit meinem Haar zu spielen. Das fuehlte sich so an, als sei ein Schmetterling auf meiner Schulter gelandet, und ich versuchte, keine abrupte Bewegung zu machen, um ihn nicht aufzuschrecken. Heisst das, dass sie nach eineinhalb Jahren nun keine Angst mehr vor mir hat?
Mittwoch, August 09, 2006
Fruehstuecker
Die Ghanaische Regierung sollte mich als Fruehstuecker anstellen. Dann wuerde ich mein Hobby zum Beruf machen und mein Job waere es, in Accras Mittelklassehotels zu fruehstuecken, die Maenner am Nebentisch kennenzulernen, den geschaeftlichen Grund ihres Aufenthalts (und alles andere ueber sie) herauszufinden und ihnen zu zeigen, wo’s langgeht (naja, sagen wir, wo ich denke, dass es langehn sollte). Bislang mach ich das ehrenamtlich, aus Leidenschaft fuer dieses Land, aus massloser Selbstueberschaetzung, weil ich meinen rheinischen Kluengel- und Mitteilungsdrang irgendwo lassen muss und weil ich immer mehr Ideen habe als ich selbst umsetzen kann.
Hotel Georgia ist ein idealer Arbeitsplatz fuer Fruehstuecker: Nah am Flughafen, ohne jeden touristischen Reiz, nicht so schick, dass keiner mit keinem redet, aber auch nicht so rammelig, dass sich Rucksacktouristen dahin verirren.
Heute morgen hab ich Jerry aus Taiwan befruehstueckt. Der hat bislang nur business mit Nigeria gemacht und ist ganz begeistert vom geringen Agressionspotential der Ghanaer. Er will Gebrauchtwagenteile nach Ghana importieren und sie hier wieder zu Autos zusammenfrickeln lassen. Das macht Sinn, denn die Einfuhrsteuern auf ganze Autos nach Ghana sind laecherlich hoch und Ghanaer sind Weltmeister darin, aus jeglichem Schrott einen fahrbaren Untersatz zu machen. Da er den Laendern, in denen er Geld verdient, auch irgendwas zurueckgeben will, plant Jerry gemeinsam mit einer Nichtregierungsorganisation ein Autoflicklertrainingprogramm fuer Jugendliche an das Geschaeft anzugliedern.
Sehr gute Intentionen. Andererseits: Wie gesagt sind die Ghanaer schon Autoschrauber-Weltmeister, warum nicht stattdessen etwas beibringen, wo sie ambitioniert in der Regionalliga spielen? Also erzaehl ich ihm von meinem letzten Comutercrash. Ein Freund brachte mich in Tamale zu diesem offenen Holzschuppen, davor pickten Huehner, Schweine und halbnackte Kinder im Staub, drinnen sass ein junger Kerl im traditionellen Spitzennachthemd und mir brach der Angstschweiss aus, als er sich daran machte, meinen Computer aufzuschrauben und mit einem abgeschabten Malerpinsel sein Innenleben von Staub befreite. Der Schraubenstapel auf seiner Tischpappe wuchs gemeinsam mit meiner Panik. Schliesslich diagnostizierte er das technische Problem korrekt (wie ich spaeter in Washington erfuhr), und entschuldigte sich, dass ihm Zubehoer und Werkzeug fehlten, es zu beheben. Beim Zusammenschrauben blieb keine Schaube uebrig und danach war mein Laptop genauso tot wie vorher.
Mein Taiwanese war von der Geschichte genauso beeindruckt wie ich, dachte an die Berge von aussortierten Computern, die in Taiwan auf den Schrott kommen und was man mit denen hier alles anfangen koennte. Diesmal ist er nur zehn Tage hier, aber in drei Monaten kommt er wieder. „Wissen Sie was,“ sag ich und schieb meine Karte rueber, „melden Sie sich zwei Wochen vor Ihrer Rueckkehr bei mir, dann werde ich Sie mit einigen Computerschraubern in Kontakt setzen und Sie koennen selbst herausfinden, wie gross das Potential ist und ob sich das fuer Sie lohnt.“
Dass ich von den Computerschraubern bislang erst einen kenne, besorgt mich nicht weiter, denn inzwischen ist mein Netzwerk hier gross und eigenwillig genug, dass ich nur einen Tag oder zwei braeuchte, um ihm so viele zu finden, wie er sehen will.
Da ich bislang nur gelegentlich fuer dieses Land fruehstuecke, ist mein Einfluss natuerlich nur punktuell, erklaere ich so gut es geht dem Blumenstraussbeigruenplantageninvestor, wie traditionelle Landrechte funktionnieren, locke den Goldhaendler, der sich in kostenguenstiger Trinkwassergewinnung auskennt, in den trockenen Norden, gebe eindrucksvolle Eroeffnungsanspachen auf Aidskonferenzen (s.u.) und pflanze die abstrusesten Ideen in verschiedenste Koepfe – in der Hoffnung dass irgendeine davon sich zur Diestel auswaechst.
Wenn die Regierung das endlich einsieht, werde ich mich fest im Fruehstuecksraum des Hotel Georgia installieren und hauptberuflich maggeln. Eine einzige Bedingung werde ich stellen, bevor ich diesen Job annehme: Bevor sie mich an meinem Stuhl festschrauben, moechte ich einen Tag mit dem Kuechenchef in der Kueche verbringen und ihm beibringen, dass man Omlettes nicht so lange fritieren muss, bis sie garantiert tot sind und dass gekochte Eier rundum gleichmaessig garen, wenn man sie komplett mit Wasser bedeckt.
Hotel Georgia ist ein idealer Arbeitsplatz fuer Fruehstuecker: Nah am Flughafen, ohne jeden touristischen Reiz, nicht so schick, dass keiner mit keinem redet, aber auch nicht so rammelig, dass sich Rucksacktouristen dahin verirren.
Heute morgen hab ich Jerry aus Taiwan befruehstueckt. Der hat bislang nur business mit Nigeria gemacht und ist ganz begeistert vom geringen Agressionspotential der Ghanaer. Er will Gebrauchtwagenteile nach Ghana importieren und sie hier wieder zu Autos zusammenfrickeln lassen. Das macht Sinn, denn die Einfuhrsteuern auf ganze Autos nach Ghana sind laecherlich hoch und Ghanaer sind Weltmeister darin, aus jeglichem Schrott einen fahrbaren Untersatz zu machen. Da er den Laendern, in denen er Geld verdient, auch irgendwas zurueckgeben will, plant Jerry gemeinsam mit einer Nichtregierungsorganisation ein Autoflicklertrainingprogramm fuer Jugendliche an das Geschaeft anzugliedern.
Sehr gute Intentionen. Andererseits: Wie gesagt sind die Ghanaer schon Autoschrauber-Weltmeister, warum nicht stattdessen etwas beibringen, wo sie ambitioniert in der Regionalliga spielen? Also erzaehl ich ihm von meinem letzten Comutercrash. Ein Freund brachte mich in Tamale zu diesem offenen Holzschuppen, davor pickten Huehner, Schweine und halbnackte Kinder im Staub, drinnen sass ein junger Kerl im traditionellen Spitzennachthemd und mir brach der Angstschweiss aus, als er sich daran machte, meinen Computer aufzuschrauben und mit einem abgeschabten Malerpinsel sein Innenleben von Staub befreite. Der Schraubenstapel auf seiner Tischpappe wuchs gemeinsam mit meiner Panik. Schliesslich diagnostizierte er das technische Problem korrekt (wie ich spaeter in Washington erfuhr), und entschuldigte sich, dass ihm Zubehoer und Werkzeug fehlten, es zu beheben. Beim Zusammenschrauben blieb keine Schaube uebrig und danach war mein Laptop genauso tot wie vorher.
Mein Taiwanese war von der Geschichte genauso beeindruckt wie ich, dachte an die Berge von aussortierten Computern, die in Taiwan auf den Schrott kommen und was man mit denen hier alles anfangen koennte. Diesmal ist er nur zehn Tage hier, aber in drei Monaten kommt er wieder. „Wissen Sie was,“ sag ich und schieb meine Karte rueber, „melden Sie sich zwei Wochen vor Ihrer Rueckkehr bei mir, dann werde ich Sie mit einigen Computerschraubern in Kontakt setzen und Sie koennen selbst herausfinden, wie gross das Potential ist und ob sich das fuer Sie lohnt.“
Dass ich von den Computerschraubern bislang erst einen kenne, besorgt mich nicht weiter, denn inzwischen ist mein Netzwerk hier gross und eigenwillig genug, dass ich nur einen Tag oder zwei braeuchte, um ihm so viele zu finden, wie er sehen will.
Da ich bislang nur gelegentlich fuer dieses Land fruehstuecke, ist mein Einfluss natuerlich nur punktuell, erklaere ich so gut es geht dem Blumenstraussbeigruenplantageninvestor, wie traditionelle Landrechte funktionnieren, locke den Goldhaendler, der sich in kostenguenstiger Trinkwassergewinnung auskennt, in den trockenen Norden, gebe eindrucksvolle Eroeffnungsanspachen auf Aidskonferenzen (s.u.) und pflanze die abstrusesten Ideen in verschiedenste Koepfe – in der Hoffnung dass irgendeine davon sich zur Diestel auswaechst.
Wenn die Regierung das endlich einsieht, werde ich mich fest im Fruehstuecksraum des Hotel Georgia installieren und hauptberuflich maggeln. Eine einzige Bedingung werde ich stellen, bevor ich diesen Job annehme: Bevor sie mich an meinem Stuhl festschrauben, moechte ich einen Tag mit dem Kuechenchef in der Kueche verbringen und ihm beibringen, dass man Omlettes nicht so lange fritieren muss, bis sie garantiert tot sind und dass gekochte Eier rundum gleichmaessig garen, wenn man sie komplett mit Wasser bedeckt.
Dienstag, August 08, 2006
Wie das Radio den Radiomann gluecklich macht
Das macht mich wiederum gluecklich. Radiomann und sein bester Freund sind die besonders wilden wilden Jungs, denen ich nun lange dabei zugesehn hab, ihr Potential zu verschwenden. Jetzt sind sie bis ueber beide Ohren im Radiomachen, ihr Leben hat Struktur und Ziel und es ist wunderbar zu sehn, was passiert, wenn diese Energie nicht ziellos in der Gegend rumschiesst sondern tatsaechlich dazu genutzt wird, etwas zu erschaffen. Und wer morgens um sieben die Nachrichten liest, kann es sich kaum leisten, bis spaet in die Nacht zu feiern.
Montag, August 07, 2006
Heul doch!
Bei meiner letzten Pizzaparty erzaehlte eine Kanadierin, wie sie auf der Hoehe ihres Dreimonatskulturschocks ploetzlich mitten auf offener Strasse angefangen hat, zu heulen – ueber irgendein minderes Aergernis. Die Leute, mit denen sie die Strasse teilte, konnten damit wenig anfangen. Es stellte sich raus, dass wir fast alle schon unsere persoenlichen oeffnetlichen Heulerlebnisse gehabt hatten und dabei Folgendes gelernt haben: Erwachsene weinen nicht. Wenn sie es doch tun, werden sie ignoriert oder angeschnauzt, sie sollen doch bitte nicht so kindisch sein. Und recht ueberlegt, weinen auch Kinder besser nicht – zumindest ab Erreichen des arbeitsfaehigen Alters (etwa 7 Jahre), wenn man anfangen kann, sie ernst zu nehmen. Einer meiner Gaeste und ich hatten als einzige schonmal erwachsene Ghanaer weinen sehn. Das ist eine sehr traurige Angelegenheit, bei der eine einzelne Traene ueber ein versteinertes Gesicht rollt und verschaemt abgewischt wird.
Was passiert denn zu Hause, wenn ein Erwachsener oeffentlich in Traenen ausbricht? Die Uhren hoeren auf zu ticken, alles dreht sich um, alle wissen, da ist jemand oder etwas zu weit gegangen und wollen hilflos helfen. Oder? Es kommt vielleicht auf die Situation an, aber generell hab ich den Eindruck, dass Traenen eher mit Mitgefuehl als mit Agression begegnet wird.
Und schon waren wir ganz generell beim Umgang mit negativen Gefuehlen. Eine Deutsche erzaehlte, dass die Afrikaner immer mit ihr schimpfen, wenn sie melancholische klassische Musik hoert, weil das einen doch nur unnoetig traurig macht. Waehrend sie darauf bestand, dass Melancholie zu ihrem Leben dazu gehoert und gar nicht so schlimm ist.
Ueber seine Sorgen reden, um sich das Herz zu erleichtern, ist ebenfalls nicht angemessen. Sorgen erzaehlt man dem, der helfen kann. Das macht Sinn. Aber den, der nicht helfen kann, belastet man nicht damit. Deshalb fragt man den Regionalminister auch nicht, wie’s ihm geht. Denn damit wuerde man andeuten, dass man groesser ist als er, dass man ihm helfen koennte, falls er ein Problem haette.
Wenn Urlauber nach drei Wochen aus Ghana abreisen, schwaermen von den lachenden freundlichen, lockeren Menschen, die trotz aller Armut so viel gluecklicher sind, als wir im reichen Deutschland. Ich weiss nicht, was ich davon halten soll, denn es stimmt und es stimmt nicht.
Was passiert denn zu Hause, wenn ein Erwachsener oeffentlich in Traenen ausbricht? Die Uhren hoeren auf zu ticken, alles dreht sich um, alle wissen, da ist jemand oder etwas zu weit gegangen und wollen hilflos helfen. Oder? Es kommt vielleicht auf die Situation an, aber generell hab ich den Eindruck, dass Traenen eher mit Mitgefuehl als mit Agression begegnet wird.
Und schon waren wir ganz generell beim Umgang mit negativen Gefuehlen. Eine Deutsche erzaehlte, dass die Afrikaner immer mit ihr schimpfen, wenn sie melancholische klassische Musik hoert, weil das einen doch nur unnoetig traurig macht. Waehrend sie darauf bestand, dass Melancholie zu ihrem Leben dazu gehoert und gar nicht so schlimm ist.
Ueber seine Sorgen reden, um sich das Herz zu erleichtern, ist ebenfalls nicht angemessen. Sorgen erzaehlt man dem, der helfen kann. Das macht Sinn. Aber den, der nicht helfen kann, belastet man nicht damit. Deshalb fragt man den Regionalminister auch nicht, wie’s ihm geht. Denn damit wuerde man andeuten, dass man groesser ist als er, dass man ihm helfen koennte, falls er ein Problem haette.
Wenn Urlauber nach drei Wochen aus Ghana abreisen, schwaermen von den lachenden freundlichen, lockeren Menschen, die trotz aller Armut so viel gluecklicher sind, als wir im reichen Deutschland. Ich weiss nicht, was ich davon halten soll, denn es stimmt und es stimmt nicht.
Freitag, August 04, 2006
Unbedingt lesen
"Set this house in order" von Matt Ruff. Dieses Buch hat mich so gepackt, dass ich keine blogs schreiben, nicht zur Arbeit gehn, nicht schlafen will. Der einzige Grund, warum ich diese Dinge dennoch mache, ist dass ich fuerchte, das Buch sonst viel zu schnell ausgelesen zu haben. (Ebenfalls von Matt Ruff ist "Fool on the Hill", das ist aber ganz anders - ebenfalls hervorragend)
Mittwoch, August 02, 2006
Mit Mary fix was Feines zaubern
Oder: Matschiges mit den Haenden essen, ohne sich die Finger schmutzig zu machen
Das Rezept steht auf meiner Chapatimehltuete und Chapatimehl ist Weizenvollkornmehl. Zwei Tassen davon, ein bisschen Salz und ein Loeffelchen Oel oder Butter mit ¾ Tasse Wasser geschmeidig kneten, zehn Minuten ruhen lassen, knubbelgrosse Knubbel abtrennen und mit etwas Mehl so duenn rollen wie Pappe. In einer schweren heissen Pfanne mit sehr wenig Oel oder Butterfett auf beiden Seiten ein Minuetchen braten bis es Blasen wirft und braune Flecken hat. Und dann jegliche Sauce, indisch oder sonstwoher damit aufgreifen. Mit vollem Mund Lob der Gaeste geniessen. (und mal wieder den Libanesen dankbar sein, die mir alles verkaufen, s.u.)
Das Rezept steht auf meiner Chapatimehltuete und Chapatimehl ist Weizenvollkornmehl. Zwei Tassen davon, ein bisschen Salz und ein Loeffelchen Oel oder Butter mit ¾ Tasse Wasser geschmeidig kneten, zehn Minuten ruhen lassen, knubbelgrosse Knubbel abtrennen und mit etwas Mehl so duenn rollen wie Pappe. In einer schweren heissen Pfanne mit sehr wenig Oel oder Butterfett auf beiden Seiten ein Minuetchen braten bis es Blasen wirft und braune Flecken hat. Und dann jegliche Sauce, indisch oder sonstwoher damit aufgreifen. Mit vollem Mund Lob der Gaeste geniessen. (und mal wieder den Libanesen dankbar sein, die mir alles verkaufen, s.u.)
Kulinarische Nostalgie
Als ich eben aus den Ueberbleibseln unserer gestrigen Party “Western von gestern” kochte, meinte Mary: „First I thought white people don’t eat leftovers“ (Ich dachte frueher, Weisse essen keine Reste) „Ja Mary, und in Europa waechst Geld t auf Baeumen.“ Wir lachen. Mein kanadischer Hausgast antwortete auf Marys Frage: „Wie heisst dieses Gericht?“ haeufig: „Walk around the kitchen.“ („Geh in der Kueche rum“ – und wirf in den Topf, was Dir begegnet).
Mary war erstaunt, als ich ihr eben erzaehlte, dass wir glauben, dass es Suende ist, Essen wegzuwerfen. Oder bin ich vielleicht die einzige Europaerin, die diesen Glauben noch praktiziert? Die Deutsche Kueche hat so viele Arten, aus dem Essen von gestern gebraten, pueriert, versuppt heute etwas anderes zu zaubern. Mit trockenem Brot und alten Kartoffeln allein koennten wir Koenigreiche fuettern und Kriege gewinnen. In Ghana macht man mit Resten folgendes: Aufwaermen. Essen. Punkt. Ganz ohne Koenigreich, Krieg oder neuem Geschmack.
Mary war erstaunt, als ich ihr eben erzaehlte, dass wir glauben, dass es Suende ist, Essen wegzuwerfen. Oder bin ich vielleicht die einzige Europaerin, die diesen Glauben noch praktiziert? Die Deutsche Kueche hat so viele Arten, aus dem Essen von gestern gebraten, pueriert, versuppt heute etwas anderes zu zaubern. Mit trockenem Brot und alten Kartoffeln allein koennten wir Koenigreiche fuettern und Kriege gewinnen. In Ghana macht man mit Resten folgendes: Aufwaermen. Essen. Punkt. Ganz ohne Koenigreich, Krieg oder neuem Geschmack.
Montag, Juli 31, 2006
Elefantenwaechter
Was nun kommt ist nicht gelogen. Ehrenwort. Aber wunderschoen und mal wieder ein Beweis dafuer, wie klein und gemein ueber gross und trampelig siegt. Im Flugzeug sass ich neben einem sehr glaubwuerdigen Kollegen, der sich im Handel mit Shea Nuessen engagiert (darueber schreib ich Euch ein andermal alles) und wir kamen auf alle moeglichen Hoelzchen und Stoeckchen im Zusammenhang mit Naturschutz und was die Anwohner davon haben, diesen Quatsch zu unterstuetzen.
Er erzaehlte mir von einem Kollegen in Suedafrika, der Bienen als Elefantenwaechter einsetzt. Anscheinend haben Elefanten, die jeden Zaun einfach platttrampeln und deshalb so schwer in Nationalparken festzuhalten sind, einen Heidenrespekt vor Bienen. Wenn man nun um sein Naturschutzgebiet einen Ring von Baeumen pflanzt und in jedem ein Bienenvolk unterbringt, haben die Elefanten so viel Angst, dass sie nicht zwischen diesen Baeumen durchgehn. Die umliegende Bevoelkerung bleibt also von Elefantenangriffen verschont und kann noch dazu regelmaessig Honig ernten.
Elefantenangriffe? Ja, im Gegensatz zum indischen Elefanten, der sich fuer seinen Arbeitgeber den Ruessel aufreisst und sich von kleinen Jungs hierhin und dorthin reiten laesst, ist der afrikanische ein ziemliches Biest und weigert sich, sich zaehmen zu lassen. Leider hat er zwar einen Ruessel, mit dem man Dinge greifen, drehen, in der Gegend rumschmeissen kann, aber ein ziemlich geringes technisches Verstaendnis. Deshalb verstehen nur wenige Elefanten, dass man einen Wasserhahn einfach aufdreht und schon fliesst das Wasser. In ihrer Frustration reissen sie die ganze Anlage aus der Erde – und freuen sich dann, dass das Wasser fliesst...
Er erzaehlte mir von einem Kollegen in Suedafrika, der Bienen als Elefantenwaechter einsetzt. Anscheinend haben Elefanten, die jeden Zaun einfach platttrampeln und deshalb so schwer in Nationalparken festzuhalten sind, einen Heidenrespekt vor Bienen. Wenn man nun um sein Naturschutzgebiet einen Ring von Baeumen pflanzt und in jedem ein Bienenvolk unterbringt, haben die Elefanten so viel Angst, dass sie nicht zwischen diesen Baeumen durchgehn. Die umliegende Bevoelkerung bleibt also von Elefantenangriffen verschont und kann noch dazu regelmaessig Honig ernten.
Elefantenangriffe? Ja, im Gegensatz zum indischen Elefanten, der sich fuer seinen Arbeitgeber den Ruessel aufreisst und sich von kleinen Jungs hierhin und dorthin reiten laesst, ist der afrikanische ein ziemliches Biest und weigert sich, sich zaehmen zu lassen. Leider hat er zwar einen Ruessel, mit dem man Dinge greifen, drehen, in der Gegend rumschmeissen kann, aber ein ziemlich geringes technisches Verstaendnis. Deshalb verstehen nur wenige Elefanten, dass man einen Wasserhahn einfach aufdreht und schon fliesst das Wasser. In ihrer Frustration reissen sie die ganze Anlage aus der Erde – und freuen sich dann, dass das Wasser fliesst...
Donnerstag, Juli 27, 2006
Wie der Radiomann mich gluecklich macht
Nicht dadurch, dass er seine Schulden zurueckzahlt. Aber dadurch, dass er wildes Radio macht. Wo in den fuenf Uhr Nachrichten ausfuehrlich von dem Verkehrsstau berichtet wird, den es in Accra gab, weil eine junge Frau mit Juju (Magie) eine geldspuckende Schlange hergestellt hatte, die von der krakelenden Grossmutter jedoch mit einem Eimer Wasser ausgeloescht wurde und schliesslich halb Accra auf dem Weg zu dieser Huette war, um vielleicht ein Scheinchen abzubekommen...
Heute abend fuhr ich von der Arbeit nach Hause und mir passierte was, was mir seit WDR 5 nicht mehr passiert ist: Ich wollte noch ein paar Runden fahren, damit ich das Programm zu Ende hoeren konnte. Wow, Domian ist dagegen n Schlaffi und dessen Programm wird aus Sicherheitsgruenden nur mitten in der Nacht ausgestrahlt. In dieser Feierabend-Show loesen Zuhoerer live andererleuts Eheprobleme.
Die junge Frau hatte sich beim Radio ueber ihren Mann beschwert, der war notgedrungen mitgekommen, weil er doch lieber dabei sein wollte als in Abwesenheit zerrissen zu werden. Der Moderator gab einen kurzen Ueberblick ueber die Geschichte der beiden (deren Namen nicht genannt werden sollten, die aber letztlich so genau beschrieben wurden, dass in dieser Kleinstadt jeder, der sie kennt, weiss, wer sie sind): Sie fuhr fuer zwei Tage zu ihrer Mutter nach Sandema, kam unerwartet frueher zurueck, behauptet, ihn mit der Freundin im eigenen Ehebett erwischt zu haben und hat die Frau ordentlich zusammengeschlagen. Nun sind Freundin und Ehemann zur Polizei gegangen und die Frau fuehlt sich ungerecht behandelt.
Als der Moderator den beiden das Wort erteilt, sagt er noch: Und jetzt aber friedlich, wir sind hier im Radio, um Euer Problem zu loesen, nicht gleich so anfangen, wie ich das eben hinterm Haus gehoert hab. Und dann brennt die Hecke. Mann und Frau bruellen einander an. Der Moderator haelt das Mikro zu und laesst die Anrufer zu Wort kommen, die von „Mann, geh zur Beichte“ bis „Frau, Du solltest hoffen, dulden und beten“ alles moegliche raten. Ich weiss nicht, wie es geendet hat, ob sie sich nun scheiden lassen, ob die Anzeige zurueckgezogen wird, ob das Studio am Ende in Flammen aufging, denn obwohl ich Schneckentempo fuhr, kam ich irgendwann zu Hause an und habe ganz erwachsen und gar nicht sensationsgierig das Radio abgestellt und bin ins Haus gegangen, wo ich kein Radio hab.
Heute abend fuhr ich von der Arbeit nach Hause und mir passierte was, was mir seit WDR 5 nicht mehr passiert ist: Ich wollte noch ein paar Runden fahren, damit ich das Programm zu Ende hoeren konnte. Wow, Domian ist dagegen n Schlaffi und dessen Programm wird aus Sicherheitsgruenden nur mitten in der Nacht ausgestrahlt. In dieser Feierabend-Show loesen Zuhoerer live andererleuts Eheprobleme.
Die junge Frau hatte sich beim Radio ueber ihren Mann beschwert, der war notgedrungen mitgekommen, weil er doch lieber dabei sein wollte als in Abwesenheit zerrissen zu werden. Der Moderator gab einen kurzen Ueberblick ueber die Geschichte der beiden (deren Namen nicht genannt werden sollten, die aber letztlich so genau beschrieben wurden, dass in dieser Kleinstadt jeder, der sie kennt, weiss, wer sie sind): Sie fuhr fuer zwei Tage zu ihrer Mutter nach Sandema, kam unerwartet frueher zurueck, behauptet, ihn mit der Freundin im eigenen Ehebett erwischt zu haben und hat die Frau ordentlich zusammengeschlagen. Nun sind Freundin und Ehemann zur Polizei gegangen und die Frau fuehlt sich ungerecht behandelt.
Als der Moderator den beiden das Wort erteilt, sagt er noch: Und jetzt aber friedlich, wir sind hier im Radio, um Euer Problem zu loesen, nicht gleich so anfangen, wie ich das eben hinterm Haus gehoert hab. Und dann brennt die Hecke. Mann und Frau bruellen einander an. Der Moderator haelt das Mikro zu und laesst die Anrufer zu Wort kommen, die von „Mann, geh zur Beichte“ bis „Frau, Du solltest hoffen, dulden und beten“ alles moegliche raten. Ich weiss nicht, wie es geendet hat, ob sie sich nun scheiden lassen, ob die Anzeige zurueckgezogen wird, ob das Studio am Ende in Flammen aufging, denn obwohl ich Schneckentempo fuhr, kam ich irgendwann zu Hause an und habe ganz erwachsen und gar nicht sensationsgierig das Radio abgestellt und bin ins Haus gegangen, wo ich kein Radio hab.
Dienstag, Juli 25, 2006
Portapotti auf Ghanaisch
Portapotti (also tragbares Toepfchen) war der wunderbar ausdrucksstarke Name unserer Wohnmobil-Toilette. War das die Marke oder eine Erfindung meiner Eltern? Das war so eine fette Plastikkiste, die mit stinkender blauer Fluessigkeit gefuellt war, die den Gestank andersfarbiger Fluessigkeiten und Festkoerper ausschalten sollte und musste in ekliger Handarbeit regelmaessig gelehrt werden. Das war der Preis dafuer, dass man immer und ueberall on-the-road toilettieren (dieses Wort ist garantiert kein Markenname, sondern eine Eltern-Erfindung) konnte.
Die Ghanaer haben eine unerschoepfliche Kreativitaet im Meistern von Notsituationen und im Falle des mobilen Urinierens kann die ganze Welt von Ghanaischen Buspassagieren lernen. Ich habe Euch frueher schon erzaehlt, dass es ueberall auf den Strassen Trinkwasser zu kaufen gibt, das in kleine Plastiktuetchen eingeschweisst ist. Man beisst die Ecke ab und nuckelt das Wasser direkt aus der Tuete. Wie gewonnen, so zerronnen, moechte man gleiches Wasser eine halbe Stunde spaeter auch gerne wieder loswerden. Falls der Bus nicht anhaelt, ein aeusserst qualvolles Beduerfnis. Die ghanaische Loesung: Plastiktuete aufbewahren: Super Taschentoilette. Die Fluessigkeit wird durchs gleiche abgebissene Loch wieder in die Tuete hinein-uriniert und in hohem Bogen aus dem Fenster geworfen. Meine Informanten berichten, dass diese Technik von Maennern sowie von Frauen gemeistert wird. Respekt.
(Dies ist eine Geschichte mit Moral und Lernpotential, speziell fuer Fahrer von Fahrzeugen ohne Urinschutz: Motorradfahrer und Radfahrer, wenn Ihr Ghana durchfahrt und Euch hinter einem Bus findet: Abstand halten!)
Die Ghanaer haben eine unerschoepfliche Kreativitaet im Meistern von Notsituationen und im Falle des mobilen Urinierens kann die ganze Welt von Ghanaischen Buspassagieren lernen. Ich habe Euch frueher schon erzaehlt, dass es ueberall auf den Strassen Trinkwasser zu kaufen gibt, das in kleine Plastiktuetchen eingeschweisst ist. Man beisst die Ecke ab und nuckelt das Wasser direkt aus der Tuete. Wie gewonnen, so zerronnen, moechte man gleiches Wasser eine halbe Stunde spaeter auch gerne wieder loswerden. Falls der Bus nicht anhaelt, ein aeusserst qualvolles Beduerfnis. Die ghanaische Loesung: Plastiktuete aufbewahren: Super Taschentoilette. Die Fluessigkeit wird durchs gleiche abgebissene Loch wieder in die Tuete hinein-uriniert und in hohem Bogen aus dem Fenster geworfen. Meine Informanten berichten, dass diese Technik von Maennern sowie von Frauen gemeistert wird. Respekt.
(Dies ist eine Geschichte mit Moral und Lernpotential, speziell fuer Fahrer von Fahrzeugen ohne Urinschutz: Motorradfahrer und Radfahrer, wenn Ihr Ghana durchfahrt und Euch hinter einem Bus findet: Abstand halten!)
Montag, Juli 24, 2006
Der O! der O! der Ofen!
Vor ein paar Tagen kam ich mittags zum Essen nach Hause und Mary begruesste mich schon mit: „Ich hab den Ofen angestocht“ (natuerlich sagte sie nicht angestocht, schliesslich ist sie nicht ein Vater aus Dueren. Ist anstochen eigentlich was, was Leute in anderen Teilen Deutschlands mit ihren Oefen auch machen? Meine Sueddeutsche Kollegin informierte mich, dass man bei ihr zu Hause nicht mal Aetschbaetsch kennt, statt dessen sagt man Ellabaetsch. Was soll das bitteschoen bedeuten, das ist doch kein Wort!)
Nach dieser Begruessung hab ich alle Sueddeutschen Kolleginnen in der Tuer stehn lassen und bin gleich in meinen Garten gelaufen und da buk er nun, Marys fetter grauer Panzerschrank. Auf der Verandabruestung stapelten sich Bleche mit fertigen Broten und ich war gluecklich. Ueber diesen Ofen reden wir seit Anfang des Jahres, vor meiner Abreise hatte sie sich endlich durchgerungen, ihn zu kaufen und als ich zurueckkam, hatte sie ihn kein einziges Mal benutzt: „Du hattest mir ja nur Geld fuer den Ofen geliehen und nicht fuer die Kohlenpoette“, sagte sie. Was eigentlich hiess: Das Monster hat mich eingeschuechtert, ich wollte erst anfangen, wenn Du wieder da bist. Denn sie hat selbst genug Geld auf der hohen Kante, um die Poette zu kaufen...
Unten im Schrank stehn also zwei quadratische Poette, in denen die Kohlen gluehen, darueber liegen auf vier Etagen acht Backbleche. Natuerlich ist es unten viel heisser als oben, also muessen die Brote waehrend des Backens regelmaessig in ein anderes Stockwerk umziehn. Sie schmecken weiterhin umwerfend. Und erstaunlicher weise ueberhaupt nicht nach Grill. Jetzt kann Mary viel schneller backen als in meiner Kueche und es macht endlich Sinn, nach weiteren Verkaufswegen zu suchen. Bevor sie den Teig ansetzt, zuendet sie die Kohlen an. Waehrend der Teig geht, heizt der Ofen und ist bereit, sobald die Brote gebacken werden wollen.
Die Backbleche hat die Mutter (also meine, nicht Marys) beigesteuert, Mary und Eva sagen mit satten Baeuchen und gluecklichem Grinsen: Danke Mama!
Nach dieser Begruessung hab ich alle Sueddeutschen Kolleginnen in der Tuer stehn lassen und bin gleich in meinen Garten gelaufen und da buk er nun, Marys fetter grauer Panzerschrank. Auf der Verandabruestung stapelten sich Bleche mit fertigen Broten und ich war gluecklich. Ueber diesen Ofen reden wir seit Anfang des Jahres, vor meiner Abreise hatte sie sich endlich durchgerungen, ihn zu kaufen und als ich zurueckkam, hatte sie ihn kein einziges Mal benutzt: „Du hattest mir ja nur Geld fuer den Ofen geliehen und nicht fuer die Kohlenpoette“, sagte sie. Was eigentlich hiess: Das Monster hat mich eingeschuechtert, ich wollte erst anfangen, wenn Du wieder da bist. Denn sie hat selbst genug Geld auf der hohen Kante, um die Poette zu kaufen...
Unten im Schrank stehn also zwei quadratische Poette, in denen die Kohlen gluehen, darueber liegen auf vier Etagen acht Backbleche. Natuerlich ist es unten viel heisser als oben, also muessen die Brote waehrend des Backens regelmaessig in ein anderes Stockwerk umziehn. Sie schmecken weiterhin umwerfend. Und erstaunlicher weise ueberhaupt nicht nach Grill. Jetzt kann Mary viel schneller backen als in meiner Kueche und es macht endlich Sinn, nach weiteren Verkaufswegen zu suchen. Bevor sie den Teig ansetzt, zuendet sie die Kohlen an. Waehrend der Teig geht, heizt der Ofen und ist bereit, sobald die Brote gebacken werden wollen.
Die Backbleche hat die Mutter (also meine, nicht Marys) beigesteuert, Mary und Eva sagen mit satten Baeuchen und gluecklichem Grinsen: Danke Mama!
Donnerstag, Juli 20, 2006
You’ve got to move it, babe! (Du musst es bewegen, Saeugling!)
Gestern hab ich endlich einen Besuch am Krankenbett meines Nachtwaechters einbauen koennen. Ich fragte Assistenten Douglas, ob er mich da hinfahren koennte. Er zoegerte und wand sich, bis er schliesslich damit rausrueckte: “Jonny wird von seiner Schwester gepflegt, da er keine Frau oder Kinder hat. Meine Mutter nennt diese Schwester Tante. Wenn ich mitkomme, werden die nicht direkt mit Dir reden, sondern mir immer sagen, was sie alles von Dir wollen. Wenn ich das unverschaemt finde und nicht uebersetze, bleibt’s an mir haengen. Bitte, Eva, ich fahr Dich da hin, aber koennen wir auf dem Weg einen Freund aufgabeln, der Dich in das Haus fuehrt, ich warte dann draussen…?”
So ward’s vollbracht. Als ich in dem Haus ankam, war das Krankenlager (also die schmuddelige Ecke, die man im Innenhof mit Ziegen und Hunden teilt) verlassen und ich traf nur besagte Tante. Der Patient habe gestern von einem Nachbarn gehoert, dass man nach einem Schlaganfall nicht rumliegen soll, sondern sich bewegen und deshalb sei er spazieren gegangen. Ich musste schlucken vor Freude. Ich hatte mir nach allen Beschreibungen einen halbseitig Gelaehmten vorgestellt, der alles doppelt sieht.
Spazieren!
Sie schickten einen jungen Mann los, ihn zu suchen und waehrend dessen gab Tantie mir eine detaillierte Beschreibung der Leiden in Frafra. Douglas Freund uebersetzte. Und ich widerholte, was der Nachbar schon gesagt hatte und was ich in meinem liebsten Gesundheitsbuch gelesen hatte (“Where there is no doctor”): “Bewegen, bewegen, bewegen.”
Wachmann kam zuegig angeschlichen und ich hatte das Gefuehl, dass Tantie ihm zurief: “Schleich langsamer, sonst glaubt sie nicht, dass Du krank bist.” Er liess sich nicht beirren und schuettelte mir mit schiefem Grinsen und schwachem Druck die Hand. Erzaehlte mir die Geschichte auf Englisch noch einmal, zeigte alle Quittungen fuer Rezepte vor, lauschte meinen physiotherapeutischen Hinweisen, bedankte sich fuer die zehntausender, die ich rueberschob und ignorierte gemeinsam mit mir, wie Tantie mir ihr aufgeschlagenes Knie zeigte, um das Mitleid zu erhoehen.
Dann schlug ich vor: Damit Du mehr Bewegung bekommst, kannst Du mich ja noch zur Strasse begleiten. Und sobald wir aufgestanden waren, dachte ich: “Ah! Nein! Da sitzt ja Douglas im Auto und will nicht gesehn werden!” Also machte ich schliesslich auf halber Strecke ein grosses Spektakel um die Verabschiedung und trainierte mit ihm noch ein wenig den festen Haendedruck, bevor ich ihn zurueck ins Haus schickte, und zum Auto ging, wo Douglas unauffaellig hinter dem Steuer versteckt sass.
So ward’s vollbracht. Als ich in dem Haus ankam, war das Krankenlager (also die schmuddelige Ecke, die man im Innenhof mit Ziegen und Hunden teilt) verlassen und ich traf nur besagte Tante. Der Patient habe gestern von einem Nachbarn gehoert, dass man nach einem Schlaganfall nicht rumliegen soll, sondern sich bewegen und deshalb sei er spazieren gegangen. Ich musste schlucken vor Freude. Ich hatte mir nach allen Beschreibungen einen halbseitig Gelaehmten vorgestellt, der alles doppelt sieht.
Spazieren!
Sie schickten einen jungen Mann los, ihn zu suchen und waehrend dessen gab Tantie mir eine detaillierte Beschreibung der Leiden in Frafra. Douglas Freund uebersetzte. Und ich widerholte, was der Nachbar schon gesagt hatte und was ich in meinem liebsten Gesundheitsbuch gelesen hatte (“Where there is no doctor”): “Bewegen, bewegen, bewegen.”
Wachmann kam zuegig angeschlichen und ich hatte das Gefuehl, dass Tantie ihm zurief: “Schleich langsamer, sonst glaubt sie nicht, dass Du krank bist.” Er liess sich nicht beirren und schuettelte mir mit schiefem Grinsen und schwachem Druck die Hand. Erzaehlte mir die Geschichte auf Englisch noch einmal, zeigte alle Quittungen fuer Rezepte vor, lauschte meinen physiotherapeutischen Hinweisen, bedankte sich fuer die zehntausender, die ich rueberschob und ignorierte gemeinsam mit mir, wie Tantie mir ihr aufgeschlagenes Knie zeigte, um das Mitleid zu erhoehen.
Dann schlug ich vor: Damit Du mehr Bewegung bekommst, kannst Du mich ja noch zur Strasse begleiten. Und sobald wir aufgestanden waren, dachte ich: “Ah! Nein! Da sitzt ja Douglas im Auto und will nicht gesehn werden!” Also machte ich schliesslich auf halber Strecke ein grosses Spektakel um die Verabschiedung und trainierte mit ihm noch ein wenig den festen Haendedruck, bevor ich ihn zurueck ins Haus schickte, und zum Auto ging, wo Douglas unauffaellig hinter dem Steuer versteckt sass.
Sonntag, Juli 16, 2006
Nachtraege: Libanesen und umgekippte Freunde
Da war der Wunsch die Mutter des Gedanken. Meine Mutter hatte meinen Libanesenlob doch tatsaechlich dementsprechend missverstanden, ich haette nen Libanesen in Bolga gefunden. Tatsaechlich, einer meiner Nachbarn ist Libanese und seiner patriotischen Pflicht folgend einer der groessten Bauunternehmer Bolgas. Aber er verkauft keinen Kaese. Wir hingegen verkaufen ihm Brot. Hahaha. Und da Libanesen, so sagt mein Kontaktmann, an geben genauso wie an nehmen glauben, gibt Ghanim Mary immer ein grosszuegiges Trinkgeld. Meine Dankparkeit gegenueber seinem Volk kommt daher, dass es ohne sie keinen Parmesan im ganzen Land gaebe. Der Sohn von Ghanim ist Mischling und hat meinen ganzen Respekt dafuer, dass er jahrelang in einer ostdeutschen Kleinstadt Baustellen geleitet hat.
Was den umgekippten Freund angeht, habe ich hoffentlich die Zeichen missverstanden. Gestern schlug ein gemeinsamer Freund eine weitaus schoenere Erklaerung fuer sein Kollabieren vor: Akute Unterkuehlung. Nebiat war abends in einen grossen Regen geraten und dann mit durchnaesstem duennem T-Shirt noch ne halbe Stunde Motorrad gefahren. Kaelteschock hoert sich doch viel schoener an, als Vergiftung. Obwohl Nebiat andererseits erzaehlte, dass sie ihm in der Kneipe so nen komisch rosa-farbenen Gin serviert hatten…
Was den umgekippten Freund angeht, habe ich hoffentlich die Zeichen missverstanden. Gestern schlug ein gemeinsamer Freund eine weitaus schoenere Erklaerung fuer sein Kollabieren vor: Akute Unterkuehlung. Nebiat war abends in einen grossen Regen geraten und dann mit durchnaesstem duennem T-Shirt noch ne halbe Stunde Motorrad gefahren. Kaelteschock hoert sich doch viel schoener an, als Vergiftung. Obwohl Nebiat andererseits erzaehlte, dass sie ihm in der Kneipe so nen komisch rosa-farbenen Gin serviert hatten…
Samstag, Juli 15, 2006
Libanesen
Hab ich Euch jemals von den Libanesen erzaehlt? Der Freund und Geschaeftspartner von meinem komischen Franzosen ist Libanese und so hab ich ein wenig mehr ueber diese Leute gelernt und nachgedacht. “Im Libanon haben wir keine wichtigen Bodenschaetze oder Industrie. Unser wichtigstes Exportprodukt sind unsere Kinder. Unsere wichtigste internationale Dienstleistung sind unsere Waeschereien: Spezialbereich: Geldwaesche.” Sagt dieser Freund. In vielen Gegenden der Welt (einschliesslich Ghana), gehoert der “Tuerkenladen” einem Libanesen. Mit dem Unterschied, dass dieser Libanesenladen sich in kuerzester Zeit in einen mittleren Supermarkt, in einen grossen Supermarkt in eine Supermarktkette verwandelt. “Wir lieben Geld verdienen, fuerchten uns nicht vor harter Arbeit und egal wohin wir kommen, da ist schon ein Netzwerk von Bruedern, denen wir trauen koennen und die das Geld und die Arbeit so lieben, wie wir.” Und ich liebe die Libanesen, weil sie in ihren Geschaeften alles verkaufen, was jemand kauft, zum Beispiel Kaese. Und Kichererbsen. Und Weizenvollkornmehl fuer Chapatis. Und indische Currypaste.
Freitag, Juli 14, 2006
Meine Freunde erinnern sich noch an mich!
Gestern nacht um elf, ich schlief schon wie ein Elf, klingelte mein Telefon. Ich ignorierte es. Dann klingelte mein Handy und ich dachte: Ok. Wichtig. Aufwachen.
Meine Englische Nachbarin, verzweifelt: “Wir sind im New Life Line, Nebiat (ihr Verlobter) ist ploetzlich sehr krank, kannst Du uns abholen?” Natuerlich garniert mit ganz vielen Entschuldigungen. Klar kein Problem, fuenf Minuten. Vom Tiefschlaf in den Krankentransporter in drei Minuten, eine weitere Faehigkeit, die ich hier gelernt hab. Als ich in der Bar ankomme, ist sie ausser sich vor Sorge und er liegt am Boden, guckt schief aus seinen Augen, kann sich kaum bewegen und ist ganz kalt. Trotzdem bietet er an, dass er das Motorad doch noch nach Hause fahren kann. Vielleicht bin ich schon zu lange hier aber ich denk gleich: Vergiftung. Die beiden sagen, sie wollen nur nach Hause, nicht ins Krankenhaus. Also fahr ich langsam zu ihnen, er liegt auf der Rueckbank und stoehnt.
Heute morgen ruf ich an, um rauszufinden, wie’s geht und sie bedankt sich ueberschwaenglich: Schon als sie zu Hause ankamen, ging’s ihm langsam besser und heute morgen war er zwar noch ein bisschen schwach aber sonst wunderbar. Ich denke immer noch “Vergiftung”, egal ob extra oder aus Versehen. Und, dass er einen aufmerksamen Koerper hat, der das Gift gleich erbricht, statt sich ihm auszusetzen. Wissen werden wir es nicht…
Meine Englische Nachbarin, verzweifelt: “Wir sind im New Life Line, Nebiat (ihr Verlobter) ist ploetzlich sehr krank, kannst Du uns abholen?” Natuerlich garniert mit ganz vielen Entschuldigungen. Klar kein Problem, fuenf Minuten. Vom Tiefschlaf in den Krankentransporter in drei Minuten, eine weitere Faehigkeit, die ich hier gelernt hab. Als ich in der Bar ankomme, ist sie ausser sich vor Sorge und er liegt am Boden, guckt schief aus seinen Augen, kann sich kaum bewegen und ist ganz kalt. Trotzdem bietet er an, dass er das Motorad doch noch nach Hause fahren kann. Vielleicht bin ich schon zu lange hier aber ich denk gleich: Vergiftung. Die beiden sagen, sie wollen nur nach Hause, nicht ins Krankenhaus. Also fahr ich langsam zu ihnen, er liegt auf der Rueckbank und stoehnt.
Heute morgen ruf ich an, um rauszufinden, wie’s geht und sie bedankt sich ueberschwaenglich: Schon als sie zu Hause ankamen, ging’s ihm langsam besser und heute morgen war er zwar noch ein bisschen schwach aber sonst wunderbar. Ich denke immer noch “Vergiftung”, egal ob extra oder aus Versehen. Und, dass er einen aufmerksamen Koerper hat, der das Gift gleich erbricht, statt sich ihm auszusetzen. Wissen werden wir es nicht…
P.s. zu gestern
... dann fiel mir ein, dass ich schon lange nichts mehr gegessen hatte, kochte ich mir ein eigenartiges Gericht mit Linsen, Oliven und Sahne und wusste danach gar nicht mehr, was eigentlich verkehrt war. Mit Besenstiel angestossen, bewegte sich sogar der Ventilator wieder traege im Kreis. Dann begann das Gewitter, das sich einen ganzen Tag lang drueckend angekuendigt hatte und alles war klar und schoen.
Donnerstag, Juli 13, 2006
Rueckkehrer-Kulturschock in der Fremde
Zu meiner Rueckkehr in Bolga ist meine Seele ein Schwergewicht. Ich sitze auf meinem Bolgarischen Sofa, schau mit langsamem Blick mein Handy an und denke darueber nach, wie viele Freunde ich in den letzten anderthalb Jahren in Bolga gefunden und verloren hab. Erschwerend kommt hinzu, dass die, die ich nicht verloren hab, groesstenteils verreist sind, so dass ich mir seufzend vorstellen kann, die sei ich auch los. Nur um in dem schwermuetigen Gefuehl zu baden, wenn mich die Erkenntnis beschleicht, dass die beiden Ghanaer, die mir in Bolga am naechsten stehen, dafuer bezahlt werden, denn das sind Mary und mein Assistent Douglas.
Langsam setzt in meinem Wohnzimmer die Dunkelheit ein, denn leider ist das Licht hier kaputt. Dafuer tut’s in meinem Schlafzimmer der Ventilator nicht mehr. Und am Wassertank das Ueberlaufventil. Und mein Nachtwaechter hatte anscheinend einen Schlaganfall (oder was?) und sitzt jetzt zu Hause und sieht alles doppelt. Aber da, wo Mary manchmal Spuelreste hinschuettet, haben sich Tomatenpflanzen eingenistet. Und im Wohnzimmer steht mein Familienfotoalbum so komisch, dass ich weiss: Mary hat hier allein vor sich hin gesessen und uns mit Sehnsucht angeschaut. Morgen faengt Bolga wieder an und jetzt leg ich mich mit einem der 20 Buecher, die ich mitgebracht hab, in den Flur, den einzigen Raum mit Licht und Wind.
Langsam setzt in meinem Wohnzimmer die Dunkelheit ein, denn leider ist das Licht hier kaputt. Dafuer tut’s in meinem Schlafzimmer der Ventilator nicht mehr. Und am Wassertank das Ueberlaufventil. Und mein Nachtwaechter hatte anscheinend einen Schlaganfall (oder was?) und sitzt jetzt zu Hause und sieht alles doppelt. Aber da, wo Mary manchmal Spuelreste hinschuettet, haben sich Tomatenpflanzen eingenistet. Und im Wohnzimmer steht mein Familienfotoalbum so komisch, dass ich weiss: Mary hat hier allein vor sich hin gesessen und uns mit Sehnsucht angeschaut. Morgen faengt Bolga wieder an und jetzt leg ich mich mit einem der 20 Buecher, die ich mitgebracht hab, in den Flur, den einzigen Raum mit Licht und Wind.
Leben in Afrika hinterlaesst Spuren auf der Seele
Kennt Ihr das, habt Ihr manchmal Traueme, in denen die Geschichte gar nicht zum Traumgefuehl passt? In meinen grauenhaftesten Albtraeumen finde ich keine zwei zusammenpassenden Socken oder bleibe beim Anziehn im T-Shirt stecken, die Arme ueber den Kopf gestreckt und die Luft knapp. Mit freunlichem aesthetischem Interesse hingegen betrachte ich in anderen Traeumen Axtmorde oder Berge von blutenden Beinen und Armen.
Heute morgen war ich im wirklichen Leben in so einem Kettensaegenmassaker mit Wohlfuehlmusik.
Ich hatte gestern abend meinen Koffer nicht gepackt, meinen Computer im Buero vergessen, das Flugticket nicht gekauft. Mein Flug nach Tamale ging um 9:30, ich hatte meinen Wecker auf 6 gestellt, nach dem ersten Klingeln eine ueberschuessige halbe Stunde mit der Fuenfminutentaste gekillt, um sieben stand ich gepackt und geduscht (aber ungefruehstueckt) an der Rezeption. Kein Bargeld in der Tasche, im Hotel kann man nur Nachmittags mit Kreditkarte bezahlen (?), der Hotelmann ruft fuer mich die Fluglinie an, einchecken zwischen 7:30 und 8:30. Ich liebe Innenstadtflughaefen! Also mit dem Taxi an der Bank vorbei, dreimal die Hoechstsumme von 73 Euros abheben, dann streikt die Karte zu meiner eigenen Sicherheit. Dankeschoen. Am Flughafen sagen die Buerodamen: “Sie sind zu spaet, kaufen Sie das Ticket beim Einchecken.” Zurueck zum Hotel, das Zimmer ist viel teurer als erwartet. Aber auch fuer das billigere haette ich (wegen der eigenen Sicherheit, s.o.) nicht genug Bargeld dabei. Hin und her, bis die Hotelfrau ploetzlich den Morgen zum halben Nachmittag machen kann, die Haelfte der Summe zahl ich mit Karte, die andere bar. Inzwischen war halb acht vorbei, neues Taxi, zum Buero, der Wachmann schliesst auf und ich hole meinen Computer. Als ich wieder rauskomm ist das Taxi mit meinem ganzen Gepaeck verschwunden.
Ach nee, doch nicht, hat nur gewendet und steht nun da hinten. Um acht am Flughafen steht an meinem Schalter Kumasi statt Tamale (sie hatten vergessen das Schild auszuwechseln), und ich hatte doppelt so viel Gepaeck wie erlaubt (die Frau lacht nur und sagt: Macht nix.” Soll ich ihr einen Heiratsantrag machen?).
Aber das einzige, was mich an diesem Morgen wirklich beunruhigt: Ich fuehl’s nicht. Wie die launische Forelle schwimm ich munter mit dem Strom der Ereignisse. Ich weiss, ich kriege den Flug oder nicht aber das stresst mich nicht, weil entweder krieg ich ihn oder nicht punktum. Jetzt sitze ich im tiefgekuehlten Flughafen, flirte mit den kleinen Kindern meiner Mitreisenden und frage mich, ob das nun gut oder schlecht ist, und ob ich vielleicht doch Drogen genommen hab, ohne es zu merken.
(P.S.: Flug bekommen, abgeholt worden, nach Bolga gefahren)
Heute morgen war ich im wirklichen Leben in so einem Kettensaegenmassaker mit Wohlfuehlmusik.
Ich hatte gestern abend meinen Koffer nicht gepackt, meinen Computer im Buero vergessen, das Flugticket nicht gekauft. Mein Flug nach Tamale ging um 9:30, ich hatte meinen Wecker auf 6 gestellt, nach dem ersten Klingeln eine ueberschuessige halbe Stunde mit der Fuenfminutentaste gekillt, um sieben stand ich gepackt und geduscht (aber ungefruehstueckt) an der Rezeption. Kein Bargeld in der Tasche, im Hotel kann man nur Nachmittags mit Kreditkarte bezahlen (?), der Hotelmann ruft fuer mich die Fluglinie an, einchecken zwischen 7:30 und 8:30. Ich liebe Innenstadtflughaefen! Also mit dem Taxi an der Bank vorbei, dreimal die Hoechstsumme von 73 Euros abheben, dann streikt die Karte zu meiner eigenen Sicherheit. Dankeschoen. Am Flughafen sagen die Buerodamen: “Sie sind zu spaet, kaufen Sie das Ticket beim Einchecken.” Zurueck zum Hotel, das Zimmer ist viel teurer als erwartet. Aber auch fuer das billigere haette ich (wegen der eigenen Sicherheit, s.o.) nicht genug Bargeld dabei. Hin und her, bis die Hotelfrau ploetzlich den Morgen zum halben Nachmittag machen kann, die Haelfte der Summe zahl ich mit Karte, die andere bar. Inzwischen war halb acht vorbei, neues Taxi, zum Buero, der Wachmann schliesst auf und ich hole meinen Computer. Als ich wieder rauskomm ist das Taxi mit meinem ganzen Gepaeck verschwunden.
Ach nee, doch nicht, hat nur gewendet und steht nun da hinten. Um acht am Flughafen steht an meinem Schalter Kumasi statt Tamale (sie hatten vergessen das Schild auszuwechseln), und ich hatte doppelt so viel Gepaeck wie erlaubt (die Frau lacht nur und sagt: Macht nix.” Soll ich ihr einen Heiratsantrag machen?).
Aber das einzige, was mich an diesem Morgen wirklich beunruhigt: Ich fuehl’s nicht. Wie die launische Forelle schwimm ich munter mit dem Strom der Ereignisse. Ich weiss, ich kriege den Flug oder nicht aber das stresst mich nicht, weil entweder krieg ich ihn oder nicht punktum. Jetzt sitze ich im tiefgekuehlten Flughafen, flirte mit den kleinen Kindern meiner Mitreisenden und frage mich, ob das nun gut oder schlecht ist, und ob ich vielleicht doch Drogen genommen hab, ohne es zu merken.
(P.S.: Flug bekommen, abgeholt worden, nach Bolga gefahren)
Mittwoch, Juli 12, 2006
Madam Sneifer bitte
Meine rheinische Praegung (oder sind die Gene schuld?) bringt mich immer wieder in Gefahr, rettet mich zum Ausgleich aber ebensohaeufig aus selbiger. In der Flughafenpasskontrollenschlange in Accra zwang mich meine rheinische Frohnatur, meinem armen Nebenmann ein Gespraech aufzudraengen. Und da ich so schlau reden kann (oder weil mein neues T-Shirt kaum Fragen offen laesst?), erhielt ich gleich am naechsten Tag einen Anruf von diesem Franzosen, ob ich vielleicht an einem interessanten Workshop zu blablabla Aids, internationaler Korridor, Krankenhausmuell, Ratifizierung Abkommen bla teilnehmen wollte und da all diese wichtigen Leute kennen lernen.
Aeh. Ja. Warum nicht?!
Ich wette, der durchschnittliche Norddeutsche haette gefragt: Warum? Waerend man im Rheinland immer noch glaubt “gucken koss nix”. Also schleich ich mich leicht verspaetet in den Tagungsraum, der voll ist mit Honoratioren und Experten aus aller schwarzer Herren Laender. Einer der Organisatoren fragt mich nach Namen und Organisation und das Programm beginnt.
Begruessungsansprachen von Minister So-und-so und Wichtigmensch Der-und-der. Dann schaut die Frau, die durchs Programm fuehrt, mich an und sagt: “And now I would like to ask Dr. Sneifer of IFPRI to give us a welcoming address.” (Nun moechte ich Dr. Sneifer von IFPRI bitten, eine Begruessungsansprache zu halten).
Diese Frau kann stolz auf sich sein, denn sie hat etwas ganz Seltenes geschafft: Ich war einen Moment lang komplett sprachlos und mir fiel absolut kein Bloedsinn ein, den ich schlau daherreden konnte (und in so einer Situation hilft auch das schoenste T-Shirt nicht weiter, ausserdem trug ich ein sehr serioeses Hemd). Aber da kein Triumpf grenzenlos sein kann, hatte ich mich nach einer Sekunde Schweigen und zwei Sekunden Stottern genug gefangen, um mit Salbadern zu beginnen: Wie wunderbar, dass sich diese hochrangigen Experten ueber die Sprachgrenzen hinweg zusammengefunden haben, da ja auch AIDS keine Grenzen kennt, blablabla…
Danach bin ich hellwach und werfe dem Franzosen auf dem Podium wuetend fragende Blicke zu, die er mit entschuldigendem Schultern-, Augenbrauen und Nasenzucken beantwortet. Einer der afrikanischen Organisatoren meint spaeter, dass es fuer die Teilnehmer immer so motivierend sei, zu sehn, dass sich Leute aus aller Welt fuer ihre Arbeit interessieren und sie unterstuetzen. Ausserdem seien spontane Beitraege wie meiner immer so erfrischend. Das hoert sich irgendwie so an, wie wenn wir frueher blau gefaerbte Pfannkuchen gemacht haben und meine Mutter das “interessant” fand.
Im Muensterland gibt e seine Klinik, die sich auf Angsttherapie spezialisiert. Um seinen Aengsten ins Gesicht zu sehn, muss man sich unter therapeutischer Aufsicht dem Schrecken aussetzen, Spinnen umarmen, Schwiegermuetter zungenkuessen oder was auch immer es ist, das einen in Angst versetzt. Vielleicht sollte ich denen therapeutische Austauschreisen zu afrikanischen Konferenzen anbieten, fuer Leute, die sich fuerchten, oeffentlich zu sprechen…
Aeh. Ja. Warum nicht?!
Ich wette, der durchschnittliche Norddeutsche haette gefragt: Warum? Waerend man im Rheinland immer noch glaubt “gucken koss nix”. Also schleich ich mich leicht verspaetet in den Tagungsraum, der voll ist mit Honoratioren und Experten aus aller schwarzer Herren Laender. Einer der Organisatoren fragt mich nach Namen und Organisation und das Programm beginnt.
Begruessungsansprachen von Minister So-und-so und Wichtigmensch Der-und-der. Dann schaut die Frau, die durchs Programm fuehrt, mich an und sagt: “And now I would like to ask Dr. Sneifer of IFPRI to give us a welcoming address.” (Nun moechte ich Dr. Sneifer von IFPRI bitten, eine Begruessungsansprache zu halten).
Diese Frau kann stolz auf sich sein, denn sie hat etwas ganz Seltenes geschafft: Ich war einen Moment lang komplett sprachlos und mir fiel absolut kein Bloedsinn ein, den ich schlau daherreden konnte (und in so einer Situation hilft auch das schoenste T-Shirt nicht weiter, ausserdem trug ich ein sehr serioeses Hemd). Aber da kein Triumpf grenzenlos sein kann, hatte ich mich nach einer Sekunde Schweigen und zwei Sekunden Stottern genug gefangen, um mit Salbadern zu beginnen: Wie wunderbar, dass sich diese hochrangigen Experten ueber die Sprachgrenzen hinweg zusammengefunden haben, da ja auch AIDS keine Grenzen kennt, blablabla…
Danach bin ich hellwach und werfe dem Franzosen auf dem Podium wuetend fragende Blicke zu, die er mit entschuldigendem Schultern-, Augenbrauen und Nasenzucken beantwortet. Einer der afrikanischen Organisatoren meint spaeter, dass es fuer die Teilnehmer immer so motivierend sei, zu sehn, dass sich Leute aus aller Welt fuer ihre Arbeit interessieren und sie unterstuetzen. Ausserdem seien spontane Beitraege wie meiner immer so erfrischend. Das hoert sich irgendwie so an, wie wenn wir frueher blau gefaerbte Pfannkuchen gemacht haben und meine Mutter das “interessant” fand.
Im Muensterland gibt e seine Klinik, die sich auf Angsttherapie spezialisiert. Um seinen Aengsten ins Gesicht zu sehn, muss man sich unter therapeutischer Aufsicht dem Schrecken aussetzen, Spinnen umarmen, Schwiegermuetter zungenkuessen oder was auch immer es ist, das einen in Angst versetzt. Vielleicht sollte ich denen therapeutische Austauschreisen zu afrikanischen Konferenzen anbieten, fuer Leute, die sich fuerchten, oeffentlich zu sprechen…
Donnerstag, Juli 06, 2006
Durchgehend geoeffnet
Seit ich diesen Blog angefangen habe, hab ich regelmaessig das Gefuehl gehabt: Jetzt kenn ich, kennt Ihr alles, jetzt gibts nichts Neues mehr zu schreiben, ich mach den Laden zu. Gleich danach ueberschlugen sich meist die Ereignisse, weil das Leben jeden Tag neu ist und die Fremde aus mehr Details besteht, als ich je beschreiben koennte.
Als ich fuer diese Reise nun in Accra Zwischenstation machte, zeigte mir ein Freund, wie die Stadt unter den verschiedenen Voelkern aufgeteilt ist: Man kann in dieser Stadt kulturell durchs ganze Land reisen, hier wohnen die aus dem Norden, da fuehlen sich die Ewe zu Hause und dort gibts nur besonders Reiche (schwarz-weiss gemischt) . Ich sass im Auto und dachte: “Schade eigentlich, dass ich Accra so gar nicht kenne”. Ich bin immer auf der Durchreise und da treff ich vor allem meine Kollegen, die durch Ueberarbeitung oder Desinteresse abgeschirmt in ihrer eigenen Realitaet leben.
Am naechsten Tag erfuhr ich, dass sich das nun aendern wird (nicht die Ignoranz der Kollegen aber meine eigene). In Bolga sind die Bedingungen fuer das Auswerten von Daten und Schreiben wissenschaftlicher Artikel hart, es gibt zu viel Hitze, Stromausfaelle, Computerpannen und zu wenig intelektuellen Austausch, Internetgeschwindigkeit usw. Deshalb ist der Plan nun, dass ich mein Haus in Bolga behalte (das ist ohnehin schon bezahlt), aber eine Wohnung in Accra dazumiete, wo ich in dem verbleibenden Jahr mehr Zeit verbringen werde, um schlau zu schreiben. Fuer Euch als Leser (und natuerlich auch fuer mich) bedeutet das, dass wir nun eine afrikanische Grossstadt von innen kennen lernen werden und dass ich Euch an den Wochenenden in den Regenwald, ans Meer, zu den Gedenkorten der Sklaverei mitnehmen werde. Und an ganz viele andere Stellen, von denen ich selbst noch nichts weiss.
Das heist: Der Laden wird nicht zugemacht, der Verkauf geht waehrend des Umbaus auf eingeschraenkter Verkaufsflaeche weiter und die naechste grosse Promotion Aktion des blog Ladens heist “Backe backe Kuchen – rosa Herzen fuer 120 Gaeste”.
Als ich fuer diese Reise nun in Accra Zwischenstation machte, zeigte mir ein Freund, wie die Stadt unter den verschiedenen Voelkern aufgeteilt ist: Man kann in dieser Stadt kulturell durchs ganze Land reisen, hier wohnen die aus dem Norden, da fuehlen sich die Ewe zu Hause und dort gibts nur besonders Reiche (schwarz-weiss gemischt) . Ich sass im Auto und dachte: “Schade eigentlich, dass ich Accra so gar nicht kenne”. Ich bin immer auf der Durchreise und da treff ich vor allem meine Kollegen, die durch Ueberarbeitung oder Desinteresse abgeschirmt in ihrer eigenen Realitaet leben.
Am naechsten Tag erfuhr ich, dass sich das nun aendern wird (nicht die Ignoranz der Kollegen aber meine eigene). In Bolga sind die Bedingungen fuer das Auswerten von Daten und Schreiben wissenschaftlicher Artikel hart, es gibt zu viel Hitze, Stromausfaelle, Computerpannen und zu wenig intelektuellen Austausch, Internetgeschwindigkeit usw. Deshalb ist der Plan nun, dass ich mein Haus in Bolga behalte (das ist ohnehin schon bezahlt), aber eine Wohnung in Accra dazumiete, wo ich in dem verbleibenden Jahr mehr Zeit verbringen werde, um schlau zu schreiben. Fuer Euch als Leser (und natuerlich auch fuer mich) bedeutet das, dass wir nun eine afrikanische Grossstadt von innen kennen lernen werden und dass ich Euch an den Wochenenden in den Regenwald, ans Meer, zu den Gedenkorten der Sklaverei mitnehmen werde. Und an ganz viele andere Stellen, von denen ich selbst noch nichts weiss.
Das heist: Der Laden wird nicht zugemacht, der Verkauf geht waehrend des Umbaus auf eingeschraenkter Verkaufsflaeche weiter und die naechste grosse Promotion Aktion des blog Ladens heist “Backe backe Kuchen – rosa Herzen fuer 120 Gaeste”.
Heimat 2000
Ich habe im Jahr nicht viel mehr als einen Monat Deutschland, verteilt auf zwei Heimaturlaube und da pack ich alles rein, was sich in der Ferne in meinem Herzen staut. Nicht nur in meinem Herzen. Ich gebe Geld in Buchhandlungen und Klamottenlaeden und Restaurants aus, so als haette ich ein Druckluftportmonaie, denn es muss ja nun wieder fuer ein halbes Jahr reichen. An der Uni in Hohenheim setz ich mich zwischen hochgebildete Kulturinteressierte und trinke deren schlaues Gerede wie Schnaps, schaue Fussballspiele inmitten klatschender Massen, die “Tschland!” skandieren und nach Berlin fahren wollen, vergiesse Traenen bei Toren (als ob mich Fussball interessierte) und habe Gaensehaut, wenn alle im Park die Nationalhymne mitsingen. Im Moment denk ich “Warum ist es am Rhein so schoen” und weiss nicht, was soll es bedeuten. Fahre die wunderbare Rheinstrecke der Deutschen Bahn im Sonnenschein nach Hause, gruesse summend die Lorelei und ueberlege, ob ich mich vielleicht bei einem Fremdenverkehrsamt als Tschlandschwaermerin bewerben soll.
Wo hab ich das nur gelesen, dass zu Hause da ist, wo Du immer hinkommen kannst und sie muessen Dich rein lassen…?
Wo hab ich das nur gelesen, dass zu Hause da ist, wo Du immer hinkommen kannst und sie muessen Dich rein lassen…?
Samstag, Juli 01, 2006
Eva in Ghana
Als ich zu Hause ankam, zeigte mir meiner Mutter einen Brief: Der sieht so komisch international aus, der kam vor Wochen hier an. Adressiert an eine Eva Schiffer aus Drieren (statt Dueren). Ich riss ihn auf und fand folgenden Brief:
“Dear Eva Schiffer
I am very contented to document you this letter. By the way how is your journey back to Germany? I hope you are fine and kicking in conjunction with your family.
My purpose of writing you this letter is that I want you to kindly buy me a camera so that I can use it to do my environmental studies and observations. My zest to have a camera sterms from the fact that I am doing environmental studies which needs some pictures to be taken about the natural environment and there is the case that I cannot afford the cost.
In addition, I am a christian and I need a Bible to be resiting. Try to buy the bible in conjunction with the camera for me.
I will exhaust my letter here and subtend my greetings to all known faces in Germany.
Thank you very much, good bye.
Your friend
Amandi M. Rafiq
Bawku, Ghana
Liebe Eva Schiffer
Ich bin sehr zufrieden, Dir diesen Brief zu dokumentieren. Nebenbei, wie ist Deine Reise zurueck nach Deutschland? Ich hoffe, Du bist gesund und munter in der Vereinigung mit Deiner Familie.
Mein Grund, diesen Brief zu schreiben ist, dass ich will, dass Du mir freundlicherweise eine Kamera kaufst, so dass ich sie fuer meine Umweltstudien und Beobachtungen nutzen kann. Mein Begehren, eine Kamera zu haben gruendet sich in der Tatsache, dass ich Umweltstudien betreibe und dabei muessen Bilder gemacht warden ueber die natuerliche Umwelt und da ist der Fall, dass ich mir die Kosten nicht leisten kann.
Ausserdem, ich bin Christ und brauche eine Bibel um zu wiederholungspruefen (Hae?). Versuche die Bibel fuer mich in Zusammenhang mit der Kamera zu kaufen. Ich werde meinen Brief hier erschoepfen und entsende meine Gruesse an alle bekannten Gesichter in Deutschland.
Vielen Dank auf Wiedersehn,
Dein Freund
Amandi M. Rafiq
Bawku, Ghana"
Eine kleine Information zur Vervollstaendigung des Eindrucks: Ich kenne diesen Menschen nicht. Habe mich aber des Leichtsinnes schuldig gemacht, meine Adresse freigiebig zu verteilen.
“Dear Eva Schiffer
I am very contented to document you this letter. By the way how is your journey back to Germany? I hope you are fine and kicking in conjunction with your family.
My purpose of writing you this letter is that I want you to kindly buy me a camera so that I can use it to do my environmental studies and observations. My zest to have a camera sterms from the fact that I am doing environmental studies which needs some pictures to be taken about the natural environment and there is the case that I cannot afford the cost.
In addition, I am a christian and I need a Bible to be resiting. Try to buy the bible in conjunction with the camera for me.
I will exhaust my letter here and subtend my greetings to all known faces in Germany.
Thank you very much, good bye.
Your friend
Amandi M. Rafiq
Bawku, Ghana
Liebe Eva Schiffer
Ich bin sehr zufrieden, Dir diesen Brief zu dokumentieren. Nebenbei, wie ist Deine Reise zurueck nach Deutschland? Ich hoffe, Du bist gesund und munter in der Vereinigung mit Deiner Familie.
Mein Grund, diesen Brief zu schreiben ist, dass ich will, dass Du mir freundlicherweise eine Kamera kaufst, so dass ich sie fuer meine Umweltstudien und Beobachtungen nutzen kann. Mein Begehren, eine Kamera zu haben gruendet sich in der Tatsache, dass ich Umweltstudien betreibe und dabei muessen Bilder gemacht warden ueber die natuerliche Umwelt und da ist der Fall, dass ich mir die Kosten nicht leisten kann.
Ausserdem, ich bin Christ und brauche eine Bibel um zu wiederholungspruefen (Hae?). Versuche die Bibel fuer mich in Zusammenhang mit der Kamera zu kaufen. Ich werde meinen Brief hier erschoepfen und entsende meine Gruesse an alle bekannten Gesichter in Deutschland.
Vielen Dank auf Wiedersehn,
Dein Freund
Amandi M. Rafiq
Bawku, Ghana"
Eine kleine Information zur Vervollstaendigung des Eindrucks: Ich kenne diesen Menschen nicht. Habe mich aber des Leichtsinnes schuldig gemacht, meine Adresse freigiebig zu verteilen.
Dienstag, Juni 20, 2006
Ich bin nicht wirklich boese...
Zum Thema Grossproduktion, Schmerzen und Armut sollte ich zu meiner eigenen Ehrrettung vielleicht hinzufuegen: Ich bezahle meine Angestellten sehr grosszuegig, etwa doppelt so viel wie lokal akzeptabel ist. Und es ist aeusserst ungewoehnlich, dass ich Mary einen so grossen Kredit ohne jegliche Zinsen gebe. Und den Arzt bezahle, der meines Wachmanns dicken Fuss wieder duenn macht oder Maries schmerzhaften Zahn zieht.
Montag, Juni 19, 2006
Ouaga 2000
Die wichtigen Leute in Burkina sind mit ihrer Hauptstadt nicht mehr zufrieden und haben beschlossen, sich eine neue zu bauen. Suedlich von Ouagadugu bauen sie nun Ouaga 2000. Alle Afrikaner, denen ich diese Fotos zeige, sind begeistert von der Schoenheit dieser Stadt der Zukunft. Ich bin vor ein paar Wochen durch diese leeren Strassen gefahren, im BBC Radio kam eine Diskussion ueber vorsichtig hoffnungsvolle Entwicklungen in Afrikas Oekonomien, und mitten waehrend des Fahrens bin ich mal wieder in meine Radiotraenen ausgebrochen. Es gibt nichts, was mich so leicht zum Heulen bringt, wie Hoffnung im Radio. Jedes Jahr zum Tag des Mauerfalls heul ich zum begeisterten Geschrei in der deutschen Botschaft in Prag. Inzwischen reicht es schon, dass ich von dem Radiogeschrei erzaehle und ich bekomm feuchte Augen wie der Pavlowsche Hund.
Aber zurueck nach Burkina - in dieses Land, dass so viel aermer ist als Ghana. Mitten im vertrockneten Land, neben Lehmhuetten mit nichts nichts nichts, wachsen nun Palaeste mit hohen Mauern und kleinen Fenstern aus dem Sand. Auf den Strassen keine Menschen ausser vereinzelten Wachmaennern, kein Leben, keine Geschaefte, ab und zu ein fettes Auto.
In einem marktwirtschaftlichen System soll man sich darueber freuen, dass einzelne Menschen es schaffen, so reich zu werden und daran glauben, dass das zur allgemeinen Entwicklung beitraegt. Diese Freude wird ein wenig getruebt in einer von oben bis unten korrupten Zweiklassengesellschaft, in der Tonnen von Entwicklungsgeldern ins Land reingekippt werden aber irgendwie nicht unten ankommen, bei denen, deren Lehmhuetten im Weg sind.
Aber zurueck nach Burkina - in dieses Land, dass so viel aermer ist als Ghana. Mitten im vertrockneten Land, neben Lehmhuetten mit nichts nichts nichts, wachsen nun Palaeste mit hohen Mauern und kleinen Fenstern aus dem Sand. Auf den Strassen keine Menschen ausser vereinzelten Wachmaennern, kein Leben, keine Geschaefte, ab und zu ein fettes Auto.
In einem marktwirtschaftlichen System soll man sich darueber freuen, dass einzelne Menschen es schaffen, so reich zu werden und daran glauben, dass das zur allgemeinen Entwicklung beitraegt. Diese Freude wird ein wenig getruebt in einer von oben bis unten korrupten Zweiklassengesellschaft, in der Tonnen von Entwicklungsgeldern ins Land reingekippt werden aber irgendwie nicht unten ankommen, bei denen, deren Lehmhuetten im Weg sind.
Grossproduktion mit Schmerzen
Bevor ich Bolga verliess, bin ich mit Mary zum Schmied gefahren, der einen grossen schoenen Profi-Ofen im Angebot hatte. Der sieht aus wie ein Metallschrank mit Glasfenster, unten kann man zwei Kohlenschuesseln reinstellen, ausserdem gibt es einen Gas-Anschluss, fuer den Fall dass das guenstiger ist. Die Kiste kostet 4 Millionen (ca 400 Euro) und Mary hat beschlossen, dass sie mir allen Gewinn der Baeckerei gibt, bis der Kredit abgezahlt ist, eine Haelfte ihres Gehaltes weiterhin zum Sparen zur Bank bringt und von den uebrigen 200 000 (20 Euro) sich selbst und ihre Mutter ueber den Monat bringen will.
Eine weit verbreitete Definition von Armut ist: Weniger als 1 US $ am Tag ausgeben koennen. Eine andere ist: Mehr als 80% des verfuegbaren Einkommens fuer Essen ausgeben. 20 Euro, 30 Tage, 2 Leute... Ich frage sie, wie sie das schaffen will. Sie will am Anfang des Monats das Essen kaufen, das sie dann im Laufe des Monats aufessen.
Eine weit verbreitete Definition von Armut ist: Weniger als 1 US $ am Tag ausgeben koennen. Eine andere ist: Mehr als 80% des verfuegbaren Einkommens fuer Essen ausgeben. 20 Euro, 30 Tage, 2 Leute... Ich frage sie, wie sie das schaffen will. Sie will am Anfang des Monats das Essen kaufen, das sie dann im Laufe des Monats aufessen.
Sonntag, Juni 18, 2006
Petit
Auf franzoesisch bedeutet "petit" klein. Da die Amis den Franzosen zwar nicht trauen, dennoch davon ausgehn, dass alles Franzoesische irgendwie rafinierter ist, sagen sie petit, wenn sie zierlich meinen.
Da die Menschen und demnach auch ihre Kleidung hier unglaubliche Ausmasse annehmen, war ich begeistert, im Klamottengeschaeft die "petit"-Abteilung mit Sondergroessen zu finden.
Leider bedeutet "petit" auf Marketingamerikanisch einfach nur kurzbeinig - unabhaengig vom Umfang dieser Beine. Kurzbeinig bin ich ja ebenfalls, wobei sich mein Hintern jedoch hoechstens ganz knapp in eine franzoesische Vorstellung von zierlich zwaengen laesst.
Im Umkleidekabinengang, eingezwaengt zwischen kurzbeinigen Wuchtbrummen, musste ich einsehen, dass ebenselber Hintern viel zu klein ist, um petit zu sein und die ganzen schoenen kurzbeinigen Anzuege hingen an mir wie Saecke.
Da die Menschen und demnach auch ihre Kleidung hier unglaubliche Ausmasse annehmen, war ich begeistert, im Klamottengeschaeft die "petit"-Abteilung mit Sondergroessen zu finden.
Leider bedeutet "petit" auf Marketingamerikanisch einfach nur kurzbeinig - unabhaengig vom Umfang dieser Beine. Kurzbeinig bin ich ja ebenfalls, wobei sich mein Hintern jedoch hoechstens ganz knapp in eine franzoesische Vorstellung von zierlich zwaengen laesst.
Im Umkleidekabinengang, eingezwaengt zwischen kurzbeinigen Wuchtbrummen, musste ich einsehen, dass ebenselber Hintern viel zu klein ist, um petit zu sein und die ganzen schoenen kurzbeinigen Anzuege hingen an mir wie Saecke.
Freitag, Juni 16, 2006
Essen. Immer wieder Essen.
Ich nehme alles Boese, was ich je ueber Essen in den USA gesagt habe, zurueck. Sitze in meinem Buero, das zugegebenermassen den Charme eines fensterlosen Schuhkartons (Kinderschuhe) hat und esse mit Gaensehaut der Begeisterung frische Him und Blaubeeren, die nach Waldspaziergang am Morgen schmecken. Inzwischen lebe ich lange genug in der afrikanischen Kleinstadt, dass meine Zunge irre wird, wenn etwas anders schmeckt, als das, was auf dem Bolga Markt verkauft wird.
Mittwoch, Juni 14, 2006
Hauptstadt der Welt
Meine lieben und besorgten Freunde und Leser. Dieser Blog ist ganz kurz und knapp, um Euch folgendes mitzuteilen: Ich habe mal wieder einen Flug ueberlebt (nein, sogar zwei) und bin sicher und wohlbehalten in Washington angekommen, wo die Musik spielt.
Montag, Juni 12, 2006
Ich hab die Musik bestellt...
Wir sollten alle nicht sonderlich erstaunt sein, schliesslich heissen sie "wilde Jungs" und nicht, sagen wir mal, "verantwortungsvolle Staatsbuerger". Ich war mit dem Rest meines Lebens zu beschaeftigt, um Euch Schritt fuer Schritt auf dem Laufenden zu halten, deshalb gibt es nur eine Zusammenfassung der Reaggea Band Entwicklung.
Nachdem ich ueber sie geschrieben habe und das ein oder andere Instrument angeboten bekam, hatte ich unkoordinierten Kontakt mit einzelnen Mitgliedern dieser sogenannten Gruppe, bekam einen handgeschriebenen Antrag, in dem sie beschreiben, wie sie seit 4 Jahren eine Band ohne Instrumente sind und begann schliesslich still und leise, meinen Rueckzug zu planen. Warum? Weil ich mir vorstellte, was passiert, wenn ich mit einer Floete und einer Triangel in Bolga ankomme und der Streit beginnt. Einer nach dem anderen versuchten sie mich zu ueberzeugen, dass sie der wichtigste zentrale Punkt dieser Band sind. Jonny ging sogar so weit, zu behaupten, dass er alle Instrumente spielt, waehrend die anderen 6 alle nur singen koennen. Als ich vorsichtig andeutete, dass ich zwar die Instrumente besorgen koennte, aber kein Geld uebrig hab, den Transport zu bezahlen, wurden die Anrufe und Nachfragen schliesslich weniger draengend. Also, meine lieben Freunde, herzlichen Dank fuer Eure Bereitschaft, die wilden Jungs zu unterstuetzen. Ich sag Euch Bescheid, wenn sie aufwachen und anfangen, es ernst zu meinen.
Nachdem ich ueber sie geschrieben habe und das ein oder andere Instrument angeboten bekam, hatte ich unkoordinierten Kontakt mit einzelnen Mitgliedern dieser sogenannten Gruppe, bekam einen handgeschriebenen Antrag, in dem sie beschreiben, wie sie seit 4 Jahren eine Band ohne Instrumente sind und begann schliesslich still und leise, meinen Rueckzug zu planen. Warum? Weil ich mir vorstellte, was passiert, wenn ich mit einer Floete und einer Triangel in Bolga ankomme und der Streit beginnt. Einer nach dem anderen versuchten sie mich zu ueberzeugen, dass sie der wichtigste zentrale Punkt dieser Band sind. Jonny ging sogar so weit, zu behaupten, dass er alle Instrumente spielt, waehrend die anderen 6 alle nur singen koennen. Als ich vorsichtig andeutete, dass ich zwar die Instrumente besorgen koennte, aber kein Geld uebrig hab, den Transport zu bezahlen, wurden die Anrufe und Nachfragen schliesslich weniger draengend. Also, meine lieben Freunde, herzlichen Dank fuer Eure Bereitschaft, die wilden Jungs zu unterstuetzen. Ich sag Euch Bescheid, wenn sie aufwachen und anfangen, es ernst zu meinen.
Sonntag, Juni 11, 2006
Auf vielfachen Wunsch hab ich den Zettel mit meinen Reisedaten unter meinem Autositz wiedergefunden. Fuer alle, die mich lieben, aber leider nicht am 13. Juni zwischen 6 und 12 in Amsterdam sein koennen, um mit mir einen Kaffee zu trinken, gibt es folgende Alternative:
Nach meinem Abflug in Ghana 12. Juni und meiner Ankunft in Washington 13. Juni und meinem Abflug aus Washington 26. Juni, komme ich am Dienstag 27. Juni in Amsterdam an. Von da aus hoffe ich einen Schlenker zur Schwester und dem hollaendischen Meer einzufuegen, um danach (wann? Na eben danach) mit Salz auf meiner Haut in Dueren einzufahren. Am Anfang der darauf folgenden Woche (ab 3. Juli) muss ich zwei oder drei Tage in einem Buero bei Stuttgart verbringen (hallo meine Sueddeutschen Freunde!!!), um schliesslich wieder nach Hause (Dueren) und dann am 9. Juli von Amsterdam wieder nach anderes Hause (Ghana) zu reisen. Also, noch mal fuer Kurzsichtige: Eva ist zwischen 27. Juni und 9. Juli in Europa.
Nach meinem Abflug in Ghana 12. Juni und meiner Ankunft in Washington 13. Juni und meinem Abflug aus Washington 26. Juni, komme ich am Dienstag 27. Juni in Amsterdam an. Von da aus hoffe ich einen Schlenker zur Schwester und dem hollaendischen Meer einzufuegen, um danach (wann? Na eben danach) mit Salz auf meiner Haut in Dueren einzufahren. Am Anfang der darauf folgenden Woche (ab 3. Juli) muss ich zwei oder drei Tage in einem Buero bei Stuttgart verbringen (hallo meine Sueddeutschen Freunde!!!), um schliesslich wieder nach Hause (Dueren) und dann am 9. Juli von Amsterdam wieder nach anderes Hause (Ghana) zu reisen. Also, noch mal fuer Kurzsichtige: Eva ist zwischen 27. Juni und 9. Juli in Europa.
Sonntag, Juni 04, 2006
Paris
Nu bin ich also wieder im Paris Afrikas. Meine treuen Leser wissen, dass das Ouagadugu ist, die Hauptstadt Burkina Fasos. Der einzige Franzoesisch sprechende Fahrer, den ich in Bolga kenne, ist kurzfristig ausgefallen und so musste ich die schwere Last selbst auf mich nehmen, meinen Boss gestern zum Flughafen zu fahren, den Nachmittag am Pool zu verschlunzen, mit meiner englischen Nachbarin zum Schneider zu gehn fuer die Anprobe ihres Hochzeitskleides, vor dem Supermarkt im gekuehlten Auto und unter neugierigen Blicken Schwarzbrot und frischen Ziegenkaese zu verschlingen, die vermutlich beste Pizza Westafrikas als zweites Abendessen hinterher zu schieben und literweise echten Kaffee zu trinken. Ach, das Leben ist ganz schoen hart zu mir...
Dienstag, Mai 30, 2006
Eva in Ghana
Mein Computer ist kaputt, ich bin internetbehindert, alle Bosse zu Besuch also keine neuen Blogs. Dafuer aber die Versicherung: Nach meinem Aufenthalt in Washington werde ich Ende Juni Anfang Juli fuer zwei Wochen in Deutschland sein. Da kann ich Buecher tanken und alle alle sehen. Oder zumindest fast alle.
Mittwoch, Mai 24, 2006
Dreckiges Mehl – Dirty Flour
So nennen die Leute ein Mischung aus geroesteten und gemahlenen Sojabohnen, Maiskoernern und Erdnuessen. Daraus machen sie im Krankehaus einen Brei, mit dem sie Kinder mit Eiweissmangel (Hungerbauch) aufpaeppeln. Meine wunderbare Mary bringt immer mal wieder neues Essen mit ins Haus und zeigt es mir. Als sie mir gestern ihr dreckiges Mehl zeigte, hab ich sie gebeten, daraus ein Brot fuer mich zu backen (gemischt mit Weizenmehl, um sicher zu sein, dass es gelingt). Marys Kommentar zu dem Ergebnis: “Looks like the one from the German flour I last bake for you (sieht aus wie das aus dem deutschen Mehl – Graubrot Backmischung – das ich letztens fuer Dich gebacken hab)”
Und tatsaechlich, das ist das erste Brot aus lokalen Zutaten, das tatsaechlich aussieht wie Graubrot. So ein leicht braeunliches Grau und ein suesslicher Beigeschmack wie Brot, das mit Melasse oder so gefaerbt wurde. Ich denke, da schmeckt man das Roesten der Zutaten. Eine etwas broeseligere Krume als deutsches Graubrot und natuerlich nicht aus Sauerteig sondern normalem Hefeteig. Wie auch immer, ich bin begeistert, besonders fuer uns Vegetarier, die hier schwer genug Eiweiss kriegen, ist das der Aufbruch in ein neues Brot-Universum. Und wie es sich fuer einen guten Drogendealer gehoert, werde ich das Brot in Scheibchen schneiden und fuer umsonst an meine Freunde verteilen. Mit dem freundlichen Hinweis, wo sie groessere Mengen kaeuflich erwerben koennen.
Und tatsaechlich, das ist das erste Brot aus lokalen Zutaten, das tatsaechlich aussieht wie Graubrot. So ein leicht braeunliches Grau und ein suesslicher Beigeschmack wie Brot, das mit Melasse oder so gefaerbt wurde. Ich denke, da schmeckt man das Roesten der Zutaten. Eine etwas broeseligere Krume als deutsches Graubrot und natuerlich nicht aus Sauerteig sondern normalem Hefeteig. Wie auch immer, ich bin begeistert, besonders fuer uns Vegetarier, die hier schwer genug Eiweiss kriegen, ist das der Aufbruch in ein neues Brot-Universum. Und wie es sich fuer einen guten Drogendealer gehoert, werde ich das Brot in Scheibchen schneiden und fuer umsonst an meine Freunde verteilen. Mit dem freundlichen Hinweis, wo sie groessere Mengen kaeuflich erwerben koennen.
Dienstag, Mai 23, 2006
81 Eier
denk ich. 81 Eier. Einatmen. 81 Eier. Ausatmen. 81! Eier!
So viele werden wir verbacken fuer Marys Hochzeitskuchenbestellung. Ich laechele selbstbewusst und beruhige sie. Als wuesste ich, wie man Kuchen fuer 120 Gaeste backt, oder haette das je getan. Schliesslich ist das meine Aufgabe hier, selbstbewusst laecheln und so aussehn als wuesste ich, was ich tu.
Und dann mit nervoesen Fingern einen Blog schreiben und meine Freunde fragen: Hat das von Euch schonmal jemand gemacht? Das Rezept ist ein einfacher stabiler Zitronenruehrkuchen (27 Zitronen) mit schoener bunter Glasur. Meine Frage ist: Koennen wir den Teig komplett zusammen anruehren?
Knapp 5 Kilo Mehl. Gut 4 Kilo Zucker und ebensoviel Margarine. 27 Teeloeffel Backpulver und ebensoviele Prisen Salz. Oder tut das pure Gewicht dieser Masse dem Teig was an und der faengt an, sich komisch zu benehmen? Mein Kochbuch sagt, ein durchschnittliches Ei wiegt 52g, also kommt zu dieser ganzen Masse noch 1,4 kg Ei. Ich rechne das alles aus, waehren die diesen Blog schreibe und merke durch einfache Addition, dass es unwahrscheinlich ist, dass wir 15 kg Teig auf einmal in Marys Waschbasin zusammenruehren.
Ich aendere meine Frage: Was meint Ihr, was sind vernuenftige Teigportionen, die wir aus einmal anruehren koennen?
So viele werden wir verbacken fuer Marys Hochzeitskuchenbestellung. Ich laechele selbstbewusst und beruhige sie. Als wuesste ich, wie man Kuchen fuer 120 Gaeste backt, oder haette das je getan. Schliesslich ist das meine Aufgabe hier, selbstbewusst laecheln und so aussehn als wuesste ich, was ich tu.
Und dann mit nervoesen Fingern einen Blog schreiben und meine Freunde fragen: Hat das von Euch schonmal jemand gemacht? Das Rezept ist ein einfacher stabiler Zitronenruehrkuchen (27 Zitronen) mit schoener bunter Glasur. Meine Frage ist: Koennen wir den Teig komplett zusammen anruehren?
Knapp 5 Kilo Mehl. Gut 4 Kilo Zucker und ebensoviel Margarine. 27 Teeloeffel Backpulver und ebensoviele Prisen Salz. Oder tut das pure Gewicht dieser Masse dem Teig was an und der faengt an, sich komisch zu benehmen? Mein Kochbuch sagt, ein durchschnittliches Ei wiegt 52g, also kommt zu dieser ganzen Masse noch 1,4 kg Ei. Ich rechne das alles aus, waehren die diesen Blog schreibe und merke durch einfache Addition, dass es unwahrscheinlich ist, dass wir 15 kg Teig auf einmal in Marys Waschbasin zusammenruehren.
Ich aendere meine Frage: Was meint Ihr, was sind vernuenftige Teigportionen, die wir aus einmal anruehren koennen?
Sonntag, Mai 21, 2006
Die wilden Jungs wollen Reaggea-Stars werden
Und wenn man sich die Idee mal durch den Kopf gehen laesst, ist sie viel weniger spinnert, als es zunaechst scheint. Unsere Marktanalyse zeigt, dass es in dieser Region viel Naehstuben, Bars und Friseursalons gibt, aber keine Tanzband. Das erstaunt ein wenig, denn Ausgehn und Tanzen sind die einzigen gut entwickelten Freizeitaktivitaeten in Bolga und Umgebung.
Ich hab einige der Jungs oft genug beobachtet, wie sie die Bar aufmischen und das Haus rocken und hab gedacht: Junge, Du brauchst ne Buehne, diese Kneipe ist zu klein fuer Dich. Und ich hab dabei gesessen, wie sie an der Ecke vorm Buedchen sassen und mit zwei Stimmen und vier Handen auf die Holzbank trommelnd eindrucksvolle Nachbarschaftsreaggeakonzerte fuer die Saufkumpanen und jedermanns Wachmaenner gaben.
Wir fassen zusammen: Die Jungs haben
• Den Willen
• Das musikalische Talent
• Die Buehnenpersoenlichkeiten
die sie zur Verwirklichung dieses Plans brauchen.
Also haben sie jetzt eine Band gegruendet und sind bereit, gross durchzustarten. Hm, beinah. Ein kleines Detail haben wir wohl uebersehn. Es handelt sich um eine Band ohne Instrumente.
Vor Monaten hab ich in einer schwachen Stunde versprochen: Wenn Ihr Euch zusammenrauft und organisiert, bin ich bereit, Euch zu helfen. Ich kann Eure Geschichte ins Internet stellen und meine Freunde fragen, ob sie ungenutzte Instrumente, Mischpulte, Mikros im Keller haben, die sie beisteuern wollen. Und vielleicht gibt es unter meinen Lesern auch die ein oder andere verwandte Seele, die Euch weitergehend unterstuetzen moechte, die mehr vom Musik-Business versteht oder die Leute kennt, die ihr braucht.
Heute schickten sie mir einen Abgesandten im Sonntagsstaat, der fragte, ob das Angebot noch besteht. Also hab ich gesagt: Wenn Ihr mir bis Freitag was Schoenes schreibt, das die Herzen meiner Freunde beruehrt – nicht blos ne Einkaufsliste – dann stell ich’s fuer Euch ins Internet und wenn ich im Juli nach Hause fahre, kann ich sehn, ob das was gebracht hat, ob ich Euch was mitbringen kann.
(Ach ja: sie wissen, wie man diese Instrumente spielt. Nur erlaubt ihnen ihr Leben momentan nicht, welche zu erwerben. Sie waren schonmal im Studio, haben jeder fuer sich ein wenig produziert, aber dann kann wohl wieder das Leben dazwischen...)
Ich hab einige der Jungs oft genug beobachtet, wie sie die Bar aufmischen und das Haus rocken und hab gedacht: Junge, Du brauchst ne Buehne, diese Kneipe ist zu klein fuer Dich. Und ich hab dabei gesessen, wie sie an der Ecke vorm Buedchen sassen und mit zwei Stimmen und vier Handen auf die Holzbank trommelnd eindrucksvolle Nachbarschaftsreaggeakonzerte fuer die Saufkumpanen und jedermanns Wachmaenner gaben.
Wir fassen zusammen: Die Jungs haben
• Den Willen
• Das musikalische Talent
• Die Buehnenpersoenlichkeiten
die sie zur Verwirklichung dieses Plans brauchen.
Also haben sie jetzt eine Band gegruendet und sind bereit, gross durchzustarten. Hm, beinah. Ein kleines Detail haben wir wohl uebersehn. Es handelt sich um eine Band ohne Instrumente.
Vor Monaten hab ich in einer schwachen Stunde versprochen: Wenn Ihr Euch zusammenrauft und organisiert, bin ich bereit, Euch zu helfen. Ich kann Eure Geschichte ins Internet stellen und meine Freunde fragen, ob sie ungenutzte Instrumente, Mischpulte, Mikros im Keller haben, die sie beisteuern wollen. Und vielleicht gibt es unter meinen Lesern auch die ein oder andere verwandte Seele, die Euch weitergehend unterstuetzen moechte, die mehr vom Musik-Business versteht oder die Leute kennt, die ihr braucht.
Heute schickten sie mir einen Abgesandten im Sonntagsstaat, der fragte, ob das Angebot noch besteht. Also hab ich gesagt: Wenn Ihr mir bis Freitag was Schoenes schreibt, das die Herzen meiner Freunde beruehrt – nicht blos ne Einkaufsliste – dann stell ich’s fuer Euch ins Internet und wenn ich im Juli nach Hause fahre, kann ich sehn, ob das was gebracht hat, ob ich Euch was mitbringen kann.
(Ach ja: sie wissen, wie man diese Instrumente spielt. Nur erlaubt ihnen ihr Leben momentan nicht, welche zu erwerben. Sie waren schonmal im Studio, haben jeder fuer sich ein wenig produziert, aber dann kann wohl wieder das Leben dazwischen...)
Freitag, Mai 19, 2006
Jet Set
Auf dem Weg nach Washington werde ich am 13. Juni von 6 Uhr morgens bis fuenf vor eins mittags in Amsterdam am Flughafen sitzen und Kaffee trinken. Ob wohl einer der Menschen, die ich liebe, da sein wird, damit wir ein paar Stunden da sitzen koennen, als wohnte ich um die Ecke? Das waere so schoen.
Donnerstag, Mai 18, 2006
Kroetenlied und Kroetenreigen
Wie mein Freund Felix weiss, ist es zum Ueberleben in der Fremde (und auch in der Naehe) manchmal unerlaesslich, dass man sich selbst einen Witz erzaehlt und dann allein herzhaft darueber lacht. Noch besser ist, und das wusste schon Didi Hallervorden, Held unserer Kindheit, der gespielte Witz. Ich bin mit all dem Krankenhauschaos und meiner generellen Unfaehigkeit fuers organisatorische Detail seit Tagen nicht dazu gekommen, neue Stromeinheiten zu kaufen und weiss, dass irgendwann heute nacht die letzte Einheit verbraucht sein wird. Deshalb versuche ich, so sparsam wie moeglich zu sein, damit ich wenigstens noch bis zum Einschlafen lesen kann. Also keine Musik. Obwohl ich mir doch zur koerperlichen Ertuechtigung und zum seelischen Ausgleich angewoehnt habe, zu afrikanischer Musik wild durchs Wohnzimmer zu tanzen. In meiner unertuechtigten Frustration hoere ich ploetzlich, wie rhythmisch die Kroeten bloeken und gebe mir selbst hoechst eine eindrucksvolle Vorstellung afrikanischen Ausdruckstanzes zum Kroetensang. Ich sollte rausgehn und den Kroetenmusikern Geldscheine auf die nasse Stirn druecken, wie es hier ueblich ist, wenn man mit Musikanten besonders zufrieden ist.
Besser sehn mit Eva
Vielleicht gefaellt Euch diese kurze Notiz aus meinem Krankenhaus besser: Als ich heute auf den Oberarzt wartete, sprach mich ein junger Arzt an und erzaehlte, dass er fuer die Augenabteilung zustaendig war. ENDLICH treffe ich also den, der schon ein Jahr auf die Brillen wartet (ohne es zu wissen), die ich vor meiner Abreise gesammelt habe. Wir freuen uns beide, er verspricht Augentests in Schulen zu organisieren, die Brillen an die passenden Augen zu verteilen und ganz herzzerreissende Fotos davon zu machen und ich verspreche, diese Fotos ins Internet zu stellen, damit all meiner Freunde Herzen zerrissen werden und sie fuer Nachschub sorgen.
Mittwoch, Mai 17, 2006
Kein Zuckerschlecken
Ihr habt wahrscheinlich langsam genug von Krankenhausgeschichten. Das kann ich gut verstehen, ich naemlich auch. Aber meine Eltern haben mir beigebracht, dass man zu Ende bringen muss, was man einmal angefangen hat. Falls Ihr eine weniger gute Erziehung habt, steht es Euch natuerlich frei, diesen blog zu ueberspringen und darauf zu warten, dass ich wieder von Kuchen schreibe.
Gestern hab ich eigene Krankheit vorgeschoben. Heute den ganzen Tag gearbeitet. Aber schliesslich nach Feierabend wusste ich, ich bin dran. Also hab ich Mary abgeholt und bin mit ihr ins Krankenhaus gefahren. Aus irgendeinem Grund roch die Station bei diesem Besuch intensiv nach Exkrementen. Als wir das Krankenzimmer betraten sahen wir den Grund. Wo vorher ausser unserem nur ein einziger anderer stiller Mann auf seinem Bett dahinsiechte, herrschte jetzt Gedraenge. Alle zehn Betten mit leidenden duennen alten Maennern gefuellt und von Verwandten umgeben, einer stoehnte unentwegt und wand sich in Schmerzen, einer so mager und reglos, dass er aussah, als sei er laengst verhungert, einer machte die ganze Zeit so eigenartig zuckende Bewegungen mit dem Kopf, dass Mary meinte: “Mit dem stimmt irgendwas nicht.” Was fast schon wieder lustig war, denn natuerlich waere er nicht hier, wenn nichts mit ihm nicht stimmte. Auf dem Weg durch dieses Krankenzimmer versuchte ich strikt, nur meinen alten Mann anzusehn, der mit seinem dicken Fuss und Grinsen so wunderbar gesund und munter wirkte.
Seine Frau sagte, der Oberarzt habe schon nach mir gefragt und ausserdem haetten sie beim alten Mann viele Bluttests gemacht. Die Ergebnisse hat die Krankenschwester dann verschusselt, weshalb die gleichen Tests morgen nochmal vorgenommen werden muessen. Also hab ich versprochen, morgen vormittag vorbeizukommen und die Dinge in die Hand zu nehmen. Hoffentlich kann ich die Gelegenheit nutzen, um meine Freundschaft mit Herrn Oberarzt zu festigen, denn der ist nicht nur charmant, sondern scheint auch kompetent und verantwortungsvoll. Und hier muss man Freundschaften schliessen, wenn man nichts braucht, dann weiss man, an wen man sich spaeter wenden kann, wenn man in Not ist. Er hat in Bulgarien studiert und ich hab ihm erzaehlt, wie sehr meine Eltern das Land lieben. Da sieht man doch gleich, wie viel wir gemeinsam haben, oder?
Gestern hab ich eigene Krankheit vorgeschoben. Heute den ganzen Tag gearbeitet. Aber schliesslich nach Feierabend wusste ich, ich bin dran. Also hab ich Mary abgeholt und bin mit ihr ins Krankenhaus gefahren. Aus irgendeinem Grund roch die Station bei diesem Besuch intensiv nach Exkrementen. Als wir das Krankenzimmer betraten sahen wir den Grund. Wo vorher ausser unserem nur ein einziger anderer stiller Mann auf seinem Bett dahinsiechte, herrschte jetzt Gedraenge. Alle zehn Betten mit leidenden duennen alten Maennern gefuellt und von Verwandten umgeben, einer stoehnte unentwegt und wand sich in Schmerzen, einer so mager und reglos, dass er aussah, als sei er laengst verhungert, einer machte die ganze Zeit so eigenartig zuckende Bewegungen mit dem Kopf, dass Mary meinte: “Mit dem stimmt irgendwas nicht.” Was fast schon wieder lustig war, denn natuerlich waere er nicht hier, wenn nichts mit ihm nicht stimmte. Auf dem Weg durch dieses Krankenzimmer versuchte ich strikt, nur meinen alten Mann anzusehn, der mit seinem dicken Fuss und Grinsen so wunderbar gesund und munter wirkte.
Seine Frau sagte, der Oberarzt habe schon nach mir gefragt und ausserdem haetten sie beim alten Mann viele Bluttests gemacht. Die Ergebnisse hat die Krankenschwester dann verschusselt, weshalb die gleichen Tests morgen nochmal vorgenommen werden muessen. Also hab ich versprochen, morgen vormittag vorbeizukommen und die Dinge in die Hand zu nehmen. Hoffentlich kann ich die Gelegenheit nutzen, um meine Freundschaft mit Herrn Oberarzt zu festigen, denn der ist nicht nur charmant, sondern scheint auch kompetent und verantwortungsvoll. Und hier muss man Freundschaften schliessen, wenn man nichts braucht, dann weiss man, an wen man sich spaeter wenden kann, wenn man in Not ist. Er hat in Bulgarien studiert und ich hab ihm erzaehlt, wie sehr meine Eltern das Land lieben. Da sieht man doch gleich, wie viel wir gemeinsam haben, oder?
Selber schuld
Vorgestern kam der alte Mann mittags angehumpelt und dann sind Mary, er und ich ins Krankenhaus gefahren. Das erste, was der Arzt zum alten Mann sagte, war: “Wann hoerst Du endlich auf, Schnaps zu trinken?” So war denn auch die erste Diagnose: “Dickes Bein und hoher Blutdruck wegen Sauferei und damit hoeren diese Kerle eh nicht auf. Der soll nach Hause gehn, sein Bein hochlegen und nicht trinken, dann wird alles gut. Ansonsten ist er’s selbst schuld (die Schwestern lachen). Der Naechste bitte.”
Aber old man hatte ja diese nervige Weisse dabei: “Doktor, bitte, koennen Sie allein vom angucken sicher sein, dass das keine Elefantitis ist?” Nach einigem hin und her sagt er: “Ok, die andere Moeglichkeit ist, dass wir ihn ein paar Tage hier behalten und alle moeglichen Tests machen, sein Bein auf Eis legen und ihm Medikamente geben.” An seinem Gesicht konnte ich sehn, dass er dachte: “Was fuer eine Geldverschwendung fuer diesen alten unverbesserlichen Saeufer.” Das ist hier ganz entscheidend: Leute, die es selbst schuld sind, z.B. welche, die einen Motorradunfall hatten oder trinken, werden bedeutend schlechter behandelt als solche, die “wirklich krank” sind. Da ich als die “Besitzerin” des alten Mannes mitgekommen war und tatsaechlich die Besitzerin des Geldes bin, das fuer ihn ausgegeben wird, wurde er gar nicht gefragt, es war allen klar, dass ich ueber seine Behandlung zu entscheiden habe.
Waehrend diese ganze Geschichte sich abspielte, war ein staendiges Kommen und Gehen im Behandlungszimmer. Und diesmal kamen wir in den Genuss des absoluten Mangels an Privatsphaere und erfuhren so als erste, dass ein hoher Regionalpolitiker sehr krank ist und sie einen Flugzeugtransport vom Militaerflughafen in Paga nach Kumasi organisierten. Mit diesem Wissen konnte ich dann gleich am naechsten Morgen meinen Assistenten beeindrucken, der dachte, er habe ofenfrische Insiderinfo von seiner Mutter, die Krankenschwester ist. Auch hier gilt: Aller Klatsch und Tratsch kommt zu Eva, obwohl ich mit niemandem verwandt bin und keine lokale Sprache spreche…
Ich beschloss: Ins Bett stecken und untersuchen. Also bekamen wir ein Krankebuch mit einer Liste von Medikamenten, die wir kaufen sollten und lieferten den alten Mann auf der Krankenstation ab. Dann sagte Mary: “Eva, wir muessen seiner Frau Bescheid sagen, dass sie kommen und bei ihm schlafen, ihn pflegen kann.” Also die Frau gefunden, in der Stadt alle Apotheken abgefahren auf der Suche nach den Medikamenten und zurueck zum Krankenhaus. Es stellte sich raus, dass alter Mann und alte Frau nicht mehr miteinander reden und nachdem sie einen Blick auf ihn in seinem Bett geworfen hat, ging sie gleich wieder raus. Im Krankenzimmer gibt es weisse Metalbetten mit duennen Schaumstoffauflagen, im Nebenbett liegt ein alter Mann und stirbt vor sich hin, seine Frau begruesst uns. Der Arzt zaehlt die Medikamente: Vollstaendig. Ich sage meinem alten Mann noch ein paar strenge Worte und wir gehn. Eigentlich haette ich gestern gleich wieder hin gemusst, aber in der Zwischenzeit bin ich selbst ein wenig krank und der Aufenthalt in dieser Art von Krankenhaus ist meinem Gesundungsprozess beileibe nicht zutraeglich.
Aber old man hatte ja diese nervige Weisse dabei: “Doktor, bitte, koennen Sie allein vom angucken sicher sein, dass das keine Elefantitis ist?” Nach einigem hin und her sagt er: “Ok, die andere Moeglichkeit ist, dass wir ihn ein paar Tage hier behalten und alle moeglichen Tests machen, sein Bein auf Eis legen und ihm Medikamente geben.” An seinem Gesicht konnte ich sehn, dass er dachte: “Was fuer eine Geldverschwendung fuer diesen alten unverbesserlichen Saeufer.” Das ist hier ganz entscheidend: Leute, die es selbst schuld sind, z.B. welche, die einen Motorradunfall hatten oder trinken, werden bedeutend schlechter behandelt als solche, die “wirklich krank” sind. Da ich als die “Besitzerin” des alten Mannes mitgekommen war und tatsaechlich die Besitzerin des Geldes bin, das fuer ihn ausgegeben wird, wurde er gar nicht gefragt, es war allen klar, dass ich ueber seine Behandlung zu entscheiden habe.
Waehrend diese ganze Geschichte sich abspielte, war ein staendiges Kommen und Gehen im Behandlungszimmer. Und diesmal kamen wir in den Genuss des absoluten Mangels an Privatsphaere und erfuhren so als erste, dass ein hoher Regionalpolitiker sehr krank ist und sie einen Flugzeugtransport vom Militaerflughafen in Paga nach Kumasi organisierten. Mit diesem Wissen konnte ich dann gleich am naechsten Morgen meinen Assistenten beeindrucken, der dachte, er habe ofenfrische Insiderinfo von seiner Mutter, die Krankenschwester ist. Auch hier gilt: Aller Klatsch und Tratsch kommt zu Eva, obwohl ich mit niemandem verwandt bin und keine lokale Sprache spreche…
Ich beschloss: Ins Bett stecken und untersuchen. Also bekamen wir ein Krankebuch mit einer Liste von Medikamenten, die wir kaufen sollten und lieferten den alten Mann auf der Krankenstation ab. Dann sagte Mary: “Eva, wir muessen seiner Frau Bescheid sagen, dass sie kommen und bei ihm schlafen, ihn pflegen kann.” Also die Frau gefunden, in der Stadt alle Apotheken abgefahren auf der Suche nach den Medikamenten und zurueck zum Krankenhaus. Es stellte sich raus, dass alter Mann und alte Frau nicht mehr miteinander reden und nachdem sie einen Blick auf ihn in seinem Bett geworfen hat, ging sie gleich wieder raus. Im Krankenzimmer gibt es weisse Metalbetten mit duennen Schaumstoffauflagen, im Nebenbett liegt ein alter Mann und stirbt vor sich hin, seine Frau begruesst uns. Der Arzt zaehlt die Medikamente: Vollstaendig. Ich sage meinem alten Mann noch ein paar strenge Worte und wir gehn. Eigentlich haette ich gestern gleich wieder hin gemusst, aber in der Zwischenzeit bin ich selbst ein wenig krank und der Aufenthalt in dieser Art von Krankenhaus ist meinem Gesundungsprozess beileibe nicht zutraeglich.
Dienstag, Mai 16, 2006
Bluehende Geschaefte
Heute bekam ich einen Anruf: Kann Mary fuer eine Hochzeit im August Zitronenkuchen fuer 120 Leute backen und bitte, einer der Kuchen sollte ein dreistoeckiges Herz sein. Waere das moeglich? Und wieviel wuerde das kosten?
Montag, Mai 15, 2006
Dein Chef ist Deine Mama
Das Wochenende habe ich bei den heiligen Affen verbracht, aber davon spaeter. Als ich gestern abend zurueckkam, sagte Mary:
“Der alte Mann (mein Wachmann “Der-nicht-im-Schlamm-versinkt”) ist krank und fragt, ob er zu Hause bleiben und sich pflegen kann.”
“Was hat er?”
“Einen dicken Fuss, sieht aus wie Elephantiasis.”
“Sag ihm, ich moechte, dass er gleich morgen ins Krankenhaus geht und sich testen und verarzten laesst, ich werde das bezahlen.”
Mary guckt mich mit diesem Blick an (ein Blick, der reserviert ist fuer erwachsene Menschen, die man sehr respektiert, die aber einige Sachen viel weniger kapieren, als jedes Kind und dann weiss man nicht, was man sagen soll): “Sister Eva, wenn Du willst, dass er ins Krankenhaus geht, musst Du wohl mitkommen.”
“Ok, Mary, wir gehen morgen zusammen, denn ohne Dich koennen wir uns ja nicht verstaendigen.”
Also hab ich in meinem wunderbaren Medizinbuch nachgelesen (“Where there is no doctor” von David Werner, eines der tollsten Buecher der Welt, voller ekelhafter kleiner Zeichnungen fieser Krankheitssymptome, wie Wuermer, die im Weissen der Augen rumkriechen – Lioasis). Und die sagen: Bancroftian filariasis, durch naechtlichen Moskitobiss uebertragen. Symptome: Schmerzhaftes Anschwellen von Fuss, Bein und Genitalbereich, ab- und anschwellen ueber Monate hinweg, bis die Schwellung permanent wird. Bei naechtlichem Bluttest koennen die jungen Wuermer nachgewiesen werden. Wenn die Krankheit frueh diagnostiziert wird, koennen Medikamente die Wuermer toeten. Wird sie spaeter diagnostiziert “only surgical operations can give some help…” also: koennen nur Operationen eine gewisse Verbesserung bewirken.
Mary sagt heute morgen: “Vielleicht ist es auch etwas anderes, denn der Fuss ist nicht nur geschwollen, old man hat auch noch diese komischen Beulen auf der Haut.”
Wenn er fuer einen Ghanaer arbeiten wuerde oder einfach Bauer waere, wuerde er sich ins Haus setzen und gucken, was passiert. Als ich hier herkam, kannte ich all diese Statistiken darueber, wie viele Leute diese fiesen Krankheiten haben und wie viele daran sterben und hatte Angst um meine eigene Gesundheit. Inzwischen weiss ich, dass ich von den meisten Krankheiten hier so weit weg bin, als waere ich noch in Europa. Aber in den Lehmhaeusern (sowohl in Bolga als auch auf dem Dorf), ist man gesund, solange man gesund ist. Dann ist man krank, solange man krank ist und schliesslich wird man entweder wieder gesund, bleibt krank und schwach oder stirbt. Alles andere ist zu teuer. Und wenn die reiche, gebildete Weisse im Krankenhaus schon angeschnauzt wird, ist das fuer den armen ungebildeten alten Mann ein Ort zu grossen Schreckens.
“Der alte Mann (mein Wachmann “Der-nicht-im-Schlamm-versinkt”) ist krank und fragt, ob er zu Hause bleiben und sich pflegen kann.”
“Was hat er?”
“Einen dicken Fuss, sieht aus wie Elephantiasis.”
“Sag ihm, ich moechte, dass er gleich morgen ins Krankenhaus geht und sich testen und verarzten laesst, ich werde das bezahlen.”
Mary guckt mich mit diesem Blick an (ein Blick, der reserviert ist fuer erwachsene Menschen, die man sehr respektiert, die aber einige Sachen viel weniger kapieren, als jedes Kind und dann weiss man nicht, was man sagen soll): “Sister Eva, wenn Du willst, dass er ins Krankenhaus geht, musst Du wohl mitkommen.”
“Ok, Mary, wir gehen morgen zusammen, denn ohne Dich koennen wir uns ja nicht verstaendigen.”
Also hab ich in meinem wunderbaren Medizinbuch nachgelesen (“Where there is no doctor” von David Werner, eines der tollsten Buecher der Welt, voller ekelhafter kleiner Zeichnungen fieser Krankheitssymptome, wie Wuermer, die im Weissen der Augen rumkriechen – Lioasis). Und die sagen: Bancroftian filariasis, durch naechtlichen Moskitobiss uebertragen. Symptome: Schmerzhaftes Anschwellen von Fuss, Bein und Genitalbereich, ab- und anschwellen ueber Monate hinweg, bis die Schwellung permanent wird. Bei naechtlichem Bluttest koennen die jungen Wuermer nachgewiesen werden. Wenn die Krankheit frueh diagnostiziert wird, koennen Medikamente die Wuermer toeten. Wird sie spaeter diagnostiziert “only surgical operations can give some help…” also: koennen nur Operationen eine gewisse Verbesserung bewirken.
Mary sagt heute morgen: “Vielleicht ist es auch etwas anderes, denn der Fuss ist nicht nur geschwollen, old man hat auch noch diese komischen Beulen auf der Haut.”
Wenn er fuer einen Ghanaer arbeiten wuerde oder einfach Bauer waere, wuerde er sich ins Haus setzen und gucken, was passiert. Als ich hier herkam, kannte ich all diese Statistiken darueber, wie viele Leute diese fiesen Krankheiten haben und wie viele daran sterben und hatte Angst um meine eigene Gesundheit. Inzwischen weiss ich, dass ich von den meisten Krankheiten hier so weit weg bin, als waere ich noch in Europa. Aber in den Lehmhaeusern (sowohl in Bolga als auch auf dem Dorf), ist man gesund, solange man gesund ist. Dann ist man krank, solange man krank ist und schliesslich wird man entweder wieder gesund, bleibt krank und schwach oder stirbt. Alles andere ist zu teuer. Und wenn die reiche, gebildete Weisse im Krankenhaus schon angeschnauzt wird, ist das fuer den armen ungebildeten alten Mann ein Ort zu grossen Schreckens.
Donnerstag, Mai 11, 2006
Der Radiomann ist auf Sendung
… und wir alle hoeren mit offenem Mund zu. Ganz Bolga war sich inzwischen sicher, dass er nur grosse Toene gespuckt hat, er hatte die Stadt verlassen, sein Handy verloren und ploetzlich erzaehlten alle seine Freunde, wie der sowieso noch nie vertrauenswuerdig war. Jetzt spuckt er noch groessere Toene, ich dreh mein Radio ganz laut und freu mich.
Dienstag, Mai 09, 2006
Wir Kreditkartenbetrueger
Ist das Rassismus oder Statistik oder beides? Aus Ghana kann ich mit meiner deutschen Kreditkarte nichts im Internet bestellen. Ghana gilt als unsicheres Land und wenn ich von einem Internet Anschluss hier eine Bestellung aufgebe, sind die Leute in Deutschland sicher, dass ich ein Betrueger bin. Wenn ich sie allerdings anrufe und sie mein suesses Deutsches Stimmchen hoeren, wissen sie, ich bin ein guter Mensch und meine Kreditkarte gehoert mir selbst und tippen in ihren deutschen Computer alle Details, die sie brauchen. Wehe, wenn ich ein Ghanaer waere. Mein Assistent klagt daraufhin: Das sind alles die Nigerianer schuld. Diese ganzen Kreditkartenbetrueger sind doch Nigerianer, die vorgeben Ghanaer zu sein… So viel zum Thema Statistik und Rassismus.
Montag, Mai 08, 2006
Die Kranken Haeuser
Ich bin immer noch unglaublich gesund aber trotzdem hat es mich in den letzten Wochen ab und an in Bolgas Krankenhaus verschlagen: Beim Ausgehn aufgesammelte Motorradunfaelle, naechtlich akkut werdende Malaria einer Kanadierin ohne Auto, der Unfall des Bruders der Freundin einer Freundin…
Wie ist das? Es stinkt nicht. Es hat einen sehr ausfuehrlichen ausgefeilten buerokratischen Prozess, bei dem man immer wieder zurueck zum Kassenhaeuschen muss, um zu bezahlen und dann mit einem Zettelchen zum naechsten Behandler geschickt wird. Es ist sehr langsam und alle sind sehr unhoeflich.
Aerzte schicken uns ins Labor, als wir reinkommen bruellt der Laborchef grade durchs Wartezimmer: “Aha! Schwangerschaftstest!” Damit es alle hoeren. Das junge Maedchen wuerde erroeten, wenn es nicht so schwarz waere. Dabei kaut er unentwegt berauschende Kolanuesse und hat gelbe Kolaknuesel zwischen den schlechten Zaehnen. Stromausfall, der Laborchef schmeisst alle raus: “Kommt zurueck, wenn wieder Strom da ist.” Dann kriegt man einen Schmierzettel mit Ergebnissen, z.B. + + + , den zeigt man dem Arzt, der eine Behandlung anordnet und einen rausschmeisst. Keine Erklaerung. Auf dem Flur hoere ich, eine Schwester das Maedchen mit dem Schwangerschaftstest anschnauzt: “So. Schwanger! Wegmachen oder Behalten?”
Der Bruder der Freundin meiner Freundin ist nachts ohne Helm mit dem Motorrad verunglueckt, lag ein paar Stunden im Graben, bis sie ihn fanden, wurde bewusstlos ins Krankenhaus transportiert und niemand wusste, wer er war. Schliesslich erkannte ihn eine der Schwestern und benachrichtigte die Familie. Als die am naechsten Tag kamen, lag der Junge so da, wie sie ihn gefunden hatten, in Blut und Schmutz und Bewusstlosigkeit.
Das ist hier normal, alles, was ueber Klemptnerarbeit am Koerper hinausgeht, ist Sache der Familie, also verbringt irgendein Familienmitglied die Tage zwischen Krankenhaus und Kueche, bereitet Essen zu, waescht den Kranken, pflegt ihn und laesst sich von den Schwestern anranzen. Der Bruder ist schliesslich wieder aufgewacht und beginnt langsam, sich an sein Leben vor dem Unfall zu erinnern. Sie vermuten einen Schaedelbruch, koennen in Bolga aber keine weiteren Untersuchungen vornehmen. Wenn die Familie 5 Mio Cedis (500 Euro) zusammenkratzen koennte, haetten sie einen Krankenwagen nach Kumasi bezahlen koennen, wo es bessere medizinische Geraete gibt. Da das viel zu viel Geld ist, hatten sie nun geplant, den Jungen gemeinsam mit seiner Schwester in ein Trotro (Kleinbus mit lebenden Ziegen auf dem Dach) zu verfrachten. Letztlich hat Debbie sich wohltaetig erwiesen und ihrer Freundin ihr Auto geliehen.
Unsere Putzfrau kam heute in ihrer besten Sonntagskleidung zur Arbeit und hatte ein Maedchen im Kirchenkleid mit zugeschwollenen Augen im Schlepptau. Ihre Tochter, mit der sie heute ins Krankenhaus gehen wollte. Aufgeputzt, in der Hoffnung, so von den “Offiziellen” ordentlicher behandelt zu werden. Die Leute hier finden das unerquicklich aber normal, wie schlecht sie im Krankenhaus behandelt werden. Ein Freund sagt: “Manchmal schlagen die Schwestern die Patienten auch…. Zum Beispiel wenn die ihre Pillen nicht nehmen…”
Wie ist das? Es stinkt nicht. Es hat einen sehr ausfuehrlichen ausgefeilten buerokratischen Prozess, bei dem man immer wieder zurueck zum Kassenhaeuschen muss, um zu bezahlen und dann mit einem Zettelchen zum naechsten Behandler geschickt wird. Es ist sehr langsam und alle sind sehr unhoeflich.
Aerzte schicken uns ins Labor, als wir reinkommen bruellt der Laborchef grade durchs Wartezimmer: “Aha! Schwangerschaftstest!” Damit es alle hoeren. Das junge Maedchen wuerde erroeten, wenn es nicht so schwarz waere. Dabei kaut er unentwegt berauschende Kolanuesse und hat gelbe Kolaknuesel zwischen den schlechten Zaehnen. Stromausfall, der Laborchef schmeisst alle raus: “Kommt zurueck, wenn wieder Strom da ist.” Dann kriegt man einen Schmierzettel mit Ergebnissen, z.B. + + + , den zeigt man dem Arzt, der eine Behandlung anordnet und einen rausschmeisst. Keine Erklaerung. Auf dem Flur hoere ich, eine Schwester das Maedchen mit dem Schwangerschaftstest anschnauzt: “So. Schwanger! Wegmachen oder Behalten?”
Der Bruder der Freundin meiner Freundin ist nachts ohne Helm mit dem Motorrad verunglueckt, lag ein paar Stunden im Graben, bis sie ihn fanden, wurde bewusstlos ins Krankenhaus transportiert und niemand wusste, wer er war. Schliesslich erkannte ihn eine der Schwestern und benachrichtigte die Familie. Als die am naechsten Tag kamen, lag der Junge so da, wie sie ihn gefunden hatten, in Blut und Schmutz und Bewusstlosigkeit.
Das ist hier normal, alles, was ueber Klemptnerarbeit am Koerper hinausgeht, ist Sache der Familie, also verbringt irgendein Familienmitglied die Tage zwischen Krankenhaus und Kueche, bereitet Essen zu, waescht den Kranken, pflegt ihn und laesst sich von den Schwestern anranzen. Der Bruder ist schliesslich wieder aufgewacht und beginnt langsam, sich an sein Leben vor dem Unfall zu erinnern. Sie vermuten einen Schaedelbruch, koennen in Bolga aber keine weiteren Untersuchungen vornehmen. Wenn die Familie 5 Mio Cedis (500 Euro) zusammenkratzen koennte, haetten sie einen Krankenwagen nach Kumasi bezahlen koennen, wo es bessere medizinische Geraete gibt. Da das viel zu viel Geld ist, hatten sie nun geplant, den Jungen gemeinsam mit seiner Schwester in ein Trotro (Kleinbus mit lebenden Ziegen auf dem Dach) zu verfrachten. Letztlich hat Debbie sich wohltaetig erwiesen und ihrer Freundin ihr Auto geliehen.
Unsere Putzfrau kam heute in ihrer besten Sonntagskleidung zur Arbeit und hatte ein Maedchen im Kirchenkleid mit zugeschwollenen Augen im Schlepptau. Ihre Tochter, mit der sie heute ins Krankenhaus gehen wollte. Aufgeputzt, in der Hoffnung, so von den “Offiziellen” ordentlicher behandelt zu werden. Die Leute hier finden das unerquicklich aber normal, wie schlecht sie im Krankenhaus behandelt werden. Ein Freund sagt: “Manchmal schlagen die Schwestern die Patienten auch…. Zum Beispiel wenn die ihre Pillen nicht nehmen…”
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