Montag, Januar 23, 2006

Kroeten kungelnd

 
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Hau den Kroeten auf die Kloeten!

Haben Kroeten ueberhaupt Kloeten? Wie auch immer, mein Haus hat eine Kroetenplage und bei dieser grossen Anzahl ist es eine zu zeitaufwaendige Loesung, jede einzelne umzudrehn, rauszufinden, ob sich da irgendwo eine Maennlichkeit versteckt, auf die draufzuhauen vielleicht eine Genugtuung aber doch irgendwo ekelhaft und ausserdem unfair waere. Noch dazu essen sie ja ganz brav meine Moskitos.

Bislang fand ich sie auch nicht sonderlich plagenhaft. Muss man abends halt aufpassen, wo man hintritt. Oder langsam genug dahintreten, dass sie unter dem Fuss weghuepfen koennen. Aber nun haben sie die Angewohnheit entwickelt, sich zum Sterben in mein Abflussrohr zurueckzuziehen und nach dem Sterben nach toter Kroete zu riechen. Wenn Ihr nicht wisst, wie tote Kroete riecht, macht das gar nichts. Man kann auch ohne dieses Wissen ihm Hinterhof gluecklich und zufrieden leben.

Der Eingang zum Paradies

Meine Eltern hatten mir am Volta ein Hotel empfohlen, das wie das Paradies sei, da muesste ich unbedingt hin. Nun, ich hatte mir den Weg ins Paradies anders vorgestellt, aber das sagen wohl alle, wenn sie angekommen sind.

Man laeuft an der Trotro-Haltestelle vorbei, wo sich die Frauen mit Krebsen auf dem Kopf um die Busse draengen, in der Hoffnung durch offene Busfenster ein Geschaeft zu machen. Dann ist rechts neben der Strasse ein schwelender Muellhaufen. Der intensive Geruch begleitet einen noch eine Weile, bis man an den Eingang des Paradieses kommt: Eine Hotelanlage im Stil des spaeten Fuenfzigerjahreprovinzkurorts mit viel Waschbeton und bunt lackiertem Stahlgelaender. Die Zimmer sind ueberteuert und riechen nach Autoperfum. Oh, da haengt ja ein Wunderbaum vor der Klima-Anlage. Draussen ein Mini-Zoo mit ungluecklichen Affen und einem Krokodil im Betonbecken. Bitte nicht fuettern.

Ich frage mich die ganze Zeit: Wollen sich meine Eltern ueber mich lustig machen oder hab ich ihre Wegbeschreibung nicht richtig verstanden?

Schnitt. Naechster Morgen, sechs Uhr, gleicher Ort, Eva im Paradies.

Das Hotel liegt am Unterlauf des Volta, hinter dem grossen Stausee und vor dem kleinen Stausee. Der Fluss ist ruhig wie ein See, gegenueber runde gruene Berge, rechts spannt sich eine elegante Bruecke ueber das Wasser und der Morgen wacht ganz langsam auf. Die Holzterasse, auf der ich fruehstuecke, ist auf den See gebaut und grade gross genug fuer drei Tische mit Stuehlen. Fischer steuern still ihre Einbaeume am Ufer entlang und legen ihre Reusen aus. Wenn ich gruesse, winken sie zurueck. Einer will mich heiraten und lacht, als ich sage, dass er zu spaet dran ist. So hatte ich mir das Paradies immer vorgestellt. Einfach sitzen und die Welt einatmen. Und ausatmen. Und drueben hinter dem Berg geht die Sonne auf.

Paradies: Rechts, links, geradeaus

 
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1man1000

Als ich im Paradies auf der Terasse sass und dem Tag beim Anfangen zusah, setzte sich ein Mann zu mir, der sich wunderte, warum ich hier allein sitze, statt mit wem zu plaudern. Das Problem konnte er schnell loesen und erzaehlte mir alles Moegliche; unter anderem von dem Fisch, der One-Man-Thousand heisst. Das ist der Fisch, den die Leute in der Umgebung hauptsaechlich essen. Und der ist so klein, dass ein Mann tausend essen muss, um satt zu werden.

Waehrend wir da sassen, legten drei Fischer mit ihrem Einbaum an der Nachbarterasse an, um die tellergrossen Fische, die sie gefangen hatten, den Koechinnen unseres Hotels zu verkaufen.

Wieder in meinem Revier

Eva ist zurueck in Bolga. Hat viel erlebt und gehoert und keine Zeit gehabt, etwas aufzuschreiben.

Vielleicht die Tage (wie man bei uns sagt). Dann erzaehl ich Euch, warum ein Fisch in der Volta Region One-Man-Thousand heisst und was der Eingang zum Paradies mit einem vergessenen Kurort in der Eifel gemein hat.

Diese Woche kommt meine Chefin aus Washington und rockt das Haus.

Montag, Januar 16, 2006

Schweinische Tipps

Vorgestern hab ich mit dem Schokoladenmacher (s.o.) zu Abend gegessen und ihn natuerlich nach Wurst gefragt. Leider hat er selbst noch nie Wurst gemacht, dafuer konnte er mir – nach dem Essen, weil vorm Essen redet man ja nicht ueber Ekelhaftes – genau erklaeren, wie man Schweinskopfsuelze macht. Denn unser Plan ist ja, dass der Assistent am Anfang ein Schwein hat und am Ende nur ein paar Knoechelchen uebrig. Also muss der Kopf auch weg.

Schritt eins koennen auch Vegetarier nachvollziehn: Iss ein Glas Gurken und schuette den Sud nicht weg.

Aber dann: Koch den Kopf stundenlang in einem grossen Topf und schuette immer wieder Wasser dazu, wenn es droht, zu trocken zu werden. Fummel alles weichgekochte von dem Kopf und schneide es in Stuecke so klein wie eine Kleinfingerspitze: Alles, Schweinegedanken, Schweinehaut etc.

Das alles kommt zurueck in den Topf zum Kochwasser, der Gurkensud dazu, alles wird nochmal durchgekocht und in Weckglaeser gefuellt. Waehrend des Kochens hat sich die Gelantine aus den Knochen geloest. Die Weckglaeser schliessen, in ein Wasserbad im Backofen stellen und bei 100 C fuer 20 Minuten einkochen. Fertig. Haelt ewig. Oder zumindest lange.

Oh Margarete

Was Komplimente angeht, bin ich ja viel gewoehnt. Denn alle Ghanaer sind sehr freigiebig und finden meistens irgendwas, wozu sie etwas Nettes sagen koennen. Mit Abstand am haeufigsten gehoert ist immer noch: Oh, you’ve grown nice and fat (Du bist so schoen fett geworden). Aber heute gab’s was Neues: Dein Anzug ist superschick, Du siehst aus wie Margret Thatcher!

Das was Salisu, mein Lieblingsfahrer. Spaeter kam er nocheinmal zu mir, mit einem feuchten Tuch, um ein Staeubchen von meinem Thatcher-Outfit zu entfernen. Als ich sagte, den Anzug hat mir meine Mama zu Weihnachten geschenkt, sagte er: Am liebsten haette ich ihre e-mail Adresse, dann koennte ich ihr sagen, dass sie ihrer Tochter etwas Grossartiges geschenkt hat… und dass sie nicht aufhoeren soll.

Freitag, Januar 13, 2006

Office Snack

Gestern hatte die Sekretaerin ein lebendes Perlhuhn im Buero. Jemand hatte ihr das als Geschenk vorbeigebracht. Ausser mir fand das niemand aussergewoehnlich oder auch nur erwaehnenswert. Nicht mal das Huhn selbst, das freundlich und geduldig auf Feierabend wartete, um dann an den zusammengebundenen Fuessen nach Hause getragen zu werden und sich dort in ein Abendessen zu verwandeln.

Die Katze kommt nach Haus

Und muss die Maeuse vom Tisch scheuchen. Heute morgen hatte ich ein Treffen mit meinen Wachmaennern und meinem Assistenten als Uebersetzter. Und hab den beiden Herren eine schoene Rede gehalten:

“Vielen Dank fuer Eure gute Arbeit. Ihr habt das Haus gut beschuetzt, waehrend ich weg war. Ihr wisst ja wie das ist, dies ist das Weisse Frau Haus und jeder beobachtet das besonders genau. Auch die Kriminellen. Bei all meinen weissen Freunden ist schon eingebrochen worden. Hier noch nicht und das ist gut. Ihr wisst auch, wie die Diebe das machen. Die haben Zeit und gucken hier und gucken da und lernen wie die weisse Frau kommt und geht und wann die Wachmaenner wo sind und finden die schwache Stelle und da schluepfen sie rein.

Als ich von meiner langen langen Reise zurueckkam, habe ich etwas gesehen, was mich beunruhigt. In meinem eigenen Garten habe ich fremde Maenner essen, fremde Kinder spielen und fremde Huehner picken sehen. Die Huehner werden den Dieben nichts ueber dieses Haus erzaehlen. Aber ich moechte keine fremden Menschen auf meinem Grund und Boden, die ich nicht eingeladen habe.”

Mary kriegte aus gegebenem Anlass eine etwas andere Rede, die aehnlich begann, aber anders weiterging:

“Du weisst, wie viel Geld und schoene Dinge in diesem Haus rumliegen. Deshalb darf es nicht sein, dass ich nach Hause komme und in meinem Haus sitzt ein fremder Mann auf dem Stuhl als sei der der Hausherr und Du die Hausherrin und ich Mary, die vom Markt kommt. Du arbeitest fuer mich, weil ich Dir traue. Wenn ich Dir nicht mehr trauen kann, haben wir ein ernsthaftes Problem. Keine Fremden im Haus oder auf dem Grundstueck, ob ich nun da bin oder verreist. Verstanden?”

Miau, die Katze hat gesprochen und die Maeuse verschwinden in den Loechern.

Der luesterne Chinese

Hab ich Euch von dem schon erzaehlt? Der wollte Mary als Hausangestellte, damals als sie noch Kellnerin war und sie hat abgelehnt, weil sie schon ahnte, was er ist (s.o.). Ihre Freundin, ebenfalls Mary, hat den Job im Haus der drei Chinesischen Bauarbeiter angenommen, mit allen Pflichten, die dazugehoeren, incl. den Chef und sein Vermoegen lieben.

Waehrend ich weg war, musste meine Mary vor Gericht aussagen – gegen die (nun ehemalige) Freundin und ihren Chinesen. Weil jene Mary, als sie noch Kellnerin war, einen ghanaischen Freund hatte und sehr zoegerlich war, diese Beziehung aufzugeben. So hat sie hier “ich liebe Dich” gefluestert, wenn die den Ghanaer besuchte und im Chinesenhaus ihren Chef umarmt.

Der hat schliesslich die Polizei gerufen, weil der junge Mann Mary verfolgte und nicht in Ruhe liesse, sie sollten ihn doch bitte ins Gefangnis werfen. Grosses Theater, Gerichtsverfahren. Bei dem die Eltern des Maedchens uebrigens zugunsten des Chinesen aussagten, denn der Ghanaer hat ihnen nie so viele schoene Sachen geschenkt. Als Ergebnis ist Mary um eine Freundin aermer, der Junge muss nicht ins Gefaengnis, darf sich aber seiner Ex-Freundin nicht mehr naehern

Reiseplaene

Ich werde morgen mit dem Auto (und dem Fahrer...) nach Accra fahren, um Montag weiter nach Akosombo zu einem der groessten Staudaemme der Welt zu fahren - um einer Konferenz beizuwohnen. Waehrend der Zeit sollte ich weiter auf dem Handy zu erreichen sein und versuche ab und zu meine mails zu checken. Zurueck bin ich die Woche drauf gegen Montag.

Donnerstag, Januar 12, 2006

Oncho Oskar ist tot

I shock, sagen sie hier, also ich schocke, was heisst, ich bin schockiert. Bevor ich fuhr, war er im Krankenhaus und keiner wusste so recht, warum. Jetzt erzaehlt mir die Sekretaerin nebensaechlich von seiner Beerdigung. Oskar war hier der beste Freund meines Kollegen Aaron, ich koennte auch sagen, der einzige, denn mein Kollege ist ein zurueckhaltender Mensch. Ausserdem war Oskar humorvoll, hat das Kind beim Namen genannt und verstand verdammt viel von seinem Job (Oncho = Flussblindheit ausrotten). Woran er gestorben ist? Weiss keiner, vielleicht was mit der Leber, sagen sie, aber das sagen sie immer. Er war 47 und trug eine riesige Eulenbrille in einem sehr schmalen Gesicht.

Mittwoch, Januar 11, 2006

Bloodwoosch, Koelsch un e lecker Maedsche…

Nachdem ich so lange beim Dom war und mir ausserdem vom Express “Die 40 groessten koelschen Hits” gekauft hab, muesst Ihr das ertragen, dass meine Erlebnisse hier mich an Karnervalslieder erinnern. Weil: Ein kulinarisches Vorurteil is ja, dass der Deutsche an sich nur Brot, Wurst und Bier braucht, um gluecklich zu sein. Seit ich hier bin habe ich das Trainingsprogramm “Eva lernt Bier trinken” gestartet, weil Bier am einfachsten ist und das kann doch nicht so schwer sein, das zu moegen. Bislang ist es immer noch ein Schnaeppchen, wenn ich mir mit jemandem ein Bier teile, weil mein Trinkpartner den groessten Teil abbekommt.

Ueber Brot hab ich viel geschrieben und bei meiner Rueckkehr finde ich einen grossen Mehlsack im Flur. Mary hat in der Zwischenzeit weitergebacken. Leider ist die letzte Ladung komplett schlecht geworden, weil ueber Neujahr keiner einkaufen war. Und eben haben wir zusammen versucht das Spritzgebaeckmaschinchen zusammenzubauen (He, da ist noch eine Schraube uebrig, lass mal alles wieder aufschrauben und sehn, ob wir irgendwo ein Gewinde finden, wo sie reinpasst…). Jetzt warten wir nur auf das beste Spritzgebaeckrezept, geerbt von OmmaausDueren und dann koennen wir in die Plaetzchenproduktion einsteigen. Und mein Assistant Douglas hat versprochen, sich nach Backoefen umzuhoeren.

Wurst. Ja. Ich weiss, ich hab so etwa mit vier oder fuenf Jahren angefangen, mich zu weigern, Wurst zu essen und bin eine absolute Anti-Expertin auf diesem Gebiet. Noch Undeutscher als beim Bier. Kann ich vielleicht meine Staatsbuergerschaft trotzdem behalten, wenn ich mich beim Brot besonders anstrenge? Und vielleicht etwas zur Verbreitung der deutschen Wurst im feindlichen Ausland beitrage?

Douglas ist immer noch auf der Suche nach eine Investitionsmoeglichkeit fuer das Geld, das im Moment rumliegt und darauf wartet, einfach ausgegeben zu werden. Ausserdem will er was zu tun fuer’s Wochenende. Er kommt mit seinen Ideen zu mir, weil er weiss, mir faellt dazu was ein (sagt er und hat recht…). Nun fragt er also folgendes: Gibt es in Deutschland Wurstmaschinen? In Bolga essen alle gerne Wurst und keiner stellt sie her. Ich hab acht Saeue, die im Moment noch mit Schweinehirten in der Gegend rumlaufen. Nun will ich einen Stall bauen und wenn mir alle Saeue dies Jahr fuenf Ferkel geben, bin ich bald im Geschaft. Nur weiss ich nicht, wie man Wuerste macht und suche ausserdem ein Maschinchen.

Also hab ich versucht rauszufinden, was fuer ne Art von Wurst er sich vorstellt. Das geht wohl in Richtung Bratwurst. Obwohl auch Blutwurst hier sehr beliebt ist. Und das Maschinchen? Naja, ich hab ihm versprochen, meine Freunde in Deutschland zu fragen, ob vielleicht jemand einen alten Metzger kennt, der eine alte Maschine loswerden will, so dass Douglas nur den Transport bezahlen muss. Und eine alte Maschine ist besser als eine neue, weil man die mit dem Schraubenzieher reparieren muss. Da ich aber gar nicht weiss, wie man Wurst macht, weiss ich auch nicht, was fuer Maschinen man da gebrauchen kann… Wie macht man Wurst?

Flying Trotro – fliegender verbeulter Kleinbus im oeffentlichen Verkehr

Vor dem verstaubten Flughafen von Tamale stand ich mit zwei anderen Passagieren auf dem einsamen Parkplatz. Das eine Taxi, was die Fluggaeste erwartet hatte, war schon mit anderen abgefahren, die meisten aber waren von ihren Fahrern abgeholt worden und wir standen nun also da…

Waehrend wir hofften, dass irgendwas passierte, um uns zu retten, unterhielten wir uns ueber die Grenzerfahrung, die wir grade ueberlebt hatten. Die Ghanaer waren sich mit mir einig: Das war kein Flugzeug sondern ein Trotro mit Fluegeln: Verschlissene Sitzpolster, Kakerlaken in allen Ritzen. Wieso muss ein Flugzeug ueberhaupt so viele Ritzen haben? Der Mittelgang so schmal und niedrig, dass nur magersuechtige Zwerge als Stewards in Frage kamen. Die Sicherheitsvorfuehrung bestand daraus, dass einer dieser Zwerge uns zeigte, wie man den Anschnallgurt anlegt. Vielleicht haette er uns auch noch vormachen sollen, wie man betet?

Als Verpflegung gab es genau wie auf der Strasse Fett-Donuts und Meatpie. Als ich nach Kaffee fragte, ging der Steward ins Cockpit und stellte den Wasserkocher an. Das Cockpit. Hinter ner Sperrholztuer mit Teppich beklebt (ok, so sah das zumindest aus), die nicht wirklich dicht schloss. Das hatte natuerlich den Vorteil, dass unser Pilot den erleichterten Beifall nach der Landung auch hoeren konnte.

Als nur noch ein Auto auf dem Parkplatz stand, kam ein Mann auf uns zu und sagte: Diese Madam wuerde Sie gerne mit in die Stadt nehmen. Wir passten zwar eigentlich gar nicht alle in ihr Auto, aber das machte nix. In der Stadt hat sie mir dann ein Taxi angehalten: Bleib erstmal im Auto, wenn Du aussteigst, wird das Taxi zu teuer.

Gelandet in Ghana

Donnerstag, Januar 05, 2006

Was ich tu

Ihr wisst, in diesem Blog schreib ich nicht ueber die Arbeit sondern nur ueber das Leben. Heute mach ich eine Ausnahme. Ueber Weihnachten bin ich wieder so oft gefragt worden: Was machst Du da eigentlich? Und: Wie kann ich das jemandem in fuenf Saetzen erklaeren? OK. 5 Saetze:

1. Das uebergreifende Ziel des Projektes ist es, die Wasserpolitik zu verbessern, da geht es z.B. um Verteilungskonflikte, das Management der bestehenden Infrastruktur und Entscheidungen ueber zukuenftige Investitionen.
2. Dieses Ziel wollen wir erreichen, indem wir ein Computermodel entwickeln, mit dem man verschiedene Szenarien durchspielen kann und dieses den Entscheidern (Politiker, Verwaltungsleute) zur Verfuegung stellen.
3. Ein Computermodel funktioniert wie diese Computer-Strategiespiele, wo man Koenig ist und eintippt, was man als naechstes tut und am Ende haben die Barbaren die Hauptstadt eingenommen, man ist pleite und haengt am naechsten Baum – nur dass wir mit Wasser spielen.
(Schweissausbruch! Nur noch zwei Saetze uebrig!)
4. Meine Rolle in diesem Projekt ist es, zunaechst die bestehende politische Situation zu analysieren, die brennenden Fragen herauszufinden und diese den Computermokeln zu sagen und wenn die Szenarien fertig sind, zu analysieren, wie sich die Politik aendert, wenn man solche Modelle hat.
5. Das alles bedeutet, dass meine wichtigste Beschaeftigung ist, mit Leuten zu reden, mit Bauern (Wassernutzern) im Dorf und Verwaltungsangestellten oder Politikern ebenso wie mit Computermokeln in Europa.

Noch Fragen?

Mittwoch, Januar 04, 2006

Mit einem breiten Grinsen

Grade hab ich bei Mary angerufen. Also bei mir, denn sie verbringt die Tage in meinem Haus, auch wenn ich nicht da bin. Und mich danach ganz boes gefuehlt, dass ich das nicht waehrend meiner Abwesenheit oefter getan hab.

Sie hat vor lauter Glueck zu kreischen und seufzen angefangen, dass ich schon dachte sie faellt mir am Telefon in Ohnmacht. Oh Eva, we miss you! Meine Guete ist das schoen, da faellt das “Kein Fisch im Wasser”-Gefuehl gleich von mir ab.

Kein Fisch im Wasser

Ich gehe schnell, nur weil ich's eilig hab, spreche ein Englisch, das kein Ghanaer versteht. Mein Kopf weiss zwar noch, was ich bis zu meiner Abreise vor zwei Monaten gelernt hatte (schlurfen und "go front small" sagen statt "go a little bit forward") aber ich hab Ghana nicht mehr in den Hueften.

Ich muss mich erst wieder dran gewoehnen, so dass ich nicht nachspiele, was mein Kopf weiss und damit immer eine halbe Sekunde zu spaet bin. Und kuenstlich wirke. Sondern drin schwimme wie jener Fisch (s.o.). Ich fuehle mich wie einer, der ein Buch ueber Ghana gelesen hat. Dabei bin ich es, die dieses Buch schreibt.

Traum

In meinem ersten Traum zurueck in Ghana wurde meine Haut mit einem scharfen Messer um Augen und Mund durchtrennt, rundherum ums Gesicht ausgeschnitten und schliesslich abgezogen. Das ganze fuehlte sich an wie eine Schlange sich haeutet, ganz leicht, ohne Schmerzen, ohne Blut, darunter frische Haut, die alte Haut so sproede wie tote Schlangenhaut. Alles neu.

Donnerstag, Dezember 22, 2005

Heemoot suffe

Mein Leben ist fuer mich total interessant, liefert aber nix Spannendes zum Schreiben. Normalerweise ist es eher umgekehrt, aus meinem eintoenigen Alltag in der Afrikanischen Kleinstadt mache ich viele exotische Geschichten.

Jetzt sitz ich bei Mamma und Pappa aufm Soffa (als Kind aus dem Rheinland hab ich lange nicht verstanden, warum man diese Woerter anders schreibt, als man sie spricht…), huckele die kleinen Kinder meiner Freundin, telefoniere ohne Knacken, treffe Schulkameradinnen wieder, die ich seit 12 Jahren nicht gesehn hab und trinke Heimat bis ich voll bin.

Freitag, Dezember 16, 2005

Ghanaman in New York

Nana ist der Freund eines Freundes aus Bolga und lebt in New York. Wie es die Kultur gebietet, muss er ganz viele Sachen fuer seine Leute zu Hause kaufen. Meine Rolle in diesem Spiel ist die eines Packesels, nun ist mein Koffer voll mit Jacken, Muetzen, MP3 Player und CDs fuer Ghanaer in Ghana und Deutschland.

Als ich ihn in New York besuchte, sagte er, dass er bei der Bronx lebt und ich stellte mir ein wildes Wochenende mit einem Rastamann in duesteren Clubs vor, in die ich mich allein niemals trauen wuerde.

Am Bahnhof holte mich dann auch tatsaechlich ein Rastamann ab, etwa so gross wie OmmaausGeich, Dreadlocks unter gruenrotgelber Muetze... Aber das war's dann auch schon mit wild. Omma waere von seinem Lebensstil begeistert gewesen.

Seit 3 Jahren arbeitet Nana in zwei Jobs, fuenf Tage die Woche, jeweils 10 Stunden pro Job und Tag. Nachtschicht in der Drogerie, Tagschicht beim Autogramhandel am Telefon. Die verbleibenden 4 Stunden schlaeft er. New York kennt er nicht, dafuer hat er keine Zeit. Seine Wohnung ist in New Rochelle, am Segelboothafen - in einer Strasse, wo ausser ihm keine Schwarzen wohnen, Einfamilienhaeuser mit Lichterketten und Plastik-Elch. Das macht ihn stolz.

Sein Handy ist meistens ausgeschaltet, denn die Anrufer sind entweder Ghanaer aus Ghana mit Bestellungen (kauf mir ein neues Foto-Handy) oder Ghanaer aus New York, die mit ihm auf Parties wollen, fuer die er keine Zeit hat.

Im Fruehjahr wird er anfangen, Medizin zu studieren, um Radiologe zu werden und reich.

Ankunftsauskunft

Mein Flug kommt Sonntag morgen (18.12.05) um 6:55 in Amsterdam an. Von da geht's mit dem Zug weiter und irgendwie spielt in diesem Plan meine Schwester aus Rotterdam auch eine Rolle. Keine Ahnung welche...

Donnerstag, Dezember 15, 2005

"... und einen CD Brenner aus Deutschland"

Ich bin ganz ruhig und entspannt. Ich finde andere Kulturen super. Einatmen... Ausatmen... meine Beine werden schwer... Einatmen... Ausatmen...
!
Mist! Klappt nicht! Mein ehemaliger Assistent (der mich so schmaehlich im Stich gelassen hat) schreibt mir eine mail, in der er um ein Referenzschreiben bittet... "und ausserdem, kauf mir einen CD Brenner, wenn Du in Deutschland bist. Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch. Dein Kutie"

Ach so. Ja klar, kein Problem. Vielleicht auch noch eine Muh eine Maeh eine Taetaeraetaetae? Hab ich einen langen weissen Bart und trage am liebsten rote Muetzen?

Mittwoch, Dezember 07, 2005

Wenn schon gewollt, dann wenigstens gekonnt

Gibt so Tage, da ist das Herz der Welt und ihren Maennern so schutzlos ausgeliefert. Knackige sonnige Kaelte in Washington. Schnee auf den Baeumen. Ich entdecke in der Nachbarschaft einen winzigen Bioladen und will drei Kartoffeln zum Mittagessen kaufen. Das ist so etwa alles Gemuese, was dieser Laden zu bieten hat. Wie praktisch.

Hinter dem Tresen ein Rastamann mit graden Gesichtszuegen (Aethiopien?) und klaren Augen. Hoert coole funkige Muik. Er reicht mir meine Kartoffeltuete mit perfektem Timing, um passend zum Beat “Peace” zu sagen statt “Bitteschoen”, waehrend er sich vorbeugt, mir in die Augen schaut und unsere Finger sich quasi zufaellig beruehren. Man sollte viel oefter Kartoffelpueree essen.

Reiseplaene

Neue Reiseplaene. Um im Haus meines Direktors gemeinsam mit allen anderen Heimgekommenen zu Abend essen zu koennen (und allerlei anderen Vernetzungsaktivitaeten teilzuhaben) habe ich meine Abreise aus Washington verschoben. Fliege am 17.12. und komme am 18. in Duesseldorf an. Wann? Ma gucken.

Freitag, Dezember 02, 2005

Immer nochwas extra im Essen

Es ist durchaus moeglich, dass Ihr diese Klage von mir schon einmal gehoert habt. Milch hat extra Vitamin D, Nudeln haben ausser Weizen, Eiern und Wasser noch fuenf andere Dinge, die ich alle nicht will usw. usf.

Heute habe ich mich mit meiner Chefin (Amerikanerin) darueber unterhalten, und sie hat mir ein Lebensmittel empfohlen, das niemals fortified (= verstaerkt = angereichert mit allem moeglichen, das gut fuer Dich ist) ist: Fusel.

Seit Jahren diskutieren die Linke und die Rechte, ob das Sinn machen wuerde, dem Schnaps fuer Penner extra Vitamine zuzufuegen. Die Linke argumentiert: Wenn das eh das einzige ist, was die zu sich nehmen, kann man ihre Gesundheit damit nur verbessern. Die Rechte sagt: Dann sieht das aber so aus, als wuerde man mit Saufen was fuer die Gesundheit tun.

Da die Rechte bislang gewinnt, werde ich jetzt von Nudeln auf klaren Schnaps umsteigen

Donnerstag, Dezember 01, 2005

Eva in Washington

Montag morgen in Washington gelandet. Sitze nun im Hamsterkaefig, hier schwenkt keiner sein Taschentuch und wirbelt Staub. Mein Harddrive (Computer) ist tot und hat ganz viele Daten mit in den Abgrund gerissen. Schreibe Forschungspapiere und Abrechnungen und verliere langsam meine Sonnenbraeune.

Kultur und Geschichte

Victor Jara war mit Pinochets Regime nicht einverstanden und hat dagegen Gitarre gespielt und gesungen. Pinochets Regime war mit Victor Jara ebenfalls nicht einverstanden, worauf sie ihm Finger und Zunge abgehackt haben, bevor sie ihn erschossen.

An unserem letzten Abend in Chile waren wir auf einem Victor Jara Gedenk-Festival, das mindestens ebensosehr ein Pinochet Gedenk-Festival war. Das Publikum war die schoenste Menschenmenge, die wir bis jetzt in Chile gesehen haben. Unterschiedlichste Musiker machten aus Victors Stuecken alles von Rock bis Volksmusik. Auf der Buehne tanzten Frauen in langen Roecken und mit geflochtenen Zoepfen und Maenner, die als der schleimige boese Kerl im Western verkleidet waren, traditionelle Taenze und selbst unser zurueckhaltender Kollege H. wippte mit dem Fuss und sang die Texte mit.

Die Chilenen sind die Norddeutschen Suedamerikas, wenn es sich vermeiden laesst, tanzen sie lieber nicht, sondern wippen nur dezent. Aber ploetzlich! Ein Maedchen in Jeans und ein Junge im Alpakapulli tanzen im Staub und mit viel Taschentuchgewedel den gleichen Tanz, der auf der Buehne so kunstvoll zelebriert wird. Beim naechsten Stueck fordert der Junge eine alte Frau auf und das Maedchen einen anderen Mann und schon vergessen alle, dass sie doch eigentlich Norddeutsch sein wollten und stampfen und wedeln und wirbeln Staub auf und sind hinreissend.

Victors Mutter und Tochter sind Ehrengaeste, die spaet am Abend auf die Buehne gebeten werden. Die Mutter liest mit sproeder Stimme einen Brief vor, den ihr Sohn kurz vor seiner Verhaftung schrieb. Ueber die Liebe. Es ist ganz still.

Landschaftsbilder

Das letzte Wochenende in Chile haben zwei Kollegen und ich uns als Urlaub geklaut. Kollege H. ist hier zu Hause und zeigt uns die weite Schoenheit seines Landes. Zum Arbeiten waren wir in einer Ebene, die zwischen den ganz hohen schneebedeckten Bergen und den mittelhohen Bergen vor der Kueste liegt. Hier wird mit Schmelzwasser das ganze Jahr ueber bewaessert, alle Beeren, Zuckerrueben, Wein, sonst noch was.

Der Weg zur Kueste fuehrt uns durch die Apothekenwaelder, wir sehen viele Maenner auf Pferden zur Arbeit reiten oder Pfluege mit riesigen Ochsen zum Feld fuehren. Das Meer hat schwarzen Sandstrand, hohe Felsen und ist eiskalt – den Kormoranen, Pelikanen, Seeloewen und kleinen Jungs macht das nix. Wir fahren auf ungepflasterten Strassen ueber Stock und Stein, ab und an eine Hazienda, ein Reiter, so weit weg von allem.

H. faehrt uns sicher und gelassen durch die Haarnadelkurven, er hat mit 14 Jahren auf diesen Strassen fahren gelernt. Auf dem Weg zur Arbeit hat sein Vater ihm das Steuer ueberlassen, sobald sie aus der Stadt raus waren, damit er selbst ein wenig doesen konnte.

In Chile riecht der Wald nach Apotheke

Die Regierung subventionniert das Pflanzen von Eukalyptus, weil die Baeume auch unter schlechten Bedingungen schnell wachsen. Kein Schaedling ausser dem Koala ueberlebt es, die giftigen Blaetter zu essen und nichts will unter einem Eukalyptus wachsen. Die ideale Holzfabrik, oede, streng riechende Haenge. Wenn das schon sein muss, importiert doch bitte auch die Baeren, damit wenigstens ein bisschen Leben rein kommt.

Mittwoch, November 30, 2005

Enamorado de Don Carlos – Verliebt in Herrn Karl

Don Carlos ist ein stattlicher Mann. Er ist einer der Bauern, die zu unseren Workshops kommen und ist immer praechtig gekleidet: Stiefel, mit denen er vom Fleck weg auf sein Pferd springen koennte, knapp geschnittene Bolero-Jaeckchen (tagsueber weiss, zum Dinner dunkelblau) und einen Gaucho-Hut, der geformt ist wie eine Kaeseschachtel mit breiter Krempe. Den balanciert er auf dem Knie, waehrend er grosse Reden schwingt und mit der Stiefelspitze wippt. Er hat buschige Augenbrauen, eine gefaellige Stimme und trinkt Pisco aus dem Wasserglas.

Die Bauern stehn unschluessig vor dem Versammlungsraum, doch wenn Don Carlos kommt, nach rechts und links gruesst und eintritt, wissen alle: Jetzt geht’s los. Sein Sohn, der Mitte 30 ist, ist auch hier, aber im Schatten dieses Vaters wirkt er wie ein verjuerschtes Pflaenzchen. In der Kaffeepause spritzt Herr Karl sich auf dem Herrenklo sein Insulin und das entflammt mein Herz umso mehr: Ein grosser Mann so verletzlich…

Montag, November 21, 2005

Kindergraeber

Wer kein Schiffer ist (so wie alle Leute hier) findet das seltsam, dass wir in fremden Laendern immer auf die Friedhoefe gehn. Ich erklaere das mit dem Beruf meines Vaters (Steinmetz) und behaupte, dass wir nur aufgrund seines professionellen Interesses im Familienurlaub immer auf alle Friedhoefe gegangen sind. In Wirklichkeit hab ich von Steinen keine Ahnung und will auf dem Friedhof fuehlen, wie die Leute leben. Als wir mit dem Bus an Kasernenhoefen und Fabriken vorbei endlich am Friedhof Talca ankamen, wurde mir wieder klar, warum Leute das komisch finden. Weil Friedhoefe unglaublich traurige und bedrueckende Orte sind und man da heulen will, selbst wenn man mit keinem der Toten jemals was zu tun hatte. Was hier besonders arg ist, ist das grosse Feld der Kindergraeber. Dicht and dicht, fuer jedes Kind ein bunter Lattenzaun so gross wie ein Gitterbett, ein plumper Grabstein aus Beton, auf den mit Farbe ein Name und Datum gekritzelt sind, ein Glas oder eine Konservendose mit frischen Blumen und liebevoll dekoriert das Lieblingsspielzeug des Kindes. Oder, wenn ein Saeugling gleich nach der Geburt gestorben ist, das Spielzeug, das die Eltern und Omas und Tanten gekauft haben voll freudiger Erwartung auf ein Kind, das damit spielen wuerde. Eine der Puppen hat ein kleines Schild in der Hand, auf dem steht: Nimm mir mein Spielzeug nicht weg. Neben dem Grab steht ein Kinderstuhl.

Freitag, November 18, 2005

Weniger Details

Na gut. Ihr wollt vermutlich erstmal wissen, wie Chile so ganz allgemein ist, bevor ich Euch abseitige Details erzaehle. Mittelstand. Dieses Land ist voll davon. Schicker und ordentlicher als Palermo (naja, als das Palermo meiner Fantasie). Hm, schick? Meinem Vorurteil nach muessten die Latinas ja alle gross, kurvenreich und aufgedonnert sein. Is nich. Die Frauen sind alle in etwa meine Groesse (Maenner auch...), haben alle schwarze Haare, junge Frauen alle in Jeans, T-Shirt, Turnschuhen. Die Maenner pfeiffen zwar ab und an blonden Haaren nach, lassen uns aber die meiste Zeit in Ruhe. Der Grund, warum ich nicht viel Allgemeines ueber Chile schreibe, ist dass es sich so von vorne bis hinten normal anfuehlt. Am Wochenende werden wir ein Wenig aus diesem Arbeitsrhytmus ausbrechen, der uns von einem Tagungsraum zum naechsten und von einem Restaurant zum naechsten bringt und danach kann ich vielleicht ein bisschen mehr sagen...

Kuchen, Kindergarten, kaputt

Das sind die drei deutschen Woerter, die Eingang ins Chilenische Spanisch gefunden haben. Wir koennen wohl zufrieden sein. Eine harmlosere Bilanz als "Angst", "Blitzkrieg", "Kitsch", "Weltschmerz" und "Hinterland", deutsche Woerter, die sich ins Englische eingeschlichen haben. Also ich muss bei "Hinterland" ja immer an meine kurze doch wilde politische Vergangenheit in Gorleben denken: "Aufruhr, Widerstand, es gibt kein ruhiges Hinterland!" Aber das gehoert nun alles wirklich nicht hierher, womit wir wieder beim Erzaehlstilerbe von OmmaausGeich waeren, deren LieblingsKUCHEN (um den Bogen zu schlagen) uebrigens Aprikosenriemchen war, falls irgendein Nicht-Geicher weiss, was das ist.

Oede essen in Talca

Duensten. DUENNNNNSTEN. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das Wort hoert sich so oede an wie der Geschmack... Aber sonst faellt den Chilenen nichts ein, wenn sie Essen zubereiten. In heisses Salzwasser legen und lange warten. Nicht wuerzen. Dem spanischen Erbe getreu viel Fleisch und wenig Gemues. Wir essen in erstklassigen Haeusern mit weitlaeufigem Garten, Stoffservietten, Pinguinkellnern und allem Schnickschnack und sie servieren uns mit beruhigender Regelmaessigkeit: Gekochtes Fleisch, geduenstetes Gemuese, Nescafe.

Unser Chilenischer Kollege sagt, es gibt auch Kaffee-Bars, wo richtiger leckerer Kaffee serviert wird. Aber als er meine Begeisterung sieht, zoegert er und erklaert, dass die Serviererinnen da ganz kurze Roecke tragen und die Kunden / Gaeste nur Maenner sind. Ich lerne also: Frauen duerfen hier in der Oeffentlichkeit keinen guten Kaffee trinken. Und da wir grade in der Chauvi-Ecke sind, noch eine Chilenische Weisheit, die gleicher Kollege uns mitteilte: Sobald sie den Brotbeutel nicht mehr ueber den Boden schleift, ist ein Maedchen gross genug um geheiratet zu werden.

Mittwoch, November 16, 2005

Management-Strategien

Von Ghanaischen Geschaeftsleuten lernen, heisst siegen lernen?

Ich habe meinem Schokoladenfreund (s.u.) von meiner Theorie zur Ghanaischen Mordkultur als Spiegel kultureller Mentalitaet erzaehlt (vergiften als Ausdruck einer Geisteshaltung).

Er belohnte mich mit einer weiteren Einsicht ueber ghanaische Geschaeftsstrategien: Im Sueden Ghanas gruendet niemand ein business ohne Menschenopfer. Wer eine Firma aufmacht, muss zum Gelingen des Geschaefts ein Familienmitglied toeten oder toeten lassen und dabei magisches Tamtam veranstalten. Meistens hat man ja irgendein Kind uebrig, ansonsten sind die recht schnell und billig produziert. Wenn das Kind Glueck hat, kommt es aus einer moderneren Familie und wird nur verstuemmelt.

Vielleicht erinnert Ihr Euch an eine Story, die vor einiger Zeit in allen Zeitungen stand. Da wurde aufgedeckt, dass die Ghanaer in England einen Kinderhandel von Ghana nach England organisiert haben, da der Kindermangel unter Einwanderern den Geschaeftserfolg gefaehrdete.

Schokoladenkueche

Ein deutscher Freund in Accra macht seine Schokolade selber. In der Bratpfanne. Sein Fahrer bringt die fermentierten Bohnen aus dem Heimatdorf in der Mitte Ghanas. Die werden von ihren weissen Haeutchen befreit und in der Pfanne bei sanfter Hitze so lange geroestet, bis das Haus nach Weihnachten duftet aber nichts angebrannt ist. Dann haeckselt er die Bohnen in der Kuechenmaschine zu einem feinen Puder, das ganz ploetzlich umschlaegt und eine Paste wird, auf deren Oberflaeche sich die Kakaobutter absetzt. Diese Butter kann man fuer die Schlankheit abschoepfen und sich fuer die Schoenheit auf die Haut schmieren. Oder man laesst sie fuer den Geschmack drin. Diese Masse mischt man mit allem, was einem in den Weg kommt, Zucker, Sahne, Nuesse, Motoroel (selber schuld) streicht sie flach aus und laesst sie erstarren. Nein, ich habe keine Bohnen im Gepaeck, wenn ich Weihnachten komme. Aber wenn Ihr mich besucht, kann ich eine Bohnenuebergabe in Accra organisieren und wir koennen das ausprobieren, wenn Ihr in Bolga ankommt.

Sonntag, November 13, 2005

Kurzmeldung

Gut und sicher in Talca, Chile angekommen.

Samstag, November 12, 2005

Du Nervst!

Ich bin verbuscht und im Jet-Lag. Deshalb sitze ich im amerikanischen gesund-und-gemuetlich-Schnellrestaurant und vermisse die weder gesunde noch gemuetliche und sicherlich nicht schnelle Rundumerfahrung im New Lifeline, wo sich keine Kellnerin durchs Servieren vom Tanzen abhalten lassen wuerde, wenn ihr das Lied gefaellt, wo das Essen je nach Laune der Koechin schmeckt und dauert und meist (aufgrund der guten Musik) schon wieder lau warm ist, wenn es serviert wird. Und wo ich nicht in gleissendem Licht in der Mitte eines klinisch sauberen Raumes sitze, diese Kellnerinnen an mir vorbeihasten und andauernd an meinen Tisch kommen (7x in 20 Minuten) und mich zwingen, mit vollem Mund Bericht zu erstatten, ob es denn immer noch gut schmecke (kann ja sein, dass sich das innerhalb von zwei Minuten aendert) und ob ich wohl auch gluecklich sei und ueberhaupt. Ach, verschwindet, wuerdet Ihr mich bitte einfach in Ruhe essen lassen?

Nach dem ganzen Lamento (oh Wohlstandssorgen!) noch etwas, was mein Herz erwaermte. Der erste Mensch, mit dem ich mich hier im Hotel laenger unterhalten hab, war der Schwarze, der meine Heizung regulieren kam. Wir haben gleich rausgefunden, dass wir aus dem gleichen Land kommen, nur ist er schon seit 18 Jahren in Amerika. Hat aber ein Haus in Accra und ist regelmaessig zu Besuch. Als er mit der Heizung fertig war, bedankte er sich bei mir dafuer, dass ich sein Land kenne.

Jetzt geh ich schlafen. Und fruehstuecke morgen mit Selbstbedienung.

Dienstag, November 08, 2005


Wenn Du Macho sein willst... Posted by Picasa

Samstag, November 05, 2005

Reisen

Ich packe meine Sachen und bin weg mein Kind... Morgen (Sonntag) fliege ich nach Accra, am Donnerstag (10.11.05) nach Santiago de Chile. Und so weiter und so fort.

Fastenbrechen

Wir alle zeigen gerne unsere religioese Toleranz, indem wir an den Festen der anderen teilnehmen. Ich bin nicht tolerant genug, um mich ihrem Fasten anzuschliessen, 40 Tage lang kein Essen oder Trinken solange die Sonne am Himmel steht, das geht dann doch ein wenig zu weit. Aber das Fastenbrechen gestern war nationaler Feiertag und meine Nachbarn haben mich bald davon ueberzeugt, dass dieser Tag nicht dazu gemacht war, in meinem Haus am Computer zu sitzen, sondern sie zu besuchen und ihnen was zu trinken zu spendieren, waehrend wir Mensch-aerger-Dich-nicht spielen. Die ganzen Strassen waren voll von aufgeputzten Familien, Kinder in Prinzessinnen- und Prinzenkleidern, Frauen in weisser, silbernen, rosa Spitze, Maenner im Schlafanzug mit eigenartigen Muetzen und alle waren froh, dass sie endlich wieder sehen konnnten, was sie essen. Die religioese Toleranz der Moslems an diesem Tag geht so weit, dass sie schon am spaeten Nachmittag die Kneipen leergetrunken haben, zu erst das Guinness, weil es wie Essen und Trinken zugleich ist, dann jegliches andere Bier. Da wird gegessen, getrunken., getanzt und geraucht bis zum Umfallen, weil dieser Tag im islamischen Jahr etwa so wichtig ist, wie Weihnachten bei den Christen.

Vor ein paar Tagen hab ich mich mit einer Kanadierin ganz ernsthaft ueber religioese Toleranz unterhalten und wir haben beide festgestellt, dass wir zu Hause zwar aus einem sogenannten multikulturellen Umfeld kommen, von Moslems umgeben sind, aber kaum welche kennen. Hier sind die Moslems nicht die Fremden, sondern einfach eine Gruppe unter vielen, die alle von hier kommen. Und waehrend ich hier lebe und arbeite, erinner ich mich manchmal an dies komische Gefuehl, die eigenartigen Frage: Ist das nicht schwierig, wo zu arbeiten, wo so viele Moslems wohnen? Wie ist das, mit denen zusammen zu arbeiten, grade als Frau? Aber, meine Guete, Christen wie Moslems nehmen ihre Religion hier ernst und ihre Frauen nicht (ernst). Moslems duerfen mehrere Frauen heiraten, die Christen heiraten ihre mehreren Frauen nicht mal und geben ihnen also gar keine Absicherung. Meine Reaktion ist, dass ich mir ohne es zu merken ein komplexes System maennlicher Beschuetzer aufgebaut, zum Teil Angestellte, wie meinen Assistenten oder die Wachleute, zum Teil „Ehrenamtliche“ wie Onkel Flash. Alle haben die Aufgabe, mich zu respektieren und mir Respekt zu verschaffen. Dass das so ist, merke ich erst, wenn ich allein unterwegs bin, z.B. wenn ich mit meinen weissen Maedchen tanzen geh und ploetzlich von Schmeissfliegen umgeben bin, deren Existenz ich total vergessen hab. Gut, wenn ich dann einen der anwesenden Maenner kenne und ihm verstaendlich machen kann, dass ich Schutz brauche. Und komplett nutzlos, zu versuchen, das selbst in die Hand zu nehmen.

Nein, ich sollte meine Ghanaer hier nicht schlimmer darstellen, als sie sind, denn bei Tageslicht und im Job werde ich auch allein respektiert und ernst genommen. A big woman. Schliesslich bin ich reich und einflussreich...

Gift und Galle

In der Schule neben meinem Haus ist ein Lehrer gestorben. Sie sagen, er war der beste Lehrer der Schule. Und sie sagen, er wurde vergiftet. Ich war noch nie in einem Land, in dem Vergiften so eine uebliche Toetungsart ist.

Natuerlich faenden Ghanaer das eine Unverschaemtheit, was ich jetzt sage, aber meine Guete, das ist wohl ihr gutes Recht. Ich hab das Gefuehl, die Vergifterei ist ein Symptom des generellen Umgangs der Ghanaer miteinander. Wir Deutschen sind da im Gegenzug ja eher schlicht. Wir kriegen das nie hin, dauernd zu laecheln und freundlich zu sein, weshalb uns die Welt fuer grobe Kloetze haelt. Und vom Vergiften und laechelnd ein Messer in den Ruecken rammen haben wir auch keine Ahnung.

Meine Nachbarin sitzt den ganzen Tag vor ihrem (und meinem) Haus und bewegt ihr Schandmaul, um meinen Ruf zu ruinieren und meine Freunde gegeneinander aufzuhetzen. So erleben wir farbenfrohe Szenen. Derweil gruesse ich sie laechelnd und moechte unentwegt lautstark erbrechen. Ich vermisse Euch ungemein, meine tumben deutschen Volksgenossen.

Dienstag, Oktober 25, 2005

Fahrer

Ich steh total auf Fahrer. Jetzt isses raus. Jetzt weiss es das ganze Internet. Keine Berufsgruppe in Ghana finde ich so interessant, charmant, maennlich, clever und erfrischend wie Fahrer.

Kommt da meine Herkunft aus dem Duerener Handwerker-Haushalt durch? Oder ist es noch von Oppaausgeich in meinem Blut, der ja selbst Bus-Unternehmer und –Fahrer war? Haben all die schlauen Buecher nix gebracht, die ich in den letzten 25 Jahren gefressen hab? Meine Ausbildung war Geldverschwendung, wenn ich nicht wenigstens fuehle: Am maennlichsten find ich Physiker, Soziologen und Kernspintomographen.

Letztens hatte ich eine Abendgesellschaft in meinem Haus, die aus fuenf Forschern, meinem Lieblingsfahrer Salisu und mir bestand und die Forscher haben sich koestlich bis in die Nacht mit ihren Forschergespraechen amuesiert. Der Fahrer sass am anderen Ende des Tisches, so dass wir einander nur ab und an so Blicke zuwerfen konnten und ich wuenschte mir, mit fuenf Fahrern und einem Forscher am Tisch wild zu schmausen und laut zu lachen. Und Fahrergeschichten zu hoeren, mit Raubueberfaellen und allem Piipaapoo.

Hier hat jeder einen Fahrer (ausser mir, aber das ist wahrscheinlich auch besser so, weil... s.o.) und ein guter Fahrer kann alles und noch viel mehr fuer Dich (und nebenher auch noch fuer sich selbst) erreichen und erschleichen. Der hat in jeder Behoerde einen Bruder, an jeder Grenze einen Freund und in jedem Hafen ein Liebchen. Wenn er fuer jemanden faehrt, der wichtig ist, lernt er bei der Arbeit die Fahrer aller anderen Wichtigen kennen und hoert im Auto alle moeglichen Diskussionen mit an, da man so leicht vergisst, dass ein Fahrer ja auch ein Mensch mit Ohren ist und kein Topf mit Henkeln.

Zum Autofahren brauch ich keinen Fahrer. Also versuche ich, mir einen fremden Fahrer fuer die uebrigen Fahrerdienste zu domestizieren. Daher koeder ich meinen Lieblingsfahrer mit Malaria-Medizin aus der grossen Kiste und bringe ihm bei, wie man Bratkartoffeln mit Ruehrei macht, damit er „unser Mann in Accra“ ist und meinen Pass durch die Auslaenderbehoerde peitscht, meine Post aus Accra anliefert oder auf dem Weg in den Norden am Strassenrand Pilze fuer mich kauft.

Mary in disaster Posted by Picasa

Positive Gesundheitseffekte des Nachmittagsschlafs

Gestern nachmittag erwachte Mary von einem lauten Krachen aus ihrem wohlverdienten Schlaf. Was fuer ein Glueck, dass die Baeckerei grade Pause hatte. Sonst waere Mary von meinem riesigen Kuechenhaengeschrank inclusive all meinem Geschirr, Besteck, Oel- und Essigflaschen und der ganzen Herrlichkeit begraben worden. Der hatte sich aus heiterem Himmel den gestrigen Nachmittag ausgesucht, um die Wand fuer immer zu verlassen... Und da komm ich nach Hause mit einer Bestellung fuer sechs Brote und die Kuchen und Plaetzchen, die gestern bestellt waren, sind noch nichtmal begonnen. Mary im Schockzustand. Show must go on. Und ich fand den Schrank eh immer haesslich (wogegen ich mein Geschirr, das komplett zerdeppert ist, eigentlich ganz gut fand...)

Den bin ich los Posted by Picasa

Donnerstag, Oktober 20, 2005


Sehr ernsthaft... Posted by Picasa

... und voller Leidenschaft  Posted by Picasa

Mensch Aerger Dich Nicht spielen (in Bolga weit verbreitet) Posted by Picasa

HochTief

Heute kam mir der Gedanke, dass ich meine regelmaessigen Tiefs brauche, um mich von diesen Hochs zu erholen. Und ich vermute, dass es meiner Umgebung genauso geht (also sie brauchen meine Tiefs um eine Pause von meinen Hochs zu haben). Im Moment jedenfalls ist alles los und ich werde sicher bald mal wieder Zeit in einem Loch haben, mich davon zu erholen...

Als ich grade von einem Dinner bei den neuen Kanadierinnen nach Hause kam, sass der Radiomann noch auf der Mauer gegenueber und tat ganz nebensaechlich so, als haette er nicht seid Stunden da gesessen und auf mich gewartet. Um mir zu sagen: Er kriegt den Kredit um sein Radio aufzumachen.

Der Mann im Supermarktgaesteklo hat sich damit einverstanden erklaert, Mary’s Brot auf Kommission ins Sortiment zu nehmen. Vor dem Dinner haben Mary, Debbie und ich hier ein Management-Meeting abgehalten (Geschaeftsfuehrung: Mary, Marketing-Abteilung: Eva, Consultant: Debbie), um dem Unternehmen einen Namen zu geben, denn wenn wir Montag die erste Ladung Brot liefern, muss ein Zettel mit Logo, Kontakt und allem drum und dran in der Tuete stecken. Das Unternehmen heisst jetzt Bread Winner (also sowohl „Der die Broetchen verdient“ als auch „Brot Sieger“) und wir liefern German Brown Bread, Italian Flat Bread und English Toast. Heute hat eine unbekannte Europaerin hier bei Mary angerufen, zwei Brote bestellt und sich den Weg beschreiben lassen, um sie morgen abzuholen. Mein Assistent verhandelt heute abend mit seinem Grossvater, ob der eine Bestellung fuer sein Hotel aufgeben will.

Ausserdem verbringe ich meine Tage damit, seit langem nochmal ernsthaft wissenschaftlich zu denken, um einen Artikel ueber den Einfluss von Wissensaustausch auf Wasserpolitik zu schreiben. Und in die letzten Winkel des Distrikts zu fahren, um zu organisieren, dass unsere Helfer in ausgewaehlten Doerfern jeden Haushalt zaehlen. Oder um Leute zu befragen, was sie mir den Nomaden / Viehhirten anstellen, die fuer alles Uebel verantwortlich gemacht werden und daher regelmaessig vom Mop vertrieben (Oh, dankeschoen, macht die Tuer zu, wenn Ihr geht und bitte, die Kuehe und was Ihr sonst besitzt koennt Ihr gerne hier lassen. Hier entlang, etwas schneller laufen, dann kriegen wir Euch nicht um Euch zu erschlagen).





Mary liefert Brot aus... Posted by Picasa

Dienstag, Oktober 18, 2005

Wie Du mir so ich Dir

Einer meiner Freunde hier hat endlich den Financier gefunden, der ihm die fehlenden 24 Mio (2400 Euro) leihen will, um eine private Radiostation aufzumachen. In den letzten Tagen hat er mich haeufiger besucht und die Plaene im Detail erklaert. Was fuer mich spannend ist und natuerlich Gruende hat. Hier reden die Leute viel weniger ziellos und einfach nur aus Spass ueber ihre Plaene.

Nun braucht er also fuer seinen Financier einen 10 seitigen Antrag, der handschriftlich schon fertig ist, aber seine Tippse ist nicht in der Stadt und er hat keinen Computer - aber gesehn, wie schnell ich tippe. Na, ich helfe gerne. Nicht, wie hier ueblich, waehrend der Arbeitszeit. Also haben wir uns fuer heute morgen um sieben verabredet.

Und jetzt kommt, warum ich die ganze Zeit denke: HAHAHAHAHA!

Inzwischen ist mir ja klar, dass ich mindestens genau so viel Hilfe und Unterstuetzung brauche, wie alle anderen. Seit Tagen ueberlege ich, wie unsere Baeckerei die Supermaerkte in der Stadt ansprechen kann (Supermarkt = Raum von der Groesse eines Gaesteklos, in dem ganz viele verschiedene Sachen verkauft werden). Wenn ich das selbst mache, hab ich das Gefuehl, dass ich einfach zu weiss bin, also einerseits reich ausseh, andererseits keinen Schimmer hab, wie man hier nen Deal macht. Mary sagt, wenn sie das macht, denken alle: „Oh, was kann das kleine Maedchen schon zu bieten haben?“

Kamal (Radiomann) hat das dann auch gleich eingesehn. Oder zumindest nach einer Weile. Zufaellig ist der Besitzer meines Lieblingssupermarktes (der mit den Oliven) ein guter Freund von ihm. Also wird Mary heute die drei schoensten und paradisischsten Brote backen, die Westafrika je gesehn hat. Morgen frueh kommen die nochmal kurz in den Ofen, damit sie diesen unwiderstehlichen Duft haben, wenn wir Kamals Freund sein Fruehstueck bringen. Alles schoen im Ghanaischen Stil, Brot mit Margarine und Tee.

Wie man nen Deal macht, ist mir dabei noch immer nicht klar. Kamal sagt: „Die erlauben Dir dann, Dein Brot bei ihnen zu verkaufen – das heisst Du gibst es auf Kommission. Einige wollen dafuer gar nichts haben (???). Aber Du kannst ihnen zum Beispiel fuer alle zehn Brote eins extra geben.“ „Ja aber, wie machen die denn Profit, wenn die alles fuer umsonst verkaufen?“ „Oh Eva, pflanz denen doch nicht solche Gedanken in den Kopf wenn Du mit ihnen verhandelst. You want to maximise your own profit not your cost (Du moechstest doch Deinen Profit maximieren, nicht Deine Kosten).“

Nun, wir werden sehn. In meinem Kopf blinkt mit Leuchtbuchstaben eines meiner rheinischen Lieblingswoerter:

MAGGELN!

(was heist das? S.o.)

Sonntag, Oktober 16, 2005


Wuermer nackt Posted by Picasa

Omlett mit Bratwurm

Gestern war ich mit Mary auf dem Markt, Hirse fuers Brot kaufen und beim Backformenmacher Backformen bestellen. Das ist ein alter Mann der auf einem Stein sitzt, umgeben von seinen Freunden und ein paar Stuecken alten Blechs. Wir haben ihm unsere Form mitgebracht, damit er sie ausmessen kann um dann drei Formen zu falten die alle groesser sind als das Orginal.

Im Markt zeigt Mary auf einen der vielen Poette mit unbekannten Dingen und fragt: „Kennst Du das? Schmeckt wie Suesskartoffeln. Nur nicht suess. Heisst Pessa“ Nee, kenn ich nicht, sieht aus wie braune Wuermer oder Koettel aber wie Suesskartoffel ohne Suess heisst: wie Kartoffel! Das musst Du mir zeigen. Also haben wir ne Schuessel voll gekauft. Die Leute hier wuerden im grossen Holzmoerser so lange auf die Dinger einschlagen, bis die Schale abfaellt. Man kann sie aber auch in Wasser legen und die Schale abfriemeln, als wuerde man Mandeln haeuten. Dann in Wasser kochen und mit einer Sauce aus zerriebenen getrockneten Chilies und Palmoel betraeufeln. Wenn man Ghanaer ist. Einzig moegliche Zubereitung.

Wenn man Eva ist, kann man die gekochten Wuermer in der Pfanne mit lecker Zwiebeln anbraten und ein Omlett draus machen und stoehnen vor Wonne. Oder sie mit Alafu (sowas wie Spinat) servieren. Die schmecken tatsaechlich wie kleine frische erdige Kartoeffelchen. Und weil sie direkt vom Dorf auf den Markt kommen, sind sie bei weitem nicht so doof und alt wie die weichen mehligkochenden europaeischen Kartoffeln, die man hier fuer teuer Geld bei Madam Grace kaufen kann. Mary sagt, das ist arme-Leute-Essen und ihre Mutter war schockiert, dass die weisse Frau das essen kann.

Auf dem Markt zum Wuermer kaufen Posted by Picasa

Wuermer in der Schale Posted by Picasa

Omlett mit Bratwurm Posted by Picasa

Freitag, Oktober 14, 2005

Winterreise

Ich bin noch immer klein Eva aus Dueren. Waehrend meine Kollegen das nach einigen Jahren im Geschaeft eher laestig finden, bin ich ganz aus dem Haeuschen. Irre Reiseplaene. Mitte November werde ich fuer 3 Wochen zu unserem Partnerprojekt in Chile fliegen, einen Workshop besuchen und mir angucken, was die so machen. Angucken mehr als anhoeren, denn mein Spanisch ist ja leider groesstenteils meiner Faulheit anheimgefallen. Jetzt liegt wieder das Spanischlehrbuch aufm Klo und ich hoffe, dass ich es durch regelmaessiges Kurztraining wieder zum Leben erwecken kann (nein, weder das Klo – iihh, lebendiges Klo, das is ja mal n fieser Gedanke - noch das Buch! Mein Spanisch!). In der ersten Dezemberwoche flieg ich dann von Chile nach Washington um im Hauptquartier meine Nase zu zeigen und darzustellen, was ich alles Tolles gemacht hab im letzten Jahr. Um den 15. Dezember rum komm ich nach Hause um endlich wieder klein Eva aus Dueren zu sein. Und zurueck nach Ghana etwa am 3. Januar. Dann mach ich Puh! Und brauch erstmal Urlaub.

Wie ein armer schwarzer Mann hier seine kaputte goldfarbene Uhr stolz am Handgelenk traegt, damit jeder sie sieht, denk ich (in meinem Provinzkaff): „Harharhar, Weihnachtseinkaeufe in New York!“ Ihr koennt Euch also freuen, es wird nicht nur Koerbe und Masken geben.

Donnerstag, Oktober 13, 2005

Kicker

Samstag Abend hat sich Ghana fuer die Teilnahme an der Fussballweltmeisterschaft qualifiziert. Danach hatte das ganze Land drei Stunden Stromausfall. Der Eierbraeter im Traveller’s Inn sagt, die Regierung hat den Strom ausgeschaltet, damit die Ghanaer nicht so wild feiern und randalieren.

Mittwoch, Oktober 12, 2005


ohne Worte (aber mit Milch) Posted by Picasa

Dienstag, Oktober 11, 2005

Geschaeftseroeffnung

Seit Samstag gibt es in meinem Haus eine Baeckerei. Ich war mit Mary in der Kueche und brachte ihr Fochaccia (salziges italienisches Brot) bei. Und meinte: Debbie wuerde sich freuen, wenn sie Dir ab und zu Brot abkaufen koennte. Denn Debbie kommt haeufig zu Besuch, weil ich am Telefon sage: Ich hab gebacken.

Aus diesem Gedanken entwickelte sich ueberm Hefeteig eine Baeckerei: Mary backt europaeisches Brot und ich versuche alle meine Freunde suechtig zu machen, so dass sie es ihr abkaufen. Samstag abend hab ich wie ein guter Drogendealer das Brot fuer umsonst in die Kneipe mitgenommen. Koeder. Der sofort weggefressen war.

Und seitdem waechst das Geschaft. Sonntag hat sie ein deutsches Brot (Graubrot mit Weizen, Hirse und Leinsamen) fuer Debbie gebacken. Montag zwei Brote fuer meinen Assistenten. Heute sechs fuer drei Besucher aus Accra. Und eins fuer die Chinesen. Und grade waehrend ich das schreibe kommt ein Maedchen von der Schule in unser Haus gestuermt und sagt, dass sie Hunger hat und Brot kaufen will. Und will Mary das Chinesenbrot abquatschen.

Ein kleines klaerendes Gespraech darueber, dass mein Haus eine Baeckerei aber kein oeffentliches Geschaeft sein kann, wo jedwede Kundschaft ein und aus geht. Und sich auf dem Weg gleich ausguckt, was sie nachts klauen kommt.

Die Mutter meines Assistenten sagt: Kauf eins fuer Deinen Opa, wenn er es mag, will er es vielleicht in seinem Hotel zum Fruehstueck servieren. Und ich frage Debbie, ob sie Mary die Grundzuege der einfachen Buchfuehrung beibringen mag.

Mein Beitrag zum Geschaeft sind die Geheimrezepte fuer deutsches und italienisches Brot (so nennen wir die beiden Sorten, die wir im Angebot haben). Und ich schaerfe Mary ein, dass wir ein grosses Geheimnis darum machen muessen, damit wir von Konkurrenz verschont bleiben. In der ganzen Region verkauft keiner europaeisches Brot. Vorerst uebernehme ich die Kosten fuer Gas. Sie darf meinen Herd benutzen und ihre Arbeitszeit in meinem Haus, die sie bis jetzt groesstenteil verschlafen hat, weil so wenig zu tun war. Ich bin ehrenamtliche Marketing-Abteilung und erzaehle allen von den wunderbaren Heilkraeften des Leinsamens. Und habe ihr einen Kredit von 50 000 Cedis (5 Euro) gegeben, damit sie Mehl kaufen kann. Die Zutaten fuer ein Brot kosten 2500 und sie kann es fuer 10 000 verkaufen. Juhuu!

Brot, Brot, Brot... Posted by Picasa

.... und Mary lacht Posted by Picasa

Freitag, Oktober 07, 2005

Irre – Gestoerte – Behinderte

Ein Leser fragt besorgt: Ist das wirklich wahr, dass die Behinderte einfach so aus dem Haus jagen, meinst Du das ernst? (s. blog von gestern)

Ich weiss, mein Ton ist manchmal leichtfertig und ironisch. Was ich sehe und hoere ist meist ebensowenig politisch korrekt wie das, was ich denke. Aber ich meine das sehr ernst.

Ich weiss nicht, was nun genau die medizinische Definition dieser Zustaende ist. Ich weiss nicht, was sie mit Leuten machen, die behindert geboren werden und die sich nicht selbst helfen koennen. Die Kerle, die in Bolga rumlaufen, scheinen eher im Laufe ihres Erwachsenenlebens durchgeknallt zu sein (Psychosen? Deren Ausbruch unterstuetzt von Schnaps und Haschisch?). Leute die alles koennen, was normale Erwachsene auch koennen aber irgendwie ist das alles auseinandergebrochen und dann falsch zusammengesetzt, macht keinen Sinn mehr. Und deshalb muss man neben der Hauptstrasse stehen und laut bruellen, waehrend man sich Stueck fuer Stueck die Kleider vom Leib reisst und sie in die Luft wirft. Hier kann man auf der Strasse leben, ohne jemals zu erfrieren. So lange einem ab und zu jemand einen Knochen hinwirft, damit man nicht verhungert...

Maries Rad

Halb im Scherz meinte ich zu Mary: Ich bin erstaunt, wie Dein Fahrrad zum Allgemeingut geworden ist. Seth benutzt das ja als sei’s sein eigenes...

Und da brach es aus ihr raus: Niemand! Niemand! Niemand! in ihrem Haus wuerde es WAGEN, dieses Fahrrad zu benutzen. Der Einzige, der es selbstverstaendlich nimmt wann immer er will, ist Nachbar Seth. Manchmal versteckt sie das Rad sogar hinter dem Haus, damit er es nicht sieht. Warum sie nichts dagegen sagt?

He is so free with you that I am afraid to say something…
Der ist mir Dir so dicke, dass ich mich nicht trau, was zu sagen…

Frechheit. Also hab ich ihr gesagt, ich hab nichts dagegen, wenn sie ihn naechstes Mal wegschickt. Und wenn das nicht klappt, sag ich ihm gern Bescheid. Also wirklich, das Rad ist noch nicht mal voll abgezahlt und er leiht das nur, weil er sein eigenes zu Schrott gefahren hat.

Donnerstag, Oktober 06, 2005


Wo schwarze Engel mit Daemonen kaempfen... Posted by Picasa

Irre

Wenn Du im Dorf irre wirst, jagd Deine Familie Dich in die Stadt. Deshalb gibt es in Bolga so viele Irre. Manchmal hoert man: Oh, there’s a new mad man in town (Oh, wir haben einen neuen Irren in der Stadt). Der Neuste muss immer alles anfassen. An der Tankstelle kommt er ans Auto und muss beide Scheibenwischer hochheben und zurueckschnalzen lassen, dann die Aussenspiegel streicheln, ins Auto langen und den Rueckspiegel in der Mitte antippen, ums Auto rumgehn und durchs andere Fenster schnell zweimal hupen, Dich dann um Geld bitten fuer was zu Essen. Wenn er die Strasse entlang geht, muss er von jedem abgestellten Fahrrad den Lenker zweimal anfassen und den Sattel einmal. Der Mann ist arg beschaeftigt.

Wir waren heute im Laufe des Morgens dreimal in Tongo (werden wir vielleicht auch irre?) auf der Suche nach Leuten vom Landwirtschaftsministerium. Waehrend wir hin und her fuhren konnten wir beobachten, wie ein anderer Irrer gemessenen Schrittes nach Bolga ging. Heute Abend kommt er an. Ein schoener nackter schwarzer Mann mit einer schwarzen Plastiktuete in der Hand. Schritt fuer Schritt auf dem Weg in unsere irre Metropole.

Dienstag, Oktober 04, 2005


Schafe sind Ziegen mit Haengeohren Posted by Picasa

Eine dicke Moehre

Sie dient mir als Vorwand fuer einen Abendspaziergang.

„Oh ich muss unbedingt zu meinem kleinen Markt schlendern und eine dicke Moehre kaufen.“

Die fruehe Abendluft ist wie Samt und kleine Maedchen kommen zu mir und wollen mein Freund sein. Grosse Jungs fahren mich mit dem Fahrrad fast um, und rufen mir „Beautiful“ ins Gesicht. Winzige Hunde und Zicklein erfreuen sich springend des Abends und ich bin verschwenderisch und kaufe der Moehre einen Knoblauch.

Auf dem Rueckweg mache ich einen Abstecher zu meinen neuen kanadischen Bekannten, die im Haus meiner alten kanadischen Bekannten (die im Juni wegzog) wohnen. Da treffe ich eine aeltere weisse Dame, die ich noch nicht kenne, kurze graue Haare, rotes Kleid, gruener Papagei auf der Schulter. Vor lauter Aufregung ueber den Besuch kackt der Papagei gruen auf das rote Kleid. Das Gespraech ist wie aus Alice im Wunderland.

Dann kommt eine schwarze Familie zu Besuch, die schon die alte kanadische Bekannte immer besucht hat. Es scheint, als wenn die Ghanaer zu diesem Haus gehoerten und nicht so sehr zu den Bewohnern. John hat als „little boy in the house“ (kleiner Junge im Haus) mit sieben oder acht Jahren angefangen da rumzuhaengen und sich nuetzlich zu machen. Jetzt ist er achtzehn und duckt sich immer noch in diese Rolle, hat dabei eine Reihe Kanadier kommen und gehn sehn.

Als ich nach Hause komme erzaehlt mir mein betrunkener Watchman eine herzzerreissende Geschichte von seinem kleinen Kind im Krankenhaus und dass die Firma den Lohn nicht puenktlich zahlt und ach, was soll er tun... Erst bittet er um 30 000, als er sieht, dass ich bereit bin, erhoeht er schnell, also wirklich retten kann er die Kleine erst mit 50 000. Natuerlich gebe ich, auch wenn das der Lohn fuer fuenf Tage ist. Selbst wenn ich die Geschichte nur halb glaube, geb ich lieber 5 Euro vielleicht fuer Gin als ebenfalls vielleicht um 5 Euro zu sparen ein herzlos boeser Mensch zu sein.

Ich will nicht, dass die Trockenzeit wiederkommt! Posted by Picasa

Preisfrage

Von welchem Deutschen Philosophen (Filosofen?) stammt die Aussage, dass Herr und Diener in gegenseitiger Abhaengigkeit aneinander gefesselt sind und keiner von beiden frei sein kann, so dass schliesslich nicht klar ist, wer wem dient?

Wer diese Frage richtig beantwortet gewinnt nichts als meine Dankbarkeit, aber iss dat den nix Marie?

A propos Marie... Mary hat mich ueberzeugt, meine Dienerschaft zu vergroessern. Mit meiner Nachtwaechterfirma hatte ich einen Deal, dass mein Witchman jeden Morgen drei Ueberstunden macht, damit das Haus nicht leer ist, bevor Mary um 9 Uhr antanzt. Dafuer zahlte ich denen 150 000 Cedis extra (15 Euro). Von diesem Geld bekam Witchi aber nichts zu sehn und Mary meinte: Das ist Quatsch, gib das Geld einem alten Mann, der sonst im Haus sitzt und nix tut. Den machst Du gluecklich und hast einen Tagwaechter fuer den ganzen Monat, den ganzen Tag. Zufaellig hat der Freund des Tagwaechters meiner Nachbarn nichts zu tun...

Nun sitzt in meinem Garten also ein alter Mann mit fiesen Zaehnen, dessen Vorname „Vater“ bedeutet und sein Nachname „der nicht im Schlamm versinkt“. Er spricht kein Wort Englisch, so dass mein Nachtwaechter nun in die Position eines Uebersetzers und Vorarbeiters aufgrueckt ist, der seinem Kollegen sagt, was er zu tun hat. Meine Privatsphaere hat sich um zwei weitere Augen verringert und ich bitte Mary, ihm zu erklaeren, dass er gerne vor der Mauer an der Strasse sitzen kann wie sein Freund, solange jemand im Haus ist...

Im Moment arbeite ich von zu Hause aus und bin beeindruckt, wieviel Leben tagsueber in meinem Haus ist. Meine Nachbarn haben kein Wasser und laufen in nicht enden wollender Karavane zu meinem Wasserhahn um meinen Wassertank zu leeren. Der Nachbar, der Kitschromane liebt, leiht sich mit regelmaessiger Selbstverstaendlichkeit Marys Fahrrad, um in die Stadt zu radeln. Die Kinder essen meine unreifen Papayas direkt vom Baum. Mary ist gluecklich, dass sie nun kommen und gehn kann, wie es ihr beliebt, denn das Argument „lass das Haus nicht allein“ gilt nun nicht mehr, da Vater-der-nicht-im-Schlamm-versinkt nun aufpasst.

Wer mir also sagen kann, welcher Philosoph das gesagt hat und vielleicht gar das Zitat kennt, macht mich gluecklich. Dann weiss ich wieder, dass ich kein Problem hab sondern nur ein allseits bekanntes, schon vor 100 Jahren beschriebenes Phaenomen bin.

Der Haeuptling geht nie ohne Schirm und Schirmtraeger Posted by Picasa

Hoch springen fuer die Umwelt in Tongo Posted by Picasa

Tanzen zum Weltumwelttag Posted by Picasa

Montag, Oktober 03, 2005

Verzeih mir!

Hier wird anders verziehen als zu Hause. Natuerlich kann ich niemandem ins Herz schauen, aber es fuehlt sich anders an und letzte Woche hat es mir jemand erklaert: „Wenn jemand mich ernsthaft verletzt hat und er nachher zu mir kommt und sagt: Look, I’m really sorry (es tut mir so leid), dann verzeih ich ihm und danach ist es, als haette er mir niemals etwas angetan.

Zu sagen, dass es Dir leid tut, ist das Groesste, was Du dem Anderen anbieten kannst, denn es heisst: Du kannst mit mir tun und von mir verlangen, was Du willst, damit alles wieder gut ist. Wenn Du sagst: Arbeite zehn Jahre fuer mich, dann ist Deine Schuld abgegolten, so werde ich das tun. Und wenn ich zu alt dafuer bin, ist es eine Ehre fuer meinen Sohn, seinen Vater von der Schuld zu befreien“.

Deshalb, so sagt mein Gespraechspartner, funktionieren Wahrheitskommissionen in Afrika so gut. Weil alle wissen, was es bedeutet, oeffentlich zu sagen: Ich bin schuldig. Bitte verzeiht mir.

Wieso fuehlt sich das anders an? Nun, ich spuere, dass meine Freunde und Kollegen hier keine Liste meiner boesen Taten machen. Wenn ich sage, dass mir was leid tut, wird das wohlwollend zur Kenntnis genommen und danach ist die Tat fuer immer verschwunden. Nach einem Streit fuehlt sich das manchmal an, wie auf Pudding gehn, weil man erwartet, dass da noch negative Gefuehle waeren und sie nicht finden kann.

Umgekehrt wird auch von mir erwartet, dass ich jedes neue Problem als ganz Neues betrachte. Wenn mein Watchman sich am naechsten Morgen ueberschwaenglich fuer seine Trunkenheit entschuldigt, dann soll ich ihm glauben, wie sehr ihm das leid tut und dass er fest vorhat, dass das nie wieder passiert. Und dann soll ich es vergessen und naechstes Mal nicht denken: Das ist jetzt das zehnte Mal. Sondern nur: Oh. Er ist betrunken. Welch aergerliche Ueberraschung.

Samstag, Oktober 01, 2005

Geplauder in der Kaffeepause

Ein Kollege aus der Elfenbeinkueste erzaehlt vom Schmerz, aus einem Krisengebiet zu stammen: „Ein Freund von zu Haus wohnt in Accra. Vor ein paar Wochen rief sein Sohn ihn an: Papa, wir haben so schreckliche Dinge getan, Menschen geschlachtet wie Ziegen, das wird uns niemand verzeihen. Deshalb muessen wir weitermachen. Bis sie uns kriegen und toeten. Dann ist es endlich vorbei.“