Dienstag, Juni 20, 2006

Ich bin nicht wirklich boese...

Zum Thema Grossproduktion, Schmerzen und Armut sollte ich zu meiner eigenen Ehrrettung vielleicht hinzufuegen: Ich bezahle meine Angestellten sehr grosszuegig, etwa doppelt so viel wie lokal akzeptabel ist. Und es ist aeusserst ungewoehnlich, dass ich Mary einen so grossen Kredit ohne jegliche Zinsen gebe. Und den Arzt bezahle, der meines Wachmanns dicken Fuss wieder duenn macht oder Maries schmerzhaften Zahn zieht.

Montag, Juni 19, 2006


Die nicht in Ouaga 2000 wohnen Posted by Picasa

Ouaga 2000: Das Paris Afrikas Posted by Picasa

Ouaga 2000: Wir muessen leider draussen bleiben Posted by Picasa

Ouaga 2000 Posted by Picasa

Ouaga 2000, Zukunft bauen Posted by Picasa

Ouaga 2000 in Entwicklung Posted by Picasa

Ouaga 2000

Die wichtigen Leute in Burkina sind mit ihrer Hauptstadt nicht mehr zufrieden und haben beschlossen, sich eine neue zu bauen. Suedlich von Ouagadugu bauen sie nun Ouaga 2000. Alle Afrikaner, denen ich diese Fotos zeige, sind begeistert von der Schoenheit dieser Stadt der Zukunft. Ich bin vor ein paar Wochen durch diese leeren Strassen gefahren, im BBC Radio kam eine Diskussion ueber vorsichtig hoffnungsvolle Entwicklungen in Afrikas Oekonomien, und mitten waehrend des Fahrens bin ich mal wieder in meine Radiotraenen ausgebrochen. Es gibt nichts, was mich so leicht zum Heulen bringt, wie Hoffnung im Radio. Jedes Jahr zum Tag des Mauerfalls heul ich zum begeisterten Geschrei in der deutschen Botschaft in Prag. Inzwischen reicht es schon, dass ich von dem Radiogeschrei erzaehle und ich bekomm feuchte Augen wie der Pavlowsche Hund.

Aber zurueck nach Burkina - in dieses Land, dass so viel aermer ist als Ghana. Mitten im vertrockneten Land, neben Lehmhuetten mit nichts nichts nichts, wachsen nun Palaeste mit hohen Mauern und kleinen Fenstern aus dem Sand. Auf den Strassen keine Menschen ausser vereinzelten Wachmaennern, kein Leben, keine Geschaefte, ab und zu ein fettes Auto.

In einem marktwirtschaftlichen System soll man sich darueber freuen, dass einzelne Menschen es schaffen, so reich zu werden und daran glauben, dass das zur allgemeinen Entwicklung beitraegt. Diese Freude wird ein wenig getruebt in einer von oben bis unten korrupten Zweiklassengesellschaft, in der Tonnen von Entwicklungsgeldern ins Land reingekippt werden aber irgendwie nicht unten ankommen, bei denen, deren Lehmhuetten im Weg sind.

Grossproduktion mit Schmerzen

Bevor ich Bolga verliess, bin ich mit Mary zum Schmied gefahren, der einen grossen schoenen Profi-Ofen im Angebot hatte. Der sieht aus wie ein Metallschrank mit Glasfenster, unten kann man zwei Kohlenschuesseln reinstellen, ausserdem gibt es einen Gas-Anschluss, fuer den Fall dass das guenstiger ist. Die Kiste kostet 4 Millionen (ca 400 Euro) und Mary hat beschlossen, dass sie mir allen Gewinn der Baeckerei gibt, bis der Kredit abgezahlt ist, eine Haelfte ihres Gehaltes weiterhin zum Sparen zur Bank bringt und von den uebrigen 200 000 (20 Euro) sich selbst und ihre Mutter ueber den Monat bringen will.

Eine weit verbreitete Definition von Armut ist: Weniger als 1 US $ am Tag ausgeben koennen. Eine andere ist: Mehr als 80% des verfuegbaren Einkommens fuer Essen ausgeben. 20 Euro, 30 Tage, 2 Leute... Ich frage sie, wie sie das schaffen will. Sie will am Anfang des Monats das Essen kaufen, das sie dann im Laufe des Monats aufessen.

Sonntag, Juni 18, 2006

Lady Petite

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Petit

Auf franzoesisch bedeutet "petit" klein. Da die Amis den Franzosen zwar nicht trauen, dennoch davon ausgehn, dass alles Franzoesische irgendwie rafinierter ist, sagen sie petit, wenn sie zierlich meinen.

Da die Menschen und demnach auch ihre Kleidung hier unglaubliche Ausmasse annehmen, war ich begeistert, im Klamottengeschaeft die "petit"-Abteilung mit Sondergroessen zu finden.

Leider bedeutet "petit" auf Marketingamerikanisch einfach nur kurzbeinig - unabhaengig vom Umfang dieser Beine. Kurzbeinig bin ich ja ebenfalls, wobei sich mein Hintern jedoch hoechstens ganz knapp in eine franzoesische Vorstellung von zierlich zwaengen laesst.

Im Umkleidekabinengang, eingezwaengt zwischen kurzbeinigen Wuchtbrummen, musste ich einsehen, dass ebenselber Hintern viel zu klein ist, um petit zu sein und die ganzen schoenen kurzbeinigen Anzuege hingen an mir wie Saecke.

Freitag, Juni 16, 2006

Essen. Immer wieder Essen.

Ich nehme alles Boese, was ich je ueber Essen in den USA gesagt habe, zurueck. Sitze in meinem Buero, das zugegebenermassen den Charme eines fensterlosen Schuhkartons (Kinderschuhe) hat und esse mit Gaensehaut der Begeisterung frische Him und Blaubeeren, die nach Waldspaziergang am Morgen schmecken. Inzwischen lebe ich lange genug in der afrikanischen Kleinstadt, dass meine Zunge irre wird, wenn etwas anders schmeckt, als das, was auf dem Bolga Markt verkauft wird.

Mittwoch, Juni 14, 2006

Hauptstadt der Welt

Meine lieben und besorgten Freunde und Leser. Dieser Blog ist ganz kurz und knapp, um Euch folgendes mitzuteilen: Ich habe mal wieder einen Flug ueberlebt (nein, sogar zwei) und bin sicher und wohlbehalten in Washington angekommen, wo die Musik spielt.

Montag, Juni 12, 2006

Ich hab die Musik bestellt...

Wir sollten alle nicht sonderlich erstaunt sein, schliesslich heissen sie "wilde Jungs" und nicht, sagen wir mal, "verantwortungsvolle Staatsbuerger". Ich war mit dem Rest meines Lebens zu beschaeftigt, um Euch Schritt fuer Schritt auf dem Laufenden zu halten, deshalb gibt es nur eine Zusammenfassung der Reaggea Band Entwicklung.

Nachdem ich ueber sie geschrieben habe und das ein oder andere Instrument angeboten bekam, hatte ich unkoordinierten Kontakt mit einzelnen Mitgliedern dieser sogenannten Gruppe, bekam einen handgeschriebenen Antrag, in dem sie beschreiben, wie sie seit 4 Jahren eine Band ohne Instrumente sind und begann schliesslich still und leise, meinen Rueckzug zu planen. Warum? Weil ich mir vorstellte, was passiert, wenn ich mit einer Floete und einer Triangel in Bolga ankomme und der Streit beginnt. Einer nach dem anderen versuchten sie mich zu ueberzeugen, dass sie der wichtigste zentrale Punkt dieser Band sind. Jonny ging sogar so weit, zu behaupten, dass er alle Instrumente spielt, waehrend die anderen 6 alle nur singen koennen. Als ich vorsichtig andeutete, dass ich zwar die Instrumente besorgen koennte, aber kein Geld uebrig hab, den Transport zu bezahlen, wurden die Anrufe und Nachfragen schliesslich weniger draengend. Also, meine lieben Freunde, herzlichen Dank fuer Eure Bereitschaft, die wilden Jungs zu unterstuetzen. Ich sag Euch Bescheid, wenn sie aufwachen und anfangen, es ernst zu meinen.

Sonntag, Juni 11, 2006

Auf vielfachen Wunsch hab ich den Zettel mit meinen Reisedaten unter meinem Autositz wiedergefunden. Fuer alle, die mich lieben, aber leider nicht am 13. Juni zwischen 6 und 12 in Amsterdam sein koennen, um mit mir einen Kaffee zu trinken, gibt es folgende Alternative:

Nach meinem Abflug in Ghana 12. Juni und meiner Ankunft in Washington 13. Juni und meinem Abflug aus Washington 26. Juni, komme ich am Dienstag 27. Juni in Amsterdam an. Von da aus hoffe ich einen Schlenker zur Schwester und dem hollaendischen Meer einzufuegen, um danach (wann? Na eben danach) mit Salz auf meiner Haut in Dueren einzufahren. Am Anfang der darauf folgenden Woche (ab 3. Juli) muss ich zwei oder drei Tage in einem Buero bei Stuttgart verbringen (hallo meine Sueddeutschen Freunde!!!), um schliesslich wieder nach Hause (Dueren) und dann am 9. Juli von Amsterdam wieder nach anderes Hause (Ghana) zu reisen. Also, noch mal fuer Kurzsichtige: Eva ist zwischen 27. Juni und 9. Juli in Europa.

Sonntag, Juni 04, 2006

Paris

Nu bin ich also wieder im Paris Afrikas. Meine treuen Leser wissen, dass das Ouagadugu ist, die Hauptstadt Burkina Fasos. Der einzige Franzoesisch sprechende Fahrer, den ich in Bolga kenne, ist kurzfristig ausgefallen und so musste ich die schwere Last selbst auf mich nehmen, meinen Boss gestern zum Flughafen zu fahren, den Nachmittag am Pool zu verschlunzen, mit meiner englischen Nachbarin zum Schneider zu gehn fuer die Anprobe ihres Hochzeitskleides, vor dem Supermarkt im gekuehlten Auto und unter neugierigen Blicken Schwarzbrot und frischen Ziegenkaese zu verschlingen, die vermutlich beste Pizza Westafrikas als zweites Abendessen hinterher zu schieben und literweise echten Kaffee zu trinken. Ach, das Leben ist ganz schoen hart zu mir...

Dienstag, Mai 30, 2006

Eva in Ghana

Mein Computer ist kaputt, ich bin internetbehindert, alle Bosse zu Besuch also keine neuen Blogs. Dafuer aber die Versicherung: Nach meinem Aufenthalt in Washington werde ich Ende Juni Anfang Juli fuer zwei Wochen in Deutschland sein. Da kann ich Buecher tanken und alle alle sehen. Oder zumindest fast alle.

Mittwoch, Mai 24, 2006

Dreckiges Mehl – Dirty Flour

So nennen die Leute ein Mischung aus geroesteten und gemahlenen Sojabohnen, Maiskoernern und Erdnuessen. Daraus machen sie im Krankehaus einen Brei, mit dem sie Kinder mit Eiweissmangel (Hungerbauch) aufpaeppeln. Meine wunderbare Mary bringt immer mal wieder neues Essen mit ins Haus und zeigt es mir. Als sie mir gestern ihr dreckiges Mehl zeigte, hab ich sie gebeten, daraus ein Brot fuer mich zu backen (gemischt mit Weizenmehl, um sicher zu sein, dass es gelingt). Marys Kommentar zu dem Ergebnis: “Looks like the one from the German flour I last bake for you (sieht aus wie das aus dem deutschen Mehl – Graubrot Backmischung – das ich letztens fuer Dich gebacken hab)”

Und tatsaechlich, das ist das erste Brot aus lokalen Zutaten, das tatsaechlich aussieht wie Graubrot. So ein leicht braeunliches Grau und ein suesslicher Beigeschmack wie Brot, das mit Melasse oder so gefaerbt wurde. Ich denke, da schmeckt man das Roesten der Zutaten. Eine etwas broeseligere Krume als deutsches Graubrot und natuerlich nicht aus Sauerteig sondern normalem Hefeteig. Wie auch immer, ich bin begeistert, besonders fuer uns Vegetarier, die hier schwer genug Eiweiss kriegen, ist das der Aufbruch in ein neues Brot-Universum. Und wie es sich fuer einen guten Drogendealer gehoert, werde ich das Brot in Scheibchen schneiden und fuer umsonst an meine Freunde verteilen. Mit dem freundlichen Hinweis, wo sie groessere Mengen kaeuflich erwerben koennen.

Dienstag, Mai 23, 2006

81 Eier

denk ich. 81 Eier. Einatmen. 81 Eier. Ausatmen. 81! Eier!

So viele werden wir verbacken fuer Marys Hochzeitskuchenbestellung. Ich laechele selbstbewusst und beruhige sie. Als wuesste ich, wie man Kuchen fuer 120 Gaeste backt, oder haette das je getan. Schliesslich ist das meine Aufgabe hier, selbstbewusst laecheln und so aussehn als wuesste ich, was ich tu.

Und dann mit nervoesen Fingern einen Blog schreiben und meine Freunde fragen: Hat das von Euch schonmal jemand gemacht? Das Rezept ist ein einfacher stabiler Zitronenruehrkuchen (27 Zitronen) mit schoener bunter Glasur. Meine Frage ist: Koennen wir den Teig komplett zusammen anruehren?

Knapp 5 Kilo Mehl. Gut 4 Kilo Zucker und ebensoviel Margarine. 27 Teeloeffel Backpulver und ebensoviele Prisen Salz. Oder tut das pure Gewicht dieser Masse dem Teig was an und der faengt an, sich komisch zu benehmen? Mein Kochbuch sagt, ein durchschnittliches Ei wiegt 52g, also kommt zu dieser ganzen Masse noch 1,4 kg Ei. Ich rechne das alles aus, waehren die diesen Blog schreibe und merke durch einfache Addition, dass es unwahrscheinlich ist, dass wir 15 kg Teig auf einmal in Marys Waschbasin zusammenruehren.

Ich aendere meine Frage: Was meint Ihr, was sind vernuenftige Teigportionen, die wir aus einmal anruehren koennen?

Sonntag, Mai 21, 2006

Die wilden Jungs wollen Reaggea-Stars werden

Und wenn man sich die Idee mal durch den Kopf gehen laesst, ist sie viel weniger spinnert, als es zunaechst scheint. Unsere Marktanalyse zeigt, dass es in dieser Region viel Naehstuben, Bars und Friseursalons gibt, aber keine Tanzband. Das erstaunt ein wenig, denn Ausgehn und Tanzen sind die einzigen gut entwickelten Freizeitaktivitaeten in Bolga und Umgebung.

Ich hab einige der Jungs oft genug beobachtet, wie sie die Bar aufmischen und das Haus rocken und hab gedacht: Junge, Du brauchst ne Buehne, diese Kneipe ist zu klein fuer Dich. Und ich hab dabei gesessen, wie sie an der Ecke vorm Buedchen sassen und mit zwei Stimmen und vier Handen auf die Holzbank trommelnd eindrucksvolle Nachbarschaftsreaggeakonzerte fuer die Saufkumpanen und jedermanns Wachmaenner gaben.

Wir fassen zusammen: Die Jungs haben
• Den Willen
• Das musikalische Talent
• Die Buehnenpersoenlichkeiten
die sie zur Verwirklichung dieses Plans brauchen.

Also haben sie jetzt eine Band gegruendet und sind bereit, gross durchzustarten. Hm, beinah. Ein kleines Detail haben wir wohl uebersehn. Es handelt sich um eine Band ohne Instrumente.

Vor Monaten hab ich in einer schwachen Stunde versprochen: Wenn Ihr Euch zusammenrauft und organisiert, bin ich bereit, Euch zu helfen. Ich kann Eure Geschichte ins Internet stellen und meine Freunde fragen, ob sie ungenutzte Instrumente, Mischpulte, Mikros im Keller haben, die sie beisteuern wollen. Und vielleicht gibt es unter meinen Lesern auch die ein oder andere verwandte Seele, die Euch weitergehend unterstuetzen moechte, die mehr vom Musik-Business versteht oder die Leute kennt, die ihr braucht.

Heute schickten sie mir einen Abgesandten im Sonntagsstaat, der fragte, ob das Angebot noch besteht. Also hab ich gesagt: Wenn Ihr mir bis Freitag was Schoenes schreibt, das die Herzen meiner Freunde beruehrt – nicht blos ne Einkaufsliste – dann stell ich’s fuer Euch ins Internet und wenn ich im Juli nach Hause fahre, kann ich sehn, ob das was gebracht hat, ob ich Euch was mitbringen kann.

(Ach ja: sie wissen, wie man diese Instrumente spielt. Nur erlaubt ihnen ihr Leben momentan nicht, welche zu erwerben. Sie waren schonmal im Studio, haben jeder fuer sich ein wenig produziert, aber dann kann wohl wieder das Leben dazwischen...)

Freitag, Mai 19, 2006

Jet Set

Auf dem Weg nach Washington werde ich am 13. Juni von 6 Uhr morgens bis fuenf vor eins mittags in Amsterdam am Flughafen sitzen und Kaffee trinken. Ob wohl einer der Menschen, die ich liebe, da sein wird, damit wir ein paar Stunden da sitzen koennen, als wohnte ich um die Ecke? Das waere so schoen.

Donnerstag, Mai 18, 2006

Kroetenlied und Kroetenreigen

Wie mein Freund Felix weiss, ist es zum Ueberleben in der Fremde (und auch in der Naehe) manchmal unerlaesslich, dass man sich selbst einen Witz erzaehlt und dann allein herzhaft darueber lacht. Noch besser ist, und das wusste schon Didi Hallervorden, Held unserer Kindheit, der gespielte Witz. Ich bin mit all dem Krankenhauschaos und meiner generellen Unfaehigkeit fuers organisatorische Detail seit Tagen nicht dazu gekommen, neue Stromeinheiten zu kaufen und weiss, dass irgendwann heute nacht die letzte Einheit verbraucht sein wird. Deshalb versuche ich, so sparsam wie moeglich zu sein, damit ich wenigstens noch bis zum Einschlafen lesen kann. Also keine Musik. Obwohl ich mir doch zur koerperlichen Ertuechtigung und zum seelischen Ausgleich angewoehnt habe, zu afrikanischer Musik wild durchs Wohnzimmer zu tanzen. In meiner unertuechtigten Frustration hoere ich ploetzlich, wie rhythmisch die Kroeten bloeken und gebe mir selbst hoechst eine eindrucksvolle Vorstellung afrikanischen Ausdruckstanzes zum Kroetensang. Ich sollte rausgehn und den Kroetenmusikern Geldscheine auf die nasse Stirn druecken, wie es hier ueblich ist, wenn man mit Musikanten besonders zufrieden ist.

Besser sehn mit Eva

Vielleicht gefaellt Euch diese kurze Notiz aus meinem Krankenhaus besser: Als ich heute auf den Oberarzt wartete, sprach mich ein junger Arzt an und erzaehlte, dass er fuer die Augenabteilung zustaendig war. ENDLICH treffe ich also den, der schon ein Jahr auf die Brillen wartet (ohne es zu wissen), die ich vor meiner Abreise gesammelt habe. Wir freuen uns beide, er verspricht Augentests in Schulen zu organisieren, die Brillen an die passenden Augen zu verteilen und ganz herzzerreissende Fotos davon zu machen und ich verspreche, diese Fotos ins Internet zu stellen, damit all meiner Freunde Herzen zerrissen werden und sie fuer Nachschub sorgen.

Mittwoch, Mai 17, 2006

Kein Zuckerschlecken

Ihr habt wahrscheinlich langsam genug von Krankenhausgeschichten. Das kann ich gut verstehen, ich naemlich auch. Aber meine Eltern haben mir beigebracht, dass man zu Ende bringen muss, was man einmal angefangen hat. Falls Ihr eine weniger gute Erziehung habt, steht es Euch natuerlich frei, diesen blog zu ueberspringen und darauf zu warten, dass ich wieder von Kuchen schreibe.

Gestern hab ich eigene Krankheit vorgeschoben. Heute den ganzen Tag gearbeitet. Aber schliesslich nach Feierabend wusste ich, ich bin dran. Also hab ich Mary abgeholt und bin mit ihr ins Krankenhaus gefahren. Aus irgendeinem Grund roch die Station bei diesem Besuch intensiv nach Exkrementen. Als wir das Krankenzimmer betraten sahen wir den Grund. Wo vorher ausser unserem nur ein einziger anderer stiller Mann auf seinem Bett dahinsiechte, herrschte jetzt Gedraenge. Alle zehn Betten mit leidenden duennen alten Maennern gefuellt und von Verwandten umgeben, einer stoehnte unentwegt und wand sich in Schmerzen, einer so mager und reglos, dass er aussah, als sei er laengst verhungert, einer machte die ganze Zeit so eigenartig zuckende Bewegungen mit dem Kopf, dass Mary meinte: “Mit dem stimmt irgendwas nicht.” Was fast schon wieder lustig war, denn natuerlich waere er nicht hier, wenn nichts mit ihm nicht stimmte. Auf dem Weg durch dieses Krankenzimmer versuchte ich strikt, nur meinen alten Mann anzusehn, der mit seinem dicken Fuss und Grinsen so wunderbar gesund und munter wirkte.

Seine Frau sagte, der Oberarzt habe schon nach mir gefragt und ausserdem haetten sie beim alten Mann viele Bluttests gemacht. Die Ergebnisse hat die Krankenschwester dann verschusselt, weshalb die gleichen Tests morgen nochmal vorgenommen werden muessen. Also hab ich versprochen, morgen vormittag vorbeizukommen und die Dinge in die Hand zu nehmen. Hoffentlich kann ich die Gelegenheit nutzen, um meine Freundschaft mit Herrn Oberarzt zu festigen, denn der ist nicht nur charmant, sondern scheint auch kompetent und verantwortungsvoll. Und hier muss man Freundschaften schliessen, wenn man nichts braucht, dann weiss man, an wen man sich spaeter wenden kann, wenn man in Not ist. Er hat in Bulgarien studiert und ich hab ihm erzaehlt, wie sehr meine Eltern das Land lieben. Da sieht man doch gleich, wie viel wir gemeinsam haben, oder?

Eine Kuh macht Muh, viele Kuehe machen Muehe Posted by Picasa

Selber schuld

Vorgestern kam der alte Mann mittags angehumpelt und dann sind Mary, er und ich ins Krankenhaus gefahren. Das erste, was der Arzt zum alten Mann sagte, war: “Wann hoerst Du endlich auf, Schnaps zu trinken?” So war denn auch die erste Diagnose: “Dickes Bein und hoher Blutdruck wegen Sauferei und damit hoeren diese Kerle eh nicht auf. Der soll nach Hause gehn, sein Bein hochlegen und nicht trinken, dann wird alles gut. Ansonsten ist er’s selbst schuld (die Schwestern lachen). Der Naechste bitte.”

Aber old man hatte ja diese nervige Weisse dabei: “Doktor, bitte, koennen Sie allein vom angucken sicher sein, dass das keine Elefantitis ist?” Nach einigem hin und her sagt er: “Ok, die andere Moeglichkeit ist, dass wir ihn ein paar Tage hier behalten und alle moeglichen Tests machen, sein Bein auf Eis legen und ihm Medikamente geben.” An seinem Gesicht konnte ich sehn, dass er dachte: “Was fuer eine Geldverschwendung fuer diesen alten unverbesserlichen Saeufer.” Das ist hier ganz entscheidend: Leute, die es selbst schuld sind, z.B. welche, die einen Motorradunfall hatten oder trinken, werden bedeutend schlechter behandelt als solche, die “wirklich krank” sind. Da ich als die “Besitzerin” des alten Mannes mitgekommen war und tatsaechlich die Besitzerin des Geldes bin, das fuer ihn ausgegeben wird, wurde er gar nicht gefragt, es war allen klar, dass ich ueber seine Behandlung zu entscheiden habe.

Waehrend diese ganze Geschichte sich abspielte, war ein staendiges Kommen und Gehen im Behandlungszimmer. Und diesmal kamen wir in den Genuss des absoluten Mangels an Privatsphaere und erfuhren so als erste, dass ein hoher Regionalpolitiker sehr krank ist und sie einen Flugzeugtransport vom Militaerflughafen in Paga nach Kumasi organisierten. Mit diesem Wissen konnte ich dann gleich am naechsten Morgen meinen Assistenten beeindrucken, der dachte, er habe ofenfrische Insiderinfo von seiner Mutter, die Krankenschwester ist. Auch hier gilt: Aller Klatsch und Tratsch kommt zu Eva, obwohl ich mit niemandem verwandt bin und keine lokale Sprache spreche…

Ich beschloss: Ins Bett stecken und untersuchen. Also bekamen wir ein Krankebuch mit einer Liste von Medikamenten, die wir kaufen sollten und lieferten den alten Mann auf der Krankenstation ab. Dann sagte Mary: “Eva, wir muessen seiner Frau Bescheid sagen, dass sie kommen und bei ihm schlafen, ihn pflegen kann.” Also die Frau gefunden, in der Stadt alle Apotheken abgefahren auf der Suche nach den Medikamenten und zurueck zum Krankenhaus. Es stellte sich raus, dass alter Mann und alte Frau nicht mehr miteinander reden und nachdem sie einen Blick auf ihn in seinem Bett geworfen hat, ging sie gleich wieder raus. Im Krankenzimmer gibt es weisse Metalbetten mit duennen Schaumstoffauflagen, im Nebenbett liegt ein alter Mann und stirbt vor sich hin, seine Frau begruesst uns. Der Arzt zaehlt die Medikamente: Vollstaendig. Ich sage meinem alten Mann noch ein paar strenge Worte und wir gehn. Eigentlich haette ich gestern gleich wieder hin gemusst, aber in der Zwischenzeit bin ich selbst ein wenig krank und der Aufenthalt in dieser Art von Krankenhaus ist meinem Gesundungsprozess beileibe nicht zutraeglich.

Dienstag, Mai 16, 2006

Bluehende Geschaefte

Heute bekam ich einen Anruf: Kann Mary fuer eine Hochzeit im August Zitronenkuchen fuer 120 Leute backen und bitte, einer der Kuchen sollte ein dreistoeckiges Herz sein. Waere das moeglich? Und wieviel wuerde das kosten?

Montag, Mai 15, 2006

Dein Chef ist Deine Mama

Das Wochenende habe ich bei den heiligen Affen verbracht, aber davon spaeter. Als ich gestern abend zurueckkam, sagte Mary:

“Der alte Mann (mein Wachmann “Der-nicht-im-Schlamm-versinkt”) ist krank und fragt, ob er zu Hause bleiben und sich pflegen kann.”
“Was hat er?”
“Einen dicken Fuss, sieht aus wie Elephantiasis.”
“Sag ihm, ich moechte, dass er gleich morgen ins Krankenhaus geht und sich testen und verarzten laesst, ich werde das bezahlen.”
Mary guckt mich mit diesem Blick an (ein Blick, der reserviert ist fuer erwachsene Menschen, die man sehr respektiert, die aber einige Sachen viel weniger kapieren, als jedes Kind und dann weiss man nicht, was man sagen soll): “Sister Eva, wenn Du willst, dass er ins Krankenhaus geht, musst Du wohl mitkommen.”
“Ok, Mary, wir gehen morgen zusammen, denn ohne Dich koennen wir uns ja nicht verstaendigen.”

Also hab ich in meinem wunderbaren Medizinbuch nachgelesen (“Where there is no doctor” von David Werner, eines der tollsten Buecher der Welt, voller ekelhafter kleiner Zeichnungen fieser Krankheitssymptome, wie Wuermer, die im Weissen der Augen rumkriechen – Lioasis). Und die sagen: Bancroftian filariasis, durch naechtlichen Moskitobiss uebertragen. Symptome: Schmerzhaftes Anschwellen von Fuss, Bein und Genitalbereich, ab- und anschwellen ueber Monate hinweg, bis die Schwellung permanent wird. Bei naechtlichem Bluttest koennen die jungen Wuermer nachgewiesen werden. Wenn die Krankheit frueh diagnostiziert wird, koennen Medikamente die Wuermer toeten. Wird sie spaeter diagnostiziert “only surgical operations can give some help…” also: koennen nur Operationen eine gewisse Verbesserung bewirken.

Mary sagt heute morgen: “Vielleicht ist es auch etwas anderes, denn der Fuss ist nicht nur geschwollen, old man hat auch noch diese komischen Beulen auf der Haut.”

Wenn er fuer einen Ghanaer arbeiten wuerde oder einfach Bauer waere, wuerde er sich ins Haus setzen und gucken, was passiert. Als ich hier herkam, kannte ich all diese Statistiken darueber, wie viele Leute diese fiesen Krankheiten haben und wie viele daran sterben und hatte Angst um meine eigene Gesundheit. Inzwischen weiss ich, dass ich von den meisten Krankheiten hier so weit weg bin, als waere ich noch in Europa. Aber in den Lehmhaeusern (sowohl in Bolga als auch auf dem Dorf), ist man gesund, solange man gesund ist. Dann ist man krank, solange man krank ist und schliesslich wird man entweder wieder gesund, bleibt krank und schwach oder stirbt. Alles andere ist zu teuer. Und wenn die reiche, gebildete Weisse im Krankenhaus schon angeschnauzt wird, ist das fuer den armen ungebildeten alten Mann ein Ort zu grossen Schreckens.

Donnerstag, Mai 11, 2006

Der Radiomann ist auf Sendung

… und wir alle hoeren mit offenem Mund zu. Ganz Bolga war sich inzwischen sicher, dass er nur grosse Toene gespuckt hat, er hatte die Stadt verlassen, sein Handy verloren und ploetzlich erzaehlten alle seine Freunde, wie der sowieso noch nie vertrauenswuerdig war. Jetzt spuckt er noch groessere Toene, ich dreh mein Radio ganz laut und freu mich.

Dienstag, Mai 09, 2006

Wir Kreditkartenbetrueger

Ist das Rassismus oder Statistik oder beides? Aus Ghana kann ich mit meiner deutschen Kreditkarte nichts im Internet bestellen. Ghana gilt als unsicheres Land und wenn ich von einem Internet Anschluss hier eine Bestellung aufgebe, sind die Leute in Deutschland sicher, dass ich ein Betrueger bin. Wenn ich sie allerdings anrufe und sie mein suesses Deutsches Stimmchen hoeren, wissen sie, ich bin ein guter Mensch und meine Kreditkarte gehoert mir selbst und tippen in ihren deutschen Computer alle Details, die sie brauchen. Wehe, wenn ich ein Ghanaer waere. Mein Assistent klagt daraufhin: Das sind alles die Nigerianer schuld. Diese ganzen Kreditkartenbetrueger sind doch Nigerianer, die vorgeben Ghanaer zu sein… So viel zum Thema Statistik und Rassismus.

Montag, Mai 08, 2006

Die Kranken Haeuser

Ich bin immer noch unglaublich gesund aber trotzdem hat es mich in den letzten Wochen ab und an in Bolgas Krankenhaus verschlagen: Beim Ausgehn aufgesammelte Motorradunfaelle, naechtlich akkut werdende Malaria einer Kanadierin ohne Auto, der Unfall des Bruders der Freundin einer Freundin…

Wie ist das? Es stinkt nicht. Es hat einen sehr ausfuehrlichen ausgefeilten buerokratischen Prozess, bei dem man immer wieder zurueck zum Kassenhaeuschen muss, um zu bezahlen und dann mit einem Zettelchen zum naechsten Behandler geschickt wird. Es ist sehr langsam und alle sind sehr unhoeflich.

Aerzte schicken uns ins Labor, als wir reinkommen bruellt der Laborchef grade durchs Wartezimmer: “Aha! Schwangerschaftstest!” Damit es alle hoeren. Das junge Maedchen wuerde erroeten, wenn es nicht so schwarz waere. Dabei kaut er unentwegt berauschende Kolanuesse und hat gelbe Kolaknuesel zwischen den schlechten Zaehnen. Stromausfall, der Laborchef schmeisst alle raus: “Kommt zurueck, wenn wieder Strom da ist.” Dann kriegt man einen Schmierzettel mit Ergebnissen, z.B. + + + , den zeigt man dem Arzt, der eine Behandlung anordnet und einen rausschmeisst. Keine Erklaerung. Auf dem Flur hoere ich, eine Schwester das Maedchen mit dem Schwangerschaftstest anschnauzt: “So. Schwanger! Wegmachen oder Behalten?”

Der Bruder der Freundin meiner Freundin ist nachts ohne Helm mit dem Motorrad verunglueckt, lag ein paar Stunden im Graben, bis sie ihn fanden, wurde bewusstlos ins Krankenhaus transportiert und niemand wusste, wer er war. Schliesslich erkannte ihn eine der Schwestern und benachrichtigte die Familie. Als die am naechsten Tag kamen, lag der Junge so da, wie sie ihn gefunden hatten, in Blut und Schmutz und Bewusstlosigkeit.

Das ist hier normal, alles, was ueber Klemptnerarbeit am Koerper hinausgeht, ist Sache der Familie, also verbringt irgendein Familienmitglied die Tage zwischen Krankenhaus und Kueche, bereitet Essen zu, waescht den Kranken, pflegt ihn und laesst sich von den Schwestern anranzen. Der Bruder ist schliesslich wieder aufgewacht und beginnt langsam, sich an sein Leben vor dem Unfall zu erinnern. Sie vermuten einen Schaedelbruch, koennen in Bolga aber keine weiteren Untersuchungen vornehmen. Wenn die Familie 5 Mio Cedis (500 Euro) zusammenkratzen koennte, haetten sie einen Krankenwagen nach Kumasi bezahlen koennen, wo es bessere medizinische Geraete gibt. Da das viel zu viel Geld ist, hatten sie nun geplant, den Jungen gemeinsam mit seiner Schwester in ein Trotro (Kleinbus mit lebenden Ziegen auf dem Dach) zu verfrachten. Letztlich hat Debbie sich wohltaetig erwiesen und ihrer Freundin ihr Auto geliehen.

Unsere Putzfrau kam heute in ihrer besten Sonntagskleidung zur Arbeit und hatte ein Maedchen im Kirchenkleid mit zugeschwollenen Augen im Schlepptau. Ihre Tochter, mit der sie heute ins Krankenhaus gehen wollte. Aufgeputzt, in der Hoffnung, so von den “Offiziellen” ordentlicher behandelt zu werden. Die Leute hier finden das unerquicklich aber normal, wie schlecht sie im Krankenhaus behandelt werden. Ein Freund sagt: “Manchmal schlagen die Schwestern die Patienten auch…. Zum Beispiel wenn die ihre Pillen nicht nehmen…”

Dame vor Elefantenlandschaft Posted by Picasa

Sonntag, Mai 07, 2006

Nehmt die Waesche von der Leine, der Kackmann kommt!

Mein Geburtstag begann damit, dass um viertel nach sechs der kleine Kackmann kam. Leider hatte er letztes Mal uebersehen, dass die Experten, die mein Abwassersystem gebaut haben, einen fetten Flatsch Zement mitten in den Abfluss gesetzt haben. Kein Wunder wenn das immer wieder verstopft. Waehrend ich mir also vom Kackmann Vorwuerfe dafuer anhoeren musste, dass ich immer Toilettenpapier in die Toilette werfe (warum heisst das verdammte Zeug so?!), kam Michael, der versoffene Gaertner mit dem abgeschnittenen Ohr mit ein paar Buescheln Zitronengras, die er in meinen Garten pflanzen wollte. Dritter Versuch, zweimal sind sie schon eingegangen. Was nicht viel macht, denn, obwohl ich gegen Zitronengras nichts einzuwenden hab, hab ich auch niemals geaeussert, dass ich welches braeuchte. Aber irgendwie fand ich das den richtigen Moment, ihm nochmal mitzuteilen, dass ich keinen Gaertner braeuchte. Denn je laenger ich hier wohne, desto mehr Leute erzaehlen mir: Genialer Gaertner, arbeitet hart, saeuft wie ein Loch und ist unertraeglich wenn besoffen…

Dann bin ich zur Arbeit gefahren, wo mein Assistant mir mitteilte, dass er einen neuen Wachman gefunden hat. Ich hab den Assistenten zum Postfach geschickt und ihm gesagt, dass er nicht wiederkommen braucht, wenn er keine Geburtstagspakete fuer mich findet. Ein Glueck, dass meine Mitarbeiter mich nicht ernst nehmen, sonst waere ich noch dazu meinen wunderbaren Assistenten losgeworden. Aber er kam ganz frech trotzdem zurueck. Nachmittags rief meine Mutter an und sagte: Grade jetzt bist Du geboren worden, mein Engel.

Mein Tagwerk beendete ich damit, dass ich meinen alten Nachtwaechter rausschmiss und einen neuen anstellte. Der alte hatte sich vor Ostern eine Nacht freigefragt, aus der fast eine ganze Woche wurde, waehrend ich selbst und Mary verreist waren und der arme alte “der nicht im Schlamm versinkt” (Tagwachmann) war ganz allein mit der Verantwortung und dem Haus. Dann hat sich der Wachmann wortreich entschuldigt, mich um einen weiteren Vorschuss auf seinen Lohn angebettelt, nur um am naechsten Abend voll wie eine Haubitze bewusslos auf seinen Wachmannstuhl zu sinken.

Ich hatte ihm nach seiner ersten Show das Konzept von “Jeder kriegt EINE Chance” zu erklaeren versucht. An seinem geschockten Gesicht gestern konnte ich sehen, dass er das Konzept nicht verstanden hatte. Das mag ein interkulturelles Missverstaendnis sein, aber wenn ich ausseh wie ne Deutsche und bezahle wie ne Deutsche und immer so freundlich zu Dir bin und Dich nicht wie Dreck behandle, nur weil Du in der Hierarchie unter mir stehst… naja, wie auch immer, trotzdem musste ich dann erstmal heulen, waehrend ich auf meinen neuen Wachmann wartete. Dann schnell die Augen gewischt, mein Geburtstagsglitzertop uebergeworfen, neuem Watchman mein Haus gezeigt und zu der wunderbaren Debbie gefahren, die extra auf dem Markt nach Kartoffeln gesucht hatte fuer mein Geburtstagsessen, Kuchen ausgepustet, Gin getrunken und klein gefeiert. Gross gefeiert wird morgen. Ohne Kackmann.

Freitag, Mai 05, 2006


Die fiese Huehnerkrankheit soll nun schon Burkina erreicht haben, wo dieses Foto herstammt. Mein Ghanaischer Freund Amadu raet ganz pragmatisch: Wenn die Krankheit in den Federn haengt, muss man die Viehcher halt an den Fuessen packen und kopfueber in kochendes Wasser halten... Posted by Picasa

Donnerstag, Mai 04, 2006

Prinzessinnenwetter

Die Regenzeit kuendigt sich zart und verlockend an. Wir hatten die ersten Gewitter. Die knochentrockene Erde ist schon nach zwei Regennaechten mit einem gruenen Grasflaum gepolstert, vor meiner Haustuer waelzen sich 13 neugeborene Schweinchen uebergluecklich in einer frischen Pfuetze und wir haben Hoffnung, dass es bald kuehler wird. Das Problem ist nur: Solange die Regenzeit nicht richtig angefangen hat, kuendigt sich ein Regenguss damit an, dass er besonders heiss wird, dann regnets und danach wird es wieder besonders heiss. Und um ehrlich zu sein, an den Tagen, an denen es nicht regnet, kuendigt sich der Nachmittag damit an, dass es richtig heiss wird (vielleicht 45 Grad…) und die Nacht zeichnet sich dadurch aus, dass es auch nicht wirklich abkuehlt. Mein Klima-Anlage kuehlt das Buero heute auf kuschlige 33 Grad runter… zumindest solange kein Stromausfall ist und solange der hauseigene Wackelkontakt nicht zuschlaegt. Es ist so wunderbar, dass dies mein zweites Jahr hier ist und ich weiss, dass die Erloesung nicht lange auf sich warten lassen wird. Letztes Jahr um diese Zeit war ich noch davon ueberzeugt, dass das 12 Monate lang gleich bliebe.

Mittwoch, Mai 03, 2006

Besser vermeiden

Hier kommen jetzt zwei Sachen, die nichts mit Ghana zu tun haben. Aber einiges damit, wie ich besser arbeite und vielleicht ist das ja fuer den ein oder anderen von Euch auch interessant, und vielleicht wollt Ihr auch so wahnsinning toll werden wie ich. Im Dezember habe ich das wunderbare englische Wort Procrastination gelernt. Ich bin immer wieder erstaunt, wie man etwas machen kann, ohne seinen Namen zu kennen. Inzwischen bin ich mit einer Kanadierin, die im gleichen Buerogebaeude arbeitet, ueberein gekommen, dass wir die Ghanaische Section von Procrastination International gruenden werden (oder war es Procrastinators Anonymus?). Nur leider sitzen wir schon seit Monaten an der Formatierung der Statuten dieser wichtigen Organisation, so dass die Gruendung wohl noch ein paar Jahre dauern koennte. Der Fehler sitzt im System, denn procrastination heisst verzoegern, verschludern, den Kopf in den Sand stecken, sich in Unwichtigkeiten verstricken und hoffen, dass sich die meisten Probleme durch Liegenlassen loesen…

Gelernt hab ich das Wort bei dem Vortrag einer Zeitmanagement-Trainerin in Washington, die groesstenteils Kram erzaehlt hat, den ich in Ghana definitiv nicht anwenden kann (keine Zeit mit Gruessen verschwenden etc…). Aber eine Sache hab ich dabei gelernt, die super ist: Eine differenzierte To-Do-List machen. Diese Liste hat vier Kategorien fuer alles, was zu tun ist:
1. Wichtig und draengend
2. Wichtig und hat Zeit
3. Weniger wichtig und draengend
4. Weniger wichtig und hat Zeit
Wenn ich so eine Liste mache, seh ich meistens, dass ich mich am liebsten Dingen aus Kategorie 4 widme. Zum Beispiel Euch einen Blog ueber Vermeidungstaktiken schreiben. Waehrend meine Finanzabrechnung beileibe weniger Sex-Appeal hat. Und wie Ihr seht, haelt mich diese Liste nicht immer davon ab, weniger wichtige und weniger draengende Sachen zu tun. Aber wenigstens bin ich mir dessen dann bewusst und bemueh mich, die nur zu tun, wenn ich’s mir zeitmaessig leisten kann und bei 1 und 2 schon was erreicht hab.

Das zweite, was mir dabei hilft immer superer zu werden, ist www.wikipedia.com. Das ist die tollste Seite im Internet. Vielleicht kennt die ausser mir jeder. Dann koennt Ihr ueber mich lachen. Ansonsten koennt Ihr da hingehn und in einem staendig wachsenden interaktiven Online-Lexikon alles lernen. Und da das so gut und verlinkt und ausfuehrlich ist, eignet es sich natuerlich auch hervorragend fuer procrastination.

Statussymbol Beinhaar

Gestern schaute Mary auf meine schlecht rasierten Beine und meinte. Komisch, wir wollen Haar und ihr rasiert es ab. Warum sie Haar wollen? Weil sie weniger haben. Mary sagt: Im kuehleren (reicheren) Sueden haben die Frauen mehr Haare auf den Beinen. Aber hier ist es zu heiss. Und ausserdem, wenn Du arm bist und auf dem Feuer kochen musst, brennen Deine Beinhaare immer ab. Also kann ich endlich aufhoeren mit Beine rasieren, damit alle sehn, dass ich reich genug bin, auf Gas zu kochen! Und dass ich aus einem sehr kalten sehr reichen Land komme.

Freitag, April 28, 2006


Freude durch Kraft! Dosenkaese von Geschmack und Konsistenz eines Qualitaetsfensterkits Posted by Picasa

Eva in Ghana

So, jetzt ist aber mal Schluss mit Kroeten, Geckos, Ameisen und anderem Kleinvieh. Dieses Wochenende geh ich mir Elefanten ansehn. Da weiss man wenigstens, was man hat. Die gehn nicht so schnell kaputt und wenn die quaken hoerts der ganze Dschungel. Ist Euch schon mal aufgefallen, dass Dschungel so aussieht wie Duschgel? Und ausserdem, falls Ihr’s nicht wisst, Elefanten quaken nicht und leben auch nicht im Dschungel sondern in der Savanne. So, jetzt hab ich’s mir aber mal gezeigt. Eindeutig Zeit fuer ein langes Wochenende mit Buch im Busch.

Wohin? In den Mole National Park. Was insofern seltsam ist, dass "Mole" auf Englisch lauter Sachen bedeutet, die es da sicher nicht gibt: Maulwurf, Muttermal (Hallo!? Die sind alle von oben bis unten schwarz!), Spion oder Hafenmauer. Ich werde weiteres herausfinden.

Der Kuehlschrank meiner kanadischen Nachbarn in Bolga empfielt, zu leben, bis einem die Traenen kommen und schliesst sich damit der Anweisung eines gewissen Herrn Camus an Posted by Picasa

Wonach mein Herz schmerzt Posted by Picasa

Patriotisches und gottesfuerchtiges Naehgeschaeft mit Namen: "Gott wird's schon richten" Posted by Picasa

Donnerstag, April 27, 2006

Eva in Ghana

Wir muessen leider draussen bleiben
Ich weiss ja nicht, was ich eigentlich geschrieben habe. Aber nach wiederholten Ekelausrufen meiner Leser, muss klargestellt werden, auch wenn sie weiter an meine Tueren klopfen: Kroeten kommen bei mir nicht ins Haus. Die Aufforderung “Haut den Kroeten auf die Kloeten!” gilt zwar uneingeschraenkt, aber zu finden sind sie nur draussen am Wasserhahn neben meiner Kuechentuer… Und dann war ich auch noch so gemein und hab den Klemptner gebeten, meine offene Kanalisation zu schliessen. Jetzt roehren die unterirdischen Kroeten in meinen Abflussrohren mit formidabler Akustik den wenigen verbliebenen oberirdischen Bruedern und Schwestern ihre patriotischen Reden zu… (Von wegen Wiedervereinigung und "Evas Garten -einig Kroetenland")

Dienstag, April 25, 2006

Lachen (zuerst und zuletzt) ist am besten

(Fortsetzung der Unfallstory mit anderen Mitteln) Eben war ich bei den Automaennern, um die Delle in meinem Auto entfernen zu lassen. Als ich da anfuhr, hatten sie grade das Auto meines Unfallpartners an den Baum gekettet und hantierten daran rum. Ich fuhr ein, schnell war das andere Auto weggeschoben und meins am gleichen Platz. Ich hatte in meinem knallroten Anzug grade auf dem angebotenen Stuehlchen Platz genommen und den Jungs mit wilden Gesten den Unfallhergang geschildert, als der Master etwas auf Frafra sagte, was vermutlich mit “Verflixt!” uebersetzt werden muss.

Auftritt: Besitzer des anderen Autos.

Der war schon morgens nicht wirklich freundlich gewesen. Jetzt gruesste er knapp und fing dann an, auf Frafra mit dem Meister zu schimpfen. Was mir danach uebersetzt wurde als Beschwerde darueber, dass sein Auto schon den ganzen Tag da steht und noch immer nicht repariert ist und nur weil ich Solemia (Weisse) bin, wird sein Auto zur Seite geschoben und meins bevorzugt. Wortwechsel hin und her, schliesslich sprang Mr. Wichtig wieder in sein (anderes) Auto und dueste ab. Mit der Drohung, um sechs wiederzukommen, um das bis dahin reparierte Auto abzuholen.

Dann gings erst richtig los. Die Jungs uebersetzten. Ereiferten sich! Fanden ihn unverschaemt! Erst demoliert er mein Auto und dann beschwert er sich auch noch! Genau, sag ich, kein einziges Mal hat er sich entschuldigt! Warum bist Du nicht mit ihm zur Polizei gegangen? Der haette doch fuer den ganzen Schaden zahlen muessen! (Ja, das war mir im Laufe des Tages auch schon erklaert worden) Ach, Polizei ist doch Zeitverschwendung! Der denkt, der ist so ein grosser Mann! Ja, nur weil er fuer den Regionalminister arbeitet! Krakeel! Juhuuu! Haemmer Haemmer! So ein aufgeblasener Bloedmann!

Jeder, der neu dazukam, kriegte die Geschichte in Frafra erzaehlt und ich nickte dazu, als ob ich jedes Wort verstuende. Ha! Genau! Das geht leichter, weil sie genuegend englische Stichwoerter einwerfen. Irgendwann palaverten sie irgendwas ueber die Bezahlung. Da dachte ich, was solls: Hoer ma, ich krieg aus dem ja niemals das Geld fuer meine Reparatur raus, warum kannst Du meine Rechnung nicht besonders billlig machen und das alles bei dem Spinner draufschlagen? Keine Sorge, machen wir…

Nach einer Stunde war alles behaemmert und mein Auto fertig. Master sagt: Ok. Fuer Dich besonders billig 50 000 (5 Euro), den Rest zahlt der da. Eva sagt: Ach weisst Du was, warum laesst Du ihn die 50 nicht auch noch zahlen. Master: Ja, Du hast recht, schoenen Tag noch.

Seitdem kann ich nicht aufhoeren zu lachen. Sagte ich schon, dass ich voll auf Automechaniker steh?

Keine Motorradfahrer totfahren

Damit habe ich heute meinen Morgen verbracht. Und das war nicht leicht. Waehrenddessen ist mir ein Auto hintendrauf gefahren, denn ich konnte nur vermeiden, die Motorradfahrer zu ueberfahren, indem ich ploetzlich bremste. Und mir wurde wieder klar, dass man Motorradfahrer hier am besten in die gleiche Kategorie einordnet wie Ziegen: Kleine freche Dinger, die keine Ahnung von Verkehrsregeln haben, nicht auf hupen reagieren und ohne Vorwarnung aus jeder undenkbaren Richtung auf die Strasse geschossen kommen. Nachdem es geknallt hatte, drehten sich meine Ziegen schnell um, sahen den Schaden und machten, dass sie davon kamen. Natuerlich hab ich mir, waehrend ich mich bemuehte, sie nicht zu toeten, nicht ihr Nummernschild gemerkt.

Als ich anhielt, um meinem Unfallpartner zu begegnen, erinnerte ich mich an noch etwas: Du musst sofort und sehr ueberzeugend anfangen, auf die zu schimpfen, die Schuld sind und das sind immer die anderen. Eine halbe Sekunde sagte ich “tut mir leid” und war kurz davor, wie ein zitterndes kleines Maedchen zu reagieren, das Mitleid erweckt. Zum Glueck hab ich mich wieder gefangen und gemeinsam mit allen Zuschauern laut auf die Motorradfahrer geschimpft. Denn damit war klar, dass die den Schaden uebernehmen muessten. Wenn sie denn zu kriegen waeren. Also zahlt jeder selbst. Hoffe ich. Ich hab einen kleinen Kratzer hinten am Auto, der andere Mann hat einen kaputten Scheinwerfer und eine zerbeulte Motorhaube. Und ich hab einen Kloss im Bauch - aber fuer den muss keiner zahlen.

Ein Unterschied zwischen Ziegen und Motorradfahrern: Alle Autofahrer hier sagen mir eindringlich, dass man fuer Kleinvieh keinen Unfall riskiert. Man bremst, wenn alles frei ist, aber niemals weicht man aus. Zu viele Leute haben sich schon wegen Perlhuehnern umgebracht

Montag, April 24, 2006


Freunde mit Bauch Posted by Picasa

Die Bank im Bauch des Freundes

Einer der wilden Jungs hat ein Commcenter eroeffnet. Das ist so ein Laden, wo man telefonieren, Telefonkarten kaufen und was weiss ich sonstnoch kann. Da der oft nicht genug Geld fuer eine einzelne Zigarette hat, hab ich mich schon gewundert… Vor ein paar Tagen sprach ich dann mit einem der gesitteten jungen Maennern (ja, mein Freundeskreis ist vielfaeltig) und der erzaehlte mir: “Als wir (wilder Kerl und ich) vor zehn Jahren zusammen zur Schule gingen, ging es seiner Familie noch viel besser und meiner viel schlechter als heute. Wenn er Geld hatte, hat er oft mein Essen mitbezahlt. Das vergess ich ihm nicht. Mir tut das weh, zu sehn, dass es ihm jetzt schlecht geht. Also hab ich ihm bei diesem Geschaeft geholfen.”

Auf den ersten Blick scheint das immer so sinnlos, wenn die Leute ihr Geld verschwenden, sobald sie welches haben. Wenn Geld reinkommt, werden alle Freunde zum Saufen eingeladen, dieser und jener kriegt einfach ein paar Scheine in die Hand gedrueckt, das Geld muss wieder unter die Leute. Familien ruinieren sich halb, um zu Beerdigungen die ganze Nachbarschaft fuenf Tage abzufuellen und zu verkoestigen.

Andererseits: Warum soll man die paar Scheine auf die Bank tragen, wo sie wie tot rumliegen, bis man sie wieder abhebt? In dieser kleinen Stadt, begegnet Dir jeder immer wieder. Und jeder, dessen Bauch Du mal gefuellt hast, kann irgendwann vielleicht Deinen fuellen.

Als ich hier ankam, war ich beeindruckt aber auch nervoes wegen der Hilfsbereitschaft meiner neuen Freunde. Weil ich dachte, die wuerden sehr bald handfeste Gegenleistungen erwarten. Inzwischen weiss ich, das geht nicht Auge um Auge. Das ist eher wie saeen und wachsen lassen, manche gute Tat wird einem direkt vergolten, andere gehn im Kreis rum, eh sie wieder bei Dir ankommen.

Mittwoch, April 19, 2006

One man chop – Accra go hear (Ein Mann isst – Accra wird’s hoeren)

Es war einmal ein Wachmann in Sandema. So beginnt die Geschichte, die zu diesem Sprichwort gehoert. Der sah Nacht fuer Nacht Maenner mit Geld ins Buero gehn, wo sie das dann untereinander aufteilten. Der Wachmann konnte zwar nicht lesen und schreiben, aber irgendwann wurde es ihm zu bunt, er suchte sich einen Freund der ihm einen Brief schrieb. Den schickte er an die Bosse in Accra, die ihre Buchpruefer nach Sandema schickten, wo daraufhin ein Reihe von Leuten ihre Jobs und ihr ergaunertes Geld verloren.

Wenn das hier eine Pruefung waere, wuerde ich hier etwas Platz lassen fuer die Antwort auf die Frage: Und was ist die Moral von der Geschichte?

In den Antworten kaeme wahrscheinlich viel Mut und Anstaendigkeit und aufrechter Gang vor. Und wie ein einzelner Mensch sich dem korrupten System entgegenstellt.

Mir wurde die Geschichte von meinem Assistenten erzaehlt und die Moral gleich mitgeliefert: Die Maenner haben es nicht anders verdient, weil sie den Wachmann so gering schaetzten, dass sie ihm nichts von dem Geld abgeben wollten. Und so hat ganz Accra gehoert, dass ein Mann in Sandema nichts zu Essen bekam.

Mittwoch, April 12, 2006

In der Fremde tot sein

Wenn jemand hier aus Binduri fern im Sueden stirbt, kann sich die Familie meist nicht leisten, die Leiche nach Hause zu holen. Dann hoffen sie, dass die vielen Brueder, die ebenfalls zum Arbeiten weggegangen sind, den Toten da unten wuerdevoll bestattet. Die Beerdigungsfeier findet hier trotzdem statt. Ins Grab kommen ein paar Sachen des Verstorbenen und ein Ei.

Maenner und Maenner

Im Moment ist es Tag und Nacht unglaublich heiss. Als ich gestern Abend von Debbie aufbrach, sassen die drei Nachbarjungs – alle Mitte 20 - zusammen auf einer Matraze vor ihrem Haus. Weil es drinnen einfach zu stickig ist.
“Schlaft Ihr alles zusammen auf einer Matraze?”
“Ja, wir haben nur eine.”
“Das ist ja eng. Und heiss. Schubst Ihr einander im Schlaf nicht gegenseitig runter?”
“Klar, die Staerksten schieben den Schwaechsten weg. Das bin dann ich.”
Aber hier geht nicht um Armut, sondern um Kuscheligkeit zwischen jungen Maennern.

So sagt mir ein anderer junger Mann, dass er mit seinem besten Freund wie Ehemann und Ehefrau zusammenlebt. Das heisst nicht: Wir sind ein schwules Paar. Sondern: Wir wohnen in einem Haus, einer kocht und putzt, der andere repariert alles, was kaputt ist und wir schlafen im gleichen Bett. Woher ich weiss, dass die beiden im gleichen Bett schlafen? Wir diskutierten den Nutzen von Moskito-Netzen und als Ehemann sagte: “Eigentlich hast Du recht, ich werde mir auch eins besorgen.” sagte Ehefrau: “Ach nee, das ist immer so heiss…”

Viele unverheiratete Maenner, die ich kenne, haben einen besten Freund, der so wichtig ist, wie die beste Freundin eines 14jaehrigen Maedchens bei uns. Die reden und reden und reden; laufen Hand in Hand in der Stadt rum und schlafen wie Loeffelchen.

Dienstag, April 11, 2006


Ungestupste Saeue Posted by Picasa

Armes Schwein

Manchmal, wenn ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause fahre, reizt es mich so ungemein, gegen eines der alten Hausschweine zu fahren, die sich auf meiner Strasse rumtreiben. Nein, ich moechte dem Schwein beileibe nichts tun und esse auch weiterhin vegetarisch. Nur frage ich mich, wie sich dieses stumpfe Glumpf anfuehlen wuerde, wenn ich das Tier mit meinem Auto nur mal so anstupsen wuerde. Ganz sanft.

Kennt Ihr das? Diesen unwiederstehlichen Wunsch, mit dem Finger so lange am Wackelpudding fuer die Gaeste rumwackeln, bis die glatte Oberflaeche reisst. Oder: Einmal nur eine Wassermelone vom Dach runterschmeissen. Fuer den scharfen Moment, wo gruen mit einem Knall rosa wird und in der Gegend rumspritzt. Oder bei Ommaausgeich an Ostern ein hartgekochtes Ei an die Wohnzimmerwand werfen – einfach fuer die Freude daran, etwas zu tun, was doch unmoeglich ist. Und das Ergebnis gleich auf der Hand liegen zu haben.

Freitag, April 07, 2006


Marys Pizza Party auf Evas neuem Sofa (Mary in der Mitte) Posted by Picasa

Donnerstag, April 06, 2006


Maedchen in Tongo Posted by Picasa

Worte sind Schall und Rauch

Seit einem Jahr suche ich nach Worten, die Lehm und Wasser sind, damit meine Kollegen in Deutschland und Amerika verstehen, wie kleine und grosse Daemme, Wasserpumpen und Weltwassertagsfeiern in Bolgatanga und Umgebung aussehen.

Jetzt hab ich’s endlich eingesehen (s.o. Rauch und so) und eine Bildergalerie ins Internet gesetzt, damit sie nachgucken koennen. Da ich als evainghana nicht ueber meine Arbeit schreibe, wisst Ihr auch nicht, wie Daemme usw. funktionnieren. Also seid Ihr herzlich eingeladen, auf http://wateringhana.blogspot.com einen Blick darauf zu werfen.

Auf dieser Seite hingegen werde ich weiterhin Sachen erzaehlen, die nichts mit meiner Arbeit zu tun haben. Zum Beispiel von der Waisenmaedchenschule, die von anglikanischen Ex-Nonnen geleitet wird und wo Aids-Waisen, die es in keiner Schule schaffen wuerden, naehen und kochen lernen. Damit sollen sie danach in der Lage sein, sich ein kleines eigenes Einkommen zu verschaffen.

Meine kanadische Mitbewohnerin hat da drei Monate als Naehlehrerin gearbeitet und dadurch ein ganz anderes Bild von Bolga bekommen, als ich mit meinen Beamten-Kollegen und Bauunternehmer-Freunden. Gestern erzaehlte sie von zwei Maedchen, mit denen sie sich angefreundet hat, die letztes Jahr da zur Schule gegangen sind. Nun haben die Ex-Nonnen sie gewarnt: Das sind schwierige Maedchen und ausserdem Diebe. Immer, wenn wir Kochunterricht hatten, haben sie danach alles aufgegessen, statt es auf der Strasse zu verkaufen, um einen kleinen Profit zu machen. Und einmal haben wir sie im Schrank sitzend gefunden. Da hatten sie Mehl geklaut, dass sie sich haendeweise in den Mund stopften.

Die meisten Maedchen in dieser Schule kommen vom Dorf. Nach dem Tod der Eltern an Aids werden sie aus dem Dorf gejagt, denn diesen 13, 14, 15jaehrigen Maedchen haengt nun der Ruf an, ihre eigenen Eltern verhext oder vergiftet zu haben. Viele von ihnen sind selbst infiziert. Einige haben kleine Kinder. Die Ghanaischen Lehrerinnen duerfen nicht wissen, dass sie Aids-Waisen sind, sonst wuerden sie sich weigern, weiter zu unterrichten. Die eine Mehldiebin hat noch Familie in Bolga, ihre Mutter und eine Schwester, beide sind geistig zurueckgeblieben und arbeiten auf dem Markt in Bolga als Huren.

Mittwoch, April 05, 2006


Debbies Dieb beim Hausbau Posted by Picasa

Montag, April 03, 2006

Feste wie sie fallen

Am Sonntag sagte Mary: Am dritten April bin ich ein Jahr in Deinem Haus. Meine Reaktion hat mich so an meine Mutter erinnert, die zu unseren Geburtstagen immer ausfuehrlich den Geburtsprozess der jeweiligen Tochter nacherzaehlt. Ein Glueck, dass ich Mary nicht gebaeren musste, nur treffen. Morgen werden wir Pizza backen und das Jubilaeum feiern.

Der kleine Kackmann

Dies ist kein feministisches Pamphlet sondern eine Berufsbeschreibung. “Kinder, holt die Waesche von der Leine, macht die Fenster zu, der Kackmann kommt!” Seit einiger Zeit erfreut mich meine Toilette regelmaessig mit umgekehrter Flussrichtung und praesentierte mir Western von Gestern, gut durchgezogen und geruchsintensiv. Zuerst hatte ich Mary im Verdacht: Warum zieht die nicht ab, wenn sie mein Klo benutzt und was fuer eine krasse Verdauung muss sie haben…

Gestern hab ich dann meinen Hausmeister gefragt: Kann es sein, dass mein Klotank voll ist? Wir haben hier ein zweigleisiges Abwassersystem. Das Wasser von Waschbecken und Duschen fliesst durch Rohr und kleines Kanaelchen aufs Nachbargrundstueck, wo es versickert. Das Toilettenwasser sickert durch mehrere Betonkammern bis es schliesslich in ein kleines abgedecktes Schwimmbecken fliesst, wo es sich sammelt. Ist der Pool voll, ruft man die grossen Kackmaenner mit dem Pumplastwagen. Wir haben gestern alle Deckel angehoben und rausgefunden: Der Pool ist erst halbvoll, aber die Zwischenkammern sind mit getrocknetem (und darum zunaechst geruchslosem) Exkrement verstopft. Da muss der kleine Kackmann ran. Das ist ein Maennlein das aussieht wie der aeltere Bruder meines Tagwaechters (Mehlsackfoto rechts). Seine Arbeitskleidung ist zerlumpt und sein Gesicht verbraucht von Kacke und Schnaps. Er spricht kein Englisch, so dass die Preisverhandlungen alle mit Uebersetzung laufen. Wir sagen, der Preis ist zu hoch und er macht komplizierte Ausfuehrungen, bei denen er das Gesicht verzieht und seine Nase zuhaelt.

Bei Handwerkern muss man normalerweise das Material im Voraus bezahlen, weil niemand das Kapital hat, das vorzustrecken. Bei groesseren Bauauftraegen freuen sie sich auch, wenn man ihnen “Motivation” bezahlt, also einen Teil der Arbeitskosten im Voraus. Der kleine Kackmann bittet um 20 000 Schnapsgeld im Voraus, denn ohne Abatashi (dem billigsten, fiesesten lokal gebrauten Fusel) kann man diese Arbeit nicht tun, der Schnaps verhindert, dass sich einem der Magen umdreht. Ich sage: Wenn ich 20 000 Abatashi trinken wuerde, waere ich sofort tot. Ich weiss den Preis nicht genau, aber 1cl kostet vielleicht 500… Sie lachen und beruhigen mich, dass er nicht in die Schnapsbar geht um sich zu betrinken, sondern die Flasche mitbringt und Schluck fuer Schluck sueffeln wird, wenn der Gestank unertraeglich wird.

Freitag, März 31, 2006

An oder aus (lachen)

Als ich in Lueneburg studierte, bin ich manchmal Sonntags mit Buch an den Stint gegangen, hab mich in ein Cafe gesetzt und in Ruhe und ungestoert den Morgen vertroedelt. Dann bin ich nach Bochum gezogen, wo ich gerne Sonntags morgens allein ins Bermuda Dreieck ging. Waehrend ich auf mein Fruehstueck wartete und in meinem Buch blaetterte, hab ich die Irren vom Nachbartisch kennengelernt, vom weissen Magier, der voll enthusiastischem Abscheu von Sado-Maso-Sex anderer Leute redete, bis zum Kopierladenbesitzer, der von der Moehre an sich fasziniert war und den ganzen Raum mit seinem Lachen zum Platzen bringen konnte.

Auch in Bolga treibt es mich an stillen Sonntagen aus dem Haus, mich treiben zu lassen und zu sehn, was der Tag bringt. Letzten Sonntag ging ich um die Ecke zum Haus des Radiomanns um zu sehn, ob er immer noch verreist ist. Als keiner auf mein Klopfen antwortete, sprach mich ein Nachbar an: Wen suchst Du? Also hab ich mich in ein Gespraech treiben lassen, dann “Do you care for some water? (Haettest Du gerne Wasser?)” in seinen Innenhof, dann kamen auch noch seine Freunde und schliesslich haben wir lang und breit palavert: Ueber Toilettengewohnheiten der ganzen Welt (Ghanaer kacken oeffentlich in gemischten Gruppen, waehrend Deutsche nichtmal davon reden duerfen), Fussballweltmeisterschaft (Deutschland als Gastgeber gewinnt und wir erlauben Ghana gnaedig, zweite zu werden) und Haussa-Unterricht (Pascal ist Lehrer und seine Mutter kommt aus Nigeria, also kann er mir die Sprache beibringen).

Als ich nach Hause kam, hab ich Debbie gleich ganz begeistert erzaehlt, wie super das ist, neue Ghanaische Freunde zu finden, die alle anstaendige Jungs sind (fuer’s Ausgehen mit den wilden Kerlen bin ich auf die Dauer doch nicht robust und bescheuert genug) und nicht auf der Jagd nach einer weissen Frau. Als ich ein kleines Kind war, fragte eine unbekannte Tante in Geich mal: Lachst Du mich an oder lachst Du mich aus? Damals verstand ich das nicht. Letzten Sonntag haette ich Debbie diese Frage stellen sollen.

Im Laufe dieser Woche stellte sich dann heraus, dass sie natuerlich Recht hatte, mich auszulachen. Mein neuer Haussa-Lehrer rief mich gleich Sonntag Abend an, um anzukuendigen: “Das ist jetzt mein regelmaessiger Abend-Anruf”. Am naechsten Morgen wuenschte er mir nur schnell einen schoenen Tag. Jetzt hat es sich so eingependelt, dass er zum “Schoenen Tag”, zum “Wie war die Arbeit” und zum “Gute Nacht” sagen anruft. Und so etwa fuenfmal, um mit Mary oder Angela zu reden und rauszufinden, ob ich im Haus bin.

Nasenhaendler

Europaer, die als Entwicklungsfuzzies nach Afrika gehen, haben irgendwo ein ideelles Motiv. Wenngleich das nicht bei jedem gleich stark oder offensichtlich ist. Natuerlich wollen wir Geld verdienen, aber wenn das unsere Hauptmotivation waere, haetten wir uns vermutlich einen anderen Job gesucht. Naemlich einen, wo man mehr Geld kriegt und weniger Aufwand hat.

Fuer viele Ghanaer dagegen scheint der Hauptgrund, in Development zu arbeiten, ein anderer: This is where the money lies (Da steckt das Geld drin). Es ist fuer uns schwer nachzuvollziehen, dass man in einem Waisenhaus arbeitet, obwohl man sich vor Kindern ekelt oder in einem Projekt fuer laendliche Entwicklung, obwohl man Bauern fuer zurueckgeblieben haelt und vor allem darauf aus ist, mit europaeischem Geld von Konferenz zu Konferenz zu jetten, so weit weg vom afrikanischen Dorf, wie irgend moeglich.

STOPP!

Wie kann ich diesen Blog so schreiben, dass ich nicht zynisch klinge, sondern erklaere, wie zwei Welten aneinander geraten, die wenig ueber ihre unterschiedlichen Motivationen nachdenken? Und wo meine Verwirrung und Frustration herkommt.

Also: Wenn ich mit einem Geschaeftsmann zu tun habe, erwarte ich, dass er Profit orientiert ist, und wenn er noch dazu an seine Mitarbeiter denkt oder gar an andere Menschen oder die Umwelt, dann ist er entweder besonders weitsichtig oder ungewoehnlich selbstlos. Dieser Geschaeftsmann wird versuchen, mir sein Produkt mit den schoensten Versprechungen anzupreisen – und so lange diese nicht komplett haarstraeubend sind, nehm ich ihm die ein oder andere Uebertreibung oder Auslassung gar nicht uebel, ist schliesslich sein Job.

Aber, siehe oben, viele Entwicklungseuropaer sehen sich nicht als Verkaeufer sondern als Welthelfer. In einem frueheren Blog hab ich beschrieben, wie meine weissen Freunde hier angeekelt sind, wenn ich zugebe, dass ich auch aus eigenem Interesse hier bin und mich amuesieren, selbst verwirklichen, Geld verdienen will. Am einfachsten geht das, wenn ich zu meinen Policy Makers (also “Politikmachern?”) geh und davon ausgeh, wir haben die gleichen Ziele der Armutsveringerung usw, ihnen glaube, was sie sagen und eine schoene runde stimmige Geschichte daraus mache, die ich letztlich karrierewirksam veroeffentlichen kann.

Dazu muss ich dann vermeiden, mit Leuten zu reden, die wie mein Vater zu Hause alles ueber die Lokalpolitik wissen, ohne selbst zu regieren. Denn die koennen mir immer so irritierende Details erzaehlen. Und ich muss uebersehen, wenn die Geschichten in sich nicht wirklich stimmig sind. Alles vergessen, was ich ueber “welches Geld in welche Taschen” weiss. Damit nehme ich die Einladung an, in der Sued-Nord-Eliten-Koalition mitzuspielen und oft ist der Nebeneffekt dieser Projekte tatsaechlich fuer die Waisen oder Bauern positiv.

Andere Option: Ich werde verbittert und unterstelle allen nur noch boese selbstsuechtige Motive, erhebe mich ueber sie, weil ich ja so rein und weiss bin, dass es weh tut. Ist bei meinem Gehalt verdammt einfach, so unglaublich gut zu sein. Das Ganze gepfeffert mit engagiertem Politisieren ueber Weltverschwoerungen und wie alles eh keinen Sinn hat und Teil eines grossen boesen Plans der Amerikaner ist. Auch langweilig.

Im Moment experimentiere ich mit der Elastizitaet des Hirns und des Herzens. Mag sein, dass ich daran irre werde oder irgendwann vom Drahtseil falle, aber keiner kann sagen, ich haette es nicht versucht. Herz und Hirn muessen sehr dehnbar sein um Schwarz und Weiss gleichzeitig beherrbergen zu koennen (ich rede nicht von Hautfarben). Ich moechte gerne die Motivationen meiner Gespraechspartner unvoreingenommen verstehen und akzeptieren, dass jemand ein wahnsinnig charmanter netter Kerl ist, Hunger und Armut in seiner Region beenden will und sich ganz dringend eine goldene Nase wuenscht; dass er nett meine Fragen beantwortet, weil er mich sehr mag, weil mir alle immer gern ihre Geheimnisse erzaehlen, weil er denkt, dass ich ihm bei seinem Projekt zur Armutsverminderung inhaltlich weiterhelfe und weil er hofft, dass ich ihm beim Nasenhaendler Kreditwuerdigkeit verschaffe.

Mittwoch, März 29, 2006

Mitarbeiter (Marys und meine)

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Kleine Mary weiterhin auf Wachstumskurs

Die Baeckerei waechst und mit ihr Marys Selbstbewustsein. Alle haben sehr gelacht, als ich letztens sagte: Mary, ich muss ein Foto von Deinen neuen Angestellten machen und das ins Internet stellen, damit meine Freunde das sehn. Die neuen Angestellten? Nun, Mary kauft das Mehl in 50 kg Saecken und bislang bezahlte sie einem Taxifahrer 10 000 (1 Euro) fuer die Lieferung. Mein Wachmann findet es Bloedsinn, dass dieses Geld an einen Aussenstehenden geht und liefert nun fuer den gleichen Preis auf seinem Fahrrad.

Seit letzter Woche beliefert die Breadwinner Baeckerei ausser Daily Needs Supermarket auch die Total Tankstelle und Ende dieses Monats wollen wir endlich eine Entscheidung ueber den neuen Ofen treffen. Neu im Programm sind Olivenbrot und Koernerbrot mit Pancakeseeds (da hat Mary sich wohl verhoert, Pfannkuchensamen statt Kuerbiskernen = pumpkinseeds).

Vor ein paar Tagen stand ich mit Mary in der Kueche und da lag ein Handy rum, das ich nicht kannte. “Mary, von wem ist denn das Handy da?” “Meins (breites Grinsen)” “Wow, you’re becoming a big woman!” (Wow, Du wirst eine grosse = reiche Frau). Da lacht sie und lacht, klappt das Plastikding auf: “Guck mal, ein Spiegel (wo beim echten Handy das Display ist) und ein Taschenrechner”. Dann erzaehlt sie mir, dass die Leute in ihrem Haus noch nie ein Handy benutzt haben und ihre Mutter fragt: “Sind das die Dinger, mit denen man reden kann?” Und Mary sagt: “Ja, hier, nimm und rede!”

Auf einem Begraebnis hat ein Dieb versucht, es ihr im Gedraenge aus der Hosentasche zu ziehen: “But I turned around and insulted him very well!” (Aber ich hab mich umgedreht und ihn sehr gut beschimpft”). In der Geschichte ueber den luesternen Chinesen (s. Januar), koennt ihr nachlesen, warum die Chinesenmary die beste Feindin meiner kleinen Mary ist. Der Chinese hat seiner Mary ein echtes Handy gekauft und immer wenn sie auf dem Weg von der Arbeit an klein Marys Haus vorbeikommt, zueckt sie ihr Handy und redet mit angeberischem Gebaren. Aber jetzt! Ha! Zueckt kleine Mary natuerlich jedesmal ihren Spiegel und telefoniert wie wild. Und dafuer musste sie noch nicht mal mit ihrer Chefin schlafen.

Ersatz

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Dienstag, März 28, 2006

Heisses Essen

Gestern Nacht traeumte mir mein Geburtstag. Ich hatte alle in meine grosse verwinkelte Altbauwohnung eingeladen und war den ganzen Traum ueber damit beschaeftigt, bomfortionoeses Essen zu servieren. Als ich dann so gegen zwei Uhr nachts aufwachte, weil mir die stickige Hitze auf die Brust drueckte, wie ein dickes Daunenkissen, hatte ich in meinem trockenen Mund noch den intensiven Geschmack frischer Himbeeren mit Schlagsahne. Oh Himbeeren. Ach Schlagsahne.

Am Wochenende hab ich einen Blumenkuchen gebacken, aromatisiert mit Hibiskusblueten. Da dachte ich mir, ein Hibiskusgelee als Fuellung waere doch super. Also Gelantine, Gelantine und nochmal Gelantine in die Fluessigkeit geruehrt, schliesslich alles in den Kuehlschrank zum Festwerden. Dann hab ich das Gelee auf den Kuchen gestrichen, eine Minute gewartet und schon war alles wieder fluessig wie Wasser. Daraus lernen wir: bei 45 Grad hilft Gelantine auch nicht mehr.

Erfolgreicher war mein Kaesekuchenbetrug. Meine kanadische Mitbewohnerin wuenschte sich Kaesekuchen zum Geburtstag und ich sagte: Klaro, kein Problem, kriegen wir gebacken. Natuerlich gibt es dafuer hier keine Zutaten. Also: Ersatz.

Statt Speisestaerke: Mehl.

Statt Quark hab ich in Milch Zitronensaft geruehrt. Die Milch flockt dann aus und sieht aus wie Urin mit weissen Kluempchen. Von dem Urin hab ich ein bisschen was weggekippt und mich gesorgt, weil die Geschichte nicht fest wurde, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Schlagsahne, geschlagen? Ha! Kein Problem, haltet einen Mixer in einen halben Liter Dosenmilch, Ihr werdet beeindruckt sein von dem beigefarbenen Schaum (naja, vielleicht auch nicht).

Eigelb und Eiweiss getrennt. Also, zu Hause gibt es nen Trick, um rauszufinden, ob ein Ei frisch ist, oder nicht: In einen Topf mit Wasser legen: Wenn es am Boden liegt, ist es frisch, wenn es am Boden steht ist es noch essbar, wenn es oben schwimmt, ist es alt, wegwerfen. In Ghana geht das so: Wenn das Eigelb beim Aufschlagen ganz bleibt, ist das Ei frisch, wenn es sofort auseinanderlaeuft aber das Ei nicht fies riecht ist es noch essbar, wenn es fies riecht oder das Kueken schon Augen hat, ist es alt und kann nicht mehr gegessen werden. Nach fuenf Eiern der Kategorie “noch essbar” (aber trennen unmoeglich) bot Mary an, mit einem Wassertopf zum Nachbarladen zu gehn, um auszuprobieren, ob es da auch Europaeisch frische Eier gibt. Die Madam schimpfte Mary aus: Wenn das jeder taete, wem wuerde ich dann meine faulen Eier verkaufen?! Das Ergebnis: Wenn man die Eier ganz vorsichtig aufschlug, konnte man ein wenig Weiss abfangen, bevor sich der Schlabber vermischte.

Nun, trotz Ersatz wurde der Kuchen dennoch koestlich, die alten anglikanischen Nonnen waren begeistert und wenn mein Internet heute gnaedig ist, schick ich Euch auch ein Foto. Ansonsten muesst Ihr Euch den Kuchen ertraeumen.

Freitag, März 24, 2006

Komische Weisse

Zeinabu arbeitet fuer eine Organisation in Bolga, die Brunnen graebt, ihr Vater ist der Chief (traditionelle Autoritaet) von Bolga und sie selbst ist mit einem hoeheren Tier in der Regionalregierung verheiratet. Ich fahre in ihr Buero, das etwas ausserhalb liegt, wenn ich die Schnauze voll hab. In Bochum haette ich Patricia gefragt: Wie waer’s mit ner Runde im Botanischen Garten? Zeinabu ist eine richtige Schnabbelschnuess und an allem interessiert. Durch ihre vielen Reisen und Kontakte zu Weissen hat sie eine ausgepraegte Halbbildung in Sachen Europa - ist im Detail aber dann doch immer wieder erstaunt. Wir sprachen ueber meine Eltern, die Zeinabu beim letzten Besuch kennengelernt hat. Sie fragte, wie die leben und war ganz erstaunt: “Wie, ganz alleine. Wer kocht und putzt denn fuer die?”

Ich hab gestern aber auch wieder viel gelernt. Und zwar darueber, wie die gehobene Gesellschaft das Leben der Weissen in Bolga beobachtet und beurteilt. Zeinabu fragt: Was denkt Ihr in Europa ueber Altersunterschiede in Beziehungen? Dann erzaehlt sie von einer weissen Frau in den Sechzigern und ihrem dreissigjaehrigen Freund. Sie ist entsetzt. Nicht so sehr ueber die Beziehung, sondern darueber, dass diese Frau so schamlos ist, das nicht geheim zu halten, sondern darauf zu bestehen, den jungen Mann zu heiraten.

Und die Rastamaenner: Warum fahren weisse Frauen so auf Rastamaenner mit ihren schlechten Gewohnheiten (kiffen) ab. Eine Kanadierin ist mit einem Rastamann verheiratet, und sie haben ein Kind zusammen: “Das war doch so ein ordentliches Maedchen, ich hatte so viel Respekt fuer sie. Aber jetzt, mit diesem Mann, da will ich nichts mehr mit zu tun haben.” Nun versuche dieser Frau zu erklaeren, dass Kiffen in Europa noch nicht einmal mehr richtig illegal ist…

Fast jedes Mal, wenn ich sie treffe, macht Zeinabu mir Komplimente fuer meine Kleidung. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als ich in ihr Buero kam und sie mich von oben bis unten ansah und ihr nichts Positives einfiel. Ich trug ein weisses weites Hemd und eine olivgruene schlichte Leinenhose. Die Farbe der Hose und ihre Schlichtheit, das ging gar nicht, das sah ja aus, wie bei armen Leuten. Wie auch immer, gestern war sie begeistert, denn ich hatte mich aufgeputzt und sie sagte: Eva, Du bist eine Ausnahme. Die meisten Weissen, die nach Afrika kommen, ziehen sich so scheusslich an, dass ich das beleidigend finde. Denken die: Wir gehen ja nach Afrika zu den Armen, da macht das nix, wie wir aussehn? Sie tragen haessliche Sachen und sagen: Aber das Material ist total angenehm in der Hitze. Wenn jemand auf dem Dorf wohnt, mag das ja noch angehen, dass er sagt, er will nicht weiter auffallen und zieht sich deshalb aermlich an. Aber wieso kommen Weisse in schmutzigen alten T-Shirts in mein Buero?

Diebe in Sandema

Ich hab versucht meine englischen Freunde aus Sandema zu troesten: Wisst Ihr, Debbie ist mit ihren Ueberfaellen ein richtiger Internet-Star geworden und meine Leser warten ungeduldig auf Neuigkeiten. Das hat sie nicht wirklich ueberzeugt, manche Leute sind halt nicht bereit, fuer den Ruhm alles zu geben. Der Raeuber fragt aber gar nicht, ob Du bereit bist, alles zu geben, er nimmts ohnehin.

Nach der St Patrics Day Party in Sandema schliefen in dem Haus mindestens acht Leute und trotzdem kamen die Diebe ins Wohnzimmer, schlichen um die Schlafenden und sammelten Taschen und Handies ein. Morgens frueh kam eine Nachbarin und fragte uns: “Wo sind denn die Hausherrinnen? Meine Kinder haben auf dem Weg zum Markt ihre Motorraeder gesehen und sich gewundert, warum die Maedchen die da im Busch versteckt haben. Da wollte ich doch mal nachfragen”.

Natuerlich wuerde kein vernuenftiger Mensch sein eigenes Motorrad hinter dem oeffentlichen Toilettenbusch verstecken. Waehrend wir die Raeder wieder einsammelten, haben die anderen sich im Haus umgesehn und zusammengezaehlt, was fehlte. Die Diebe waren richtig liebe Kerle, hinter dem Haus haben sie alles, was sie nicht brauchen konnten, in der Landschaft verstreut: Bankkarten, Taschen, Schluessel, Buecher – alles, ausser Handies und Geld.

Weil ich die einzige mit Auto war, konnte ich meine Neugier als Hilfsbereitschaft tarnen: Soll ich Euch zur Polizeistation fahren? Ein Polizist in langem weissem Nachthemd (= Polizeiuniform), der andere in Jeans und T-Shirt, nahmen den Fall auf. Die Polizeistation besteht aus einem kleinen Raum mit Tresen, hinter dem der Polizist steht und die Anfragen und Anzeigen entgegennimmt. Hinter dem Tresen fuehrt eine Eisengittertuer in einen dunklen Raum, aus dem intensiver Menschengestank weht. Waehrend wir den Diebstahl anzeigen, bringt ein Polizeikollege einen Mann mit Handschellen an, schliesst die Zellentuer und die Handschellen auf und schiebt den Mann in die Zelle. Da steht er dann, klammert sich mit beiden Haenden an das Gitter und beobachtet die weissen Frauen.

Alle Ghanaer, denen ich die Geschichte erzaehle, sind ueberzeugt, dass die Diebe uns Schlafpulver in die Augen gepustet haben. Sonst haetten sie sich niemals getraut, zum Klauen um uns herum zu schleichen.

Dienstag, März 21, 2006


kleine Schwester Posted by Picasa

Kleine Schwester

Hier gibt es andere Gesten als zu Hause. Faellt Euch eine Geste fuer kleine Schwester / kleiner Bruder ein? Wahrscheinlich nicht, weil wir ja, selbst wenn wir Geschwister haben, nicht viel mit ihnen tun muessen. Hier ist das eindeutig, wenn eine erwachsene Frau von frueher redet und von ihren Geschwistern, macht sie eine unbewusste Bewegung mit beiden Armen, als wuerde sie jemanden Huckepack nehmen. Da es hier viele sehr junge Muetter gibt, ist der Uebergang fliessend. Sobald Maedchen alt genug sind, um allein gehen zu koennen, laufen sie mit umgebundenen Babies rum – Geschwistern oder eigenen Kindern.

Hilfe!

Das war so ein toller Plan und jetzt merke ich, dass das so einfach gar nicht geht. Ich wollte mir echt was goennen – weiss aber leider gar nicht was…

Der Plan: Ich sage meinen Eltern alle Buecher, die ich mir wuensche, ueberweise ihnen das Geld schoen durchs internet, die gehen ferngesteuert in die Duerener Innenstadt, kaufen den ganzen Schmutz, packen ihn dem naechsten Afrikareisenden in die Tasche und ich lache.

Schoen gedacht eigentlich. Aber woher soll ich denn wissen, was da fuer Buecher sind, die ich haben wollen koennte? Bitteschoen, welche Romane haben Euch in der letzten Zeit so beeindruckt, dass sich die Schlepperei ins hinterste Afrika lohnt? Dankeschoen. Ich verspreche auch, dass ich sie ganz selbst alphabethisch ordne und Mary damit in Ruhe lasse...

Sonntag, März 19, 2006

Bin ich zwangsgestoert und / oder grundlos grausam?

Das Ganze fing damit an, das meine Eltern zu Besuch waren (ist das nicht seltsam, wie Zwangsstoerungen irgendwie immer mit den Eltern anfangen). Da ich so eine gute Tochter bin (viele Zwangsgestoerte versuchen ja, ihren Eltern besonders gute Kinder zu sein, nicht wahr), hab ich ihnen mein Bett ins Wohnzimmer geschoben, denn das ist mein einziger Raum mit Klimaanlage. Als meine Eltern wieder weg waren, merkte ich, wie gern ich eigentlich im Wohnzimmer liege – das konnte ich bislang noch nicht bemerken, aufgrund gaenzlicher Abwesenheit entsprechender Moebel.

Also. Hab ich mir gedacht. Und nochmal: Also! Jetzt oder nie. Und bin Samstag in die Stadt gefahren zum Kauf einer Couch-Garnitur. Das geht hier so: Ueber die Stadt verteilt gibt es Schreinerwerkstaetten, die jeweils aus einem mehr oder weniger verfallenen Schuppen mit etwas Werkzeug bestehen. Die Schreiner bauen ein paar Sofas und stellen die vor dem Schuppen in den Staub, so dass man sie von der Strasse sehn kann. Der Stil ist durchgehend robust und riesig, florale Motive, bei Ikea haetten die alle den Namen “Ommaausgeich”.

Da die Sofas alle gleich unglaublich sind, fiel mir die Wahl leicht. Mary sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen, als sie mich mit zwei Schreinern und zwei Sofas (und dann nochmal mit zwei Sesseln) auf dem Auto aus der Stadt kommen sah – sie dachte, ich waere Zwiebeln und Tomaten kaufen. Aber wirklich verstaendnislos hat sie erst geguckt, als ich die knallgelben Schondeckchen, die mit roten und gruenen Blumen bestickt sind und im Preis inbegriffen waren, nicht haben wollte – obwohl die doch so fesch sind, auf einem braun-orange-schwarz-gruen gemusterten Sofa.

Ihr fragt Euch, wo nun die Zwangsstoerung Schraegstrich Grausamkeit ist. Das kommt jetzt und ich erzaehl die ganze Vorgeschichte nur, damit Ihr wisst, dass - wie immer - die Eltern schuld sind. Weil, haetten die nicht in meinem Wohnzimmer geschlafen…

Also: Weil diese Sofas so riesig sind, musste ich eines meiner Buecherregale aus dem Wohnzimmer ins Schlafzimmer umsiedeln. Und im Zuge dieser Aktion hab ich endlich meinem inneren Zwang nachgegeben: “Mary, ich moechte meine Buecher gerne geordnet haben. Deutsche ins Schlafzimmer, Englische ins Wohnzimmer und dann bring ich Dir bei, wie man Buecher nach Autoren alphabetisch ordnet.” Sie schaute mich so an, als haette ich gesagt: Bitte ordne die Erbsen nach Groesse, bevor Du sie kochst. Oder: Steh auf einem Bein waehrend Du kehrst. Meine weissen Freunde in Bolga (und der Welt) sind entgeistert, halten mich fuer zwangsgestoert, weil mir das gefaellt und fuer grausam, dass ich Mary da mit reinziehe. Aber bitteschoen, wenn Mary mir sagt, sie wuerde so gerne weiter in die Schule gehn, kann das doch nicht stoeren, wenn sie das Alphabet etwas besser kennenlernt, oder? Es war fuer sie eine schwierige Aufgabe und ich bin davon ueberzeugt, dass es beim Lernen hilft, Sachen zu machen, die schwierig sind. Aber das hab ich bestimmt auch von meinen Eltern. Das Einzige, woran sie nicht schuld sind, ist mein Sofageschmack. Den hab ich von meiner Omma, aber fiese Eigenschaften ueberspringen ja manchmal eine Generation. Zu besichtigen in meinem Wohnzimmer.

Chicken Wrap - Eingewickeltes Maedchen

Eine amerikanische Bekannte, die sich in Tongo niedergelassen hat, rief gestern bei Debbie an: Morgen gibt es hier ein cultural festival, wollt Ihr kommen? Klar, machen wir, obwohl uns die Kleiderordnung etwas verwirrt: Sandalen, hat sie gesagt und ein grosses Tuch, zum Einwickeln. Ich stelle mir ein Dorffest in Geich vor, bei dem der Pastor sagt: Alle Frauen muessen nur in ein Handtuch gewickelt erscheinen. Naja, in Tongo gibt es auch einen heiligen Schrein, den Frauen nur oben ohne besichtigen koennten. Ein weiterer Unterschied zu Geich und seiner Kirche…

(Was mich weiterhin beunruhigt: Wir haben im Moment hier Temperaturen, die sich irgendwo um 40 Grad im Schatten bewegen. Leider gibt es auf dem Festplatz in Tongo keinen Schatten.)

Donnerstag, März 16, 2006

Dosen

Mary spuehlt meine leeren Konservendosen: “Der Rand ist so schoen glatt, wenn Du die mit dem Dosenoeffner oeffnest., die bring ich den Kindern mit.” Ich denke natuerlich: Zum Spielen. Meine kanadische Mitbewohnerin kommt nach Hause und sagt: “Heute hab ich bei der Arbeit ein kleines Kind gesehn, dass aus einer schartigen rostigen Dose Wasser trank. Die hab ich ihm natuerlich gleich abgenommen, ist ja lebensgefaehrlich. Da hat mich das Maedchen ganz entgeistert angeguckt: Das war doch ihre ganz eigene Tasse. Schon seit einem Jahr.”

In Burkina laufen in jeder Kleinstadt kleine Jungs rum, die leere Zweikilodosen Tomatenmark an einem Schnuerchen umgehaengt haben. Wenn man in einem Lokal isst, lungern sie am Eingang rum und gucken in die Gegend. Wenn die Kellnerin die Teller abraeumt, kippt sie die Essensreste in die Dosen und die Jungs laufen mit breitem Grinsen um die naechste Ecke und stopfen sich das Essen in den Mund. Das sind Kinder aus sehr armen Familien. Oder Kinder aus sehr glaeubigen Familien. Ihre muslimischen Eltern wollen die Jungen durch Betteln zu Gottesfurcht und Demut erziehen.

Mittwoch, März 08, 2006

Aasfrass

Mein Vater war der kulinarische furchtlose Ritter unserer Reisegruppe. Zumindest meistens. Ich bin von Anfang an Vegetarierin. Meine Mutter warf einen Blick auf die Marktstaende, an denen Fliegen, Geier und Menschen sich das Fleisch teilen und ihr war klar, dass sie den armen Fliegen und Geiern ihre Malzeiten nicht streitig machen wollte.

Mein Vater dagegen gab sich das ganze Programm: An einem Abend bekam er einen ganzen Satz fleischloser Huehnerknochen, am naechsten ein paar Spiesse die so scharf waren, dass er sich ueber die Qualitaet des Fleisches keine Gedanken machen konnte.

Am vorletzten Mittag hielten wir an einem Ort, wo Mutter und mir gleich die Vorfreude auf unser altes Brot und frische Paprika aufstieg. Der Vater hingegen wollte es wagen, also liessen wir uns erklaeren, was Madam gekocht hatte: Dies und das und ausserdem ein Fleisch, dessen Namen wir nicht kannten. Wir baten sie, zu beschreiben und sie sagte: “Kommt doch mit in die Kueche, zeig ich Euch.”

In dem dunklen Schuppen standen mehrere grosse Missionarstoepfe auf dem Feuer, in denen schleimige Bruehen blubberten. Aber unser Fleisch war auf einem Blech: Schwarzrote zusammengerollte knubbelige Dinger, die wir nicht erkennen. “Kutteln?” sagt mein Vater vorsichtig, weil Kutteln das Eigenartigste ist, was er sich vorstellen kann. Die Koechin sieht, dass wir nicht verstehen und zeigt auf den Grill vor der Kuechentuer. Da liegen sie, plattgehauen, alle Viere von sich streckend, den Kopf zur Seite gedreht, ein ganzer Stapel - zum Raeuchern, Trocknen oder was weiss ich. Ich kann mir vorstellen, dass es irgendwelche freundliche Namen fuer sie gibt, und wahrscheinlich ist das eine ganz andere Spezies Ratte als die, die in Deutschland ueblich sind.

Wie auch immer, nachdem unsere Neugier befriedigt war, sagte mein Vater freundlich: “Och, eigentlich wuerde ich am liebsten einen Kaffee trinken.”

Lukrativ lungern

In Reisebeschreibungen Afrikas ist das eine typische Beobachtung: So viele Menschen sitzen unter einem Baum und lassen den Tag an sich vorbei schlendern. Und dann gibt es Spekulationen (der Reisebeschreiber) darueber, wie die so ruhig und gelassen sein koennen oder auch so faul und ob sie dabei das Denken abstellen oder ganz weise Gedanken ausbrueten.

Mein Assistent hat mir gestern erklaert, warum gewisse Maenner den ganzen Tag unter bestimmten Baeumen Bolgas sitzen: Weil sie Geld haben, das sie vermehren wollen. Wenn er selbst nichts anderes zu tun hat, setzt er sich dazu. Denn alle wissen: Wenn Du ein paar Sack Zement hast oder ein Motorad und brauchst Geld, dann kannst Du zu diesen Maennern gehn, die kaufen es Dir ab. Und natuerlich, wenn Du ein Motorrad mit Zement beladen brauchst, dito. Unter ihrem Baum erfahren sie alles: Wer sein Haus verkauft und wer ein neues baut, ob der Diesel an der Tankstelle bald zu Ende geht und es sich lohnt, die letzten Galonen aufzukaufen, welches Geschaeft geht und welches eingeht. Und dann schlagen sie zu. Und durch reines Sitzen hat sich das Geld in ihren Taschen am Abend vielleicht verdoppelt.

Dienstag, März 07, 2006

Eva in Ghana

Der Dieb baut an!
Das ist alles, was ich Euch von Debbies Einbrecher berichten kann. Nachdem er 48 Stunden bei der Polizei gesessen und keinen Ton gestanden hat, mussten sie ihn wieder gehen lassen. Das ist natuerlich wunderschoen, dass sie das getan haben, denn es zeigt uns, wie gut der Rechtsstaat funktionniert. Kein Unschuldiger wird einfach so weggesperrt.

Wenn wir von Debbies Terasse zu seinem Lehmhaus ruebersehen und er fleissig an seinem Anbau arbeitet, dann sind wir natuerlich voller Verstaendnis: Irgendwo muss der den ganzen Kram ja unterbringen, den Debbie immer fuer ihn aus England mitbringt. Und wenn er beim naechsten Einbruch auch ihren Fernseher mitnimmt, wird ihm das neue Wohnzimmer noch zu Gute kommen. (Er hat zwar noch keinen Stromanschluss aber fernsehn kann man ja auch mit der Autobatterie...)

Freitag, März 03, 2006

Wasser mit dem Sieb holen

Das ist ein endloses Thema, mit dem mein Assistent und ich uns lange Autofahrten versuessen: Die krummen Wege, die das Geld fuer die Armen geht, eh es die Taschen der Reichen polstert. Seine neuste Geschichte stammt aus der Upper West Region. Da sollte ein Bauunternehmer im Regierungsauftrag Wasserloecher bohren. Leider blieb etwa die Haelfte der Loecher trocken. Das bedeutet eigentlich: Wiederkommen, nochmal bohren, bis man Wasser findet. Weil das normal ist, wird beim Preis fuer ein Wasserloch grosszuegig kalkuliert. Unser Bauunternehmer hat sein Problem kreativ geloest. Er besorgte sich einen Wassertank, der die leeren Loecher fuellte, bei der Abnahme der Bauwerke floss ueberall wunderbar klares Wasser… fuer eine Woche oder zwei.

Alle wissen das. Man lacht ueber das Schlitzohr. Fuer die Dorfgemeinschaft hat sich nichts geaendert. Bis darauf, dass sie 2 Mio Cedis losgeworden sind, ihren Anteil am Wasserloch.

Mittwoch, März 01, 2006

Ihre Heiligkeit futtert

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Ihre Heiligkeit

… sieht ganz anders aus als unsere. Und fuehlt sich doch tief innen aehnlich an.

In der Naehe Bobos gibt es einen Ort mit heiligen Fischen. Auf dem Weg dahin muessen wir nach dem Weg fragen und die Jungs am Kickertisch rufen einen Mann, der uns hin fuehren kann. Er steigt auf unsere Ladeflaeche und dirigiert mich mit Aufs-Dach-Klopfen und Handzeichen ueber Stock und Stein bis an die Stelle, wo Autos nicht mehr weiter koennen.

Auf dem Fussweg ueber das zerklueftete Hochplateau lassen wir den Vater unter einem Stein im Schatten liegen – die Sonne ist ihm zu arg. Rotbraune Felsennadeln bilden geschuetzte Ecken in denen die Baeume noch gruen sind und die den Vogelgesang reflektieren. Mit den Felsen im Ruecken, koennen wir kilometerweit in die gelbe Ebene sehn. Grade noch waren wir in der Weite, dann biegen wir in eine schattige Schlucht, Pflanzen ranken den steilen Weg zu und alles riecht nach Wasser.

Vom Grund der Schlucht hoeren wir das Gemurmel vieler Menschen. Unser Fuehrer spricht mit einem fein gemachten jungen Paar aus Bobo und nach einigen Rueckfragen (Ist das auch wirklich ok fuer uns?) einigen sie sich, dass er die in der Handtasche mitgebrachten lebenden Huehner fuer sie opfern wird. Aber bevor wir den heiligen Ort betreten, muessen wir alles ausziehn, was rot oder golden ist, die Fische moegen diese Farben nicht. Unser Priester tauscht sein zerloechertes T-Shirt mit der roten Bierwerbung gegen ein karriertes Hemd.

Nun sind wir da. Die hohen Felswaende bilden eine Halle, hinten ist ein kleiner Wasserfall, davor mehrere dunkelgruene Wasserbecken mit den heiligen Fischen und davor… Federn. Knoecheltief und blutverschmiert, die Felsterassen, die zu den Teichen fuehren, sind weiss gepolstert mit Huehnerfedern. Hier und da hat ein heiliger Mann mit verfilzten Haaren sich ein Eckchen freigekratzt um ein Feuer zu machen, auf dem die Opferhuehner nach getaner Arbeit gegrillt werden.

Die Ehrfurcht gebietet, sich dem Opferstein neben dem Wasserfall barfuss zu naehern. Also schlucken wir – und schlucken nochmal - und fuegen uns darein, ehrfuerchtig und barfuss zu sein.

Der hinterste Fels ist der Opferfels. Da stehen drei Maenner und schweigen und murmeln und gehen dann, um fuer unser Huehnerpaar Platz zu machen. Der Priester erklaert uns: Hierhin kannst Du mit all Deinen Sorgen und Wuenschen kommen. Wenn Du Dir etwas wuenschst, dann versprichst Du tief in Deinem Herzen, dass Du wiederkommen und opfern wirst, wenn der Wunsch Dir erfuellt wird.

Dann beginnt der heilige Akt: Er schmiert Fett an die Felswand, teilt das Trankopfer (Hirsebier) zwischen dem Felsen und der eigenen Kehle auf, schneidet dem Huhn den Hals auf, um Blut auf den Stein zu tropfen, reisst ihm Federn aus, um die Engel zu rufen und schliesslich stellt er ihm eine Frage. Er laesst das sterbende Huhn aus der Hoehe auf den Boden fallen und es beantwortet seine Frage: Landet es auf Bauch oder Ruecken, ist die Antwort positiv. Wenn es sich nach rechts oder links legt, nicht. Dem toten Huhn werden die Eingeweide rausgerissen und an die heiligen Fische verfuettert – riesige Welse mit haarigen Maeulern, die aus der dunklen Tiefe kommen und den Rachen aufreissen, sobald sich die Wasseroberflaeche regt.

Nachdem die Zeremonie vorbei ist, fragen wir unsere Huehneropferer, warum sie hier sind. Der Mann begleitet seine Cousine um rauszufinden, ob der zukuenftige Eheman der Dame ein Hallodri ist, oder nicht. Die Huehner sind mit ihm einverstanden, waehrend die Fische recht zoegerlich waren.

Nachdem der heilige Moment vorueber ist, wird der Priester wieder Fuehrer und fuehrt uns an einen Teich, der weiter unten liegt, wo er unser Brot den Fischen opfert und uns erlaubt, Fotos zu machen.

Langsam werden wir nervoes, da der Vater ja immer noch mitten in der Steinwueste in einer kleinen Schattenecke liegt. Als ich das sage, lachen alle: Ihm kann nichts Boeses passieren, denn die Fische moegen uns, sie haben unser Opfer gierig verschlungen. Ausserdem haben die zuletzt angekommenen Glaeubigen einen weissen Mann gesehn, der ganz lebendig Richtung Auto unterwegs war.

Auf dem Weg zu heiligen Fischen

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Goldrausch kommt spaeter

Zwischen Ougo-dingskirchen und Djo-soundso ist ein Zeichen auf der Landkarte, das sagt: Mine. Morgens beim Fruehstueck in O-kirchen sagt ein Anschleimer: “Da ist eine Goldmine, Cool Man, tranquille, soll ich Euch da hin fuehren?” Wir lehnen dankend ab und machen uns selbst auf den Weg.

Im naechsten groesseren Ort fragen wir den Buergermeister: “Duerfen wir Ihre Goldminen besichtigen?” Er ist verwirrt und sagt zu seinem Kollegen: “Hier ist eine junge Dame mit einer Frage, die ich nicht verstehe.” Trotzdem gibt er uns einen jungen Kerl mit Motorrad, der uns die Kalk-Abbaugebiete zeigen soll. Das ist die einzige Mine, die dem Buergermeister in den Sinn kommt: Eine weisse schorfe Steinflaeche im Nichts. Da halten wir an und unser Fuehrer guckt hilflos: “War es das, was Ihr sehen wolltet?” “Hm, eigentlich waren wir ja auf der Suche nach Goldminen…” “So was gibts hier nicht. Aber da hinten sind ein paar Leute, die nach Gold suchen.” Also doch: Aussteigen, hingehn, “Hallo, koennen wir mal gucken, was machen Sie da?”

Eine Strohhuette, schmutzige Maenner, Frauen, Kinder, ein paar ungesicherte tiefe Loecher in der Erde, eine hoelzerne Rutsche, mit Plastik und Stoff bespannt, auf der einer der Maenner Sand mit Wasser beschuettet.

Dieser Mann zeigt uns, wie man hier Gold graebt: Die Schaechte gehen wie Kamine 100-150 m tief in die Erde und sind grade mal so breit, dass ein Mann sich an den Waenden abstuetzen kann, waehrend er in die Tiefe klettert – ohne Seil. Unten angekommen beleuchtet er seine Arbeit mit einer rosa Kindertaschenlampe am Gummiband und hackt Steine in den Eimer. Zum Atmen hat er einen langen Schlauch aus Plastikfolie, dessen Oeffnung sie oben in den Wind haengen: “Wenn ich hier zuhalte, erstickt der Mann da unten.” Wenn der Eimer voll ist, ziehen die Frauen ihn hoch und stampfen die Steine im grossen Holzmoerser zu Sand. Der Sand kommt auf die Rutsche, und wenn man ihn vorsichtig mit Wasser beschuettet, setzt sich der schwerere Goldstaub unten in den Tuechern ab und kann eingesammelt werden. An guten Tagen ein ganzes Gramm. An schlechten Tagen gar nichts. Manchmal besteht ein Monat nur aus schlechten Tagen.

Unser Goldgraeber sagt: “So ist das halt. Hier leben wir und hier sterben wir. Wenn einer einen Unfall hat, koennen wir nichts tun. Wenn es etwas anderes gaebe, wuerden wir etwas anderes tun.” Er sieht sich auf der steinigen Ebene um und brauch nichts weiter zu sagen, denn wir sehen ja, hier gibt es nichts anderes – keinen Grashalm. “Aber natuerlich besteht immer die Moeglichkeit, dass wir auf die grosse Goldader stossen.” Er laechelt, fragt nach unserer Adresse und sagt: “Wenn ich Glueck hab, dann schick ich Euch was von dem Gold, dann werd ich diesen jungen Mann bitten (den Motorradmann, der uns hier hin fuehrte und schreiben kann), Euch zu schreiben.” Zum Abschied schenken wir ihm Vaters alte Umhaengetasche und Mutter bittet mich, zu uebersetzen, dass er von nun an immer einen Platz in ihrem Mutterherz hat und bitte gut auf sich aufpassen soll.