Montag, Mai 08, 2006


Dame vor Elefantenlandschaft Posted by Picasa

Sonntag, Mai 07, 2006

Nehmt die Waesche von der Leine, der Kackmann kommt!

Mein Geburtstag begann damit, dass um viertel nach sechs der kleine Kackmann kam. Leider hatte er letztes Mal uebersehen, dass die Experten, die mein Abwassersystem gebaut haben, einen fetten Flatsch Zement mitten in den Abfluss gesetzt haben. Kein Wunder wenn das immer wieder verstopft. Waehrend ich mir also vom Kackmann Vorwuerfe dafuer anhoeren musste, dass ich immer Toilettenpapier in die Toilette werfe (warum heisst das verdammte Zeug so?!), kam Michael, der versoffene Gaertner mit dem abgeschnittenen Ohr mit ein paar Buescheln Zitronengras, die er in meinen Garten pflanzen wollte. Dritter Versuch, zweimal sind sie schon eingegangen. Was nicht viel macht, denn, obwohl ich gegen Zitronengras nichts einzuwenden hab, hab ich auch niemals geaeussert, dass ich welches braeuchte. Aber irgendwie fand ich das den richtigen Moment, ihm nochmal mitzuteilen, dass ich keinen Gaertner braeuchte. Denn je laenger ich hier wohne, desto mehr Leute erzaehlen mir: Genialer Gaertner, arbeitet hart, saeuft wie ein Loch und ist unertraeglich wenn besoffen…

Dann bin ich zur Arbeit gefahren, wo mein Assistant mir mitteilte, dass er einen neuen Wachman gefunden hat. Ich hab den Assistenten zum Postfach geschickt und ihm gesagt, dass er nicht wiederkommen braucht, wenn er keine Geburtstagspakete fuer mich findet. Ein Glueck, dass meine Mitarbeiter mich nicht ernst nehmen, sonst waere ich noch dazu meinen wunderbaren Assistenten losgeworden. Aber er kam ganz frech trotzdem zurueck. Nachmittags rief meine Mutter an und sagte: Grade jetzt bist Du geboren worden, mein Engel.

Mein Tagwerk beendete ich damit, dass ich meinen alten Nachtwaechter rausschmiss und einen neuen anstellte. Der alte hatte sich vor Ostern eine Nacht freigefragt, aus der fast eine ganze Woche wurde, waehrend ich selbst und Mary verreist waren und der arme alte “der nicht im Schlamm versinkt” (Tagwachmann) war ganz allein mit der Verantwortung und dem Haus. Dann hat sich der Wachmann wortreich entschuldigt, mich um einen weiteren Vorschuss auf seinen Lohn angebettelt, nur um am naechsten Abend voll wie eine Haubitze bewusslos auf seinen Wachmannstuhl zu sinken.

Ich hatte ihm nach seiner ersten Show das Konzept von “Jeder kriegt EINE Chance” zu erklaeren versucht. An seinem geschockten Gesicht gestern konnte ich sehen, dass er das Konzept nicht verstanden hatte. Das mag ein interkulturelles Missverstaendnis sein, aber wenn ich ausseh wie ne Deutsche und bezahle wie ne Deutsche und immer so freundlich zu Dir bin und Dich nicht wie Dreck behandle, nur weil Du in der Hierarchie unter mir stehst… naja, wie auch immer, trotzdem musste ich dann erstmal heulen, waehrend ich auf meinen neuen Wachmann wartete. Dann schnell die Augen gewischt, mein Geburtstagsglitzertop uebergeworfen, neuem Watchman mein Haus gezeigt und zu der wunderbaren Debbie gefahren, die extra auf dem Markt nach Kartoffeln gesucht hatte fuer mein Geburtstagsessen, Kuchen ausgepustet, Gin getrunken und klein gefeiert. Gross gefeiert wird morgen. Ohne Kackmann.

Freitag, Mai 05, 2006


Die fiese Huehnerkrankheit soll nun schon Burkina erreicht haben, wo dieses Foto herstammt. Mein Ghanaischer Freund Amadu raet ganz pragmatisch: Wenn die Krankheit in den Federn haengt, muss man die Viehcher halt an den Fuessen packen und kopfueber in kochendes Wasser halten... Posted by Picasa

Donnerstag, Mai 04, 2006

Prinzessinnenwetter

Die Regenzeit kuendigt sich zart und verlockend an. Wir hatten die ersten Gewitter. Die knochentrockene Erde ist schon nach zwei Regennaechten mit einem gruenen Grasflaum gepolstert, vor meiner Haustuer waelzen sich 13 neugeborene Schweinchen uebergluecklich in einer frischen Pfuetze und wir haben Hoffnung, dass es bald kuehler wird. Das Problem ist nur: Solange die Regenzeit nicht richtig angefangen hat, kuendigt sich ein Regenguss damit an, dass er besonders heiss wird, dann regnets und danach wird es wieder besonders heiss. Und um ehrlich zu sein, an den Tagen, an denen es nicht regnet, kuendigt sich der Nachmittag damit an, dass es richtig heiss wird (vielleicht 45 Grad…) und die Nacht zeichnet sich dadurch aus, dass es auch nicht wirklich abkuehlt. Mein Klima-Anlage kuehlt das Buero heute auf kuschlige 33 Grad runter… zumindest solange kein Stromausfall ist und solange der hauseigene Wackelkontakt nicht zuschlaegt. Es ist so wunderbar, dass dies mein zweites Jahr hier ist und ich weiss, dass die Erloesung nicht lange auf sich warten lassen wird. Letztes Jahr um diese Zeit war ich noch davon ueberzeugt, dass das 12 Monate lang gleich bliebe.

Mittwoch, Mai 03, 2006

Besser vermeiden

Hier kommen jetzt zwei Sachen, die nichts mit Ghana zu tun haben. Aber einiges damit, wie ich besser arbeite und vielleicht ist das ja fuer den ein oder anderen von Euch auch interessant, und vielleicht wollt Ihr auch so wahnsinning toll werden wie ich. Im Dezember habe ich das wunderbare englische Wort Procrastination gelernt. Ich bin immer wieder erstaunt, wie man etwas machen kann, ohne seinen Namen zu kennen. Inzwischen bin ich mit einer Kanadierin, die im gleichen Buerogebaeude arbeitet, ueberein gekommen, dass wir die Ghanaische Section von Procrastination International gruenden werden (oder war es Procrastinators Anonymus?). Nur leider sitzen wir schon seit Monaten an der Formatierung der Statuten dieser wichtigen Organisation, so dass die Gruendung wohl noch ein paar Jahre dauern koennte. Der Fehler sitzt im System, denn procrastination heisst verzoegern, verschludern, den Kopf in den Sand stecken, sich in Unwichtigkeiten verstricken und hoffen, dass sich die meisten Probleme durch Liegenlassen loesen…

Gelernt hab ich das Wort bei dem Vortrag einer Zeitmanagement-Trainerin in Washington, die groesstenteils Kram erzaehlt hat, den ich in Ghana definitiv nicht anwenden kann (keine Zeit mit Gruessen verschwenden etc…). Aber eine Sache hab ich dabei gelernt, die super ist: Eine differenzierte To-Do-List machen. Diese Liste hat vier Kategorien fuer alles, was zu tun ist:
1. Wichtig und draengend
2. Wichtig und hat Zeit
3. Weniger wichtig und draengend
4. Weniger wichtig und hat Zeit
Wenn ich so eine Liste mache, seh ich meistens, dass ich mich am liebsten Dingen aus Kategorie 4 widme. Zum Beispiel Euch einen Blog ueber Vermeidungstaktiken schreiben. Waehrend meine Finanzabrechnung beileibe weniger Sex-Appeal hat. Und wie Ihr seht, haelt mich diese Liste nicht immer davon ab, weniger wichtige und weniger draengende Sachen zu tun. Aber wenigstens bin ich mir dessen dann bewusst und bemueh mich, die nur zu tun, wenn ich’s mir zeitmaessig leisten kann und bei 1 und 2 schon was erreicht hab.

Das zweite, was mir dabei hilft immer superer zu werden, ist www.wikipedia.com. Das ist die tollste Seite im Internet. Vielleicht kennt die ausser mir jeder. Dann koennt Ihr ueber mich lachen. Ansonsten koennt Ihr da hingehn und in einem staendig wachsenden interaktiven Online-Lexikon alles lernen. Und da das so gut und verlinkt und ausfuehrlich ist, eignet es sich natuerlich auch hervorragend fuer procrastination.

Statussymbol Beinhaar

Gestern schaute Mary auf meine schlecht rasierten Beine und meinte. Komisch, wir wollen Haar und ihr rasiert es ab. Warum sie Haar wollen? Weil sie weniger haben. Mary sagt: Im kuehleren (reicheren) Sueden haben die Frauen mehr Haare auf den Beinen. Aber hier ist es zu heiss. Und ausserdem, wenn Du arm bist und auf dem Feuer kochen musst, brennen Deine Beinhaare immer ab. Also kann ich endlich aufhoeren mit Beine rasieren, damit alle sehn, dass ich reich genug bin, auf Gas zu kochen! Und dass ich aus einem sehr kalten sehr reichen Land komme.

Freitag, April 28, 2006


Freude durch Kraft! Dosenkaese von Geschmack und Konsistenz eines Qualitaetsfensterkits Posted by Picasa

Eva in Ghana

So, jetzt ist aber mal Schluss mit Kroeten, Geckos, Ameisen und anderem Kleinvieh. Dieses Wochenende geh ich mir Elefanten ansehn. Da weiss man wenigstens, was man hat. Die gehn nicht so schnell kaputt und wenn die quaken hoerts der ganze Dschungel. Ist Euch schon mal aufgefallen, dass Dschungel so aussieht wie Duschgel? Und ausserdem, falls Ihr’s nicht wisst, Elefanten quaken nicht und leben auch nicht im Dschungel sondern in der Savanne. So, jetzt hab ich’s mir aber mal gezeigt. Eindeutig Zeit fuer ein langes Wochenende mit Buch im Busch.

Wohin? In den Mole National Park. Was insofern seltsam ist, dass "Mole" auf Englisch lauter Sachen bedeutet, die es da sicher nicht gibt: Maulwurf, Muttermal (Hallo!? Die sind alle von oben bis unten schwarz!), Spion oder Hafenmauer. Ich werde weiteres herausfinden.

Der Kuehlschrank meiner kanadischen Nachbarn in Bolga empfielt, zu leben, bis einem die Traenen kommen und schliesst sich damit der Anweisung eines gewissen Herrn Camus an Posted by Picasa

Wonach mein Herz schmerzt Posted by Picasa

Patriotisches und gottesfuerchtiges Naehgeschaeft mit Namen: "Gott wird's schon richten" Posted by Picasa

Donnerstag, April 27, 2006

Eva in Ghana

Wir muessen leider draussen bleiben
Ich weiss ja nicht, was ich eigentlich geschrieben habe. Aber nach wiederholten Ekelausrufen meiner Leser, muss klargestellt werden, auch wenn sie weiter an meine Tueren klopfen: Kroeten kommen bei mir nicht ins Haus. Die Aufforderung “Haut den Kroeten auf die Kloeten!” gilt zwar uneingeschraenkt, aber zu finden sind sie nur draussen am Wasserhahn neben meiner Kuechentuer… Und dann war ich auch noch so gemein und hab den Klemptner gebeten, meine offene Kanalisation zu schliessen. Jetzt roehren die unterirdischen Kroeten in meinen Abflussrohren mit formidabler Akustik den wenigen verbliebenen oberirdischen Bruedern und Schwestern ihre patriotischen Reden zu… (Von wegen Wiedervereinigung und "Evas Garten -einig Kroetenland")

Dienstag, April 25, 2006

Lachen (zuerst und zuletzt) ist am besten

(Fortsetzung der Unfallstory mit anderen Mitteln) Eben war ich bei den Automaennern, um die Delle in meinem Auto entfernen zu lassen. Als ich da anfuhr, hatten sie grade das Auto meines Unfallpartners an den Baum gekettet und hantierten daran rum. Ich fuhr ein, schnell war das andere Auto weggeschoben und meins am gleichen Platz. Ich hatte in meinem knallroten Anzug grade auf dem angebotenen Stuehlchen Platz genommen und den Jungs mit wilden Gesten den Unfallhergang geschildert, als der Master etwas auf Frafra sagte, was vermutlich mit “Verflixt!” uebersetzt werden muss.

Auftritt: Besitzer des anderen Autos.

Der war schon morgens nicht wirklich freundlich gewesen. Jetzt gruesste er knapp und fing dann an, auf Frafra mit dem Meister zu schimpfen. Was mir danach uebersetzt wurde als Beschwerde darueber, dass sein Auto schon den ganzen Tag da steht und noch immer nicht repariert ist und nur weil ich Solemia (Weisse) bin, wird sein Auto zur Seite geschoben und meins bevorzugt. Wortwechsel hin und her, schliesslich sprang Mr. Wichtig wieder in sein (anderes) Auto und dueste ab. Mit der Drohung, um sechs wiederzukommen, um das bis dahin reparierte Auto abzuholen.

Dann gings erst richtig los. Die Jungs uebersetzten. Ereiferten sich! Fanden ihn unverschaemt! Erst demoliert er mein Auto und dann beschwert er sich auch noch! Genau, sag ich, kein einziges Mal hat er sich entschuldigt! Warum bist Du nicht mit ihm zur Polizei gegangen? Der haette doch fuer den ganzen Schaden zahlen muessen! (Ja, das war mir im Laufe des Tages auch schon erklaert worden) Ach, Polizei ist doch Zeitverschwendung! Der denkt, der ist so ein grosser Mann! Ja, nur weil er fuer den Regionalminister arbeitet! Krakeel! Juhuuu! Haemmer Haemmer! So ein aufgeblasener Bloedmann!

Jeder, der neu dazukam, kriegte die Geschichte in Frafra erzaehlt und ich nickte dazu, als ob ich jedes Wort verstuende. Ha! Genau! Das geht leichter, weil sie genuegend englische Stichwoerter einwerfen. Irgendwann palaverten sie irgendwas ueber die Bezahlung. Da dachte ich, was solls: Hoer ma, ich krieg aus dem ja niemals das Geld fuer meine Reparatur raus, warum kannst Du meine Rechnung nicht besonders billlig machen und das alles bei dem Spinner draufschlagen? Keine Sorge, machen wir…

Nach einer Stunde war alles behaemmert und mein Auto fertig. Master sagt: Ok. Fuer Dich besonders billig 50 000 (5 Euro), den Rest zahlt der da. Eva sagt: Ach weisst Du was, warum laesst Du ihn die 50 nicht auch noch zahlen. Master: Ja, Du hast recht, schoenen Tag noch.

Seitdem kann ich nicht aufhoeren zu lachen. Sagte ich schon, dass ich voll auf Automechaniker steh?

Keine Motorradfahrer totfahren

Damit habe ich heute meinen Morgen verbracht. Und das war nicht leicht. Waehrenddessen ist mir ein Auto hintendrauf gefahren, denn ich konnte nur vermeiden, die Motorradfahrer zu ueberfahren, indem ich ploetzlich bremste. Und mir wurde wieder klar, dass man Motorradfahrer hier am besten in die gleiche Kategorie einordnet wie Ziegen: Kleine freche Dinger, die keine Ahnung von Verkehrsregeln haben, nicht auf hupen reagieren und ohne Vorwarnung aus jeder undenkbaren Richtung auf die Strasse geschossen kommen. Nachdem es geknallt hatte, drehten sich meine Ziegen schnell um, sahen den Schaden und machten, dass sie davon kamen. Natuerlich hab ich mir, waehrend ich mich bemuehte, sie nicht zu toeten, nicht ihr Nummernschild gemerkt.

Als ich anhielt, um meinem Unfallpartner zu begegnen, erinnerte ich mich an noch etwas: Du musst sofort und sehr ueberzeugend anfangen, auf die zu schimpfen, die Schuld sind und das sind immer die anderen. Eine halbe Sekunde sagte ich “tut mir leid” und war kurz davor, wie ein zitterndes kleines Maedchen zu reagieren, das Mitleid erweckt. Zum Glueck hab ich mich wieder gefangen und gemeinsam mit allen Zuschauern laut auf die Motorradfahrer geschimpft. Denn damit war klar, dass die den Schaden uebernehmen muessten. Wenn sie denn zu kriegen waeren. Also zahlt jeder selbst. Hoffe ich. Ich hab einen kleinen Kratzer hinten am Auto, der andere Mann hat einen kaputten Scheinwerfer und eine zerbeulte Motorhaube. Und ich hab einen Kloss im Bauch - aber fuer den muss keiner zahlen.

Ein Unterschied zwischen Ziegen und Motorradfahrern: Alle Autofahrer hier sagen mir eindringlich, dass man fuer Kleinvieh keinen Unfall riskiert. Man bremst, wenn alles frei ist, aber niemals weicht man aus. Zu viele Leute haben sich schon wegen Perlhuehnern umgebracht

Montag, April 24, 2006


Freunde mit Bauch Posted by Picasa

Die Bank im Bauch des Freundes

Einer der wilden Jungs hat ein Commcenter eroeffnet. Das ist so ein Laden, wo man telefonieren, Telefonkarten kaufen und was weiss ich sonstnoch kann. Da der oft nicht genug Geld fuer eine einzelne Zigarette hat, hab ich mich schon gewundert… Vor ein paar Tagen sprach ich dann mit einem der gesitteten jungen Maennern (ja, mein Freundeskreis ist vielfaeltig) und der erzaehlte mir: “Als wir (wilder Kerl und ich) vor zehn Jahren zusammen zur Schule gingen, ging es seiner Familie noch viel besser und meiner viel schlechter als heute. Wenn er Geld hatte, hat er oft mein Essen mitbezahlt. Das vergess ich ihm nicht. Mir tut das weh, zu sehn, dass es ihm jetzt schlecht geht. Also hab ich ihm bei diesem Geschaeft geholfen.”

Auf den ersten Blick scheint das immer so sinnlos, wenn die Leute ihr Geld verschwenden, sobald sie welches haben. Wenn Geld reinkommt, werden alle Freunde zum Saufen eingeladen, dieser und jener kriegt einfach ein paar Scheine in die Hand gedrueckt, das Geld muss wieder unter die Leute. Familien ruinieren sich halb, um zu Beerdigungen die ganze Nachbarschaft fuenf Tage abzufuellen und zu verkoestigen.

Andererseits: Warum soll man die paar Scheine auf die Bank tragen, wo sie wie tot rumliegen, bis man sie wieder abhebt? In dieser kleinen Stadt, begegnet Dir jeder immer wieder. Und jeder, dessen Bauch Du mal gefuellt hast, kann irgendwann vielleicht Deinen fuellen.

Als ich hier ankam, war ich beeindruckt aber auch nervoes wegen der Hilfsbereitschaft meiner neuen Freunde. Weil ich dachte, die wuerden sehr bald handfeste Gegenleistungen erwarten. Inzwischen weiss ich, das geht nicht Auge um Auge. Das ist eher wie saeen und wachsen lassen, manche gute Tat wird einem direkt vergolten, andere gehn im Kreis rum, eh sie wieder bei Dir ankommen.

Mittwoch, April 19, 2006

One man chop – Accra go hear (Ein Mann isst – Accra wird’s hoeren)

Es war einmal ein Wachmann in Sandema. So beginnt die Geschichte, die zu diesem Sprichwort gehoert. Der sah Nacht fuer Nacht Maenner mit Geld ins Buero gehn, wo sie das dann untereinander aufteilten. Der Wachmann konnte zwar nicht lesen und schreiben, aber irgendwann wurde es ihm zu bunt, er suchte sich einen Freund der ihm einen Brief schrieb. Den schickte er an die Bosse in Accra, die ihre Buchpruefer nach Sandema schickten, wo daraufhin ein Reihe von Leuten ihre Jobs und ihr ergaunertes Geld verloren.

Wenn das hier eine Pruefung waere, wuerde ich hier etwas Platz lassen fuer die Antwort auf die Frage: Und was ist die Moral von der Geschichte?

In den Antworten kaeme wahrscheinlich viel Mut und Anstaendigkeit und aufrechter Gang vor. Und wie ein einzelner Mensch sich dem korrupten System entgegenstellt.

Mir wurde die Geschichte von meinem Assistenten erzaehlt und die Moral gleich mitgeliefert: Die Maenner haben es nicht anders verdient, weil sie den Wachmann so gering schaetzten, dass sie ihm nichts von dem Geld abgeben wollten. Und so hat ganz Accra gehoert, dass ein Mann in Sandema nichts zu Essen bekam.

Mittwoch, April 12, 2006

In der Fremde tot sein

Wenn jemand hier aus Binduri fern im Sueden stirbt, kann sich die Familie meist nicht leisten, die Leiche nach Hause zu holen. Dann hoffen sie, dass die vielen Brueder, die ebenfalls zum Arbeiten weggegangen sind, den Toten da unten wuerdevoll bestattet. Die Beerdigungsfeier findet hier trotzdem statt. Ins Grab kommen ein paar Sachen des Verstorbenen und ein Ei.

Maenner und Maenner

Im Moment ist es Tag und Nacht unglaublich heiss. Als ich gestern Abend von Debbie aufbrach, sassen die drei Nachbarjungs – alle Mitte 20 - zusammen auf einer Matraze vor ihrem Haus. Weil es drinnen einfach zu stickig ist.
“Schlaft Ihr alles zusammen auf einer Matraze?”
“Ja, wir haben nur eine.”
“Das ist ja eng. Und heiss. Schubst Ihr einander im Schlaf nicht gegenseitig runter?”
“Klar, die Staerksten schieben den Schwaechsten weg. Das bin dann ich.”
Aber hier geht nicht um Armut, sondern um Kuscheligkeit zwischen jungen Maennern.

So sagt mir ein anderer junger Mann, dass er mit seinem besten Freund wie Ehemann und Ehefrau zusammenlebt. Das heisst nicht: Wir sind ein schwules Paar. Sondern: Wir wohnen in einem Haus, einer kocht und putzt, der andere repariert alles, was kaputt ist und wir schlafen im gleichen Bett. Woher ich weiss, dass die beiden im gleichen Bett schlafen? Wir diskutierten den Nutzen von Moskito-Netzen und als Ehemann sagte: “Eigentlich hast Du recht, ich werde mir auch eins besorgen.” sagte Ehefrau: “Ach nee, das ist immer so heiss…”

Viele unverheiratete Maenner, die ich kenne, haben einen besten Freund, der so wichtig ist, wie die beste Freundin eines 14jaehrigen Maedchens bei uns. Die reden und reden und reden; laufen Hand in Hand in der Stadt rum und schlafen wie Loeffelchen.

Dienstag, April 11, 2006


Ungestupste Saeue Posted by Picasa

Armes Schwein

Manchmal, wenn ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause fahre, reizt es mich so ungemein, gegen eines der alten Hausschweine zu fahren, die sich auf meiner Strasse rumtreiben. Nein, ich moechte dem Schwein beileibe nichts tun und esse auch weiterhin vegetarisch. Nur frage ich mich, wie sich dieses stumpfe Glumpf anfuehlen wuerde, wenn ich das Tier mit meinem Auto nur mal so anstupsen wuerde. Ganz sanft.

Kennt Ihr das? Diesen unwiederstehlichen Wunsch, mit dem Finger so lange am Wackelpudding fuer die Gaeste rumwackeln, bis die glatte Oberflaeche reisst. Oder: Einmal nur eine Wassermelone vom Dach runterschmeissen. Fuer den scharfen Moment, wo gruen mit einem Knall rosa wird und in der Gegend rumspritzt. Oder bei Ommaausgeich an Ostern ein hartgekochtes Ei an die Wohnzimmerwand werfen – einfach fuer die Freude daran, etwas zu tun, was doch unmoeglich ist. Und das Ergebnis gleich auf der Hand liegen zu haben.

Freitag, April 07, 2006


Marys Pizza Party auf Evas neuem Sofa (Mary in der Mitte) Posted by Picasa

Donnerstag, April 06, 2006


Maedchen in Tongo Posted by Picasa

Worte sind Schall und Rauch

Seit einem Jahr suche ich nach Worten, die Lehm und Wasser sind, damit meine Kollegen in Deutschland und Amerika verstehen, wie kleine und grosse Daemme, Wasserpumpen und Weltwassertagsfeiern in Bolgatanga und Umgebung aussehen.

Jetzt hab ich’s endlich eingesehen (s.o. Rauch und so) und eine Bildergalerie ins Internet gesetzt, damit sie nachgucken koennen. Da ich als evainghana nicht ueber meine Arbeit schreibe, wisst Ihr auch nicht, wie Daemme usw. funktionnieren. Also seid Ihr herzlich eingeladen, auf http://wateringhana.blogspot.com einen Blick darauf zu werfen.

Auf dieser Seite hingegen werde ich weiterhin Sachen erzaehlen, die nichts mit meiner Arbeit zu tun haben. Zum Beispiel von der Waisenmaedchenschule, die von anglikanischen Ex-Nonnen geleitet wird und wo Aids-Waisen, die es in keiner Schule schaffen wuerden, naehen und kochen lernen. Damit sollen sie danach in der Lage sein, sich ein kleines eigenes Einkommen zu verschaffen.

Meine kanadische Mitbewohnerin hat da drei Monate als Naehlehrerin gearbeitet und dadurch ein ganz anderes Bild von Bolga bekommen, als ich mit meinen Beamten-Kollegen und Bauunternehmer-Freunden. Gestern erzaehlte sie von zwei Maedchen, mit denen sie sich angefreundet hat, die letztes Jahr da zur Schule gegangen sind. Nun haben die Ex-Nonnen sie gewarnt: Das sind schwierige Maedchen und ausserdem Diebe. Immer, wenn wir Kochunterricht hatten, haben sie danach alles aufgegessen, statt es auf der Strasse zu verkaufen, um einen kleinen Profit zu machen. Und einmal haben wir sie im Schrank sitzend gefunden. Da hatten sie Mehl geklaut, dass sie sich haendeweise in den Mund stopften.

Die meisten Maedchen in dieser Schule kommen vom Dorf. Nach dem Tod der Eltern an Aids werden sie aus dem Dorf gejagt, denn diesen 13, 14, 15jaehrigen Maedchen haengt nun der Ruf an, ihre eigenen Eltern verhext oder vergiftet zu haben. Viele von ihnen sind selbst infiziert. Einige haben kleine Kinder. Die Ghanaischen Lehrerinnen duerfen nicht wissen, dass sie Aids-Waisen sind, sonst wuerden sie sich weigern, weiter zu unterrichten. Die eine Mehldiebin hat noch Familie in Bolga, ihre Mutter und eine Schwester, beide sind geistig zurueckgeblieben und arbeiten auf dem Markt in Bolga als Huren.

Mittwoch, April 05, 2006


Debbies Dieb beim Hausbau Posted by Picasa

Montag, April 03, 2006

Feste wie sie fallen

Am Sonntag sagte Mary: Am dritten April bin ich ein Jahr in Deinem Haus. Meine Reaktion hat mich so an meine Mutter erinnert, die zu unseren Geburtstagen immer ausfuehrlich den Geburtsprozess der jeweiligen Tochter nacherzaehlt. Ein Glueck, dass ich Mary nicht gebaeren musste, nur treffen. Morgen werden wir Pizza backen und das Jubilaeum feiern.

Der kleine Kackmann

Dies ist kein feministisches Pamphlet sondern eine Berufsbeschreibung. “Kinder, holt die Waesche von der Leine, macht die Fenster zu, der Kackmann kommt!” Seit einiger Zeit erfreut mich meine Toilette regelmaessig mit umgekehrter Flussrichtung und praesentierte mir Western von Gestern, gut durchgezogen und geruchsintensiv. Zuerst hatte ich Mary im Verdacht: Warum zieht die nicht ab, wenn sie mein Klo benutzt und was fuer eine krasse Verdauung muss sie haben…

Gestern hab ich dann meinen Hausmeister gefragt: Kann es sein, dass mein Klotank voll ist? Wir haben hier ein zweigleisiges Abwassersystem. Das Wasser von Waschbecken und Duschen fliesst durch Rohr und kleines Kanaelchen aufs Nachbargrundstueck, wo es versickert. Das Toilettenwasser sickert durch mehrere Betonkammern bis es schliesslich in ein kleines abgedecktes Schwimmbecken fliesst, wo es sich sammelt. Ist der Pool voll, ruft man die grossen Kackmaenner mit dem Pumplastwagen. Wir haben gestern alle Deckel angehoben und rausgefunden: Der Pool ist erst halbvoll, aber die Zwischenkammern sind mit getrocknetem (und darum zunaechst geruchslosem) Exkrement verstopft. Da muss der kleine Kackmann ran. Das ist ein Maennlein das aussieht wie der aeltere Bruder meines Tagwaechters (Mehlsackfoto rechts). Seine Arbeitskleidung ist zerlumpt und sein Gesicht verbraucht von Kacke und Schnaps. Er spricht kein Englisch, so dass die Preisverhandlungen alle mit Uebersetzung laufen. Wir sagen, der Preis ist zu hoch und er macht komplizierte Ausfuehrungen, bei denen er das Gesicht verzieht und seine Nase zuhaelt.

Bei Handwerkern muss man normalerweise das Material im Voraus bezahlen, weil niemand das Kapital hat, das vorzustrecken. Bei groesseren Bauauftraegen freuen sie sich auch, wenn man ihnen “Motivation” bezahlt, also einen Teil der Arbeitskosten im Voraus. Der kleine Kackmann bittet um 20 000 Schnapsgeld im Voraus, denn ohne Abatashi (dem billigsten, fiesesten lokal gebrauten Fusel) kann man diese Arbeit nicht tun, der Schnaps verhindert, dass sich einem der Magen umdreht. Ich sage: Wenn ich 20 000 Abatashi trinken wuerde, waere ich sofort tot. Ich weiss den Preis nicht genau, aber 1cl kostet vielleicht 500… Sie lachen und beruhigen mich, dass er nicht in die Schnapsbar geht um sich zu betrinken, sondern die Flasche mitbringt und Schluck fuer Schluck sueffeln wird, wenn der Gestank unertraeglich wird.

Freitag, März 31, 2006

An oder aus (lachen)

Als ich in Lueneburg studierte, bin ich manchmal Sonntags mit Buch an den Stint gegangen, hab mich in ein Cafe gesetzt und in Ruhe und ungestoert den Morgen vertroedelt. Dann bin ich nach Bochum gezogen, wo ich gerne Sonntags morgens allein ins Bermuda Dreieck ging. Waehrend ich auf mein Fruehstueck wartete und in meinem Buch blaetterte, hab ich die Irren vom Nachbartisch kennengelernt, vom weissen Magier, der voll enthusiastischem Abscheu von Sado-Maso-Sex anderer Leute redete, bis zum Kopierladenbesitzer, der von der Moehre an sich fasziniert war und den ganzen Raum mit seinem Lachen zum Platzen bringen konnte.

Auch in Bolga treibt es mich an stillen Sonntagen aus dem Haus, mich treiben zu lassen und zu sehn, was der Tag bringt. Letzten Sonntag ging ich um die Ecke zum Haus des Radiomanns um zu sehn, ob er immer noch verreist ist. Als keiner auf mein Klopfen antwortete, sprach mich ein Nachbar an: Wen suchst Du? Also hab ich mich in ein Gespraech treiben lassen, dann “Do you care for some water? (Haettest Du gerne Wasser?)” in seinen Innenhof, dann kamen auch noch seine Freunde und schliesslich haben wir lang und breit palavert: Ueber Toilettengewohnheiten der ganzen Welt (Ghanaer kacken oeffentlich in gemischten Gruppen, waehrend Deutsche nichtmal davon reden duerfen), Fussballweltmeisterschaft (Deutschland als Gastgeber gewinnt und wir erlauben Ghana gnaedig, zweite zu werden) und Haussa-Unterricht (Pascal ist Lehrer und seine Mutter kommt aus Nigeria, also kann er mir die Sprache beibringen).

Als ich nach Hause kam, hab ich Debbie gleich ganz begeistert erzaehlt, wie super das ist, neue Ghanaische Freunde zu finden, die alle anstaendige Jungs sind (fuer’s Ausgehen mit den wilden Kerlen bin ich auf die Dauer doch nicht robust und bescheuert genug) und nicht auf der Jagd nach einer weissen Frau. Als ich ein kleines Kind war, fragte eine unbekannte Tante in Geich mal: Lachst Du mich an oder lachst Du mich aus? Damals verstand ich das nicht. Letzten Sonntag haette ich Debbie diese Frage stellen sollen.

Im Laufe dieser Woche stellte sich dann heraus, dass sie natuerlich Recht hatte, mich auszulachen. Mein neuer Haussa-Lehrer rief mich gleich Sonntag Abend an, um anzukuendigen: “Das ist jetzt mein regelmaessiger Abend-Anruf”. Am naechsten Morgen wuenschte er mir nur schnell einen schoenen Tag. Jetzt hat es sich so eingependelt, dass er zum “Schoenen Tag”, zum “Wie war die Arbeit” und zum “Gute Nacht” sagen anruft. Und so etwa fuenfmal, um mit Mary oder Angela zu reden und rauszufinden, ob ich im Haus bin.

Nasenhaendler

Europaer, die als Entwicklungsfuzzies nach Afrika gehen, haben irgendwo ein ideelles Motiv. Wenngleich das nicht bei jedem gleich stark oder offensichtlich ist. Natuerlich wollen wir Geld verdienen, aber wenn das unsere Hauptmotivation waere, haetten wir uns vermutlich einen anderen Job gesucht. Naemlich einen, wo man mehr Geld kriegt und weniger Aufwand hat.

Fuer viele Ghanaer dagegen scheint der Hauptgrund, in Development zu arbeiten, ein anderer: This is where the money lies (Da steckt das Geld drin). Es ist fuer uns schwer nachzuvollziehen, dass man in einem Waisenhaus arbeitet, obwohl man sich vor Kindern ekelt oder in einem Projekt fuer laendliche Entwicklung, obwohl man Bauern fuer zurueckgeblieben haelt und vor allem darauf aus ist, mit europaeischem Geld von Konferenz zu Konferenz zu jetten, so weit weg vom afrikanischen Dorf, wie irgend moeglich.

STOPP!

Wie kann ich diesen Blog so schreiben, dass ich nicht zynisch klinge, sondern erklaere, wie zwei Welten aneinander geraten, die wenig ueber ihre unterschiedlichen Motivationen nachdenken? Und wo meine Verwirrung und Frustration herkommt.

Also: Wenn ich mit einem Geschaeftsmann zu tun habe, erwarte ich, dass er Profit orientiert ist, und wenn er noch dazu an seine Mitarbeiter denkt oder gar an andere Menschen oder die Umwelt, dann ist er entweder besonders weitsichtig oder ungewoehnlich selbstlos. Dieser Geschaeftsmann wird versuchen, mir sein Produkt mit den schoensten Versprechungen anzupreisen – und so lange diese nicht komplett haarstraeubend sind, nehm ich ihm die ein oder andere Uebertreibung oder Auslassung gar nicht uebel, ist schliesslich sein Job.

Aber, siehe oben, viele Entwicklungseuropaer sehen sich nicht als Verkaeufer sondern als Welthelfer. In einem frueheren Blog hab ich beschrieben, wie meine weissen Freunde hier angeekelt sind, wenn ich zugebe, dass ich auch aus eigenem Interesse hier bin und mich amuesieren, selbst verwirklichen, Geld verdienen will. Am einfachsten geht das, wenn ich zu meinen Policy Makers (also “Politikmachern?”) geh und davon ausgeh, wir haben die gleichen Ziele der Armutsveringerung usw, ihnen glaube, was sie sagen und eine schoene runde stimmige Geschichte daraus mache, die ich letztlich karrierewirksam veroeffentlichen kann.

Dazu muss ich dann vermeiden, mit Leuten zu reden, die wie mein Vater zu Hause alles ueber die Lokalpolitik wissen, ohne selbst zu regieren. Denn die koennen mir immer so irritierende Details erzaehlen. Und ich muss uebersehen, wenn die Geschichten in sich nicht wirklich stimmig sind. Alles vergessen, was ich ueber “welches Geld in welche Taschen” weiss. Damit nehme ich die Einladung an, in der Sued-Nord-Eliten-Koalition mitzuspielen und oft ist der Nebeneffekt dieser Projekte tatsaechlich fuer die Waisen oder Bauern positiv.

Andere Option: Ich werde verbittert und unterstelle allen nur noch boese selbstsuechtige Motive, erhebe mich ueber sie, weil ich ja so rein und weiss bin, dass es weh tut. Ist bei meinem Gehalt verdammt einfach, so unglaublich gut zu sein. Das Ganze gepfeffert mit engagiertem Politisieren ueber Weltverschwoerungen und wie alles eh keinen Sinn hat und Teil eines grossen boesen Plans der Amerikaner ist. Auch langweilig.

Im Moment experimentiere ich mit der Elastizitaet des Hirns und des Herzens. Mag sein, dass ich daran irre werde oder irgendwann vom Drahtseil falle, aber keiner kann sagen, ich haette es nicht versucht. Herz und Hirn muessen sehr dehnbar sein um Schwarz und Weiss gleichzeitig beherrbergen zu koennen (ich rede nicht von Hautfarben). Ich moechte gerne die Motivationen meiner Gespraechspartner unvoreingenommen verstehen und akzeptieren, dass jemand ein wahnsinnig charmanter netter Kerl ist, Hunger und Armut in seiner Region beenden will und sich ganz dringend eine goldene Nase wuenscht; dass er nett meine Fragen beantwortet, weil er mich sehr mag, weil mir alle immer gern ihre Geheimnisse erzaehlen, weil er denkt, dass ich ihm bei seinem Projekt zur Armutsverminderung inhaltlich weiterhelfe und weil er hofft, dass ich ihm beim Nasenhaendler Kreditwuerdigkeit verschaffe.

Mittwoch, März 29, 2006

Mitarbeiter (Marys und meine)

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Kleine Mary weiterhin auf Wachstumskurs

Die Baeckerei waechst und mit ihr Marys Selbstbewustsein. Alle haben sehr gelacht, als ich letztens sagte: Mary, ich muss ein Foto von Deinen neuen Angestellten machen und das ins Internet stellen, damit meine Freunde das sehn. Die neuen Angestellten? Nun, Mary kauft das Mehl in 50 kg Saecken und bislang bezahlte sie einem Taxifahrer 10 000 (1 Euro) fuer die Lieferung. Mein Wachmann findet es Bloedsinn, dass dieses Geld an einen Aussenstehenden geht und liefert nun fuer den gleichen Preis auf seinem Fahrrad.

Seit letzter Woche beliefert die Breadwinner Baeckerei ausser Daily Needs Supermarket auch die Total Tankstelle und Ende dieses Monats wollen wir endlich eine Entscheidung ueber den neuen Ofen treffen. Neu im Programm sind Olivenbrot und Koernerbrot mit Pancakeseeds (da hat Mary sich wohl verhoert, Pfannkuchensamen statt Kuerbiskernen = pumpkinseeds).

Vor ein paar Tagen stand ich mit Mary in der Kueche und da lag ein Handy rum, das ich nicht kannte. “Mary, von wem ist denn das Handy da?” “Meins (breites Grinsen)” “Wow, you’re becoming a big woman!” (Wow, Du wirst eine grosse = reiche Frau). Da lacht sie und lacht, klappt das Plastikding auf: “Guck mal, ein Spiegel (wo beim echten Handy das Display ist) und ein Taschenrechner”. Dann erzaehlt sie mir, dass die Leute in ihrem Haus noch nie ein Handy benutzt haben und ihre Mutter fragt: “Sind das die Dinger, mit denen man reden kann?” Und Mary sagt: “Ja, hier, nimm und rede!”

Auf einem Begraebnis hat ein Dieb versucht, es ihr im Gedraenge aus der Hosentasche zu ziehen: “But I turned around and insulted him very well!” (Aber ich hab mich umgedreht und ihn sehr gut beschimpft”). In der Geschichte ueber den luesternen Chinesen (s. Januar), koennt ihr nachlesen, warum die Chinesenmary die beste Feindin meiner kleinen Mary ist. Der Chinese hat seiner Mary ein echtes Handy gekauft und immer wenn sie auf dem Weg von der Arbeit an klein Marys Haus vorbeikommt, zueckt sie ihr Handy und redet mit angeberischem Gebaren. Aber jetzt! Ha! Zueckt kleine Mary natuerlich jedesmal ihren Spiegel und telefoniert wie wild. Und dafuer musste sie noch nicht mal mit ihrer Chefin schlafen.

Ersatz

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Dienstag, März 28, 2006

Heisses Essen

Gestern Nacht traeumte mir mein Geburtstag. Ich hatte alle in meine grosse verwinkelte Altbauwohnung eingeladen und war den ganzen Traum ueber damit beschaeftigt, bomfortionoeses Essen zu servieren. Als ich dann so gegen zwei Uhr nachts aufwachte, weil mir die stickige Hitze auf die Brust drueckte, wie ein dickes Daunenkissen, hatte ich in meinem trockenen Mund noch den intensiven Geschmack frischer Himbeeren mit Schlagsahne. Oh Himbeeren. Ach Schlagsahne.

Am Wochenende hab ich einen Blumenkuchen gebacken, aromatisiert mit Hibiskusblueten. Da dachte ich mir, ein Hibiskusgelee als Fuellung waere doch super. Also Gelantine, Gelantine und nochmal Gelantine in die Fluessigkeit geruehrt, schliesslich alles in den Kuehlschrank zum Festwerden. Dann hab ich das Gelee auf den Kuchen gestrichen, eine Minute gewartet und schon war alles wieder fluessig wie Wasser. Daraus lernen wir: bei 45 Grad hilft Gelantine auch nicht mehr.

Erfolgreicher war mein Kaesekuchenbetrug. Meine kanadische Mitbewohnerin wuenschte sich Kaesekuchen zum Geburtstag und ich sagte: Klaro, kein Problem, kriegen wir gebacken. Natuerlich gibt es dafuer hier keine Zutaten. Also: Ersatz.

Statt Speisestaerke: Mehl.

Statt Quark hab ich in Milch Zitronensaft geruehrt. Die Milch flockt dann aus und sieht aus wie Urin mit weissen Kluempchen. Von dem Urin hab ich ein bisschen was weggekippt und mich gesorgt, weil die Geschichte nicht fest wurde, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Schlagsahne, geschlagen? Ha! Kein Problem, haltet einen Mixer in einen halben Liter Dosenmilch, Ihr werdet beeindruckt sein von dem beigefarbenen Schaum (naja, vielleicht auch nicht).

Eigelb und Eiweiss getrennt. Also, zu Hause gibt es nen Trick, um rauszufinden, ob ein Ei frisch ist, oder nicht: In einen Topf mit Wasser legen: Wenn es am Boden liegt, ist es frisch, wenn es am Boden steht ist es noch essbar, wenn es oben schwimmt, ist es alt, wegwerfen. In Ghana geht das so: Wenn das Eigelb beim Aufschlagen ganz bleibt, ist das Ei frisch, wenn es sofort auseinanderlaeuft aber das Ei nicht fies riecht ist es noch essbar, wenn es fies riecht oder das Kueken schon Augen hat, ist es alt und kann nicht mehr gegessen werden. Nach fuenf Eiern der Kategorie “noch essbar” (aber trennen unmoeglich) bot Mary an, mit einem Wassertopf zum Nachbarladen zu gehn, um auszuprobieren, ob es da auch Europaeisch frische Eier gibt. Die Madam schimpfte Mary aus: Wenn das jeder taete, wem wuerde ich dann meine faulen Eier verkaufen?! Das Ergebnis: Wenn man die Eier ganz vorsichtig aufschlug, konnte man ein wenig Weiss abfangen, bevor sich der Schlabber vermischte.

Nun, trotz Ersatz wurde der Kuchen dennoch koestlich, die alten anglikanischen Nonnen waren begeistert und wenn mein Internet heute gnaedig ist, schick ich Euch auch ein Foto. Ansonsten muesst Ihr Euch den Kuchen ertraeumen.

Freitag, März 24, 2006

Komische Weisse

Zeinabu arbeitet fuer eine Organisation in Bolga, die Brunnen graebt, ihr Vater ist der Chief (traditionelle Autoritaet) von Bolga und sie selbst ist mit einem hoeheren Tier in der Regionalregierung verheiratet. Ich fahre in ihr Buero, das etwas ausserhalb liegt, wenn ich die Schnauze voll hab. In Bochum haette ich Patricia gefragt: Wie waer’s mit ner Runde im Botanischen Garten? Zeinabu ist eine richtige Schnabbelschnuess und an allem interessiert. Durch ihre vielen Reisen und Kontakte zu Weissen hat sie eine ausgepraegte Halbbildung in Sachen Europa - ist im Detail aber dann doch immer wieder erstaunt. Wir sprachen ueber meine Eltern, die Zeinabu beim letzten Besuch kennengelernt hat. Sie fragte, wie die leben und war ganz erstaunt: “Wie, ganz alleine. Wer kocht und putzt denn fuer die?”

Ich hab gestern aber auch wieder viel gelernt. Und zwar darueber, wie die gehobene Gesellschaft das Leben der Weissen in Bolga beobachtet und beurteilt. Zeinabu fragt: Was denkt Ihr in Europa ueber Altersunterschiede in Beziehungen? Dann erzaehlt sie von einer weissen Frau in den Sechzigern und ihrem dreissigjaehrigen Freund. Sie ist entsetzt. Nicht so sehr ueber die Beziehung, sondern darueber, dass diese Frau so schamlos ist, das nicht geheim zu halten, sondern darauf zu bestehen, den jungen Mann zu heiraten.

Und die Rastamaenner: Warum fahren weisse Frauen so auf Rastamaenner mit ihren schlechten Gewohnheiten (kiffen) ab. Eine Kanadierin ist mit einem Rastamann verheiratet, und sie haben ein Kind zusammen: “Das war doch so ein ordentliches Maedchen, ich hatte so viel Respekt fuer sie. Aber jetzt, mit diesem Mann, da will ich nichts mehr mit zu tun haben.” Nun versuche dieser Frau zu erklaeren, dass Kiffen in Europa noch nicht einmal mehr richtig illegal ist…

Fast jedes Mal, wenn ich sie treffe, macht Zeinabu mir Komplimente fuer meine Kleidung. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als ich in ihr Buero kam und sie mich von oben bis unten ansah und ihr nichts Positives einfiel. Ich trug ein weisses weites Hemd und eine olivgruene schlichte Leinenhose. Die Farbe der Hose und ihre Schlichtheit, das ging gar nicht, das sah ja aus, wie bei armen Leuten. Wie auch immer, gestern war sie begeistert, denn ich hatte mich aufgeputzt und sie sagte: Eva, Du bist eine Ausnahme. Die meisten Weissen, die nach Afrika kommen, ziehen sich so scheusslich an, dass ich das beleidigend finde. Denken die: Wir gehen ja nach Afrika zu den Armen, da macht das nix, wie wir aussehn? Sie tragen haessliche Sachen und sagen: Aber das Material ist total angenehm in der Hitze. Wenn jemand auf dem Dorf wohnt, mag das ja noch angehen, dass er sagt, er will nicht weiter auffallen und zieht sich deshalb aermlich an. Aber wieso kommen Weisse in schmutzigen alten T-Shirts in mein Buero?

Diebe in Sandema

Ich hab versucht meine englischen Freunde aus Sandema zu troesten: Wisst Ihr, Debbie ist mit ihren Ueberfaellen ein richtiger Internet-Star geworden und meine Leser warten ungeduldig auf Neuigkeiten. Das hat sie nicht wirklich ueberzeugt, manche Leute sind halt nicht bereit, fuer den Ruhm alles zu geben. Der Raeuber fragt aber gar nicht, ob Du bereit bist, alles zu geben, er nimmts ohnehin.

Nach der St Patrics Day Party in Sandema schliefen in dem Haus mindestens acht Leute und trotzdem kamen die Diebe ins Wohnzimmer, schlichen um die Schlafenden und sammelten Taschen und Handies ein. Morgens frueh kam eine Nachbarin und fragte uns: “Wo sind denn die Hausherrinnen? Meine Kinder haben auf dem Weg zum Markt ihre Motorraeder gesehen und sich gewundert, warum die Maedchen die da im Busch versteckt haben. Da wollte ich doch mal nachfragen”.

Natuerlich wuerde kein vernuenftiger Mensch sein eigenes Motorrad hinter dem oeffentlichen Toilettenbusch verstecken. Waehrend wir die Raeder wieder einsammelten, haben die anderen sich im Haus umgesehn und zusammengezaehlt, was fehlte. Die Diebe waren richtig liebe Kerle, hinter dem Haus haben sie alles, was sie nicht brauchen konnten, in der Landschaft verstreut: Bankkarten, Taschen, Schluessel, Buecher – alles, ausser Handies und Geld.

Weil ich die einzige mit Auto war, konnte ich meine Neugier als Hilfsbereitschaft tarnen: Soll ich Euch zur Polizeistation fahren? Ein Polizist in langem weissem Nachthemd (= Polizeiuniform), der andere in Jeans und T-Shirt, nahmen den Fall auf. Die Polizeistation besteht aus einem kleinen Raum mit Tresen, hinter dem der Polizist steht und die Anfragen und Anzeigen entgegennimmt. Hinter dem Tresen fuehrt eine Eisengittertuer in einen dunklen Raum, aus dem intensiver Menschengestank weht. Waehrend wir den Diebstahl anzeigen, bringt ein Polizeikollege einen Mann mit Handschellen an, schliesst die Zellentuer und die Handschellen auf und schiebt den Mann in die Zelle. Da steht er dann, klammert sich mit beiden Haenden an das Gitter und beobachtet die weissen Frauen.

Alle Ghanaer, denen ich die Geschichte erzaehle, sind ueberzeugt, dass die Diebe uns Schlafpulver in die Augen gepustet haben. Sonst haetten sie sich niemals getraut, zum Klauen um uns herum zu schleichen.

Dienstag, März 21, 2006


kleine Schwester Posted by Picasa

Kleine Schwester

Hier gibt es andere Gesten als zu Hause. Faellt Euch eine Geste fuer kleine Schwester / kleiner Bruder ein? Wahrscheinlich nicht, weil wir ja, selbst wenn wir Geschwister haben, nicht viel mit ihnen tun muessen. Hier ist das eindeutig, wenn eine erwachsene Frau von frueher redet und von ihren Geschwistern, macht sie eine unbewusste Bewegung mit beiden Armen, als wuerde sie jemanden Huckepack nehmen. Da es hier viele sehr junge Muetter gibt, ist der Uebergang fliessend. Sobald Maedchen alt genug sind, um allein gehen zu koennen, laufen sie mit umgebundenen Babies rum – Geschwistern oder eigenen Kindern.

Hilfe!

Das war so ein toller Plan und jetzt merke ich, dass das so einfach gar nicht geht. Ich wollte mir echt was goennen – weiss aber leider gar nicht was…

Der Plan: Ich sage meinen Eltern alle Buecher, die ich mir wuensche, ueberweise ihnen das Geld schoen durchs internet, die gehen ferngesteuert in die Duerener Innenstadt, kaufen den ganzen Schmutz, packen ihn dem naechsten Afrikareisenden in die Tasche und ich lache.

Schoen gedacht eigentlich. Aber woher soll ich denn wissen, was da fuer Buecher sind, die ich haben wollen koennte? Bitteschoen, welche Romane haben Euch in der letzten Zeit so beeindruckt, dass sich die Schlepperei ins hinterste Afrika lohnt? Dankeschoen. Ich verspreche auch, dass ich sie ganz selbst alphabethisch ordne und Mary damit in Ruhe lasse...

Sonntag, März 19, 2006

Bin ich zwangsgestoert und / oder grundlos grausam?

Das Ganze fing damit an, das meine Eltern zu Besuch waren (ist das nicht seltsam, wie Zwangsstoerungen irgendwie immer mit den Eltern anfangen). Da ich so eine gute Tochter bin (viele Zwangsgestoerte versuchen ja, ihren Eltern besonders gute Kinder zu sein, nicht wahr), hab ich ihnen mein Bett ins Wohnzimmer geschoben, denn das ist mein einziger Raum mit Klimaanlage. Als meine Eltern wieder weg waren, merkte ich, wie gern ich eigentlich im Wohnzimmer liege – das konnte ich bislang noch nicht bemerken, aufgrund gaenzlicher Abwesenheit entsprechender Moebel.

Also. Hab ich mir gedacht. Und nochmal: Also! Jetzt oder nie. Und bin Samstag in die Stadt gefahren zum Kauf einer Couch-Garnitur. Das geht hier so: Ueber die Stadt verteilt gibt es Schreinerwerkstaetten, die jeweils aus einem mehr oder weniger verfallenen Schuppen mit etwas Werkzeug bestehen. Die Schreiner bauen ein paar Sofas und stellen die vor dem Schuppen in den Staub, so dass man sie von der Strasse sehn kann. Der Stil ist durchgehend robust und riesig, florale Motive, bei Ikea haetten die alle den Namen “Ommaausgeich”.

Da die Sofas alle gleich unglaublich sind, fiel mir die Wahl leicht. Mary sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen, als sie mich mit zwei Schreinern und zwei Sofas (und dann nochmal mit zwei Sesseln) auf dem Auto aus der Stadt kommen sah – sie dachte, ich waere Zwiebeln und Tomaten kaufen. Aber wirklich verstaendnislos hat sie erst geguckt, als ich die knallgelben Schondeckchen, die mit roten und gruenen Blumen bestickt sind und im Preis inbegriffen waren, nicht haben wollte – obwohl die doch so fesch sind, auf einem braun-orange-schwarz-gruen gemusterten Sofa.

Ihr fragt Euch, wo nun die Zwangsstoerung Schraegstrich Grausamkeit ist. Das kommt jetzt und ich erzaehl die ganze Vorgeschichte nur, damit Ihr wisst, dass - wie immer - die Eltern schuld sind. Weil, haetten die nicht in meinem Wohnzimmer geschlafen…

Also: Weil diese Sofas so riesig sind, musste ich eines meiner Buecherregale aus dem Wohnzimmer ins Schlafzimmer umsiedeln. Und im Zuge dieser Aktion hab ich endlich meinem inneren Zwang nachgegeben: “Mary, ich moechte meine Buecher gerne geordnet haben. Deutsche ins Schlafzimmer, Englische ins Wohnzimmer und dann bring ich Dir bei, wie man Buecher nach Autoren alphabetisch ordnet.” Sie schaute mich so an, als haette ich gesagt: Bitte ordne die Erbsen nach Groesse, bevor Du sie kochst. Oder: Steh auf einem Bein waehrend Du kehrst. Meine weissen Freunde in Bolga (und der Welt) sind entgeistert, halten mich fuer zwangsgestoert, weil mir das gefaellt und fuer grausam, dass ich Mary da mit reinziehe. Aber bitteschoen, wenn Mary mir sagt, sie wuerde so gerne weiter in die Schule gehn, kann das doch nicht stoeren, wenn sie das Alphabet etwas besser kennenlernt, oder? Es war fuer sie eine schwierige Aufgabe und ich bin davon ueberzeugt, dass es beim Lernen hilft, Sachen zu machen, die schwierig sind. Aber das hab ich bestimmt auch von meinen Eltern. Das Einzige, woran sie nicht schuld sind, ist mein Sofageschmack. Den hab ich von meiner Omma, aber fiese Eigenschaften ueberspringen ja manchmal eine Generation. Zu besichtigen in meinem Wohnzimmer.

Chicken Wrap - Eingewickeltes Maedchen

Eine amerikanische Bekannte, die sich in Tongo niedergelassen hat, rief gestern bei Debbie an: Morgen gibt es hier ein cultural festival, wollt Ihr kommen? Klar, machen wir, obwohl uns die Kleiderordnung etwas verwirrt: Sandalen, hat sie gesagt und ein grosses Tuch, zum Einwickeln. Ich stelle mir ein Dorffest in Geich vor, bei dem der Pastor sagt: Alle Frauen muessen nur in ein Handtuch gewickelt erscheinen. Naja, in Tongo gibt es auch einen heiligen Schrein, den Frauen nur oben ohne besichtigen koennten. Ein weiterer Unterschied zu Geich und seiner Kirche…

(Was mich weiterhin beunruhigt: Wir haben im Moment hier Temperaturen, die sich irgendwo um 40 Grad im Schatten bewegen. Leider gibt es auf dem Festplatz in Tongo keinen Schatten.)

Donnerstag, März 16, 2006

Dosen

Mary spuehlt meine leeren Konservendosen: “Der Rand ist so schoen glatt, wenn Du die mit dem Dosenoeffner oeffnest., die bring ich den Kindern mit.” Ich denke natuerlich: Zum Spielen. Meine kanadische Mitbewohnerin kommt nach Hause und sagt: “Heute hab ich bei der Arbeit ein kleines Kind gesehn, dass aus einer schartigen rostigen Dose Wasser trank. Die hab ich ihm natuerlich gleich abgenommen, ist ja lebensgefaehrlich. Da hat mich das Maedchen ganz entgeistert angeguckt: Das war doch ihre ganz eigene Tasse. Schon seit einem Jahr.”

In Burkina laufen in jeder Kleinstadt kleine Jungs rum, die leere Zweikilodosen Tomatenmark an einem Schnuerchen umgehaengt haben. Wenn man in einem Lokal isst, lungern sie am Eingang rum und gucken in die Gegend. Wenn die Kellnerin die Teller abraeumt, kippt sie die Essensreste in die Dosen und die Jungs laufen mit breitem Grinsen um die naechste Ecke und stopfen sich das Essen in den Mund. Das sind Kinder aus sehr armen Familien. Oder Kinder aus sehr glaeubigen Familien. Ihre muslimischen Eltern wollen die Jungen durch Betteln zu Gottesfurcht und Demut erziehen.

Mittwoch, März 08, 2006

Aasfrass

Mein Vater war der kulinarische furchtlose Ritter unserer Reisegruppe. Zumindest meistens. Ich bin von Anfang an Vegetarierin. Meine Mutter warf einen Blick auf die Marktstaende, an denen Fliegen, Geier und Menschen sich das Fleisch teilen und ihr war klar, dass sie den armen Fliegen und Geiern ihre Malzeiten nicht streitig machen wollte.

Mein Vater dagegen gab sich das ganze Programm: An einem Abend bekam er einen ganzen Satz fleischloser Huehnerknochen, am naechsten ein paar Spiesse die so scharf waren, dass er sich ueber die Qualitaet des Fleisches keine Gedanken machen konnte.

Am vorletzten Mittag hielten wir an einem Ort, wo Mutter und mir gleich die Vorfreude auf unser altes Brot und frische Paprika aufstieg. Der Vater hingegen wollte es wagen, also liessen wir uns erklaeren, was Madam gekocht hatte: Dies und das und ausserdem ein Fleisch, dessen Namen wir nicht kannten. Wir baten sie, zu beschreiben und sie sagte: “Kommt doch mit in die Kueche, zeig ich Euch.”

In dem dunklen Schuppen standen mehrere grosse Missionarstoepfe auf dem Feuer, in denen schleimige Bruehen blubberten. Aber unser Fleisch war auf einem Blech: Schwarzrote zusammengerollte knubbelige Dinger, die wir nicht erkennen. “Kutteln?” sagt mein Vater vorsichtig, weil Kutteln das Eigenartigste ist, was er sich vorstellen kann. Die Koechin sieht, dass wir nicht verstehen und zeigt auf den Grill vor der Kuechentuer. Da liegen sie, plattgehauen, alle Viere von sich streckend, den Kopf zur Seite gedreht, ein ganzer Stapel - zum Raeuchern, Trocknen oder was weiss ich. Ich kann mir vorstellen, dass es irgendwelche freundliche Namen fuer sie gibt, und wahrscheinlich ist das eine ganz andere Spezies Ratte als die, die in Deutschland ueblich sind.

Wie auch immer, nachdem unsere Neugier befriedigt war, sagte mein Vater freundlich: “Och, eigentlich wuerde ich am liebsten einen Kaffee trinken.”

Lukrativ lungern

In Reisebeschreibungen Afrikas ist das eine typische Beobachtung: So viele Menschen sitzen unter einem Baum und lassen den Tag an sich vorbei schlendern. Und dann gibt es Spekulationen (der Reisebeschreiber) darueber, wie die so ruhig und gelassen sein koennen oder auch so faul und ob sie dabei das Denken abstellen oder ganz weise Gedanken ausbrueten.

Mein Assistent hat mir gestern erklaert, warum gewisse Maenner den ganzen Tag unter bestimmten Baeumen Bolgas sitzen: Weil sie Geld haben, das sie vermehren wollen. Wenn er selbst nichts anderes zu tun hat, setzt er sich dazu. Denn alle wissen: Wenn Du ein paar Sack Zement hast oder ein Motorad und brauchst Geld, dann kannst Du zu diesen Maennern gehn, die kaufen es Dir ab. Und natuerlich, wenn Du ein Motorrad mit Zement beladen brauchst, dito. Unter ihrem Baum erfahren sie alles: Wer sein Haus verkauft und wer ein neues baut, ob der Diesel an der Tankstelle bald zu Ende geht und es sich lohnt, die letzten Galonen aufzukaufen, welches Geschaeft geht und welches eingeht. Und dann schlagen sie zu. Und durch reines Sitzen hat sich das Geld in ihren Taschen am Abend vielleicht verdoppelt.

Dienstag, März 07, 2006

Eva in Ghana

Der Dieb baut an!
Das ist alles, was ich Euch von Debbies Einbrecher berichten kann. Nachdem er 48 Stunden bei der Polizei gesessen und keinen Ton gestanden hat, mussten sie ihn wieder gehen lassen. Das ist natuerlich wunderschoen, dass sie das getan haben, denn es zeigt uns, wie gut der Rechtsstaat funktionniert. Kein Unschuldiger wird einfach so weggesperrt.

Wenn wir von Debbies Terasse zu seinem Lehmhaus ruebersehen und er fleissig an seinem Anbau arbeitet, dann sind wir natuerlich voller Verstaendnis: Irgendwo muss der den ganzen Kram ja unterbringen, den Debbie immer fuer ihn aus England mitbringt. Und wenn er beim naechsten Einbruch auch ihren Fernseher mitnimmt, wird ihm das neue Wohnzimmer noch zu Gute kommen. (Er hat zwar noch keinen Stromanschluss aber fernsehn kann man ja auch mit der Autobatterie...)

Freitag, März 03, 2006

Wasser mit dem Sieb holen

Das ist ein endloses Thema, mit dem mein Assistent und ich uns lange Autofahrten versuessen: Die krummen Wege, die das Geld fuer die Armen geht, eh es die Taschen der Reichen polstert. Seine neuste Geschichte stammt aus der Upper West Region. Da sollte ein Bauunternehmer im Regierungsauftrag Wasserloecher bohren. Leider blieb etwa die Haelfte der Loecher trocken. Das bedeutet eigentlich: Wiederkommen, nochmal bohren, bis man Wasser findet. Weil das normal ist, wird beim Preis fuer ein Wasserloch grosszuegig kalkuliert. Unser Bauunternehmer hat sein Problem kreativ geloest. Er besorgte sich einen Wassertank, der die leeren Loecher fuellte, bei der Abnahme der Bauwerke floss ueberall wunderbar klares Wasser… fuer eine Woche oder zwei.

Alle wissen das. Man lacht ueber das Schlitzohr. Fuer die Dorfgemeinschaft hat sich nichts geaendert. Bis darauf, dass sie 2 Mio Cedis losgeworden sind, ihren Anteil am Wasserloch.

Mittwoch, März 01, 2006

Ihre Heiligkeit futtert

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Ihre Heiligkeit

… sieht ganz anders aus als unsere. Und fuehlt sich doch tief innen aehnlich an.

In der Naehe Bobos gibt es einen Ort mit heiligen Fischen. Auf dem Weg dahin muessen wir nach dem Weg fragen und die Jungs am Kickertisch rufen einen Mann, der uns hin fuehren kann. Er steigt auf unsere Ladeflaeche und dirigiert mich mit Aufs-Dach-Klopfen und Handzeichen ueber Stock und Stein bis an die Stelle, wo Autos nicht mehr weiter koennen.

Auf dem Fussweg ueber das zerklueftete Hochplateau lassen wir den Vater unter einem Stein im Schatten liegen – die Sonne ist ihm zu arg. Rotbraune Felsennadeln bilden geschuetzte Ecken in denen die Baeume noch gruen sind und die den Vogelgesang reflektieren. Mit den Felsen im Ruecken, koennen wir kilometerweit in die gelbe Ebene sehn. Grade noch waren wir in der Weite, dann biegen wir in eine schattige Schlucht, Pflanzen ranken den steilen Weg zu und alles riecht nach Wasser.

Vom Grund der Schlucht hoeren wir das Gemurmel vieler Menschen. Unser Fuehrer spricht mit einem fein gemachten jungen Paar aus Bobo und nach einigen Rueckfragen (Ist das auch wirklich ok fuer uns?) einigen sie sich, dass er die in der Handtasche mitgebrachten lebenden Huehner fuer sie opfern wird. Aber bevor wir den heiligen Ort betreten, muessen wir alles ausziehn, was rot oder golden ist, die Fische moegen diese Farben nicht. Unser Priester tauscht sein zerloechertes T-Shirt mit der roten Bierwerbung gegen ein karriertes Hemd.

Nun sind wir da. Die hohen Felswaende bilden eine Halle, hinten ist ein kleiner Wasserfall, davor mehrere dunkelgruene Wasserbecken mit den heiligen Fischen und davor… Federn. Knoecheltief und blutverschmiert, die Felsterassen, die zu den Teichen fuehren, sind weiss gepolstert mit Huehnerfedern. Hier und da hat ein heiliger Mann mit verfilzten Haaren sich ein Eckchen freigekratzt um ein Feuer zu machen, auf dem die Opferhuehner nach getaner Arbeit gegrillt werden.

Die Ehrfurcht gebietet, sich dem Opferstein neben dem Wasserfall barfuss zu naehern. Also schlucken wir – und schlucken nochmal - und fuegen uns darein, ehrfuerchtig und barfuss zu sein.

Der hinterste Fels ist der Opferfels. Da stehen drei Maenner und schweigen und murmeln und gehen dann, um fuer unser Huehnerpaar Platz zu machen. Der Priester erklaert uns: Hierhin kannst Du mit all Deinen Sorgen und Wuenschen kommen. Wenn Du Dir etwas wuenschst, dann versprichst Du tief in Deinem Herzen, dass Du wiederkommen und opfern wirst, wenn der Wunsch Dir erfuellt wird.

Dann beginnt der heilige Akt: Er schmiert Fett an die Felswand, teilt das Trankopfer (Hirsebier) zwischen dem Felsen und der eigenen Kehle auf, schneidet dem Huhn den Hals auf, um Blut auf den Stein zu tropfen, reisst ihm Federn aus, um die Engel zu rufen und schliesslich stellt er ihm eine Frage. Er laesst das sterbende Huhn aus der Hoehe auf den Boden fallen und es beantwortet seine Frage: Landet es auf Bauch oder Ruecken, ist die Antwort positiv. Wenn es sich nach rechts oder links legt, nicht. Dem toten Huhn werden die Eingeweide rausgerissen und an die heiligen Fische verfuettert – riesige Welse mit haarigen Maeulern, die aus der dunklen Tiefe kommen und den Rachen aufreissen, sobald sich die Wasseroberflaeche regt.

Nachdem die Zeremonie vorbei ist, fragen wir unsere Huehneropferer, warum sie hier sind. Der Mann begleitet seine Cousine um rauszufinden, ob der zukuenftige Eheman der Dame ein Hallodri ist, oder nicht. Die Huehner sind mit ihm einverstanden, waehrend die Fische recht zoegerlich waren.

Nachdem der heilige Moment vorueber ist, wird der Priester wieder Fuehrer und fuehrt uns an einen Teich, der weiter unten liegt, wo er unser Brot den Fischen opfert und uns erlaubt, Fotos zu machen.

Langsam werden wir nervoes, da der Vater ja immer noch mitten in der Steinwueste in einer kleinen Schattenecke liegt. Als ich das sage, lachen alle: Ihm kann nichts Boeses passieren, denn die Fische moegen uns, sie haben unser Opfer gierig verschlungen. Ausserdem haben die zuletzt angekommenen Glaeubigen einen weissen Mann gesehn, der ganz lebendig Richtung Auto unterwegs war.

Auf dem Weg zu heiligen Fischen

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Goldrausch kommt spaeter

Zwischen Ougo-dingskirchen und Djo-soundso ist ein Zeichen auf der Landkarte, das sagt: Mine. Morgens beim Fruehstueck in O-kirchen sagt ein Anschleimer: “Da ist eine Goldmine, Cool Man, tranquille, soll ich Euch da hin fuehren?” Wir lehnen dankend ab und machen uns selbst auf den Weg.

Im naechsten groesseren Ort fragen wir den Buergermeister: “Duerfen wir Ihre Goldminen besichtigen?” Er ist verwirrt und sagt zu seinem Kollegen: “Hier ist eine junge Dame mit einer Frage, die ich nicht verstehe.” Trotzdem gibt er uns einen jungen Kerl mit Motorrad, der uns die Kalk-Abbaugebiete zeigen soll. Das ist die einzige Mine, die dem Buergermeister in den Sinn kommt: Eine weisse schorfe Steinflaeche im Nichts. Da halten wir an und unser Fuehrer guckt hilflos: “War es das, was Ihr sehen wolltet?” “Hm, eigentlich waren wir ja auf der Suche nach Goldminen…” “So was gibts hier nicht. Aber da hinten sind ein paar Leute, die nach Gold suchen.” Also doch: Aussteigen, hingehn, “Hallo, koennen wir mal gucken, was machen Sie da?”

Eine Strohhuette, schmutzige Maenner, Frauen, Kinder, ein paar ungesicherte tiefe Loecher in der Erde, eine hoelzerne Rutsche, mit Plastik und Stoff bespannt, auf der einer der Maenner Sand mit Wasser beschuettet.

Dieser Mann zeigt uns, wie man hier Gold graebt: Die Schaechte gehen wie Kamine 100-150 m tief in die Erde und sind grade mal so breit, dass ein Mann sich an den Waenden abstuetzen kann, waehrend er in die Tiefe klettert – ohne Seil. Unten angekommen beleuchtet er seine Arbeit mit einer rosa Kindertaschenlampe am Gummiband und hackt Steine in den Eimer. Zum Atmen hat er einen langen Schlauch aus Plastikfolie, dessen Oeffnung sie oben in den Wind haengen: “Wenn ich hier zuhalte, erstickt der Mann da unten.” Wenn der Eimer voll ist, ziehen die Frauen ihn hoch und stampfen die Steine im grossen Holzmoerser zu Sand. Der Sand kommt auf die Rutsche, und wenn man ihn vorsichtig mit Wasser beschuettet, setzt sich der schwerere Goldstaub unten in den Tuechern ab und kann eingesammelt werden. An guten Tagen ein ganzes Gramm. An schlechten Tagen gar nichts. Manchmal besteht ein Monat nur aus schlechten Tagen.

Unser Goldgraeber sagt: “So ist das halt. Hier leben wir und hier sterben wir. Wenn einer einen Unfall hat, koennen wir nichts tun. Wenn es etwas anderes gaebe, wuerden wir etwas anderes tun.” Er sieht sich auf der steinigen Ebene um und brauch nichts weiter zu sagen, denn wir sehen ja, hier gibt es nichts anderes – keinen Grashalm. “Aber natuerlich besteht immer die Moeglichkeit, dass wir auf die grosse Goldader stossen.” Er laechelt, fragt nach unserer Adresse und sagt: “Wenn ich Glueck hab, dann schick ich Euch was von dem Gold, dann werd ich diesen jungen Mann bitten (den Motorradmann, der uns hier hin fuehrte und schreiben kann), Euch zu schreiben.” Zum Abschied schenken wir ihm Vaters alte Umhaengetasche und Mutter bittet mich, zu uebersetzen, dass er von nun an immer einen Platz in ihrem Mutterherz hat und bitte gut auf sich aufpassen soll.

Dienstag, Februar 28, 2006

Zurueck zu Haus

Eva und die Eltern sind gesund und staubig wieder in Bolga angekommen. Sobald ich wieder zu Atem komme, werde ich Euch ausfuehrlich von Goldgraebern, Kameltreibern, Lappohren und Schnupsnasen erzaehlen.

Mittwoch, Februar 15, 2006

Juhuu!

Freitag Morgen 2:30 fliegen meine Eltern mit Royal Air Maroc in Ouagadugu ein! Ich hole sie vom Flughafen ab und dann werden wir eine Woche in Burkina Faso rumreisen und alles rausfinden! Und alles aufessen: Erdbeeren, Kaese und so weiter! Und wie wild radebrechen: sche ne mongsch pa due viond (Ich nix Fleisch essen), mae mon papa aem due viond (– aber mein Papa liebt Fleisch) eskilia due schokola pur la mama (gibts Schokolade fuer die Mama?)! Uns streiten und vertragen und jeden Mittag puenktlich um halb eins Mittagsschlaf halten! Ist das nicht wunderbar?

The african way

Ich gebe es zu, alles begann zunaechst mit einer Strategie, um mein Ziel mit moeglichst wenig Aerger zu erreichen.

Ich moechte keine Kinderkarawane mehr in meinem Garten haben, die mein Wasser aus dem Haus traegt. Aber ich weiss, dass ich nicht zu meinem Hausmeister/Nachbarn Sammy sagen kann: “Ich moechte Deine Kinderkarawane nicht mehr in meinem Garten haben, die mein Wasser zu Deinem Haus traegt.” Denn wir leben in einer Gesellschaft der Konfliktvermeider, in die ich – nebenbei bemerkt - erschreckend gut passe.

Also sag ich lange gar nichts.

Und heute Abend dann: “Sammy, kann ich Dir irgendwie dabei helfen, das Wasserproblem in Deinem Haus zu loesen?” Und er sagt: “Weisst Du, vor einiger Zeit (ein paar Jahren?) hatten wir ein Leck und da ist so viel Wasser durch unseren Zaehler geflossen und wir konnten nicht bezahlen, dann haben sie uns das Wasser abgedreht und seitdem zahlen wir die Schulden ab. Noch ein bisschen und dann haben wir es geschafft.” Und ich sage: “Hm, ich bin nicht so gluecklich damit, dass immer so viele Maedchen in meinem Garten rumlaufen und immer wieder sind das andere, die ich gar nicht kenne, das verwirrt mich.” Nach ein wenig hin und her frag ich ihn, wieviel er den Wasserwerken denn noch schuldet. 600 000 (60 Euro). “Weisst Du was, soll ich Dir das Geld leihen? Du kannst Dein Problem und mein Problem loesen und wenn Du Geld hast, zahlst Du es zurueck.”

Als ich hier ankam, fand ich das unglaublich schwierig, alles positiv, offen und schwammig zu formulieren. Ausserdem hielt ich es fuer unehrlich und Zeitverschwendung, immer um den Pudding zu tanzen. Ich fand es viel besser, meinen Kopf immer wieder volle Lotte gegen die Wand zu donnern, statt zu fragen, wo die naechste Tuer ist.

Inzwischen sehe ich, dass man mit dem Puddingtanz tatsaechlich zu Loesungen kommen kann, die beide Seiten gluecklich machen: Ich bin das Gewusel los und hab nen Heiligenschein. Er wird wieder Wasser im Haus haben und seine Maedchen haben mehr Zeit, Hausaufgaben zu machen. Und auf dem Weg dahin haben wir keine Schmerzen gehabt und haben gelaechelt wie bloed.

Ob er das Geld zurueckzahlen wird? Kann schon sein…

Und wenn nicht? Na dann eben nicht…

Ghanaisierung der Arbeitsmoral

Heute morgen auf dem Weg zu meiner eigentlichen Arbeit musste ich ploetzlich grinsen. Manchmal kommt die Anpassung an die fremde Umgebung so langsam und schleichend, dass man sie gar nicht bemerkt. Als ich hier ankam, fragten mich alle: Was arbeiten Deine Eltern, Deine Schwestern. Und als sie erfuhren, dass meine Eltern ein Geschaeft haben und meine aeltere Schwester ein Businesswoman ist, wurde ich mit tausend Plaenen bombardiert: koennen die nicht Trommeln fuer uns verkaufen, Koerbe, Perlen, Lederwaren. Es war schwer, zu erklaeren, dass meine Schwester als Unternehmensberaterin vielleicht nicht die richtige Zielgruppe fuer diese Art von Business ist. Und noch unverstaendlicher, dass in Deutschland fast jeder nur einen Job hat, der ihn ernaehrt und niemand nach Verdienstmoeglichkeiten rechts und links davon sucht.

Mein Grinsen heute morgen? Weil ich eine Liste aller Freunde und Familienmitglieder im Kopf durchging und ueberlegte, ob ich nicht irgendwen kenne, der an Stoffen und Naeharbeiten interessiert ist und den ich in ein Naehprojekt locken koennte. Meine neue kanadische Mitbewohnerin Angela arbeitet fuer eine kleine Nonnenschule, wo Waisenmaedchen naehen und kochen lernen. Angela ist Naehlehrerin und ueberlegt, ob es nicht auch Maerkte ausserhalb Bolgas gibt… Der Markt in Bolga ist voll von Maedchen, die naehen koennen und obwohl die Frauen und Maenner hier sehr eitel sind und ihr letztes Geld fuer ein schoenes Kleid hergeben, ist es schwer, in diesen Markt reinzukommen. Wenn wir also jemanden faenden, der die Stoffe, die sie einfaerben in Europa verkaufen wollte, oder etwas, das die Maedchen genaeht haben…

Und dann, wie gesagt, ging ich diese Liste der Freunde und Familienmitglieder durch und musste lachen: Das sind ja alles keine Ghanaer, egal ob an Stoffen interessiert oder nicht, die haben ja alle einen Job, ein Studium oder was auch immer, das sie Vollzeit beschaeftigt.

Und jetzt lache ich noch mehr, denn natuerlich hab ich diesen Blog nicht nur geschrieben, um Euch ueber meine Persoenlichkeitsentwicklung zu informieren. Ich bin inzwischen ghanaisch genug, um es trotzdem zu versuchen, was weiss ich denn, wie Ihr Eure Tage verbringt und wen Ihr kennt. Fuer die ghanaische Strategie muss man bereit sein, 100 Leute zu fragen und 99 Absagen einzustecken. Denn am Ende zaehlt nur der eine, der mit einem ins Geschaeft kommt.

gluecklich sein

 
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Gaertner gaertnern sehn

 
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Taxi sein

 
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Berg bewundern

 
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Dienstag, Februar 14, 2006

Text geklaut

Konditoreien
Aussenherum Zuk-
ker drin sitzt der
Baecker & singt.

Beat Brechbuehl

... den Dachdeckern beim Dach decken

 
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Einfach

Letztes Wochenende waren Debbie und ich auf Entdeckungstour. Wir haben Taxi gespielt, einen hohen Berg bewundert, den Dachdeckern beim Dachdecken zugesehn, den Gaertnern beim Bewaessern und waren gluecklich.

Donnerstag, Februar 09, 2006

Von keinem geschickt

Mir ist zufaellig wieder eingefallen, wie einfach das ist, mein Mittagessen mit Mary zu teilen, wenn ich zu viel gekocht hab. Aus meinen eigenen mageren Zeiten in Deutschland weiss ich zu gut, wie man aus Western von Gestern fix was Tolles zaubert. Deshalb gibt es bei mir normalerweise keine Reste zu entsorgen. Aber, wie gesagt, vor ein paar Tagen ist mir das irgendwoher gedaemmert und deshalb hab ich heut mittag mit Mary in der Kueche gesessen und sie hat sich Ratatuille (?) auf ihr Gari gekippt und ueber das Wort gelacht. Ich war ganz stolz, dass ich sagen konnte: Heute koche ich was, das hat einen Namen.

Ich fragte sie nach ihrer Schulbildung und sie erzaehlte: “Als ich ein Kind war, gingen ploetzlich alle Kinder aus meiner Nachbarschaft in die Schule. Nur ich musste den ganzen Tag zu Hause sitzen, weil kein Geld da war. Da hab ich meine ordentlichen Kleider angezogen – Schuluniform hatte ich ja keine – und bin den anderen Kindern hinterher gegangen. Als wir an der Schule ankamen, guckte der Lehrer mich an und sagte: Wer bist Du denn, wer hat Dich geschickt? Ich bin Mary und keiner hat mich geschickt. Da hat er mich nicht reingelassen. Also stand ich vor der Schule und sah andere Kinder zu einer anderen Schule gehn. Schnell bin ich hinterher gelaufen und deren Lehrerin hat nicht so gut aufgepasst, also bin ich dageblieben. Und wiedergekommen. Immer wenn sie alle Namen aufgerufen hat, hab ich ganz still da gesessen. Irgendwann hat sie mich bemerkt und gefragt, wer mich geschickt hat. Dann hat sie mich nach Hause gebracht und wir haben alle gefragt, ob sie was dazu tun koennen und so kam schliesslich mein Schulgeld zusammen. Spaeter kam meine Tante zu meiner Mutter und hat mich zu sich geholt und zur Schule geschickt: Grundschule (3 Jahre) und Mittelschule (3 Jahre). Die naechste Schule haette 500 000 Cedis Schulgeld gekostet (50 Euro). Das war zu viel. Da hab ich aufgehoert.”

Jetzt sitze ich hier an meinem Computer und arbeite und schreibe Geschichten und Mary liegt im gleichen Raum auf dem Boden, geniesst die Klima-Anlage und sucht alle Sachen, die sie fuer Mutters neues Kiosk gekauft hat, in meinem Woerterbuch. Dann kann sie eine Liste machen, in der alles richtig geschrieben ist.

Montag, Februar 06, 2006

Tatort Bolga

Samstag morgen war ich bei Debbie um die Fortsetzung unseres Krimis zu beobachten. Es war wie im Fernsehn: Ein grosser, attraktiver, kompetenter und charmanter Kommissar (nur sind die im Fernsehn nie schwarz und tragen keine bestickten Hemden), kam zur nochmaligen Spurenaufnahme. Ihn begleitete ein kleiner Mann in einer Art Schlafanzug mit halblangen Beinen, bedruckt mit lebensgrossen Spruehdosen in gruen und blau, der ueber und ueber mit billigem Schmuck behaengt war und sich wichtig tat, ohne einen blassen Schimmer zu haben. Eindeutig: der Polizeichef von Bolga. (Debbie dachte erst, das sei der Fahrer und hat ihn entsprechend begruesst.)

Als Grund fuer ihren Besuch gaben sie an, dass sie Fotos von den Spuren machen wollten. Was lustig war, denn der Polizeifotograf hatte das am Freitag auch schon gemacht. Der wahre Grund war, dass die Franzosen den Polizeichef auf eine Schulung geschickt und ihm dann eine fette Digitalkamera gegeben hatten auf die er maechtig stolz war und die er der weissen Frau zeigen wollte. Was fuer eine Wonne, dass die weisse Freundin der weissen Frau auch da war. So mussten wir uns alle in den kleinen Raum mit den Fussspuren quetschen, waehrend er mit seiner Kamera hantierte. Leider hatte er bei der Schulung nicht so recht aufgepasst und fand den Ausloeser nicht. Was ihn aber nicht davon abhielt, Debbie und alle anderen Englaender zu beschimpfen. Die sind naemlich Dummkoepfe, findet er, weil sie ihm nie Kameras schenken und ihn auch nicht auf Schulungen schicken, wo er sich den Bauch vollschlagen kann.

Der Verdaechtige ist inzwischen verhaftet, seine Fuesse sind genau so gross wie die Spuren, gestanden hat er aber noch nicht. Die Nachbarn beruhigen Debbie: “Keine Sorge, der ist jetzt bei der Polizei und die werden ihn foltern, bis er gesteht.” Als die gleichen Nachbarn merken, dass das Debbie nicht beruhigt, sagen sie: “Keine Sorge, die werden ganz lieb zu ihm sein und ihn nicht schlagen. Dann wird er einsehen und gestehen.” Was wissen wir schon?

Eva in Ghana

Krieg der Kroeten
Gestern stand ich vor meiner Kuechentuer, betrachtete versonnen meine Kroeten und dachte an meine Mutter. Nicht dass diese Kreaturen irgendeine Aehnlichkeit mit meiner geliebten Frau Mama haetten, im Gegentum. Vielmehr ueberdachte ich die muetterabweisende Wirkung von Kroeten auf der Schwelle. Schliesslich kam ich zu dem Schluss: Wenn ich meine Mutter in mein Haus locken moechte, muessen die Kroeten weichen. Also ging ich zum Vater-der-nicht-im-Schlamm-versinkt (Tagwachmann) und sagte:
“Come. Look. This no good. Uarrrrgh! You take and put there!”
“Komm. Guck. Das nix gut. Uarrrgh (mit verzerrtem Gesicht auf die Kroeten zeigend)! Du nimm und tu nach da (auf die Gartenmauer zeigend).”

Das war das erste Mal, dass ich ihm auf Englisch eine Anweisung gegeben hab, die er verstand. In hohem Bogen und alle Viere von sich streckend, lernen die Kroeten nun fliegen – ueber die Mauer in Nachbars Garten.

Dennis (Nachtwachmann) hat nicht nur einen englischen Namen, er versteht auch etwas mehr Englisch. Also sagte ich zu ihm:
“Dennis, we are starting a war! A war against toads!”
“Dennis, wir beginnen einen Krieg! Einen Krieg gegen die Kroeten!”
Dennis guckt verwirrt. Entweder versteht er das Wort toads nicht oder er haelt mich fuer uebergeschnappt oder beides. Also sag ich “Come. Look!” und zeige auf die Kroeten. Ich erzaehle ihm, wie dieser Krieg in der Zeitung und im Fernsehn sein wird und wir beruehmt werden. Da lacht er und versteht dass ich nur ein bisschen verrueckt bin. Und verzieht das Gesicht, als ihm klar wird, dass er an vorderster Front kaempfen muss.

Nun schoepfen sie morgens und abends die aeusserste Schicht Kroeten ab und lassen sie fliegen. Der Nachschub kommt im Laufe des Tages oder der Nacht aus dem Wasserrohr gekrochen. Nun hoffe ich, dass meine Jungs schneller schmeissen, als die Kroeten brueten koennen und dann, vielleicht, mag meine Mama mich besuchen.

Freitag, Februar 03, 2006

Harry, hol den Wagen - oder:Krimi in Bolga

(bitte zuerst “Klausaecke!” lesen)
Grade hab ich Debbie angerufen, um nach neusten Entwicklungen zu fragen.
“Wir haben Spuren!” sagt sie. Der gleiche Polizist wie letztes Mal hat den Fall aufgenommen. Er hat im Haus Fussspuren gefunden und sagte gleich: Das ist ein Mann der irgendein Problem mit einem Bein hat, die Spur ist so komisch schief.

Francis, Debbies Nachbar, hatte uns heute morgen erzaehlt, wen er verdaechtigt: “Den jungen Mann aus dem local house (also Lehmhaus) da hinten. Du hast ihn bestimmt schon gesehen, der geht so komisch. Der hat uns auch schon Huehner gestolen und macht immer Aerger.”

Debbie sagt: “Ich weiss gar nicht, ob ich will dass sie den Dieb finden.” Wir wissen beide, wie man hier mit Dieben umgeht und das ist gar nicht schoen. Sie werden zusammengeschlagen, bis jemand dazwischengeht oder bis sie sich nicht mehr regen. Ob das komische Bein des Diebes wohl von einer frueheren Begegnung mit der oertlichen Selbstjustiz kommt? Falls man sie in den Knast wirft, schneidet man (wer?) ihnen ein Viertelohr ab. Damit der Dieb fuer immer gezeichnet ist. Das Vertrauen in Resozialisation scheint nicht gar so ausgepraegt zu sein. Ohr abhacken ist immer noch netter als Hand, schliesslich ist die Ohrenspitze von eher geringer praktischer Bedeutung.

Klausaecke! Dreckige!

Heute morgen um halb vier klingelte mein Telefon.
“Hallo?”
“Hier is Debbie?”
“Was s los?”
“Sie haben wieder bei mir eingebrochen. Ich sitz in meinem Zimmer und trau mich nicht raus. Ich kann keinen Mann erreichen und weiss nicht, was ich tun soll.”
“Bleib wo Du bist, ich zieh mich an, schnapp mir meinen Wachmann und wir kommen vorbei.”

Als wir ankamen, war ihr Nachbarjunge aufgewacht und sie zaehlten zusammen, was fehlt: Ein Buegeleisen, ein Wasserkocher, drei Glaeser, ein Handtuch, ein Liter Milch, eine elektrische Zahnbuerste… Dass der Wasserkocher fehlt, merkte sie, als sie Ur-Englisch meinte: “Ich mach erstmal Tee.”

Debbie war von Taschenlampenlicht aufgewacht und davon, dass jemand an ihrer (abgeschlossenen) Schlafzimmertuer ruettelte. Als sie das erste Mal bei ihr waren (im Oktober) klauten die Diebe: Zwei Toepfe, eine Fahrrad, ein Handtuch, einen Liter Milch, zwei Flaschen Tonic Water, eine Packung Wechseljahrshormone. Weder damals noch heute nahmen sie die Flasche Gin mit. Heisst das, dass sie Moslems sind? Vor zwei Wochen kam jemand tagsueber in ihre Kueche waehrend sie duschte und nahm ihr Handy mit.

Alles deutet darauf hin, dass die Diebe nebenan wohnen. Also wird Debbie nun durch ihre Nachbarschaft gehn und misstrauisch gucken, ob irgendwer besonders gepflegt aussieht, weil er mit dem Diebesgut besser duschen, zaehneputzen und buegeln kann.

Heute morgen konnte ich Debbie dann endlich davon ueberzeugen, dass sie einen Wachmann braucht. Habe meinen Assistenten schon beauftragt, ihr einen so jungen und wachen Mann zu finden wie meinen.

Donnerstag, Februar 02, 2006

Der Staub. Der Staub. Der Staub.

Ich koennte einen ganzen Blog mit meinem Staub fuellen. Er dringt in jede Ritze, setzt sich in jede Falte die ich vorher noch gar nicht bemerkt hatte, verstopft die Nase und die Lunge, verwandelt das Haar in Stroh und fuellt das Haus. Morgens zwischen fuenf und sechs erwache ich davon, dass mein Wachmann den Staub fegt: Wusch! Wusch! Wusch!Also nicht: Den Staub WEGFEGT, denn mein ganzer Garten besteht nur aus Staub, sondern den Staub SAUBERFEGT. Wenn ich abends schlafen geh wasche ich als letztes die dicke Staubschicht von meinen Fuessen, schleiche dann auf Zehenspitzen (dann bleiben zumindest die Fersen sauber) in mein Bett und und packe meine Fuesse dick in Kakaobutter. Und Mary kann waschen und wischen wie sie will, wir verstauben. Und warten geduldig (?) auf die naechste Regenzeit, irgendwann im Mai oder Juni.

Kuchen mit fuer zwischen die Beine zu waschen

 
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Mary sprengt die Bank

Heute hat Mary ein Konto eroeffnet. Und Eva sass dabei wie ein stolzes Muttertier. Haette ja fast angefangen zu heulen. Sie fluesterte mir zu: “Eva, Du musst mir helfen, ich hab bei meiner Unterschrift kein System!” (das heisst, die Unterschrift sieht jedes Mal anders aus) Und ich fluesterte zurueck: “Keine Sorge, wenn Du nicht unterschreiben willst, kannst Du statt dessen auch Deinen Daumenabdruck benutzen.”

Jetzt wo ich wieder wirklich in Bolga angekommen bin (und meine Chefin wieder wirklich in Washington angekommen ist), kann ich all die losen Faeden aufnehmen, die in meiner Abwesenheit zerfranst sind. Also haben wir uns gestern ueber die Buecher gesetzt und eine Bilanz der letzten 4 Monate gezogen, die Zahlen hin und her geschoben, bis uns der Kopf rauchte. Das Ergebnis war, dass Mary so ungefaehr ihren Lohn verdoppelt durch die Baeckerei.

Nur ist leider davon kein einziger Cedi mehr in ihrer Tasche. Da musste ein Plan her. Oder eher: Mehrere Plaene.

Auf das Sparbuch werde ich nun ihren Lohn einzahlen und habe ihr versprochen, das Buch aufzubewahren und ganz zickig zu sein, wenn sie an das Geld dran will. Ausserdem will sie ein Ausgabenbuch fuehren, um rauszufinden, wo der Eimer sein groesstes Loch hat.

Die dritte Strategie gegen ein Problem auf der Ausgabenseite hat natuerlich viel mehr Sexappeal: Die Einnahmenseite verbessern. Also werden wir bei der Total Tankstelle vorsprechen, ob sie unser Brot verkaufen wollen und ausserdem unseren Kuchen auf den Markt werfen. Nur duerfen wir ihn natuerlich nicht Zitronenkuchen nennen (Iiih, das Zeug womit wir uns zwischen den Beinen waschen?!)

Mittwoch, Februar 01, 2006

Spracheinsamkeit

Meine Lieben, bitte verzeiht diesen literarischen Einschub, der nichts mit Afrika zu tun hat. Ausser vielleicht Folgendes: Wer allein mit seiner Sprache in Afrika ist, pluendert wieder und wieder den gleichen Buecherschrank. Und wenn er (in diesem Falle sie) dann etwas Schoenes findet, was sie schon lange vergessen hatte, ist niemand da, der die Freude teilt. Denn die einzigen Leute in Bolga, die meine Sprache sprechen, sind diese Missionare, mit denen mich dann sonst – ausser der Sprache – nichts verbindet.

Palindrome (vorwaerts und rueckwaerts zu lesen)

Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie.
In Nagold legen Hähne Geld – log Anni.
Nie fragt sie:”Ist gefegt?” Sie ist gar fein.
Eine Hure bei Liebe ruhe nie!
Leben Sie mit im Eisnebel?
Leg in eine so helle Hose nie n’ Igel!
Eine treue Familie bei Lima feuerte nie.
Die liebe Tote! Beileid!

(aus Reclam: Deutsche Unsinnpoesie)

Ich weiss ja, wie man Schuettelreime findet (also: Menschen moegen Moewen leiden, waehrend sie die Loewen meiden), aber vor Palindromen habe ich Heidenrespekt. Die sehen so leicht und spielerisch aus, aber wo findet man die, was muss man mit seinen Buchstaben machen, um da anzukommen?

Wie ihr seht, ist auch dieser Beitrag nicht ganz unafrikanisch (s. Gazelle). Als Kind hab ich mir den Neger immer in der Telefonzelle vorgestellt, da das die einzige Zelle war, die ich kannte. Ausserdem waere die ja wirklich viel praktischer als eine Ga-Zelle um unverzagt den Regenguss abzuwarten.

Freitag, Januar 27, 2006

Paradies ist anderswo

Meine Eltern schreiben entsetzt: Du warst gar nicht in unserem Paradies. Das ist nebenan und viel schoener. Ohne fiese Raeume und freche Preise. So ein Mist. Ob ich 4000 Dollar kriege, wenn ich zurueck auf Los geh und nochmal anfange?

Mittwoch, Januar 25, 2006

Aeaetzesupp (Erbsensuppe)

Die Wissenschaftler unter Euch wissen, dass unsere Arbeit wenig Denken erfordert. Die meiste Zeit schieben wir Erbsen hin und her, und schreiben auf, wie das aussieht. Als Forscherin in einem internationalen Projekt verbringe ich auch viel Zeit damit, Reiseagentur fuer anderleuts Dorfbesuche zu sein. Und da ich in Afrika bin, geht einige Zeit dafuer drauf, das Buero renovieren zu lassen, Kontakte mit Wichtigen zu pflegen und bestimmt eine Stunde jedes Tages brauche ich allein fuer Begruessungen.

Aber dann, einmal im Jahr: EIN NEUER GEDANKE. Das ist ein Fest. Der Erbsenkopf explodiert und die Erbsensuppe spritzt nur so durch’s Buero. Vorgestern hatte ich so einen Gedanken, und ich bin immer noch auf Drogen. Innerhalb einer halben Stunde habe ich eine neue Methode entwickelt (eine Weiterentwicklung meines Power-Games aus der Doktorarbeit), meine Forschungsfrage und einen Arbeitsplan aufgestellt und meinen Schreibtisch fuer mindestens ein Jahr mit Erbsen gefuellt. Wie gut, dass morgen meine Chefin kommt.

Dienstag, Januar 24, 2006

Kein Maggeln! Kein Rauchen! Nicht in der Gegend rumspucken!

 
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Statuspipi

Wenn es ein Thema in Ghana gibt, ueber das ich einen kompletten Roman schreiben koennte, dann ist das Toilettenverhalten. Zu unseren neuen Bueroraeumen gehoeren drei Toiletten, die ausschliesslich fuer unsere Bueros zustaendig sind. In Deutschland bekaemen die Tueren folgende Schilder: Damen, Herren, Privat. Wobei nicht klar ist, ob “privat” bedeutet: “Was fuer ne freche Frage, mein Geschlecht ist ja wohl meine Privatsache!”…

Unsere Loesung hier foerdert die Gleichberechtigung zwischen Maennern und Frauen, gleichzeitig ist sie diskret: Niemand muss zugeben, dass er ein Mann ist, nur um pinkeln gehen zu duerfen.

Das geht folgendermassen:
Toilette 1 ist fuer die Chefs (2 Maenner und ich – mein Geschlecht ist Privatsache)
Toilette 2 ist fuer die Untergebenen (2 Maenner und 1 Frau)
Toilette 3 ist fuer Gaeste

Alle drei Toiletten haben keine Schilder, so dass nur Eingeweihte statusgerecht pipimachen koennen.

Bessere Menschen als ich

Grade wurde mir im Gespraech klar, dass einige meiner weissen Bekannten mich fuer ziemlich harsch halten. Der Grund ist, dass es bei mir nichts umsonst gibt. Ich spuele Mary nicht die Teller und nehme niemanden Huckepack, der gehen kann. Sollte ich meinem Assistenten einen Wurstmacher in Accra finden, bei dem er eine Woche ueber die Schulter schauen kann, dann werde ich den Kontakt machen und ihm ne Woche frei geben, wenn es ruhig genug ist. Aber ich kaeme nicht auf die Idee, ihm die Reise zu bezahlen, weil ich weiss, dass er das selber kann. Und so finde ich es erstaunlich, dass ich meinen Gaesten erklaeren muss, dass sie Mary beleidigen, wenn sie ihr die Arbeit wegnehmen. Mich verwirrt, dass sie denken, sie sind bessere Menschen, weil sie Mitleid mit Leuten haben, die sehr gut ohne dieses Mitleid klarkommen.

Montag, Januar 23, 2006