Mittwoch, März 29, 2006

Dienstag, März 28, 2006

Heisses Essen

Gestern Nacht traeumte mir mein Geburtstag. Ich hatte alle in meine grosse verwinkelte Altbauwohnung eingeladen und war den ganzen Traum ueber damit beschaeftigt, bomfortionoeses Essen zu servieren. Als ich dann so gegen zwei Uhr nachts aufwachte, weil mir die stickige Hitze auf die Brust drueckte, wie ein dickes Daunenkissen, hatte ich in meinem trockenen Mund noch den intensiven Geschmack frischer Himbeeren mit Schlagsahne. Oh Himbeeren. Ach Schlagsahne.

Am Wochenende hab ich einen Blumenkuchen gebacken, aromatisiert mit Hibiskusblueten. Da dachte ich mir, ein Hibiskusgelee als Fuellung waere doch super. Also Gelantine, Gelantine und nochmal Gelantine in die Fluessigkeit geruehrt, schliesslich alles in den Kuehlschrank zum Festwerden. Dann hab ich das Gelee auf den Kuchen gestrichen, eine Minute gewartet und schon war alles wieder fluessig wie Wasser. Daraus lernen wir: bei 45 Grad hilft Gelantine auch nicht mehr.

Erfolgreicher war mein Kaesekuchenbetrug. Meine kanadische Mitbewohnerin wuenschte sich Kaesekuchen zum Geburtstag und ich sagte: Klaro, kein Problem, kriegen wir gebacken. Natuerlich gibt es dafuer hier keine Zutaten. Also: Ersatz.

Statt Speisestaerke: Mehl.

Statt Quark hab ich in Milch Zitronensaft geruehrt. Die Milch flockt dann aus und sieht aus wie Urin mit weissen Kluempchen. Von dem Urin hab ich ein bisschen was weggekippt und mich gesorgt, weil die Geschichte nicht fest wurde, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Schlagsahne, geschlagen? Ha! Kein Problem, haltet einen Mixer in einen halben Liter Dosenmilch, Ihr werdet beeindruckt sein von dem beigefarbenen Schaum (naja, vielleicht auch nicht).

Eigelb und Eiweiss getrennt. Also, zu Hause gibt es nen Trick, um rauszufinden, ob ein Ei frisch ist, oder nicht: In einen Topf mit Wasser legen: Wenn es am Boden liegt, ist es frisch, wenn es am Boden steht ist es noch essbar, wenn es oben schwimmt, ist es alt, wegwerfen. In Ghana geht das so: Wenn das Eigelb beim Aufschlagen ganz bleibt, ist das Ei frisch, wenn es sofort auseinanderlaeuft aber das Ei nicht fies riecht ist es noch essbar, wenn es fies riecht oder das Kueken schon Augen hat, ist es alt und kann nicht mehr gegessen werden. Nach fuenf Eiern der Kategorie “noch essbar” (aber trennen unmoeglich) bot Mary an, mit einem Wassertopf zum Nachbarladen zu gehn, um auszuprobieren, ob es da auch Europaeisch frische Eier gibt. Die Madam schimpfte Mary aus: Wenn das jeder taete, wem wuerde ich dann meine faulen Eier verkaufen?! Das Ergebnis: Wenn man die Eier ganz vorsichtig aufschlug, konnte man ein wenig Weiss abfangen, bevor sich der Schlabber vermischte.

Nun, trotz Ersatz wurde der Kuchen dennoch koestlich, die alten anglikanischen Nonnen waren begeistert und wenn mein Internet heute gnaedig ist, schick ich Euch auch ein Foto. Ansonsten muesst Ihr Euch den Kuchen ertraeumen.

Freitag, März 24, 2006

Komische Weisse

Zeinabu arbeitet fuer eine Organisation in Bolga, die Brunnen graebt, ihr Vater ist der Chief (traditionelle Autoritaet) von Bolga und sie selbst ist mit einem hoeheren Tier in der Regionalregierung verheiratet. Ich fahre in ihr Buero, das etwas ausserhalb liegt, wenn ich die Schnauze voll hab. In Bochum haette ich Patricia gefragt: Wie waer’s mit ner Runde im Botanischen Garten? Zeinabu ist eine richtige Schnabbelschnuess und an allem interessiert. Durch ihre vielen Reisen und Kontakte zu Weissen hat sie eine ausgepraegte Halbbildung in Sachen Europa - ist im Detail aber dann doch immer wieder erstaunt. Wir sprachen ueber meine Eltern, die Zeinabu beim letzten Besuch kennengelernt hat. Sie fragte, wie die leben und war ganz erstaunt: “Wie, ganz alleine. Wer kocht und putzt denn fuer die?”

Ich hab gestern aber auch wieder viel gelernt. Und zwar darueber, wie die gehobene Gesellschaft das Leben der Weissen in Bolga beobachtet und beurteilt. Zeinabu fragt: Was denkt Ihr in Europa ueber Altersunterschiede in Beziehungen? Dann erzaehlt sie von einer weissen Frau in den Sechzigern und ihrem dreissigjaehrigen Freund. Sie ist entsetzt. Nicht so sehr ueber die Beziehung, sondern darueber, dass diese Frau so schamlos ist, das nicht geheim zu halten, sondern darauf zu bestehen, den jungen Mann zu heiraten.

Und die Rastamaenner: Warum fahren weisse Frauen so auf Rastamaenner mit ihren schlechten Gewohnheiten (kiffen) ab. Eine Kanadierin ist mit einem Rastamann verheiratet, und sie haben ein Kind zusammen: “Das war doch so ein ordentliches Maedchen, ich hatte so viel Respekt fuer sie. Aber jetzt, mit diesem Mann, da will ich nichts mehr mit zu tun haben.” Nun versuche dieser Frau zu erklaeren, dass Kiffen in Europa noch nicht einmal mehr richtig illegal ist…

Fast jedes Mal, wenn ich sie treffe, macht Zeinabu mir Komplimente fuer meine Kleidung. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als ich in ihr Buero kam und sie mich von oben bis unten ansah und ihr nichts Positives einfiel. Ich trug ein weisses weites Hemd und eine olivgruene schlichte Leinenhose. Die Farbe der Hose und ihre Schlichtheit, das ging gar nicht, das sah ja aus, wie bei armen Leuten. Wie auch immer, gestern war sie begeistert, denn ich hatte mich aufgeputzt und sie sagte: Eva, Du bist eine Ausnahme. Die meisten Weissen, die nach Afrika kommen, ziehen sich so scheusslich an, dass ich das beleidigend finde. Denken die: Wir gehen ja nach Afrika zu den Armen, da macht das nix, wie wir aussehn? Sie tragen haessliche Sachen und sagen: Aber das Material ist total angenehm in der Hitze. Wenn jemand auf dem Dorf wohnt, mag das ja noch angehen, dass er sagt, er will nicht weiter auffallen und zieht sich deshalb aermlich an. Aber wieso kommen Weisse in schmutzigen alten T-Shirts in mein Buero?

Diebe in Sandema

Ich hab versucht meine englischen Freunde aus Sandema zu troesten: Wisst Ihr, Debbie ist mit ihren Ueberfaellen ein richtiger Internet-Star geworden und meine Leser warten ungeduldig auf Neuigkeiten. Das hat sie nicht wirklich ueberzeugt, manche Leute sind halt nicht bereit, fuer den Ruhm alles zu geben. Der Raeuber fragt aber gar nicht, ob Du bereit bist, alles zu geben, er nimmts ohnehin.

Nach der St Patrics Day Party in Sandema schliefen in dem Haus mindestens acht Leute und trotzdem kamen die Diebe ins Wohnzimmer, schlichen um die Schlafenden und sammelten Taschen und Handies ein. Morgens frueh kam eine Nachbarin und fragte uns: “Wo sind denn die Hausherrinnen? Meine Kinder haben auf dem Weg zum Markt ihre Motorraeder gesehen und sich gewundert, warum die Maedchen die da im Busch versteckt haben. Da wollte ich doch mal nachfragen”.

Natuerlich wuerde kein vernuenftiger Mensch sein eigenes Motorrad hinter dem oeffentlichen Toilettenbusch verstecken. Waehrend wir die Raeder wieder einsammelten, haben die anderen sich im Haus umgesehn und zusammengezaehlt, was fehlte. Die Diebe waren richtig liebe Kerle, hinter dem Haus haben sie alles, was sie nicht brauchen konnten, in der Landschaft verstreut: Bankkarten, Taschen, Schluessel, Buecher – alles, ausser Handies und Geld.

Weil ich die einzige mit Auto war, konnte ich meine Neugier als Hilfsbereitschaft tarnen: Soll ich Euch zur Polizeistation fahren? Ein Polizist in langem weissem Nachthemd (= Polizeiuniform), der andere in Jeans und T-Shirt, nahmen den Fall auf. Die Polizeistation besteht aus einem kleinen Raum mit Tresen, hinter dem der Polizist steht und die Anfragen und Anzeigen entgegennimmt. Hinter dem Tresen fuehrt eine Eisengittertuer in einen dunklen Raum, aus dem intensiver Menschengestank weht. Waehrend wir den Diebstahl anzeigen, bringt ein Polizeikollege einen Mann mit Handschellen an, schliesst die Zellentuer und die Handschellen auf und schiebt den Mann in die Zelle. Da steht er dann, klammert sich mit beiden Haenden an das Gitter und beobachtet die weissen Frauen.

Alle Ghanaer, denen ich die Geschichte erzaehle, sind ueberzeugt, dass die Diebe uns Schlafpulver in die Augen gepustet haben. Sonst haetten sie sich niemals getraut, zum Klauen um uns herum zu schleichen.

Dienstag, März 21, 2006


kleine Schwester Posted by Picasa

Kleine Schwester

Hier gibt es andere Gesten als zu Hause. Faellt Euch eine Geste fuer kleine Schwester / kleiner Bruder ein? Wahrscheinlich nicht, weil wir ja, selbst wenn wir Geschwister haben, nicht viel mit ihnen tun muessen. Hier ist das eindeutig, wenn eine erwachsene Frau von frueher redet und von ihren Geschwistern, macht sie eine unbewusste Bewegung mit beiden Armen, als wuerde sie jemanden Huckepack nehmen. Da es hier viele sehr junge Muetter gibt, ist der Uebergang fliessend. Sobald Maedchen alt genug sind, um allein gehen zu koennen, laufen sie mit umgebundenen Babies rum – Geschwistern oder eigenen Kindern.

Hilfe!

Das war so ein toller Plan und jetzt merke ich, dass das so einfach gar nicht geht. Ich wollte mir echt was goennen – weiss aber leider gar nicht was…

Der Plan: Ich sage meinen Eltern alle Buecher, die ich mir wuensche, ueberweise ihnen das Geld schoen durchs internet, die gehen ferngesteuert in die Duerener Innenstadt, kaufen den ganzen Schmutz, packen ihn dem naechsten Afrikareisenden in die Tasche und ich lache.

Schoen gedacht eigentlich. Aber woher soll ich denn wissen, was da fuer Buecher sind, die ich haben wollen koennte? Bitteschoen, welche Romane haben Euch in der letzten Zeit so beeindruckt, dass sich die Schlepperei ins hinterste Afrika lohnt? Dankeschoen. Ich verspreche auch, dass ich sie ganz selbst alphabethisch ordne und Mary damit in Ruhe lasse...

Sonntag, März 19, 2006

Bin ich zwangsgestoert und / oder grundlos grausam?

Das Ganze fing damit an, das meine Eltern zu Besuch waren (ist das nicht seltsam, wie Zwangsstoerungen irgendwie immer mit den Eltern anfangen). Da ich so eine gute Tochter bin (viele Zwangsgestoerte versuchen ja, ihren Eltern besonders gute Kinder zu sein, nicht wahr), hab ich ihnen mein Bett ins Wohnzimmer geschoben, denn das ist mein einziger Raum mit Klimaanlage. Als meine Eltern wieder weg waren, merkte ich, wie gern ich eigentlich im Wohnzimmer liege – das konnte ich bislang noch nicht bemerken, aufgrund gaenzlicher Abwesenheit entsprechender Moebel.

Also. Hab ich mir gedacht. Und nochmal: Also! Jetzt oder nie. Und bin Samstag in die Stadt gefahren zum Kauf einer Couch-Garnitur. Das geht hier so: Ueber die Stadt verteilt gibt es Schreinerwerkstaetten, die jeweils aus einem mehr oder weniger verfallenen Schuppen mit etwas Werkzeug bestehen. Die Schreiner bauen ein paar Sofas und stellen die vor dem Schuppen in den Staub, so dass man sie von der Strasse sehn kann. Der Stil ist durchgehend robust und riesig, florale Motive, bei Ikea haetten die alle den Namen “Ommaausgeich”.

Da die Sofas alle gleich unglaublich sind, fiel mir die Wahl leicht. Mary sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen, als sie mich mit zwei Schreinern und zwei Sofas (und dann nochmal mit zwei Sesseln) auf dem Auto aus der Stadt kommen sah – sie dachte, ich waere Zwiebeln und Tomaten kaufen. Aber wirklich verstaendnislos hat sie erst geguckt, als ich die knallgelben Schondeckchen, die mit roten und gruenen Blumen bestickt sind und im Preis inbegriffen waren, nicht haben wollte – obwohl die doch so fesch sind, auf einem braun-orange-schwarz-gruen gemusterten Sofa.

Ihr fragt Euch, wo nun die Zwangsstoerung Schraegstrich Grausamkeit ist. Das kommt jetzt und ich erzaehl die ganze Vorgeschichte nur, damit Ihr wisst, dass - wie immer - die Eltern schuld sind. Weil, haetten die nicht in meinem Wohnzimmer geschlafen…

Also: Weil diese Sofas so riesig sind, musste ich eines meiner Buecherregale aus dem Wohnzimmer ins Schlafzimmer umsiedeln. Und im Zuge dieser Aktion hab ich endlich meinem inneren Zwang nachgegeben: “Mary, ich moechte meine Buecher gerne geordnet haben. Deutsche ins Schlafzimmer, Englische ins Wohnzimmer und dann bring ich Dir bei, wie man Buecher nach Autoren alphabetisch ordnet.” Sie schaute mich so an, als haette ich gesagt: Bitte ordne die Erbsen nach Groesse, bevor Du sie kochst. Oder: Steh auf einem Bein waehrend Du kehrst. Meine weissen Freunde in Bolga (und der Welt) sind entgeistert, halten mich fuer zwangsgestoert, weil mir das gefaellt und fuer grausam, dass ich Mary da mit reinziehe. Aber bitteschoen, wenn Mary mir sagt, sie wuerde so gerne weiter in die Schule gehn, kann das doch nicht stoeren, wenn sie das Alphabet etwas besser kennenlernt, oder? Es war fuer sie eine schwierige Aufgabe und ich bin davon ueberzeugt, dass es beim Lernen hilft, Sachen zu machen, die schwierig sind. Aber das hab ich bestimmt auch von meinen Eltern. Das Einzige, woran sie nicht schuld sind, ist mein Sofageschmack. Den hab ich von meiner Omma, aber fiese Eigenschaften ueberspringen ja manchmal eine Generation. Zu besichtigen in meinem Wohnzimmer.

Chicken Wrap - Eingewickeltes Maedchen

Eine amerikanische Bekannte, die sich in Tongo niedergelassen hat, rief gestern bei Debbie an: Morgen gibt es hier ein cultural festival, wollt Ihr kommen? Klar, machen wir, obwohl uns die Kleiderordnung etwas verwirrt: Sandalen, hat sie gesagt und ein grosses Tuch, zum Einwickeln. Ich stelle mir ein Dorffest in Geich vor, bei dem der Pastor sagt: Alle Frauen muessen nur in ein Handtuch gewickelt erscheinen. Naja, in Tongo gibt es auch einen heiligen Schrein, den Frauen nur oben ohne besichtigen koennten. Ein weiterer Unterschied zu Geich und seiner Kirche…

(Was mich weiterhin beunruhigt: Wir haben im Moment hier Temperaturen, die sich irgendwo um 40 Grad im Schatten bewegen. Leider gibt es auf dem Festplatz in Tongo keinen Schatten.)

Donnerstag, März 16, 2006

Dosen

Mary spuehlt meine leeren Konservendosen: “Der Rand ist so schoen glatt, wenn Du die mit dem Dosenoeffner oeffnest., die bring ich den Kindern mit.” Ich denke natuerlich: Zum Spielen. Meine kanadische Mitbewohnerin kommt nach Hause und sagt: “Heute hab ich bei der Arbeit ein kleines Kind gesehn, dass aus einer schartigen rostigen Dose Wasser trank. Die hab ich ihm natuerlich gleich abgenommen, ist ja lebensgefaehrlich. Da hat mich das Maedchen ganz entgeistert angeguckt: Das war doch ihre ganz eigene Tasse. Schon seit einem Jahr.”

In Burkina laufen in jeder Kleinstadt kleine Jungs rum, die leere Zweikilodosen Tomatenmark an einem Schnuerchen umgehaengt haben. Wenn man in einem Lokal isst, lungern sie am Eingang rum und gucken in die Gegend. Wenn die Kellnerin die Teller abraeumt, kippt sie die Essensreste in die Dosen und die Jungs laufen mit breitem Grinsen um die naechste Ecke und stopfen sich das Essen in den Mund. Das sind Kinder aus sehr armen Familien. Oder Kinder aus sehr glaeubigen Familien. Ihre muslimischen Eltern wollen die Jungen durch Betteln zu Gottesfurcht und Demut erziehen.

Mittwoch, März 08, 2006

Aasfrass

Mein Vater war der kulinarische furchtlose Ritter unserer Reisegruppe. Zumindest meistens. Ich bin von Anfang an Vegetarierin. Meine Mutter warf einen Blick auf die Marktstaende, an denen Fliegen, Geier und Menschen sich das Fleisch teilen und ihr war klar, dass sie den armen Fliegen und Geiern ihre Malzeiten nicht streitig machen wollte.

Mein Vater dagegen gab sich das ganze Programm: An einem Abend bekam er einen ganzen Satz fleischloser Huehnerknochen, am naechsten ein paar Spiesse die so scharf waren, dass er sich ueber die Qualitaet des Fleisches keine Gedanken machen konnte.

Am vorletzten Mittag hielten wir an einem Ort, wo Mutter und mir gleich die Vorfreude auf unser altes Brot und frische Paprika aufstieg. Der Vater hingegen wollte es wagen, also liessen wir uns erklaeren, was Madam gekocht hatte: Dies und das und ausserdem ein Fleisch, dessen Namen wir nicht kannten. Wir baten sie, zu beschreiben und sie sagte: “Kommt doch mit in die Kueche, zeig ich Euch.”

In dem dunklen Schuppen standen mehrere grosse Missionarstoepfe auf dem Feuer, in denen schleimige Bruehen blubberten. Aber unser Fleisch war auf einem Blech: Schwarzrote zusammengerollte knubbelige Dinger, die wir nicht erkennen. “Kutteln?” sagt mein Vater vorsichtig, weil Kutteln das Eigenartigste ist, was er sich vorstellen kann. Die Koechin sieht, dass wir nicht verstehen und zeigt auf den Grill vor der Kuechentuer. Da liegen sie, plattgehauen, alle Viere von sich streckend, den Kopf zur Seite gedreht, ein ganzer Stapel - zum Raeuchern, Trocknen oder was weiss ich. Ich kann mir vorstellen, dass es irgendwelche freundliche Namen fuer sie gibt, und wahrscheinlich ist das eine ganz andere Spezies Ratte als die, die in Deutschland ueblich sind.

Wie auch immer, nachdem unsere Neugier befriedigt war, sagte mein Vater freundlich: “Och, eigentlich wuerde ich am liebsten einen Kaffee trinken.”

Lukrativ lungern

In Reisebeschreibungen Afrikas ist das eine typische Beobachtung: So viele Menschen sitzen unter einem Baum und lassen den Tag an sich vorbei schlendern. Und dann gibt es Spekulationen (der Reisebeschreiber) darueber, wie die so ruhig und gelassen sein koennen oder auch so faul und ob sie dabei das Denken abstellen oder ganz weise Gedanken ausbrueten.

Mein Assistent hat mir gestern erklaert, warum gewisse Maenner den ganzen Tag unter bestimmten Baeumen Bolgas sitzen: Weil sie Geld haben, das sie vermehren wollen. Wenn er selbst nichts anderes zu tun hat, setzt er sich dazu. Denn alle wissen: Wenn Du ein paar Sack Zement hast oder ein Motorad und brauchst Geld, dann kannst Du zu diesen Maennern gehn, die kaufen es Dir ab. Und natuerlich, wenn Du ein Motorrad mit Zement beladen brauchst, dito. Unter ihrem Baum erfahren sie alles: Wer sein Haus verkauft und wer ein neues baut, ob der Diesel an der Tankstelle bald zu Ende geht und es sich lohnt, die letzten Galonen aufzukaufen, welches Geschaeft geht und welches eingeht. Und dann schlagen sie zu. Und durch reines Sitzen hat sich das Geld in ihren Taschen am Abend vielleicht verdoppelt.

Dienstag, März 07, 2006

Eva in Ghana

Der Dieb baut an!
Das ist alles, was ich Euch von Debbies Einbrecher berichten kann. Nachdem er 48 Stunden bei der Polizei gesessen und keinen Ton gestanden hat, mussten sie ihn wieder gehen lassen. Das ist natuerlich wunderschoen, dass sie das getan haben, denn es zeigt uns, wie gut der Rechtsstaat funktionniert. Kein Unschuldiger wird einfach so weggesperrt.

Wenn wir von Debbies Terasse zu seinem Lehmhaus ruebersehen und er fleissig an seinem Anbau arbeitet, dann sind wir natuerlich voller Verstaendnis: Irgendwo muss der den ganzen Kram ja unterbringen, den Debbie immer fuer ihn aus England mitbringt. Und wenn er beim naechsten Einbruch auch ihren Fernseher mitnimmt, wird ihm das neue Wohnzimmer noch zu Gute kommen. (Er hat zwar noch keinen Stromanschluss aber fernsehn kann man ja auch mit der Autobatterie...)

Freitag, März 03, 2006

Wasser mit dem Sieb holen

Das ist ein endloses Thema, mit dem mein Assistent und ich uns lange Autofahrten versuessen: Die krummen Wege, die das Geld fuer die Armen geht, eh es die Taschen der Reichen polstert. Seine neuste Geschichte stammt aus der Upper West Region. Da sollte ein Bauunternehmer im Regierungsauftrag Wasserloecher bohren. Leider blieb etwa die Haelfte der Loecher trocken. Das bedeutet eigentlich: Wiederkommen, nochmal bohren, bis man Wasser findet. Weil das normal ist, wird beim Preis fuer ein Wasserloch grosszuegig kalkuliert. Unser Bauunternehmer hat sein Problem kreativ geloest. Er besorgte sich einen Wassertank, der die leeren Loecher fuellte, bei der Abnahme der Bauwerke floss ueberall wunderbar klares Wasser… fuer eine Woche oder zwei.

Alle wissen das. Man lacht ueber das Schlitzohr. Fuer die Dorfgemeinschaft hat sich nichts geaendert. Bis darauf, dass sie 2 Mio Cedis losgeworden sind, ihren Anteil am Wasserloch.

Mittwoch, März 01, 2006

Ihre Heiligkeit futtert

  Posted by Picasa

Ihre Heiligkeit

… sieht ganz anders aus als unsere. Und fuehlt sich doch tief innen aehnlich an.

In der Naehe Bobos gibt es einen Ort mit heiligen Fischen. Auf dem Weg dahin muessen wir nach dem Weg fragen und die Jungs am Kickertisch rufen einen Mann, der uns hin fuehren kann. Er steigt auf unsere Ladeflaeche und dirigiert mich mit Aufs-Dach-Klopfen und Handzeichen ueber Stock und Stein bis an die Stelle, wo Autos nicht mehr weiter koennen.

Auf dem Fussweg ueber das zerklueftete Hochplateau lassen wir den Vater unter einem Stein im Schatten liegen – die Sonne ist ihm zu arg. Rotbraune Felsennadeln bilden geschuetzte Ecken in denen die Baeume noch gruen sind und die den Vogelgesang reflektieren. Mit den Felsen im Ruecken, koennen wir kilometerweit in die gelbe Ebene sehn. Grade noch waren wir in der Weite, dann biegen wir in eine schattige Schlucht, Pflanzen ranken den steilen Weg zu und alles riecht nach Wasser.

Vom Grund der Schlucht hoeren wir das Gemurmel vieler Menschen. Unser Fuehrer spricht mit einem fein gemachten jungen Paar aus Bobo und nach einigen Rueckfragen (Ist das auch wirklich ok fuer uns?) einigen sie sich, dass er die in der Handtasche mitgebrachten lebenden Huehner fuer sie opfern wird. Aber bevor wir den heiligen Ort betreten, muessen wir alles ausziehn, was rot oder golden ist, die Fische moegen diese Farben nicht. Unser Priester tauscht sein zerloechertes T-Shirt mit der roten Bierwerbung gegen ein karriertes Hemd.

Nun sind wir da. Die hohen Felswaende bilden eine Halle, hinten ist ein kleiner Wasserfall, davor mehrere dunkelgruene Wasserbecken mit den heiligen Fischen und davor… Federn. Knoecheltief und blutverschmiert, die Felsterassen, die zu den Teichen fuehren, sind weiss gepolstert mit Huehnerfedern. Hier und da hat ein heiliger Mann mit verfilzten Haaren sich ein Eckchen freigekratzt um ein Feuer zu machen, auf dem die Opferhuehner nach getaner Arbeit gegrillt werden.

Die Ehrfurcht gebietet, sich dem Opferstein neben dem Wasserfall barfuss zu naehern. Also schlucken wir – und schlucken nochmal - und fuegen uns darein, ehrfuerchtig und barfuss zu sein.

Der hinterste Fels ist der Opferfels. Da stehen drei Maenner und schweigen und murmeln und gehen dann, um fuer unser Huehnerpaar Platz zu machen. Der Priester erklaert uns: Hierhin kannst Du mit all Deinen Sorgen und Wuenschen kommen. Wenn Du Dir etwas wuenschst, dann versprichst Du tief in Deinem Herzen, dass Du wiederkommen und opfern wirst, wenn der Wunsch Dir erfuellt wird.

Dann beginnt der heilige Akt: Er schmiert Fett an die Felswand, teilt das Trankopfer (Hirsebier) zwischen dem Felsen und der eigenen Kehle auf, schneidet dem Huhn den Hals auf, um Blut auf den Stein zu tropfen, reisst ihm Federn aus, um die Engel zu rufen und schliesslich stellt er ihm eine Frage. Er laesst das sterbende Huhn aus der Hoehe auf den Boden fallen und es beantwortet seine Frage: Landet es auf Bauch oder Ruecken, ist die Antwort positiv. Wenn es sich nach rechts oder links legt, nicht. Dem toten Huhn werden die Eingeweide rausgerissen und an die heiligen Fische verfuettert – riesige Welse mit haarigen Maeulern, die aus der dunklen Tiefe kommen und den Rachen aufreissen, sobald sich die Wasseroberflaeche regt.

Nachdem die Zeremonie vorbei ist, fragen wir unsere Huehneropferer, warum sie hier sind. Der Mann begleitet seine Cousine um rauszufinden, ob der zukuenftige Eheman der Dame ein Hallodri ist, oder nicht. Die Huehner sind mit ihm einverstanden, waehrend die Fische recht zoegerlich waren.

Nachdem der heilige Moment vorueber ist, wird der Priester wieder Fuehrer und fuehrt uns an einen Teich, der weiter unten liegt, wo er unser Brot den Fischen opfert und uns erlaubt, Fotos zu machen.

Langsam werden wir nervoes, da der Vater ja immer noch mitten in der Steinwueste in einer kleinen Schattenecke liegt. Als ich das sage, lachen alle: Ihm kann nichts Boeses passieren, denn die Fische moegen uns, sie haben unser Opfer gierig verschlungen. Ausserdem haben die zuletzt angekommenen Glaeubigen einen weissen Mann gesehn, der ganz lebendig Richtung Auto unterwegs war.

Auf dem Weg zu heiligen Fischen

  Posted by Picasa

Goldrausch kommt spaeter

Zwischen Ougo-dingskirchen und Djo-soundso ist ein Zeichen auf der Landkarte, das sagt: Mine. Morgens beim Fruehstueck in O-kirchen sagt ein Anschleimer: “Da ist eine Goldmine, Cool Man, tranquille, soll ich Euch da hin fuehren?” Wir lehnen dankend ab und machen uns selbst auf den Weg.

Im naechsten groesseren Ort fragen wir den Buergermeister: “Duerfen wir Ihre Goldminen besichtigen?” Er ist verwirrt und sagt zu seinem Kollegen: “Hier ist eine junge Dame mit einer Frage, die ich nicht verstehe.” Trotzdem gibt er uns einen jungen Kerl mit Motorrad, der uns die Kalk-Abbaugebiete zeigen soll. Das ist die einzige Mine, die dem Buergermeister in den Sinn kommt: Eine weisse schorfe Steinflaeche im Nichts. Da halten wir an und unser Fuehrer guckt hilflos: “War es das, was Ihr sehen wolltet?” “Hm, eigentlich waren wir ja auf der Suche nach Goldminen…” “So was gibts hier nicht. Aber da hinten sind ein paar Leute, die nach Gold suchen.” Also doch: Aussteigen, hingehn, “Hallo, koennen wir mal gucken, was machen Sie da?”

Eine Strohhuette, schmutzige Maenner, Frauen, Kinder, ein paar ungesicherte tiefe Loecher in der Erde, eine hoelzerne Rutsche, mit Plastik und Stoff bespannt, auf der einer der Maenner Sand mit Wasser beschuettet.

Dieser Mann zeigt uns, wie man hier Gold graebt: Die Schaechte gehen wie Kamine 100-150 m tief in die Erde und sind grade mal so breit, dass ein Mann sich an den Waenden abstuetzen kann, waehrend er in die Tiefe klettert – ohne Seil. Unten angekommen beleuchtet er seine Arbeit mit einer rosa Kindertaschenlampe am Gummiband und hackt Steine in den Eimer. Zum Atmen hat er einen langen Schlauch aus Plastikfolie, dessen Oeffnung sie oben in den Wind haengen: “Wenn ich hier zuhalte, erstickt der Mann da unten.” Wenn der Eimer voll ist, ziehen die Frauen ihn hoch und stampfen die Steine im grossen Holzmoerser zu Sand. Der Sand kommt auf die Rutsche, und wenn man ihn vorsichtig mit Wasser beschuettet, setzt sich der schwerere Goldstaub unten in den Tuechern ab und kann eingesammelt werden. An guten Tagen ein ganzes Gramm. An schlechten Tagen gar nichts. Manchmal besteht ein Monat nur aus schlechten Tagen.

Unser Goldgraeber sagt: “So ist das halt. Hier leben wir und hier sterben wir. Wenn einer einen Unfall hat, koennen wir nichts tun. Wenn es etwas anderes gaebe, wuerden wir etwas anderes tun.” Er sieht sich auf der steinigen Ebene um und brauch nichts weiter zu sagen, denn wir sehen ja, hier gibt es nichts anderes – keinen Grashalm. “Aber natuerlich besteht immer die Moeglichkeit, dass wir auf die grosse Goldader stossen.” Er laechelt, fragt nach unserer Adresse und sagt: “Wenn ich Glueck hab, dann schick ich Euch was von dem Gold, dann werd ich diesen jungen Mann bitten (den Motorradmann, der uns hier hin fuehrte und schreiben kann), Euch zu schreiben.” Zum Abschied schenken wir ihm Vaters alte Umhaengetasche und Mutter bittet mich, zu uebersetzen, dass er von nun an immer einen Platz in ihrem Mutterherz hat und bitte gut auf sich aufpassen soll.

Dienstag, Februar 28, 2006

Zurueck zu Haus

Eva und die Eltern sind gesund und staubig wieder in Bolga angekommen. Sobald ich wieder zu Atem komme, werde ich Euch ausfuehrlich von Goldgraebern, Kameltreibern, Lappohren und Schnupsnasen erzaehlen.

Mittwoch, Februar 15, 2006

Juhuu!

Freitag Morgen 2:30 fliegen meine Eltern mit Royal Air Maroc in Ouagadugu ein! Ich hole sie vom Flughafen ab und dann werden wir eine Woche in Burkina Faso rumreisen und alles rausfinden! Und alles aufessen: Erdbeeren, Kaese und so weiter! Und wie wild radebrechen: sche ne mongsch pa due viond (Ich nix Fleisch essen), mae mon papa aem due viond (– aber mein Papa liebt Fleisch) eskilia due schokola pur la mama (gibts Schokolade fuer die Mama?)! Uns streiten und vertragen und jeden Mittag puenktlich um halb eins Mittagsschlaf halten! Ist das nicht wunderbar?

The african way

Ich gebe es zu, alles begann zunaechst mit einer Strategie, um mein Ziel mit moeglichst wenig Aerger zu erreichen.

Ich moechte keine Kinderkarawane mehr in meinem Garten haben, die mein Wasser aus dem Haus traegt. Aber ich weiss, dass ich nicht zu meinem Hausmeister/Nachbarn Sammy sagen kann: “Ich moechte Deine Kinderkarawane nicht mehr in meinem Garten haben, die mein Wasser zu Deinem Haus traegt.” Denn wir leben in einer Gesellschaft der Konfliktvermeider, in die ich – nebenbei bemerkt - erschreckend gut passe.

Also sag ich lange gar nichts.

Und heute Abend dann: “Sammy, kann ich Dir irgendwie dabei helfen, das Wasserproblem in Deinem Haus zu loesen?” Und er sagt: “Weisst Du, vor einiger Zeit (ein paar Jahren?) hatten wir ein Leck und da ist so viel Wasser durch unseren Zaehler geflossen und wir konnten nicht bezahlen, dann haben sie uns das Wasser abgedreht und seitdem zahlen wir die Schulden ab. Noch ein bisschen und dann haben wir es geschafft.” Und ich sage: “Hm, ich bin nicht so gluecklich damit, dass immer so viele Maedchen in meinem Garten rumlaufen und immer wieder sind das andere, die ich gar nicht kenne, das verwirrt mich.” Nach ein wenig hin und her frag ich ihn, wieviel er den Wasserwerken denn noch schuldet. 600 000 (60 Euro). “Weisst Du was, soll ich Dir das Geld leihen? Du kannst Dein Problem und mein Problem loesen und wenn Du Geld hast, zahlst Du es zurueck.”

Als ich hier ankam, fand ich das unglaublich schwierig, alles positiv, offen und schwammig zu formulieren. Ausserdem hielt ich es fuer unehrlich und Zeitverschwendung, immer um den Pudding zu tanzen. Ich fand es viel besser, meinen Kopf immer wieder volle Lotte gegen die Wand zu donnern, statt zu fragen, wo die naechste Tuer ist.

Inzwischen sehe ich, dass man mit dem Puddingtanz tatsaechlich zu Loesungen kommen kann, die beide Seiten gluecklich machen: Ich bin das Gewusel los und hab nen Heiligenschein. Er wird wieder Wasser im Haus haben und seine Maedchen haben mehr Zeit, Hausaufgaben zu machen. Und auf dem Weg dahin haben wir keine Schmerzen gehabt und haben gelaechelt wie bloed.

Ob er das Geld zurueckzahlen wird? Kann schon sein…

Und wenn nicht? Na dann eben nicht…

Ghanaisierung der Arbeitsmoral

Heute morgen auf dem Weg zu meiner eigentlichen Arbeit musste ich ploetzlich grinsen. Manchmal kommt die Anpassung an die fremde Umgebung so langsam und schleichend, dass man sie gar nicht bemerkt. Als ich hier ankam, fragten mich alle: Was arbeiten Deine Eltern, Deine Schwestern. Und als sie erfuhren, dass meine Eltern ein Geschaeft haben und meine aeltere Schwester ein Businesswoman ist, wurde ich mit tausend Plaenen bombardiert: koennen die nicht Trommeln fuer uns verkaufen, Koerbe, Perlen, Lederwaren. Es war schwer, zu erklaeren, dass meine Schwester als Unternehmensberaterin vielleicht nicht die richtige Zielgruppe fuer diese Art von Business ist. Und noch unverstaendlicher, dass in Deutschland fast jeder nur einen Job hat, der ihn ernaehrt und niemand nach Verdienstmoeglichkeiten rechts und links davon sucht.

Mein Grinsen heute morgen? Weil ich eine Liste aller Freunde und Familienmitglieder im Kopf durchging und ueberlegte, ob ich nicht irgendwen kenne, der an Stoffen und Naeharbeiten interessiert ist und den ich in ein Naehprojekt locken koennte. Meine neue kanadische Mitbewohnerin Angela arbeitet fuer eine kleine Nonnenschule, wo Waisenmaedchen naehen und kochen lernen. Angela ist Naehlehrerin und ueberlegt, ob es nicht auch Maerkte ausserhalb Bolgas gibt… Der Markt in Bolga ist voll von Maedchen, die naehen koennen und obwohl die Frauen und Maenner hier sehr eitel sind und ihr letztes Geld fuer ein schoenes Kleid hergeben, ist es schwer, in diesen Markt reinzukommen. Wenn wir also jemanden faenden, der die Stoffe, die sie einfaerben in Europa verkaufen wollte, oder etwas, das die Maedchen genaeht haben…

Und dann, wie gesagt, ging ich diese Liste der Freunde und Familienmitglieder durch und musste lachen: Das sind ja alles keine Ghanaer, egal ob an Stoffen interessiert oder nicht, die haben ja alle einen Job, ein Studium oder was auch immer, das sie Vollzeit beschaeftigt.

Und jetzt lache ich noch mehr, denn natuerlich hab ich diesen Blog nicht nur geschrieben, um Euch ueber meine Persoenlichkeitsentwicklung zu informieren. Ich bin inzwischen ghanaisch genug, um es trotzdem zu versuchen, was weiss ich denn, wie Ihr Eure Tage verbringt und wen Ihr kennt. Fuer die ghanaische Strategie muss man bereit sein, 100 Leute zu fragen und 99 Absagen einzustecken. Denn am Ende zaehlt nur der eine, der mit einem ins Geschaeft kommt.

gluecklich sein

 
 Posted by Picasa

Gaertner gaertnern sehn

 
 Posted by Picasa

Taxi sein

 
 Posted by Picasa

Berg bewundern

 
 Posted by Picasa

Dienstag, Februar 14, 2006

Text geklaut

Konditoreien
Aussenherum Zuk-
ker drin sitzt der
Baecker & singt.

Beat Brechbuehl

... den Dachdeckern beim Dach decken

 
 Posted by Picasa

Einfach

Letztes Wochenende waren Debbie und ich auf Entdeckungstour. Wir haben Taxi gespielt, einen hohen Berg bewundert, den Dachdeckern beim Dachdecken zugesehn, den Gaertnern beim Bewaessern und waren gluecklich.

Donnerstag, Februar 09, 2006

Von keinem geschickt

Mir ist zufaellig wieder eingefallen, wie einfach das ist, mein Mittagessen mit Mary zu teilen, wenn ich zu viel gekocht hab. Aus meinen eigenen mageren Zeiten in Deutschland weiss ich zu gut, wie man aus Western von Gestern fix was Tolles zaubert. Deshalb gibt es bei mir normalerweise keine Reste zu entsorgen. Aber, wie gesagt, vor ein paar Tagen ist mir das irgendwoher gedaemmert und deshalb hab ich heut mittag mit Mary in der Kueche gesessen und sie hat sich Ratatuille (?) auf ihr Gari gekippt und ueber das Wort gelacht. Ich war ganz stolz, dass ich sagen konnte: Heute koche ich was, das hat einen Namen.

Ich fragte sie nach ihrer Schulbildung und sie erzaehlte: “Als ich ein Kind war, gingen ploetzlich alle Kinder aus meiner Nachbarschaft in die Schule. Nur ich musste den ganzen Tag zu Hause sitzen, weil kein Geld da war. Da hab ich meine ordentlichen Kleider angezogen – Schuluniform hatte ich ja keine – und bin den anderen Kindern hinterher gegangen. Als wir an der Schule ankamen, guckte der Lehrer mich an und sagte: Wer bist Du denn, wer hat Dich geschickt? Ich bin Mary und keiner hat mich geschickt. Da hat er mich nicht reingelassen. Also stand ich vor der Schule und sah andere Kinder zu einer anderen Schule gehn. Schnell bin ich hinterher gelaufen und deren Lehrerin hat nicht so gut aufgepasst, also bin ich dageblieben. Und wiedergekommen. Immer wenn sie alle Namen aufgerufen hat, hab ich ganz still da gesessen. Irgendwann hat sie mich bemerkt und gefragt, wer mich geschickt hat. Dann hat sie mich nach Hause gebracht und wir haben alle gefragt, ob sie was dazu tun koennen und so kam schliesslich mein Schulgeld zusammen. Spaeter kam meine Tante zu meiner Mutter und hat mich zu sich geholt und zur Schule geschickt: Grundschule (3 Jahre) und Mittelschule (3 Jahre). Die naechste Schule haette 500 000 Cedis Schulgeld gekostet (50 Euro). Das war zu viel. Da hab ich aufgehoert.”

Jetzt sitze ich hier an meinem Computer und arbeite und schreibe Geschichten und Mary liegt im gleichen Raum auf dem Boden, geniesst die Klima-Anlage und sucht alle Sachen, die sie fuer Mutters neues Kiosk gekauft hat, in meinem Woerterbuch. Dann kann sie eine Liste machen, in der alles richtig geschrieben ist.

Montag, Februar 06, 2006

Tatort Bolga

Samstag morgen war ich bei Debbie um die Fortsetzung unseres Krimis zu beobachten. Es war wie im Fernsehn: Ein grosser, attraktiver, kompetenter und charmanter Kommissar (nur sind die im Fernsehn nie schwarz und tragen keine bestickten Hemden), kam zur nochmaligen Spurenaufnahme. Ihn begleitete ein kleiner Mann in einer Art Schlafanzug mit halblangen Beinen, bedruckt mit lebensgrossen Spruehdosen in gruen und blau, der ueber und ueber mit billigem Schmuck behaengt war und sich wichtig tat, ohne einen blassen Schimmer zu haben. Eindeutig: der Polizeichef von Bolga. (Debbie dachte erst, das sei der Fahrer und hat ihn entsprechend begruesst.)

Als Grund fuer ihren Besuch gaben sie an, dass sie Fotos von den Spuren machen wollten. Was lustig war, denn der Polizeifotograf hatte das am Freitag auch schon gemacht. Der wahre Grund war, dass die Franzosen den Polizeichef auf eine Schulung geschickt und ihm dann eine fette Digitalkamera gegeben hatten auf die er maechtig stolz war und die er der weissen Frau zeigen wollte. Was fuer eine Wonne, dass die weisse Freundin der weissen Frau auch da war. So mussten wir uns alle in den kleinen Raum mit den Fussspuren quetschen, waehrend er mit seiner Kamera hantierte. Leider hatte er bei der Schulung nicht so recht aufgepasst und fand den Ausloeser nicht. Was ihn aber nicht davon abhielt, Debbie und alle anderen Englaender zu beschimpfen. Die sind naemlich Dummkoepfe, findet er, weil sie ihm nie Kameras schenken und ihn auch nicht auf Schulungen schicken, wo er sich den Bauch vollschlagen kann.

Der Verdaechtige ist inzwischen verhaftet, seine Fuesse sind genau so gross wie die Spuren, gestanden hat er aber noch nicht. Die Nachbarn beruhigen Debbie: “Keine Sorge, der ist jetzt bei der Polizei und die werden ihn foltern, bis er gesteht.” Als die gleichen Nachbarn merken, dass das Debbie nicht beruhigt, sagen sie: “Keine Sorge, die werden ganz lieb zu ihm sein und ihn nicht schlagen. Dann wird er einsehen und gestehen.” Was wissen wir schon?

Eva in Ghana

Krieg der Kroeten
Gestern stand ich vor meiner Kuechentuer, betrachtete versonnen meine Kroeten und dachte an meine Mutter. Nicht dass diese Kreaturen irgendeine Aehnlichkeit mit meiner geliebten Frau Mama haetten, im Gegentum. Vielmehr ueberdachte ich die muetterabweisende Wirkung von Kroeten auf der Schwelle. Schliesslich kam ich zu dem Schluss: Wenn ich meine Mutter in mein Haus locken moechte, muessen die Kroeten weichen. Also ging ich zum Vater-der-nicht-im-Schlamm-versinkt (Tagwachmann) und sagte:
“Come. Look. This no good. Uarrrrgh! You take and put there!”
“Komm. Guck. Das nix gut. Uarrrgh (mit verzerrtem Gesicht auf die Kroeten zeigend)! Du nimm und tu nach da (auf die Gartenmauer zeigend).”

Das war das erste Mal, dass ich ihm auf Englisch eine Anweisung gegeben hab, die er verstand. In hohem Bogen und alle Viere von sich streckend, lernen die Kroeten nun fliegen – ueber die Mauer in Nachbars Garten.

Dennis (Nachtwachmann) hat nicht nur einen englischen Namen, er versteht auch etwas mehr Englisch. Also sagte ich zu ihm:
“Dennis, we are starting a war! A war against toads!”
“Dennis, wir beginnen einen Krieg! Einen Krieg gegen die Kroeten!”
Dennis guckt verwirrt. Entweder versteht er das Wort toads nicht oder er haelt mich fuer uebergeschnappt oder beides. Also sag ich “Come. Look!” und zeige auf die Kroeten. Ich erzaehle ihm, wie dieser Krieg in der Zeitung und im Fernsehn sein wird und wir beruehmt werden. Da lacht er und versteht dass ich nur ein bisschen verrueckt bin. Und verzieht das Gesicht, als ihm klar wird, dass er an vorderster Front kaempfen muss.

Nun schoepfen sie morgens und abends die aeusserste Schicht Kroeten ab und lassen sie fliegen. Der Nachschub kommt im Laufe des Tages oder der Nacht aus dem Wasserrohr gekrochen. Nun hoffe ich, dass meine Jungs schneller schmeissen, als die Kroeten brueten koennen und dann, vielleicht, mag meine Mama mich besuchen.

Freitag, Februar 03, 2006

Harry, hol den Wagen - oder:Krimi in Bolga

(bitte zuerst “Klausaecke!” lesen)
Grade hab ich Debbie angerufen, um nach neusten Entwicklungen zu fragen.
“Wir haben Spuren!” sagt sie. Der gleiche Polizist wie letztes Mal hat den Fall aufgenommen. Er hat im Haus Fussspuren gefunden und sagte gleich: Das ist ein Mann der irgendein Problem mit einem Bein hat, die Spur ist so komisch schief.

Francis, Debbies Nachbar, hatte uns heute morgen erzaehlt, wen er verdaechtigt: “Den jungen Mann aus dem local house (also Lehmhaus) da hinten. Du hast ihn bestimmt schon gesehen, der geht so komisch. Der hat uns auch schon Huehner gestolen und macht immer Aerger.”

Debbie sagt: “Ich weiss gar nicht, ob ich will dass sie den Dieb finden.” Wir wissen beide, wie man hier mit Dieben umgeht und das ist gar nicht schoen. Sie werden zusammengeschlagen, bis jemand dazwischengeht oder bis sie sich nicht mehr regen. Ob das komische Bein des Diebes wohl von einer frueheren Begegnung mit der oertlichen Selbstjustiz kommt? Falls man sie in den Knast wirft, schneidet man (wer?) ihnen ein Viertelohr ab. Damit der Dieb fuer immer gezeichnet ist. Das Vertrauen in Resozialisation scheint nicht gar so ausgepraegt zu sein. Ohr abhacken ist immer noch netter als Hand, schliesslich ist die Ohrenspitze von eher geringer praktischer Bedeutung.

Klausaecke! Dreckige!

Heute morgen um halb vier klingelte mein Telefon.
“Hallo?”
“Hier is Debbie?”
“Was s los?”
“Sie haben wieder bei mir eingebrochen. Ich sitz in meinem Zimmer und trau mich nicht raus. Ich kann keinen Mann erreichen und weiss nicht, was ich tun soll.”
“Bleib wo Du bist, ich zieh mich an, schnapp mir meinen Wachmann und wir kommen vorbei.”

Als wir ankamen, war ihr Nachbarjunge aufgewacht und sie zaehlten zusammen, was fehlt: Ein Buegeleisen, ein Wasserkocher, drei Glaeser, ein Handtuch, ein Liter Milch, eine elektrische Zahnbuerste… Dass der Wasserkocher fehlt, merkte sie, als sie Ur-Englisch meinte: “Ich mach erstmal Tee.”

Debbie war von Taschenlampenlicht aufgewacht und davon, dass jemand an ihrer (abgeschlossenen) Schlafzimmertuer ruettelte. Als sie das erste Mal bei ihr waren (im Oktober) klauten die Diebe: Zwei Toepfe, eine Fahrrad, ein Handtuch, einen Liter Milch, zwei Flaschen Tonic Water, eine Packung Wechseljahrshormone. Weder damals noch heute nahmen sie die Flasche Gin mit. Heisst das, dass sie Moslems sind? Vor zwei Wochen kam jemand tagsueber in ihre Kueche waehrend sie duschte und nahm ihr Handy mit.

Alles deutet darauf hin, dass die Diebe nebenan wohnen. Also wird Debbie nun durch ihre Nachbarschaft gehn und misstrauisch gucken, ob irgendwer besonders gepflegt aussieht, weil er mit dem Diebesgut besser duschen, zaehneputzen und buegeln kann.

Heute morgen konnte ich Debbie dann endlich davon ueberzeugen, dass sie einen Wachmann braucht. Habe meinen Assistenten schon beauftragt, ihr einen so jungen und wachen Mann zu finden wie meinen.

Donnerstag, Februar 02, 2006

Der Staub. Der Staub. Der Staub.

Ich koennte einen ganzen Blog mit meinem Staub fuellen. Er dringt in jede Ritze, setzt sich in jede Falte die ich vorher noch gar nicht bemerkt hatte, verstopft die Nase und die Lunge, verwandelt das Haar in Stroh und fuellt das Haus. Morgens zwischen fuenf und sechs erwache ich davon, dass mein Wachmann den Staub fegt: Wusch! Wusch! Wusch!Also nicht: Den Staub WEGFEGT, denn mein ganzer Garten besteht nur aus Staub, sondern den Staub SAUBERFEGT. Wenn ich abends schlafen geh wasche ich als letztes die dicke Staubschicht von meinen Fuessen, schleiche dann auf Zehenspitzen (dann bleiben zumindest die Fersen sauber) in mein Bett und und packe meine Fuesse dick in Kakaobutter. Und Mary kann waschen und wischen wie sie will, wir verstauben. Und warten geduldig (?) auf die naechste Regenzeit, irgendwann im Mai oder Juni.

Kuchen mit fuer zwischen die Beine zu waschen

 
 Posted by Picasa

Mary sprengt die Bank

Heute hat Mary ein Konto eroeffnet. Und Eva sass dabei wie ein stolzes Muttertier. Haette ja fast angefangen zu heulen. Sie fluesterte mir zu: “Eva, Du musst mir helfen, ich hab bei meiner Unterschrift kein System!” (das heisst, die Unterschrift sieht jedes Mal anders aus) Und ich fluesterte zurueck: “Keine Sorge, wenn Du nicht unterschreiben willst, kannst Du statt dessen auch Deinen Daumenabdruck benutzen.”

Jetzt wo ich wieder wirklich in Bolga angekommen bin (und meine Chefin wieder wirklich in Washington angekommen ist), kann ich all die losen Faeden aufnehmen, die in meiner Abwesenheit zerfranst sind. Also haben wir uns gestern ueber die Buecher gesetzt und eine Bilanz der letzten 4 Monate gezogen, die Zahlen hin und her geschoben, bis uns der Kopf rauchte. Das Ergebnis war, dass Mary so ungefaehr ihren Lohn verdoppelt durch die Baeckerei.

Nur ist leider davon kein einziger Cedi mehr in ihrer Tasche. Da musste ein Plan her. Oder eher: Mehrere Plaene.

Auf das Sparbuch werde ich nun ihren Lohn einzahlen und habe ihr versprochen, das Buch aufzubewahren und ganz zickig zu sein, wenn sie an das Geld dran will. Ausserdem will sie ein Ausgabenbuch fuehren, um rauszufinden, wo der Eimer sein groesstes Loch hat.

Die dritte Strategie gegen ein Problem auf der Ausgabenseite hat natuerlich viel mehr Sexappeal: Die Einnahmenseite verbessern. Also werden wir bei der Total Tankstelle vorsprechen, ob sie unser Brot verkaufen wollen und ausserdem unseren Kuchen auf den Markt werfen. Nur duerfen wir ihn natuerlich nicht Zitronenkuchen nennen (Iiih, das Zeug womit wir uns zwischen den Beinen waschen?!)

Mittwoch, Februar 01, 2006

Spracheinsamkeit

Meine Lieben, bitte verzeiht diesen literarischen Einschub, der nichts mit Afrika zu tun hat. Ausser vielleicht Folgendes: Wer allein mit seiner Sprache in Afrika ist, pluendert wieder und wieder den gleichen Buecherschrank. Und wenn er (in diesem Falle sie) dann etwas Schoenes findet, was sie schon lange vergessen hatte, ist niemand da, der die Freude teilt. Denn die einzigen Leute in Bolga, die meine Sprache sprechen, sind diese Missionare, mit denen mich dann sonst – ausser der Sprache – nichts verbindet.

Palindrome (vorwaerts und rueckwaerts zu lesen)

Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie.
In Nagold legen Hähne Geld – log Anni.
Nie fragt sie:”Ist gefegt?” Sie ist gar fein.
Eine Hure bei Liebe ruhe nie!
Leben Sie mit im Eisnebel?
Leg in eine so helle Hose nie n’ Igel!
Eine treue Familie bei Lima feuerte nie.
Die liebe Tote! Beileid!

(aus Reclam: Deutsche Unsinnpoesie)

Ich weiss ja, wie man Schuettelreime findet (also: Menschen moegen Moewen leiden, waehrend sie die Loewen meiden), aber vor Palindromen habe ich Heidenrespekt. Die sehen so leicht und spielerisch aus, aber wo findet man die, was muss man mit seinen Buchstaben machen, um da anzukommen?

Wie ihr seht, ist auch dieser Beitrag nicht ganz unafrikanisch (s. Gazelle). Als Kind hab ich mir den Neger immer in der Telefonzelle vorgestellt, da das die einzige Zelle war, die ich kannte. Ausserdem waere die ja wirklich viel praktischer als eine Ga-Zelle um unverzagt den Regenguss abzuwarten.

Freitag, Januar 27, 2006

Paradies ist anderswo

Meine Eltern schreiben entsetzt: Du warst gar nicht in unserem Paradies. Das ist nebenan und viel schoener. Ohne fiese Raeume und freche Preise. So ein Mist. Ob ich 4000 Dollar kriege, wenn ich zurueck auf Los geh und nochmal anfange?

Mittwoch, Januar 25, 2006

Aeaetzesupp (Erbsensuppe)

Die Wissenschaftler unter Euch wissen, dass unsere Arbeit wenig Denken erfordert. Die meiste Zeit schieben wir Erbsen hin und her, und schreiben auf, wie das aussieht. Als Forscherin in einem internationalen Projekt verbringe ich auch viel Zeit damit, Reiseagentur fuer anderleuts Dorfbesuche zu sein. Und da ich in Afrika bin, geht einige Zeit dafuer drauf, das Buero renovieren zu lassen, Kontakte mit Wichtigen zu pflegen und bestimmt eine Stunde jedes Tages brauche ich allein fuer Begruessungen.

Aber dann, einmal im Jahr: EIN NEUER GEDANKE. Das ist ein Fest. Der Erbsenkopf explodiert und die Erbsensuppe spritzt nur so durch’s Buero. Vorgestern hatte ich so einen Gedanken, und ich bin immer noch auf Drogen. Innerhalb einer halben Stunde habe ich eine neue Methode entwickelt (eine Weiterentwicklung meines Power-Games aus der Doktorarbeit), meine Forschungsfrage und einen Arbeitsplan aufgestellt und meinen Schreibtisch fuer mindestens ein Jahr mit Erbsen gefuellt. Wie gut, dass morgen meine Chefin kommt.

Dienstag, Januar 24, 2006

Kein Maggeln! Kein Rauchen! Nicht in der Gegend rumspucken!

 
 Posted by Picasa

Statuspipi

Wenn es ein Thema in Ghana gibt, ueber das ich einen kompletten Roman schreiben koennte, dann ist das Toilettenverhalten. Zu unseren neuen Bueroraeumen gehoeren drei Toiletten, die ausschliesslich fuer unsere Bueros zustaendig sind. In Deutschland bekaemen die Tueren folgende Schilder: Damen, Herren, Privat. Wobei nicht klar ist, ob “privat” bedeutet: “Was fuer ne freche Frage, mein Geschlecht ist ja wohl meine Privatsache!”…

Unsere Loesung hier foerdert die Gleichberechtigung zwischen Maennern und Frauen, gleichzeitig ist sie diskret: Niemand muss zugeben, dass er ein Mann ist, nur um pinkeln gehen zu duerfen.

Das geht folgendermassen:
Toilette 1 ist fuer die Chefs (2 Maenner und ich – mein Geschlecht ist Privatsache)
Toilette 2 ist fuer die Untergebenen (2 Maenner und 1 Frau)
Toilette 3 ist fuer Gaeste

Alle drei Toiletten haben keine Schilder, so dass nur Eingeweihte statusgerecht pipimachen koennen.

Bessere Menschen als ich

Grade wurde mir im Gespraech klar, dass einige meiner weissen Bekannten mich fuer ziemlich harsch halten. Der Grund ist, dass es bei mir nichts umsonst gibt. Ich spuele Mary nicht die Teller und nehme niemanden Huckepack, der gehen kann. Sollte ich meinem Assistenten einen Wurstmacher in Accra finden, bei dem er eine Woche ueber die Schulter schauen kann, dann werde ich den Kontakt machen und ihm ne Woche frei geben, wenn es ruhig genug ist. Aber ich kaeme nicht auf die Idee, ihm die Reise zu bezahlen, weil ich weiss, dass er das selber kann. Und so finde ich es erstaunlich, dass ich meinen Gaesten erklaeren muss, dass sie Mary beleidigen, wenn sie ihr die Arbeit wegnehmen. Mich verwirrt, dass sie denken, sie sind bessere Menschen, weil sie Mitleid mit Leuten haben, die sehr gut ohne dieses Mitleid klarkommen.

Montag, Januar 23, 2006

Kroeten lungernd

 
 Posted by Picasa

Kroeten kungelnd

 
 Posted by Picasa

Hau den Kroeten auf die Kloeten!

Haben Kroeten ueberhaupt Kloeten? Wie auch immer, mein Haus hat eine Kroetenplage und bei dieser grossen Anzahl ist es eine zu zeitaufwaendige Loesung, jede einzelne umzudrehn, rauszufinden, ob sich da irgendwo eine Maennlichkeit versteckt, auf die draufzuhauen vielleicht eine Genugtuung aber doch irgendwo ekelhaft und ausserdem unfair waere. Noch dazu essen sie ja ganz brav meine Moskitos.

Bislang fand ich sie auch nicht sonderlich plagenhaft. Muss man abends halt aufpassen, wo man hintritt. Oder langsam genug dahintreten, dass sie unter dem Fuss weghuepfen koennen. Aber nun haben sie die Angewohnheit entwickelt, sich zum Sterben in mein Abflussrohr zurueckzuziehen und nach dem Sterben nach toter Kroete zu riechen. Wenn Ihr nicht wisst, wie tote Kroete riecht, macht das gar nichts. Man kann auch ohne dieses Wissen ihm Hinterhof gluecklich und zufrieden leben.

Der Eingang zum Paradies

Meine Eltern hatten mir am Volta ein Hotel empfohlen, das wie das Paradies sei, da muesste ich unbedingt hin. Nun, ich hatte mir den Weg ins Paradies anders vorgestellt, aber das sagen wohl alle, wenn sie angekommen sind.

Man laeuft an der Trotro-Haltestelle vorbei, wo sich die Frauen mit Krebsen auf dem Kopf um die Busse draengen, in der Hoffnung durch offene Busfenster ein Geschaeft zu machen. Dann ist rechts neben der Strasse ein schwelender Muellhaufen. Der intensive Geruch begleitet einen noch eine Weile, bis man an den Eingang des Paradieses kommt: Eine Hotelanlage im Stil des spaeten Fuenfzigerjahreprovinzkurorts mit viel Waschbeton und bunt lackiertem Stahlgelaender. Die Zimmer sind ueberteuert und riechen nach Autoperfum. Oh, da haengt ja ein Wunderbaum vor der Klima-Anlage. Draussen ein Mini-Zoo mit ungluecklichen Affen und einem Krokodil im Betonbecken. Bitte nicht fuettern.

Ich frage mich die ganze Zeit: Wollen sich meine Eltern ueber mich lustig machen oder hab ich ihre Wegbeschreibung nicht richtig verstanden?

Schnitt. Naechster Morgen, sechs Uhr, gleicher Ort, Eva im Paradies.

Das Hotel liegt am Unterlauf des Volta, hinter dem grossen Stausee und vor dem kleinen Stausee. Der Fluss ist ruhig wie ein See, gegenueber runde gruene Berge, rechts spannt sich eine elegante Bruecke ueber das Wasser und der Morgen wacht ganz langsam auf. Die Holzterasse, auf der ich fruehstuecke, ist auf den See gebaut und grade gross genug fuer drei Tische mit Stuehlen. Fischer steuern still ihre Einbaeume am Ufer entlang und legen ihre Reusen aus. Wenn ich gruesse, winken sie zurueck. Einer will mich heiraten und lacht, als ich sage, dass er zu spaet dran ist. So hatte ich mir das Paradies immer vorgestellt. Einfach sitzen und die Welt einatmen. Und ausatmen. Und drueben hinter dem Berg geht die Sonne auf.

Paradies: Rechts, links, geradeaus

 
 Posted by Picasa
 
 Posted by Picasa
 
 Posted by Picasa

1man1000

Als ich im Paradies auf der Terasse sass und dem Tag beim Anfangen zusah, setzte sich ein Mann zu mir, der sich wunderte, warum ich hier allein sitze, statt mit wem zu plaudern. Das Problem konnte er schnell loesen und erzaehlte mir alles Moegliche; unter anderem von dem Fisch, der One-Man-Thousand heisst. Das ist der Fisch, den die Leute in der Umgebung hauptsaechlich essen. Und der ist so klein, dass ein Mann tausend essen muss, um satt zu werden.

Waehrend wir da sassen, legten drei Fischer mit ihrem Einbaum an der Nachbarterasse an, um die tellergrossen Fische, die sie gefangen hatten, den Koechinnen unseres Hotels zu verkaufen.

Wieder in meinem Revier

Eva ist zurueck in Bolga. Hat viel erlebt und gehoert und keine Zeit gehabt, etwas aufzuschreiben.

Vielleicht die Tage (wie man bei uns sagt). Dann erzaehl ich Euch, warum ein Fisch in der Volta Region One-Man-Thousand heisst und was der Eingang zum Paradies mit einem vergessenen Kurort in der Eifel gemein hat.

Diese Woche kommt meine Chefin aus Washington und rockt das Haus.

Montag, Januar 16, 2006

Schweinische Tipps

Vorgestern hab ich mit dem Schokoladenmacher (s.o.) zu Abend gegessen und ihn natuerlich nach Wurst gefragt. Leider hat er selbst noch nie Wurst gemacht, dafuer konnte er mir – nach dem Essen, weil vorm Essen redet man ja nicht ueber Ekelhaftes – genau erklaeren, wie man Schweinskopfsuelze macht. Denn unser Plan ist ja, dass der Assistent am Anfang ein Schwein hat und am Ende nur ein paar Knoechelchen uebrig. Also muss der Kopf auch weg.

Schritt eins koennen auch Vegetarier nachvollziehn: Iss ein Glas Gurken und schuette den Sud nicht weg.

Aber dann: Koch den Kopf stundenlang in einem grossen Topf und schuette immer wieder Wasser dazu, wenn es droht, zu trocken zu werden. Fummel alles weichgekochte von dem Kopf und schneide es in Stuecke so klein wie eine Kleinfingerspitze: Alles, Schweinegedanken, Schweinehaut etc.

Das alles kommt zurueck in den Topf zum Kochwasser, der Gurkensud dazu, alles wird nochmal durchgekocht und in Weckglaeser gefuellt. Waehrend des Kochens hat sich die Gelantine aus den Knochen geloest. Die Weckglaeser schliessen, in ein Wasserbad im Backofen stellen und bei 100 C fuer 20 Minuten einkochen. Fertig. Haelt ewig. Oder zumindest lange.

Oh Margarete

Was Komplimente angeht, bin ich ja viel gewoehnt. Denn alle Ghanaer sind sehr freigiebig und finden meistens irgendwas, wozu sie etwas Nettes sagen koennen. Mit Abstand am haeufigsten gehoert ist immer noch: Oh, you’ve grown nice and fat (Du bist so schoen fett geworden). Aber heute gab’s was Neues: Dein Anzug ist superschick, Du siehst aus wie Margret Thatcher!

Das was Salisu, mein Lieblingsfahrer. Spaeter kam er nocheinmal zu mir, mit einem feuchten Tuch, um ein Staeubchen von meinem Thatcher-Outfit zu entfernen. Als ich sagte, den Anzug hat mir meine Mama zu Weihnachten geschenkt, sagte er: Am liebsten haette ich ihre e-mail Adresse, dann koennte ich ihr sagen, dass sie ihrer Tochter etwas Grossartiges geschenkt hat… und dass sie nicht aufhoeren soll.

Freitag, Januar 13, 2006

Office Snack

Gestern hatte die Sekretaerin ein lebendes Perlhuhn im Buero. Jemand hatte ihr das als Geschenk vorbeigebracht. Ausser mir fand das niemand aussergewoehnlich oder auch nur erwaehnenswert. Nicht mal das Huhn selbst, das freundlich und geduldig auf Feierabend wartete, um dann an den zusammengebundenen Fuessen nach Hause getragen zu werden und sich dort in ein Abendessen zu verwandeln.

Die Katze kommt nach Haus

Und muss die Maeuse vom Tisch scheuchen. Heute morgen hatte ich ein Treffen mit meinen Wachmaennern und meinem Assistenten als Uebersetzter. Und hab den beiden Herren eine schoene Rede gehalten:

“Vielen Dank fuer Eure gute Arbeit. Ihr habt das Haus gut beschuetzt, waehrend ich weg war. Ihr wisst ja wie das ist, dies ist das Weisse Frau Haus und jeder beobachtet das besonders genau. Auch die Kriminellen. Bei all meinen weissen Freunden ist schon eingebrochen worden. Hier noch nicht und das ist gut. Ihr wisst auch, wie die Diebe das machen. Die haben Zeit und gucken hier und gucken da und lernen wie die weisse Frau kommt und geht und wann die Wachmaenner wo sind und finden die schwache Stelle und da schluepfen sie rein.

Als ich von meiner langen langen Reise zurueckkam, habe ich etwas gesehen, was mich beunruhigt. In meinem eigenen Garten habe ich fremde Maenner essen, fremde Kinder spielen und fremde Huehner picken sehen. Die Huehner werden den Dieben nichts ueber dieses Haus erzaehlen. Aber ich moechte keine fremden Menschen auf meinem Grund und Boden, die ich nicht eingeladen habe.”

Mary kriegte aus gegebenem Anlass eine etwas andere Rede, die aehnlich begann, aber anders weiterging:

“Du weisst, wie viel Geld und schoene Dinge in diesem Haus rumliegen. Deshalb darf es nicht sein, dass ich nach Hause komme und in meinem Haus sitzt ein fremder Mann auf dem Stuhl als sei der der Hausherr und Du die Hausherrin und ich Mary, die vom Markt kommt. Du arbeitest fuer mich, weil ich Dir traue. Wenn ich Dir nicht mehr trauen kann, haben wir ein ernsthaftes Problem. Keine Fremden im Haus oder auf dem Grundstueck, ob ich nun da bin oder verreist. Verstanden?”

Miau, die Katze hat gesprochen und die Maeuse verschwinden in den Loechern.

Der luesterne Chinese

Hab ich Euch von dem schon erzaehlt? Der wollte Mary als Hausangestellte, damals als sie noch Kellnerin war und sie hat abgelehnt, weil sie schon ahnte, was er ist (s.o.). Ihre Freundin, ebenfalls Mary, hat den Job im Haus der drei Chinesischen Bauarbeiter angenommen, mit allen Pflichten, die dazugehoeren, incl. den Chef und sein Vermoegen lieben.

Waehrend ich weg war, musste meine Mary vor Gericht aussagen – gegen die (nun ehemalige) Freundin und ihren Chinesen. Weil jene Mary, als sie noch Kellnerin war, einen ghanaischen Freund hatte und sehr zoegerlich war, diese Beziehung aufzugeben. So hat sie hier “ich liebe Dich” gefluestert, wenn die den Ghanaer besuchte und im Chinesenhaus ihren Chef umarmt.

Der hat schliesslich die Polizei gerufen, weil der junge Mann Mary verfolgte und nicht in Ruhe liesse, sie sollten ihn doch bitte ins Gefangnis werfen. Grosses Theater, Gerichtsverfahren. Bei dem die Eltern des Maedchens uebrigens zugunsten des Chinesen aussagten, denn der Ghanaer hat ihnen nie so viele schoene Sachen geschenkt. Als Ergebnis ist Mary um eine Freundin aermer, der Junge muss nicht ins Gefaengnis, darf sich aber seiner Ex-Freundin nicht mehr naehern

Reiseplaene

Ich werde morgen mit dem Auto (und dem Fahrer...) nach Accra fahren, um Montag weiter nach Akosombo zu einem der groessten Staudaemme der Welt zu fahren - um einer Konferenz beizuwohnen. Waehrend der Zeit sollte ich weiter auf dem Handy zu erreichen sein und versuche ab und zu meine mails zu checken. Zurueck bin ich die Woche drauf gegen Montag.

Donnerstag, Januar 12, 2006

Oncho Oskar ist tot

I shock, sagen sie hier, also ich schocke, was heisst, ich bin schockiert. Bevor ich fuhr, war er im Krankenhaus und keiner wusste so recht, warum. Jetzt erzaehlt mir die Sekretaerin nebensaechlich von seiner Beerdigung. Oskar war hier der beste Freund meines Kollegen Aaron, ich koennte auch sagen, der einzige, denn mein Kollege ist ein zurueckhaltender Mensch. Ausserdem war Oskar humorvoll, hat das Kind beim Namen genannt und verstand verdammt viel von seinem Job (Oncho = Flussblindheit ausrotten). Woran er gestorben ist? Weiss keiner, vielleicht was mit der Leber, sagen sie, aber das sagen sie immer. Er war 47 und trug eine riesige Eulenbrille in einem sehr schmalen Gesicht.

Mittwoch, Januar 11, 2006

Bloodwoosch, Koelsch un e lecker Maedsche…

Nachdem ich so lange beim Dom war und mir ausserdem vom Express “Die 40 groessten koelschen Hits” gekauft hab, muesst Ihr das ertragen, dass meine Erlebnisse hier mich an Karnervalslieder erinnern. Weil: Ein kulinarisches Vorurteil is ja, dass der Deutsche an sich nur Brot, Wurst und Bier braucht, um gluecklich zu sein. Seit ich hier bin habe ich das Trainingsprogramm “Eva lernt Bier trinken” gestartet, weil Bier am einfachsten ist und das kann doch nicht so schwer sein, das zu moegen. Bislang ist es immer noch ein Schnaeppchen, wenn ich mir mit jemandem ein Bier teile, weil mein Trinkpartner den groessten Teil abbekommt.

Ueber Brot hab ich viel geschrieben und bei meiner Rueckkehr finde ich einen grossen Mehlsack im Flur. Mary hat in der Zwischenzeit weitergebacken. Leider ist die letzte Ladung komplett schlecht geworden, weil ueber Neujahr keiner einkaufen war. Und eben haben wir zusammen versucht das Spritzgebaeckmaschinchen zusammenzubauen (He, da ist noch eine Schraube uebrig, lass mal alles wieder aufschrauben und sehn, ob wir irgendwo ein Gewinde finden, wo sie reinpasst…). Jetzt warten wir nur auf das beste Spritzgebaeckrezept, geerbt von OmmaausDueren und dann koennen wir in die Plaetzchenproduktion einsteigen. Und mein Assistant Douglas hat versprochen, sich nach Backoefen umzuhoeren.

Wurst. Ja. Ich weiss, ich hab so etwa mit vier oder fuenf Jahren angefangen, mich zu weigern, Wurst zu essen und bin eine absolute Anti-Expertin auf diesem Gebiet. Noch Undeutscher als beim Bier. Kann ich vielleicht meine Staatsbuergerschaft trotzdem behalten, wenn ich mich beim Brot besonders anstrenge? Und vielleicht etwas zur Verbreitung der deutschen Wurst im feindlichen Ausland beitrage?

Douglas ist immer noch auf der Suche nach eine Investitionsmoeglichkeit fuer das Geld, das im Moment rumliegt und darauf wartet, einfach ausgegeben zu werden. Ausserdem will er was zu tun fuer’s Wochenende. Er kommt mit seinen Ideen zu mir, weil er weiss, mir faellt dazu was ein (sagt er und hat recht…). Nun fragt er also folgendes: Gibt es in Deutschland Wurstmaschinen? In Bolga essen alle gerne Wurst und keiner stellt sie her. Ich hab acht Saeue, die im Moment noch mit Schweinehirten in der Gegend rumlaufen. Nun will ich einen Stall bauen und wenn mir alle Saeue dies Jahr fuenf Ferkel geben, bin ich bald im Geschaft. Nur weiss ich nicht, wie man Wuerste macht und suche ausserdem ein Maschinchen.

Also hab ich versucht rauszufinden, was fuer ne Art von Wurst er sich vorstellt. Das geht wohl in Richtung Bratwurst. Obwohl auch Blutwurst hier sehr beliebt ist. Und das Maschinchen? Naja, ich hab ihm versprochen, meine Freunde in Deutschland zu fragen, ob vielleicht jemand einen alten Metzger kennt, der eine alte Maschine loswerden will, so dass Douglas nur den Transport bezahlen muss. Und eine alte Maschine ist besser als eine neue, weil man die mit dem Schraubenzieher reparieren muss. Da ich aber gar nicht weiss, wie man Wurst macht, weiss ich auch nicht, was fuer Maschinen man da gebrauchen kann… Wie macht man Wurst?

Flying Trotro – fliegender verbeulter Kleinbus im oeffentlichen Verkehr

Vor dem verstaubten Flughafen von Tamale stand ich mit zwei anderen Passagieren auf dem einsamen Parkplatz. Das eine Taxi, was die Fluggaeste erwartet hatte, war schon mit anderen abgefahren, die meisten aber waren von ihren Fahrern abgeholt worden und wir standen nun also da…

Waehrend wir hofften, dass irgendwas passierte, um uns zu retten, unterhielten wir uns ueber die Grenzerfahrung, die wir grade ueberlebt hatten. Die Ghanaer waren sich mit mir einig: Das war kein Flugzeug sondern ein Trotro mit Fluegeln: Verschlissene Sitzpolster, Kakerlaken in allen Ritzen. Wieso muss ein Flugzeug ueberhaupt so viele Ritzen haben? Der Mittelgang so schmal und niedrig, dass nur magersuechtige Zwerge als Stewards in Frage kamen. Die Sicherheitsvorfuehrung bestand daraus, dass einer dieser Zwerge uns zeigte, wie man den Anschnallgurt anlegt. Vielleicht haette er uns auch noch vormachen sollen, wie man betet?

Als Verpflegung gab es genau wie auf der Strasse Fett-Donuts und Meatpie. Als ich nach Kaffee fragte, ging der Steward ins Cockpit und stellte den Wasserkocher an. Das Cockpit. Hinter ner Sperrholztuer mit Teppich beklebt (ok, so sah das zumindest aus), die nicht wirklich dicht schloss. Das hatte natuerlich den Vorteil, dass unser Pilot den erleichterten Beifall nach der Landung auch hoeren konnte.

Als nur noch ein Auto auf dem Parkplatz stand, kam ein Mann auf uns zu und sagte: Diese Madam wuerde Sie gerne mit in die Stadt nehmen. Wir passten zwar eigentlich gar nicht alle in ihr Auto, aber das machte nix. In der Stadt hat sie mir dann ein Taxi angehalten: Bleib erstmal im Auto, wenn Du aussteigst, wird das Taxi zu teuer.

Gelandet in Ghana

Donnerstag, Januar 05, 2006

Was ich tu

Ihr wisst, in diesem Blog schreib ich nicht ueber die Arbeit sondern nur ueber das Leben. Heute mach ich eine Ausnahme. Ueber Weihnachten bin ich wieder so oft gefragt worden: Was machst Du da eigentlich? Und: Wie kann ich das jemandem in fuenf Saetzen erklaeren? OK. 5 Saetze:

1. Das uebergreifende Ziel des Projektes ist es, die Wasserpolitik zu verbessern, da geht es z.B. um Verteilungskonflikte, das Management der bestehenden Infrastruktur und Entscheidungen ueber zukuenftige Investitionen.
2. Dieses Ziel wollen wir erreichen, indem wir ein Computermodel entwickeln, mit dem man verschiedene Szenarien durchspielen kann und dieses den Entscheidern (Politiker, Verwaltungsleute) zur Verfuegung stellen.
3. Ein Computermodel funktioniert wie diese Computer-Strategiespiele, wo man Koenig ist und eintippt, was man als naechstes tut und am Ende haben die Barbaren die Hauptstadt eingenommen, man ist pleite und haengt am naechsten Baum – nur dass wir mit Wasser spielen.
(Schweissausbruch! Nur noch zwei Saetze uebrig!)
4. Meine Rolle in diesem Projekt ist es, zunaechst die bestehende politische Situation zu analysieren, die brennenden Fragen herauszufinden und diese den Computermokeln zu sagen und wenn die Szenarien fertig sind, zu analysieren, wie sich die Politik aendert, wenn man solche Modelle hat.
5. Das alles bedeutet, dass meine wichtigste Beschaeftigung ist, mit Leuten zu reden, mit Bauern (Wassernutzern) im Dorf und Verwaltungsangestellten oder Politikern ebenso wie mit Computermokeln in Europa.

Noch Fragen?

Mittwoch, Januar 04, 2006

Mit einem breiten Grinsen

Grade hab ich bei Mary angerufen. Also bei mir, denn sie verbringt die Tage in meinem Haus, auch wenn ich nicht da bin. Und mich danach ganz boes gefuehlt, dass ich das nicht waehrend meiner Abwesenheit oefter getan hab.

Sie hat vor lauter Glueck zu kreischen und seufzen angefangen, dass ich schon dachte sie faellt mir am Telefon in Ohnmacht. Oh Eva, we miss you! Meine Guete ist das schoen, da faellt das “Kein Fisch im Wasser”-Gefuehl gleich von mir ab.

Kein Fisch im Wasser

Ich gehe schnell, nur weil ich's eilig hab, spreche ein Englisch, das kein Ghanaer versteht. Mein Kopf weiss zwar noch, was ich bis zu meiner Abreise vor zwei Monaten gelernt hatte (schlurfen und "go front small" sagen statt "go a little bit forward") aber ich hab Ghana nicht mehr in den Hueften.

Ich muss mich erst wieder dran gewoehnen, so dass ich nicht nachspiele, was mein Kopf weiss und damit immer eine halbe Sekunde zu spaet bin. Und kuenstlich wirke. Sondern drin schwimme wie jener Fisch (s.o.). Ich fuehle mich wie einer, der ein Buch ueber Ghana gelesen hat. Dabei bin ich es, die dieses Buch schreibt.

Traum

In meinem ersten Traum zurueck in Ghana wurde meine Haut mit einem scharfen Messer um Augen und Mund durchtrennt, rundherum ums Gesicht ausgeschnitten und schliesslich abgezogen. Das ganze fuehlte sich an wie eine Schlange sich haeutet, ganz leicht, ohne Schmerzen, ohne Blut, darunter frische Haut, die alte Haut so sproede wie tote Schlangenhaut. Alles neu.

Donnerstag, Dezember 22, 2005

Heemoot suffe

Mein Leben ist fuer mich total interessant, liefert aber nix Spannendes zum Schreiben. Normalerweise ist es eher umgekehrt, aus meinem eintoenigen Alltag in der Afrikanischen Kleinstadt mache ich viele exotische Geschichten.

Jetzt sitz ich bei Mamma und Pappa aufm Soffa (als Kind aus dem Rheinland hab ich lange nicht verstanden, warum man diese Woerter anders schreibt, als man sie spricht…), huckele die kleinen Kinder meiner Freundin, telefoniere ohne Knacken, treffe Schulkameradinnen wieder, die ich seit 12 Jahren nicht gesehn hab und trinke Heimat bis ich voll bin.

Freitag, Dezember 16, 2005

Ghanaman in New York

Nana ist der Freund eines Freundes aus Bolga und lebt in New York. Wie es die Kultur gebietet, muss er ganz viele Sachen fuer seine Leute zu Hause kaufen. Meine Rolle in diesem Spiel ist die eines Packesels, nun ist mein Koffer voll mit Jacken, Muetzen, MP3 Player und CDs fuer Ghanaer in Ghana und Deutschland.

Als ich ihn in New York besuchte, sagte er, dass er bei der Bronx lebt und ich stellte mir ein wildes Wochenende mit einem Rastamann in duesteren Clubs vor, in die ich mich allein niemals trauen wuerde.

Am Bahnhof holte mich dann auch tatsaechlich ein Rastamann ab, etwa so gross wie OmmaausGeich, Dreadlocks unter gruenrotgelber Muetze... Aber das war's dann auch schon mit wild. Omma waere von seinem Lebensstil begeistert gewesen.

Seit 3 Jahren arbeitet Nana in zwei Jobs, fuenf Tage die Woche, jeweils 10 Stunden pro Job und Tag. Nachtschicht in der Drogerie, Tagschicht beim Autogramhandel am Telefon. Die verbleibenden 4 Stunden schlaeft er. New York kennt er nicht, dafuer hat er keine Zeit. Seine Wohnung ist in New Rochelle, am Segelboothafen - in einer Strasse, wo ausser ihm keine Schwarzen wohnen, Einfamilienhaeuser mit Lichterketten und Plastik-Elch. Das macht ihn stolz.

Sein Handy ist meistens ausgeschaltet, denn die Anrufer sind entweder Ghanaer aus Ghana mit Bestellungen (kauf mir ein neues Foto-Handy) oder Ghanaer aus New York, die mit ihm auf Parties wollen, fuer die er keine Zeit hat.

Im Fruehjahr wird er anfangen, Medizin zu studieren, um Radiologe zu werden und reich.

Ankunftsauskunft

Mein Flug kommt Sonntag morgen (18.12.05) um 6:55 in Amsterdam an. Von da geht's mit dem Zug weiter und irgendwie spielt in diesem Plan meine Schwester aus Rotterdam auch eine Rolle. Keine Ahnung welche...

Donnerstag, Dezember 15, 2005

"... und einen CD Brenner aus Deutschland"

Ich bin ganz ruhig und entspannt. Ich finde andere Kulturen super. Einatmen... Ausatmen... meine Beine werden schwer... Einatmen... Ausatmen...
!
Mist! Klappt nicht! Mein ehemaliger Assistent (der mich so schmaehlich im Stich gelassen hat) schreibt mir eine mail, in der er um ein Referenzschreiben bittet... "und ausserdem, kauf mir einen CD Brenner, wenn Du in Deutschland bist. Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch. Dein Kutie"

Ach so. Ja klar, kein Problem. Vielleicht auch noch eine Muh eine Maeh eine Taetaeraetaetae? Hab ich einen langen weissen Bart und trage am liebsten rote Muetzen?

Mittwoch, Dezember 07, 2005

Wenn schon gewollt, dann wenigstens gekonnt

Gibt so Tage, da ist das Herz der Welt und ihren Maennern so schutzlos ausgeliefert. Knackige sonnige Kaelte in Washington. Schnee auf den Baeumen. Ich entdecke in der Nachbarschaft einen winzigen Bioladen und will drei Kartoffeln zum Mittagessen kaufen. Das ist so etwa alles Gemuese, was dieser Laden zu bieten hat. Wie praktisch.

Hinter dem Tresen ein Rastamann mit graden Gesichtszuegen (Aethiopien?) und klaren Augen. Hoert coole funkige Muik. Er reicht mir meine Kartoffeltuete mit perfektem Timing, um passend zum Beat “Peace” zu sagen statt “Bitteschoen”, waehrend er sich vorbeugt, mir in die Augen schaut und unsere Finger sich quasi zufaellig beruehren. Man sollte viel oefter Kartoffelpueree essen.

Reiseplaene

Neue Reiseplaene. Um im Haus meines Direktors gemeinsam mit allen anderen Heimgekommenen zu Abend essen zu koennen (und allerlei anderen Vernetzungsaktivitaeten teilzuhaben) habe ich meine Abreise aus Washington verschoben. Fliege am 17.12. und komme am 18. in Duesseldorf an. Wann? Ma gucken.

Freitag, Dezember 02, 2005

Immer nochwas extra im Essen

Es ist durchaus moeglich, dass Ihr diese Klage von mir schon einmal gehoert habt. Milch hat extra Vitamin D, Nudeln haben ausser Weizen, Eiern und Wasser noch fuenf andere Dinge, die ich alle nicht will usw. usf.

Heute habe ich mich mit meiner Chefin (Amerikanerin) darueber unterhalten, und sie hat mir ein Lebensmittel empfohlen, das niemals fortified (= verstaerkt = angereichert mit allem moeglichen, das gut fuer Dich ist) ist: Fusel.

Seit Jahren diskutieren die Linke und die Rechte, ob das Sinn machen wuerde, dem Schnaps fuer Penner extra Vitamine zuzufuegen. Die Linke argumentiert: Wenn das eh das einzige ist, was die zu sich nehmen, kann man ihre Gesundheit damit nur verbessern. Die Rechte sagt: Dann sieht das aber so aus, als wuerde man mit Saufen was fuer die Gesundheit tun.

Da die Rechte bislang gewinnt, werde ich jetzt von Nudeln auf klaren Schnaps umsteigen

Donnerstag, Dezember 01, 2005

Eva in Washington

Montag morgen in Washington gelandet. Sitze nun im Hamsterkaefig, hier schwenkt keiner sein Taschentuch und wirbelt Staub. Mein Harddrive (Computer) ist tot und hat ganz viele Daten mit in den Abgrund gerissen. Schreibe Forschungspapiere und Abrechnungen und verliere langsam meine Sonnenbraeune.

Kultur und Geschichte

Victor Jara war mit Pinochets Regime nicht einverstanden und hat dagegen Gitarre gespielt und gesungen. Pinochets Regime war mit Victor Jara ebenfalls nicht einverstanden, worauf sie ihm Finger und Zunge abgehackt haben, bevor sie ihn erschossen.

An unserem letzten Abend in Chile waren wir auf einem Victor Jara Gedenk-Festival, das mindestens ebensosehr ein Pinochet Gedenk-Festival war. Das Publikum war die schoenste Menschenmenge, die wir bis jetzt in Chile gesehen haben. Unterschiedlichste Musiker machten aus Victors Stuecken alles von Rock bis Volksmusik. Auf der Buehne tanzten Frauen in langen Roecken und mit geflochtenen Zoepfen und Maenner, die als der schleimige boese Kerl im Western verkleidet waren, traditionelle Taenze und selbst unser zurueckhaltender Kollege H. wippte mit dem Fuss und sang die Texte mit.

Die Chilenen sind die Norddeutschen Suedamerikas, wenn es sich vermeiden laesst, tanzen sie lieber nicht, sondern wippen nur dezent. Aber ploetzlich! Ein Maedchen in Jeans und ein Junge im Alpakapulli tanzen im Staub und mit viel Taschentuchgewedel den gleichen Tanz, der auf der Buehne so kunstvoll zelebriert wird. Beim naechsten Stueck fordert der Junge eine alte Frau auf und das Maedchen einen anderen Mann und schon vergessen alle, dass sie doch eigentlich Norddeutsch sein wollten und stampfen und wedeln und wirbeln Staub auf und sind hinreissend.

Victors Mutter und Tochter sind Ehrengaeste, die spaet am Abend auf die Buehne gebeten werden. Die Mutter liest mit sproeder Stimme einen Brief vor, den ihr Sohn kurz vor seiner Verhaftung schrieb. Ueber die Liebe. Es ist ganz still.

Landschaftsbilder

Das letzte Wochenende in Chile haben zwei Kollegen und ich uns als Urlaub geklaut. Kollege H. ist hier zu Hause und zeigt uns die weite Schoenheit seines Landes. Zum Arbeiten waren wir in einer Ebene, die zwischen den ganz hohen schneebedeckten Bergen und den mittelhohen Bergen vor der Kueste liegt. Hier wird mit Schmelzwasser das ganze Jahr ueber bewaessert, alle Beeren, Zuckerrueben, Wein, sonst noch was.

Der Weg zur Kueste fuehrt uns durch die Apothekenwaelder, wir sehen viele Maenner auf Pferden zur Arbeit reiten oder Pfluege mit riesigen Ochsen zum Feld fuehren. Das Meer hat schwarzen Sandstrand, hohe Felsen und ist eiskalt – den Kormoranen, Pelikanen, Seeloewen und kleinen Jungs macht das nix. Wir fahren auf ungepflasterten Strassen ueber Stock und Stein, ab und an eine Hazienda, ein Reiter, so weit weg von allem.

H. faehrt uns sicher und gelassen durch die Haarnadelkurven, er hat mit 14 Jahren auf diesen Strassen fahren gelernt. Auf dem Weg zur Arbeit hat sein Vater ihm das Steuer ueberlassen, sobald sie aus der Stadt raus waren, damit er selbst ein wenig doesen konnte.

In Chile riecht der Wald nach Apotheke

Die Regierung subventionniert das Pflanzen von Eukalyptus, weil die Baeume auch unter schlechten Bedingungen schnell wachsen. Kein Schaedling ausser dem Koala ueberlebt es, die giftigen Blaetter zu essen und nichts will unter einem Eukalyptus wachsen. Die ideale Holzfabrik, oede, streng riechende Haenge. Wenn das schon sein muss, importiert doch bitte auch die Baeren, damit wenigstens ein bisschen Leben rein kommt.

Mittwoch, November 30, 2005

Enamorado de Don Carlos – Verliebt in Herrn Karl

Don Carlos ist ein stattlicher Mann. Er ist einer der Bauern, die zu unseren Workshops kommen und ist immer praechtig gekleidet: Stiefel, mit denen er vom Fleck weg auf sein Pferd springen koennte, knapp geschnittene Bolero-Jaeckchen (tagsueber weiss, zum Dinner dunkelblau) und einen Gaucho-Hut, der geformt ist wie eine Kaeseschachtel mit breiter Krempe. Den balanciert er auf dem Knie, waehrend er grosse Reden schwingt und mit der Stiefelspitze wippt. Er hat buschige Augenbrauen, eine gefaellige Stimme und trinkt Pisco aus dem Wasserglas.

Die Bauern stehn unschluessig vor dem Versammlungsraum, doch wenn Don Carlos kommt, nach rechts und links gruesst und eintritt, wissen alle: Jetzt geht’s los. Sein Sohn, der Mitte 30 ist, ist auch hier, aber im Schatten dieses Vaters wirkt er wie ein verjuerschtes Pflaenzchen. In der Kaffeepause spritzt Herr Karl sich auf dem Herrenklo sein Insulin und das entflammt mein Herz umso mehr: Ein grosser Mann so verletzlich…

Montag, November 21, 2005

Kindergraeber

Wer kein Schiffer ist (so wie alle Leute hier) findet das seltsam, dass wir in fremden Laendern immer auf die Friedhoefe gehn. Ich erklaere das mit dem Beruf meines Vaters (Steinmetz) und behaupte, dass wir nur aufgrund seines professionellen Interesses im Familienurlaub immer auf alle Friedhoefe gegangen sind. In Wirklichkeit hab ich von Steinen keine Ahnung und will auf dem Friedhof fuehlen, wie die Leute leben. Als wir mit dem Bus an Kasernenhoefen und Fabriken vorbei endlich am Friedhof Talca ankamen, wurde mir wieder klar, warum Leute das komisch finden. Weil Friedhoefe unglaublich traurige und bedrueckende Orte sind und man da heulen will, selbst wenn man mit keinem der Toten jemals was zu tun hatte. Was hier besonders arg ist, ist das grosse Feld der Kindergraeber. Dicht and dicht, fuer jedes Kind ein bunter Lattenzaun so gross wie ein Gitterbett, ein plumper Grabstein aus Beton, auf den mit Farbe ein Name und Datum gekritzelt sind, ein Glas oder eine Konservendose mit frischen Blumen und liebevoll dekoriert das Lieblingsspielzeug des Kindes. Oder, wenn ein Saeugling gleich nach der Geburt gestorben ist, das Spielzeug, das die Eltern und Omas und Tanten gekauft haben voll freudiger Erwartung auf ein Kind, das damit spielen wuerde. Eine der Puppen hat ein kleines Schild in der Hand, auf dem steht: Nimm mir mein Spielzeug nicht weg. Neben dem Grab steht ein Kinderstuhl.

Freitag, November 18, 2005

Weniger Details

Na gut. Ihr wollt vermutlich erstmal wissen, wie Chile so ganz allgemein ist, bevor ich Euch abseitige Details erzaehle. Mittelstand. Dieses Land ist voll davon. Schicker und ordentlicher als Palermo (naja, als das Palermo meiner Fantasie). Hm, schick? Meinem Vorurteil nach muessten die Latinas ja alle gross, kurvenreich und aufgedonnert sein. Is nich. Die Frauen sind alle in etwa meine Groesse (Maenner auch...), haben alle schwarze Haare, junge Frauen alle in Jeans, T-Shirt, Turnschuhen. Die Maenner pfeiffen zwar ab und an blonden Haaren nach, lassen uns aber die meiste Zeit in Ruhe. Der Grund, warum ich nicht viel Allgemeines ueber Chile schreibe, ist dass es sich so von vorne bis hinten normal anfuehlt. Am Wochenende werden wir ein Wenig aus diesem Arbeitsrhytmus ausbrechen, der uns von einem Tagungsraum zum naechsten und von einem Restaurant zum naechsten bringt und danach kann ich vielleicht ein bisschen mehr sagen...

Kuchen, Kindergarten, kaputt

Das sind die drei deutschen Woerter, die Eingang ins Chilenische Spanisch gefunden haben. Wir koennen wohl zufrieden sein. Eine harmlosere Bilanz als "Angst", "Blitzkrieg", "Kitsch", "Weltschmerz" und "Hinterland", deutsche Woerter, die sich ins Englische eingeschlichen haben. Also ich muss bei "Hinterland" ja immer an meine kurze doch wilde politische Vergangenheit in Gorleben denken: "Aufruhr, Widerstand, es gibt kein ruhiges Hinterland!" Aber das gehoert nun alles wirklich nicht hierher, womit wir wieder beim Erzaehlstilerbe von OmmaausGeich waeren, deren LieblingsKUCHEN (um den Bogen zu schlagen) uebrigens Aprikosenriemchen war, falls irgendein Nicht-Geicher weiss, was das ist.

Oede essen in Talca

Duensten. DUENNNNNSTEN. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das Wort hoert sich so oede an wie der Geschmack... Aber sonst faellt den Chilenen nichts ein, wenn sie Essen zubereiten. In heisses Salzwasser legen und lange warten. Nicht wuerzen. Dem spanischen Erbe getreu viel Fleisch und wenig Gemues. Wir essen in erstklassigen Haeusern mit weitlaeufigem Garten, Stoffservietten, Pinguinkellnern und allem Schnickschnack und sie servieren uns mit beruhigender Regelmaessigkeit: Gekochtes Fleisch, geduenstetes Gemuese, Nescafe.

Unser Chilenischer Kollege sagt, es gibt auch Kaffee-Bars, wo richtiger leckerer Kaffee serviert wird. Aber als er meine Begeisterung sieht, zoegert er und erklaert, dass die Serviererinnen da ganz kurze Roecke tragen und die Kunden / Gaeste nur Maenner sind. Ich lerne also: Frauen duerfen hier in der Oeffentlichkeit keinen guten Kaffee trinken. Und da wir grade in der Chauvi-Ecke sind, noch eine Chilenische Weisheit, die gleicher Kollege uns mitteilte: Sobald sie den Brotbeutel nicht mehr ueber den Boden schleift, ist ein Maedchen gross genug um geheiratet zu werden.

Mittwoch, November 16, 2005

Management-Strategien

Von Ghanaischen Geschaeftsleuten lernen, heisst siegen lernen?

Ich habe meinem Schokoladenfreund (s.u.) von meiner Theorie zur Ghanaischen Mordkultur als Spiegel kultureller Mentalitaet erzaehlt (vergiften als Ausdruck einer Geisteshaltung).

Er belohnte mich mit einer weiteren Einsicht ueber ghanaische Geschaeftsstrategien: Im Sueden Ghanas gruendet niemand ein business ohne Menschenopfer. Wer eine Firma aufmacht, muss zum Gelingen des Geschaefts ein Familienmitglied toeten oder toeten lassen und dabei magisches Tamtam veranstalten. Meistens hat man ja irgendein Kind uebrig, ansonsten sind die recht schnell und billig produziert. Wenn das Kind Glueck hat, kommt es aus einer moderneren Familie und wird nur verstuemmelt.

Vielleicht erinnert Ihr Euch an eine Story, die vor einiger Zeit in allen Zeitungen stand. Da wurde aufgedeckt, dass die Ghanaer in England einen Kinderhandel von Ghana nach England organisiert haben, da der Kindermangel unter Einwanderern den Geschaeftserfolg gefaehrdete.

Schokoladenkueche

Ein deutscher Freund in Accra macht seine Schokolade selber. In der Bratpfanne. Sein Fahrer bringt die fermentierten Bohnen aus dem Heimatdorf in der Mitte Ghanas. Die werden von ihren weissen Haeutchen befreit und in der Pfanne bei sanfter Hitze so lange geroestet, bis das Haus nach Weihnachten duftet aber nichts angebrannt ist. Dann haeckselt er die Bohnen in der Kuechenmaschine zu einem feinen Puder, das ganz ploetzlich umschlaegt und eine Paste wird, auf deren Oberflaeche sich die Kakaobutter absetzt. Diese Butter kann man fuer die Schlankheit abschoepfen und sich fuer die Schoenheit auf die Haut schmieren. Oder man laesst sie fuer den Geschmack drin. Diese Masse mischt man mit allem, was einem in den Weg kommt, Zucker, Sahne, Nuesse, Motoroel (selber schuld) streicht sie flach aus und laesst sie erstarren. Nein, ich habe keine Bohnen im Gepaeck, wenn ich Weihnachten komme. Aber wenn Ihr mich besucht, kann ich eine Bohnenuebergabe in Accra organisieren und wir koennen das ausprobieren, wenn Ihr in Bolga ankommt.

Sonntag, November 13, 2005

Kurzmeldung

Gut und sicher in Talca, Chile angekommen.

Samstag, November 12, 2005

Du Nervst!

Ich bin verbuscht und im Jet-Lag. Deshalb sitze ich im amerikanischen gesund-und-gemuetlich-Schnellrestaurant und vermisse die weder gesunde noch gemuetliche und sicherlich nicht schnelle Rundumerfahrung im New Lifeline, wo sich keine Kellnerin durchs Servieren vom Tanzen abhalten lassen wuerde, wenn ihr das Lied gefaellt, wo das Essen je nach Laune der Koechin schmeckt und dauert und meist (aufgrund der guten Musik) schon wieder lau warm ist, wenn es serviert wird. Und wo ich nicht in gleissendem Licht in der Mitte eines klinisch sauberen Raumes sitze, diese Kellnerinnen an mir vorbeihasten und andauernd an meinen Tisch kommen (7x in 20 Minuten) und mich zwingen, mit vollem Mund Bericht zu erstatten, ob es denn immer noch gut schmecke (kann ja sein, dass sich das innerhalb von zwei Minuten aendert) und ob ich wohl auch gluecklich sei und ueberhaupt. Ach, verschwindet, wuerdet Ihr mich bitte einfach in Ruhe essen lassen?

Nach dem ganzen Lamento (oh Wohlstandssorgen!) noch etwas, was mein Herz erwaermte. Der erste Mensch, mit dem ich mich hier im Hotel laenger unterhalten hab, war der Schwarze, der meine Heizung regulieren kam. Wir haben gleich rausgefunden, dass wir aus dem gleichen Land kommen, nur ist er schon seit 18 Jahren in Amerika. Hat aber ein Haus in Accra und ist regelmaessig zu Besuch. Als er mit der Heizung fertig war, bedankte er sich bei mir dafuer, dass ich sein Land kenne.

Jetzt geh ich schlafen. Und fruehstuecke morgen mit Selbstbedienung.

Dienstag, November 08, 2005


Wenn Du Macho sein willst... Posted by Picasa

Samstag, November 05, 2005

Reisen

Ich packe meine Sachen und bin weg mein Kind... Morgen (Sonntag) fliege ich nach Accra, am Donnerstag (10.11.05) nach Santiago de Chile. Und so weiter und so fort.

Fastenbrechen

Wir alle zeigen gerne unsere religioese Toleranz, indem wir an den Festen der anderen teilnehmen. Ich bin nicht tolerant genug, um mich ihrem Fasten anzuschliessen, 40 Tage lang kein Essen oder Trinken solange die Sonne am Himmel steht, das geht dann doch ein wenig zu weit. Aber das Fastenbrechen gestern war nationaler Feiertag und meine Nachbarn haben mich bald davon ueberzeugt, dass dieser Tag nicht dazu gemacht war, in meinem Haus am Computer zu sitzen, sondern sie zu besuchen und ihnen was zu trinken zu spendieren, waehrend wir Mensch-aerger-Dich-nicht spielen. Die ganzen Strassen waren voll von aufgeputzten Familien, Kinder in Prinzessinnen- und Prinzenkleidern, Frauen in weisser, silbernen, rosa Spitze, Maenner im Schlafanzug mit eigenartigen Muetzen und alle waren froh, dass sie endlich wieder sehen konnnten, was sie essen. Die religioese Toleranz der Moslems an diesem Tag geht so weit, dass sie schon am spaeten Nachmittag die Kneipen leergetrunken haben, zu erst das Guinness, weil es wie Essen und Trinken zugleich ist, dann jegliches andere Bier. Da wird gegessen, getrunken., getanzt und geraucht bis zum Umfallen, weil dieser Tag im islamischen Jahr etwa so wichtig ist, wie Weihnachten bei den Christen.

Vor ein paar Tagen hab ich mich mit einer Kanadierin ganz ernsthaft ueber religioese Toleranz unterhalten und wir haben beide festgestellt, dass wir zu Hause zwar aus einem sogenannten multikulturellen Umfeld kommen, von Moslems umgeben sind, aber kaum welche kennen. Hier sind die Moslems nicht die Fremden, sondern einfach eine Gruppe unter vielen, die alle von hier kommen. Und waehrend ich hier lebe und arbeite, erinner ich mich manchmal an dies komische Gefuehl, die eigenartigen Frage: Ist das nicht schwierig, wo zu arbeiten, wo so viele Moslems wohnen? Wie ist das, mit denen zusammen zu arbeiten, grade als Frau? Aber, meine Guete, Christen wie Moslems nehmen ihre Religion hier ernst und ihre Frauen nicht (ernst). Moslems duerfen mehrere Frauen heiraten, die Christen heiraten ihre mehreren Frauen nicht mal und geben ihnen also gar keine Absicherung. Meine Reaktion ist, dass ich mir ohne es zu merken ein komplexes System maennlicher Beschuetzer aufgebaut, zum Teil Angestellte, wie meinen Assistenten oder die Wachleute, zum Teil „Ehrenamtliche“ wie Onkel Flash. Alle haben die Aufgabe, mich zu respektieren und mir Respekt zu verschaffen. Dass das so ist, merke ich erst, wenn ich allein unterwegs bin, z.B. wenn ich mit meinen weissen Maedchen tanzen geh und ploetzlich von Schmeissfliegen umgeben bin, deren Existenz ich total vergessen hab. Gut, wenn ich dann einen der anwesenden Maenner kenne und ihm verstaendlich machen kann, dass ich Schutz brauche. Und komplett nutzlos, zu versuchen, das selbst in die Hand zu nehmen.

Nein, ich sollte meine Ghanaer hier nicht schlimmer darstellen, als sie sind, denn bei Tageslicht und im Job werde ich auch allein respektiert und ernst genommen. A big woman. Schliesslich bin ich reich und einflussreich...

Gift und Galle

In der Schule neben meinem Haus ist ein Lehrer gestorben. Sie sagen, er war der beste Lehrer der Schule. Und sie sagen, er wurde vergiftet. Ich war noch nie in einem Land, in dem Vergiften so eine uebliche Toetungsart ist.

Natuerlich faenden Ghanaer das eine Unverschaemtheit, was ich jetzt sage, aber meine Guete, das ist wohl ihr gutes Recht. Ich hab das Gefuehl, die Vergifterei ist ein Symptom des generellen Umgangs der Ghanaer miteinander. Wir Deutschen sind da im Gegenzug ja eher schlicht. Wir kriegen das nie hin, dauernd zu laecheln und freundlich zu sein, weshalb uns die Welt fuer grobe Kloetze haelt. Und vom Vergiften und laechelnd ein Messer in den Ruecken rammen haben wir auch keine Ahnung.

Meine Nachbarin sitzt den ganzen Tag vor ihrem (und meinem) Haus und bewegt ihr Schandmaul, um meinen Ruf zu ruinieren und meine Freunde gegeneinander aufzuhetzen. So erleben wir farbenfrohe Szenen. Derweil gruesse ich sie laechelnd und moechte unentwegt lautstark erbrechen. Ich vermisse Euch ungemein, meine tumben deutschen Volksgenossen.